Ethify Yourself - Ethisch leben und wirtschaften: Ethify Your Media

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Für manche Leute wird Ethify Yourself eine Bestärkung sein, den eingeschlagenen Weg für ein ethisches Leben fortzusetzen, andere werden vielleicht mit einigen Übungen beginnen wollen. Doch über die zehn Prozent Marke kommen wir seit Jahrzehnten nicht hinaus, auch wenn sich viele tausend NGOs weltweit Ökologie und Fairness auf ihre Fahnen heften. Schon die Flower-Power-Generation fuhr 2CV und die Öko-Fundis der 1980er Jahre trugen Birkenstock und verwendeten Jute statt Plastik. Heute ist Bio auch im Supermarkt angelangt, doch wer greift tatsächlich konsequent zu? Um neue Zielgruppen zu bedienen, benötigen wir Kanäle, die auch die anderen neunzig Prozent erreichen und überzeugen.

Zielgruppen verorten[Bearbeiten]

Das Einfordern von Klimaschutzzielen und die Loslösung von Konsum- und Wachstumszwängen muss sich von den üblichen Verdächtigen emanzipieren und endlich weitere Kreise ziehen. Welche Trend - Gruppen beachten diesen Themen wenig oder könnten Ziel einer Kampagne sein? Krisengeschüttelte Boomerangs, also Jugendliche, die wegen finanzieller Probleme wieder bei den Eltern einziehen und für diverse Verheissungen sehr empfänglich wären? Oder Dinkies (double income - no kids), die gerne gut essen gehen und biologischen Wein trinken. Oder mit einer persönlichen Rückbesinnung bei den Frumpies (former radical upward moving people), spätestens bei der Midlife Crisis? Vielleicht sind die Hoffnungsträger die Leonardos, die sich durch eine überdurchschnittliche Bildung auszeichnen und an Kultur, Politik, aber auch neuen Medien interessiert sind. Schulkinder mit hohem Kaufkraftpotenzial, auch Skippies genannt (school kids with income purchasing power) könnten schon jung ihr Kaufverhalten anpassen oder einschränken versuchen. Denn das tun die Puppies sowieso (poor urban professionals). Vielleicht liegt das Potenzial aber auch bei Migranten in der zweiten oder dritten Generation.

Schauen wir uns an, wie Soziologen die Bevölkerung einteilen. Sinus-Milieus® gruppieren Menschen, die sich in ihrer Lebensauffassung und Lebensweise ähneln. Die grundlegende Wertorientierung geht dabei ebenso in die Analyse ein wie Alltagseinstellungen zu Arbeit, Familie, Freizeit, Geld und Konsum. Zwischen den unterschiedlichen Milieus gibt es Berührungspunkte und Übergänge.[1]


BildBild Sinus Milieus <- ist eh aus Wikipedia
Sinus® Milieus in Deutschland, Österreich und der Schweiz (Quelle: Wikipedia)

Die Entwickler dieser Analysemethode fassen die Vorteile folgendermassen zusammen: „Um Menschen bzw. Zielgruppen zu erreichen, muss man ihre Befindlichkeiten und Orientierungen, ihre Werte, Lebensziele, Lebensstile und Einstellungen genau kennen lernen, man muss die Lebenswelten der Menschen „von innen heraus“ verstehen, gleichsam in sie „eintauchen“. Nur dann bekommt man ein wirklichkeitsgetreues Bild davon, was die Menschen bewegt und wie sie bewegt werden können.“[2] Solche Analysen sind keineswegs trivial, und die Zielgruppen sind immer stärker verflochten oder es schlagen mehrere Herzen in einer Person: vormittags konservativ, nachmittags alternativ und abends konsumorientiert. Der Raster leistet jedoch eine erste Orientierung für die Bewertung, welche Medien sich für welche Zielgruppen eignen.

Post-materiell oder experimentell zu leben und handeln ist seit den 68ern immer wieder mal hipp. Heute sind es die LOHAS, die einen "Lifestyle of Health and Sustainability" pflegen, die in der obigen Darstellung im rechten oberen Bereich angesiedelt sind. Kathrin Hartmann beschreibt diese Leute in ihrem Buch "Ende der Märchenstunde" jedoch als unpolitisch und elitär: Wer es sich leisten kann, kauft überdurchschnittlich viel öko und fair und tut sich damit vor allem selbst etwas Gutes. Doch mit strategischem Konsum wird die Welt kaum besser, solange wir nicht auch lernen, zu verzichten: auf Fleisch, Autofahren, Flugreisen, Komfort und Luxus. Die "Lifestyle-Ökos" werden mittlerweile als kaufkräftige Kunden umworben und gestalten ihre Angebote in eigenen Zeitschriften und Katalogen: LOHAS sind mit der letzten Mode gekleidet (wenn auch aus Öko-Baumwolle), fliegen zum Wellness nach Indonesien, zum Extrembergsteigen in die Anden oder zur Selbsterfahrung nach Indien (selbstverständlich mit Treibgaskompensation) und fahren mit dem Hybrid-Geländewagen den Sohn zum Cello-Unterricht und am Wochenende mal schnell zum Schifahren in die Alpen. Auch mit Bionade, Hess Natur und "Zurück zum Ursprung": Die gefahrenen und geflogenen Kilometer steigen weiter, ebenso der Fleischkonsum oder die Wohnfläche pro Einwohner. Dieser Lebensstil kann kein Vorbild sein. Wenn alle Menschen einen solchen Pseudo-Öko-Lifestlye anstreben, führt dies ebenfalls zur globalen Katastrophe.[3]

In den nun folgenden Beschreibungen und Entwürfe von Medien testen wir diese auf ihre dialogische und katharsische Qualität. Welche Medien eignen sich, Argumente glaubhaft zu transportieren, Leute in einen Diskurs einzubinden, Werte zu ordnen oder ein ethisch wertvolles Erlebnis zu vermitteln? Neben Internet-Portalen, Spielen oder Inszenierungen erläutern wir auch die Ziele und Möglichkeiten der Ethify Plattform.

Weiters beschreiben wir hier Ideen und Übungen zu einer kulturellen Betätigung, um die Ziele und Wege für ein ethisches Leben und Handeln einem weiteren Kreis zugänglich zu machen. Manche Medien müssen noch weiter entwickelt werden, andere gibt es noch gar nicht und warten darauf, in dieses Kapitel im Online Buch einzuziehen. Doch zunächst werfen wir einen kritischen Blick auf die heutige Medienwelt und ihre - oftmals vertane - Chance zur Vermittlung ethischer Werte.

Bildung, Wissen und Korruption[Bearbeiten]

Denken wir zurück an die drei Stufen der Moralentwicklung, die auch in der modernen Medienwelt von Bedeutung sind. Besonders gilt dies, wenn Medien unter die Kontrolle von ethisch nicht sehr gut entfalteten Menschen geraten, die auf der präkonventionellen Ebene stecken geblieben sind. Diese werden mittels Korruption versuchen, die Durchsetzung und schon die Gestaltung von Gesetzen zu ihren Gunsten zu manipulieren. Die Moderne setzt dagegen die Demokratie, die über die Gewaltenteilung und das allgemeine Wahlrecht einen fairen Interessenausgleich und ein menschenwürdiges Leben für alle garantieren soll. Die Mächtigen sollen dabei durch eine freie Öffentlichkeit und freie Medien kontrolliert und davon abgehalten werden, für sich, ihre Familien und ihre Konzerne Vorteile auf Kosten der Menschenrechte anderer herauszuholen. Solche komplexen Zusammenhänge zu verstehen setzt bei der Bevölkerung aber angemessene Bildung, aktuelle Berichterstattung über relevante Vorgänge und politisches Interesse voraus.

In unseren heutigen Mediengesellschaften eröffnen sich den Reichen und Mächtigen leider auch immer wirksamere Möglichkeiten, die Öffentlichkeit in ihrem Sinne zu manipulieren. Dabei liegt es in ihrem Interesse, den Menschen Bildung weitestgehend vorzuenthalten, etwa durch Verkürzung von Schul- und Studienzeiten oder durch Propagierung von Bildungsverweigerung in ihren Medienproduktionen: In der mit professioneller Hochkomik produzierten, von einigen sogar für „subversiv“ gehaltenen Zeichentrickserie „Die Simpsons“ etwa findet Streberin Lisa keine Freunde, bleibt Umweltverbrecher Burns immer siegreicher Millionär.

Wenn die Bildung zur puren Berufsausbildung degradiert und das politische Interesse abgetötet ist, fällt auch kaum noch auf, dass aktuelle Berichterstattung über relevante Vorgänge langsam verschwindet. Medien liefern heute oft stereotype, einschläfernde Hofberichterstattung statt Kritik und Analyse. Vorurteile werden bedient und gepflegt, vorzugsweise, wenn sie den Machthabern schmeicheln und ihre Gegner herabsetzen. Ein Beispiel: Wenn einmal ein korrupter Politiker oder Industrieller erwischt wird, folgt meist eine stereotype Skandalisierung, die alles auf die Person schiebt und nicht nach Hintergründen und echter Abhilfe fragt. Am Ende stehen die üblichen Experten, die stereotyp höhere Strafen und mehr Polizeimittel fordern und vielleicht ein PR-Vertreter des Unternehmens, der Besserung durch Selbstverpflichtung auf einen neuen Ehrenkodex („Corporate Governance“) gelobt. Stereotyp ist dabei auch die Auswahl der Experten: Die als NGO zur objektiven Instanz erklärten Gruppe „Transparency International“ (TI) dominiert nahezu alle Medienberichte.

Selten oder gar nicht wird dabei erwähnt, dass TI von Bankern und Industriellen mit Geld der Industrie gegründet wurde, um Korruptionsbekämpfung industriefreundlich zu organisieren. Verschwiegen wird gern, dass der viel zitierte TI-Korruptionsindex schlicht eine Befragung von Industrievertretern und Geschäftsleuten darstellt, in welchen Ländern sie für ihre Geschäfte wie oft und wie viel Schmiergeld zahlen müssen. Für Industrielle ist dies sicher eine hochinteressante Fragestellung, die unter Leitung eines gewissen Professor Johann Graf Lambsdorff jährlich untersucht wird. Diese Sicht auf Korruption ermöglicht es unseren westlichen Machthabern, bei diesem Thema mit dem Finger zuerst auf Länder im Süden und Osten zu zeigen. Das ist bequem und bedient das Stereotyp von der „Bananen-Republik“. Fragen der korruptiven Wirtschaftskriminalität, die in Norden und Westen mehr Bedeutung haben, fallen dabei unter den Tisch: Schwarzgeldwäsche, Umwelt- und Ausbeutungsverbrechen (z.B. Kinderarbeit), Steueroasen und -hinterziehung, Privatisierungen, Lobbyismus.[4]

Der von Menschenrechts- und Ökogruppen erkämpfte politische Einfluss von NGOs hat generell dazu geführt, dass die Wirtschaft diesen Sektor für ihre PR-Arbeit entdeckt hat, um ihre Medienmacht weiter auszubauen.[5] Inzwischen existiert eine ganze Marketingindustrie, die das Installieren bzw. Vortäuschen von NGOs anbietet, welche die Lobbystrategien grosser Konzerne unterstützen sollen. Bei erstaunlich vielen NGOs kommt inzwischen ans Licht, dass ihre Gründer aus den Marketingabteilungen grosser Konzerne stammen, die just auf dem Feld ihr Geld verdienen, wo die NGO angeblich für Gemeinwohl und Bürgerinteressen arbeitet. Die NGO „Center for Consumer Freedom“ beispielsweise agierte gegen Rauchverbote und erwies sich als finanziert von der Tabakindustrie,[6] die 1992 vorgeblich zur Bekämpfung der Wegwerf-Kultur lancierten „Waste Watchers“ wurden von einem Ex-Pressesprecher der Verpackungsmittel-Industrie initiiert, ein Verein zum angeblichen Schutz der Kinder vor Werbung wurde ausgerechnet von einem Manager des Kinder-, Fernseh- (und Werbe-) Kanals Super-RTL gegründet. Diese Liste liesse sich fortsetzen und das Phänomen hat auch schon einen Namen: „Astroturf“, das englische Wort für Kunstrasen, ist eine neue PR-Masche, bei der Firmen über ihre im Garten verbuddelten Leichen „mediales Gras“ wachsen lassen können –mit fingierten NGOs.[7] Die Mainstreammedien schlucken die mit Sekt und Lachshäppchen verabreichte PR-Propaganda und jubeln bei Aufdeckung der Zusammenhänge womöglich noch über das vermeintliche karitative Engagement der Unternehmen, die ja schliesslich eine NGO finanziert haben. Deshalb kennt heute fast jeder Transparency International, aber kaum einer hat je von Astroturf-Marketing gehört.

Medien sollten eigentlich einer aufmerksamen Öffentlichkeit die politische Kontrolle der Mächtigen erlauben. Doch die Realität der Massenmedien ist heute meilenweit vom hochgehaltenen Ideal des unabhängigen, mutigen Journalisten entfernt. Die meisten Menschen mit Medienausbildung arbeiten inzwischen für Marketingabteilungen und PR-Agenturen. Die übrigen Journalisten stehen unter wachsendem politischen und ökonomischen Druck, ein „gutes Werbeumfeld“ zu schaffen. Selbst bei den öffentlich-rechtlichen Medien herrscht Anpassungsdruck über die Einschaltquoten der privaten Konkurrenz. Für kritische Recherchen bleibt immer weniger Zeit und so greift man auf Presseerklärungen und Werbematerial von Regierungsstellen, Interessengruppen und Unternehmen zurück.

Vertreter der Medienindustrie bemerken dazu zuweilen zynisch, die Menschen hätten es ja nicht anders gewollt, schliesslich stände es jedem frei, Nachrichten- und Bildungsprogramme statt Heile-Welt- oder Actionfilmen zu bevorzugen. Aber erstens haben auch kulturell anspruchsvolle Minderheiten ihre Rechte, zweitens funktioniert langfristig die Demokratie nicht ohne Informations- und Bildungsmedien und drittens müssen wir an Kinder und Jugendliche denken, denen wir in anderen Bereichen schliesslich auch einen Schonraum für die Entwicklung moralischer Einstellungen schaffen. Ob die derzeitigen Jugendschutzgesetze hier ausreichen, darf bezweifelt werden, da sie nur Sex- und Gewaltdarstellungen regeln und auch dies nicht sehr effektiv.

Ethisches Verhalten heisst in diesem Umfeld zunächst einmal, sich nicht vom Infotainment –vorzugsweise über die Skandälchen der Reichen und Schönen, aber auch über den Rest der Welt– einlullen zu lassen. Solange es noch kritische Medien gibt, brauchen diese auch Abonnenten und es genügt nicht, sich im Internet die Information „selbst“ zu suchen. Auch was kritische Blogger schreiben, basiert letztlich zumeist auf dem wenigen guten Journalismus, der noch nicht von den grossen Konzernen überrollt wurde. Wer sich selbst zum Bloggen berufen fühlt (heute eine verschwindende Minderheit der Netznutzer), kann selbstverständlich eine wichtige Aufgabe in der Medienwelt übernehmen, wird aber bald feststellen, wie hart der Kampf um Aufmerksamkeit ist. Nur sehr wenige können sich ein Publikum schaffen und nur selten kann aus der Blogosphäre etwas in die breiten Massenmedien gelangen. Umgekehrt stehen alle Blogger unter dem Bilderregen der Medienindustrie und sind ihren Einflüssen ausgesetzt. Dabei geht es meist um ökonomische Interessen, die jedoch auch in Angriffe auf die Menschenrechte ausufern können, wenn etwa in Medienkampagnen gezielt gegen Arme, Alte und Kranke gehetzt wird.[8]

Medienmacht, Netze und Demokratie[Bearbeiten]

Die schon in den 60er-Jahren aufgestellten Forderungen nach einer Beteiligung der Nutzer elektronischer Medien an einer demokratisch organisierten Medienproduktion, ist seit den 80er-Jahren langsam zur Wirklichkeit geworden. Gerade das Internet bot von Anfang an vielen Menschen Gelegenheit, abseits der offiziellen Medien eigene Formen der Öffentlichkeit zu entwickeln. Die Gegenkultur der Hacker pflegte zu dieser Zeit bereits eine mediale Subkultur, die es neben Piratenradios und –videofilmern zu einer Verwirklichung der partizipativen Mediennutzung gebracht hatte: im Internet mit Mailboxen, Chatrooms und dem Usenet, diese wurden von Foren und Mailinglisten abgelöst. Heute hat sich dies zunächst als avantgardistische Mediensubkultur begonnene Medienfeld in Weblogs (Netztagebüchern), Freundschaftsnetzwerken und Wikis (selbstorganisierten Netz-Enzyklopädien) zu einem Massenphänomen, wie manche meinen zu einer „heimlichen Medienrevolution“ ausgeweitet.[9]

Wir müssen jedoch kritisch resümieren, dass die befreiende, die Gesellschaft von medialer Bevormundung hin zur Demokratie entwickelnde Wirkung partizipativer Mediennutzung nicht so eingetroffen ist, wie damals erhofft. Die Aneignung der Technologie ist hinter ihrer Kommerzialisierung zurück geblieben und das Web2.0 gilt als Wirtschaftssektor, in dem Identitäten und Kommunikationsbeziehungen zu Handelsobjekten degradiert werden. Die Berichterstattung über den Studenten-Onlinedienst „StudiVZ“ brachte es immerhin mit einer simplen Änderung der AGB bis in die Hauptnachrichten: Die Betreiber, die sich von einem ambitionierten Studentenprojekt zu einem viele Millionen kostenden Dotcom-Unternehmen entwickelt hatten, wollten die privaten Daten der Nutzer im grossen Stil kommerziell vermarkten. Man sah sich immerhin gezwungen, die Community zu beschwichtigen, es ginge nur um „Targeting“, zielgruppengenaues Marketing. Doch ein Geschäft mit den persönlichen Daten der Nutzer blieb es gleichwohl. Das löste zwar Proteste aus, die aber letztlich durch die ökonomische Macht der Firma überwältigt wurden. Die Fähigkeit der StudiVZ-Kunden, ihre Interessen zu erkennen, untereinander zu diskutieren und politisch wirksam zu vertreten war gescheitert –trotz der Vielfalt an elektronischen Medien und partizipativer Nutzungsmöglichkeiten. Mangelt es den Studenten an Medienkompetenz? Oder hat sich bei Menschen unter 30 eine politische Einstellung durchgesetzt, die Bequemlichkeit höher wertet als demokratische Grundrechte?

Heute wird in der Medienwissenschaft davor gewarnt, dass Selbstverwaltung und demokratische Netzorganisation bei kommerzieller Auswertung in die Hände der global player der Netzindustrie (Google, Microsoft, Bertelsmann u.a.) führen kann.[10] Die Kreativität der Nutzer etwa von P2P-Börsen oder bei MySpace wird vor den ökonomischen Karren grosser Konzerne gespannt, die letztlich sicher kaum an neuen Formen von Netzdemokratie interessiert seien. Vielmehr handle es sich um die 'alten Mächte', vor denen schon Manuel Castells gewarnt habe, und die nur an einer Übertragung ihrer Vormachtstellung in Wirtschaft, Politik und Medien in die Netzwelt arbeiten würden. Die neuen „Beziehungsagenturen“ des Web2.0 sind dabei potenziell besonders übermächtige Kontrolleure der Netzcommunities. Damit sind wir vom Thema kollektiver und partizipativer Netznutzung und Netzökonomie zum Gebiet der Ethik, Politik und der Gefahr für unsere Demokratie vorgedrungen.

Der Informationsmarkt im Sinne der Aufteilung und Verwertung von Medien und Inhalten zwischenmenschlicher Kommunikation macht gegenüber anderen Märkten keine Ausnahme. So warnt Rafael Capurro, der Ethiker der Informationsgesellschaft: Es gehe hier - wie auch im Falle von Rohstoffen oder industrieller Produktion - um Besitz, Kontrolle und Macht. Die digitale Vernetzung, also die Ausbreitung der Netzmedien, verändere jedoch abermals die Rahmenbedingungen der über Jahrhunderte gewachsenen gesetzlichen und moralischen Regeln im Umgang mit Schrift, Bild und Ton. Capurro strebt eine Kritik am Technozentrismus an, die wieder menschliches Mass in eine von der Informatik, ihren Konzepten und Produkten beherrschten Welt bringen will.[11] In Datenschutz und Copyright, Zensur und Kontrolle sowie dem Zugang zu und Austausch von elektronischen Sendungen aller Art sieht Capurro Themen, die zur Zeit zu Recht auf allen gesellschaftlichen Ebenen zum Teil engagiert diskutiert werden. Die Aufmerksamkeit richtet sich dabei bestenfalls auf das Mass des Wünschbaren oder schlimmstenfalls auf das Mass des Erträglichen. Den klassischen Ausdruck für die Suche nach einem Mass menschlicher Handlungen sieht er dabei in der Gerechtigkeit: Wie ist Informationsgerechtigkeit im Zeichen der Globalisierung aufzufassen?

Gerecht heisst, gerecht zu verteilen: Dinge, Aufmerksamkeit und vor allem Macht. Doch daran hapert es immer mehr, auch und vielleicht sogar gerade in den Netzmedien. Das Problem des Datenschattens, den wir alle werfen, hat sich mit den Netzen, dem WWW, aber auch den Mobiltelefonen, dem Online-Banking über das Internet usw. vervielfacht. Es droht die Übertragung des zentralistischen Kontrollparadigmas der Massenmedien, die durch das Verbot von Zensur in modernen Staaten gerade erst etwas gelockert wurde, auf ein dezentrales Medium wie das Internet. Die Privatisierung der Macht, die durch gigantisch angewachsene Kapitalmengen droht,[12] könnte sich hier ein neues Feld schaffen. Aber auch die Gefahr einer dezentrierten Überwachung durch private Institutionen, Unternehmen, Gruppen ist nicht von der Hand zu weisen.

Ein scharfer Kritiker dieser Entwicklung, Reg Whitaker, Politologe und Spezialist für Nachrichtendienste, warnt, dass es bald keine Privatsphäre mehr für uns geben wird. Neue Überwachungstechnologien schaffen in zunehmendem Masse den ,gläsernen Bürger' und schränken gnadenlos die privaten Freiräume ein. Whitaker ist daran gelegen, auf das Ausmass dieser Gefahren hinzuweisen, das aus den Netzmedien im Zusammenspiel mit Überwachungstechniken und Datenhunger von staatlichen wie privaten Bürokratien entsteht. Er wies schon 1999 auf drohenden Missbrauch von Nutzerdaten hin, wie er heute, etwa im Fall StudiVZ, erst ansatzweise deutlich wird.[13] Die allgemeine und insbesondere in den Netzmedien betriebene Überwachung ist seit damals ausgebaut worden, hat jedoch weniger politischen Widerstand erzeugt. Der Grund dafür ist die seit der Abrüstung des Ost-West-Konfliktes in den 90er-Jahren ab dem 11.9.2001 nunmehr wieder legitimierte Remilitarisierung der Welt. Im Krieg gegen den Terror ist alles erlaubt, so scheint es. Wenn man Folterbilder aus Guantanamo und dem Irak sieht, fragt man wohl weniger nach der hiesigen Verletzung der Privatsphäre, da sie vergleichsweise harmlos erscheint. Tut man es doch, wird einem vermutlich die Terrorgefahr entgegen gehalten und auf Erfolge durch Internet-Fahndung nach Islamisten verwiesen. Die Medien sind Teil der Verbreitung der neuen, militarisierten Weltsicht, die letztlich leider jeder Gruppe, die über genug Macht und Geld verfügt, um von irgendwem, der irgendwie dazu aufgehetzt wurde, ein paar hundert Menschen in die Luft sprengen zu lassen, alle Möglichkeiten einräumt unsere Grundrechte fast nach belieben zur Disposition zu stellen. Es ist nahe liegend, dass hinter derartigen politischen Entwicklungen auch ökonomische Interessen verborgen liegen.

Whitaker verweist auf einen möglichen Zusammenhang dieser politischen Entwicklung zur Ökonomie, wo im Zeichen des Neoliberalismus die sozialen Grundrechte eingeschränkt werden. Wenn die Steuern für Wirtschaft und Geldelite gesenkt werden, der Sozialstaat dafür abgebaut wird, verelenden viele Menschen. Diese zunehmend deklassierten, verarmten und verzweifelten Massen können heute mittels elektronischer Überwachung immer besser unter Kontrolle gehalten werden, im äussersten Fall im modernen Gefängniswesen, sollten sie mit dem Strafrecht in Konflikt geraten sein. Die USA hält 1 Prozent der Gesamtbevölkerung in Haft, 2008 waren es 2,3 Millionen US-Amerikaner. In China sitzen schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen im Gefängnis, in Russland 890.000.[14] Überwachung erscheint dabei als Voraussetzung der derzeit laufenden massiven Umverteilung von Reichtum von unten nach oben. Der durch videotechnische Überwachung gestellte Einbrecher, der durch Computerabgleich bei der Leistungserschleichung erwischte Hartz IV-Empfänger und die bei StudiVZ in einer Kunden-Profiling-Datenbank erfasste Studentin sind aus dieser Perspektive alle Opfer eines in seiner Logik zusammenhängenden gesellschaftlichen Degenerationsprozesses.

Unsere Gesellschaft wird zunehmend durch Medien, vor allem Netzmedien, geprägt. Freiheitsrechte, Selbstbestimmung und die Demokratie, die uns diese garantieren soll, stehen dabei immer öfter auf dem Spiel. Die durch die Technologie des Computers ermöglichte „Wissens- und Informationsgesellschaft“ scheint derzeit eher in Richtung auf Orwells Anti-Utopie der totalen Überwachung hinzulaufen, als in ein Schlaraffenland der Medien und der Wissensbestände. Überwachung erzeugt Angst und diszipliniert die Menschen, so dass ihre Widerstandskraft gegen Ausweitung der Überwachung abnimmt. Aus Angst, möglicherweise auch geködert von einer Vielfalt medialer Wege in den Eskapismus, in Welten der Sicherheit und Bequemlichkeit, wenden sich viele von politischem Engagement ab. Der Flucht ins private Glück steht aber zunehmend die Macht der ökonomisch Herrschenden entgegen, die ihre so gewonnene Kontrolle zur Maximierung ihres Reichtums auf Kosten der Allgemeinheit nutzen. Ausplünderung öffentlicher Güter, Verteufelung und Abbau des Sozialstaates, beschränkter Zugang erst zur Bildung, dann vielleicht zur Gesundheitsversorgung, zu Wohnraum, Wasser, Nahrung, letztlich die Möglichkeiten einer totalitären Gesellschaft neuen Typs sind gross.

So lange die Bürger der auf dem Papier immer noch alle Freiheitsrechte garantierenden westlichen Demokratien sich in der Wahlkabine noch unbeobachtet glauben, ist eine politische Korrektur der gefährlichen Fehlentwicklungen immer weiterhin möglich. Ob bei einer flächendeckenden Einführung elektronischer Abstimmungsverfahren diese Freiheitsrechte noch so wahrgenommen würden? Die schon angesprochenen Protagonisten der demokratisierenden Aspekte der Netzmedien, die Subkultur der Computer-Hacker, hat sich –ihrer ansonsten kaum zu entmutigenden Technikbegeisterung zum Trotz– in den letzten Jahren schwerpunktmässig mit der Verhinderung einer Einführung der Computer-Wahlverfahren eingesetzt und es sich nicht nehmen lassen, die entsprechenden Computer-Wahlautomaten einen um den anderen zu „knacken“[15]. Die technologische Avantgarde fordert mit Nachdruck das Festhalten an Papier und Feder. Das sollte selbst Konservative von der Möglichkeit einer die Bürgerrechte achtenden Gesellschaft der Netzmedien überzeugen.

Ohne einen zähen politischen Kampf gegen die „alten Mächte“ kann dies selbstverständlich nicht geschehen. Denn mit ihren gewaltigen globalen Konzernen, vor allem den uns manipulierenden Medienkonzernen, ihren Verbindungen zu Think Tanks, Regierungen, internationalen Organisationen und Geheimdiensten haben sich diese Mächte bereits mit allen Mitteln in diesen Kampf um die Netzmedien geworfen. Die Forderung nach mehr Medienkompetenz ist demnach weit mehr als nur ein pädagogisches Programm, es ist ein Aufruf zu einer zweiten Aufklärung, zu der Befreiung des Menschen aus seiner medialen Unmündigkeit. Die Netzmedien sind zu wichtig, um sie unreflektiert zu konsumieren oder nur für den eigenen Vorteil zu nutzen. Blogger müssen versuchen, sich mit anderen Medien zu verbünden und eine Sprache zu finden, die Menschen unterschiedlicher Milieus anspricht.

Interessierte finden auf ethify.org die Beschreibung oder den Entwurf von Medien, die den Diskurs und das Bewusstsein um Ethik auffrischen sollen.

Medium sein[Bearbeiten]

Bisher haben wir Medien als Werkzeuge betrachtet, um ethisches Verhalten zu kommunizieren. Mit dem Ethify Journal haben wir eine Methode kennengelernt, um unsere aktuelle Position zu erfahren und neue Ziele zu bestimmen. Eine Orientierung für unser ethisches Verhalten schöpfen wir aus Wissen und im Gespräch mit anderen im Dialog. Mach den ersten Schritt und gehe auch auf andere Leute zu und frage sie, nach welchen Prinzipien sie ihr Leben gestalten. Du wirst erstaunt sein, wieviel Gemeinsamkeiten du etwa bei der Nachbarin findest. Da gibt es freilich auch Widersprüchlichkeiten, bei dir und bei den anderen. Schau sie an und mach einen Plan, diese aufzulösen.

Ein Beispiel für einen nachbarschaftlichen Dialog: Sprich mit deinem Nachbarn mal, was er heute kocht und woher die Lebensmittel kommen. Regionale Produkte zieht ihr vor, aber der Nachbar fährt zweimal in der Woche mit dem Auto zum Supermarkt. Erkläre, dass die privaten Fahrten schlecht für die Ökobilanz sind, ja es dann eigentlich egal ist, ob er Tomaten im Winter aus Algerien kauft oder nicht, weil die Autofahrt ungleich mehr CO2 verursacht als der Transport mit dem LKW. Schlage vor, auch mal zu Fuss bei einem lokalen Geschäft oder mit dem Fahrrad beim Bauernmarkt einzukaufen oder nimm seine Bestellung auf und bring es von dort mit.

Damit ich auf Leute zugehen kann, muss ich selbst eine klare Haltung entwickeln. Werte wie Zufriedenheit oder Geduld können wir nur dann erfüllen, wenn wir uns auch selbst mögen. Dabei geht es keineswegs um eine Anerkennung aller Missstände durch ein laissez-faire, sondern um die Entwicklung einer positiven Grundstimmung, aus der wir eine Haltung entwickeln und festigen.

Wie kann ich einer inneren Zufriedenheit näher kommen?

  • Bewusst abschalten: mal einen Tag oder ein Wochenende lang sich zurückziehen und keine sozialen Kontakte pflegen, auch nicht über facebook und Co, dafür ein Buch lesen, für sich selber kochen, Musik hören, bewusst mal nichts tun.
  • Körper wahrnehmen: Augen schliessen, ruhig atmen und durch den Körper wandern, vom Kopf bis zu den Zehen und wieder retour. Eine solche Kurzmeditation lässt sich fast überall machen: im Bus, nach der Mittagspause im Büro oder in der Natur auf einem Baumstamm sitzend.
  • Körper trainieren: Rad fahren, wandern gehen (es muss ja nicht gleich der Jakobsweg oder eine Alpenüberquerung sein), wieder mal etwas Gymnastik machen.
  • Altern annehmen: graue Härchen oder Fältchen im Gesicht machen dich nicht zum alten Eisen, sondern zeigen, dass du Lebenserfahrung hast - nimm sie an und gib sie weiter!

Um authentisch zu wirken, muss das eigene ethische Verhalten vor unserem inneren Spiegel stimmig sein. Dazu gehört auch ein gutes Verhältnis zum eigenen Körper, auch wenn dieser nicht perfekt oder völlig gesund ist. Wer den Körper annimmt und als Zentrum der eigenen Werte versteht, wird diese auch gut vermitteln können, egal ob bei der Arbeit, in der Schule, im Bus oder in der Familie.

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Einzelnachweise, Fußnoten[Bearbeiten]

  1. http://de.wikipedia.org/wiki/Sinus-Milieu
  2. http://www.sociovision.de/loesungen/sinus-milieus.html
  3. Kathrin Hartmann, Ende der Märchenstunde, München 2009, S.332f
  4. Adbusters Journal March/April 2009
  5. vgl. Barth, Thomas, Finanzkrise, Medienmacht und Corporate Governance: Korruptionsbekämpfung in der Europäischen Union. Kriminologische, gesellschaftsrechtliche und ethische Perspektiven, Saarbrücken 2009, S.83 ff.
  6. vgl. Barth, Thomas, Finanzkrise, Medien und dezentrale Korruption, in: Altvater, Elmar u.a., Privatisierung und Korruption: Zur Kriminologie von Globalisierung, Neoliberalismus und Finanzkrise, Hamburg 2009, S.S.68-97.
  7. vgl. Peter, C., Astroturf und andere Tricks der Konzerne, in: Müller, U.u.a. (Hg.), gesteuerte Demokratie? Wie neoliberale Elite Politik und Öffentlichkeit beeinflussen, Hamburg 2004, S.102-110, S.108 f.
  8. vgl. Barth, Thomas, Dehumanisierung als Bertelsmann-Effekt, in: Rügemer, Werner (Hg.), Arbeitsunrecht: Anklagen und Alternativen, Münster 2009, S.146-152.
  9. vgl. Möller, Erik, Die heimliche Medienrevolution. Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern, Hannover 2005, S.115 ff.
  10. vgl. Alton-Scheidl, R. u. Barth, T., Wem gehören die Beziehungen im Netz? Über Individualisierung, Ökonomie und Herrschaft im Web2.0, in: Fraueneder, H., Mairitsch, K. und Ries, M. (Hrsg.), dating.21: Liebesorganisation und Verabredungskulturen, transcript: Bielefeld 2007, S.225-242.
  11. Vgl. Capurro, Rafael, Leben im Informationszeitalter, Berlin 1995, S.10 ff.
  12. vgl. Krzysmanski, H.J., Die Privatisierung der Macht, in: Altvater, Elmar u.a., Privatisierung und Korruption: Zur Kriminologie von Globalisierung, Neoliberalismus und Finanzkrise, Hamburg 2009, S.25-37.
  13. vgl. Whitaker:, Reg, Das Ende der Privatheit, München 1999, S.103 ff.
  14. vgl. Whitaker:, Reg, Das Ende der Privatheit, München 1999, S.103 ff.
  15. Die Hackerethik des Chaos Computer Club umfasst auch die Blossstellung von Sicherheitslücken in Computersystemen, siehe auch www.ccc.de