Studienführer Hans Albert: Druckversion
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[Bearbeiten] Vorwort
Hans Albert ist ein deutscher Philosoph (geb. 1921) und ein führender Vertreter der Richtung Kritischer Rationalismus, die auf den österreichisch-englischen Philosophen Karl Popper (1904-1994) zurückgeht.
Dieses Buch ist ein Studienführer, der Leser und Studenten durch die Schriften von und über Hans Albert führen will, sowie zu seinen Hauptideen, zu den Debatten und Diskussionen, in die seine Philosophie verwickelt war, zu seiner Wirkung, zu seinem intellektuellen Lebensweg, kurz, zu allem, was an einem Philosophen interessant sein kann. Dazu sollen jeweils die Quellen angegeben und möglichst kurz und prägnant kommentiert werden.
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Die ursprünglich von einem 'Papierverlag' angeforderte Version sollte nicht mehr als sechs (!) Seiten umfassen. Daraus sind nun über hundert Seiten geworden, und das Büchlein wächst weiter und weiter. Natürlich findet man die aktuelle Version nur im Internet. Doch auch diese ausdruckbare Version, die wir von Zeit zu Zeit aktualisieren werden, dürfte für Studierende und Philosophieinteressierte von Nutzen sein.
Es sind jetzt ausreichend viele Abschnitte mit Darstellungen, Erklärungen, Hinweisen, Übungen gefüllt und das Buch bietet mit einigen hundert Literaturstellen so viel Material, dass man mit diesem Studienführer auch in der vorliegenden Version 1.0 (vom 1. 6. 2006) schon gut arbeiten kann. Die Autoren hoffen auf fleißigen Gebrauch und gelegentliches Revanchieren in Form von Beiträgen, und wenn es nur eine einzige neu hinzugefügte Literaturstelle ist.
[Bearbeiten] Einleitung
[Bearbeiten] Kurze Einleitung zu Person, Werk und Wirkung
Zu Hans Albert gibt es einen Wikipedia-Artikel. Daher hier nur Ergänzendes und das Nötigste in Kürze.
Hans Albert ist Jahrgang 1921, in Köln geboren, und feierte am 8. Februar 2006 seinen 85. Geburtstag in Heidelberg, wo er seit langem wohnt. Seit 1989 ist er emeritiert. Sein früherer Lehrstuhl an der Wirtschaftshochschule Mannheim, die später die Universität Mannheim wird, war der für ›Soziologie und Wissenschaftslehre‹.
Albert gilt heute als einer der beiden großen kritischen Rationalisten. Der andere ist Karl Popper. Aber wie man aus der Bezeichnung seines Lehrstuhls ersieht, sind seine Hauptbetätigungsfelder die Sozialwissenschaften und die Methodenlehre, allerdings sehr deutlich unter kritischen-rationalen Gesichtspunkten. Popper dagegen kam mehr aus der naturwissenschaftlich-mathematischen Richtung.
Hans Albert hat sich dementsprechend intensiv um die Verbesserung der wissenschaftlichen Methoden in den Sozial- und der Geisteswissenschaften bemüht und dort viel Bleibendes geleistet.
In den Sozialwissenschaften galt es, den Positivismus zu überwinden, der forderte, auf eine feste Basis zu bauen, und erst davon überzeugt werden musste, dass es besser sei, nicht von ›Verbrauchern‹ und ›Wählern‹ auszugehen, sondern Institutionen zu verbessern, mit denen das gesellschaftliche Leben der ›Verbraucher‹ und ›Wähler‹ gesteuert wird. Außerdem mussten Methoden entwickelt werden, wie man in diesen Wissenschaften, in denen es um menschliche Werte und Bewertungen geht, dennoch das wissenschaftliche Ideal der Wertfreiheit aufrecht erhalten kann, um zu unparteiischen Lösungen zu kommen.
In den Geisteswissenschaften und der Theologie ging es ihm hauptsächlich darum, die Hermeneutik mit ihrer Aufgabe, Texte zu deuten, auf den Boden der Vernunft zurückzuholen, den sie in seinen Augen verlassen hatte.
Alberts Wirkung reicht weit über sein Lehrgebiet hinaus, und er spielt auch in der Philosophie eine große Rolle. Dort hat er das Verdienst, den Kritischen Rationalismus noch systematischer durchdacht und dargestellt zu haben als der Begründer dieser Richtung, Karl Popper. Er hat ihn auch wesentlich erweitert. Albert zeigt, wie dieser von ihm mitgeprägte kritische Rationalismus auf allen Gebieten menschlicher Praxis anwendbar ist, also auch in Ökonomie, Politik, Recht und Religion, und dass schließlich der Kritische Rationalismus als Lebensform für jedermann interessant sein könnte.
Eine ›kritisch-rationale Lebenseinstellung‹ zu haben, hört sich sehr theoretisch an, aber sie meint etwas recht Einfaches, nämlich eine ›offene Einstellung‹ zu pflegen im Sinne von Poppers ›Offener Gesellschaft‹: offen gegenüber Kritik, offen gegenüber der Entdeckung von Fehlern. Also nicht Fehler vertuschen zu wollen, sondern aus ihnen etwas zu lernen. Diese Einstellung gegenüber Kritik und Fehlern hat nicht die Spur von etwas Zersetzendem oder Negativem, wie kritischen Menschen oft nachgesagt wird, sondern ist einfach nur die Bereitschaft, die Dinge besser machen zu wollen oder wie man heute ›neudeutsch‹ sagt: to make the world a better place.
Das ist eigentlich der Kern dieser Philosophie. Alles andere ergibt sich daraus: Wer kein Realist ist, verschlimmert im allgemeinen die Probleme; wer glaubt die Wahrheit zu besitzen, kann für andere eine Gefahr werden, mitunter eine tödliche, wie man an den wahrheitsbesitzenden Terroristen sieht. Deshalb soll man, in der Fachsprache ausgedrückt, ein ›Fallibilist‹ sein, jemand, der von der Fehlbarkeit des menschlichen Wissens ausgeht.
Mit ihrer kritischen Einstellung knüpfen Albert und Popper an alte Traditionen an: an die Tradition der Aufklärung im 18. Jahrhundert und an die Anfänge der Wissenschaft bei den sogenannten Vorsokratikern im 6. und 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Es handelt sich also um eine der ältesten europäischen Traditionen, die aus Alberts Sicht mehr Beachtung neben anderen, weniger rationalen Traditionen verdient hätte.
›Offen sein‹ in diesem Sinne ist dasselbe wie eine ›kritisch-rationale Lebenseinstellung‹ zu haben, für die Hans Albert ein Leben lang eingetreten ist. Auf politischer Ebene bedeutet ›Offenheit‹ (alias ›kritisch-rational‹ sein) ebenfalls die Bereitschaft, Fehler zu erkennen. Aber nicht um sie dem politischen Gegner vorwerfen zu können, sondern als eine ständige Bereitschaft zu Reformen. Da wir immer Fehler machen, müssen wir auch immer zu Reformen bereit sein. ›Methodologischer Revisionismus‹ heißt das dann in Alberts Terminologie. Die heute oft gehörte Klage über das ›ewige Nachbessern‹ ist das Gegenteil dieser Offenheit, sie entspringt lediglich dem Wunsch, endlich am Ziel angekommen zu sein.
Dieser Wunsch ist unrealistisch, denn es gibt kein endgültiges Ziel der Gesellschaft. Und das ist ein weiterer Punkt, auf den Hans Alberts kritischer Rationalismus Wert legt: Man soll Realist sein. Allerdings auch da wieder ein kritischer Realist; denn die Dinge, die wir mit den eigenen Augen gesehen haben, die uns als Tatsachen präsentiert wurden, sind oft nicht so real, wie wir denken.
Bekannt wurde Hans Albert - noch vor Erscheinen seiner Hauptwerke - durch brillante Diskussionsbeiträge während der Auseinandersetzungen mit der Frankfurter Schule im sogenannten Positivismusstreit in den 60er und frühen 70er Jahren. Da ging es um den Sonderstatus, mit dem bestimmte Richtungen der Sozialwissenschaften sich gegen eine mehr naturwissenschaftliche geprägte Vernunft abzuschirmen suchten. Bekannt ist auch sein Münchhausen-Trilemma. Aber diese Dinge sollen nicht schon hier, sondern im Kapitel Hauptideen erklärt werden, und dort wird dann auch auf das Für und Wider der Wissenschaftler eingegangen.
In seinen achtziger Jahren hält Hans Albert immer noch viele Vorträge, veröffentlicht weitere kritische Artikel, zuletzt Auseinandersetzungen mit Hans Küng, und neue Bücher: 2005 seinen Briefwechsel mit Karl Popper. Mit diesem war er seit 1958 befreundet und er gehörte zu den wenigen, von denen sich Popper nicht enttäuscht fühlte. Popper hat seine Freundschaft immer geschätzt, und in wichtigen Dingen oft seinen Rat gesucht. (Ein solcher Hinweis auf persönliche Beziehungen von Autoren entbindet keinesfalls davon, die jeweils vertretenen Positionen unabhängig voneinander zu prüfen; die Kenntnis dieser Beziehungen und deren Geschichte kann, sprachpragmatisch gesehen, das Verständnis der verfassten Texte sowohl erleichtern wie manchmal auch erschweren.)
[Bearbeiten] Charakterisierung der Philosophie Hans Alberts
Hans Alberts Kritischer Rationalismus untersucht Prozesse, wie Wissen neu entdeckt, gerechtfertigt und anerkannt wird. Typische Forschungsgegenstände sind Theorien, empirische Tatsachen, die Prüfung von Theorien, deren Bewährung und Wahrheitsnähe; die Suche nach Fehlern und Alternativen; das Bewerten der Ergebnisse, der Umgang mit Werten in der Wissenschaft und der soziale Charakter der Wissenschaft.
Die grundlegende methodologischen Regeln, die sich hier als relevant erwiesen haben, sind so allgemeiner Natur, dass sie in allen Wissenschaften und jeder zielgerichteten menschlichen Tätigkeit eine Rolle spielen können, vor allem auch in den Sozial- und Kulturwissenschaften.
Schon Karl Popper hatte die Analyse der naturwissenschaftlichen Methode ins Zentrum des philosophischen Denkens gerückt und auf diesem Gebiet Pionierarbeit geleistet. Aber erfolgreiche Naturforscher haben nicht allzu viel Neues bei ihm lernen können, außer ihre eigene Praxis nicht länger als induktivistisch, also falsch, zu interpretieren. Hans Albert geht es daher um die viel wichtigere Übertragung dieser Methoden auf andere Wissenschaften und ins politische Alltagsdenken.
Auch hier hatte Popper wichtige Beiträge geliefert, etwa das Programm einer ›offenen Gesellschaft‹ sowie methodische Vorschläge für die Sozial- und Geschichtswissenschaft. Trotzdem steht der eigentliche Umbruch in den Kultur-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften noch aus. Denn in diesen Disziplinen herrschen zum großen Teil noch immer unzulängliche Methoden vor, die fundamentalistisch, relativistisch, positivistisch, induktivistisch, sprachanalytisch, universalhermeneutisch, pragmatisch, dialektisch, radikal-konstruktivistisch usw. inspiriert sind.
An dieser Stelle kommt Hans Alberts Kritischer Rationalismus zum Zuge: seine Wissenschaftslehre für Wissenschaften, die nicht nur nach Wahrheit und gehaltvollen Theorien suchen, sondern auch andere Ziele verfolgen, wie etwa die Steuerung der Gesellschaft, - nicht die zentrale Steuerung, sondern die durch Regeln, Normen, Verfassungen und andere Institutionen. Das sind Disziplinen wie die Ökonomie, die politische Theorie, die Soziologie, die Rechts-, Erziehungs-, Medien-, Geschichts- und Kulturwissenschaften (Cultural Studies), letztere auch mit ihrem Unterprogramm der Gender Studies, oder auch die Theologie. In der Ökonomie und den Sozialwissenschaften beginnt das Albertsche Konzept bereits Fuß zu fassen; einigen Theologen hat es zu schaffen gemacht.
Um Alberts Werke zu studieren, empfiehlt es sich, sein Augenmerk auf vier Arbeitsgebiete zu richten:
- Die Ausarbeitung des Kritischen Rationalismus in Bezug auf die Rechtfertigung von Theorien und Argumenten, das Zusammenspiel von Wertung und Erkenntnis, die rationale Beurteilung von Werten und Zielen, den Zusammenhang von Verstehen und Erklären, die rationale Heuristik sowie das Funktionieren des sozialen Charakters der Wissenschaften und die Analyse ihrer methodologischen Institutionen.
- Die kritisch-rationale Methodenlehre für diejenigen Wissenschaften, die nicht nur nach wahren und gehaltvollen Theorien suchen, sondern noch eine Reihe anderer Ziele verfolgen und etwa mit der Durchsetzung individueller Freiheit, der Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen, der Offenheit gegenüber Kritik und anderen Lebensweisen die Steuerung der Gesellschaft im Auge haben.
- Die Auseinandersetzung mit konkurrierenden Lehren, die Alberts Kritischem Rationalismus Gelegenheit gibt, sich zu bewähren oder sich zu korrigieren.
- Die Umsetzung des Kritischen Rationalismus als Lebensweise, die von Fundamentalismus und Relativismus ebenso befreien könnte, wie von Dogmatismus und Fanatismus; vor allem auch von kostspieligen politischen Abenteuern utopistischer Weltverbesserung.
In diesen vier Richtungen bietet Hans Albert den idealen Ausgangspunkt für ein systematisches Studium des Kritischen Rationalismus und für die weitere Forschung. Während Popper in seinen sozialwissenschaftlichen Arbeiten sich an Leser richtet, die verstehen wollen, und deshalb – außer im Elend des Historizismus - auf technische Präzision verzichtet, sucht Albert bewusst die wissenschaftliche Auseinandersetzung und macht seine Argumente so stringent, dass auch Andersdenkende kein einfaches Davonkommen haben.
Viele seiner Positionen sind daher auch von seinen einstigen Diskussionsgegnern verstanden und übernommen worden. Von den bekannteren unter ihnen werden sie sogar mehr verbreitet als durch ihn selbst, zum Teil allerdings ohne Nennung seines Namens. Weniger schnell verbreitet sich seine Kritik an Autoren wie Heidegger, Gadamer, Apel und Habermas, deren Werke in der angelsächsischen Welt stärker als die Alberts als ›modern German philosophy‹ rezipiert werden. Die durchschlagenden Albertschen Kritiken an ihren Lehren werden weniger beachtet.
In Fachkreisen weiß man Alberts Beiträge zum Kritischen Rationalismus zu schätzen, und die durch ihn erreichte Revision der Methodologie verschiedener Sozialwissenschaften ist unbestritten. Rund ein Drittel seiner Werke ist in verschiedene Sprachen übersetzt worden. Auch in den Vorlesungsverzeichnissen fehlt er nicht. Einige Universitäten im In- und Ausland haben ihm die Ehrendoktorwürde und andere Auszeichnungen verliehen.
[Bearbeiten] Alberts intellektueller Lebenslauf
geb. 1921 in Köln; lebt in Heidelberg.
Schon als Jugendlicher verspürt Hans Albert das Bedürfnis, sich "ein umfassendes Weltbild" anzueignen. Dieses Programm behält eine lebenslange Dynamik, die wohl von einem besonderen Charakterzug Alberts herrührt, nämlich Inkonsequenzen und illusionistische Positionen nicht einfach hinzunehmen, wie das vielfach bei Intellektuellen zu beobachten ist, die ihre verbalen Fähigkeiten oft dazu nutzen, die widersprüchlichsten Ansichten unter einen Hut zu bringen; vor allem, wenn es sich um Engagement oder Glauben handelt.
Was den Glauben angeht, so reicht ihm das kirchliche Weltbild bald nicht mehr aus; er wird früh, mit 14, Atheist, was im Köln der 30er Jahre selbst unter den damaligen Umständen wohl ein Entschluss war, zu welchem Mut gehörte. Die damaligen Umstände, das waren für einen Jugendlichen vor allem die Aufbruchsstimmung, die viele erfasst hatte. Bestärkt durch die Lektüre von Oswald Spengler, besonders dessen "Jahre der Entscheidung", kommt er zu einer heroisch-pessimistischen Geschichtsauffassung, die dann allerdings auch im Widerspruch zum "seichten Optimismus der Machthaber" steht. Auch die Unfehlbarkeitsansprüche der damals herrschenden Ideologie behagen ihm nicht. Die Oswald-Spengler-Lektüre bringt ihn aber dahin, Offizier werden zu wollen, wofür sich bald Gelegenheit ergibt. Später indes erkennt er, dass dieser Beruf wenig zu ihm passt, weil er keine Lust verspürte, anderen Autorität einzuflößen.
1939 Arbeitsdienst und Soldat, 1942 Artillerieoffizier; 1945 gerät er in amerikanische Gefangenschaft.
Ab 1946 Studium an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät in Köln bei Leopold von Wiese und Kaiserswaldau. Nun treten Benedetto Croce und sein liberaler Hegelianismus an Spenglers Stelle. Sein philosophisches Interesse wächst und beeinflusst entsprechend seine Studienlektüre, nicht aber sein berufliches Studienziel.
1950 Diplom-Kaufmann (Thema der Diplomarbeit bei Leopold von Wiese: "Politik und Wirtschaft als Gegenstände der politischen und ökonomischen Theorie"). Auf der Suche nach einem vertretbaren Weltbild beschäftigt Hans Albert sich des weiteren u.a. mit Benedetto Croce, Max Scheler, Arnold Gehlen und Hugo Dingler. Von Dingler ausgehend gelangt er eine Zeitlang zu einer technologischen Auffassung der Wissenschaft als einem praxisbezogenem Instrument, das uns Handlungsmöglichkeiten bereit stellt.
1952 Promotion zum Dr. rer.pol. Der Titel der Dissertation lautet "Rationalität und Existenz. Politische Arithmetik und politische Anthropologie". Ein Teil davon erscheint 1954 als Buch. Unter dem Einfluss der Lektüre Max Webers gerät die Werteproblematik ins Zentrum seines Denkens, und damit die Tatsache, dass hinter dem Wertfreiheitsideal, zwar versteckt, aber dennoch unübersehbar, Wertvorstellungen in Soziologie und Ökonomie eine grundlegende Rolle spielen. Die Suche nach einer einheitlichen Lösung für das Problem, unter Wertgesichtspunkten rational zu handeln, kristallisiert sich geradezu als ein langfristiges Forschungsprogramm heraus, das es ihm einerseits ermöglichen soll, die herrschende ökonomische Lehre zu analysieren und kritisieren, und ihm andererseits ein konsistentes Weltbild zu verschaffen. Eine Zwischenstation besteht nun darin, Entscheidungen einen existentiellen Charakter zuzusprechen und diese von wissenschaftlich handhabbaren Erkenntnisproblemen abzutrennen.
Übrigens stellen Alberts autobiographische Skizzen eine Geschichte ausprobierter und überwundener Positionen dar, deren Schwächen er später um so schneller bei denen erkennen wird, die dieselben Positionen immer noch halten zu können glauben oder auf solchen Fundamenten wieder einmal einen kühnen modischen Neubau errichten möchten (siehe z.B. seine Kritiken im Positivismusstreit oder in der Kritik der reinen Hermeneutik).
1952-1958 Assistent am Forschungsinstitut für Sozial- und Verwaltungswissenschaften an der Universität Köln.
Studium der mathematischen Logik und Beschäftigung mit dem logischen Positivismus des Wiener Kreises. Insbesondere verarbeitet er nun die Wertlehre und die Konventionalismuskritik Viktor Krafts. Dinglers erkenntnistheoretischer Pragmatismus wird aufgegeben. Das Wertproblem verbleibt auf der Stufe existentieller Entscheidungen, bis Hans Albert ca. 1954 zur Lektüre Poppers kommt. Die wissenschaftstheoretischen Auffassungen werden revidiert, die positivistische Metaphysik-Kritik (die Popper zurückweist, wie Albert später ebenfalls) einstweilen noch beibehalten.
1954 Erste Buchveröffentlichung: Ökonomische Ideologie und politische Theorie. Das ökonomische Argument in der ordnungspolitischen Debatte. Dabei handelt es sich um den überarbeiteten (entheideggerisierten) zweiten Teil seiner Dissertation von 1952.
1955 Alberts Habilitationsschrift, in der er eine soziologische Auffassung der Nationalökonomie vorlegt und die reine, gegen andere Disziplinen sich abgrenzende neoklassische Ökonomie kritisiert, wird abgelehnt. Die Kritik leuchtet den Kritisierten nicht ein; und Soziologie sei auch nicht sein Fach. Ein zeitweise umlaufender absurder Kommunismusverdacht tut ein Übriges.
Erstmals Teilnahme an den Alpbacher Hochschulwochen, wo er u.a. Ernst Topitsch und Paul Feyerabend, der damals noch kritisch-rationale Positionen vertrat, und später (1958) Karl Popper kennenlernt.
1957 Habilitation für Sozialpolitik an der Universität Köln auf Grund der bisher vorgelegten Publikationen. Als Privatdozent hält Albert nun Vorlesungen über Logik, Wissenschaftslehre und Kritik der Wohlfahrtsökonomie. In seinen Publikationen setzt er sich weiterhin dafür ein, Bereichsschranken zu überwinden und soziologisches wie psychologisches Wissen für die Ökonomie nutzbar zu machen. Er bleibt auf der Suche nach einer Philosophie, die auch das Werteproblem zufriedenstellender löst als die herrschenden Richtungen, also die neoempiristische, wittgenstein-analytische, hermeneutische und dialektische Philosophien.
1958 Albert lernt auf den Alpbacher Hochschulwochen Karl Popper kennen, dessen Philosophie er in seinen Arbeiten bereits berücksichtigt hatte. Popper bot die Möglichkeit, den Graben zwischen Erkenntnis und Entscheidung zu überwinden, weil Entscheidungen aller Art der gleichen rationalen Diskussion unterworfen werden können, wie sie sonstwo in der Wissenschaft üblich ist, wo Entscheidungen zwischen konkurrierenden Theorien oder zwischen Theorie und Beobachtung getroffen werden müssen. Für Albert gibt es von da an keine "halbierte", d.h. auf Erkenntnis beschränkte Rationalität mehr, wie Habermas sie dann dennoch später dem Kritischen Rationalismus zum Vorwurf machen sollte.
Im ökonomischen Denken tritt nun zu seinem Bestreben, soziologisches und psychologisches Wissen einzubinden, auch eine Revision seiner Einstellung zur ökonomischen Tradition.
Eine Diäten-Dozentur macht es möglich, seine Tätigkeit als Assistent Gerhard Weissers aufzugeben, um sich auf wissenschaftliche Arbeit zu konzentrieren.
Seit 1963 Lehrstuhl für Soziologie und allgemeine Methodenlehre (bzw. umbenannt in: Soziologie und Wissenschaftslehre) an der Wirtschaftshochschule Mannheim, die später die Universität Mannheim wird.
1961-1969 sogenannter Positivismusstreit. Teilnahme an der 1961 in Tübingen abgehaltenen Arbeitstagung der deutschen Gesellschaft für Soziologie, von der der sog. Positivismusstreit ausgeht, der seit 1963 durch die Diskussion zwischen Habermas (Festschrift für Adorno) und Albert (Schriften A40 und A47) verschärft geführt wurde und 1964 auf dem Soziologentag in Heidelberg eine Fortsetzung findet, um schließlich in einer 1969 erscheinenden und in mehrere Sprachen übersetzten Aufsatzsammlung einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu werden. Übersetzungen dieses Buches erscheinen bald in Italien, USA, Großbritannien, Ungarn, Frankreich und in Japan.
Das eigentliche Thema und das eigentlich Trennende in dem Streit dieser Jahre ist aber nicht der Positivismus (wie Habermas glaubte); denn es bleibt nicht lange verborgen, dass die kritischen Rationalisten den Positivismus ebenso ablehnen, wie das die "kritische Theorie" der Frankfurter Schule um Horkheimer und Adorno tut, und dass, was Popper angeht, mit der entsprechenden Kritik schon 30 Jahre früher angetreten waren. Es geht vielmehr um die Rolle der Werte in den Sozialwissenschaften (und um die rechte Interpretation Max Webers) und um die Frage, ob die Sozialwissenschaften ein spezielles Erkenntnisprivileg besitzen oder grundsätzlich an dieselben Methoden des Erkenntnisgewinns gebunden sind wie die Naturwissenschaften, was Popper in seinem Vortrag von 1961 deutlich gemacht hatte. Es geht auch um die Frage der Rationalität, ob sie im Kritischen Rationalismus nur eine "halbierte" sei (was Habermas behauptete), also eine, die außerhalb der Naturwissenschaften nichts zu sagen habe.
Die tiefgreifendste Folge dieses Streites aber ist vermutlich, dass es im Verein mit der sozusagen Kulturrevolution der 68er-Bewegung zu einer Entscheidung darüber kommt, was in Deutschland künftig als Intellektueller zu gelten habe. Nur der letztere Punkt geht ein paar Jahrzehnte lang an die Frankfurter: in den Feuilletons obsiegte die Frankfurter Schule.
In der Folgezeit rückt Habermas von seinen früher vertretenen Positionen ab. Er scheut sich aber, die Kurskorrekturen deutlich zu kennzeichnen, und kann es nie über sich bringen zu sagen, wie viel er der unabweisbaren Kritik Alberts verdankte.
1964 Turbulenter 15. Deutscher Soziologentag in Heidelberg mit Herbert Marcuse, einem vorzüglichen Theorielieferanten der antiautoritären Studentenbewegung. Die darauf folgenden Soziologentage der späteren Jahre werden immer mehr zu Chaostagen.
1967 Marktsoziologie und Entscheidungslogik. Ökonomische Probleme in soziologischer Perspektive erscheint.
1968 Traktat über kritische Vernunft. Hier gelingt Albert eine sehr konzentrierte und konsistente Darstellung seiner kritisch-rationalen Position, wie er sie nun nach umsichtiger Untersuchung aller verfügbaren anderen Philosophien erreicht hat. (Das verfügbare Angebot war nicht klein: es gab damals u.a. positivistische, Wiener-Kreis-geprägte, pragmatistische, existentialische, marxistisch-dialektische, universal-hermeneutische, Russell-analytische, Wittgenstein-analytische, Carnap-analytische und kritisch-rationale Positionen.)
"Dieses Buch ist ein philosophischer Klassiker seit 1968, der inzwischen auch in viele Sprachen übersetzt ist wie Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Japanisch und Portugiesisch. Dieser Kritische Rationalismus hat auch in Deutschland seine Wirkung nicht verfehlt. Es gibt kaum noch eine philosophische Richtung, die uns den Besitz von sicherem Wissen vorgaukeln würde. Trotz dieser Beschränkung des Wissens, die nur die Sicherheit beschränkt, aber keine Erkenntnisgrenze darstellt, nicht dem Skeptizismus oder gar dem in Relativismus zu verfallen, ist eine der Glanzleistungen des Kritischen Rationalismus, an der Hans Albert großen Anteil hat." (aus einer Kurz-Rezension bei www.amazon.de)
1971 erscheint sein programmatisches Plädoyer für kritischen Rationalismus. Es wird mehrmals neuaufgelegt und ins Italienische und Japanische übersetzt. 1972 folgt eine Aufsatzsammlung zur Philosophie des kritischen Rationalismus: Konstruktion und Kritik, ein Buch, dessen Titel schon den Kern seiner Philosophie verrät und dessen Inhalt indes spätere ›radikale Konstruktivisten‹ von ihrem Kurs hätte abbringen können.
Nach den programmatischen Schriften folgen geistvolle und witzige Schriften, die unter Beweis stellen, wie sehr Albert sich auf das Denken anderer einlässt: Theologische Holzwege. Gerhard Ebeling und der rechte Gebrauch der Vernunft (1973; auch ins Italienische übersetzt); Transzendentale Träumereien. Karl-Otto Apels Sprachspiele und sein hermeneutischer Gott (1975); Das Elend der Theologie. Kritische Auseinandersetzung mit Hans Küng (1979; auch ins Spanische und Italienische übersetzt). Der Briefwechsel mit Feyerabend, Paul Feyerabend, Hans Albert, Briefwechsel (1997; Hrsg. von Wilhelm Baum) ist hier ebenfalls zu nennen, und der Hans Albert - Karl Popper – Briefwechsel (2005).
Von seinem Feyerabend-Briefwechsel hat Hans Albert leider nur einen Teil veröffentlicht. Noch fehlt es wohl an Nachfrage. Dabei erfüllt dieses kleine Fischer-Taschenbuch den klassischen Auftrag von Belehrung und Unterhaltung wie kein anderes: es beleuchtet die Jahre des kulturellen Umbruchs in Deutschland, die Studentenrevolution hierzulande und in Berkeley, liefert Hintergründe zum ›Positivismusstreit‹ und zu Feyerabends ›Abfall‹ von Popper, zeigt die gemeinsamen Züge der Freunde, wenn es um Kritik und die Suche nach Alternativen geht, offenbart ihre große Unterschiedlichkeit beim Verfolgen wissenschaftlicher Ziele und zeigt zwei ganz gegensätzliche, aber höchst interessante philosophische Charaktere, die sich beide darin einig sind, dass der Philosophie auch sehr viele heitere Seiten abgewonnen werden können.
Ab 1978 folgen wieder wichtige systematische Schriften: Die Kritische Vernunft und menschliche Praxis (1977) mit einer autobiographischen Einleitung fand als Reclamheft weite Verbreitung. Traktat über rationale Praxis (1978). Die Wissenschaft und die Fehlbarkeit der Vernunft (1982). Kritik der reinen Erkenntnislehre. Das Erkenntnisproblem in realistischer Perspektive (1987). Kritik der reinen Hermeneutik - Der Antirealismus und das Problem des Verstehens (1994). 1999 dann nach dem Traktat das zweite englisch erscheinende Buch Between Social Science, Religion, and Politics. Essays in Critical Rationalismus (1999), was der, verglichen mit Habermas, zurückgebliebenen Albert-Rezeption in den angelsächsischen Ländern auf die Sprünge helfen könnte.
1989 wurde Hans Albert emeritiert. Es folgen Einladungen zu Vortragsreisen und Vorlesungen an verschiedenen Hochschulen. Auch viele Ehrungen gibt es nun (siehe unten).
1990 hält Hans Albert eine Vorlesungsreihe an der Universität Graz über Kritischen Rationalismus, 1993 Vorlesungen über Rechtswissenschaft als Realwissenschaft anlässlich der Würzburger Vorträge zur Rechtsphilosophie der Universität Würzburg, 1995 die Walter Adolf Jöhr Vorlesung an der Hochschule St. Gallen, 1998 die Wittgenstein-Vorlesung an der Universität Bayreuth über Kritischen Rationalismus.
2000 Eine große Übersicht Kritischer Rationalismus in der spezifisch Albertschen Ausprägung erscheint als UTB-Taschenbuch bei Mohr Siebeck (Tübingen). Es ist die Verarbeitung einer 1998 an der Universität Bayreuth gehaltenen Wittgenstein-Vorlesung mit dem Untertitel Vier Kapitel zur Kritik illusionären Denkens, worin noch einmal sehr konzentriert und in übersichtlicher Weise der Albertsche Kosmos abgehandelt wird. Auch in den folgenden Jahren unternimmt Albert viele Vortragsreisen und schreibt weiter an Büchern und Artikeln.
Bei einem konsequenten und umsichtigen Denker wie Hans Albert, der immer wieder versucht hat, seine Lösungen für eine Reihe wichtiger Erkenntnis-, Methoden- und Wertprobleme mit möglichst allen verfügbaren Alternativen zu konfrontieren, sie entsprechend zu korrigieren oder abzuwandeln, lohnt es sich für alle, die im Zusammenhang mit den Fragen nach Wissen, Handeln, Ökonomie, Recht, Hermeneutik und Glauben Antworten sowie ein konsistentes Weltbild suchen, durchaus auch einmal wieder die globale Frage zu stellen: Was wurde in zweieinhalb Jahrtausenden des Denken nun eigentlich an Greifbarem erreicht? Gibt es in der Philosophie so etwas wie einen "Fundus" des anerkannten und verwertbaren Wissens, so wie andere Wissenschaften ihn hervorgebracht haben?
Mit wenig Aufwand ließe sich wohl die Ansicht untermauern, dass Alberts Werk zu den herausragenden philosophischen Werken gehört, die die alten Fragen der Philosophie nicht nur wiederholen, sondern für wichtige Probleme des Denkens und der menschliche Praxis einigermaßen haltbare Lösungen anbieten. Schon die Titel seiner zirka 30 Bücher weisen auf viele wichtige Themenbereiche hin: Erkenntnis, Wahrheit und Wirklichkeit, Werturteil, Recht und soziale Ordnung, Sinn, Verstehen und Geschichte, Wissen, Glaube und Heilsgewissheit, sowie Wissenschaft und Verantwortung (so die Überschriften zu den Kapiteln seines Buches Kritischer Rationalismus aus dem Jahr 2000). Sie scheinen damit so etwas wie eine systematische Enzyklopädie des in der Philosophie bisher Erreichten darstellen zu wollen. Natürlich kann diese Sicht nur die seiner Schule sein, der des Kritischen Rationalismus. Aber jede philosophische Schule muss einen derart universellen Geltungsanspruch für sich in Anspruch nehmen, um jede andere philosophische Richtung herauszufordern, Besseres hervorzubringen.
Ehrungen: Vits-Preis (1976); Arthur Burckhard-Preis (1984); Ehrenkreuz für Kunst und Wissenschaft der Republik Österreich (1994); Ehrendoktorate Dr. h.c. der Universität Linz (1995), Dr. h.c. der Universität Athen (1997), Dr. h.c. der Universität Kassel (2000); Dr. h.c. der Universität Graz (2006); Dr. h. c. der Universität Klagenfurt (2007).
[Bearbeiten] Hinweise für Leser ohne wissenschaftliches Fachinteresse
[Bearbeiten] Was man mindestens über Hans Albert wissen sollte
[Bearbeiten] Worum geht es in diesem Abschnitt?
Hans Albert, der deutsche Philosoph, um den es hier geht, hat ungefähr 30 Bücher geschrieben und über 200 Veröffentlichungen. Wir wollen hier für die, die sich nur wenig merken möchten, schlagwortartig das Wichtigste zusammenfassen. Was muss man über Hans Alberts Philosophie wissen, das sozusagen zum normalen Bildungswissen gehört? Oder falls jemand an 'normales Bildungswissen' nicht glaubt: Was kann man mit Hans Alberts Philosophie im Beruf oder im Alltagsleben praktisch anfangen?
[Bearbeiten] Die Unmöglichkeit und Unnötigkeit von absoluten Begründungen
Sichere Begründungen suchen zu wollen können wir uns immer ersparen. Denn Sicher begründen kann man nichts; weil man dafür die Begründung der Begründung begründen müsste; und deren Begründung auch wieder begründen; und so fort bis in alle Ewigkeit. Man kommt damit zu keinem Ende. Man kann auch irgendwo stehen bleiben und beispielsweise sagen "Das ist doch selbstverständlich!"; aber dann hätte man aufgegeben zu begründen. (Genaueres: siehe 'Münchhausen-Trilemma' im Abschnitt 'Hauptideen Hans Alberts').
Es macht praktisch einen großen Unterschied, ob ich überlege, wie ich etwa den Abschuss eines Flugzeuges, das zu terroristischen Zwecken gekapert wurde,
-
- (A) mit irgendwelchen Rechtsgrundsätzen begründe (etwa der Menschenwürde) und diese auch wieder begründe und deren Gründe auch wieder usw. Oder ob ich überlege
- (B) wie in jedem speziellen Fall die Alternativen sind und welche Folgen sie haben, um dann daraus die akzeptabelste Alternative zu wählen (das muss nicht die mit den wenigsten Toten sein, denn es spielen ja noch andere Gesichtspunkte eine Rolle, sondern die mit den besten Argumenten).
Wenn (A) möglich wäre, wenn die Lösung beispielsweise aus dem Begriff der Menschenwürde ableitbar wäre, dann wäre die Lösung von der jeweiligen Problemlage ganz unabhängig und für alle Zeiten dieselbe. Kann das überhaupt sein?
Also: Unsere Meinungen und Handlungsweisen und alle ihre Konsequenzen sind nicht deshalb richtig, weil man sie auf irgendetwas Wahres zurückführen kann, sondern umgekehrt: Weil alle Konsequenzen, soweit man sie überblicken kann, akzeptabel sind, sind unsere Meinungen und Handlungsweisen akzeptabel.
[Bearbeiten] Komparativismus
Absolute Begründungen braucht man in der Praxis nicht, weil letztlich immer der Vergleich genügt.
Steht nur eine Alternative zur Wahl, muss man sich mit dieser begnügen. Muss man ein Auto kaufen und hat nur soviel Geld, dass es nur für das billigste reicht, dann muss man das nehmen, ob mit Begründung oder ohne.
Hat man aber so viel Geld, dass man sich unter 50 Alternativen umsehen kann, führt die Absolutbegründung, warum ein bestimmtes Auto das beste ist, zu unendlich viel Arbeit. Man müsste zeigen, dass der Motor der beste ist, dass kein anderer besser sein kann, dass das gleiche für das Getriebe gilt, die Ausstattung, usw. Stell dir vor, du müsstest das jeweils tun, ohne einen Blick auf die entsprechenden, anderen Autos oder deren Teile. Kann das gut gehen?
Viel einfacher ist es immer, jeweils zwei Autos zu vergleichen, und sich für das jeweils bessere zu entscheiden und das so oft, bis man alle vergleichend ('komparativ') beurteilt hat. Und genau das Gleiche gilt, wenn es sich nicht um Autos handelt, sondern um Meinungen, Sätze, Theorien, Handlungsweisen, moralische Prinzipien, Gesetze usw.
Beim Komparativismus geht es also immer darum, Alternativen zu vergleichen und bei jeder Alternative die Fehler und Vorzüge zu entdecken. Also: Komparativismus statt Absolutbegründung!
[Bearbeiten] Alternativen, Konsequenzen
Die Logik sagt, dass jeder Satz unendliche viele Folgerungen nach sich zieht. Nehmen wir das als bewiesen hin.
Dann kann man nie wissen, ob irgendeine Überzeugung nicht eine Konsequenz hat, der wir nicht zustimmen können.
Was folgt daraus?
-
- (1) Wir sollten immer so viele Konsequenzen untersuchen, wie uns einfallen.
- (2) Wir sollten uns zu jeder Überzeugung möglichst viele Alternativen einfallen lassen, falls die erste sich als falsch erweist.
Das gleiche gilt für Handlungen.
Für die tägliche Praxis ist das ganz entscheidend:
Immer nach unhaltbaren Konsequenzen (Fehlern) suchen. Immer nach Alternativen suchen. Wenn man damit fertig ist und nichts dergleichen mehr neu auftaucht: Immer mit einer Revision rechnen, weil erneut Fehler oder bessere Alternativen auftauchen können.
[Bearbeiten] Die Rolle der Kritik
Wenn unerwünschte Konsequenzen immer auftreten können, also 'Fehler', und wenn bessere Alternativen immer möglich sind, dann hilft es nichts, sich gegen Fehler und Alternativen abzuschotten. Wir kommen schneller zu vergleichsweise stabilen Ergebnissen, wenn wir alles getan haben, sämtliche Fehler und Alternativen, die uns möglich erscheinen, aufzuspüren.
Fehler und Alternativen suchen, das ist nur eine andere Ausdrucksweise für sich der Kritik aussetzen.
Ohne Kritik gibt es keine Verbesserung, also tun wir gut daran, möglichst viel Kritik möglichst schnell zuzulassen und uns nicht gegen Kritik zu 'immunisieren'.
[Bearbeiten] Übertragungsprogramm
Die Ergebnisse gelten nicht nur für die Wissenschaft, sondern für jede menschliche Praxis, für Wissenschaft, Alltagsdenken, Glauben, Handeln, Recht, Moral, Theologie usw.:
-
- Nirgendwo gibt es absolut bewiesene Wahrheit (Fallibilismus).
- Überall lohnt sich die Fehler- und Alternativensuche (Kritizismus).
- Nur der Alternativenvergleich führt zu befriedigenden Lösungen (Komparativismus).
- Allein die Bereitschaft zu stets neuer Prüfung kann uns vor Enttäuschung bewahren (Revisionismus).
[Bearbeiten] Antipositivismus
Früher glaubte man an "Gegebenes" (lateinisch: positivum), um dem oben genannten Begründungsproblem zu entkommen. In der Wissenschaft beispielsweise glaubte man, aus den gegebenen Tatsachen seine Theoriengebäude ableiten zu können. Heute weiß man, dass die Theorien akzeptabel sind, solange die vorhergesagten Tatsachen tatsächlich alle beobachtet werden können.
In Wirklichkeit ist es so in der Wissenschaft:
-
- Die Tatsachen sind nicht das Gegebene, aus dem irgendwie (durch 'Induktion'?) die Theorie folgt, sondern sie sind die Prüfinstanz, an der sich die Theorien messen müssen!
So ist es auch in der Wirtschaft:
-
- Die Verbraucher sind nicht das Gegebene, aus dem irgendwie die Wirtschaftstheorie folgt, sondern sie sind die Prüfinstanz für genial ausgedachte Wirtschaftstheorien!
So ist es auch in der Demokratie:
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- Die Wähler sind nicht das Gegebene, aus deren Willen irgendwie die Regierungsarbeit folgt, sondern sie sind die Prüfinstanz für die Qualität der gut ausgedachten Regierungsarbeit!
[Bearbeiten] Transfer des Antipositivismus in andere Gebiete
Üben wir gleich mal den praktischen Transfer der Albertschen Ideen in andere Gebiete:
So ist es auch im Fernsehen:
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- Die Zuschauer sind nicht das Gegebene, und aus ihren Wünschen (oder Quoten) folgen nicht irgendwie die Programme (etwa durch Befragungen), sondern sie sind die Prüfinstanz für die Qualität der mit viel Phantasie und Können ausgedachten Programme!
So ist es auch in der Kunst:
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- Der Geschmack des Publikums ist nicht das Gegebene, auf dem Kunstwerke errichtet werden, sondern er ist die Prüfinstanz für genial und frei erfundene Kunstwerke!
So ist es auch mit unseren Vorstellungen:
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- Die gesehene Welt ist nicht das Gegebene, das in unser Auge und von dort in unsere Gehirn fällt und die Vorstellungen erzeugt, sondern unser Gehirn erzeugt mit viel Phantasie und Können Vorstellungen, und die äußere Wirklichkeit ist die Prüfinstanz dafür, dass die Vorstellungen richtig sind!
So ist es auch im Leben:
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- Die Umgebung ist nicht das Gegebene, auf dem neue Baupläne der DNS aufbauen, sondern sie ist die Prüfinstanz, die über die Zweckmäßigkeit der neuen und irgendwie 'erfundenen' Baupläne entscheidet!
Philosophische Haarspalterei? Keineswegs. Der erste Teil der angeführten Sätze bezeichnet jeweils einen passiven Vorgang. Der zweite Teil zeigt, dass wir Aktivisten sein müssen, wenn wir erfolgreich leben wollen.
Wir müssen erkennende, politische, moralische, künstlerische, fernsehprogramm-erfindende usw. Aktivisten sein, die mit viel Phantasie und Erfindungsgeist Vorschläge einbringen, die dann von der 'gegebenen' Wirklichkeit geprüft, gewählt oder abgewählt werden.
Ist Philosophie ein "Orchideenfach", oder kann sie das Leben verändern?
[Bearbeiten] Ein zentraler Aufsatz, den man lesen sollte
Wo fängt man an, wenn man von Hans Albert noch nichts oder nicht viel weiß? Gibt es einen Aufsatz, der am schnellsten über seine Ideen und seine Schreibweise aufklärt?
Ja, den gibt es und er wurde freundlicherweise von der Zeitschrift "Aufklärung und Kritik" ins Internet gestellt, so dass ihn jeder hier herunterladen kann: Hans Albert, Die Idee der Kritischen Vernunft, Aufklärung und Kritik 2 (1994) S. 16 ff.: hier ist der Aufsatz als pdf-Datei. (Anmerkung: Wir danken in diesem Zusammenhang ausdrücklich denen, die die Idee der freien Verbreitung von Wissen tatkräftig unterstützen. Die von Hans Albert mitherausgegebene Zeitschrift Aufklärung und Kritik verbreitet viele ihrer veröffentlichten Aufsätze unter [1].)
[Bearbeiten] Die Tradition der kritischen Diskussion
Albert geht als erstes darauf ein, dass Politiker und Sonntagsredner oft die abendländische Tradition beschwören. Er findet es falsch, dass man damit meist nur auf die christliche Tradition anspielt. Denn eine ganz wichtige Tradition wird dabei übersehen und verdrängt, und das ist die, die wir den "alten Griechen" verdanken, eine Tradition, die schon über 2500 Jahre alt ist, also viel älter als das Christentum.
Das ist die Tradition der kritischen Diskussion; die Tradition, über politische oder sonstwelche Dinge zu reden und immer darauf zu achten, ob nicht einer etwas sagt, was falsch ist. Oder ob er - damals war "sie" bei den Debatten noch nicht dabei - irgendeine bessere Alternative übersehen hat. Das Suchen nach Fehlern und besseren Alternativen kann man so verinnerlichen und an nachfolgende Generationen weitergeben, dass es zu einer Tradition wird: die Tradition der kritischen Diskussion.
Tasächlich wurde diese Tradition immer wieder unterbrochen, aber besonders in der Renaissance und in der Aufklärung zu neuem Leben erweckt.
Wie wichtig diese Tradition heute wieder ist! In der großen kulturellen Auseinandersetzung unserer Tage (culture clash), der Auseinandersetzung mit dem Islam, ist es wichtig, dass wir an eine Tradition anknüpfen, die wir mit den Muslims teilen können. Und das ist nicht das Christentum. Das ist die Tradition des Diskutierens, die die Griechen mit Leidenschaft betrieben. Aber nicht die kämpferische, die besiegen will, sondern die kritische Diskussion, die von anderen lernen will:
-
- Gemeinsam versuchen, keine allzu großen Fehler zu machen. Uns gegenseitig auf Fehler aufmerksam machen.
- Alternativen auszuprobieren, um herauszufinden, was sich in unserem Zusammenleben am besten bewährt.
- Zum Ausprobieren der Alternativen brauchen wir den Pluralismus! Den Pluralismus der Lebensweisen und den Pluralismus der Denkweisen.
- Dazu gehört auch, was die sonst so charmanten Griechen nicht wahrhaben wollten: Wir müssen natürlich auch das Potential der Frauen einbeziehen.
Das Kritisieren hat in Deutschland keinen guten Ruf. Kommt das noch von Goebbels her, der es als jüdischen Zersetzungsgeist diffamierte? Reden wir deshalb so gerne von destruktiver Kritik? Warum soll gute, wertvolle Kritik nicht destruktiv sein? Sie zerstört nur, was fehlerhaft ist! Wer will denn auf seinen Fehlern sitzenbleiben? Sie zerstört nur den Glauben daran, dass es nur eine Alternative gäbe, nur eine Religion, nur eine Partei. Wer nur einen Weg kennt, wer nur ein Buch liest, sollten wir dem wohl glauben können, wenn er sagt, dass nur dieser eine Weg der richtige ist und nur dieses eine Buch lesenswert?
Wenn wir den Wert der kritischen Diskussion einmal begriffen haben, wissen wir, warum wir viele Alternativen ausprobieren müssen: Nur wer Auswahl hat, kann das Bessere wählen! Aber wir können nicht zugleich Muslim sein und Christ; Grüne und CDU; Mann und Frau. Deswegen müssen wir akzeptieren und uns freuen, dass andere die anderen Alternativen ausprobieren und wir sie vergleichen können. Wer weiss, wie weit die anderen kommen werden? Aber es ist unser gutes Recht, in dem, was uns betrifft, unsere eigene Lebensvariante und unsere eigenen Denkweisen auszuprobieren. Hauptsache wir diskutieren miteinander und lernen voneinander!
[Bearbeiten] Nach vorne schauen auf die Konsequenzen, nicht rückwärts auf die Begründung
Albert geht deshalb darauf ein, dass es der falsche Weg ist, seine Glaubenssätze zu rechtfertigen, immer wieder nach Begründungen oder Letztbegründungen zu suchen, und diesen einen Weg, den man für den besten hält, für alle Zeiten einzubetonieren. Viel wichtiger ist doch:
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- Welche Konsequenzen hat unser Denken, unser Glauben und Handeln. Für uns selbst und für andere.
- Folgt etwas Gutes daraus? Dann ist es egal, ob ich mein Denken und Handeln auf Adam und Eva zurückführen kann oder auf sonstwas.
- Sind wir noch offen, um Verbesserungen anzunehmen? Das ist die (Lebens-)entscheidende Frage!
[Bearbeiten] Weiche nie der Kritik aus!
Ganz falsch ist es, das, was man denkt und glaubt und handelt, gegen Kritik abzuschirmen. Dazu haben die Menschen unzählige Strategien erfunden: Kritikimmunisierungsstrategien. Das ist das unmögliche Wort für die Abschirmung gegen Kritik. Die Philosophie braucht leider ab und zu monströse Wörter, damit wir uns einen wichtigen komplexen Sachverhalt besser merken können. Wie funktioniert die Abschirmung oder Immunisierung gegen Kritik?
-
- Sich vage ausdrücken.
- Komplizierte, gelehrte, aber undurchschaubare Reden halten.
- Dogmatische Behauptungen aufstellen über angeblich letzte wahre Sätze.
- Die Behauptung, dass nur Fachleute bestimmte Texte auslegen dürfen. Zum Beispiel die Bibel. (Dem machte Luther einen Strich durch die Rechnung. Und Galilei schrieb seine Wissenschaft in seiner Muttersprache und nicht mehr in Latein. Aber verstecken heute nicht auch wieder Wissenschaftler ihre Ergebnisse hinter einer Fachsprache, die sie vor Kritik schützt?)
- Die Behauptung, dass die Wahrheit relativ ist und je nach Kultur jeder etwas anderes für wahr halten darf. (Aber ist es wahr, dass man die Folter allgemein als angenehm empfindet und nur in der "westlichen" Kultur nicht?)
- Die Behauptung, dass die Auffassungen von Leuten verschiedener Kulturen 'inkommensurabel' seien (also unvergleichbar wie Äpfel und Birnen), und man deshalb nicht sagen könne, wer Recht habe. (Es geht auch nicht um das Rechthaben! Aber wenn einer Fehler macht oder die bessere Alternative in den Wind schlägt, wäre es schon sinnvoller, er oder sie würde sich nicht auf diese Weise gegen Kritik verschanzen.)
- Die Behauptung, dass die Leute des einen Fachbereichs nichts über das sagen können, was in einem anderen Fachbereich geschieht.
- Die Behauptung, dass, wer etwas ohne Zweifel glauben kann, eine bewunderswerte Fähigkeit besitze. (Das Gegenteil ist der Fall: Nur wer zweifeln kann, hat Chancen, wenigstens ein paar seiner Fehler im Laufe seines Lebens loszuwerden.)
Das ist der Inhalt des Textes. Wir haben ihn absichtlich in ganz anderen Worten wiedergegeben. Denn den Originaltext kann ja jeder selber lesen. Hier wird er gewissermaßen noch einmal in einem anderem Licht dargestellt und etwas vereinfacht. Hans Alberts Text ist viel umfangreicher. Jeder Satz ist sehr gut überlegt. Versuche mal, einen zu streichen! (Nicht einfach.) Alberts Texte sind keine leichten Texte. Sie sind oft sehr abstrakt: das heißt, sie haben eine sehr weit reichende Bedeutung. Andererseits muss man mitdenken und sich die Beispiele dazu oft selber einfallen lassen.
[Bearbeiten] Vergleiche die Philosophen!
Andere Philosophen sind viel schwerer zu lesen (z. B. Heidegger oder Luhmann oder Habermas). Bei dieser Gelegenheit: Wie schwer darf denn ein philosophischer Text sein? - Ganz einfach: Ein Text ist in Ordnung, wenn du am Schluss sagen kannst: Das Lesen ist der Mühe wert! (Judith Macheiner)
[Bearbeiten] Bibliographisches und weiterführende Literatur
Alberts zentraler Aufsatz Die Idee der Kritischen Vernunft erschien erstmals 1963 und ist seitdem etliche Male verbessert wiederabgedruckt worden. 'Die Idee der kritischen Vernunft. Zur Problematik der rationalen Begründung und des Dogmatismus', Jahrbuch für kritische Aufklärung: Club Voltaire (Hg. G. Szczesny), Band I, München 1963; und dann nochmals in der gleichen Reihe im IBDK-Verlag Berlin 1989, Bd. I, S. 17-30. Danach brachte ihn Kurt Salamun als UTB-Taschenbuch heraus in: 'Was ist Philosophie?' Tübingen 1980, S. 188-203. Er wurde auch in zwei späteren Büchern verwendet (siehe in der Bücherliste B3 und B5, dort als Kap. I). 1994 erschien er in Aufklärung und Kritik 2(1994) S. 16 ff. und ist nun endlich auch im Internet verfügbar.
Weitere solcher leicht verständlichen Aufsätze findet man im Hans Albert Lesebuch (UTB, Mohr Siebeck 2001). Sie führen quer durch Alberts Schaffen in den Jahren 1964 bis 1991.
Oder sehr gut ist auch Eric Hilgendorfs 'Hans Albert zur Einführung' im Junius-Verlag (Taschenbuch 1997). Diese Einführung lässt auch den Autor selber sprechen und zitiert viele originale Textstellen. Sie erläutert auf leicht verständliche Weise Alberts zentrale Thesen zum 'Kritischen Rationalismus'.
Wer Interesse an dieser Philosophie gefunden hat, kann sich nun systematisch einlesen. Dafür eignet sich am besten der leicht lesbare UTB-Band: Hans Albert, Kritischer Rationalismus (UTB, Mohr Siebeck, Tübingen 2000). Die einzelnen Kapitel behandeln alles, was in der Philosophie (und im Leben!) wichtig ist:
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- Erkenntnis, Wahrheit und Wirklichkeit
- Werturteil, Recht und soziale Ordnung
- Sinn, Verstehen und Geschichte
- Wissen, Glaube und Heilsgewissheit
- Wissenschaft und Verantwortung
Für Studenten, die sich tiefer einarbeiten wollen, geht es weiter mit dem Abschnitt Schnelles Kennenlernen.
[Bearbeiten] Was in diesem Studienführer zu finden ist
Dieser Studienführer wendet sich an alle philosophisch Interessierten. Vor allem aber soll er Studenten und Fachleuten aus Philosophie, Soziologie, Geschichte, Jurisprudenz, Ökonomie, Politologie und der Theologie eine Hilfe sein, sich über Hans Albert und alle seine Werke einen schnellen Überblick zu verschaffen.
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- Er enthält die vollständige Publikationsliste Hans Alberts und eine Konkordanz, die die Beziehung zwischen den verschiedenen Werken nachweist.
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- Er skizziert seine Philosophie und gibt einen Überblick über seinen intellektuellen Werdegang.
Besonders bei folgenden Rubriken sind wir auf die Mitarbeit vieler angewiesen:
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- Die Sekundärliteratur soll nicht nur aufgelistet, sondern jeweils kommentiert und nach Sachgebieten aufgeteilt werden.
- Mit der Zeit sollen Zusammenfassungen, Inhaltsangaben, Rezensionen und Kommentare zu allen seinen Arbeiten geliefert werden sowie
- Berichte über Diskussionen, Tagungen und Kritik, soweit darüber publiziert wurde.
Für persönliche Einschätzungen der Bedeutung Hans Alberts ist in einer Art Gästebuch im letzten Kapitel Platz reserviert.
[Bearbeiten] Hinweise zum Studium der Werke Hans Alberts
[Bearbeiten] Schnelles Kennenlernen
Der Zugang zu Alberts Aufsätzen ist einfach. Etwa ein Drittel seiner wissenschaftlichen Aufsätze, und zumeist die wichtigsten, finden sich in Mohr-Siebeck-Bänden oder UTB-Taschenbüchern. Sie enthalten auch viele überarbeitete Aufsätze aus den nicht mehr aufgelegten Werken Plädoyer für kritischen Rationalismus, Aufklärung und Steuerung und Konstruktion und Kritik.
Eine repräsentative Auswahl aus Alberts Aufsätzen aus den Jahren 1964 bis 1991 bietet das Hans Albert Lesebuch (UTB, Mohr Siebeck 2001). Den systematischen Überblick verschafft der leicht lesbare Band Kritischer Rationalismus (UTB, Mohr Siebeck 2000), der viele wichtige Bereiche menschlicher Praxis behandelt: ›Erkenntnis, Wahrheit und Wirklichkeit‹, ›Werturteil, Recht und soziale Ordnung‹, ›Sinn, Verstehen und Geschichte‹, ›Wissen, Glaube und Heilsgewissheit‹, ›Wissenschaft und Verantwortung‹. Als Vorlesung mithören kann man eine Albertsche Einführung in den Kritischen Rationalismus auf der Hörkassette des Auer-Verlages (1994).
Wer auf noch schnelleres Kennenlernen aus ist, sei auf die vier Abschnitte 1, 4 und 9 in Kritischer Rationalismus verwiesen (Zusammenbruch der klassischen Erkenntnisidee; Werteproblematik; Kritik des hermeneutischen Denkens) und den 11. Aufsatz über ›Rationalität und Wirtschaftsordnung‹ im Hans Albert Lesebuch.
Der in viele Sprachen übersetzte Traktat über kritische Vernunft von 1968 ist nach wie vor die gründlichste Einführung in das theoretische und praktische Erkenntnisprogramm Hans Alberts. Wegen der Antworten an über fünfzig Kritiker in den Anhängen empfehlen sich die neueren Auflagen (ab der 4.). In die mehr praktischen Aspekte der Albertschen Philosophie führen ein: Konstruktion und Kritik (vergriffen) und der Traktat über rationale Praxis.
Ein sehr hilfreiches Buch, Hans Albert zur Einführung, das den Autor oft mit Zitaten zu Worte kommen lässt, schrieb Eric Hilgendorf (Junius 1997). Es erläutert die zentralen Thesen des Albertschen Kritischen Rationalismus und behandelt auch das weite Gebiet, in dem es um die Rolle von Wertungen in Erkenntnis und Wissenschaft geht und um eine technologisch orientierte Wissenschaftslehre, wie sie langsam Fuß fasst in den Sozialwissenschaften, von der Ökonomie angefangen bis hin zur Jurisprudenz.
[Bearbeiten] Vertieftes Studium
Nun in Kürze, wie man sich einen Überblick über das Gesamtwerk sowie Einblicke in einzelne Problembereiche verschaffen kann. Monographien werden entsprechend der unten abgedruckten Siglenliste zitiert, A+Nummern beziehen sich auf Aufsätze in der Albertschen Publikationsliste (siehe unten); KR steht für ›Kritischer Rationalismus‹.
(1) Erweiterter Kritischer Rationalismus
Die Leitidee der zureichenden Begründung muss durch die der Kritik ersetzt werden: TkV, Kap I–II. Alberts KR als methodologischer Revisionismus: KdrE III-IV; TkV §6. Wichtigkeit der Alternativensuche: KrdE §25. Der context of discovery und der context of justification sind sorgsam zu unterscheiden, aber auch deren Wechselwirkung ist wichtig, welche eine rationale Heuristik ermöglicht: TrP §7; A103; ausführlicher in WuFdV III; weiter ausgearbeitet in KdrE III. Aus Kants Transzendentalismus wird das Programm der Erforschung des Erkenntnisvermögens: TrP §2; KdrE §3; KdtD 5. Teil. Sieben Juwelen der Logik legen eine kritisch-rationale Haltung nahe: KrdE §16.
Erkenntnis und Entscheidung sind keine getrennten Welten: TkV III (mit den sogenannten Brückenprinzipien in §12). Die Idee der Wertfreiheit hindert die Wissenschaft nicht zu werten: KuK I, 1. Aufsatz. Verstehen und Erklären werden ähnlich wie bei Max Weber analysiert: KuK III, 1. Aufsatz. Verstehen in der Geschichte: HAL 7. Aufsatz (wie A79). Sinnverstehendes und theoretisches Erklären in allen Wissenschaften: KdrH III. Zur Werteproblematik siehe auch die Arbeiten über Max Weber: A40 und A47 in PosStr, A48, A50, A64, (A136), A155, A207. Weitere Artikel zum Werteproblem: A8, A27.
Zur Habermas-Einschätzung, KR sei ein ›halbierter Rationalismus‹: Alberts Aufsätze in PosStr. Auch ›Ethik und Metaethik‹ in KuK II, 1 widerlegt diese These; ebenso das Albertsche Programmm einer ›rationalen Praxis‹: TrP. Der KR löst das Problem von Theorie und Praxis: TrP, Einl. und I; KuK I, 2 (A66). Kritizismus und Naturalismus des KR beschränken ihn keineswegs auf die Naturwissenschaften: KuK, Einleitung. Er ist sogar eine Lebensweise: PfKR, FuO.
Wissenschaft ist nicht möglich ohne soziale Dimension (Tradition, Institution, methodische Regeln, Interdisziplinarität): HAL 9. Aufsatz (A99); KdrE VI; A197; A198; A200; A208; EuS V. Die ökonomische Tradition als allgemeines soziologisches Erkenntnisprogramm: A208.
(2) Methodologie der Sozialwissenschaften
Ökonomische Probleme und Ordnungspolitik aus der KR-Perspektive: MuE. Die Kritik am ›Modellplatonismus‹: MuE IV. Grundlagenprobleme einer rationalen Ordnungspolitik: AuS, insbes. III; und HAL 9., 11. und 12. Aufsatz (A99, A38, A146). Kritik der neoliberalen und reinen Ökonomie: TrP V; MuE. Kritik der geisteswissenschaftlich orientierten ›verstehende Nationalökonomie‹: KdrH V. – Weitere Schriften: HV, WAJV, A187, A175, A134 (engl.), A122, A110, A101, A97, A91, A88. Sind Sozialwissenschaften wertfrei oder wertgebend? AuS VI (A33). Wertfreiheitsproblematik und Normen in der Wissenschaft: A155. Zur Methode der Sozialwissenschaften: A9, A10, A21, A39, A43, A45, A79, A150, A151, A193, A207. Über Poppers Sozialphilosophie mit Kritik an seinem Rationalitätsprinzip: B32.
Politische Theorie TkV IV und VII. Soziologie als politische Wissenschaft: KuK III, 3 (A54). Über Frieden und das Verteilungsproblem ›Gerechtigkeit‹, Verfassung der Freiheit, Reform statt Revolution: TrP. Weitere Einzelprobleme in KuK I und II, 2 (verarbeitet A56, A66, A75); A87; A170.
Europäische Tradition der Freiheit: der ›europäischen Sonderweg‹ in Wissenschaft, Recht, Demokratie, Wirtschaft; die Unmöglichkeit von politischer Prophetie und geplanter Gesellschaft: FuO (verarbeitet A113 und A115).
Jurisprudenz. Normen sind soziale Problemlöser und die Jurisprudenz ist eine rational kritisierbare und verbesserbare Sozialtechnologie TrP III; KuK III, 2 (A71, HAL 9. Aufsatz); RaR, eine Monographie, die in KdrH VI verarbeitet ist; dort auch: Befreiung der Jurisprudenz aus dem Banne der Neu-Hermeneutik. Weiteres in: A73, A150, A153.
Geschichte: Kritik von Historismus, Hermeneutik, Narrativismus; Plädoyer für die Einheit der Wissenschaften: HAL 6. Aufsatz (A93) und KdrE V. Aus Sinn-Verstehen wird die hypothetische Rekonstruktion; Plädoyer für Max Webers naturalistisches Programm: KdrH IV. Zur rationalen Geschichtsschreibung: A193a.
Zur theologischen Steuerung sozialen Geschehens, theologische Herausforderungen und Albert Schweitzers gott-unabhängige Ethik: TkV V; EdTh; WuFdV VI (verarbeitet A106); KriRat IV; THW. Zu Küng, Zahrnt und Pannenberg: WuFdV V (verarbeitet A105). ›Zur Kritik der reinen Religion‹: KdrH VII (verarbeitet A143 in HAL 13. Aufsatz). Weiteres zu Religion und Sinnbedürfnis: A94, A108, A112, A147, A156, A163, A166. Konfrontation bzw. Vereinbarkeit von Religion und Kritischem Rationalismus: A225 (Hans Küng), A226 (Joseph Ratzinger).
(3) Kritische Diskussion
Kritik des sprachanalytischen, neu-hermeneutischen und historistischen Denkens: TkV VI. Zur Kritik von Heidegger, Gadamer, Habermas und der ›neuen deutschen Ideologie‹: KdrH; KdtD; KuK Schluss (A63); A85. Heidegger und die hermeneutische Wende: KdrH, Einl. und Kap. I (verarbeitet A149). Husserl, Heidegger und die Erlanger Schule: A132. Gadamers Universalhermeneutik: KdrH II; A202. Kritik am neuen idealistischen Denken und Mythos des Rahmens: HAL 5. Aufsatz (A176). Naturalismus versus Hermeneutik: A186.
Habermas und der Positivismusstreit: PosStr oder KuK IV, 1. und 2. Aufsatz (A40 und A47); fortgesetzt in: KdrH VIII; A162, A164, A192. Kritische Einmischung in die beiden Positivismus-Kontroversen, die deutsche und die angelsächsische: WuFdV II (verwendet A92, A100).
Zu Apels Letztbegründung: KdtD 1. bis 3. Teil; A109; A120. Habermas gibt die Letztbegründung auf: KdtD 4. Teil. Transzendentales Denken dient besser der Erforschung des Erkenntnisapparates: KdtD 5. Teil. Gewissheitsbedürfnis bei Fundamentalisten und Pragmatisten: A161, A172, A183. Zu angeblichen Paradoxien des Fallibilismus: KdtD 3. Teil. Zu Hallers Kritik am Münchhausen-Trilemma: A121. Zu Georg Simmels Lösung des Münchhausen-Trilemma-Problems: B3 TkV-Anhang I (A139). Antwort an über fünfzig Kritiker in: TkV, 5. Aufl., Anhang I und III; an weitere in: A5, A77, A98, A117, A136a, A145, A154, A167, A182, A195, A196, A199. Alberts Verhältnis zum ›Wiener Kreis‹: A152.
(4) KR im Überblick und als Lebensweise
Siehe besonders die Nachrufe auf Popper: A171 und A177; ferner A22, A57, A62, A67, A74, A107, A127, A138; Alberts ›methodologischer Revisionismus‹: A198, A200. Varianten des KR: A204. Zu Poppers Sozialphilosophie: A205.
[Bearbeiten] Spezifische Schwierigkeiten
Gibt es besondere Schwierigkeiten beim Studium der Albertschen Schriften? - Wir zählen einige mögliche auf.
Klar schreiben. Sogar sehr klar schreibende Philosophen können mitunter auf großes Unverständnis stoßen. Das ist immer dann der Fall, wenn sie die Grundlagen unseres Denkens selbst angreifen. Hans Albert geht es hier, wie vielen anderen vor ihm, zum Beispiel
Karl Popper oder
Bertrand Russell. Ist aber der Widerstand einmal gebrochen, hat man beispielsweise eingesehen, dass die über zweitausendjährige Denktradition, nach sicheren Begründungen für unsere Überzeugungen zu suchen, immer fehlschlagen muss und sich relativer Sicherheit nur erfreuen kann, was harter Kritik standgehalten hat, dann scheint uns die neue Denkweise auf einmal so selbstverständlich, dass wir kaum noch glauben können, sie einem anderen zu verdanken als uns selbst. Und dann scheint es auf einmal nahezuliegen, Vorwürfe zu erheben: War Popper nicht manchmal sehr trivial oder Russell oder Albert? Hat man das nicht schon immer gewusst?
Erst Abwehr, dann schnelle Einverleibung. Aus diesem Grund wird mancher Leser, der Alberts Vorstellungen nicht im Voraus teilt, ähnliche Erfahrungen machen wie etliche seiner Opponenten: Zunächst heftige Abwehr, dann stillschweigende Übernahme der nunmehr für ›selbstverständlich‹ gehaltenen Positionen.
Tatsächlich beginnen einige kritisch-rationale Erkenntnisse, nunmehr Selbstverständlichkeiten zu werden, wie zum Beispiel die Einsicht, dass alle Problemlösungen nur vorläufig sein können und dass die Bereitschaft zum Revisionismus unsere Grundeinstellung sein muss. Der
Fallibilismus, die allgemein menschliche Fehlbarkeit, wird kaum noch in Frage gestellt.
Neuinterpretation herkömmlicher Begriffe durch Wechsel des theoretischen Bezugrahmens. Das heißt aber nicht, dass eine einmal erreichte theoretische Einsicht schon immer in ihren letzten Konsequenzen für die überkommenen Denkschemata bedacht ist und letztere theoriemäßig durchgeführt werden. So wird zum Beispiel "Wissen" als unabhängig gesehen von "Gewissheit", d.h. davon, dass die Wahrheit des Wissens garantiert ist. Diese feine Unterscheidung wirft die übliche Auffassung der Problemstellung der Erkenntnistheorie über den Haufen; es führt unausweichlich bei einer Diskussion zur Verwirrung, wenn die betreffenden Begriffe nicht von allen Beteiligten gleichermaßen so verstanden werden.
Positivismus. Auch der
Positivismus scheint überwunden: Tatsachen werden immer seltener als die sichere, theoriefreie Basis betrachtet, von der aus ein geheimnisvoller
induktiver Formalismus zu Theorien führt.
Doch so selbstverständlich manche Einsichten erscheinen, so sind sie doch oft noch nicht in ihrer ganzen Tragweite begriffen:
Der Positivismus zum Beispiel kehrt sofort als unerschütterbarer Denkrahmen zurück, wenn wir in andere Gebiete überwechseln, etwa in die Politik, und glauben, der Wähler sei die
demokratische Basis und sein Wille so etwas wie die politische Grundtatsache, die mittels einer geheimnisvollen Wahl-Maschinerie in die Köpfe der Politiker gelangt, um sich dort in adäquate politischen Theorien und entsprechende Handlungen zu verwandeln.
Ähnliches bewirkt der positivistische Denkrahmen im ökonomischen Denken, wenn er die Bedürfnisse des Verbrauchers zur irrtumsfreien Basis erhebt, aus der wiederum derselbe, niemals sichtbare
Induktionsapparat angeblich die Wirtschaftstheorie gewinnt.
Alberts
Kritischer Rationalismus überwindet den Positivismus auf allen Gebieten und denkt als ›methodologischer Rationalismus‹ primär in Theorien und Institutionen (siehe dazu
Rationalismus), die so zu verbessern sind, dass sie den gewählten Zielen immer näher kommen; ganz so, wie man einst von Popper gelernt hatte, von Theorien auszugehen und diese solange zu korrigieren, bis sie ihrem Wahrheitsanspruch ausreichend gerecht werden.
Übertragung. Wer sich auf ein tiefgreifendes Umdenken einlässt, dem winken Chancen, diese Methoden auf beliebige andere Gebiete der Kultur-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften übertragen zu können. Und vielleicht sind auch in der Ethik nicht die Interessen der Subjekte die sichere Basis, aus der sich irgendwie das ethische Regelwerk ableitet, und auch die TV-Einschaltquoten nicht die irrtumsfreie Basis, aus der sich die gute Programmgestaltung ergibt.
Überwindung der Grenzen der Disziplinen. Zu den schwer überwindbaren Denkgewohnheiten gehört auch die philosophische Gewohnheit, ökonomische und sozialwissenschaftliche Probleme als ferne, disziplinfremde Bereiche anzusehen. Man sollte sich erinnern, dass erst vor wenigen Jahrzehnten auch
Ethik,
Moral und
Metaphysik von der Philosophie wiederentdeckt werden mussten. Wer Albert studiert, wird schnell bemerken, dass man zur Lösung kultureller und gesellschaftlicher Probleme auf ein sehr abstrakt formuliertes
ökonomisches Denken nicht verzichten kann.
Wertfreier Umgang mit Werten. Besondere fachtypische Schwierigkeiten gibt es schon immer in den zur Politisierung neigenden
Sozialwissenschaften, wenn es um das Verhältnis von Werten und Tatsachen geht, beziehungsweise um das von Theorie und Praxis oder von Wissenschaftlichkeit und Engagement. Hier sorgt die Albertsche Wissenschaftslehre für Aufklärung und neue Methoden: Sie lehrt, rational mit Werten umzugehen; den ›Naturalismus‹ als das Programm, Theorien zu konstruieren und sie durch Alternativenvergleich und Kritik zu verbessern, anstatt bei Begriffsbildung, Beschreibungen und Interpretationen stehen zu bleiben. Sie wirbt für die Beseitigung störender Fachgrenzen insbesondere in der Ökonomie, um hier z. B. die Theorien der
Psychologie und
Kognition einzubeziehen. Sie plädiert für bestimmte Werte, Ziele und Ordnungsprinzipien, wie z. B. dafür, unbeschränkt Kritik zu äußern und alternative Vorschläge einzubringen, was die soziale Grundlage aller Wissenschaften ist.
Eine Methodologie der Kritik in einem Lehrbuch darstellen und vermitteln. Herkömmlich versteht man unter einem "Lehrbuch" einen abgeschlossenen Fundus gesicherten Wissens, was Scholastik und passives Nachahmen nahelegt. Die zu vermittelnde Methode ist hier jedoch "Konstruktion und Kritik", wenn man so will, eine Dialektik von Affirmation und Negation. Das soll heißen: Die klare und formal stringente Exposition der Thesen ist nur als Vorbereitung zu sehen, dieselben möglichst scharf der Bewährung durch die Kritik durch Alternativen auszusetzen. Der Wert einer These liegt nicht so sehr in dem, was sie positiv behauptet, sondern in den Alternativen, die durch sie als falsch ausgeschlossen werden.
In diesem Sinne kann ein Lehrbuch des Kritischen Rationalismus mitnichten als eine Sammlung unüberholbarer Wahrheiten verstanden werden, sondern lediglich als Versuch einer Kodifikation und als didaktisch bedachter Einstieg zu für einen bestimmten Zeitpunkt kritischen Denkens akzeptierter Resultate, die das eigene Weiterdenken ermöglichen. Aufschreiben ist hier also nichts weiter als Ankämpfen gegen das Vergessen, das Wiederfinden erleichtern soll und das Verbinden von dem, was zweckmäßig zusammengehört.
Anderswo mehr. Was einzelne Fachbegriffe wie
Modellplatonismus,
Brückenprinzipien,
Münchhausentrilemma,
Immunisierungsstrategie usw. anbelangt, so sei auf die Wikipedia verwiesen. Fachliche Auskunft, verbunden mit dem Hinweis auf die einschlägigen Literaturstellen, erhält man vom Lexikon des Kritischen Rationalismus (Mohr Siebeck 2004), das eine große Zahl Albertscher Begriffe und Argumente eingehend erklärt.
[Bearbeiten] Die Hauptideen Hans Alberts
[Bearbeiten] Logik als Lebensweisheit
Vorwort
Kann wirklich eine Wissenschaft, die so kalt und abstrakt ist wie die Mathematik, kann die Logik zur Lebensweisheit beitragen?
Sie kann! Wir gehen hier von sieben Gesetzen der Logik aus, die jeder ohne Vorkenntnisse leicht verstehen wird. Ihre Gültigkeit kann man sich immer wieder durch eigene Beispiele plausibel machen. Dafür geben wir als Anleitung jeweils ein passendes Beispiel an. Dann wird gezeigt, wie viel man aus dem jeweiligen Logikgesetz für das eigene Alltagsdenken lernen kann oder, wenn man Wissenschaftler ist, auch für die eigene Forschungstätigkeit.
[Bearbeiten] Unterrichtseinheit 1: Wahres aus Falschem
Erstes ehernes Logikgesetz: Aus Falschem kann Wahres folgen
Beispiel:
-
- Alle Königinnen heißen Elisabeth.
- Daraus folgt, dass die englische Königin Elisabeth heißt.
- Das ist wahr.
- Aber es ist falsch zu sagen, dass alle Königinnen Elisabeth heißen, denn die heutige dänische Königin heißt Margarete und die der Niederlande heißt Beatrix.
- Aus Falschem folgte also Wahres.
Aus der Logik lernen wir fürs Leben:
-
- Wenn wir irgendwelche Überzeugungen haben und die bestätigen sich, dann bedeutet das nicht, dass unsere Überzeugung richtig ist. Denn wir wissen ja: Auch aus Falschem kann beliebig viel Wahres folgen.
- Wenn wir also beispielsweise glauben, dass die Klimaerwärmung menschengemacht ist, folgen aus dieser Annahme, dass viele menschengemachte Dinge (Energieproduktion, Glashauseffekt) zu Temperaturerhöhungen führen müssen. Und das ist nachprüfbar tatsächlich der Fall. Dennoch ist damit unsere Überzeugung nicht bewiesen; denn auch wenn sie falsch wäre, würde Richtiges folgen. (Schuld könnte also auch ein bislang unbekannter Effekt sein, der die Zwischeneiszeit in eine ausgeprägte 'Warmzeit' führt.)
- Um mit unserer Überzeugung sicher zu gehen, müssen wir also noch etwas anderes tun, als nur nach Bestätigungen suchen (siehe dazu Unterrichtseinheit 2).
- Wer etwas Wahres sagt, darf deshalb noch lange nicht so tun, als verfügte er über die Quelle der Wahrheit. Sein Ausgangspunkt kann völlig falsch sein.
[Bearbeiten] Unterrichtseinheit 2: Aus Wahrem nur Wahres
Zweites ehernes Logikgesetz: Aus Wahrem kann nur Wahres folgen
- Oder gleichbedeutend: Aus Wahrem kann nie etwas Falsches folgen. Wenn etwas Falsches folgt, können nicht alle Prämissen (die Sätze, von denen ich ausgehe) wahr gewesen sein.
Beispiel: Wenn es wahr ist, dass Gott allwissend und allmächtig ist, dann müssen alle Konsequenzen dieses Satzes (alles, was aus ihm folgt) wahr sein. Zum Beispiel folgt aus ihm: Weil Gott allwissend ist, weiß er, was morgen geschieht und übermorgen und in jeder Zukunft. Es folgt aber auch das: Wenn er allmächtig ist, kann er sich morgen etwas völlig Neues einfallen lassen und in die Tat umsetzen. Dann geschieht etwas, was er zuvor nicht gewusst hat, denn es ist ja etwas total Neues. Doch dann kann er nicht allwissend sein! Die Behauptung ist also falsch, dass er zugleich allwissend und allmächtig ist.
Denk dir selber weitere Beispiele aus!
Aus der Logik lernen wir fürs Leben:
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- Überall, wo es wichtig ist, sicher zu sein, müssen wir ständig nach Konsequenzen suchen und prüfen, ob eine davon falsch ist. (Der technische Ausdruck für diese Methode ist Falsifikationismus.)
- Oder in anderen Worten: Wir müssen immer nach Fehlern suchen.
- Oder noch anders ausgedrückt: Wir müssen kritisch sein.
- Nur wenn wir keine falschen Konsequenzen finden, obgleich wir intensiv danach gesucht haben, können wir entsprechend sicher zu unseren Ansichten stehen. Oder zu unseren 'Theorien', falls wir Forscher sind.
- Statt die Wahrheit unserer Überzeugungen zu begründen, was uns nie gelingen kann (siehe Münchhausen-Trilemma), sagen wir: "wir haben bisher keine Widerlegung gefunden".
- Das ist ziemlich umständlich. Deswegen reden wir dann doch manchmal von der 'Wahrheit' oder sagen "das ist wahr" oder "das ist richtig", wenn wir damit meinen "wir haben nach besten Kräften versucht, irgendwelche Fehler zu entdecken, konnten aber keine finden". Es kommt nicht auf die Wörter an, sondern immer nur auf das, was wir damit meinen! (Gerade deshalb müssen wir aber immer den anderen, mit denen wir sprechen, deutlich machen, was wir meinen.)
[Bearbeiten] Unterrichtseinheit 3: Aus jedem Satz folgt unendlich viel
Drittes ehernes Logikgesetz: Aus jeder Theorie folgen unendlich viele Sätze.
Beispiel: "Es gibt keine Maschine, die mehr Energie erzeugt, als sie verbraucht." Aus diesem Satz folgt, dass die von Donald Duck vorgeschlagene Maschine keine Überschussenergie produzieren kann, die von Daniel Düsentrieb auch nicht, die von Peter Meier nicht, die von Gretel Mühsam nicht und die von unzähligen anderen nicht. Es folgen also beliebig viele Sätze über nicht korrekt arbeitende Maschinen.
Aus der Logik lernen wir fürs Leben:
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- Wenn es unendlich viele Konsequenzen gibt, kann man nie im Voraus wissen, ob eine dabei ist, die unsere Theorie oder Überzeugung widerlegt, weil sie nicht zutrifft, das heißt, weil sie mit den tatsächlich beobachteten Dingen in unserer Welt nicht übereinstimmt.
- Man kann nie wissen, ob nicht eines Tages eine in diesem Sinne falsche Konsequenz entdeckt wird. (Der technische Ausdruck für diese Situation des Menschen ist Fallibilismus, das heißt 'unaufhebbare Fehlbarkeit'. Der technische Ausdruck für das Suchen nach unzutreffenden Konsequenzen ist Falsifikationismus.)
- Wir wissen immer nur sehr wenig. Mit jeder neuen Theorie wissen wir etwas mehr; aber wir wissen ihre unendlich vielen Konsequenzen nicht! (Der passende Ausdruck für die daraus resultierende menschliche Haltung vieler Forscher wie Blaise Pascal, Einstein, Popper ist: 'intellektuelle Bescheidenheit'.)
- Die Logik führt uns die Grenzen der Vernunft vor Augen! – Wir können niemals alles wissen. Unser Unwissen ist immer größer als unser Wissen.
[Bearbeiten] Unterrichtseinheit 4: Unendlich viele Erklärungen
Viertes ehernes Logikgesetz: Tatsächlich beobachtete Fakten können immer mit unendlich vielen verschiedenen Theorien erklärt werden.
Nicht alle diese Erklärungen sind gleich gut. Wie man die beste Erklärung auswählt, wollen wir hier einmal beiseite lassen und nur überlegen, welche interessanten Konsequenzen die logische Tatsache hat, dass unzählig viele Theorien die gleichen Tatsachen erklären können.
Beispiel: Jeder Kriminalroman oder Krimifilm lebt davon, dass immer verschiedene Mörder (oder Täter) in Frage kommen. Man kann sich also viele Theorien vorstellen, wie die Tat abgelaufen sein könnte. Und alle 'passen', wenn man genügend viel Fantasie entwickelt. Jeder Mensch, der den Tathergang ausmalt und hinschreibt, würde andere Details hinzufügen oder weglassen. Jede Geschichte wäre etwas anders. Zu den beobachteten Umständen eines Mordes kann man sich immer unendlich viele Tathergänge denken.
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- Für die, die sich an ihre Schulmathematik erinnern, kann man die Allgemeingültigkeit etwas plausibler machen: Durch die gegebenen Punkte in einem x-y-Koordinatensystem kann man immer beliebig viele Kurven (Polynome, best fits) legen. Die Kurven stehen hier für Theorien oder Aussagen, die einen Satz von beobachteten Fakten erklären. ('Erklären' heißt, etwas aus einer Theorie ableiten. Siehe dazu die etwas technischeren Begriffe nomologisch-deduktive Erklärung oder Hempel-Oppenheim-Schema.)
Aus der Logik lernen wir fürs Leben:
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- Die Tatsache, dass alles gut in eine Theorie passt, ist keine Indiz für deren Richtigkeit. Unendlich viele Theorien 'passen'.
- Es gibt immer irgendwelche Alternativen. Wir müssen also immer nach der besseren Alternative suchen. Das 'Denken in Alternativen' wird zur Pflicht.
- Jede Theorie ist revidierbar. Es kann jederzeit eine bessere Theorie auftauchen.
- Der Dissens ist oft wichtiger als der Konsens. Das heißt: Wo unterschiedliche Meinungen diskutiert werden, haben wir größere Chancen, auf die bessere Alternative zu stoßen, als dort, wo man Konsens sucht und nur noch über eine Meinung redet.
Falls du bisher einen Horror vor Logik hattest, merkst du vielleicht jetzt: gar nicht so übel! Damit kann man etwas anfangen. Im Folgenden wird es etwas technischer. Aber lass dich nicht abschrecken. Überflieg erst mal die nächsten Unterrichtseinheiten. Du siehst vielleicht, dass auch sie uns wieder nützliche Methoden an die Hand geben, die nicht nur in der Wissenschaft, sondern in jeder Lebenslage wichtig sind. Vielleicht kommst du zu der Auffassung: der kleine Aufwand lohnt sich.
[Bearbeiten] Unterrichtseinheit 5: Beliebiges aus Widersprüchen
Fünftes ehernes Logikgesetz: Aus Widersprüchen folgen beliebige Behauptungen.
Beispiel: Jemand schreibt in seiner Doktorarbeit: Die globale Erwärmung rührt vom Glashauseffekt her. 200 Seiten später schreibt er: Die globale Erwärmung kann vom Glashauseffekt herrühren ODER von einer interglazialen Supererwärmung (meint: eine starke Warmzeit mit relativ hohen Jahresdurchschnittstemperaturen zwischen zwei Eiszeiten). Am Schluss der Arbeit hat er den Anfang ganz vergessen und widerspricht sich: Jetzt schreibt er auf einmal, die globale Erwärmung rühre nicht vom Glashauseffekt her. Daraus folgt nun ganz streng logisch, dass nur die interglaziale Supererwärmung Schuld an der globalen Erwärmung sein kann. (Der ODER-Satz muss wahr sein, weil der Glashaussatz wahr ist. Weil der Glashaussatz gleichzeitig auch nicht wahr sein soll, folgt aus dem ODER-Satz, dass die interglaziale Supererwärmung wahr ist.) Und jetzt kommt das Wichtige: Der logische Widerspruch allein hat genügt, eine ganz beliebig These zu bewahrheiten. Denn an der Stelle der 'interglazialen Supererwärmung' hätte jede andere These stehen können und sie wäre allein durch den Schnitzer, sich zu widersprechen, wahr geworden.
Aus der Logik lernen wir fürs Leben:
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- Widersprüche haben verheerende Folgen. Mit ein bisschen logischer Umformung ermöglichen sie, jede beliebige Behauptung als wahr zu beweisen. Und die Verneinungen dieser Behauptungen können genauso bewiesen werden. Das kann keinen Wert haben.
- Widersprüche müssen immer vermieden werden.
- Wenn man wie Hegel glaubt, Widersprüche seien etwas Gutes, dann kann das nur metaphorisch, also als Bild, gemeint sein. Etwa in diesem Sinne sind Widersprüche etwas Gutes: Suche nach Fehlern (Widersprüchen) und du lernst, wo deine Überzeugung falsch ist und du kannst sie korrigieren.
[Bearbeiten] Unterrichtseinheit 6: Sei gehaltvoll!
Sechstes ehernes Logikgesetz: Nur 'gehaltvolle' Aussagen sagen etwas Informatives über die Welt.
Beispiel: Der Wetterbericht "Teils heiter, teils wolkig" ist relativ gehaltlos, das heißt, er schließt nur wenige Wetterkonstellationen aus. Die Meldung "Ein regenfreier, windstiller, sonniger Tag" gibt uns viel mehr Informationen, weil er viele Wetterkonstellationen (Wind, Sturm, Hagel, Regen, Wolken,...) ausschließt.
Was 'gehaltvoll' ist, kennen wir schon aus dem Alltagsdenken: Eine 'gehaltvolle Aussage' bedeutet: Er oder sie redet nicht leeres Zeug, sondern bringt echte Informationen. Und eine 'gehaltlose Rede' ist eine mit viel Bla-bla und wenig oder gar keiner Information.
Wir wollen nun zeigen, wie nützlich es manchmal sein kann, Alltagsbegriffe etwas schärfer zu definieren (oder zu 'explizieren'). Eine solche Definition oder Explikation hilft uns zu entscheiden, ob die Rede der Kanzlerin gehaltvoller war als die Rede des Oppositionsführers. Sie setzt uns sogar in die Lage festzustellen, ob Wissenschaftler eine ungültige Begründung für ihre Theorie vorbringen (siehe nächste Unterrichtseinheit).
Dazu definieren wir den 'informativen Gehalt' einer Aussage (oder Theorie) so: Der 'informativen Gehalt' ist um so größer, je mehr logisch mögliche Sätze ausgeschlossen werden.
Beispiel: (1) "Arbeitslosigkeit rührt von den hohen Nebenkosten her", (2) "Arbeitslosigkeit rührt oft von den hohen Nebenkosten her", (3) "Arbeitslosigkeit rührt manchmal von den hohen Nebenkosten her". – Welcher Satz ist am gehaltvollsten?
- Der erste, denn er schließt am meisten aus. Er ist deshalb auch der riskanteste, weil man ihn am leichtesten widerlegen kann. Politiker, die nicht viel riskieren wollen, werden lieber den letzten Satz behaupten, also die gehaltlose Rede bevorzugen, die wenig ausschließt.
Erfinde ähnliche Beispiele!
Aus der Logik lernen wir fürs Leben:
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- Wenn du dich gegen Kritik verwahren willst, verwende reichlich Wörter wie 'oft', 'im Allgemeinen', 'durchaus', 'mitunter'. Aber deine Rede wird immer gehaltloser! Und manche merken das und wenden sich ab.
- Wenn du das Produkt eines Autors als 'gehaltlos' kritisieren willst, achte darauf, wie oft er derartige Wörter verwendet, die dafür sorgen, dass immer weniger Wirklichkeit ausgeschlossen wird.
- Kluge Forscher, die nicht riskieren wollen, auf Fehlern sitzen zu blieben, wählen immer die gehaltvollste Rede. Im Unterschied zu Politikern sagen sie: Je mehr ich kritisiert werde, desto schneller komme ich vorwärts.
- Für die Politik gilt natürlich das gleiche: Je schneller wir die Fehler erkennen, desto schneller kommen wir vorwärts. Aber für Politiker gilt das nicht. (Das ist eine Randüberlegung wert: Woran liegt das? Ist daran vielleicht jene Presse schuld, die mit großer Lust Sachprobleme in Personalprobleme umdeutet?)
- Widersprüche behaupten alles Mögliche (siehe oben Unterrichtseinheit 5); sie schließen also nichts aus, sie haben also den informativen Gehalt Null. Sie müssen also auch deshalb vermieden werden.
[Bearbeiten] Unterrichtseinheit 7: Keine gehaltserweiternden Schlüsse
Siebtes ehernes Logikgesetz: Es gibt keine gehaltserweiternden Schlüsse.
Beispiel: Wenn ich weiß, dass zehn Schwäne die Vogelgrippe haben, kann ich daraus nicht den Schluss ziehen, dass alle Schwäne sie haben.
Der Grund ist: Die Logik kann nicht 'wissen', was es in der Welt gibt und was es nicht gibt. Einhörner und Weihnachtsmänner sind logisch möglich. Die Logik kann innerhalb des logisch Möglichen nicht unterscheiden, was empirisch (erfahrungsgemäß) möglich ist; sie kann keine neue Information produzieren. Das müssen wir selber besorgen. Mit der Logik kann ich immer nur die Information, die ich schon habe, anders ausdrücken oder verringern, jedoch niemals vergrößern.
Aus der Logik lernen wir fürs Leben:
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- Aus Erfahrung gewonnene Verallgemeinerungen kannst du nicht logisch mit dieser Erfahrung begründen. Z.B. ist "Alle X (Amerikaner, Russen,...) sind Y; denn ein paar X kenne ich." kein logischer Schluss, sondern wahrscheinlich eine gewagte Vermutung, die du genau prüfen musst.
- Wenn Wissenschaftler sagen, etwas sei richtig (z. B. das Ohmsches Gesetz), "weil wir es tausende Male beobachtet haben", so begehen sie genau den Fehler, uns oder sich selbst mit einem verbotenen gehaltserweiternden Schluss eine völlig falsche Begründung zu geben. Natürlich können sie trotzdem Recht haben. Sie drücken sich nur schlecht aus. Sie hätten sagen müssen: Wir haben tausende Male versucht, eine Abweichung von diesem Gesetz zu finden, aber es gelang beim besten Willen nicht (siehe Unterrichtseinheit 2). Und das Gesetz gilt auch deshalb als richtig, weil es die Beobachtungen besser erklärt als jede andere Theorie.
- Die tägliche Wiederkehr der Sonne haben wir seit Menschengedenken beobachtet. Also wird die Sonne immer aufgehen (der Fachbegriff für diese Schließweise ist Induktion). Auch das ist ein ungültiger gehaltserweiternder Schluss. Wir lernen daraus: Wenn die Rechtfertigung solcher sehr gut bewährter Theorien mit dem gehaltserweiternden Schluss nicht möglich ist, weil er ungültig ist, dann muss die akzeptable Rechtfertigung für unsere Alltagsüberzeugungen und für unsere wissenschaftlichen Theorien ganz woanders gesucht werden.
- Da jedes aus Erfahrung gewonnene Gesetz durch ein einziges Gegenbeispiel widerlegt werden kann, ist die Zeit der Nichtwiderlegung bei grundsätzlich widerlegbaren Gesetzen ein Gütemerkmal für diese Gesetze. Beispiele für solche gut bewährten Induktionsgesetze sind die Logikgesetze (im wesentlichen von Aristoteles ausgearbeitet) und aus der Physik die Relativitätstheorie und die Quantenelektrodynamik.
Jetzt sind wir ziemlich weit gekommen, weiter als viele Wissenschaftler! Denn wir wissen, dass die Begründung für sehr gut bewährte allgemeine Gesetze mit dem Hinweis "das haben wir immer wieder beobachtet" logisch nicht haltbar ist. Welche Rechtfertigung für allgemein anerkannte Gesetze wäre dann akzeptabel? Das können wir hier nur andeuten: Man muss untersuchen, auf welche Weise dieses Prädikat "sehr gut bewährt" zustande gekommen ist. Eine Möglichkeit zeigt die Unterrichtseinheit 2. Die einschlägige Quelle für Untersuchungen dieser Art ist (hier einmal Popper statt Albert): Popper, Logik der Forschung, Abschnitt 82 und dessen Vermutungen und Widerlegungen, Abschnitt 10, 3, X.
[Bearbeiten] Quellen
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- Hans Albert, Kritik der reinen Erkenntnislehre, Abschnitt 16. Dieser Text lieferte den wissenschaftlichen Hintergrund für diesen Abschnitt.
- Siehe auch die Stichwörter "Logik", "Minimallogik", "Gehalt", "Widerspruch", "Bewährung" in einem Fachlexikon wie Lexikon des Kritischen Rationalismus (Tübingen 2004).
- Siehe in der Wikipedia die Einträge Falsifikationismus, Fallibilismus, Kritischer Rationalismus, Hans Albert, Karl Popper.
Anmerkung: Wer das Wort 'gehaltserweiternd' auf Englisch braucht, findet es nicht leicht in einem Lexikon. Es heißt 'ampliative'.
[Bearbeiten] Begründungsproblem
[Bearbeiten] Wahrheit zu haben ist immer möglich
Die Wahrheit auszusprechen, ist immer möglich. Zu wissen, dass man die Wahrheit gefunden hat, ist nicht möglich. Das ist die Quintessenz dieses Abschnitts " Das Begründungsproblem".
Überall, wo es nur zwei Möglichkeiten gibt und eine davon Realität werden muss ("morgen gewinne ich im Lotto oder ich gewinne nicht im Lotto"), kann man aufs Geratewohl einige der möglichen Aussagen aussprechen. Viele davon können wahr sein. Wenn ich unzählige solcher Sätze, bejaht und verneint, aufschreibe, muss die Hälfte davon die absolute Wahrheit sein, das heißt die von mir, dem Sprecher, unabhängige Wahrheit: Die Wahrheit auszusprechen, ist also immer möglich.
Wenn ich heute sechs verschiedene Zahlen zwischen 1 und 49 aufschreibe, können das tatsächlich diejenigen sein, die bei der nächsten Ziehung im Lotto gewinnen. Ich habe zufällig die Wahrheit hingeschrieben.
Wahrheit ist möglich. Aber kann ich wissen, dass ich die Wahrheit weiß?
[Bearbeiten] Das Begründungsproblem
Die Philosophen der klassischen Begründungsvorstellung glauben tatsächlich, dass man wissen könnte, die Wahrheit gefunden zu haben, wenn man nur die richtige Begründung hätte. Typisch für diese Philosophen und für das Denken der meisten heutigen Menschen ist der Glaube an das, was Leibniz das Prinzip des zureichenden Grundes nennt. Im Alltagsdenken ist uns dieses Prinzip nicht richtig bewusst, es ist aber trotzdem lebendig und entspricht ungefähr folgender Leitidee: Wenn wir sicher wären, dass eine Aussage wahr ist, so gibt es einen wirklichen Grund für diese Aussage. - Das ist doch sehr einleuchtend, oder?
Gottfried Wilhelm Leibniz hat diesen Gedanken in seiner Monadologie (1714, Reclam 1954 und später), § 32, etwas gelehrter ausgedrückt:
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- Der Vernunftsgebrauch gründet sich auf "das Prinzip des zureichenden Grundes, kraft dessen wir erwägen, dass keine Tatsache wahr seiend oder existierend, keine Aussage wahrhaftig befunden werden kann, ohne dass ein zureichender Grund sei, warum es so und nicht anderes ist, obwohl uns diese Gründe in den meisten Fällen ganz und gar unbekannt sein mögen."
Diese Leitidee, lehrt Hans Albert, ist irreführend. Die Forderung nach einer solchen Begründung kann nie erfüllt werden und sie lenkt uns in ein geistiges Sumpfgebiet, dem man nur schwer wieder entkommt. Vor allem lenkt uns diese falsche Leitidee von dem Weg ab, der uns zu einem realistischen Umgang mit der Wahrheit führen könnte.
Auf diesen realistischen Umgang mit der Wahrheit kommen wir erst später wieder zu sprechen (siehe unten "Dritter Weg" und spätere Abschnitte). Wir wollen jetzt hören, warum die alte Leitidee unerfüllbar und irreführend ist.
[Bearbeiten] Das Münchhausen-Trilemma
Eigentlich liegt das Problem auf der Hand: Wie immer die Begründung (für die Wahrheit einer Aussage) aussieht, wir können nicht wissen, dass sie wahr ist, wenn sie nicht ihrerseits begründet werden kann. Und diese Begründung muss auch wieder begründet werden. Wir haben ein Problem und drei vergebliche Lösungsversuche:
[Bearbeiten] (1) Unendlicher Regress
Wer sicher begründen will, muss seine Gründe begründen, für diese wieder sichere Gründe nennen, für diese wieder usw. bis in alle Unendlichkeit (genannt 'unendlicher Regress' für 'nie endendes Zurückgehen zu den Urgründen').
Wie oft ist uns dieses Problem im Alltagsdenken schon einmal begegnet? Ziemlich selten. Allenfalls, wenn Kinder uns mit Fragen löchern! Dass zureichende Begründungen konsequenterweise auf einen 'unendlichen Regress' hinauslaufen würden, machen wir uns meistens gar nicht bewusst. Außerdem wenden wir einen 'Trick' an, der das Zurückgehen auf wahre Gründe vermeidet. D


