Zufall: Philosophie

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Aristoteles schrieb die erste längere Abhandlung über den Zufall

Zufall in der Philosophie

Einleitung[Bearbeiten]

Der Zufall bezeichnet in der Philosophie

  1. etwas, das durch den Verlauf äußerer Umstände bedingt ist, im Unterschied zur Notwendigkeit, die durch die innere Natur der Dinge bedingt ist.
  2. etwas, das sein, aber auch nicht sein kann, im Unterschied zur Notwendigkeit, die etwas ist, das obligatorisch vor sich gehen muss.

Statt Zufall redet man in der Philosophie etwas vornehmer auch gerne von  Kontingenz und meint meistens dasselbe damit.

Zum Zufall in der Beziehung zum Gesetz und den Zusammenhängen in der objektiven Realität[Bearbeiten]

Der Zufall existiert als objektive Beziehung zwischen verschiedenen Ereignissen, die ihren Grund nicht in den wesentlichen inneren Bedingungen der Ereignisse hat. Der Zufall muss in seiner dialektischen Beziehung zum Gesetz untersucht werden. Als objektive Beziehung ist er im objektiven Zusammenhang begründet.

Zu seiner Erklärung brauchen keine übernatürlichen Ursachen herangezogen werden. Der objektive Zusammenhang ist unendlich kompliziert. Es existieren jedoch objektiv allgemeine, notwendige und wesentliche Beziehungen, die von der Wissenschaft erkannt und in Theorien als Widerspiegelungen objektiver Gesetze enthalten sind. Zufälle unterscheiden sich gerade dadurch von anderen Formen des objektiven Zusammenhangs, dass sie nicht allgemein-notwendig, das heißt reproduzierbar sind.

Aristoteles und der Zufall[Bearbeiten]

Die erste zusammenhängende philosophische Abhandlung über den Zufall findet sich bei Aristoteles Im zweiten Buch seiner Physik geht es Aristoteles um die Ursachen der Dinge. Im Kapitel 4 und 5 erklärt er seine Ansichten zum Zufall. Siehe auch: http://www.madeasy.de/2/zufallo.htm#ari

Aristoteles Definition von Zufall lautet: Wenn im Bereich der Geschehnisse, die im strengen Sinn wegen etwas eintreten und deren Ursache außer ihnen liegt, etwas geschieht, das mit dem Ergebnis nicht in eine Deswegen-Beziehung zu bringen ist, dann nennen wir das "zufällig". Sein Beispiel ist folgendes: Ein Pferd entgeht dadurch, dass es aus dem Stall herauskommt, einem Unglück, es ist aber nicht herausgekommen, weil es dem Unglück entgehen wollte (es wusste nichts von dem drohenden Unglück). In diesem Fall würde man sagen: "Das Pferd ist zufällig herausgekommen". Die "Ursache" ist hier das Herauskommen, das "Ergebnis" ist das dem-Unglück-Entgehen und zwischen beiden gibt es keine "Deswegen-Beziehung", das Pferd ist nicht herausgekommen, um dem Unglück zu entgehen, daher ist das ganze zufällig.

Eine interessante Stelle findet sich in 198 b: Aristoteles scheint hier Empedokles viele Jahrhunderte vor Charles Darwin die erste Evolutionstheorie zuzuschreiben, welche die Elemente der Mutation und der Selektion enthält ([...] da erhielten sich diese Gebilde, die rein zufällig in geeigneter Weise zusammengetreten seien. Wo es sich nicht so ergab, da gingen sie unter [...]). Diese Theorie des Empedokles wird aber von Aristoteles abgelehnt.

Weiteres Zitat: Es wird auch der Zufall und das Ungefähr unter der Ursachen genannt und gesagt, daß vieles theils ist theils wird durch Zufall und von ungefähr. Auf welche Weise nun zu den Ursachen, von denen wir sprachen, der Zufall gehört und das Ungefähr, und ob das nämliche der Zufall ist und das Ungefähr, oder ein verschiedenes, und überhaupt was da ist der Zufall und das Ungefähr, ist zu untersuchen. Denn Einige zweifeln sogar, ob jene sind oder nicht. Nichts nämlich geschehe aus Zufall, sagen sie; sondern alles habe eine bestimmte Ursache, von dem wir sagen, es geschehe von ungefähr oder aus Zufall: so wenn jemand aus Zufall auf den Markt komme, und treffe den er wollte aber nicht zu treffen meinte, sei Ursache davon sein Wille zu kommen und Marktgeschäfte zu treiben. Auf gleiche Weise finde auch bei dem Uebrigen, was zufällig heißt, stets eine Ursache statt, die anzugeben sei, aber nicht Zufall.

Denn vieles wird und ist aus Zufall und von ungefähr von dem wir, wohl wissend, daß jedes Ding sich zurückführen läßt auf eine Ursache des Werdens, wie der alte Spruch sagt, der den Zufall läugnet, dennoch alle sagen, es sei aus Zufall, während wir bei anderem sagen, es sei nicht aus Zufall.

Unbestimmbar nun müssen die Ursachen sein, durch die das Zufällige geschehen mag. Daher scheint der Zufall zu dem Unbestimmten zu gehören und unklar dem Menschen;

Die Negation des Zufalls im Dogma des mittelalterlichen metaphysischen Determinismus[Bearbeiten]

In der Auseinandersetzung mit Idealismus und Wunderglauben vertraten die Materialisten des Mittelalters meist einen metaphysischen Determinismus, der die materiellen Prozesse alle als notwendig erklärte, den Zufall aus der Betrachtung ausschloss und damit letztlich zum Fatalismus führte. Die antiken Atomisten waren ebenso wie später zum Beispiel B. Spinoza und P.H.D. Holbach Verfechter des metaphysischen Determinismus.

Während allerdings Demokrit die Notwendigkeit des Atomverhaltens betonte, schrieb Lukrez bei seiner Darstellung der Auffassung Epikurs in seinem Lehrgedicht "Über die Natur der Dinge", dass die Körper durch ihr Gewicht zu ungewisser Zeit an unbestimmtem Ort etwas von ihrer Bahn abwichen; nur dadurch könne Wechselwirkung entstehen(Atomistik).

Zur Rolle des Zufalls bei Hegel und Engels[Bearbeiten]

Von den Dialektikern hat sich vor allem G.W.Hegel mit dem Verhältnis von Notwendigkeit und Zufall befasst. In der Auseinandersetzung mit dem Idealismus Hegels und dem metaphysischen Materialismus entwickelte Friedrich Engels den dialektischen Determinismus. Er zeigte die Objektivität des Zufalls, wies begründet den Indeterminismus zurück und fasste den Zufall als Erscheinungsform der Notwendigkeit.

Besondere Bedeutung für die Entwicklung der philosophischen Auffassungen vom Zufall hatte die dialektisch-materialistische Deutung der Ergebnisse der Quantenmechanik, die für die Physik die objektive Existenz des Zufalls nachwiesen. Aus der philosophischen Analyse der statistischen Gesetzeskonzeption ergibt sich, dass der Zufall als zufällige Verwirklichung von Möglichkeiten eines aus dem Gesetz sich ergebenden Möglichkeitsfeldes auftreten kann; für diese Verwirklichung existiert eine Wahrscheinlichkeitsverteilung.

Zur Unterscheidung der Arten des Zufalls[Bearbeiten]

Damit hat die Dialektik von Notwendigkeit und Zufall auch für die Struktur des statistischen Gesetzes Bedeutung. Betrachtet man die Dialektik von Gesetz und Zufall, so kann man Arten des Zufalls unterscheiden:

  • 1.) systeminnere und systemäußere Zufälle, die für das Verhalten des Systems entweder wesentlich oder unwesentlich sein können. Wesentlich sind solche Zufälle, die das System entscheidend verändern oder es in seiner Existenz gefährden. Unwesentlich sind die Zufälle, die in das Verhalten des Systems integriert werden können, ohne seine Makrostruktur und seine Funktion zu beeinflussen;
  • 2.) systeminterne Zufälle sind wiederum zu differenzieren. Es gibt solche, die als zufällige Verwirklichungen von Möglichkeiten mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit im Gesetz enthalten sind, und solche, die als Erscheinungsformen der Gesetze in den zufälligen Beziehungen zwischen verschiedenen Ereignissen auftreten;
  • 3.) es gibt erkannte und unerkannte Zufälle; die unerkannten müssen darauf analysiert werden, ob sie systeminnere oder systemäußere, wesentliche oder unwesentliche Zufälle sind, ob sie in der Struktur von Gesetzen enthalten oder konkrete Erscheinungsformen der Gesetze sind.
Wer hat nicht aufgepasst ?

Zur Interpretation des Zufalls als Schnittpunkt von Kausalketten[Bearbeiten]

Manchmal wird der Zufall als Schnittpunkt von Kausalketten oder von Notwendigkeiten betrachtet. Ein drastisches Beispiel dafür ist das Zusammentreffen von zwei Autos bei einem Verkehrsunfall. Wenn damit nur die Objektivität des zufälligen Zusammenhangs betont und die Dialektik von Notwendigkeit und Zufall berücksichtigt werden soll, ergeben sich keine Einwände gegen diese Interpretation.

Nur bringt sie ungenügend die Spezifik des Zufalls zum Ausdruck, als Beziehung zwischen Ereignissen nicht durch die wesentlichen inneren Beziehungen jedes Ereignisses begründet zu werden. Der Tod eines Menschen bei einem Verkehrsunfall ist tatsächlich das Zusammentreffen verschiedener Ereignisse und damit auch verschiedener Notwendigkeiten und Kausalketten.

Aber aus den inneren wesentlichen Bedingungen dieser Ereignisse, Notwendigkeiten und Kausalketten folgt nicht ihre zufällige objektive Beziehung, die im Tod eines bestimmten Menschen besteht. Man kennt zwar die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen des Unfalltods bei Unfällen, die Wahrscheinlichkeit von Todesursachen der verschiedensten Art, die Bedeutung von Verletzungen für das Funktionieren des menschlichen Organismus und so weiter, aber alles, was man an Gesetzen kennt, liefert keine unmittelbare Begründung für das bestimmte Zusammentreffen im Verkehrsunfall.

Zur eigentlichen Spezifik des Zufalls innerhalb einer Systembetrachtung[Bearbeiten]

Der Zufall steht also nicht außerhalb des objektiven Zusammenhangs. Denn würde diese Schlussfolgerung nicht zutreffen, so müsste es einen absoluten Zufall im Sinne eines ursachelosen Ereignisses geben (was allgemein unter "Wunder" zu verstehen ist). Aber auch das Ereignis des Zufalls wird durch eine Ursache eingeleitet. Die Spezifik des Zufalls besteht darin, kein Gesetz, kein allgemein-notwendiger und wesentlicher Zusammenhang zu sein. Wesentlich kann er nur bezogen auf die Verhaltensweisen eines Systems sein, die er entscheidend verändert. Wesentlich ist er nicht in dem Sinne, aus den wesentlichen inneren Bedingungen eines Ereignisses begründet zu sein.

Widerspricht ein Zufallsereignis dem Kausalitätsprinzip?[Bearbeiten]

Dazu betrachte man folgendes praktisches Beispiel:

Man würfelt und erhält eine 3.

  • 1.Ursache: der Mensch der würfelt.
  • 2.Ursache: Bewegungsenergie wird einem Körper mitgegeben der auf 6 verschiedene Arten wieder in ein stabiles Gleichgewicht kommen kann.
  • 3.Ursache: Die Bewegungsenergie des Würfels wird durch Luftreibung und durch Kontakt z.B. mit einer Tischfläche in Reibungsenergie verwandelt.
  • 4.Ursache: Der Würfel hat 6 gleichberechtigte Möglichkeiten zur Ruhe zu kommen.
  • Wirkung: Er kommt zu Ruhe und nimmt eine dieser Möglichkeiten ein. Welche er einnimmt, war nicht voraussehbar, jedenfalls praktisch nicht berechenbar.

Die 3 oben ist die Wirkung. Der würfelnde Mensch ist die Ursache.

Durch den Zufall ergibt sich keine Verletzung des Kausalitätsprinzips.

Wenn man Probleme mit der physikalischen Berechenbarkeit des Würfelfluges hat, kann man auch das Urnenmodel heranziehen.

Da werden z.B. 6 mit den Nummern 1–6 versehene sonst gleiche Kugeln in eine undurchsichtige Urne gefüllt. Kräftig geschüttelt. Dann greift man in die Urne und zieht eine Kugel heraus. Da ist auch prinzipiell nichts mehr berechenbar. Trotzdem bleibt das Kausalitätsprinzip erhalten.

Eine Ursache kann mehrere gleichberechtigte Folgen haben.

Das Umgekehrte gilt natürlich auch:

Viele verschiedene Ursachen können ein und dieselbe Wirkung haben.

Beispiel: Eine Leberzirrhose kann durch eine Alkoholkrankheit, eine Hepatitis B, eine Hepatitis C oder auch durch eine Kupferspeicherkrankheit hervorgerufen werden.

Beispiel2: Es gibt viele verschiedene Todesursachen. Die Wirkung ist immer dieselbe: Ein Mensch ist gestorben.

Die Theorie der Kontingenz von Jean Paul Sartre[Bearbeiten]

Der junge Jean Paul Sartre entwickelte eine Theorie der Kontingenz, die dann Teil seiner Existenzphilosophie wurde. Nach Sartres Vorstellung wird das menschliche Leben von vielen unvorhersehbaren Zufällen geprägt und hat keinen von höheren Mächten vorgegebenen Sinn.

Links und Literatur zum Thema Philosophie und Zufall ( Kontingenz)[Bearbeiten]

  • Helene Weiss,
    • Kausalität und Zufall in der Philosophie des Aristoteles,
      • Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 1967.