Soziologische Klassiker/ Thurnwald, Richard

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Biographie in Daten[Bearbeiten]

Thurnwald Richard

  • geboren am 18.09.1869 in Wien
  • gestorben am 19.01.1954


  • Der Österreicher Richard Thurnwald war Jurist, ökonomischer Anthropologe, Funktionalist, Ethnologe und Soziologe.


  • Nach seinem Jurastudium, in welchem er sich auf das öffentliche Recht (Staatsrecht) spezialisierte, wurde Thurnwald 1896 für den Staatsdienst als Verwaltungsbeamter tätig. Da Bosnien seit 1878 unter österreichisch-ungarischer Verwaltung war, wurde er im Auftrag der Landesregierung als Beamter nach Bosnien geschickt. Mitte der 1890er wurde er dann nach Graz in die Handelskammer versetzt und unternahm Reisen nach Italien und Ägypten im Jahre 1898.
  • Im Jahre 1900 zog er nach Berlin, wo er Ägyptologie, Assyrologie und Ethnologie studierte und 1901 bis 1906 im Königlichen Museum für Völkerkunde arbeitete. Das Museum gab ihm 1906 den Auftrag eine ethnologische Feldforschung in den deutschen Kolonien im Pazifischen Ozean in den Ländern: Melanesien, Palau, Yap, Ponape, dem Bismarck-Archipel, auf den Salomonen und in Bougainville durchzuführen, was er bis 1909 machte. Daraus folgte ein weiterer Auftrag im Jahre 1912 vom Reichskolonialamt, zur Teilnahme an der Kaiserin-Augusta-Fluß Expedition. Als erster Weißer erreichte Thurnwald unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges das Quellgebiet des Sepik. Als er 1915 seine Forschungen endgültig abbrechen musste, gelang ihm die Ausreise in die USA. An der University of California in Berkley konnte er seine wissenschaftliche Auswertungsarbeit fortsetzen und erste Ergebnisse publizieren. Erst 1917, kurz vor Kriegseintritt der USA, wurde ihm die Rückkehr nach Deutschland, unter Zurücklassung fast aller seiner Unterlagen, möglich.
  • Von 1919 bis 1923 lehrte Thurnwald an der Universität in Halle. 1923 wurde ihm die Lehrerlaubnis für die Friedrich-Wilhems-Universität in Berlin für die Fächer Völkerpsychologie, Soziologie und Ethnologie erteilt. Ein Jahr später, im Jahre 1925, gründete er die „Zeitschrift für Völkerpsychologie und Soziologie“, später „Sociologus“.
  • 1930 bis 1931 führte er, in Begleitung seiner Frau Hilde Thurnwald, im Auftrag des "International Institute of African Languages and Cultures" eine Forschung in Tanganyika, einer ehemaligen deutschen Kolonie, durch. Die Ergebnisse publizierte er in seiner Studie: "Black and White in East Africa", heute ein Klassiker der Studien zum Kulturwandel. Zwischen 1931 und 1933 wirkte er wiederholt semesterweise als Gastprofessor in Yale und Harvard. 1933 nimmt er die große Chance zu einer Restudy im südlichen Bougainville im Auftrag des "Australian National Research Councils" wahr. Wieder begleitet ihn seine Frau und führt - wie schon in Afrika - eigene Forschungen zum Leben der Frauen durch.
  • 1935 schließlich wurde Thurnwald, der lieber in den USA geblieben wäre, Honorarprofessor an der Berliner Universität. Eine ordentliche Professur sollte ihm jedoch erst nach den Zweiten Weltkrieg, 1946, an der nun nach Humboldt benannten Universität zuteil werden. Mit seinem Wechsel an die neu gegründete Freie Universität Berlin im Jahr 1949 gab Thurnwald dann diese Position wieder auf. Es gelingt ihm schließlich 1951 die Eingliederung des von ihm 1946 gegründeten sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituts als "Institut für Sozialpsychologie und Ethnologie" in die Freie Universität Berlin. Bis ins hohe Alter blieb er wissenschaftlich tätig.


Historischer Kontext[Bearbeiten]

Richard Thurnwald lebte in der Zeit vor, während und nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, in welcher er seine Bücher und Schriften oft zwischen Bombenanschlägen, Plünderungen, Hunger, Frieren und Bränden verfasste. In dieser Zeit wurden unterschiedliche Ansätze von den Vertretern auf verschiedene Wege und unterschiedlichem Maße in die nationalsozialistische Rassenbiologie eingeführt. Die drei, in Konkurrenz stehenden, ethnologischen Modelle (Lehren) der Zwischenkriegszeit, die unter dem Punkt „Werk in Themen und Thesen“ noch näher erläutert werden, waren folgende:

  • die Kulturkreislehre (Diffusionismus),
  • der (Struktur-)Funktionalismus, und
  • die Kulturmorphologie.


Ethnologie unter nationalsozialistischem Einfluss[Bearbeiten]

Der Nationalsozialismus beeinflusste die deutsche Ethnologie in bedeutender Weise dadurch, dass das völker-rassische Prinzip, welches der hierarchischen Organisation zwischen Volk und Rasse, den sozialdarwinistische Gedanken des Kampfes zwischen Rassen und Völker, sowie die Hervorhebung des Volkstums an der Seite des Nationalismus und andere Prinzipien des Nationalsozialismus’ sich in den Arbeiten zahlreicher Ethnologen widerspiegelte. Da das Deutsche Reich seine Besitze Übersee verloren hatte, sich aber auf eine erweiterte Kolonialpolitik vorbereitete, spielten die ideologischen Aspekte eine zentrale Rolle in der Völkerkunde, die wiederum im Interesse der praktizierten Wissenschaft waren.

Richard Thurnwald spielte in dieser Zeit eine zentrale Rolle, da er einer der bekanntesten Vertreter der ethnologischen Kolonialtheorie war. Obwohl die Begeisterung für dieses Themas nur von kurzer Dauer war, besteht zwischen Ethnologie und Nationalsozialismus eine komplexe und große Menge an Information, die durch vielseitige und hochgradige Diskurse entstanden ist. In dieser Zeit konnte sich fast kein deutscher Fachvertreter der politischen Ideologie entziehen, ohne die Konsequenzen (Aberkennung des akademischen Grades und Lehrverbot, Schreibverbot, Inhaftierung) des NS Regimes zu erleiden. Dies schaffte ein Spektrum von ethnologischen Vertretern treuer parteiischen Zugehörigkeit bis zu denen des extremen Widerstandes. Einige offenkundige Vertreter die mit dem NS-Regime sympathisierten waren Fritz Krause, Wilhelm E. Mühlmann, Hans Plischke in Göttingen oder der Berliner Museumsdirektor Otto Kümmel.

Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Richard Thurnwald war zu seiner Zeit, auf Grund seiner intensiven Feldforschungsarbeiten vor und nach dem ersten Weltkrieg ein international bekannter und geachteter Ethnologe. Er gilt als einer der ersten Forscher der Ethnospsychologie und führte mehrere Studien und Experimente in den Gebieten der Soziologie, (Wahrnehmungs-)Psychologie, Völkerkunde und Wirtschaftsanthropologie durch, die internationale Anerkennung genossen. 1921 veröffentlichte er in seinem Werk „Die Gemeinde der Banaro“ („In Banaro Society“,1916) das Konzept der „regulierten Reziprozität", welches den von ihm beobachteten Austauschprozess begründete und später von Malinowski aufgegriffen wurde.

Thurnwald arbeitete zusammen mit vielen bekannten Wissenschaftlern seiner Zeit, unter anderem mit dem bedeutenden deutschen Ethnologen, Afrikanisten und Kulturhistoriker, Hermann Baumann (1902 -1972), dessen Werk "Die Völker Afrikas und ihre traditionellen Kulturen" eines der umfassendsten Werke der deutschsprachigen Afrikanistik ist und aus dem Werk "Völkerkunde von Afrika: mit besonderer Berücksichtigung der kolonialen Aufgabe" hervorgegangen ist, an dem auch Diedrich Westermann, sowie Thurnwald mitgearbeitet haben.

Die Tatsache, dass Thurnwald an prestigereichen amerikanischen Universitäten (Berkeley, Harvard, Yale), sowie deutsche Universitäten (Halle, Berlin) unterrichtete, bestätigt seine international anerkannte Lehre und seine guten Kontakte in der Forschungs- und Bildungswelt. Besonders sein dritter, wirtschaftsanthropologischer Band seines Hauptwerkes “Die menschliche Gesellschaft in ihren ethnosoziologischen Grundlagen” hatte großen Einfluss auf die Ethnologie und wurde kurz nach seiner Veröffentlichung auf Englisch und Französisch übersetzt.

Obwohl Thurnwald weit bekannt war, vertrat er nicht die damals herrschende Kulturkreislehre (Diffusionismus) und lehnte den Evolutionismus ab.


Werke[Bearbeiten]

  • 1906: Thurwald & Steinmetz, S.R.: Ethnographische Fragesammlung zur Erforschung des sozialen Lebens der Völker außerhalb des europa-amerikanischen Kulturkreises. Berlin
  • 1912:
    • 1) Forschungen auf den Salomo-Inseln und dem Bismarck-Archipel. Band 1 Lieder und Sagen aus Buin; Band III Volk, Staat und Wirtschaft. Berlin.
    • 2) Probleme der ethno-psychologischen Forschungen. In: Beihefte zur Zeitschrift für angewandte Psychologie. In: Stern, W. / Lippmann, O. (Hg): Beihefte zur Zeitschrift für Psychologie. Beiheft 5, Leipzig, 1-27
    • 3) Zur Praxis der ethno-psychologischen Ermittlungen besonders durch sprachliche Forschungen. In: Stern, W. / Lippmann, O. (Hg): Beihefte zur Zeitschrift für Psychologie. Beiheft 5, Leipzig, 117-124
  • 1913: Ethno-psychologische Studien an Südseevölkern. In: Beihefte zur Zeitschrift für angewandte Psychologie. Beiheft 6, Leipzig.
  • 1917: Die Psychologie des Totemismus. In: Anthropos, Bd.12/13.
  • 1918: Politik und Völkerpsychologie. In: Das neue Deutschland, 7. Jg., H.2, Gotha, 30-32.
  • 1921: Die Gemeinde der Banaro. Stuttgart.
  • 1922: Psychologie des primitiven Menschen. In: Kafka (Hg): Handbuch der vergleichenden Psychologie, Bd.1, München, 147-320.
  • 1925:
    • 1) Zum gegenwärtigen Stand der Völkerpsychologie. In: Kölner Vierteljahreshefte für Soziologie, Bd.4, München, 32-43.
    • 2) Probleme der Völkerpsychologie und Soziologie. In: ZVS, 1.Jg.,H1.
    • 3) Denkformen der Naturvölker. In: Unsere Welt, H.9 (Detmold), 213-217.
  • 1927: Die Eingeborenen Australiens und der Südsee-Inseln. Religionsgeschichtliches Lesebuch, Bertholet (Hg), H.8, Tübingen.
  • 1928: Ethnologie und Psychoanalyse. In: Prinzhorn (Hg): Auswirkungen der Psychoanalyse in Wirtschaft und Leben, Leipzig, 114-133.
  • 1930: Papuanisches und melanesisches Gebiet südlich des Äquators einschließlich Neuguinea. In: Schultz-Ewerth, Adam (Hg): Das Eingeborenenrecht. Bd.2.
  • 1931: Die Menschliche Gesellschaft in ihren ethno-soziologischen Grundlagen. Bd. 1: Repräsentative Lebensbilder von Naturvölkern. Berlin, Leipzig.
  • 1932:
    • 1) Die Menschliche Gesellschaft in ihren ethno-soziologischen Grundlagen, Bd.Il: Werden, Wandel und Gestaltung der von Familie, Verwandtschaft und Bünden im Lichte der Völkerforschung. Berlin, Leipzig.
    • 2) Die menschliche Gesellschaft in ihren ethno-soziologischen Grundlagen, Bd.Ill: Werden, Wandel und Gestaltung der Wirtschaft im Lichte der Völkerforschung. Berlin, Leipzig.
    • 3) Thurwald & Westermann, D.: The Missionary's Anthropological Research. Memoirs of the International Institute of African Languages and Cultures VIII. London.
  • 1933: Die Persönlichkeit als Schlüssel zur Gesellschaftsforschung. In: ZVS, 9. Jg.,1/2, 1-21.
  • 1934: Die menschliche Gesellschaft in ihren ethno-soziologischen Grundlagen, Bd.V: Werden, Wandel und Gestaltung des Rechtes im Lichte der Völkerforschung. Berlin, Leipzig.
  • 1935:
    • 1) Black and White in East Africa. The Fabric of a New Civilization. London.
    • 2) Die menschliche Gesellschaft in ihren ethno-soziologischen Grundlagen, Bd.IV: Werden, Wandel und Gestaltung von Staat und Kultur im Lichte der Völkerforschung. Berlin, Leipzig.
  • 1938: Zur persönlichen Abwehr. In: Archiv für Anthropologie, Völkerforschung und Kolonialen - Kulturwandel, H. ¾, Braunschweig, 300-302.
  • 1939: Richard Thurnwald (Hrsg.): Lehrbuch der Völkerkunde. 2., teilw. veränd. Aufl. /Stuttgart : Enke, 1939 (in 1. Aufl. hrsg. von Konrad Theodor Preuss. Unter Mitwirkung von Fachgenossen. in 2. teilw. veränd. Aufl. hrsg. von Richard Thurnwald)
  • 1940:
    • 1) Völkerkunde von Afrika : mit besonderer Berücksichtigung der kolonialen Aufgabe / von Hermann Baumann; Richard Thurnwald und Diedrich Westermann. Essen : Essener Verl.- Anst., 1940
    • 2) Der Kulturhintergrund des primitiven Denkens. In: Zeitschrift für Psychologie, Bd.1/47, 328-357.
  • 1950: Der Mensch geringer Naturbeherrschung. Sein Aufstieg zwischen Vernunft und Wahn. Berlin.
  • 1951:Des Menschengeistes Erwachen, Wachsen und Irren. Berlin.
  • 1957:Grundfragen menschlicher Gesellung. Ausgewählte Schriften. Forschungen zur Ethnologie und Sozialpsychologie, Bd.2., H. Thurnwald (Hg), Berlin.


Zusätzlich war Richard Thurnwald (Mit-) Herausgeber folgender Zeitschriften:

  • 1905: „Berliner Archivs für Rassen- und Gesellschafts-Biologie“ (Mitherausgeber)
  • 1925-1933): „Zeitschrift für Völkerpsychologie und Soziologie“ (Herausgeber)
  • (1925-1933): „Forschungen zur Völkerpsychologie und Soziologie“, (Herausgeber)
  • (1938): "Archivs für Anthropologie, Völkerforschung und Kolonialen Kulturwandel" ab Band 24 (Mitherausgeber)
  • (1939): „Zeitschrift für vergleichende Rechtswissenschaft einschließlich der ethnologischen Rechtsforschung und des Kolonialrechts“ ab Band 53 (Mitherausgeber)
  • Ab 1951: „Sociologus“ (Fortsetzung der „Zeitschrift für Völkerpsychologie und Soziologie“) (Herausgeber)


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Thurnwalds Interesse galt in erster Linie der Erforschung des kulturellen Wandels, welchen er als treibende Kraft in der Entwicklung der Technik und der Zivilisation betrachtete. Da Richard Thurnwald einer der ersten Ethnologen war, der verschiedene Kulturen in ihrem alltäglichen Umfeld beobachtete, statistische Daten erhob und aufzeichnete, gilt er als der Begründer des deutschsprachigen wissenschaftlichen Zweigs der Ethnologie: „Ethnosoziologie“ sowie der „Rechtsethnologie“.


Ethnosoziologie[Bearbeiten]

Richard Thurnwald zog den von L.Gumplowicz eingeführten Begriff „Ethnosoziologie“ heran, um die Vereinigung von Soziologie und Ethnologie unter einer Beschreibung zusammenzufassen. Dieser Zweig der Ethnologie bzw. Soziologie beschäftigt sich mit der Forschung, Beobachtung und Analyse von der Entstehung zwischenmenschlicher Beziehungen und ihre Institutionen in verschiedenen Völkern und Gesellschaften.

Bis 1960 bestand die Annahme, dass sich die sozialen Gebilde und deren Organisationsformen in nicht-industriellen Ländern primär aus Verwandtschaftsbeziehungen bildeten und von ihnen bestimmt und geleitet wurden. Ab den 70er Jahren wurde das Individuum in Bezug auf die Gesellschaft und dessen soziales System zum Mittelpunkt der Forschung in der Ethnosoziologie. Als Ergebnis wurden Studien zum Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, Staat, Institutionen, soziale Prozesse and andere angrenzende Bereiche durchgeführt, wodurch sich die Ethnosoziologie zu einer Wissenschaft von Ursachen und Verflechtung sozialer Phänomene verschiedener Völker entwickelte.

Thurnwalds Hauptwerk „Die menschliche Gesellschaft in ihren ethnosoziologischen Grundlagen“ (1931 – 1935), welches sich aus fünf Bänden zusammensetzt, sollte dazu beitragen, soziologisch-ethnologische Erkenntnisse klar dar zu stellen. Die Vorstellung war ähnlich wie die des britischen Funktionalismus. Im Gegensatz zur damaligen kulturellen-historischen Lehre, versuchte jedoch Tuhurnwald die Soziologie mit psychologischen Überlegungen zu verbinden.

Da Thurnwald ein sehr vielseitiger Ethnologe war, hat er auch zu anderen Disziplinen wissenschaftliche und grundlegende Arbeit geleistet. Er forschte neben Themen der Ethnologie und Soziologie, auch in der Psychologie und der Rechtswissenschaft, wo er als der Gründer der Rechtsethnologie bekannt ist.


Rechtsethnologie[Bearbeiten]

Die Rechtsethnologie besitzt ähnliche Ansätze wie die der Rechtswissenschaft, Politikwissenschaft und Sozialwissenschaft. Thurnwalds Rechtsethnologie spezialisierte sich vorwiegend auf nicht industrialisierte Völker und deren Vernetzung zwischen Recht und Gesellschaft.

Nach Thurnwald ist die Definition von Rechtsethnologie die Wissenschaft, die sich mit dem „Werden, Wandel und Gestaltung des Rechts“ auseinandersetzt. Die treibende Kraft der Rechtsethnologie und des kulturellen Wandels war für Thurnwald die Entwicklung der Technik und die der Zivilisation. Da das Recht das Handeln und die Macht der sozialen, staatlichen und wirtschaftlichen Organisationen legitimiert, muss dies auch immer zusammen mit den anderen Bereichen dieser Gesellschaft, sowie deren Kultur und Mentalität, analysiert werden.


Konzepte Thurnwalds[Bearbeiten]

Thurnwald vertrat die Ansicht, dass der Mensch ein gesellschaftliches Wesen sei und von der Gemeinschaft abhängig ist. Die Interaktion zwischen Menschen in homogenen Gruppen und Gemeinschaften folgt dem Prinzip der Reziprozität, während in der geschichteten Gesellschaft das Prinzip der (Re)Distribution herrschte (Thurnwald, 1912). So beruhen alle Ökonomien auf denselben sozialen Prinzipien der Reziprozität und Distribution. Diese zwei Begriffe werden später besonders von Malinowski, Polanyi und Sahlins aufgegriffen und weiterentwickelt.

Thurnwalds Hauptkonzept bezieht sich auf die Verschränkung des Ökonomischen mit dem Politischen. Nach Thurnwald würde die Arbeitsteilung innerhalb einer Gesellschaft oder Gruppe und deren Kontakte zu anderen Gruppen zur Differenzierung innerhalb der Gesellschaft führen, die wiederum eine soziale Schichtung zur Folge hat. Durch diesen Prozess würden aus gleichartig zusammengesetzten Gruppen, größere gemischte Gruppen bzw. immer komplexere Gesellschaften entstehen. Somit war die Ökonomie bei Thurnwald sozial bestimmt und begrenzt. Aus den konstant andauernden Prozessen der Anpassung und unterschiedlicher Umweltbedingungen, entstehen die einzelnen Wirtschaftsarten, die gleichzeitig in die verschiedenen sozialen, rechtlichen und politischen Umweltbedingungen verankert sind. Durch die Kombination dieser verschiedenen Wirtschaftsarten und deren politischen sowie sozialen Systemen ergeben sich die unterschiedlichen Charaktere der Wirtschaft, die jedoch keiner historischen Stufenfolge entsprechen.


Thurnwald und die Kulturkreislehre[Bearbeiten]

Wie schon oben erwähnt, waren die drei, in Konkurrenz stehenden, ethnologischen Theorien der Zwischenkriegszeit: die Kulturkreislehre (Diffusionismus), die Kulturmorphologie und der (Struktur-)Funktionalismus.


Kulturkreislehre

In der Kulturkreislehre, die von Wilhelm Schmidt entworfen wurde, wurden verschiedene Kulturelemente, wie Riten, Mythen, Gegenstände, zu einem vielfältigen Ganzen zusammengestellt und strukturell miteinander zu einem „Kulturkreis“ verbunden, so dass es eine Einheit in Zeit und Raum darstellt. Der Diffusionismus sollte versuchen, die übereinstimmenden charakteristischen Merkmale geographisch getrennter Kulturen zu erklären. Die Ähnlichkeit dieser kulturellen Charakteristiken wurde mit der Übertragung durch Eroberungen von einem Volk durch das andere, sowie durch Handels- und Tauschgeschäfte zwischen verschiedenen Völkern erklärt. Dies war die herrschende Lehre der Ethnologie seit 1900 bis circa 1940, dessen Hauptvertreter Friedrich Ratzel, Leo Frobenius, und Wilhelm Schmidt waren.


Kulturmorphologie

Dieser Begriff ist Bestandteil der Kulturkreislehre und wird von Leo Frobenius als die Lehre der äußeren Erscheinung einer Kultur beschrieben. Es besteht neben den zwei Theorien der Kulturanatomie (innere Zusammensetzung/Gestalt einer Kultur) und der Kulturphysiologie (Lebensform einer Kultur) und wird als die Bezeichnung von Gestalten der beschreibenden Ethnologie betrachtet.


Strukturfunktionalismus

Die sozialwissenschaftliche Theorie des (Struktur-)Funktionalismus, die auch zum Teil von Thurnwald vertreten wurde, suchte nach der Funktion der einzelnen kulturellen und gesellschaftlichen Mechanismen und dessen Wechselwirkung zu- und aufeinander innerhalb eines sozialen Systems als Ganzes zu untersuchen. Die Kultur, die als ein System von Institutionen betrachtet wird, spielt im Strukturfunktionalismus die Hauptrolle zur Beitragung der sozialen Ordnung in der Gesellschaft, welche als ein System normierter Handlungen definiert wird.

Der Strukturfunktionalismus besagt also, dass einzelne Elemente und Prozesse bestimmte Funktionen zur Aufrechterhaltung der Gesellschaft beitragen, jedoch nur wenn sie in einem Funktionszusammenhang stehen, da sie nicht allein existieren können.

Die sozial-anthropologisch orientierte Funktionalismustheorie wurde von Bronislaw Malinowski und Alfred Radcliffe-Brown entwickelt. Nach Malinowski beziehen sich die gesellschaftlichen Institutionen auf die Bedürfnisse der Mitglieder einer Gesellschaft, in dem die Befriedigung dieser Bedürfnisse als Funktion betrachtet wird. Radcliffe-Brown jedoch sah die Funktion als Beziehung zwischen den sozialen Strukturen und Prozessen.

Der Strukturfunktionalismus hatte starken Einfluss auf die Werke von Robert K. Merton, Lewis A. Coser, und Niklas Luhmann

Thurnwald lehnte die herrschende Kulturkreislehre, sowie den Evolutionismus ab und setzte sich für die Herausarbeitung von "repräsentativen Lebensbildern" auf Erfahrung beruhenden wissenschaftlich Grundlagen ein, die weder evolutionäre Stufen, Kulturkreise, noch Idealtypen darstellen sollten. Seine zentrale wissenschaftlichen Forschungen und Werke beziehen sich auf den Kulturwandel, besonders die Aspekte des Kulturkontakts und der Akkulturation, und der Kolonialismus. Kulturwandel interpretierte er im Sinne spezifischer sozialhistorischer Prozesse, wobei er sich besonders auf den Zusammenhang zwischen „zivilisierten Kulturen“ und „Naturvölkern“ spezialisierte. Der Begriff von den „Völkern mit geringer Naturbeherrschung“, dessen Gebrauch noch heute bekannt ist, stammt aus Thurnwalds "Die menschliche Gesellschaft". Seine Werke orientierten sich am Sozialdarwinismus und dem Begriff der Siebung, die er als eine Art soziokulturelle Auslese definiert. Diese Auslese ergibt sich im Laufe des historischen Verlaufs einer Gesellschaft, in der sich Individuen herauskristallisieren, die wegen bestimmten Eigenschaften privilegierte Positionen besetzen (‚Führungspersönlichkeiten’) und somit eine Institutionalisierung sozialer Hierarchien bilden. Diese soziale Hierarchie, ist nach Thurnwald ein notwendiges Element des Siebungsprinzips, welches zeitgleich für die Funktion der gesellschaftlichen Entwicklung verantwortlich ist. Mit dieser Theorie nahm Thurnwald einen Gedanken der späteren Soziobiologie vorweg.


Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Thurnwald beeinflusste später die frühe ökonomische Anthropologie (Malinowski, Mauss, Firth, Herskovits) sowie die spätere Rechts- und Ethnosoziologie. Besonderen Einfluss nahm seine Theorie und Themen auf Wilhelm Mühlmann (1904 – 1988), der 1931 bei ihm und E. Fischer mit dem Thema „Die Geheime Gesellschaft der Ariol“ (Melanesia), eine Untersuchung des ethnographischen Ausleseprozesses, promovierte und später zu einer der bekanntesten Vertreter der Ethnosoziologie wurde. Einige der wichtigsten Werke von Wilhelm Emil Mühlmann waren: Rassen und Völkerkunde (1936), Geschichte der Anthropologie (1948), a Rassen, Ethnien, Kulturen, Moderne Ethnologie (1964) und Die Metamorphose der Fru. Weiblicher Schamanismus und Dichtung (1981).

Heute wird die Ethnosoziologie als Cultural Anthropology in den USA bezeichnet und als Social Anthropology in Großbritannien gelehrt. Obwohl in Deutschland die Kulturanthropologie als Weiterentwicklung der Völkerkunde gilt, ist die Ethnosoziologie auch in Deutschland an den Universitäten vertreten und wurde besonders durch den Entwicklungssoziologen, Feldforscher und Professor der Ethnologie und Soziologie in Bielefeld, Heidelberg und der Freien Universität Berlin, Georg Elwert (1947-2005), hervor gebracht.


Literatur[Bearbeiten]

  • Richard Thurnwald (1932):
    "Soziologie von Heute. Ein Syposion der Zeitschrift für Völkerpsychologie und Soziologie"
    Leipzip
  • Richard Thurnwald (1951):
    "Des Menschengeistes. Erwachen, Wachsen und Irren. Versuch einer Paläopsychologie von Naturvölkern"
    Berlin
  • Richard Thurnwald (1957):
    "Grundfragen menschlicher Gesellung"
    Berlin
  • Marion Melk-Koch (1986):
    "Auf der Suche nach der menschlichen Gesellschaft: Richard Thurnwald"
    Berlin


Internetquellen[Bearbeiten]