Soziologische Klassiker/ Vierkandt, Alfred

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Grundstruktur des Kapitels:

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Vierkandt Alfred

  • geboren am 4. Juli 1867 in Hamburg
  • gestorben am 24. April 1953 in Berlin


  • die Eltern vertreten die sozialistische Anschauungen
  • 1874: Umzug der Familie nach Braunschweig, er verbringt dort den größten Teil seiner Jugend unter ärmilchen Verhältnissen, später wirft er seinen Eltern deren Verbitterung auf Grund dieser Umstände vor und er spricht von einer "unter lauter feindseligen Verhältnissen verlebte Jugend"
  • 1885-1890: Studium an der Universität Leibzig (Mathematik, Physik, Geographie und Philosophie) - (seine Lehrer: Friedrich Ratzl und Wilhelm Wundt.) Er muss schließlich aus Mangel an Geld die akademische Laufbahn abbrechen und sich dem Beruf des Lehrers widmen.
  • 1890-1900: Oberlehrer in Braunschweig, jedoch nebenbei seit 1894 Privatdozent für Erdkunde an der Technischen Hochschule in Braunschweig
  • 1896: Erstes umfassendes Werk: "Naturvölker und Kulturvölker"
  • 1900: Habilitation zum Professor in Völkerkunde in Berlin
  • 1904: Lehrbeauftragter in psychologischen Problemen der Völkerkunde
  • 1910: Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
  • 1913: Professor in Berlin
  • 1919-1926: Vierkandt lebt in Straußberg (bei Berlin)- er fühlt sich von einer zweiten Jugend belebt. ("Der Dualisumus im modernen Weltbild" ist das Produkt dieser Zeit
  • 1920: Extraordinariat für Soziologie an der Universität Berlin
  • 1923: Sein Hauptwerk: "Gesellschaftslehre"
  • 1925: Ernennung zum persönlichen Ordninarius. (Psychologie, Weltanschauungslehre Geschichtsphilosophie und Kulturphilosophie zählen zu seine Forschungs- und Lehraufgaben.)
  • 1931: Handwörterbuch der Soziologie
  • 1934: Vierkandt erhält von den Nationalsozialisten ein Vorlesungsverbot
  • 1940-1944: "Idylle am Bodensee" dort erfuhr er nach eigener Aussage eine dritte "Jugendlichkeit"
  • nach 1945: Vorsitzender der Kant-Gesellschaft
  • 1946: Vierkandt nimmt die Lehrtätigkeit für Soziologie an der Universität Berlin wieder auf


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Friedrich Ratzel und Wilhelm Wundt waren Vierkandts Lehrer und lenkten seine Aufmerksamkeit auf philosophischen und psychologischen Fragen der Kultur und Gesellschaft.

In seiner Gesellschaftslehre versucht er die "reine" Form der Vergesellschaftung herauszuarbeiten und verbindet diese mit der Soziologie von Tönnies.

In seiner ersten Auflage der Gesellschaftslehre übernimmt Vierkandt "Gemeinschaft" und "Gesellschaft" von Tönnies, in seiner zweiten Auflage differenziert er diese schließlich.

Vierkandt baut seine allgemeine Soziologie auf einer phänomenologischen Methode auf (inspiriert von Husserl)


Werke[Bearbeiten]

Naturvölker und Kulturvölker. Ein Beitrag zur Sozialpsychologie (1896)

Die Stetigkeit im Kulturwandel (1908)

Machtverhältnisse und Machtmoral (Hrsg. Arthur Liebert)(1916)

Staat und Gesellschaft in der Gegenwart. Eine Einführung in das staatsbürgerliche Denken und in die politischen Bewegungen unserer Zeit. (1916)

Gesellschaftslehre. Hauptprobleme der philosophischen Soziologie (Hauptwerk) (1923)

Der Dualismus im modernen Weltbild (1923)

Der geistig-sittliche Gehalt des neuen Naturrechts (1927)

Handwörterbuch der Soziologie (1931)

Familie, Volk und Staat in ihren gesellschaftlichen Lebensvorgängen. Eine Einführung in die Gesellschaftslehre (1936)

Das neue Bild des Menschen und der menschlichen Gesellschaft (Festschrift für Leopold von Wiese anlässlich seines 70. Geburtstages) 1948

Kleine Gesellschaftslehre (1949)


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

"Natur und Kulturvölker" (1896):

Vierkandt unterscheidet in Naturvölker, Halbkulturvölker (semitische Völker) und Vollkulturvölker (Griechen, arische Rasse) - Die Kennzeichen letzterer sind Rationalisierung und Mechanisierung. In Vollkulturvölkern herrscht ein Dualismus zwischen Erhaltungs- und Entfaltungswelt und ein Druck auf die geistige Welt durch die rituale Welt. ("Der Dualismus im modernen Weltbild" 1923) Im Gegensatz zu den Kulturvölkern kennen Naturvölker nicht den Wert des Lebens (Kindestötung, Sklaverei), sie sind von der Natur abhängig, haben eine mythologische Denkweise und Raum und Zeit haben keinen Wert.


"Gesellschaftslehre" (1923) Hauptwerk:

In diesem Werk versucht er seine Erkenntnisse auf phänomenologischer Basis (im Anschluss an Durkheim) in einer systematischen Soziologie zusammenzufassen. Sein Ziel ist es, das reine Schema des sozialen Lebens und der Gesellschaft durch phänomenologische Verfahren aufzuzeigen.

Im ersten Schritt klärt er die Bedeutung gesellschaftlicher Grundeinstellungen angeborener Triebe und sozialer Anlagen. Als wesentlich für das menschliche Zusammenleben sieht er die "innere Verbundenheit". Diese ist in der Gemeinschaft am stärksten ausgeprägt. In der Gruppe unterscheidet er zwischen Ichverbundenheit und Ordnungsverbundenheit, Art und Größe des Gemeinschaftsverhältnis bestimmen den Charakter der Gruppe. Er sieht die Gemeinschaft als ideale Form der Gesellschaft an.

In der 2. Auflage seiner Gesellschaftlehre unterscheidet er nicht mehr (wie zuvor in Anlehnung an Tönnies) zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft, sondern in gemeinschaftsnahe und gemeinschaftsferne Sozialverhältnisse wobei das Gemeinschaftsgefühl von ersteren zu letzeren abnimmt. Das Ichbewusstsein des Individuums muss sich lockern und das Individuum muss mit anderen eine Einheit bilden. (Wirgefühl) Je mehr das Verbundenheitsgefühl abnimmt, desto wichtiger wird die Ordnung. (Außerdem führt er den Begriff des Sachverhältnisses ein; hier fehlt das Gemeinschaftsgefühl völlig - Gewaltverhältnis)

Weiter ist zu erwähnen, dass Vierkandt eine Theorie der sozialen Gruppe durch reziproke Perspektivenverschränkung (wechselseitig kontinuierlicher Rollenwechsel zwischen Handeln und Zuschauen)entwickelte. Die soziale Gruppe ist für ihn Ort der Entstehung sozialer Normen.


"Handwörterbuch der Soziologie" (1931):

Er verband in diesem Werk alle wesentlichen Theorien der damaligen führenden deutschen Soziologen zu einem Standartwerk.

Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

  • Einführung der mikrosoziologischen Betrachtung in die Soziologie (Die Großen Dinge setzen sich aus kleinen Bestandteilen zusammen.)
  • Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Soziologie


Literatur[Bearbeiten]

  • Beine, Theodor W. (2001):
    "Vierkandt, Alfred. Naturvölker und Kulturvölker In: Oesterdiekhoff, Georg W. [Hrsg.] Lexikon der soziologischen Werke"
    Wiesbaden, S. 682, 683
  • Bernsdorf, Wilhelm/ Knospe, Horst [Hrsg.]
    "Internationales Soziologenlexikon. Beiträge über bis Ende 1969 verstorbene Soziologen. Band 1 und 2., neubearbeitete Auflage"
    Stuttgart, S.466-471
  • Endress, Martin (2001):
    "Vierkandt, Alfred. Gesellschaftslehre. Hauptprobleme der philosophischen Soziologie In: Oesterdiekhoff, Georg W. [Hrsg.] Lexikon der soziologischen Werke
    Wiesbaden, S. 681, 682
  • Eisermann, Gottfried [Hrsg.](1949):
    "Gegenwartsprobleme der Soziologie. Alfred Vierkandt zum 80. Geburtstag"
    Potsdamm, S.7-11