Aristoteles und die Physik/ Buch I Über Prinzipien

Aus Wikibooks
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Aristoteles’ Prinzipienbegriff[Bearbeiten]

Prinzipien sind die „Erste Methode“, Grundsätze aber auch Grundbausteine, d. h. Elemente der aristotelischen Philosophie. Wenn Aristoteles von Prinzip spricht, verwendet er das Wort Archē. Diese Prinzipien sind der beste Ausgangspunkt für eine Untersuchung und für das Lernen, sowohl real (der zu Grunde liegende Stoff einer Sache) als auch epistemologisch (als Erkenntnisprinzipien).

Man kann durch zwei verschieden Wege zu Prinzipien gelangen:

  • induktiv: Man begibt sich auf die Suche nach Prinzipien mit Hilfe der Verstandeskraft allein.
  • deduktiv: Man geht von Sinneswahrnehmungen aus, abstrahiert diese und gelangt so zu Prinzipien.

Aristoteles teilt die Realprinzipien folgendermaßen ein:

  • eines (hen)
    • bewegt
    • unbewegt
  • mehrere (polla)
    • begrenzt viele
    • unbegrenzt viele
      • in der Gattung gleich, in der Gestalt verschieden
      • nach Gattung und Art verschieden

Erläuterung:

Aristoteles spricht hier von dem allen Dingen zu Grunde liegenden Stoff(en). Eines (hen) bedeutet hier, dass alle Dinge ein Grundelement aufweisen und aus einem Stoff gemacht sind.

Beispiele für ein bewegtes Prinzip liefern die Naturphilosophen.

  • Thales dachte, dass der Grundstoff aller Dinge das Wasser ist,
  • Anaximenes sah die Luft als Grundstoff an,
  • Heraklit dagegen behauptete, das Feuer wäre Grundstoff aller Dinge.

Die Eleaten (Parmenides, Melissos und Zenon) hingegen vertreten die Theorie eines unbewegten Prinzips. Alles besteht aus einem Stoff, der unbewegt ist. Daher ist Bewegung auch nicht möglich, da die Wirklichkeit sozusagen so voll von diesem Stoff ist, dass es keine „Löcher“ gibt, in denen sich Materie bewegen kann, sondern alles ist angefüllt mit dem Grundstoff und Bewegung nur eine Illusion. Diese Position verneint Aristoteles vehement, schließlich ist einer seiner wichtigsten Begriffe in der Naturtheorie die Bewegung, die nach dieser Theorie nicht möglich ist.

Stellvertretend für mehrere Prinzipien (polla) stehen:

  • für begrenzt viele: Empedokles. Er geht von den vier Elementen, Liebe und Streit als Prinzipien aus.
  • für unbegrenzt viele:
    • Demokrit: Er sagt, alles bestehe aus Atomen. Sie sind von der Gattung gleich (da sie ja alle Atome sind), haben aber verschiedene Arten (Sauerstoff-Atome, Wasserstoff-Atome). Diese Ansicht hält sich bis heute.
    • Anaxagoras: Er geht von unendlich vielen verschiedenen Stoffen aus, die nicht der gleichen Gattung angehören.

Die eleatische Herausforderung[Bearbeiten]

Bevor Aristoteles also seine Naturtheorie aufstellen und über Bewegung sprechen kann, muss er sich die eleatische Position des einen unbeweglichen Urstoffs stellen und sie widerlegen. Zur Verdeutlichung werden die gegensätzlichen Standpunkte noch einmal (vereinfacht) dargestellt:

Elea sagt: „Alles ist eins und unbewegt.“

Aristoteles sagt: „Die Naturdinge, entweder alle oder einige, sind bewegt.“

Deshalb stellt Aristoteles Gegenargumente zu Parmenides (als Vertreter der eleatischen Position) auf: 1. Vorargument: Sein als eines kann kein Prinzip haben. (Denn dann gäbe es zwei voneinander verschiedene Dinge: Das Sein und sein Prinzip). Aristoteles sieht sich deshalb auch nicht auf der gleichen Gesprächsebene mit Parmenides, da dieser von einem anderen Punkt aus argumentiert. Denn Aristoteles denkt in bestimmten Kategorien, die bei 2. näher erläutert werden.

2. Was bedeutet „Seiendes“ (on)? „Seiendes“ kann von den Bedeutungsmöglichkeiten her in verschiedene Kategorien eingeteilt werden:

  • Substanz (zu Grunde liegende Kategorie)
  • qualitativ (Akzidens oder Eigenschaft)
  • quantitativ (Akzidens oder Eigenschaft)

Es gibt also schon in den Bedeutungsmöglichkeiten des „Seins“ eine Vielheit; weiter kann das „Sein“ als qualitative oder quantitative Eigenschaft nur an etwas vorkommen, die Vielheit ist also wieder gegeben.

3. Was bedeutet „Eines“ (hen)?

  • Kontinuum (also „zusammenhängend“)

ein Kontinuum ist Vielheit, da das Kontinuierliche ins Unendliche teilbar ist. Dies ist eine Definition Aristoteles vom Kontinuum in einem anderen Buch. Deshalb besitzt es also unendlich viele Teile und eine Vielheit ist gegeben.

  • Das Eine ist ein Unteilbares
    • wenn es quantitativ unteilbar ist, bezieht sich das auf eine (unendliche) Anzahl im Mengenraum und ist Vielheit
    • wenn es qualitativ unteilbar ist, dann lässt sich erwidern, dass Qualität eine Intensität nach verschiedenen Graden hat (lauwarm, knallrot, sehr mutig), also wieder eine Vielheit gegeben ist.
    • begrenzt oder unbegrenzt teilbar: setzt eine Grenze zwischen zwei Dingen voraus, daher Vielheit
  • Das Eine bezeichnet das, was dem Begriff nach eines ist.

Heraklit behauptet hier die Einheit der Gegensätze, da ja sowohl ein Ding als auch sein Gegenteil aus dem Einen stammen sollen. Dies widerspricht Aristoteles’ Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch. Es ist absurd, dass etwas gleichzeitig etwas und sein Gegenteil ist.

Mit diesen Argumenten im Buch I sieht Aristoteles die eleatische Herausforderung als widerlegt an und kann nun beginnen, seine Theorie auszubreiten, da das Gegenteil ihrer Grundannahme der Bewegung aller Dinge widerlegt ist.

Aristoteles’ Argument gegen Melissos[Bearbeiten]

Nebenbei, sozusagen als kleiner Auftakt zu Buch II, entkräftet Aristoteles dieses Argument von Melissos:

  • Wenn alles gewordene einen Anfang hat, hat das Nichtgewordene keinen Anfang

Dieses Argument lässt sich mit Hilfe der Logik allerdings so leicht widerlegen, wie auch Aristoteles es in Buch I angibt. Melissos’ Argument lässt sich mit logischen Operatoren so darstellen:

A → B  dann Nicht-A → Nicht-B

Das ist eine ungültige Konversion, da man bei A → B nur dann Nicht-A annehmen kann, wenn man Nicht-B gegeben hat.

In einem Bespiel ausgedrückt: Wenn alle Affen Bananen mögen, dann mögen alle Nicht-Affen keine Bananen. Dieses Argument ist offensichtlich falsch.

Zurück zu Startseite Zurück zu Startseite | Hoch zum Inhaltsverzeichnis Hoch zum Inhaltsverzeichnis | Vor zu Buch II: Über die Natur Vor zu Buch II: Über die Natur