Soziologische Klassiker/ Touraine, Alain

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Grundstruktur des Kapitels:

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Alain Touraine


Eltern:

  • Albert Touraine (Arzt) und Odette Cleret


Akademischer Lebenslauf:

Ehrungen, Mitgliedschaften und Auszeichnungen:

  • Verleihung des Dr.h.c an internationalen Universitäten wie (Auszug):
    • Universität von Cochabamba (Bolivien)
    • Universität École des hautes études en sciences sociales
    • Universität von Bologna
    • Universität von Mexico (UNAM)
    • Universität von Montreal
    • Universität von La Paz
    • Universität von Santiago de Chile
  • Officier de la Légion d'Honneur.
  • Officier de l'Ordre National du Mérite.
  • 1998 wurde Touraine der Premio Amalfi (Europäischer Amalfi - Preis für Soziologie und Sozialwissenschaft) verliehen.


Privat:

  • 1957: Heirat mit Chilenin Adriana Arenas Pizarro
  • Zwei Kinder: bekannt ist vor allem Marisol Touraine (geb. 1959): Abgeordnete der französischen Nationalversammlung und Verantwortliche für soziale Angelegenheiten der Parti Socialiste,Paris.


Historischer Kontext[Bearbeiten]

Beeinflusst wurde Touraine vor allem durch die sozialen Bewegungen in den 50-er und 60-er Jahren in:

  • Chile/Lateinamerika: Arbeiterbewegung
  • Frankreich: Streben nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit von den USA durch Modernisierung der Industie, einhergehend mit einer Ausnutzung und somit Verelendung der Arbeiterschaft: -> "Die Postindustrielle Gesellschaft"
  • USA: Studentenrevolte/May-movement gegen Establishment, Autorität und Atomkraft und für mehr Freiheit, Frieden und Umweltschutz: -> "Die antinukleare Prophetie. Zukunftsentwürfe einer sozialen Bewegung"
  • Polen: Geburtsstunde der Solidarität: Solidarnosc als der Anfang vom Ende des Ostblocks; "Ich habe viele sozialen Bewegungen studiert, doch nie war ich so beeindruckt wie von Solidarnosc"(siehe:[1]): -> "Solidarité. Analyse d’un mouvement social Pologne 1980 - 1981"

Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Als Rockefeller Fellow in den USA studierte Touraine die Systemtheorie Parsons' und befasste sich mit den amerikanischen Methoden der Sozialforschung.

Touraine beschäftigt(e) sich vor allem mit dem Phänomen "Soziale Bewegungen" und dem damit einhergehenden gesellschaftlichen Wandel. Er wird bezüglich seiner Kritik am "klassischen Marxismus" den Postmarxisten zugeordnet. Trotzdem bzw. gerade deshalb lassen sich in seiner Gesellschaftstheorie - wie auch bei Pierre Bourdieu - etliche Parallelen zu Karl Marx finden.


Werke[Bearbeiten]

  • Touraine, Alain (1965): Sociologie de l'action, Paris: Denoel. (Deutsche Übersetzung: 1974. Soziologie als Handlungswissenschaft. Darmstadt: Luchterland.)
  • Touraine, Alain (1969): La societe postindustrielle. Paris: Denoel. (Deutsche Übersetzung: 1972. Die Postindustrielle Gesellschaft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.)
  • Touraine, Alain (1971): Thesen zur Arbeiterkontrolle. Berlin: Kramer.
  • Touraine, Alain (1973): Production de la societe. Paris: Edition du Seuil.
  • Touraine, Alain (1974): Pour la sociologie. Paris: Edition du Seuil. (Deutsche Übersetzung: 1976. Was nützt die Soziologie? Frankfurt a.M.: Suhrkamp.)
  • Touraine, Alain (1978): La voix et el regard. Paris: Edition du Seuil.
  • Touraine, Alain (1980): La prophetie anti-nucleaire. Paris: Edition du Seuil. (Deutsche Übersetzung: 1982. Die antinukleare Prophetie. Zukunftsentwürfe einer sozialen Bewegung. Frankfurt / New York: Campus.)
  • Touraine et.al. (1982): Solidarité. Analyse d’un mouvement social Pologne 1980 - 1981. Paris: Fayard.
  • Touraine, Alain (1987): Return of the Actor. Social Theory in Postindustrial Society. Minneapolis, Minnesota: University of Minnesota Press.
  • Touraine, Alain (1995): Critique of Modernity. Oxford: Blackwell.
  • Touraine, Alain (1997): Pourrons-nous vivre ensemble? Egaux et différents. Paris: Fayard.
  • Touraine, Alain (1997): What is Democracy? Boulder, Co: Westview Press.
  • Touraine, Alain (2001): Beyond Neoliberalism. Cambridge: Polity.
  • Touraine, Alain (2005): Un nouveau paradigme: Pour comprendre le monde d'aujourd'hui. Paris: Fayard.
  • Touraine, Alain (2006): Le monde des femmes. Paris: Fayard.


Außerdem:

  • Touraine, Alain / Dreitzel, Hans Peter / Moscovici, Serge (1976): Jenseits der Krise. Bodenheim: Athenaeum Verlag.
  • Touraine, Alain / Wieviorka, Michael / Dubet, Francois (1987): The Worker's Movement. Cambridge: Cambridge University Press.


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Von der industriellen zur postindustriellen (programmierten) Gesellschaft:

Die industrielle Gesellschaft ging aus einer Bewegung des Bürgertums hervor, deren Gegner respektive Opfer die Arbeiter waren (Arbeiterbewegungen und -aufstände in industriellen Gesellschaften). Diese Arbeiterschaft - deren Ausbeutung und ökonomische und soziale Missstände - verkörperte die soziale Gegenbewegung zum besitzenden und beherrschenden Bürgertum in industriellen Gesellschaften (vgl. Karl Marx). Allerdings hat laut Touraine eine Revolution des Proletariats nie stattgefunden, sondern vielmehr hat sich aus der industriellen Gesellschaft heraus eine postindustrielle Gesellschaft formiert, deren Präsidium die Technokraten einnimmt, als Führungskraft in der öffentlichen Verwaltung bzw. in der Privatwirtschaft.

Die der postindustriellen Gesellschaft gegensteuernde Bewegung wird nicht mehr in erster Linie von der Arbeiterschaft geführt, die ihre sozioökonomischen Interessen durchsetzen will; vielmehr steht ihr die Friedensbewegung, Umweltbewegung, die Atomkraftgegner und die antitechnokratische Bewegung gegenüber. Sie gelten als die Kräfte der aktuellen sozialen Bewegung, die einen historischen Wandel der Gesellschaft herbeizuführen vermögen. Die Arbeiterschaft hat zusehends ihren Einfluss durch die Institutionalisierung der Gewerkschaften (als deren Vertreter) auf das politische System verloren; bzw. durch die institutionale Eingliederung der Arbeiterschaftvertretung in das politische Entscheidungsverfahren (Staat/Regierung) hat sich die Arbeiterschaft zwar einen festen Interessensanwalt geschaffen, sich jedoch gleichzeitig ihrer revolutionären Macht entledigt. Das Ziel der Gegner postindustrieller Gesellschaften ist es nicht mehr:

  • den produzierten Reichtum "gerecht" zu verteilen, sondern vielmehr:
  • sich gegen die Wertvorstellungen der programmierten Gesellschaft, nämlich Technokratie und Kybernetik (somit gegen Kontrolle und Navigation des Individuums durch das politische bzw. ökonomische Herrschaftssystem) zu stellen und insofern für Selbstverwirklichung und für ein Streben nach persönlicher Identität aufzutreten.

Die neue antitechnokratische soziale Bewegung beruht somit auf der Solidarität der, in mitunter in materiellem Wohlstand lebenden, Menschen, die sich gegen ein kontrollierendes System richten, welches zwar auf den potentiellen Beiträgen der Individuen aufbaut, sich jedoch nicht von ihnen selbst (den Individuen) steuern bzw. beherrschen lässt. Ähnlich wie bei Ingleharts Theorie der postmateriellen Gesellschaft ist nach Touraine das Streben nach Indivdualität der Gesellschaftsmitglieder der "Motor" der sozialen Bewegung und der gesellschaftlichen Veränderung.


Drei Ebenen der Handlung:

  • organisatorische Ebene: das Handeln bezieht sich z.B.auf die Organisation einer Arbeit in einem Unternehmen
  • institutionelle Ebene: das Handeln bezieht sich z.B. auf die Beziehung zwischen Unternehmen und Gewerkschaften
  • auf der Ebene der Historizität: ist das Handeln auf die Organisation einer Gesellschaft insgesamt ausgerichtet (Klassenbeziehungen).

Wenn das Handeln die Ebene der Historizität erreicht hat, so steht die Fortführung einer gesellschaftlichen Organisation auf dem Spiel, d.h. die Akteure wollen eine gesellschaftliche Veränderung herbeiführen.


Soziale Bewegungen:

sind die wichtigsten gesellschaftlichen Ereignisse, welche die Klassenbeziehungen einer Gesellschaft zu konkreten sozialen Kämpfen machen. Auf einen Konflikt beruhend sind sie auf die Erneuerung der Kultur ausgerichtet und suchen nach einer Alternative zur gegenwärtigen Gesellschaft.In positven oder kritischen Kämpfen treffen soziale Bewegungen auf bestehende Klassen:

  • Positive Kämpfe zielen darauf ab, die Position eines Akteurs (eines Kollektivs von Akteuren) in einem bestimmten Bereich zu verbessern.(-> evolutionäres Element)
  • Kritische Kämpfe bestreiten die Legitimität von Herrschaft einer bestimmten Klasse.(-> revolutionäres Element)

Insofern sind - nach Touraine - soziale Bewegungen der Motor für gesellschaftlichen Wandel.


Soziologische Intervention:

Touraine gilt als Anhänger der soziologischen Intervention als eine Methode zur Beschreibung, Erklärung und Lösung von Konflikten, welcher sozialen Bewegungen zugrunde liegen. Er beschreibt vier Prinzipien der soziologischen Intervention:

  • Der Soziologe tritt in eine Beziehung mit der sozialen Bewegung ein.
  • Er muss die Rollen der einzelnen Gruppen einer sozialen Bewegung begreifen und als Vermittler zwischen den einzelnen Gruppen fungieren.
  • Er muss die Gruppen in eine Diskussion führen, um die jeweiligen Standpunkte, Interessen und tiefern Handlungsgründe ans Licht zu führen.
  • Der Soziologe unterstützt die Selbstanalyse der Gruppe, damit sie über die organisatorische und institutionelle Ebene hinaus ein Bewusstsein auf der historischen Eben erlangt.

Der Soziologe hat somit die Funktion eines beobachtenden Analytikers und gleichzeitig eines aktiv teilhabenden Analytikers, indem er an den Diskussionen und dem Selbstanalyseprozess der Gruppe mitarbeitet. Seine zwei wesentlichen Aufgaben bestehen darin,

  • "soziale Beziehungen aufzuzeigen, welche unter der Oberfläche des alltäglichen Handelns liegen, indem er Konfrontationen zwischen den Gegnern auslöst und
  • somit zur kulturellen Innovation der Gesellschaft beizutragen."(vgl. Münch, S.467)


Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Das Forschungsinteresse in Touraines Untersuchungen ist verstärkt auf das Subjekt - als grundlegenden Akteur der sozialen Bewegungen - ausgerichtet. Seine darauf aufbauenden Beschreibungen moderner, also postindustrieller, technokratischer bzw. programmierter Gesellschaften, haben Anstöße für eine Reihe von empirischen Untersuchungen geliefert. Den Studien von Touraines Schülern Francois Dubet und Michel Wieviorka über Jugendgewalt und Rassismus liegen seine Gesellschaftstheorien zugrunde. Die aufgezeigten Erscheinungen werden in Anlehnung an die Tourainesche Zeitdiagnose als Ausdruck einer verzweifelten Suche nach Subjektwerdung und Identität in einer hochgradig fragmentierten Gesellschaft interpretiert (vgl. Kaesler, S.430).

Wieviorka als Forschungsdirektor an der "École des Hautes Études en Sciences Sociales" (EHESS) in Paris hält Touraines Methode der Soziologischen Intervention als sein nachfolgender Direktor des Centre d'Analyse et Intervention Sociologiques (CADIS) aufrecht.


Literatur[Bearbeiten]

  • Hillmann, Karl-Heinz (2007):
  • "Wörterbuch der Soziologie. 5. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage"
    Stuttgart
  • Kaesler, Dirk / Vogt, Ludgera [Hrsg.](2000):
    "Hauptwerke der Soziologie"
    Stuttgart
  • Münch, Richard (2004):
  • "Soziologische Theorie. Band 3: Gesellschaftstheorie"
    Frankfurt/New York
  • Oesterdiekhoff, Georg W. [Hrsg.](2001):
    "Lexikon der soziologischen Werke"
    Wiesbaden


Internetquellen[Bearbeiten]