Einführung in die Theorien der internationalen Beziehungen/ Englische Schule

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9. Englische Schule[Bearbeiten]

In der heutigen Zeit erlebt die Englische Schule in den internationalen Theorien eine gewisse Renaissance. Die Englische Schule zeichnet sich zunächst einmal durch einen interpretativen Ansatz aus. Sie lehnt die positivistische, naturwissenschaftliche Herangehensweise an sozialwissenschaftliche Themen der internationalen Beziehungen ab. Das zweite Merkmal ist, dass sie eine normative Theorie ist, die versucht, eine Art ethischen Standard für internationale Beziehungen zu entwickeln. Die Englische Schule ist keine klare, geschlossene Theorie. Es bleibt bis heute schwierig, einzelne Fachartikel der Englischen Schule konkret zuzuschreiben. Zweifellos ist das Hauptwerk der Englischen Schule das Buch The Anarchical Society. A Study of Order in World Politics von Hedley Bull.

Hedley Bull versuchte, eine Theorie der internationalen Beziehungen zu entwickeln, die weder realistisch noch idealistisch und weder historisch noch positivistisch ist. Sehr erfolgreich war er damit eigentlich nicht, gilt doch die Englische Schule und Bull selbst vor allem als widersprüchlich und ohne klare Aussagen. Die zentrale Idee in dem Ganzen ist vor allem die der „internationalen Gesellschaft“: eine wichtige Schnittmenge jener Autoren, die man der Englischen Schule zurechnen könnte.

Internationale Gesellschaft[Bearbeiten]

Bull fasst drei Hauptströmungen der Geistesgeschichte zusammen: Realisten, Rationalisten und Revolutionisten. Realisten stehen in den internationalen Beziehungen für die pessimistische Weltsicht, dass der Mensch in seinem Naturzustand auf Machtgelüste und Egoismus reduziert und die Anarchie im internationalen System durch Misstrauen und Krieg geprägt sei. Die Revolutionisten seien die Idealisten, die an universelle Werte glaubten und durch eine Weltgesellschaft den „ewigen Frieden“ errichten wollten. Die Rationalisten schließlich erkennen zwar politische Realitäten an, glauben jedoch an die Vernunft des Menschen und dass dieser durch Institutionen sich nach und nach eine bessere Welt schaffen könnte. Bull sieht Letztere als den „Mittelweg“. Er erkennt die Überlegungen des Realismus an (siehe Realismus), sie seien ihm jedoch zu einseitig. Was Realisten übersehen würden, wäre die Existenz einer internationalen Gesellschaft, die gemeinsame Werte und Interessen repräsentiert. Diese ist nicht (nur) als Zivilgesellschaft zu verstehen, sondern vor allem als Gesellschaft von Staaten. Zuerst existiert ein internationales System, in welchem dann die Staaten eine Gesellschaft (für Bull auch „Ordnung“) bilden würden. Wie eine solche Gesellschaft schließlich überhaupt möglich ist oder entsteht, bleibt unklar. Womöglich entsteht eine internationale Gesellschaft dann, wenn sich eine Gruppe von Staaten durch gemeinsame Werte und Interessen dazu entscheidet, zusammen zu handeln. Demnach haben „internationales System“ und „internationale Gesellschaft“ zwei völlig verschiedene ontologische Voraussetzungen.

Während für Realisten das Machtgleichgewicht zwingend aus der Struktur (Neorealisten) oder dem Automatismus aus staatlichem Handeln (Realisten) hervorgeht, lehnt Bull dies ab und erklärt, dass das Machtgleichgewicht nur aus einer bewussten Entscheidung innerhalb der internationalen Gesellschaft entstehen kann. Diese Entscheidung werde zur Stabilität des gesamten Systems getroffen und ist demnach normativ. Dem geht keine Struktur oder automatische Machtpolitik voraus. Um trotz der oben erwähnten Differenzierung zwischen „System“ und „Gesellschaft“ beide Teile zu analysieren, müssen – aufgrund der unterschiedlichen ontologischen Basis – auch verschiedene Methoden benutzt werden. Während das System positivististisch analysiert werden kann, muss die Gesellschaft interpretativ erfasst werden. Hierbei ist es also nicht ausreichend, wie Realisten es tun, allein aus staatlichen Interaktionen Schlussfolgerungen zu ziehen, sondern man müsse das Konzept der Staaten (eben die normative Grundlage der internationalen Gesellschaft) begreifen und erfassen.

Interpretative Methodologie[Bearbeiten]

Demnach wird auch verständlich, wieso die Englische Schule naturwissenschaftliche, auf Empirie zurückgreifende Methoden so scharf ablehnt. Denn Werte und Ideen, die in der internationalen Gesellschaft eine Rolle spielen, sind kaum zu operationalisieren und demnach empririsch nicht zu fassen. Auch wenn Bull selbst nicht weiter auf seine verlangten Methoden eingeht, meint er die traditionellen Methoden; den Rückgriff auf Philosophie, Geschichte und Recht in der Behandlung der „großen“ politischen Fragen. Dagegen standen die Behavioristen, die eine an die Naturwissenschaften angelehnte Herangehensweise an sozialwissenschaftliche Fragen einführen wollten. Bull hatte in den 1960ern während der großen Debatte zwischen Traditionalisten und Behavioristen nicht ohne Polemik immer wieder gegen die „behavioristische Wende“ in den Sozialwissenschaften und der Einführung von bspw. statistischen Methoden gewettert. Gewinner waren trotzdem (oder gerade deswegen) die Behavioristen, die sich schließlich in den Sozialwissenschaften durchgesetzt haben. Umso interessanter ist die eingangs erwähnte Renaissance der Englischen Schule in heutiger Zeit.

Weiterentwicklung[Bearbeiten]

Aufgrund der mangelnden Kontur der Englischen Schule haben viele Autoren versucht, sie mit anderen Schulen zu verbinden. So kann durch die Logik der Anarchie (im Sinne des Neorealismus) eine internationale Gesellschaft (im Sinne der Englischen Schule) als natürliches Produkt entstehen. Andere deuten rückwirkend Bulls Texte einfach um und sehen in seiner Dreiteilung von Realisten, Rationalisten und Revolutionisten die drei Methoden Positivismus, Hermeneutik und Kritische Theorie. Dialektisch würden die ersten beiden letztere hervorbringen. Damit wäre die Englische Schule der Vorläufer der Kritischen Theorie gewesen. Auch Autoren, die versuchen, die internationale Politik wieder „normativer“ zu sehen und zu beeinflussen, greifen auf die Englische Schule zurück (obwohl sich Bull eigentlich gegen universelle Werte ausgesprochen hatte). Letztendlich steht die Englische Schule vor allem für eine pluralistische Herangehensweise, die mit verschiedenen Methoden die verschiedenen, von ihr identifizierten Ebenen (internationales System, internationale Gesellschaft, Weltgesellschaft), analysieren will (positivistisch, hermeneutisch, kritisch).

Viele Autoren fordern, man solle endlich das Kapitel der Englischen Schule schließen oder sie am besten gar nicht erst als kohärente Theorie der internationalen Beziehungen auffassen. Denn dies ist sie de facto auch eigentlich nicht. Da die Englische Schule dennoch immer wieder in den Diskussionen auftaucht, auch und gerade heute, hat sie sich einen Platz in diesem (Wiki)Book verdient.