Ethify Yourself - Ethisch leben und wirtschaften

Aus Wikibooks
Wechseln zu: Navigation, Suche
Gnome-applications-office.svg

Dieses Buch steht im Regal Ratgeber.

Titelbild

„Ich lebe so, wie es mir gefällt“ war für Pippi Langstrumpf und in den 80er und 90er Jahren schick, doch das postmoderne „anything goes“ funktioniert nicht mehr. Das Finanzsystem ist aus den Fugen geraten, Ökosysteme drohen zu kollabieren, nach den neuesten Berechnungen des Club of Rome droht der totale Kollaps noch vor 2030. Und was macht die Politik? Lässt Geld für die Finanzindustrie drucken und erhofft sich Erlösung vom Wirtschaftswachstum. Das Buch „Ethify Yourself“ soll motivieren, darüber nachzudenken und wieder darüber zu reden, was uns allen wichtig ist – losgelöst von Religionen und Weltanschauungen – und welche Optionen wir für unser tägliches Leben und Wirtschaften dabei haben.

Motivation[Bearbeiten]

Wir merkten es nicht nur am Sprachgebrauch: die Wirtschaftswachstumsmaschine ist ins Stocken geraten. Doch nur wer nachhaltiges Wachstum versprach, konnte im Superwahljahr 2009 auch Wahlen gewinnen. Aber glauben wir Menschen nach wie vor daran, dass die Welt und die Wirtschaft sich immer schneller drehen müssen, damit es uns allen gut geht? Haben wir nicht schon längst den Bogen überspannt?

Der ethische Diskurs zu den Grenzen des Wachstums nimmt weiter Fahrt auf. Das Eurobarometer 2009 zeigte, dass in Österreich der Klimawandel als dringendstes globales Problem gesehen wurde – noch vor dem weltweiten Wirtschaftsabschwung. Insgesamt betrachten rund 86 Prozent der Bevölkerung den Klimawandel als bedeutendes Problem[1]. Es ist also nicht nur Dennis Meadows, der seine 1972 entworfenen Projektionen einer aufziehenden Systemkrise, publiziert im Bericht an den Club of Rome, bestätigt sieht. Im Jahr 2004 veröffentlichten die Autoren das 30-Jahre-Update. Darin brachten sie die verwendeten Daten auf den neuesten Stand, nahmen leichte Veränderungen an ihrem Computermodell World3 vor und errechneten anhand verschiedener Szenarien mögliche Entwicklungen ausgehend vom Jahr 2002 bis zum Jahr 2100. In den meisten der errechneten Szenarien ergibt sich ein Überschreiten der Wachstumsgrenzen und ein anschliessender Kollaps („overshoot and collapse“) bis spätestens 2100. Fortführung des „business as usual“ der letzten 30 Jahre führe zum Kollaps ab dem Jahr 2030.

Auch bei energischem Umsetzen von Umweltschutz- und Effizienzstandards kann diese Tendenz oft nur abgemildert, aber nicht mehr verhindert werden. Erst die Simulation einer überaus ambitionierten Mischung aus Einschränkung des Konsums, Kontrolle des Bevölkerungswachstums, Reduktion des Schadstoffausstosses und zahlreichen weiteren Massnahmen ergibt eine nachhaltige Gesellschaft.[2]

Unser ausuferndes Konsumverhalten ist auch Stoff für viele Künstler. Kalle Lasn drehte zahlreiche Dokumentarfilme und Werbespots, beispielsweise über das Verschwinden der Regenwälder im pazifischen Nordwesten.[3] Die Fernsehsender weigerten sich jedoch, seine Spots zu senden, was ihn zur Gründung der Adbusters Media Foundation veranlasste – einer Organisation, die sich für öffentlich zugängliche Sendezeiten einsetzt. Schon 1999 veröffentlichte Lasn das gesellschafts- und konsumkritische Werk „Culture Jam“. Darin schreibt er: „The Earth can no longer support the lifestyle of the coolhunting American-style consumer. We have sought, bought, spewed and devoured too much, too fast, too brazenly, and now we're about to pay. Economic ‚progress‘ is killing the planet.“[4] Österreichische Dokumentarfilmer thematisieren diese Grenzen: 2005 Erwin Wagenhofer in „We feed the world“ und 2008 mit „Let's make money“ oder Werner Boote 2009 mit „Plastic Planet“.

Die jahrhundertelange Ausbeutung der natürlichen Reichtümer der Erde hat dazu geführt, dass wichtige Ökosysteme zu kollabieren drohen. Der Beweis des Widerspruchs zwischen endlichen Ressourcen und einer Wirtschaftsweise, die auf exponentiellem Wachstum beruht, ist mittlerweile erbracht. Wenn China und Indien weiterhin so rasch aufholen und die Wirtschaft in den Industrienationen wieder an Fahrt gewinnt, würde ein 5-prozentiges globales Wachstum heissen, dass alle 14 Jahre sich die Leistung – aber auch der Verbrauch – verdoppelt. Wenn alle (künftig) neun Milliarden Menschen über den derzeitigen Reichtum der OECD-Länder verfügen würden, müsste die Wirtschaftsleistung bis zum Jahr 2050 15-mal höher sein als heute.[5] Wie können die berechtigten Forderungen der Entwicklungsländer nach Wachstum mit den vorhandenen Ressourcen erreicht werden? Wie sieht das Verhältnis von Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität in einzelnen Regionen aus? Braucht es andere Konsumgewohnheiten in den entwickelten Ländern? Brauchen wir neue Lineale und Kriterien, um Fortschritt und Wohlstand zu messen?

Der vor allem in den Schwellenländern enorm steigende, in den Industriestaaten ohnehin untragbar hohe Bedarf an Energie und Rohstoffen lässt sich zunehmend schwieriger decken. Selbst China meldet in 19 Branchen Überkapazitäten, vom Flachglas bis zu Containerschiffen[6]. Andererseits können immer mehr Menschen ihre fundamentalen Bedürfnisse nicht mehr befriedigen, egal ob auf dem Land oder in den Slums der Megacities. Die industrielle Landwirtschaft ist nicht nur in vielerlei Hinsicht ökologisch zerstörerisch, sondern schafft es auch nicht, die Weltbevölkerung ausreichend zu ernähren. Eine Milliarde Menschen leidet an chronischem Hunger, täglich sterben an Unterernährung 100 000. Die verstärkte Produktion von Agrotreibstoffen, die Spekulation mit Nahrungsmitteln, die Folgen des Klimawandels und eine Wirtschaftskrise verschärfen die Ernährungskrise, sodass sie auch in den hochentwickelten Ländern spürbar wird. In den USA bezog jeder achte Erwachsene und jedes vierte Kind zu Weihnachten 2009 Lebensmittelmarken[7], weil sie sich das Essen nicht mehr leisten konnten.

Hinzu kommt, dass sich die Produktivität in vielen Bereichen gar nicht mehr steigern lässt, sei es in der Landwirtschaft, im Supermarkt, beim Friseur, beim Arzt oder in der Ausbildung. Manche Dinge benötigen Zeit, um zu reifen oder um Qualität zu erlangen. Wir wollen Gemüse essen, das in echter Erde wuchs, mit Menschen auch mal ein paar Worte wechseln, beim Arzt eine gute Diagnose und in der Ausbildung die Gelegenheit, nicht nur Wissen aufnehmen, sondern auch Fähigkeiten entwickeln und Erfahrungen sammeln zu können. Dies lässt sich durch Glashäuser, 5-Minuten-Taktung oder Turbostudiengänge nicht erreichen. Weniger ist mittlerweile oft mehr, und dennoch bewegen wir uns wie Rennmäuse in einem Rad, das immer schneller läuft.

In den Feuilletons der Zeitungen wird eine neue Ethik eingefordert, welche unser Denken und Handeln besser steuern soll. Jene, die dazu ausgebildet sind, erzählen von ethischen Konzepten, die hunderte oder gar tausende Jahre alt sind, oder verschanzen sich hinter einer Wissenschaftlichkeit, die ausser einigen ethischen Dilemmata wenige konkrete Beiträge für eine aktuelle Wertedebatte liefert. Die Beurteilung, ob Stammzellenforscher Gott lästern, weil sie neues Leben ohne Fortpflanzung schaffen können, lässt sich vielleicht noch mit einem tiefsitzenden Gebärneid von (männlichen) Wissenschaftern erklären. Die Ethik ist aufgefordert, sich auch wieder um den Alltag zu kümmern. Angesichts zahlreicher Krisen gibt es einen aktuellen Bedarf, jenseits prophetischer Verheissungen Rahmen zu definieren, wie wir leben können und sollen.

Wir benötigen dringend Lösungsansätze, das Wachstum in vielen Bereichen in Schranken zu weisen. Dabei gilt es, ethische Grundwerte neu zu sortieren, diese in einen aktuellen Kontext zu bringen und Handlungsanleitungen zu formulieren. In den folgenden Kapiteln werden zunächst Grundhaltungen verschiedener Religionen in Erinnerung gerufen und Handlungsmuster aus unserer Zivilisation beleuchtet. Darauf folgt der Versuch, einen Wertekanon einerseits für den einzelnen Menschen, andererseits als Richtlinien für Organisationen und die Wirtschaft zu bestimmen. Mit ethify.org, Culture Jamming oder dem Ethify Quotient werden einige Medien beschrieben, um zu einer persönlichen Wertordnung zu gelangen, diese zu leben und mit anderen Menschen auszutauschen.

Back to the roots? Nein, mit Ethify Yourself muss niemand zurück ins Mittelalter. Wir wollen viele Errungenschaften behalten: den Rechtsstaat, Ausbildung, Mobilität oder das Internet. Du musst auch nicht in ein Kloster gehen, zur Gemeinschaft der Wisseranianer[8] in der Taiga pilgern oder der ökologischen Föderation in Damanhur[9] bei Turin beitreten, obwohl diese autonomen Gemeinschaften sicherlich sehr inspirierend sein können. Ethify Yourself beginnt bei Dir selbst, in der Nachbarschaft, im Betrieb und in der Region und holt Kraft in kreativen Milieus. Wer sucht, findet Menschen und auch Städte oder Gemeinden in der Umgebung, die schon auf dem richtigen Weg sind. Diese gilt es mit politischer Arbeit zu stärken, zu vernetzen und zu präsentieren, damit die Voraussetzungen, tatsächlich ein ethisches Leben führen zu können, besser werden. Der „Happy Planet Index“ und der „Ethify Quotient“ sollen kontinuierlich steigen, nicht das Bruttoinlandsprodukt, doch mehr dazu etwas später.

Quellen sind über Fussnoten erschlossen, wie auch einige Textteile, die von der Wikipedia übernommen worden sind. Der taktische Geschlechterwechsel im Text bringt am besten zum Ausdruck, dass sowohl Männer als auch Frauen handelnde Subjekte sind. Für jedes ins Exil geschickte scharfe ß wurde ein Doppel-s eingebürgert, auch weil es bisher aus der Schweiz entsprechendes Echo auf das Buch gab. Im nächsten Kapitel geht's weiter mit der Frage, wie und ob wir Wachstum messen sollen.

Vermessen[Bearbeiten]

Zielvorstellungen verleiten dazu, diese in Zahlen zu fassen. Wir messen die Wirtschaftsleistung einer Nation als Bruttoinlandsprodukt, den persönlichen Energieverbrauch in Megajoule und unseren ökologischen Fussabdruck in einer Anzahl von Erdplaneten. Stetiges Wachstum verhält sich exponentiell, auch wenn seine Bezugsgrösse konstant bleibt. Als Menschen werden wir weiterhin nur 24 Stunden am Tag zur Verfügung haben. Und wir werden uns wohl weiterhin auf die Ressourcen einer Erde beschränken, auf der jede und jeder von uns ein Leben leben darf. Weiterlesen...

Tugenden[Bearbeiten]

Die menschliche Geschichte kennt verschiedene Regelwerke: die Zehn Gebote, den achtfachen Pfad, Gesetze oder die Deklaration der Menschenrechte. Sie sollen unsere Verhaltensweisen und Einstellungen lenken. Bei Nichtbeachtung drohen Konsequenzen, im Diesseits oder im Jenseits. Weiterlesen...

Ethify Your Life[Bearbeiten]

Ein Menschenleben dauert etwa eine halbe Million Stunden und es liegt an uns, ein Stück weit zu planen, was wir damit tun. In diesem Abschnitt lernen wir die Vier-in-Einem-Theorie kennen: ein erfülltes Leben findet, wer nicht nur im Erwerb tätig ist, sondern auch in der Sorgearbeit, in Kultur und Bildung und sich politisch oder zivilgesellschaftlich engagiert. Es folgen Fakten und Beispiele für Handlungsspielräume in den Bereichen Arbeiten, Mobilität, Wohnen, Essen und Konsum. Weiterlesen...

Ethify Your Business[Bearbeiten]

Inwieweit sind Profitstreben und gesellschaftliche Verantwortung vereinbar? Es reicht für Unternehmen nicht mehr, effizient zu sein, Arbeitsplätze zu schaffen und sich an die Gesetze zu halten. Sie werden aufgrund eines Wertewandels als moralische Akteure wahrgenommen, die nachweisen müssen, dass sie zum Nutzen von Menschen existieren und nicht auf deren Kosten. Weiterlesen...

Ethify Werte[Bearbeiten]

Menschen leben entlang verschiedener Werte. Je unterschiedlicher diese sind, desto mehr Toleranz müssen wir aufbringen, um miteinander auszukommen. Historisch gab es immer wieder Versuche, Werthaltungen zu vermitteln, durch Gebote, Konventionen oder Grundgesetze. Der Ethify-Wertekanon ist ein Angebot für eine aktuelle Zusammenfassung und steht für einen fairen Lebensstil, unabhängig von jeder Konfession. Weiterlesen...

Ethify Your Media[Bearbeiten]

Medien haben eine wichtige Aufgabe, Werte zu transportieren. In diesem Kapitel analysieren wir einige Grundfunktionen und legen Defizite offen. Weiters folgen einige Beispiele für unkonventionelle Medien, eine noch ausführlichere Sammlung gibt es auf dem Ethify Portal. Weiterlesen...

Occupy[Bearbeiten]

Im Jahr 2009 wurde in den Feuilletons grosser Tages- und Wochenzeitungen zur Wirtschaftskrise der Ruf nach einer neuen Diskussion über Werte laut. Die Occupy-Bewegung begann 2011 mit der Besetzung von öffentlichen Plätzen in den Finanzdistrikten vieler Städte, die Moral der Finanzindustrie zu hinterfragen. Deren Positionen und politischen Forderungen werden in diesem Kapitel zusammengefasst. Weiterlesen...

Einzelnachweise, Fussnoten[Bearbeiten]

  1. http://www.global2000.at/site/de/nachrichten/presse/klimaenergiepresse/pressarticle-090803eurobarometer.htm
  2.  Die Grenzen des Wachstums
  3.  Kalle Lasn
  4. Lasn 1999, p xiv
  5. http://zukunftskongress.at/these/nr/12/
  6. Der Standard, 30.11.2009, p 11
  7. Der Standard, 30.11.2009, p 4
  8. ÖKOPOLIS TIBERKUL ist eine ökologische und spirituelle Gemeinschaft in der Taiga in Südsibirien: http://www.oekopolis.info
  9. Damanhur versteht sich als Laboratorium der Zukunft und wurde 2007 von der Zeitschrift „Communities“ zur schönsten Gemeinde der Welt erklärt: http://www.damanhur.at

Zusammenfassung des Projekts[Bearbeiten]

100% fertig „Ethify Yourself - Ethisch leben und wirtschaften“ ist nach Einschätzung seiner Autoren zu 100% fertig

  • Zielgruppe: Menschen, die an einer modernen ethischen Lebensführung interessiert sind.
  • Lernziele: Fakten zu bestehenden Dilemmata mit dem derzeitigen wachstumsorientierten Wirtschaftmodell, Vermittlung von Wertesystemen, Handlungsvorschläge für Erwerb, Sorgearbeit, Kultur & Bildung sowie Politik und Engagement.
  • Buchpatenschaft/Ansprechperson: Rasos
  • Sind Co-Autoren gegenwärtig erwünscht? Die Autoren ulritsch und rasos übertrugen die Inhalte im Sommer 2012 aus dem Online Buch Ethify Yourself und präsentierten den Prozess von der Idee des offenen Buches bis zur Realisierung in sechs Editionen bei der WikiCon in Dornbirn am 1.9.2012. Ergänzungen oder Anpassungen sind gerne gesehen. Hier ist unsere TO DO Liste:
    • Bilder ergänzen oder austauschen (nach Stichwort BildBild suchen) in den Kapiteln Vermessen, Tugenden, Life, Wirtschaft, Media
    • allfällige zu essayistische Passsagen überarbeiten / streichen
  • Richtlinien für Co-Autoren: Korrekturen bitte auch im Online Buch Ethify Yourself einpflegen, dort ist die Masterversion mit noch mehr Text, weiteren Beispielen und interaktiven Diensten (Spiel, Journal, Newsletter, etc) und woraus auch das gedruckte Buch produziert wird. Wenn Handlungen von Personen portraitiert werden, werden diese in dritter Person beschrieben (auch wenn du es selbst bist). Schreibstil ist aufklärend, faktenorientiert, eingestreut sind Beispiele, journalistisch oder mit Leitfragen oder Grafiken aufbereitet. Wir duzen die Leser. Kein ß, sondern ss.
  • Projektumfang und Abgrenzung zu anderen Wikibooks: Das Online Buchprojekt Ethify Yourself startete 2010. Nach einer redaktionellen Überarbeitung erschien 2012 ein aufwändig gestaltetes, gedrucktes Buch mit 264 Seiten. Um verschiedenste Zielgruppen anzusprechen, werden sechs Editionen betreut: Webportal, mobile Ausgabe, Facebook Ausgabe, eBook, gedrucktes Buch, Wikibook. Es handelt sich um kein wissenschaftliches Buch zu Grundlagen der Ethik oder Wirtschaftstheorie, sondern es ist ein Ratgeber für die Bestimmung der eigenen Werthaltungen in der aktuellen Krisendebatte.
  • Themenbeschreibung: Das Buch Ethify Yourself zeigt Grenzen des Wachstums und die sich daraus ergebenden Chancen für ein ethisches Handeln.