Ethify Yourself - Ethisch leben und wirtschaften: Ethify Your Life

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Das Leben einteilen[Bearbeiten]

Jeder Tag hat 24 Stunden, davon verbringen wir etwa 16 in wachem Zustand. Europäer können erwarten, 85 Jahre alt zu werden. Wir verfügen demnach über etwa eine halbe Million Stunden, die wir uns prinzipiell einteilen können. Wer am Totenbett bedauert, sein Leben lang zu viel am Schreibtisch gesessen zu sein und sich zu wenig um Freunde oder Kinder gekümmert zu haben, kann nicht mehr reagieren. Reservieren wir doch die uns verfügbare Zeit für bestimmte Aktivitäten und lassen uns nicht von Bequemlichkeit, Gier, Sucht nach Anerkennung oder dem blinden Konsum einfach treiben.

Die Wissenschafterin Frigga Haug schlägt vor, vier Bereiche menschlicher Tätigkeit zu unterscheiden und für diese ähnlich viel Zeit aufzubringen: Erwerb, Sorge, Kultur und Politik. Nur so haben wir die Chance, ein ausbalanciertes Leben zu leben, unabhängig zu sein und Erfahrungen aus verschiedensten Bereichen zu sammeln. Der Erwerb ist jene Arbeit, die wir für unser materielles Leben leisten müssen[1]. Dies umfasst Lohnarbeit oder eine selbstständige Tätigkeit und dient nicht nur der Herstellung von Lebensmittel, sondern auch von Dingen, die das Leben angenehm machen. Bei der Sorge geht es um die Anerkennung der Arbeit für Haushalt und Kinder. Dazu gehören das Kochen, Aufräumen, Waschen, die Arbeit und das Spiel mit Kindern, sich um die eigene Gesundheit kümmern, aber auch andere Menschen pflegen. Kulturelle Tätigkeit erweitert unseren geistigen und emotionalen Horizont und schafft individuelle Entwicklung. Hierzu zählen Bildung, verstanden als lebenslanges Lernen, eine aktive oder passive künstlerische Tätigkeit, aber auch Zeit für sich selbst. Weiters ist eine Einmischung in die Politik notwendig, um die Gesellschaft mitgestalten zu können. Dazu gehört eine aktive Mitarbeit in Vereinen oder die Mitwirkung in politischen Gremien. Frigga Haug hat in ihrem Buch „Die Vier-in-einem-Perspektive“ nicht alle Bereiche bis ins letzte Detail beschrieben, sondern leitet diese aus verschiedenen Perspektiven her. Ich würde dem Bereich Erwerb auch alle Dienstleistungen zuordnen, die wir erwirtschaften oder konsumieren. Frigga Haug verwendete bei der Sorge ursprünglich den Fachbegriff der Reproduktion, welcher darauf gerichtet ist, die Produktionsfähigkeit, also den Erwerb zu stärken. Ich verwende lieber den Begriff der Sorge und meine damit Subsistenzarbeit, dazu zählen auch Tätigkeit in einem eigenen Garten oder etwa das Reparieren von Geräten. Zur Kultur gehört auch Lesen, Lernen, Lehren und Forschen, gemeinsam Spass haben, vielleicht mal auf einer Bühne stehen oder beim Tanz in Ekstase geraten, sich um den Körper und um die eigene Fitness kümmern oder sich einfach mal besinnen. Bei der Politik würde ich nicht nur die Arbeit in Gremien, in einem Verein oder in einer Genossenschaft dazuzählen, sondern auch das Berichten oder Aufdecken und Publizieren, zum Beispiel in einem Internet-Blog.

Haug möchte uns klarmachen, dass alle vier Bereiche im Grunde gleich wichtig für ein erfülltes und emanzipiertes Leben sind. Sowohl Männer als auch Frauen sollen in allen vier Bereichen aktiv sein. Die Arbeit für die Familie kann mindestens so spannend sein wie der Job. Die Mitgestaltung unserer Umgebung erfüllt uns mit Sinn. Und wir benötigen Zeit für die individuelle Entwicklung und ein inneres Wachstum. Für die eigene Unabhängigkeit ist es wichtig, auch Geld zu verdienen und genauso benötigen wir Zeit für Freunde und uns selbst.

4in1 Lebensstil Erwerb Sorge Kultur Politik
Nahrung Haushalt Lernen Vereinsarbeit
Dienstleistungen Kochen & Essen Musse Mitbestimmung
Geräte Pflege & Körper Fitness Gremien
Wohnraum Kindern & Eltern Sprititualität Berichten
Energie Pflanzen & Garten Kreativität Empowerment
Anteil 25% 25% 25% 25%
16h pro Tag 4h 4h 4h 4h
112h pro Woche 28h 28h 28h 28h

Die Vier-in-einem-Perspektive als Grundlage für ethisches Leben

Nachdem wir pro Tag 16 Stunden zur Verfügung haben, schlägt Haug vor, dass wir jedem Bereich vier Stunden widmen.[2] Dies mag freilich von Tag zu Tag und in unterschiedlichen Lebensphasen variieren. "Meine Arbeitszeiten schwanken fast täglich und liegen in einer Spanne zwischen fünf Uhr morgens und zwei Uhr nachts"[3] beschreibt Maike Andresen ihren Tagesablauf. Für die Professorin für Personalmanagement in Bamberg ist diese Flexibilität ein wesentliches Element von Arbeitszufriedenheit. Wir werden weiterhin kollektive Erwerbspausen am Wochenende, im Sommer und zum Jahreswechsel machen.[4] Wer die Schwerpunkte verschiebt, soll darauf achten, dass dies nicht zulasten anderer oder der Umwelt geht. Wenn sich ein Familienvater 20 Jahre nur um den Erwerb kümmert, sind die Chancen für seine Partnerin vorbei, auch Anteil am Erwerbsleben zu haben. Aus feministischer Perspektive schafft eigenes Einkommen erst Unabhängigkeit und soll daher für alle möglich sein. Der Arbeitssoziologe Klaus Dörre plädiert für eine bessere Gleichverteilung der Arbeit und eine Selbstbeschränkung auf 30 Stunden pro Woche.

Nun, welchen Tagesrhythmus wähle ich, um meine Ansprüche an ein ausgeglichenes Leben zu erfüllen? Hier ein Beispiel für eine typische Kleinfamilie mit schulpflichtigen Kindern, wie 4in1 konkret umgesetzt werden kann: Um 6 Uhr 30 stehen alle auf und sorgen sich mal um Körper und Haushalt, dazu gehört ein Frühstück und etwas aufräumen. Um 8 Uhr sind die Kinder in der Schule und die Eltern im Erwerb, dort wird jeweils auch eine einfache Mahlzeit eingenommen, gegen 15 Uhr kommen alle nach Hause und man hört Musik, macht Sport, nimmt sich einfach Zeit für sich selbst oder gönnt sich einen Minischlaf[5]. Gegen 18 Uhr wird gekocht und gemeinsam gegessen und abends bleibt Zeit für den Verein, surft im Internet oder schaut sich einen Film an. Am Wochenende bleibt dann Weile für's Gärtnern, Ordnung halten, Spirituelles oder eine Fähigkeit in einem Kurs zu lernen. Klingt doch eigentlich gar nicht so fremdartig, oder? Und wenn beide Elternteile je etwa 25-35 Stunden arbeiten, sollte dies für's Haushaltseinkommen reichen. Für Schüler gibt es keine Erwerbsarbeit, dafür mit Bildung mehr Kultur und die Möglichkeit, sich selbst durch Lernen oder im Spiel zu entfalten. Wer sich altersbedingt nicht mehr ins Erwerbsleben einbringen kann oder will, wird den Schwerpunkt ebenfalls auf die Kultur und die Betreuung der Enkel oder Angehöriger setzen. In der Ferien- und Weihnachtszeit steht das Umsorgen im Vordergrund.

Ein Power Nap empfiehlt sich übrigens für jeden Tag: zwischen 13 und 17 Uhr eine viertel Stunde wegdösen macht für den Nachmittag fit und man kann am Abend problemlos eine oder zwei Stunden länger aufbleiben. Gut eignet sich dafür der Bus oder der Zug auf dem nach Hause Weg oder auch der Schreibtisch oder die Schulbank[6] mit einem Polsterchen drauf. Damit es am Arbeitsplatz zu keinen Irritationen kommt, ist es ratsam, dies in der Abteilung anzukündigen und ein „Power Nap“ - Schild aufzustellen, eventuell mit einem Uhrzeiger aus Karton der anzeigt, wie lange man nicht gestört - oder eventuell geweckt - werden möchte.

Die EU Kommission anerkennt eine durchschnittliche Jahresarbeitszeit von 1680 Stunden im Jahr für eine Vollzeitbeschäftigung[7]. Bei unserem Modell liegen wir mit 1460 Stunden (365 x 4) nur knapp darunter. Das entspricht einer 35 Stunden Woche mit 5 Wochen Ferienzeit für Leute im erwerbsfähigen Alter. Freilich soll sich Einsatz und Fleiss auch weiterhin bezahlt machen und dafür Anerkennung gezollt werden, doch wir benötigen mehr Umsicht, dass wir uns diese nicht auf Kosten anderer holen und dass die notwendige gesellschaftliche Arbeit in etwa gleich verteilt wird.

Das Modell von Frigga Haug, an einem Tag in den vier Lebensbereichen Erwerb, Sorge, individuelle Entwicklung und Politik aktiv zu sein, kann nicht nur auf eine Woche oder einen Monat, sondern auch auf die gesamte Lebensarbeitszeit verteilt werden. Mit einem Lebensarbeitskonto könnten wir auf die Bedürfnisse unterschiedlicher Lebensphasen besser reagieren und auch länger im Arbeitsprozess bleiben. Was spricht dagegen, dass wir künftig alle etwas weniger Erwerbsarbeit machen, dafür umso länger im Erwerbsprozess stehen? Spannend ist auch das Sorge-Modell in Japan, wo durch Betreuung anderer ein Sorgeguthaben angespart und später selbst konsumiert werden kann. Nur so wird eine alternde Gesellschaft ihre Lebensqualität halten können.

Gilt also die 40-40-40 Regel nicht mehr? 40 Jahre lang je 40 Wochen 40 Stunden pro Woche, also 64.000 Stunden im Leben arbeiten: Dieses Modell mag weiterhin ein wichtiges Ziel etwa bei Arbeitnehmerinnen für Elektronik oder Mode in Asien oder Lateinamerika darstellen, wo eine Arbeitszeit von 70 Stunden oder mehr für die Produktion von Mobiltelefonen, Taschen oder Jeans üblich sind. Doch in entwickelten Ländern, die das Industriezeitalter hinter sich lassen und wo soziale Mindeststandards etabliert sind, entsteht der Wunsch nach mehr Flexibilität. Wir werden länger im Erwerbsleben bleiben und aufgrund der Balance im Alltag auch weniger Urlaub oder Krankenstand haben. Eine neue Regel für die Arbeitswelt würde sich an der gesamten Lebensarbeitszeit orientieren und könnte so lauten: 28h x 45 Wochen x 45 Jahre; dies ergibt auch noch 56.700 Stunden.

Im Erwerb sollen Kinderlose nicht wesentlich mehr arbeiten. Workaholics verzerren den Wettbewerb um Aufstiegsmöglichkeiten oder Chancen um Aufträge oder Ausschreibungen gegenüber jenen, die eine Balance im Leben versuchen. Wer keine Kinder hat, kann sich genausogut in der Alterspflege engagieren oder mit jungen Menschen Abenteuer inszenieren. Anerkennung zu geben und zu erhalten ist auch ausserhalb der Arbeitswelt möglich. Wer eine Ausbildung abschliesst, wird – nach einer Eingewöhnungsphase an die Arbeitswelt – gerne viel leisten. Wohnraum und eine Einrichtung müssen erst verdient werden. Mit einem Partner und Kindern verschieben sich die Prioritäten, dafür sind die Eltern auch zu zweit und teilen Erwerb und Betreuungsaufgaben. Politische Aktivitäten stehen vielleicht erst in einer reiferen Lebensphase im Vordergrund. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, will sie vielleicht auch nochmal beruflich neu durchstarten, gründet ein eigenes Unternehmen oder übernimmt eine Managementfunktion, die vollen Einsatz erfordert. Der Bereich der Kultur, welche Bildung mit einschliesst, darf in keinem Lebensabschnitt fehlen. Lernen ist ständig notwendig, und dazu gehört nicht nur, sich Wissen anzueignen oder es aufzufrischen, sondern auch Kenntnisse und Erfahrungen bewusst zu sammeln, sei es mit dem Besuch einer Konferenz oder einem Master-Studium. Und das Leben zu Hause? Wer sich nicht an der Sorgearbeit beteiligt, also nicht kocht, wäscht, aufräumt oder putzt, lebt auf Kosten anderer. Auch der eigene Körper benötigt Bewegung, Erholung und Pflege.

Selbstverständlich gilt dieses Modell für Frauen und Männer gleichermassen, allenfalls im Jahr nach der Geburt eines Kindes mögen sich die Verhältnisse etwas verschieben, die im zweiten Jahr des Kindes wieder kompensiert werden können. In modernen Familien ist folgende Reihenfolge ideal: das erste Jahr geht die Frau in Karenz, im zweiten der Mann und dann holen die Eltern das Kleinkind abwechselnd aus dem Hort, wo es viele zusätzliche Impulse erhält. Auch wenn der Verdienst etwas einbricht, ist die Betreuung eines Kindes auch für einen Mann eine wirklich schöne Aufgabe, zudem bekommt die Partnerin die Chance, beruflich wieder einzusteigen und bannt die Gefahr, für immer den Anschluss zu verlieren. Eine Doppelverdienerstrategie ist krisensicherer, als wenn nur einer für's Einkommen zuständig ist. Und wenn's in einer Lebensphase wirklich stressig wird, dann muss eben Hilfe organisiert werden, um den Haushalt in Schuss zu halten oder um die Kinder auch dann zu betreuen, wenn die Eltern gerade mal keine Zeit haben. Unterstützung für die Sorgearbeit anzunehmen ist völlig ok, sofern nicht komplett die Verantwortung dafür dauerhaft abgegeben wird. Die Familie Alton gab Au-Pair Mädchen und einem Burschen die Chance, deutsch zu lernen und unsere Kultur kennen zu lernen und alle waren froh, wenn noch jemand mehr im Haushalt anwesend war, um bei der Betreuung der Kinder zu unterstützen. Das letzte Au Pair Li Ping aus China hat nicht nur ihre Deutschkenntnisse perfektioniert, sondern auch Schi fahren gelernt.

Mit der 4-in-1 Perspektive das Leben einteilen

Die „Vier-in-einem-Perspektive“ schafft also Gerechtigkeit, an allen wichtigen Facetten des Lebens teilzuhaben. Wer sich nicht weiterbildet, dreht sich bald im Kreis, wer nie Windeln gewechselt, Socken gestopft oder Glühlampen gewechselt hat, dem fehlen wichtige Lebenserfahrungen, die wiederum im Berufsleben das Urteilsvermögen und die Toleranz schärfen können. Die vier Bereiche sind gleich gewichtet und sollen daher eine ähnliche Wertschätzung erhalten. Einige Bereiche werden nachfolgend näher beleuchtet, wie sie möglichst in Einklang mit ethischen Grundsätzen gelebt werden können.

Arbeiten[Bearbeiten]

Mit Erwerbsarbeit verstehen wir heute Tätigkeiten, die dem Wirtschaftskreislauf dienen. Wir bieten unsere Arbeitskraft als Arbeiter oder Angestellte an und erhalten dafür ein regelmässiges Einkommen: als Monteur, Kassier, LKW-Fahrerin, Bademeister, Krankenpfleger, Bankberaterin, Forscher, Putzhilfe oder Sekretär. Oder wir bieten selbstständig Produkte und Dienstleistungen gegen Verrechnung an: die Biobäuerin, der Winzer und der Bäcker kümmern sich um unsere Nahrungsmittel, der Installateur, die Heilpraktikerin oder der Arzt um unser Wohlbefinden und die Designerin oder der Schauspieler bereichern unser Kulturleben.

Wieviele Leuten arbeiten eigentlich? Nach Definition der Internationalen Arbeitsorganisation ILO zählen zu den Erwerbstätigen alle Personen im Alter von 15 und mehr Jahren, die in einem Arbeitsverhältnis stehen (Arbeitnehmer) oder selbstständig ein Gewerbe, einen freien Beruf oder eine Landwirtschaft betreiben (Selbstständige, Unternehmer) oder als mithelfende Familienangehörige im Betrieb eines Verwandten mitarbeiten. Personen, die lediglich eine geringfügige Tätigkeit (Mini-Job) ausüben oder als Aushilfe nur vorübergehend beschäftigt sind, zählen ebenso als Erwerbstätige. Die Zuordnung zu den Erwerbstätigen ist unabhängig von der tatsächlich geleisteten oder vertragsmässig vereinbarten Arbeitszeit. Auch Personen, die zwar nicht arbeiten, bei denen aber Bindungen zu einem Arbeitgeber bestehen (z.B. Personen in Mutterschutz oder Elternzeit, die diesen Urlaub aus einer bestehenden Erwerbstätigkeit angetreten haben), gelten als erwerbstätig.[8] 2007 waren in den 27 EU Staaten 65,4 Prozent der Menschen im erwerbsfähigen Alter beschäftigt, 58,4% sind Frauen. Zusätzlich waren 7,1% als arbeitslos gemeldet. Diese bedeutet, dass 27,5 Prozent entweder gar keine Arbeit suchten oder bereits in Frühpension waren. Europäer hören tatsächlich früher mit der Erwerbsarbeit auf: nur mehr 44,7 Prozent der zwischen 55 und 64-jährigen und nur 8,6Prozent der 65-69 jährigen sind aktiv, wohingegen in den Vereinigten Staaten noch 28,7 Prozent bis knapp an die 70 arbeiten[9]. In den Lissabon-Zielen der Europäischen Union wurden im Jahr 2000 für 2010 eine Beschäftigungsquote von 70 Prozent angepeilt. Politiker aller Parteien werden nicht müde, Massnahmen für eine Vollbeschäftigung setzen zu wollen: Konjunkturpakete werden geschnürt und ganze Industriezweige gestützt, damit die Leute eine bezahlte Arbeit finden. Mit der Wirtschaftskrise 2009 hat sich jedoch die Situation verschärft und die Arbeitslosenquote stieg in Ländern wie in Frankreich auf 10 Prozent an[10], bei Jugendlichen liegt die Quote in vielen europäischen Regionen bei 30 Prozent oder darüber.

Das Ziel einer hundertprozentigen Vollbeschäftigung, bei der jeder etwa 40 Stunden in der Woche arbeiten soll, ist und bleibt eine Illusion. Wenn im Jahr 2007 mit Hochkonjunktur 34,6 Prozent der Menschen in Europa zwischen 15 und 64 nicht arbeiten konnten oder wollten, und 18,2 Prozent aller Beschäftigen einer Teilzeitbeschäftigung nachgingen[11], kommen wir zur Erkenntnis, dass die Hälfte der erwerbsfähigen Menschen nicht voll arbeiten[12]. Die Politik muss ihr Ziel der Vollbeschäftigung neu definieren, denn die Wirtschaft funktioniert offenbar auch, wenn nicht alle voll anpacken. Und wir dürfen kein schlechtes Gewissen haben, wenn wir mal nicht oder weniger arbeiten, weil es kein Minderheitenprogramm ist. Sowohl auf dem Arbeitsmarkt als auch auf dem Markt der Produkte und Dienstleistungen gilt das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Wenn Märkte gesättigt sind, wie etwa in der Automobilindustrie, gibt es auch weniger Arbeit. Wie liesse sich daher Arbeit gerechter verteilen? Die einzige konsequente Antwort lautet, das Konzept einer Vollzeitbeschäftigung aufzugeben und mehr Menschen eine Chance geben einzusteigen, angestellt oder selbstständig.

Nicht jeder Mensch kann sich in jeder Lebensphase in die Arbeitswelt einbringen. Eine Karenzzeit ist für die Betreuung eines Säuglings, für den Erwerb neuer Fähigkeiten oder für eine Auszeit angebracht. Es sollte daher ein Recht auf eine Grundsicherung[13] geben, damit sich alle einen einfachen Wohnraum und Lebensmittel leisten können. Denn ein Mindesteinkommen schafft Wahlfreiheit[14] und erlöst von unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Vertreter eines bedingungslosen Grundeinkommen würden keine Prüfung an Bedürftigkeit oder an eine bestimmte Tätigkeit vornehmen. Sie sehen das bedingungslose Grundeinkommen als ein Projekt für mehr Freiheit, Demokratie und Menschenwürde, weil die Existenzangst wegfällt. Dies wäre allerdings ein Hohn gegenüber Menschen etwa aus Entwicklungsländern, vor allem dann, wenn wir das Geld dort ausgeben würden, weil die Lebenshaltungskosten in Thailand oder Südamerika billiger sind. Ein allfälliges Grundeinkommen müsste zumindest an einige ethische Grundsätze gekoppelt sein: Ein Bemühen um eine aktive, regionale Mitwirkung in den Lebensbereichen Erwerb, Sorge, Kultur und Politik müsste zumindest über die gesamte Lebensspanne hinweg betrachtet eingefordert werden. Da dies politisch schwer umsetzbar und auch nicht praktikabel überwacht werden kann, ist der Ausbau einer einfach administrierbaren Grundsicherung zunächst erstrebenswert. Erst wenn wir eine globale Umverteilung erzielt haben, könnten wir beginnen, ein bedingungsloses Grundeinkommen[15] ohne Kompromisse umzusetzen.

Wann arbeiten wir genug? Werfen wir zuerst einen Blick in die Geschichte und dann auf jene Menschen, die sich über die Arbeit definieren. Sowohl die Antike als auch das Mittelalter verfügten über ein grundlegend anderes Verhältnis gegenüber der Arbeit. Bei den alten Griechen war körperliche Arbeit verpönt und das hochgeschätzte Philosophieren setzte Musse voraus. Nur wer sich alltäglichen Mühen und Arbeitszwängen entzieht, kann seinen echten Bedürfnissen frönen und hat den Kopf frei für neue Erkenntnisse und kreatives Handeln. Im Mittelalter wurde Arbeit bis zur Reformation als Mühsal, also als Strafe aufgefasst. Erst die protestantische Arbeitsethik ist gekennzeichnet durch die Vorstellung von Arbeit als Pflicht, welche den Mittelpunkt des Lebens darstellt. Luther und Calvin erhoben die Arbeit zum sittlichen Gebot, ebenso die Deutschen Philosophen des 18. und 19. Jahrhunderts. Die Mühen des Mittelalters mögen eine strenge Moral zur Arbeit gerechtfertigt haben, allein um die Familie ernähren zu können. Viele sind dennoch ausgewandert, und haben in Amerika mit demselben Ethos eine Zivilisation erschaffen, die diese Moral in ihrem evangelisch-methodistischen Glauben fortführen.

Heute leben wir im Paradies. Sämtliche Gelehrten aus früheren Jahrhunderten würden uns im Garten Eden sehen. Maschinen nehmen heute so viel Arbeit ab, sodass nur mehr 2 Prozent der Bevölkerung in Deutschland in der Landwirtschaft arbeiten[16], und selbst diese sind zu viel: Milchseen und Butterberge drücken auf die Preise und zwingen immer mehr Bauern zum Nebenerwerb oder zur Aufgabe des Hofes. In den Supermärkten haben wir die Qual der Wahl: Benötigten wir für die Auswahl eines Softdrinks vor 7 Jahren noch 25 Sekunden, so sind es heute 40 Sekunden, bis wir eine Entscheidung treffen, auch wenn es sich mehrheitlich um Zuckerwasser mit verschiedenen Geschmäckern handelt[17]. Gefinkelte Marketingstrategien lassen uns gerne zum höherpreisigen Produkt greifen, in der Hoffnung, damit auch eine Offenbarung zu erwerben. Werbeprofis, Verpackungshersteller, Lebensmittelchemiker, Regalbetreuerinnen und wir Konsumenten haben mehr Arbeit, und zwar im Geschäft, ohne dass wir einen wirklichen Gewinn an Lebensqualität erhalten. Wenn wir uns auf ein dutzend verschiedener Säfte im Angebot beschränkten, würden einige Leute auf den Vollzeitjob verzichten müssen, weil sie keine neuen Getränkekreationen mehr entwickeln, aber wir befänden uns wohl noch immer im Schlaraffenland. Warum arbeiten Menschen so gerne so viel, dass wir mit immer mehr Gütern und Dienstleistungen beglückt werden wollen, die wir zumeist auch nicht brauchen? Distinktion und Neugierde liessen sich auch anders befriedigen.

Warum arbeiten viele so gerne? Erwerb schafft Sicherheit, bietet Anerkennung und erzeugt Macht. Eine Firma ist ein Mikrokosmos, der einen vor den grossen Fragen des Lebens nach Sinn und Ziel unserer Existenz gut abschirmt. Die Welt der Arbeit bietet viele Ablenkungsmöglichkeiten mit noch genaueren Analysen, noch tolleren Innovationen und noch besseren Verkaufsstrategien. Diese werden oft mit militärischer Präzision geplant, bis der Mitbewerber erlegt ist, sofern nicht eine feindliche Übernahme ausgeheckt wird. Der Jäger aus der Steinzeit und der Oberfeldmarschall lassen grüssen. Zwischen Furcht und Aggression auf dem Markt kann es auch zu Ablenkungshandlungen kommen, die die Biologen als Übersprungshandlung bezeichnen. Wenn Katzen im Revierkampf einander gefährlich nahe kommen, lösen sie oft den Konflikt, indem sie plötzlich zur Fellpflege schreiten und den Feind ignorieren. Die moderne Arbeitswut hat ihren emotionalen Notausgang beim Akten sortieren, E-mails löschen, beim Plaudern mit Kollegen oder in einer neuen Projektidee.[18] Hauptsache, man ist nicht untätig. Viele Männer bleiben auch deswegen gerne lieber im Büro, weil dort das Chaos überschaubarer ist als jenes zu Hause, wo man sich um jeden Dreck selber kümmern muss. Im Büro kommt die Putzfrau, um aufzuwischen. Und wer sich eine Sekretärin halten darf, bekommt sogar einen Kaffee mit einem Fingerschnipp serviert - keine emanzipierte Partnerin macht das heute noch freiwillig.

Wer alles gibt und seine Freunde, Familie und sich selbst vergisst, verbrennt. Der Verhaltenstherapeut Nico Niedermeier sieht uns mit zu vielen Ansprüchen konfrontiert, die wir alle erfüllen wollen, weil wir sie ständig in den Medien vorgegaukelt bekommen: tolle Wohnung, attraktiver Partner, nette Kinderschar, Karriere, unvergessliche Abenteuer: "Wer ein Burn-out hat, muss lernen, einen Gang runterzuschalten. Da reicht es meist nicht, einfach Urlaub zu machen. Häufig müssen auch die persönlichen Einstellungen auf den Prüfstand."[19]

In Japan bezeichnet man als „Karōshi“ einen plötzlichen berufsbezogenen Tod, meist ein durch Stress ausgelöster Herzinfarkt oder Schlaganfall. Zahlreiche Angehörige von Karōshi-Opfern haben die jeweiligen Arbeitgeber auf Entschädigungszahlungen geklagt und waren dann erfolgreich, wenn es ihnen gelang nachzuweisen, dass das Opfer an sechs Tagen in der Woche mehr als 12 Stunden pro Tag arbeitete. Viele Menschen fühlen sich im Büro so wohl, dass sie auch dann vorgeben, produktiv zu sein, wenn sie es schon längst nicht mehr sind. Das Phänomen des „Presenteeism“ bezeichnet jenes Stadium der Überarbeitung, wo Papier nur mehr von einem Stapel auf den anderen geschoben oder auf dem Bildschirm herumgeklickt wird, ohne einen Mehrwert zu schaffen. John Naish beschreibt in seinem Buch „Genug“ einen Selbstversuch. Er beschränkte seine freiberufliche Arbeit als Journalist auf Teilzeit und engagierte sich ehrenamtlich für Interessensgruppen. Als er eine Festanstellung bei der Times angeboten bekam, antwortete er mit „Nein Danke“. Er fürchtete sich davor, nach Erreichen einer gewissen Position vor immer grösseren Anforderungen zu stehen, aber immer weniger dafür zu erhalten. Denn Tätigkeiten im Mediensektor erfordern vollen Einsatz und täglich neue Geschichten. „Denn obgleich Reichtum das grosse, glänzende Ziel ist, das uns verlockend vor Augen steht, verhilft er dem, der ihn hat, nicht automatisch zu einem besseren Lebensgefühl.“[20]

Die 100 Superreichen fühlen sich nur wenig besser als Normalbürger, denn mit dem Geld kommen auch neue Sorgen. Das beste ist immer gerade gut genug, die Luxusgegenstände müssen mit Alarmanlagen und die teuren Bilder und Teppiche mit Security - Personal gesichert werden, sonst steigt die Versicherung aus der Police aus. Klingt nicht verlockend, wenn in jeder Nacht auf der Terrasse ein Wachmann vorbeispaziert und mit der Taschenlampe ins Wohnzimmer lugt. Die Gier endet auch nicht beim Gulfstream V[21], jenem Objekt der Begierde für private Jet-Setter, die in Paris frühstücken, in New York am abend shoppen und am nächsten Tag auf den Bermudas einen Empfang geben. Die Gier ist ein Luder, oder um mit Epikur zu sprechen: Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug.

Doch wann ist genug? Das Mass für ein zufriedenes Leben liegt wohl knapp über dem Erreichen des Durchschnittseinkommens eines Landes. „Viel mehr zu verdienen als der Durchschnitt, führt lediglich dazu, dass zu Ihren Partys nur noch Unzufriedene und Frustrierte kommen“.[22] Viele gut verdienende Menschen setzen die Prioritäten falsch. Sie überschätzen den emotionalen Auftrieb durch Geld und materielle Güter im Vergleich zur Energie, die von einer Balance mit Familie, kulturelle Aktivität oder Gesundheit ausgeht. Letztere wird allzu oft dem Streben nach Geld und Gütern geopfert - doch für wen? Damit's die Kinder mal besser haben? Denen geht's gut, wenn die Eltern für sie in allen Lebenslagen da sind, nicht wenn sie erben. Der Erbschaftsfall ist die häufigste Ursache für Geschwisterfehden und der plötzliche Herztod die häufigste Todesursache in den westlichen Industrienationen, der meist am Montag vormittag auftritt.[23]

Eine Reduktion der Anzahl der Wochenstunden ist vermutlich für eine Reihe von Menschen mit Ganztagsjob zunächst schwer vorstellbar. Ok, manchmal gibt es wirklich viel zu tun. Wer die Ernte einfahren oder mehrere Projekte gleichzeitig betreuen und termingerecht abschliessen muss, dem reicht oft auch die 60-Stunden Woche nicht. Wer im Tourismus arbeitet oder eine Veranstaltung organisiert, wird mal ohne Wochenende und mit wenig Schlaf auskommen müssen. Zur Kompensation soll dann aber eine andere Phase folgen, in der die Sorge um Kinder, Eltern oder Nachbarn, Kultur oder die Politik im Vordergrund stehen, sodass die Ethify Balance wieder ausgeglichen ist. Somit wird Erwerbsarbeit auch für andere Menschen leichter zugänglich, sofern man sich nicht absichtlich unersetzbar gemacht hat.

Heute ist die Bedeutung eines Berufs viel zu zentral. Je nach Milieu, in dem man die Gelegenheit hat, Menschen kennen zu lernen, dauert es unterschiedlich lange, bis man die Frage gestellt bekommt: „Und was machen Sie denn so?“ Leute aus der Werbebranche benötigen dazu höchstens 30 Sekunden, Freiberufler, Ärzte und Anwälte weniger als zwei Minuten, Arbeiter hingegen fragen oft gar nicht[24], ausser sie sind wirklich am Aufbau einer echten Freundschaft interessiert. Antworten Sie auf die Frage nach der Tätigkeit einfach mal mit einem Hinweis auf Modellbau, Holz hacken oder Schneemann bauen - das entspannt auf beiden Seiten.

Hannah Arendt formulierte schon 1958 folgende These: „Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?“[25] Keine Angst: die Arbeit wird uns nicht ausgehen, wir werden weiterhin Maschinen bedienen, die Brötchen backen, LKWs fahren, um die Nahversorgung zu sichern, Menschen medizinisch betreuen, Häuser isolieren, Kinder lehren, Webseiten programmieren oder Studien schreiben. Die Arbeit muss jedoch einen anderen Stellenwert erhalten, sie darf nicht alleiniges Identifikationsmittel sein, mit der die eigene Existenz gerechtfertigt wird.

Wer viel arbeitet, erhöht zwar den eigenen Marktwert und hat die besseren Aufstiegsmöglichkeiten oder eine Chance auf einen besser bezahlten Job beim Mitbewerber, läuft jedoch Gefahr, als Workaholic eingestuft zu werden. Beim Mitarbeiter-, Bewerbungs- oder Verkaufsgespräch gehört zum Standardrepertoire die Frage nach der Work-Life-Balance. Wer sich als allzu ehrgeizig präsentiert, wird als tickende Zeitbombe identifiziert. Ohne Familie, Freunde und Entspannung kommt irgendwann die totale Erschöpfung und eine nachhaltige Depression, das wissen mittlerweile auch Firmenchefs und Auftraggeber. Firmen sollten zur Optimierung der Balance auch den besten Mitarbeitern nicht anbieten, private Dienste zu übernehmen, zum Beispiel das Auto- oder Wäschewaschen, das Vermitteln von Tennispartnern oder das Abholen der Kinder von der Schule. Letztere sollten erstens sowieso alleine den Weg - am besten zu Fuss oder mit Fahrrad - zurücklegen und zweitens freuen sie sich, wenn ein Elternteil etwas früher nach Hause kommt, um nach der Hausaufgabe mit ihnen noch eine Runde Ball zu spielen. Wenn das Unternehmen die Work-Life-Balance in die Hand nimmt, hat es diese falsch verstanden.

Wie sieht die Arbeitswelt der Zukunft aus? Nachdem ein Job als Angestellter längst nicht mehr als Garantie für eine Dauerversorgung gilt, werden wir immer wieder neue Aufgaben suchen müssen. Wer selbstständig Dienstleistungen anbieten oder ein eigenes Geschäft betreiben möchte, wird die eigenen Qualifikationen stets auffrischen. Dazu gehört etwa, die eigenen Fähigkeiten, Produkte oder Dienstleistungen auch gut darstellen zu können. Wir werden für jene Firmen oder Kunden gerne arbeiten, wo die Teams kollegial sind, Umwelt und Menschen nicht zu Schaden kommen und kein Chef den Gewinn verzockt. Wenn wir auf das Ergebnis der Arbeit mit einem Team stolz sein dürfen, sind wir motiviert und produktiv. Noch gibt es zahlreiche Tätigkeiten und Arbeitgeber, die diesem Idealbild nicht entsprechen. Mit einem Grundeinkommen entfiele die Existenzangst und wir würden nicht jeden Job annehmen müssen. Der Markt würde sich verschieben: Wir würden nicht faul zu Hause herumliegen, denn die meisten Menschen wollen etwas sinnvolles für die Gemeinschaft leisten und dazuzuverdienen wollen. Wirklich unangenehme Tätigkeiten müssten wesentlich besser bezahlt werden, damit sie auch gemacht werden.

Das Mincome war ein soziales Experiment, welches in den 70er Jahren die Auswirkungen der Einführung eines garantierten jährlichen Grundeinkommens untersuchen sollte. Dabei erhielten Bewohner der Stadt Dauphin in Kanada ab 1974 eine jährliche Geldauszahlung, die einem heutigen Wert von umgerechnet mindestens etwa 5.500 USD pro Person entsprach. Nach einem abrupten Ende des Experimentes 1977 kam es zu keiner offiziellen Präsentation der Ergebnisse. Der damalige Forschungsleiter Derek Hum veröffentlichte erst nach und nach Teilergebnisse der Studie. Dabei konnte nur ein geringer Rückgang der Arbeitsbereitschaft festgestellt werden.[26] Die Idee des bereits erwähnten Grundeinkommens wird mittlerweile quer durch alle Parteien diskutiert. Bei den Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl 2009 mit CDU und CSU wollte die FDP einen Kurswechsel in der Sozialpolitik erreichen. Zu den wichtigsten Forderungen der Liberalen gehörte das sogenannte Bürgergeld in Höhe von 662 Euro , das Bedürftige als Pauschale vom Finanzamt erhalten sollten.[27] Der ehemalige thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus forderte ein Solidarisches Bürgergeld genanntes bedingungsloses Grundeinkommen von 800 Euro brutto für jeden (abzüglich 200 für eine Basis-Krankenversicherung). Alle staatlichen Transferleistungen sollen damit gebündelt werden. Verbunden ist das Konzept mit einer umfangreichen Umgestaltung in der Steuer- und Sozialpolitik. Nach dem Althaus-Modell entstünden dem Staat Deutschland jährlich Kosten in Höhe von 583 Milliarden Euro. Das heutige Sozialsystem kostet die Bundesrepublik derzeit 735 Milliarden Euro pro Jahr. Damit wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen nach Althaus langfristig für den Staat günstiger als das heutige System.[28] Die Grüne Grundsicherung sieht eine Reform mit mehreren Elementen vor: die schrittweise Einführung eines Grundeinkommens für Kinder (bedingungslose Kindergrundsicherung), der Öko-Bonus (ein Grundeinkommen finanziert aus Ökosteuern), ein temporäres Grundeinkommen (Brückenexistenzsicherung) und beim Arbeitslosengeld der Verzicht auf jegliche finanziellen Sanktionen, die dazu führen, dass das Einkommen unterhalb des Existenzsicherungsniveaus sinkt.[29] Mit Frigga Haug stimme ich überein, dass die Bedingungslosigkeit zu hinterfragen ist, wenn wir doch eigentlich in vier Bereichen aktiv sein sollten. Mit dem Grundeinkommen sollte daher zumindest eine moralische Verpflichtung verbunden sein, die davon abhält, sich damit in der Südsee den grössten Teil des Jahres die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen.

Auch lokale Produkte und Dienstleistungen wollen verstärkt konsumiert werden. Denn dadurch bremsen wir den Kaufkraftabfluss von schwächeren Regionen zu den Zentren oder in andere Regionen ab, die preiswerter produzieren, ohne gleich mit Zöllen einen neuen Protektionismus zu schaffen. Lokale Währungssysteme, wie etwa das Schweizer WIR System, der Chiemgauer, der Waldviertler oder Vorarlberger Talente können die lokale Kaufkraft stärken. Eine andere Massnahme wäre der Einsatz von Open Source Software oder der Konsum europäischer Musik oder Filme: anstatt Lizenzgebühren nach Hollywood oder Redmond zu schicken wird mit lokalen Dienstleistungen regionale Wertschöpfung forciert.

Nachdem Konsumbedürfnisse befriedigt sind und eine Marktsättigung mit der Fülle an Shampoos, Säften, Auto- oder Handymodellen erreicht ist, werden wir nicht Däumchen drehen, sondern wird unser Engagement in der Arbeitswelt in Richtung Nachhaltigkeit und Kreativität gehen. Wir werden uns um unsere Region oder Familie kümmern, Betreuungsleistungen für Jung und Alt ausbauen und uns für die Bildung oder Sport engagieren. Mit Umwelttechnologien werden wir die Ziele des Klimaschutzes besser erreichen: Wärmedämmung, Nahwärmekraftwerke, die von Energielandwirten betrieben werden, der Ausbau von Radwegen oder Wasserwirbelstromanlagen bieten genügend Tätigkeitsfelder für die nächsten Jahrzehnte. Und wenn wir die globalen Probleme ernst nehmen, werden wir unser Know-How auch exportieren und anderen Regionen zur Verfügung stellen.


Wohnen[Bearbeiten]

Wohnen kommt von Wonne, verbinden wir also mit Wohlfühlen. Im englischsprachigen Raum wird mit „Living“ sprachlich nicht zwischen Wohnen und Leben unterschieden, das „Home“ bauen Engländer und Nordamerikaner jedoch gerne als Trutzburg gegen alle schlechten Einflüsse aus. Neben dem Bedürfnis nach Nahrung und Kleidung wird das Bedürfnis nach einer Wohnung zu den menschlichen Grundbedürfnissen gerechnet. Im westlichen Kulturkreis werden heute dem Wohnen eher Funktionen zugeordnet, die innerhalb dieses Kulturkreises als eher privat oder intim angesehen werden und deshalb aus dem öffentlichen Raum zum Teil verbannt sind: Schlafen, Körperpflege, Zusammensein und Pflege von Gemeinschaft mit den vertrautesten Menschen, Austausch von Zärtlichkeit, Sexualität, Aufbewahren persönlicher Gegenstände, sowie Kochen, Essen und Trinken. Die Wohnung ist somit der zentrale Ort der Sorge- und Subsistenzarbeit. Über lange Zeiträume wurden Wohnungen fast ausschliesslich von Familien bewohnt; erst in modernen industriellen und postindustriellen Gesellschaften breiten sich Einpersonenhaushalte, Wohngemeinschaften und ähnliche Wohnformen in grösserem Umfang aus. Die heutigen Assoziationen mit dem Begriff „Wohnen“ sowie viele heutige Ausprägungen des Wohnens haben ihre grundlegenden Wurzeln im 19. Jahrhundert, im aufkommenden Bürgerlichen Zeitalter, das heisst in einer Zeit, in der das Bürgertum zur einflussreichen Bevölkerungsgruppe wird. Da werden Wohnung und Familie zum Rückzugsraum und Intimbereich des Bürgertums. Bauern und Handwerker arbeiteten früher meist am selben Ort, doch die Industrialisierung trennt das Wohnen vom Arbeiten. Die von der Erwerbsarbeit befreite Wohnung wird zum trauten Heim, zum Gegenentwurf zur rauen Realität aussen.[30] Der Biedermeier hat eine bürgerliche Wohnkultur entwickelt, die die Wohnarchitektur mit ihrer typischen Raumaufteilung in Küche, Wohnzimmer und Schlafzimmer bis in die 1980er Jahre prägte. Jede Etagenwohnung weist nun einen Standard auf, welcher vor hundert Jahren nur einer winzigen Schicht vorbehalten war. Heute verschwimmen die funktionalen Grenzen des Wohnraums, in Neubauten sind Wohnraum und Küche als Funktionsinseln konzipiert. Mit Mobiltelefon und Laptop können wir im Prinzip überall arbeiten, und tun dies auch in der Küche, am Sofa, beim Schreibtisch oder auf dem Balkon. Andererseits führen insbesondere Singles oft nur einen eingeschränkten Haushalt und nutzen die Genusstheke allenfalls zum Frühstücken. Ein moderner Wohnraum ist heute oftmals nicht nur ein Ort für Sorge und Erwerb, sondern im Internetzeitalter auch für Kultur und Politik. Mit Festplattenrekorder, Flatscreen und Surround-Sound kommt Kinovergnügen auf. Und Blogs, Twitter und Wikileaks sind heute die Medien, um Ungerechtigkeiten nachzugehen und Solidarität zu üben.

Je nach Lebensabschnitt und sozialem Status dominieren unterschiedliche Wohnformen. Kinder von Ökofreaks schlafen in Hochbetten, Studierende in Wohngemeinschaften, Singles in Mietwohnungen und Familien sehnen sich nach einem Einfamilienhaus. Ein eigenes Haus verspricht Autonomie und Zukunftssicherheit und vermittelt den Status, es auch geschafft zu haben. Doch spätestens, wenn die Kinder ausgezogen sind, bleibt Wohnraum ungenutzt und zieht Einsamkeit und Ohnmacht ein. Immobilien machen immobil, man muss bleiben, wo man gebaut hat. Das ist im Alter nicht immer die glücklichste Lösung, vor allem dann, wenn die Verwandtschaft weit verstreut ist und vielleicht nicht einmal mehr an Weihnachten zu Besuch kommt. Und ein Haus mit Garten braucht auch viel Pflege, das kann lästig oder beschwerlich werden. Der Wunsch nach dem Eigenheim führt zur Zersiedelung weiter Landstriche und hat unabsehbare ökologische und soziale Folgen. Oft sind zwei oder mehr Autos notwendig, um die Mobilitätsanforderungen zu bedienen. Zwar muss bei einem Kaufvertrag für ein Haus heute in Österreich ein Energieausweis beigelegt werden, doch weist dieser nicht aus, wie viel Treibstoff voraussichtlich verbraucht werden wird, um die üblichen Wege für Einkauf und Arbeit zu erledigen. Und wir erleben uns nicht mehr als Gemeinschaft, die um einen Kirchturm oder einen Dorfbrunnen wohnt und sich auch mal zufällig zum Tratsch trifft, sondern als Verteidiger von Eigentum in Schlafsiedlungen, das es mit Alarmanlagen, Hunden und Zäunen zu schützen gilt.

In die Berechnung des Ressourcenverbrauchs fürs Wohnen fliessen eine Reihe von Faktoren ein. Zunächst geht es um den Verbrauch von Landschaft: Wer ein Grundstück in schöner Lage kauft, nimmt anderen die Aussicht oder die Möglichkeit, das Stück Land samt Zufahrt für Erholung oder Landwirtschaft zu nützen. Erheblicher Energieeinsatz fällt bereits beim Bau selbst an, vor allem wenn man den Aufwand zur Herstellung von Ziegeln, Beton, PVC oder Kupferleitungen mitrechnet. Viele Materialien, die beim Bau zum Einsatz kommen, sind eigentlich als Sondermüll zu klassifizieren, ausser Holz. Wer mit Holz baut, schafft ein angenehmes Wohnklima und handelt umweltverträglich. Mit Solartechnik und einer kontrollierten Be- und Entlüftung kann ein Niedrigenergiehaus geschaffen werden. Mittlerweile sind grosse mehrstöckige Holzbauten möglich, und mit modernen Dämmmaterialien ist auch das Brandrisiko nicht anders einzuschätzen, obwohl es von der Betonindustrie weiterhin als Argument gegen den Einsatz von Holz am Bau gebracht wird. Nachhaltigen Wohnraum schaffen heisst also, nicht in die Landschaft Architekturdenkmäler zu setzen, sondern im Siedlungsgebiet zu verdichten oder zu renovieren. Vielerorts stehen alte Häuser leer. Deren Umbau in ein energieeffizientes Haus mag mitunter aufwändiger sein, als neu zu bauen. Wenn der Wohraum schon während der Bauphase provisorisch genutzt wird, entsteht eine besonders enge Zusammenarbeit mit lokalen Handwerkern und eine unvergleichliches Erlebnis, nämlich die Geschichte von Räumen mit der eigenen Hand weiterschreiben zu dürfen.

Roland und Juliane Alton haben zwei Häuser für ihre Wohnbedürfnisse hergerichtet. Ein Jahr nach dem Studium in Wien kaufte Roland mit einem Bausparkredit ein kleines Bauernhaus im Weinviertel, das lange als Wochenendhaus diente. In dem um 1900 erbauten Haus wurden Wände saniert, ein Bad und eine Heizung eingebaut. Darum kümmert sich nun ein guter Freund, der das Ambiente und den kleinen Garten mit seiner Lebenspartnerin geniesst. Denn die Altons hatten 2003 entschieden, mit ihren beiden Kindern in eine Mittelstadt in den Alpen zu ziehen, wo fast alle Wege zu Fuss oder mit dem Fahrrad erledigt werden können. Ihr Haus in Dornbirn war das erste im Ensemble sieben Bauernhäuser am Hatler Brunnen, das in den 1970er Jahren von einem Architekten saniert worden ist, andere folgten dem Beispiel nach. Die verbleibende Aufgabe ist es, jedes Jahr an einer anderen Ecke die Wärmedämmung zu verbessern. Eine Solarheizung wurde 2006 installiert, die nicht nur Warmwasser erzeugt, sondern das Haus auch mitheizt, wenn die Sonne aufs Dach scheint. Mit der Deaktivierung eines Warmluftgebläses und der Reaktivierung einer Stückgutheizung, die mit Abfallholz aus einem Sägewerk befeuert wird, konnte der Verbrauch fossiler Energien wesentlich reduziert werden[31]. Eine weitere Einsparung brachte die Stillegung der Tiefkühltruhe und der Austausch des Kühlschranks mit einem Kombi-Gefrierschrank. Damit liegen die Altons mit einem Energieverbrauch von etwa 6 MWh pro Kopf und Jahr weit unter dem Durchschnitt. Zugegeben, im Winter ziehen sie sich auch zu Hause einen Pullover an und lassen oft das Büro kalt, denn in er Küche oder im Wohnzimmer lässt sich's mit Laptop auch gut arbeiten. Mittlerweile ist auch der Kachelofen im Büro neu gesetzt und wird Wärme über einen Konvektor in die Kinderzimmer verteilen. Geplant ist noch eine Photovoltaikanlage, welche die Solarpumpe, den Medien-Server und das WLAN mit Niederspannung versorgen soll.



Energiebilanz eines 200 Jahre alten, renovierten Bauernhauses Energieverbrauch halbiert: Energiebilanz Haus Dornbirn Badgasse 3, 200 m², für Familie mit 5 Personen und Büro (Angaben in kWh, Messzeitraum jeweils bis 30.9. eines Jahres)

Zum Einfamilienhaus gibt es freilich auch energiesparende Alternativen. Mehrgenerationenhäuser, Ökodorfsiedlungen oder autofreie Wohnparks sind der Wunschtraum vieler, dennoch bilden sie ein Minderheitenprogramm für jene, die Ausdauer haben und es sich leisten können. Denn die Planungs- und Abstimmungsprozesse sind oft langwierig und nicht selten ziehen andere Leute ein, als jene, die die Idee aufgebracht und das Grundstück organisiert haben. Reizvoll ist ja auch das Leben in der Grossstadt, mehr als die Hälfte aller Menschen leben in Metropolen. Das Angebot für kulturelle und politische Betätigungsfelder ist immens und oft sind auch die Jobaussichten besser. Eine kompakte Wohnung in einem Zinshaus bilanziert ökologisch mitunter besser als ein Einfamilienhaus auf der grünen Wiese. Wenn die Natur nicht zum Greifen nahe ist, bieten sich Ausflüge an, die genauso ein intensives Erlebnis vermitteln können. Berlin, Prag, Budapest und Wien sind wohl jene Städte in Zentraleuropa, die noch leistbare Wohnungen bieten und zugleich von atemberaubenden Landschaften umgeben sind. Der Buchautor Alexander von Schönburg fühlt sich in Designerwohnungen nicht wohl: „Die Schönheit einer Wohnung ergibt sich also nicht durch das Geld, das man für sie ausgibt, durch das Stadtviertel, indem sie liegt, sondern durch die Selbstverständlichkeit, mit der dort Gäste aufgenommen werden. Reich ist, wer eine Wohnung hat, die zum Anziehungspunkt seiner Freunde wird. Und reich ist auch, wer Freunde hat, bei denen er regnerische Tage verbringen kann, wenn ihm seine eigene Decke auf den Kopf zu fallen droht.“[32] Urbane Bewohner nehmen die Gestaltung von Innenhöfen, Parks oder den Trottoirs selbst in die Hand. In Wien wurde in den 1970er Jahren das Planquadrat geschaffen: ein grosser Innenhof wurde zusammengelegt und wird bis heute ehrenamtlich betreut – eine Oase für Kinder, Eltern und Alte. Und in Berlin werden Schals und Mützen für Hydranten gestrickt, die Idee dazu kommt aus einem Strick-Cafe. Die Rückeroberung öffentlicher Räume für's Leben und die Zurückdrängung des motorisierten Individualverkehrs sorgen in den Städten für mehr Wohnqualität.

Egal, ob Stadt oder Land und wie gross die Fläche ist, die wir zum Wohnen zur Verfügung haben: wir sind alle gefährdet, zu viel anzuhäufen. Der Markt der Self-Storage Firmen wächst, weil die Leute nicht wissen, wohin mit ihrem Unrat. Die geerbte Bettwäsche hat leider die falschen Masse für die Kopfpolster, für die Modelleisenbahn ist weder Zeit noch Platz, die Tennisausrüstung könnte man ja wieder mal in den Urlaub mitnehmen und die Romane will man vielleicht im Ruhestand nochmal lesen. Da hilft eigentlich nur regelmässiges Ausmisten und der Abtransport zum Flohmarkt oder in den Recyclinghof. Keine Angst vor Leere: nicht jede Ecke muss vollgestellt bleiben, nicht überall ein Teppich liegen! Werner Tiki Küstenmacher empfiehlt ein Entrümpeln in kleinen Einheiten: über einen bestimmten Zeitraum jeden Tag eine Schublade, ein Kleiderfach oder ein Regalbrett, aber dieses dafür anständig aufräumen. Die entsprechende Einheit wird komplett leergemacht, geputzt und dann wird der Inhalt in drei Häufen eingeteilt: Wunderbares, echter Müll und die Kategorie Fragezeichen landet in einem Krims-Krams Karton und der wird im Keller oder Dachboden verstaut. Nach einem Jahr lässt sich davon getrost vieles verschenken oder entsorgen, weil man draufkommt, dass es einem gar nicht abgegangen ist. Wichtige Erinnerungsstücke aus dem Leben sollen in eine besondere Kiste. Diese brauchen wir vielleicht im Alter für unsere Demenz-Therapie, denn immerhin ist ein Viertel der über 85-jährigen davon betroffen. Eine Therapie ist umso erfolgreicher, wenn es gelingt, Ankerpunkte in der Vergangenheit zu fixieren. Das kann auch das Etikett eines Getränks oder ein Kochrezept sein, das unserem emotionalen Gedächtnis vielleicht wieder auf die Sprünge hilft, sofern wir überhaupt gelernt haben, zu riechen und zu schmecken.

Essen und Trinken[Bearbeiten]

Essen und trinken haben eine Reihe von Funktionen: neben der Aufnahme von Nährstoffen geht es um die Pflege von Kontakten, um Genuss und Zeitvertreib. Was eignet sich besser, als jemandem beim Essen und Trinken zu beobachten, um daraus einige Rückschlüsse auf die Person zu ziehen? Wer abends die Frage stellt: „Wollen wir schön essen gehen?“ zählt zur jenen Spezies Stadtmenschen, die einen arbeitsreichen Tag mit einer Belohnung abrunden wollen.[33] Sie führen nur einen reduzierten Haushalt mit einer Flasche Sekt und einer Tiefkühlpizza für Notfälle im Kühlschrank. Um die Herkunft der Zutaten oder die Arbeitsbedingungen in der Küche wollen sie sich vermutlich nicht näher kümmern, allenfalls schauen sie auf das Ablaufdatum und entsorgen, was laut Herstellerangaben nicht mehr genieesbar ist. In Wohngemeinschaften von Metropolen trifft man auch auf Dauerfrühstücker. Wer sich den Tag frei einteilen kann, baut am morgen ein Buffet mit Brot, Käse, Obst und Joghurt auf und räumt es erst am frühen Nachmittag wieder weg, wenn die Butter schon im eigenen Saft schwimmt. Dazwischen wird Zeitung gelesen, telefoniert und am Schreibtisch gearbeitet, wenn nicht gerade Freunde einen davon abhalten. Mit Chips oder Bier lässt sich ideal die Zeit totschlagen, speziell vor dem Fernseher. Und wer vor dem Computer sitzt oder mit seinem Notebook auf der Couch herumlümmelt, nuckelt gern am Energy Drink. Wem das zu einsam ist, geht zum Heurigen auf ein Glas Wein (oder Sturm im Herbst) oder lässt sich ein frisch gezapftes im Biersalon servieren. Dazu gibt’s Eiaufstrich- und Liptauerbrote oder Würstel und Brezel. Im Büro gehört der Gang zur Kantine zum Pflichttermin. Wer mit Sauermilch und einem Apfel am Arbeitsplatz bleibt oder eine Runde spazieren geht versäumt wichtige Neuigkeiten, die am Mittagstisch brühwarm ausgetauscht werden. Wer es sich leisten kann, den Kindern, die aus der Schule kommen[34], einen Imbiss zu richten, wird mit Geschichten belohnt und kann deren Nachmittagspläne mitgestalten. Wer zusätzlich Zeit am vormittag hat, am Markt einzukaufen, wird den Applaus der Familie ernten, wenn es weiche Avocados als Vorspeise, Kürbisgemüse mit Polenta zur Hauptspeise und frische Beeren mit Sauerrahm zum Dessert gibt.

Ist das Essen und Trinken zur Nebensache verkommen oder richten wir unsere Ess- und Trinkgewohnheiten entlang der Marktstrategien von Konzernen aus? Tatsächlich beherrschen nur wenige Giganten den Markt. Nestlé SA ist mit 103 Milliarden USD Umsatz der weltgrösste Nahrungsmittelkonzern. Für seinen Film „Supersize Me“ setzte sich der Regisseur Morgan Spurlock einem ungewöhnlichen Selbstversuch aus: er nahm 30 Tage lang nichts anderes als Produkte von McDonald’s zu sich. Seine Regeln waren: drei komplette Mahlzeiten am Tag bei McDonald’s zu essen, jedes Produkt auf der Speisekarte mindestens einmal zu nehmen, keinesfalls mehr als 2000 Schritte pro Tag zu gehen und immer „SuperSized“-Menüs zu bestellen, wenn er danach gefragt werden würde – aber auch nur dann. Der Film zeigt seine Vorbereitungen auf das Experiment und dessen Folgen, so zum Beispiel Spurlocks Untersuchungen bei drei Ärzten und seine Gespräche mit einer Ernährungsberaterin. Bei seiner einseitigen Ernährung, verbunden mit Bewegungsmangel lassen gesundheitliche Probleme nicht lange auf sich warten. Nach den 30 Tagen hatte Spurlock 11,1 kg zugenommen.[35]

Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurden Lebensmittel so billig, dass auch jedem die Wurzelsünde der Völlerei offen stand. Schon früher waren Reiche mitunter dickbäuchig, jetzt wissen wir mit dieser Fülle nicht umzugehen. Daher zählen viele der besonders Übergewichtigen heute gerade zu unterpriveligierten Bevölkerungsteilen, auch und besonders in den Schwellenländern, in denen Übergewicht zum Teil als Schönheitsideal galt und noch gilt. Ein Viertel der Erwachsenen in Europa, Australien und den USA ist fettleibig, ein weiteres Drittel ist übergewichtig. Es gibt bereits mehr fettleibige als unterernährte Menschen auf der Welt.[36] Wir essen in den Industrienationen zu viel Fett und Kohlehydrate und zu wenig Obst und Gemüse. Denn was fett ist, schmeckt besonders intensiv, denn Fett transportiert Geschmack am besten. Und wir essen zu oft am Tag und zu spät am Abend. Ein Hungergefühl zwischen den Mahlzeiten ist wichtig für einen molekularen Schalter, der uns zu Bewegung anregt. Dieser wird durch Insulin deaktiviert, das wir ausschütten, wenn wir essen[37]. Wer's gar nicht aushält, dem ist ein Apfel, frisch oder getrocknet als Ringe, zu empfehlen. Snacks, Chips oder Fruchtjoghurt, wie in der Werbung gegen den „kleinen Hunger“ angepriesen, sind ernährungswissenschaftlich ungeeignet. Die verringerte körperliche Aktivität ist verantwortlich dafür, dass wir trotz erhöhter geistiger Aktivität einen geringeren Energieverbrauch haben.

Wenn Jugendliche mit der Konsole statt mit dem Fussball spielen, wird wohl mehr Energie verzehrt als verbraucht. Nach der Definition des Robert-Koch-Instituts sind 15,0 % der Kinder in Deutschland im Alter von 3-17 Jahren übergewichtig und 6,3 % leiden an Fettleibigkeit. Insgesamt hat sich der Anteil übergewichtiger Jugendlicher (14–17 Jahre) zu Kleinkindern (3–6 Jahre) verdoppelt (17,1 % zu 9,2 %), der Anteil der fettleibigen Kinder hat sich fast verdreifacht (von 2,9 % zu 8,5 %) und liegt mit dem Anteil der übergewichtigen Kinder gleichauf (8,6 %). Ein höheres Risiko für Übergewicht besteht bei einem niedrigen sozialen Status (Arbeitslosigkeit, Arbeiter und Migrantinnen) und bei übergewichtigen Müttern[38]. Auch wenn Übergewicht bei Kindern mehrheitlich genetisch bedingt ist[39], wird eine solche Veranlagung erst mit einem Überangebot an Lebensmitteln offenbar wirksam. Erstmals seit 50 Jahren sinkt die Lebenserwartung wieder[40]. Die heranwachsende Generation wird mit Diabetes, Arthritis oder Gallenleiden früher sterben als die Babyboomer, die in den 60er und 70er Jahren noch ohne Energy Drinks, Gummibären und Pringles gross geworden sind.

Diätrezepte gibt es unzählige, letztlich hilft nur Mässigung und mehr Bewegung, notfalls mit simulierter Umgebung wie bei der WII Sports Konsole. Regelmässig ein Glas Wasser vertreibt das Hungergefühl, zwischendurch ein Stück Obst verzögert es ebenso. Ein Teller will immer leer gegessen werden, daher einfach einen kleineren nehmen, da kann man nicht so viel aufladen. Und eine warme Mahlzeit am Tag genügt: entweder zu mittags nur ein Jausenbrot und Obst und abends in Gemeinschaft oder mittags in der Kantine. Abends genügt auch mal ein Knäckebrot mit Käse und Gurkenscheiben. Die Ausnahme darf zur Regel werden, insbesondere wenn frau gelernt hat, zu spüren, wann sie genug hat. Um diese Grenze wieder zu erfahren, kann auch ein Coach helfen, denn Zu-viel-Essen steht oft für etwas ganz anderes: zu wenig Liebe, Einsamkeit, Angst, Frustration oder Überforderung.[41] Die britische Organisation „Mind“ präsentierte 2004 das Ergebnis ihrer Forschungen mit dem Glückshormon Serotonin. Zucker, Koffein und Alkohol sowie Völlegefühl behindern dessen Produktion während Wasser, Gemüse, Früchte und Fisch wie Antidepressiva wirken und uns eine Spur glücklicher sein lassen.[42] Schokolade enthält die Serotin-Vorstufe Tryptophan und hellt ebenso unsere Stimmung auf. Es muss ja nicht gleich eine ganze Tafel sein.

Wer bewusster isst, achtet auch auf die Zutaten. Der Unterschied trifft den Geschmacksnerv: Fleisch vom Metzger im Ort statt aus der Fleischtasse im Supermarkt, Eier aus Bodenhaltung satt aus der Legebatterie und biologisch angebautes Gemüse aus der Region statt unreif geerntet und tausende Kilometer verfrachtet. Frische Lebensmittel sind bekömmlicher und machen schneller satt. Wer auf Fleisch und Wurst verzichtet, verhindert Tierleid und trägt zum Klimaschutz bei. Kraftfutter wird zumeist aus Soja gemacht, dafür werden vielfach Regenwälder gerodet. Und Methangase insbesondere von Rindern fördern den Treibhauseffekt[43]. Wiederkäuer wie Kühe, Schafe und Ziegen wandeln die im Magen beim Abbau der Nahrung entstehende Essigsäure in Methan um. Die Gasbildungen in deren gedärmen Darm macht bei über 3 Milliarden Wiederkäuern 80% der gesamten Methanemissionen in der Landwirtschaft aus[44]. Methan entsteht übrigens auch bei der Lagerung von Stallmist, Gülle und Jauche und beim Nass-Anbau von Reis.

Die Bewirtschaftung von Almen dient dem ökologischen Gleichgewicht im Gebirge. Sie stellt eine hunderte Jahre alte Kulturform in den Alpen dar. Mit reiner Gras- und Heufütterung schmeckt nicht nur die Milch besser, auch der Käse wird geschmackvoller. Dennoch konsumieren wir insbesondere in deutschsprachigen Ländern zu viele Milchprodukte. Der Energiewert der Futtermittel beträgt das zigfache von Milch, Joghurt, Butter und Rahm, die darüberhinaus in Plastik oder Getränkekartons (welche meist auch eine Schicht schwer trennbare Alufolie enthalten) abgepackt werden. Um ein Kilogramm Fleisch zu erzeugen, benötigt der Bauer etwa 6 bis 16 Kilogramm Getreide beziehungsweise Soja, wobei 90% der Weltsojaernte an Tiere verfüttert wird.[45] Dann lieber aus Sojawürfel und Sojagranulat eiweisshältige und geschmackvolle Gerichte zubereiten, in Olivenöl angebraten und mit etwas Sojasosse und frischen Kräutern gewürzt. Das Lieblingsgericht in der Familie Alton heisst übrigens Spaghetti Tofunese. Anstatt Hackfleisch wird für die Sosse Sojagranulat verwendet, das sich monatelang im Küchenschrank ungekühlt aufbewahren lässt.

Reis wird meist auf Reisfeldern produziert, die unter Wasser stehen. An sich ist das eine alte und bewährte Methode, die aber einen grossen Haken hat: im Boden entstehen dabei grosse Mengen Sumpfgas oder Methan (CH4). Reis kann somit sogar mehr Treibhausgasemissionen verursachen als Fleisch. Daher soll man wenn möglich Reis aus Trockenanbau kaufen, oder einfach heimische Erdäpfel aus biologischem Anbau essen. Und was trinken? Alkohol regt den Appetit an. Wer Bier oder Wien z usich nimmt, sollte sich auch ein Wasser zwischendurch einschenken. Verschiedene Regeln mahnen uns zur Mässigung: „Kein Bier vor vier“ oder „Zu zweit keine Flasche leertrinken“ oder der alkoholfreie Montag und Dienstag schützen vor einer latenten Abhängigkeit. Wenn in Österreich 23 Prozent der Männer und 10 Prozent der Frauen über der Gefährdungsgrenze von zwei bis drei Bier pro Tag liegen, sind eine stete Reduktion und Abstinenztage der erste Weg zur Abwehr einer Sucht.

Mehr als eine Milliarde Menschen haben diese Sorgen nicht, sie hungern täglich. Das Paradoxon dabei: diese Menschen sind zumeist in der Lebensmittelproduktion tätig, als Kleinbauern oder Lohnarbeiterinnen. Typischerweise kümmert sich die Frau um den Kleingarten, ums Wasser, um die Kinder und um einen Verdienst am Markt. Dabei ist sie oft in allen Entscheidungen von der Laune ihres Mannes oder Vaters abhängig[46] und kann daher nur kurzfristig planen. Agrotreibstoffe verschärfen die Situation, sie wurden geschaffen, um unsere Gewohnheiten nicht zu hinterfragen. Sie haben kaum positive Wirkungen für den Klimaschutz und verschärfen das Hungerproblem, weil oft grosse Landstriche enteignet oder gerodet werden. Riesige Mais- und Sojafelder dienen nicht den Kleinbauern, sondern den grossen Unternehmen, die für Konsumenten in entwickelten Ländern produzieren, um ihre Mobilität zu erhalten. Eine ökologische Landwirtschaft könnte die gesamte Erdbevölkerung ernähren, meint ein Experte der FAO bei einem Expertenforum in Rom[47], und zwar durch Fruchtfolge sowie Bäume, die Stickstoff binden. Unterstützende Projekte vermitteln Mikrokredite und Know-How für einen Anbau ohne Pestizide oder genveränderte Pflanzen. Um bis 2050 9,1 Milliarden Menschen ernähren zu können, wären in den Entwicklungsländern jährliche Investitionen in die Landwirtschaft von 83 Milliarden Dollar notwendig.[48] Letztlich ginge es darum, die Menschen vor Ort zu befähigen, für den eigenen Gebrauch und einen regionalen Markt Lebensmittel zu erzeugen. Hinterfragt werden muss jede Form von Exportunterstützung, denn diese verzerrt den Wettbewerb. Wenn Milchpulver, gewonnen aus europäischen Milchseen, als Muttermilchersatz angepriesen wird[49] oder Hühnerteile, die sich nicht zu Schnitzel verarbeiten lassen, nach Afrika geliefert werden, dann werden dort funktionierende Strukturen zerstört und Abhängigkeiten hergestellt, die sich die Leute eigentlich nicht leisten können. Die Lebensmittelproduktion muss lokale Kreisläufe bevorzugen.

Die Geografin Stefanie Böge berechnete am Wuppertaler Institut für Klima und Energie, dass in jedem „Landliebe“ Erdbeerjoghurt 9115 Strassenkilometer stecken: die Früchte kommen aus Polen, die Joghurtkulturen aus Schleswig-Holstein, das Weizenpulver aus Amsterdam, Verpackungsteile werden von Hamburg, Düsseldorf und Lüneburg geliefert. Nehmen wir an, jeder österreichische Haushalt verbraucht in der Woche 3 Erdbeerjoghurts, dann macht das umgerechnet aufs Jahr und auf ganz Österreich 7,5 Millionen Kilometer aus - das reicht, um die Erde 200 mal zu umrunden. Durch die Wahl einer Mehrwegverpackung und regionaler Zutatenhersteller könnten die Transportwege beim Erdbeerjoghurt um 1/3 verringert werden. Doch wegen der niedrigen Transportkosten sind Hersteller wenig motiviert, die Zutaten für Produkte aus der näheren Umgebung zu beziehen. Hier können wir nur durch eine bewusste Produktwahl die Lebensmittelhersteller dazu bewegen, die Herkunft der Ingredienzen auszuzeichnen. Oder gleich den Joghurt selber machen, einfach frischer Milch Joghurtkulturen beimengen und einen Tag warm halten. Und welches Bier ist umweltfreundlich? Regional produziertes Fassbier schneidet mit Abstand am günstigsten ab, gefolgt von regionalem Bier in Mehrwegflaschen. Importbier in Einwegflaschen weist die schlechteste Bilanz auf.

Die halbe Welt ist in den Supermarktregalen vertreten: Äpfel aus Chile, Birnen aus Argentinien, Trauben aus Brasilien, Wein aus Südafrika oder Butter aus Irland. Obst und Gemüse aus Übersee hat nicht nur eine schlechte Umweltbilanz, weil es weit gereist ist, sondern auch mit starken Pestiziden versehen werden muss, damit es die Reise unversehrt übersteht. Das Kantonslabor Genf hat 14 frische Ananas auf Pestizid- und Cadmiumrückstände untersucht. Verschiedenste Pestizid-Mischungen wurde in zwölf und beachtliche Mengen an Schwermetallen in vier Ananas nachgewiesen.[50] Wir dürfen alle mal probieren, wie exotische Früchte schmecken, sollten uns deren Verzehr jedoch nicht zur Gewohnheit machen. Das Argument, dass die Leute in Entwicklungsländern dadurch eine Einnahmensquelle erhalten, stimmt nur bedingt: Regenwälder werden abgeholzt, und landwirtschaftliche Flächen aufgekauft, die für die lokale Versorgung und die Subsistenzwirtschaft nicht mehr weiter zur Verfügung stehen. Das Einkommen reicht für die Landlosen oft nicht, um sich das Notwendigste zu kaufen. Der Gewinn geht an die Konzerne, die das Marketing und die Logistik organisieren. Nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation arbeiten auch 30 000 Kinder auf den Bananenplantagen Ecuadors, die nur zwei Drittel des Erwachsenengehalts verdienen. Und dieser liegt für die meisten Arbeiter unter dem staatlichen Mindestlohn. Piña Fruit, der den Grossvermarkter Dole mit Ananas aus Costa Rica beliefert, droht gewerkschaftsaffinen Mitarbeitern mit schwarzen Listen, Gehaltskürzungen und Massenentlassungen.[51]

Kiwis aus Vorarlberg im Keller der Altons im Winter: zwar schon etwas verschrumpelt, dafür aber köstlich süss

Nicht nur Äpfel und Birnen, auch Kiwis wachsen in unseren Breiten, werden im Oktober geerntet und halten sich bis Februar im Keller. Ein paar Kiwis nehmen die Altons immer aus der Kiste im Keller in die Küche und legen sie neben Äpfel, dann werden sie in wenigen Tagen schmackhaft und süss. Führen Sie mal stichprobenartig einen Test im Kühlschrank durch: wie viele Kilometer ist der Inhalt gereist? Eine Weltreise als Ergebnis ist da gar nicht so unwahrscheinlich. Wir müssen uns auch in Geduld üben, wenn frische Spargel und Erdbeeren locken. Es zahlt sich aus, einige weitere Wochen auf die Ware aus der Region zu warten, geschmacklich, ethisch und ökologisch.

In Grossbritannien und Holland werden Esswaren mittlerweile mit einer CO2 Etikette versehen. „Diese informiert darüber, wie viel Gramm CO2 bei Anbau, Ernte und Transport pro 100 Gramm eines Lebensmittels anfallen – egal ob Brot, Kekse, Kartoffeln oder Tomaten.“[52] Mittlerweile prüft die Politik, solche Labels vorzuschreiben. Noch einen Schritt weiter geht der Vorschlag, eine CO2-Card jedem Bürger auszuhändigen. Diese wird am Jahresbeginn mit 3 Tonnen CO2 aufgeladen und muss bei jedem Einkauf vorgezeigt werden. Wer mehr verbraucht, muss nachzahlen.[53]

Einfacher umsetzen lässt sich das Konzept der Community-Supported Agriculture. Hier beteiligen sich Konsumenten finanziell am Jahresbudget des Hofes, helfen eventuell auch am Feld mit und bekommen dafür anteilig etwas von der Ernte ab. Das funktioniert auch in Grossstädten wie Wien, wo etwa der Bauer Peter Lassnig die Gemüsekisten auf dem Naschmarkt zum Abholen bereithält oder zustellt. Und da sind nicht nur Karotten und Erdäpfel drin, sondern auch Malabarspinat, Erdmandeln, Zuckerwurzeln oder Physalis. In Japan gibt es diese Partnerschaften schon seit den 60er Jahren und heissen "Teikei". Ein Viertel der japanischen Haushalte wird so mit frischen Lebensmitteln versorgt. Dabei ändern wir nicht nur die Beziehung zu den Zutaten, sondern drücken auch eine Wertschätzung gegenüber dem Landwirten aus. Der muss dann auch mehr können, als pflügen, säen und ernten, nämlich mit Menschen sprechen und mit den Prosumenten, die ihn finanzieren, fair umgehen.

Mobilität[Bearbeiten]

Ein radikaler Schritt aus Sicht des Klimaschutzes wäre daher, auf das Auto komplett zu verzichten. Der Münchner Autor Alexander von Schönburg beschreibt, wie er die Vorteile erlebt. „Ich habe nie ein Auto besessen, und bisher hat das mein Leben sehr erleichtert. Ich bin kein Autohasser. (...) Aber bei meinen fahrenden Freunden habe ich meist nur miterleben können, was für ein Klotz am Bein ein Auto ist. Das Geld, das sie für Benzin, Versicherung, Reparaturen, Parkplatzmiete, Falschparken und vieles mehr ausgeben, übersteigt bei weitem das, was ich für Bahntickets und gelegentliche Taxifahrten zahle. Die Zeit, die Autofahrer schimpfend und nach Parkplätzen suchend verbringen, spare ich mir ohnehin.“[54]

Klar, wer im Aussendienst tätig ist, Pakete zustellt oder beruflich schweres Werkzeug mit sich führen muss, benötigt ein entsprechendes Gefährt. In vielen Regionen und Städten ist der öffentliche Verkehr gut ausgebaut, sodass das Auto weder bequemer noch schneller ist. Im Zug oder Bus kümmert sich ein Chauffeur um Vorrang und Route und ich kann in Ruhe ein Buch lesen oder bei längeren Fahrten mit dem Laptop arbeiten. Das Warten an der Haltestelle kann auch eine meditative Übung sein oder eine Gelegenheit, mit anderen über's Wetter zu reden. Wer kein Auto hat und die Fahrpläne der öffentlichen Verkehrsmittel kennt, vermisst es auch nicht. Und falls mal wirklich etwas zu transportieren ist, kann ich einen Wagen ausleihen, von der Nachbarin oder bei einem Carsharing Anbieter.

Genau so machen es die Altons. Kein Auto, dafür neun Fahrräder und zwei Anhänger in der Garage. Damit wird alles transportiert: Kinder, Möbel, Flohmarktware, Gemüse vom Markt oder die Bierkiste. Und wenn Tochter Verena ein Konzert spielt, wird die Harfe auf den Anhänger geschnallt. Bei Regen wird unkompliziert bei den Nachbarn um den Autoschlüssel angefragt, dafür betanken die Altons es einmal im Jahr (und wundern sich, wieviel Geld man an der Zapfsäule loswerden kann). Dank Netzkarte für die Eisenbahn liegt die Kilometerleistung dennoch jenseits der 50.000, die sich vor allem auf der Strecke Vorarlberg – Wien ansammeln, die beruflich oft im Liegewagen zurückgelegt werden wird, betreuungstechnisch allerdings meist getrennt ;-).

Juliane und Roland gehen auch wieder mehr zu Fuss und haben gelernt, Distanzen richtig einzuschätzen. Verschiedene Untersuchungen zeigen nämlich, dass wir glauben, für einen doppelt so langen Weg viermal solange zu benötigen, obwohl es keine zusätzlichen Hindernisse gibt. Die irreführende Exponentialfunktion scheint in unseren Genen zu stecken, denn Bienen schätzen Distanzen ähnlich. Die Frequenz der Schwänzeltänze vor anderen Bienen nimmt mit zunehmender Entfernung zur Futterstelle ebenfalls exponentiell ab.[55] Daher meiden scheinbar Menschen spontane Wege zu Fuss im Alltag, die länger als 5 Minuten dauern, weil uns eine viertel Stunde auf den Beinen zu sein schon wie eine halbe Ewigkeit vorkommt.

Kein Auto zu haben wirkt sich positiv aufs Gemüt, weil Bewegung fröhlich macht, zumindest solange sie nicht von Autos eingschränkt wird. Im Zug kann man mit Kindern Karten spielen, das Bistro besuchen oder vorschlafen für einen späten Film oder eine erotische Nacht. Anders im Auto, denn „die liebsten und ausgeglichensten Menschen werden hinter dem Lenkrad zu fluchenden Rohrspatzen“[56] und der Unmut bei Mitfahrern auf dem Rücksitz ist bei langen Fahrten vorprogrammiert, die sich - eingeklemmt in Sicherheitsgurten - stundenlang bewegungslos selber beschäftigen müssen.

Doch das Automobil ist nach wie vor Staatsideologie. Seit den 50er Jahren werden Standorte für die Autobauer und die Zulieferindustrie mit Steuermitteln gefördert. 1977 wurde in einem Investitionsprogramm bis zum Jahre 1985 das Ziel in Deutschland deklariert, dass jeder Bundesbürger es nicht weiter als 25 Kilometer zur nächsten Autobahnauffahrt haben sollte. Im Jahr 1995 gab es weltweit etwa 500 Millionen Personenkraftwagen und 2010 eine Milliarde[57]. 82 Millionen Deutsche hatten am 1. Januar 2009 41,321 Millionen PKW. 2009 sollte in der Wirtschaftskrise die Abwrackprämie den Autokonsum wieder ankurbeln und die deutsche Regierung wurde von General Motors geradezu erpresst, mit Staatsmitteln den Erhalt von Opel sicherzustellen. Mit Konjunkturprogrammen für die Bauwirtschaft werden Strassenbaupläne aus den 70er Jahren aus den Schubladen geholt, obwohl Strassen und Parkplätze in Österreich bereits eine Fläche von annähernd 2.000 Quadratkilometer benötigen, was der Fläche von Vorarlberg entspricht. Roland hat durch Recherchen und Blogbeiträge 2009 dazu beigetragen einen zweiten (!) Autobahnvollanschluss bei einem Einkaufszentrum zu verhindern. Die staatseigene Finanzierungsgesellschaft für Strassen (ASFINAG) hatte bereits die Grundstücksablöse eingeleitet, obwohl sie selbst einen Rückgang des LKW Verkehrs auf der Korridorstrecke über den Arlberg um 15,1% gemessen hat[58].

Die Autolobby ist weiterhin erfolgreich, wenn es um die Subvention von Motorenwerken oder Wracks geht, und das seit 1924. Gero von Randow beschreibt in einem Artikel in „Die Zeit“ die Macht des Automobils als eine Innovation, die irreversibel ist.[59] Damals hatten die Fussgänger die herumirrenden Autos „joyrider“ geschumpfen und Schritttempo gefordert. Die Autoverbände versorgten die Lokalpresse mit Karikaturen und Glossen, die den „joywalker“ verspotteten, also Leute, die die Fahrbahn nicht freigaben. Das Wort bezeichnete ursprünglich einen Menschen vom Land, der sich in der Stadt nicht auskannte und dort herumirrte. Pfadfinder übernahmen bald die Aufgabe, Fussgänger zu ermahnen, die neuen Strassenregeln zu befolgen und Polizisten trillerten alsbald für den Vorrang der Autos mit einer schrillen Pfeife. Ein grosser Teil des öffentlichen Raums wurde im Nu zur exklusiven Fahrbahn umdefiniert und die Verkehrserziehung eingeführt. Das Auto hatte endlich freie Fahrt. Nach den Vorstellungen der Autoindustrie soll dies auch so bleiben und verspricht mit sparsamen Motoren oder Elektroantrieb ein gutes Gewissen. Doch der Energie- und Ressourcenverbrauch bleibt dadurch in etwa der selbe, ja die Elektroautos sind besonders hungrig nach giftigen Schwermetallen. Und der Fluss der Energie vom Kraftwerk bis auf die Strasse ist mit erheblichen Verlusten gekennzeichnet.

Selbst in den hoch entwickelten deutschsprachigen Ländern besitzt noch immer weniger als die Hälfte der Bevölkerung ein Auto, doch diese Mehrheit hat kein Sprachrohr. Fussgänger und Radfahrer erkämpfen sich seit den 80er Jahren sehr mühsam wieder Raum zurück, um sich besser bewegen zu können. Zaghaft entstehen Kreuzungen, wo alle Fussgängerampeln gleichzeitig auf grün stehen, die ein rasches Überqueren auch diagonal gestatten. Meist sind die Ampeln jedoch so geschalten, dass auch bei konkreter Anforderung einer Fussgängerin auf ein Grünsignal noch Minuten vergehen, bis es tatsächlich kommt, selbst wenn der Autoverkehr nur schütter ist. Dabei ist die Wartezeit im Auto gefühlt wesentlich kürzer, weil man die scheinbar verlorene Zeit rasch wieder aufholen kann; ein Fussgänger hingegen fühlt sich gestresst, wenn der Gehfluss längere Zeit unterbrochen wird. Die zunehmende Regelung der Verkehrswege für Fussgänger ist mit ein Grund, dass sich die Gehgeschwindigkeit in Städten zwischen 1994 und 2005 durchschnittlich um 10% beschleunigt hat.[60]

Die „Critical Mass“ ist eine Protestform, die in vielen Städten regelmässig Anwendung findet. Unmotorisierte Verkehrsteilnehmer finden sich scheinbar zufällig und unorganisiert zusammen, um mit ihrer schieren Menge und ihrem konzentrierten Auftreten die durch den Kfz-Verkehr überlasteten Innenstädte für sich zu reklamieren. Doch lösen diese Aktionen keine konkreten Probleme. Die Wiener Ringstrasse ist zum Beispiel 2011 immer noch ausschliesslich den Autos gewidmet, und zwar als dreispurige Einbahn. Tausende Radfahrer müssen sich die Allee mit den Fussgängern teilen. Die Radwege - Markierungen mit den häufigen Spurwechseln werden von den Touristen - und dem Schnee - nicht respektiert. Konflikte und Zusammenstösse sind an der Tagesordnung, das wird sich auch mit den geplanten, zaghaften Erweiterungen des Ring-Radweges nicht ändern.[61]

Fahrradfahrer leben überall dort besonders gefährlich, wo es keine eigenen Fahrradspuren gibt. (Foto: William Murphy/flickr.com)

Alexander von Schönburg empfiehlt, ein Auto als exquisites Genussmittel zu betrachten. Besser selten mal eine gut geplante Tour mit einem Sportwagen oder Motorrad über die Alpen, als täglich die Strassen zu verstopfen. „Ein Auto kann also nur ein völlig unnützes, rein zum Vergnügen bestimmtes Luxusobjekt sein, das man gerade sinnlich liebt, oder ein reines Gebrauchsobjekt, mit dem man ohne Sentimentalitäten umgeht. Alles dazwischen ist fürchterlich spiessig, riecht nach Wunderbaum und nassem Lammfellbezug.“[62] Und dennoch ist das Auto für die meisten ein scheinbar unverzichtbares Vehikel: Österreicher geben im Jahr für das Auto durchschnittlich 5000 Euro aus und verbringen 70 Minuten täglich im Strassenverkehr - und 45 Minuten mit Kinderbetreuung.

Der Verkehrsplaner Hermann Knoflacher bezeichnet das Auto gar als Virus. Das Kennzeichen von Viren ist ja, dass sie den Wirt verändern und schwere Krankheiten oder gar den Tod bringen. Das Drängeln und die Lichthupenkonzerte auf den Autobahnen sind nur eine der Ausformungen eines Verhaltens, das nur bei Autofahrern zu beobachten ist. Das Auto bringt einen nicht nur rasch von A nach B, sondern ist auch ein Vehikel, um asoziales Verhalten zu üben: Kurven schneiden, drängeln, fluchen, Fussgänger und Radfahrer hassen. Sobald ein Mensch ins Auto steigt, verändert sich sein Wesen, ja wird sogar eine andere Spezies, die nicht mehr Rücksicht nimmt auf Menschen, sondern den Asphalt verteidigt und sich selbst als Automobil versteht. Wie sonst erhalten wir auf die Frage: „Wo stehst du?“ die Antwort: „Zwei Gassen weiter im Halteverbot“. Da spricht nicht der Mensch, sondern das Virus Auto selbst.[63]

Aktion zum Autofreien Tag jweils am 22.9. in Vorarlberg

Kaum eine Familie, die nicht durch einen Verkehrsunfall paralysiert ist oder gar jemanden verloren hat. Die Gefahren der Strasse sind Teil unseres Lebens und unserer Kultur geworden. Unfälle sind der Stoff, aus dem deutsche Krimis und amerikanische Serien gemacht sind. Desperate Housewive Susan Delfino musste in der letzten Folge der fünften Staffel die Inszenierung eines Verkehrsunfalles mit ansehen: Jener Mann, der Frau und Tochter eines früheren Unfalls verlor, versuchte die Verursacherin zu rächen und dessen Sohn mit einem inszenierten Unfall gleich mit ins Unglück zu stürzen.

In der Familie Alton waren's im November 2009 gleich zwei Verkehrsunglücke. Juliane wurde mit ihrem Fahrrad von einem LKW an der Kreuzung angeschoben, noch bevor die Ampel auf gelb sprang. Sie konnte durch heftiges Treten gerade noch nach rechts vorne ausweichen. Und Tochter Verena hat's am Zebrastreifen vor dem Schulweg erwischt: ein LKW Fahrer hat sie zwar gesehen, aber zu spät gebremst: das Kinderrad war drei Wochen in der Werkstatt, beim abgeschlagenen Vorderzahn hält der Flicken nicht, doch immerhin sind die grünen und gelben Flecken an den Knien wieder weg.

Nicht immer ist der Schutzengel dabei: auch wenn die Zahl der Unfälle mit Personenschäden in Europa seit den 1980er Jahren kontinuierlich sinkt, so waren es in Deutschland im Jahr 2010 noch immer 288.800 (!). Zehn Menschen pro Tag sterben auf deutschen Strassen den Verkehrstod, weltweit sind es mehr als eine Million pro Jahr. Der motorisierte Individualverkehr verantwortet somit wesentlich mehr Opfer als alle Kriege, Genozid oder der Terrorismus zusammen. Da wird die Hysterie um den Schweinegrippenvirus oder EHEC schwer nachvollziehbar. Wer verklagt endlich die Autoindustrie, so wie 2004 die US Regierung 280 Milliarden Dollar von der Tabakindustrie Schadenersatz gefordert hatte, weil Menschen über die Gefahren nicht ausreichend informiert worden sind? Denn indirekt sterben durch Abgase und Lärm, die durch den Verkehr verursacht werden, heute noch mehr Leute, als durch Unfälle auf der Strasse.

Autos sind nicht fair. Sie haben einen schlechten Wirkungsgrad, verleiten zur gegenseitigen Aufrüstung als SUV oder über die PS-Zahl und verbrauchen stehend und fahrend ein Vielfaches an Platz als eine Fussgängerin oder ein Radfahrer. Autos benötigen sehr viel Ressourcen bei der Produktion, wobei Elektroautos für ihre Batterien besonders gierig nach Edel- und Schwermetallen sind, die meist unter unmenschlichen Bedingungen gewonnen werden. Fazit: Autos sollen nur dann zum Einsatz kommen, wenn es tatsächlich keine andere Alternative gibt. Und dass es auch ohne geht, machen immer mehr Leute vor, die der Autokultur den Rücken kehren. Personen, die freiwillig ohne eigenes Auto leben, bezeichnen sich als autofrei – im Gegensatz zu unfreiwillig Autolosen, die gerne eines hätten, aber es sich etwa aus finanziellen Gründen nicht leisten können.[64]

Wie kann der Umstieg von Autofahrern auf Bus und Bahn schmackhaft gemacht werden? Bequemlichkeit, Pünktlichkeit und die Preisgestaltung sind die Stellschrauben. Jeder PKW-Kilometer wird in Österreich mit 41 Cent von der Allgemeinheit subventioniert, der Öffentliche Verkehr hingegen für dieselbe Fahrleistung nur mit 24 Cent. Regelmässig fordern Verkehrsexperten, den öffentlichen Verkehr vollständig gemeinwirtschaftlich zu finanzieren. Die ÖBB mit dem Postbus nahmen im Jahr 2008 659 Millionen Euro durch Fahrkartenverkauf ein, etwa denselben Betrag nahmen die Verkehrsverbünde für den Regionalverkehr ein. Die Regulierungsbehörde e-control kommt in dem von Wirtschaftsministerium in Auftrag gegebenen „Grünbuch Energieeffizienz“ zur Schlussfolgerung, dass der öffentliche Verkehr für jeden kostenlos sein soll. „Damit soll eine Verhaltensänderung ausgelöst werden, die aufgrund der bisher gesetzten Verkehrsmassnahmen nicht schnell genug erreicht wird.“[65] Werden die Kosten für Fahrkartenautomaten, Verkaufspersonal und die Administration von Schülerfreikarten abgezogen, müssten für diese Massnahme in Österreich etwas mehr als 1 Milliarde Euro im Jahr aufgebracht werden. Mit einem Beitrag von etwa 20 Euro im Monat, die automatisch vom Lohn, der Pension oder dem Stipendium abgezogen werden, wäre dies finanzierbar. Mehr als 370.000 Schweizer leisten sich ein Generalabonnement für alle öffentlichen Verkehrsmittel für rund 2000 Euro pro Jahr (mit diversen Ermässigungen für Partner und Jugendliche).[66] In der belgischen Stadt Hasselt wurde 1996 der Nulltarif für öffentliche Verkehrsmittel eingeführt, seither hat sich die Zahl der Fahrgäste verdreizehnfacht.[67]

Beim Flugverkehr vermindern Lärm, Zubringerverkehr und Luftverunreinigungen rund um Flughäfen die Lebensqualität der Anrainer, und global sind die Wirkungen auf das Klima unumstritten. Die geringe Nutzlastkapazität und der hohe Kerosinverbrauch macht das Flugzeug zu einem ineffizienten Transportmittel vor allem auf Kurzstrecken. Von den 420 Tonnen Startgewicht einer Boeing 747 sind 180 Tonnen Kerosinzuladung. Allein während der Start- und Aufstiegsphase verbrennt dieser Flugzeugtyp in wenigen Minuten rund 5 Tonnen Kerosin. Im konstanten Reiseflug beträgt der Verbrauch rund 16 Tonnen pro Stunde, das heisst es werden 50 Tonnen CO2 pro Flugstunde emittiert. Flugzeuge verbrauchen somit etwa weltweit 5 bis 6% der jährlichen Welterdölproduktion was etwa 200 Mega-Tonnen Kerosin im Jahr entspricht. Das Kerosin ist in den meisten Ländern steuerfrei, somit tragen die Fluggesellschaften zu den externen Kosten, die alle zu tragen haben, kaum etwas bei. Eine Abgabe auf Flugtickets hat die EU Kommission 2011 im Alleingang ohne Beteiligung anderer Kontinente beschlossen, allerdings werden Lenkeffekte davon nicht zu erwarten sein . Die Triebwerks-Emissionen durch Kohlenstoffdioxid-Ausstoss und Erzeugung von Wasserdampf sind deshalb besonders schädlich, weil sie in empfindlichen Luftschichten, wie der Stratosphäre, stattfinden.[68]

Urlaube lassen sich auf unterschiedlichste Weisen planen und durchführen. Ich kann mehrmals im Jahr eine Städtereise machen oder die nähere Umgebung besser kennen lernen. Oft gibt es auch in der Nachbarschaft Familien türkischer oder serbischer Herkunft, deren Besuch sicher so spannend ist, wie ein Ausflug in eine Moschee oder ein Bazar am Bosporus. Das Resultat sind dann nicht irgendwelche Kleidungsstücke, die wir eingekauft haben (und zu Hause doch nicht so gern anziehen), sondern ein neuer Kontakt, vielleicht ein Kochrezept oder eine spannende Lebensgeschichte.

Klar, junge Menschen wollen mal raus und die Welt sehen, neue Länder bereisen oder ein Austauschsemester an einer anderen Universität verbringen oder im Ausland arbeiten. Aber das ganze Leben lang auf der Flucht sein? Oder wie ein Jäger Eindrücke von Landschaften, Kulturen oder Geschäftsabschlüsse aus fernen Ländern wie Trophäen von jedem Trip nach Hause bringen? Einige Zeit in einer wirklich grossen Metropole mit ihren Gegensätzen leben oder in einem einfachen Dorf zu Gast sein dürfen bringt gewiss tolle Lebenserfahrungen, aber dies muss ja nicht jährlich wiederholt werden, vor allem wenn die Ziele nur aufwändig erreichbar sind.

Zugegeben, wer wie ich in den Alpen wohnt hat in jeder Jahreszeit Abwechslung und kann in die Berge dem Alltag entfliehen. Das ist natürlich besonders fein, wenn im Tal der Nebel liegt und oben die Sonne scheint. Die Alpen sind tatsächlich mit dem Zug aus ganz Europa gut erreichbar und mit öffentlichem Verkehr dicht erschlossen. Die Reisejournalisten Mark Hodson und Daniel Elkan bieten mit der Webseite "snowcarbon"[69] eine umweltfreundliche Alternative zum Fliegen auch für Leute von der Britischen Insel, die gerne nach Frankreich oder in die Schweiz zum Schifahren kommen. In der Wintersaison fahren Sonderzüge aus Städten wie London, Hamburg oder Brüssel in die Alpen und im Sommer lässt sich auch ein Zwischenstopp in einem pitoresken deutschen Städtchen einplanen. Problematisch sind Expeditionen in den Himalaya oder in die Anden nicht nur aufgrund des Ausstosses an Treibhausgasen mit den Flugzeugen, die Scharen von Abenteurern dorthin befördern. Besteigungen im Hochgebirge mit Scherpas zählen weder ökologisch noch ethisch zu den empfohlenen Mutproben, bei denen viele auch schon ihr Leben lassen mussten.

Im Geschäftsleben gilt die Anzahl der Vielfliegerkarten im Portmonnaie noch immer als Statussymbol, auch wenn streng genommen die Bonusmeilen nicht mehr privat konsumiert werden dürfen, weil dies einer Steuerhinterziehung gleich kommt. Doch darum geht’s gar nicht: möglichst oft weg von zu Hause ist nach wie vor ein häufiger Beweggrund, sich ins Flugzeug zu setzen und den Duft von Kerosin am Flughafen, Kaffee an Bord und jenem einer fremden Stadt sich um die Nase wehen zu lassen, auch wenn eine Telefon- oder Videokonferenz für das Geschäftstreffen ausreichen würde. Wissenschafter treiben dies mit Forschungsprojekten, die von der EU-Kommission mit 7 Milliarden Euro pro Jahr gefördert werden, auf die Spitze und lieben es, sich mehrmals im Jahr zu Konsortialtreffen oder für Konferenzbesuche zu verreisen. Auch Roland Alton war Ende der 90er Jahre bis zu zwei mal pro Woche im Flieger – trotz kleiner Kinder zu Hause - und ist froh froh, den Reisezirkus nicht mehr mitspielen zu müssen. In der Scientifc Community geniessen aber weiterhin jene Kollegen Anerkennung, die es schaffen, auf möglichst allen Kontinenten einmal geforscht oder gelehrt zu haben. Hier muss die Wissenschaft wohl ihre eigene Ethik und ihren Beitrag zum Umweltschutz selbst mal nachforschen.

Wer bis zur Pension keine Vorstellung von der Welt hat, wird diese mit Kreuzfahrten auch nicht mehr bereichern. Und dennoch gelten diese als Wachstumsmarkt im Tourismus, speziell für die Zielgruppe 60plus. Die Reedereien wetteifern darum, der grösste zu sein oder als erster gewisse Einrichtungen zu bieten. Es gibt zum Beispiel Hochzeitskapellen, Eisbahnen und Kletterwände auf den grossen, neuen Kreuzfahrtschiffen. Einkaufszentren, Gesundheits-, Sport- und Wellnesseinrichtungen, Bars, Discos, Kasinos und ein kommerzielles Unterhaltungsprogramm sind bereits Standard. Pro Tag müssen bis zu 10 Megawattstunden Strom erzeugt werden. Ein Schiff mit 3000 Gästen verbraucht in zehn Tagen etwa 3000 Tonnen Schweröl, also etwa eine Tonne pro Passagier. Während Kreuzfahrschiffe auch zur Wasser- und Luftverschmutzung beitragen, schneiden sie hinsichtlich Landschaftszersiedlung und –zerstörung mitunter besser als der landseitige Tourismus ab.

Alexander von Schönburg empfiehlt, seltener, dafür länger zu verreisen und in dieser Zeit die eigene Wohnung unterzuvermieten. Istanbul, Tallinn, Reval oder Sofia sind lohende Ziele, die auch mit der Bahn erreichbar sind. Und mit einem Schiff gelangt man ab Genua oder Venedig auch nach Ägypten oder nach Griechenland. „Solche Reisen sind also durchaus eine Bereicherung des Lebens, allerdings unternimmt man sie naturgemäss nicht vier-, fünfmal im Jahr. Viel wichtiger als ein Ortswechsel ist, dass man mit offenen Augen durch die Welt geht, statt sich als Tourist durch sie hindurchzuzappen und damit den Flickr-Foto-Stream zu füttern.

Hubert Matt unternahm auf Facebook einen Selbstversuch und gab vor, durch Mexiko zu reisen, ohne sich jedoch aus Vorarlberg bewegt zu haben. Mit täglichen Statusmeldungen über Abfahrtspläne von Bussen, Fotos von Sehenswürdigkeiten oder Episoden zu einzelnen Orten verblüffte er nicht nur jene, die ihm auf seiner virtuellen Reise folgten und diese kommentierten, sondern vor allem auch Menschen, die ihn dann doch wieder physisch trafen, mit dem Bewusstsein, dass er ja unterwegs sein müsste. „Alle Materialien kommen aus dem Netz und werden wieder dorthin eingespeist. Dabei ergaben sich zahlreiche interessante Bekanntschaften, die aufgrund der Intensität der Recherche und des Austausches auch zu realen Begegnungen führen werden“ resümiert der Künstler.

Da kann das Zuhausebleiben gegenüber dem 'in Urlaub fahren' nicht hoch genug gepriesen werden.“[70] Das Hotel um die Ecke bietet das Frühstücksbuffet und den Zugang zur Sauna auch Gästen, die dort nicht übernachten. Wer trotzdem ausreissen möchte: Das Leben bietet genügend Abschnitte, um auch mal die Szenerie komplett zu wechseln. Warum nicht mal den Job wechseln und umziehen und so neue Leute und Landschaft kennen lernen. Es muss ja nicht gleich ein Ort auf einem anderen Kontinent sein, der für die besuchenden Verwandte und Freunde nur mit dem Flugzeug erreichbar ist. Vielleicht reicht auch ein mit dem Zug erreichbarer Zweitwohnsitz: viele mondäne Erholungsgebiete mit Häusern aus dem frühen 20. Jahrhundert erleben heute eine Renaissance.

Betonporsche des Künstlers Gottfried Bechtold

Eine weitere Variante, Abwechslung zu erleben, ist von Couch zu Couch zu reisen. CouchSurfing ist ein kostenloses, internetbasiertes Gastfreundschaftsnetzwerk. Die Mitglieder nutzen deren Website, um eine kostenlose Unterkunft auf Reisen zu finden, selbst eine Unterkunft oder auch anderes anzubieten, wie beispielsweise einem Reisenden die Stadt zu zeigen. CouchSurfing zählte 2009 über eine Million Mitglieder in 231 Ländern und Gebieten und ist damit die grösste Vereinigung seiner Art. Um die Vertrauenswürdigkeit der Mitglieder besser einschätzen zu können, gibt es ausführliche Nutzerprofile, eine Identitätsprüfung per Kreditkarte und ein gegenseitiges Bürgschaftssystem.

Am Ende der Wohlstandsgesellschaft, zu dem das Auto so viel beigetragen hat, wird es vielleicht wieder zu dem, was es in seinen Anfangsjahren war: „ein törichter Luxus“[71]. Wir beobachten einen Trickle-down Effekt in den wichtigsten Tourismusmärkten Nordamerika, Deutschland und Japan, wo das Nichtfliegen und Nichtautofahren inzwischen als Statussymbol gilt. Und wir werden das hektische Reisen, das früher nur Kurieren, Pilgerern, Kaufleuten und Verbrechern vorbehalten war und heute als Städte-Quickie boomt vielleicht aufgeben zugunsten einer gemächlicheren Fortbewegung in der unmittelbaren Umgebung oder für längere Zeiträume.

Konsum[Bearbeiten]

Eine Konsumgesellschaft ist dadurch gekennzeichnet, dass die Menschen nicht nur das kaufen, was sie zum Überleben benötigen, sondern auch das, was das Leben "schöner" macht. Eine Konsumgesellschaft entwickelte sich erstmals im England des 15. Jahrhunderts, als unter anderem die Entstehung neuer Drucktechnologien und des Baumwollhandels den Konsum erheblich anwachsen liessen. Im 18. Jahrhundert kaufte die Bevölkerung das, was sie nicht selbst herstellen konnte, auf Wochen- und Jahrmärkten. Es gab keine festen Preise, es wurde gehandelt. Mit Luxusgütern wie feinen Gewürzen und erlesenen Stoffen pflegte zunächst nur der Adel Prestigekonsum. In Laufe der Zeit emanzipierte sich das Bürgertum und damit wuchs dessen Kaufkraft. Das menschliche Interesse entwickelte sich vom Bedarf zum Wunsch. Es wurde nun auch konsumiert, um etwas darzustellen. Aufgrund des Anstiegs des Einkommens des Bürgertums stieg die Massenverbrauchsgüternachfrage, wie zum Beispiel nach Bier, Tee, Seife und bedruckter Kleidung.

Eine Innovation Mitte des 19. Jahrhunderts war die Litfasssäule. Sie bot viel Platz für Werbung und war ein wichtiges Mittel zur Absatzsteigerung. Durch die Entwicklung der Werbung in Zeitungen, Zeitschriften und Schaufenstern wurde der Konsum stetig erhöht. Ende des 19. Jahrhunderts wurden die ersten Konsumhäuser gebaut, die durch feste Preise gekennzeichnet waren. Durch das bessere Angebot wuchsen die Konsumentenwünsche und die Konsumlust.[72]

Wir konsumieren also längst nicht mehr, um unsere Grundbedürfnisse zu stillen. Schon in den 1920er Jahren galt die Devise bei Werbefachleuten: „Verkaufen Sie ihnen, wonach sie sich sehnen, was sie erhofften, worum es in ihren kühnsten Träumen geht ... Menschen kaufen nicht, was sie brauchen. Sie kaufen Hoffnung – sie hoffen auf das, was ihre Ware schenken wird.“[73] Das Anreizsystem funktioniert nur mit der ständigen Vorenthaltung des Versprochenen: es ist das einfache System vom Esel, der ständig eine Karotte vorgehalten bekommt.

Luxusgüter wurden Massenware, internationale Güter kamen in den 50er Jahren auf den Markt und die Globalisierung des Konsums begann. In den 60er Jahren boomten Elektrogeräte, in den 70er Jahren Kunststoffmöbel, kostbare Rohstoffe und Energieträger. In den 80er Jahren entwickelt sich eine Art Luxussucht, wo Reichtum und Schönheit Bedeutung erlangten.[74]

Heute ist der Konsum eine beliebte Freizeitbeschäftigung, ja für viele sogar eine Tugend, um mitzuhelfen, die Wirtschaft anzukurbeln. Zu Hause stapeln sich Kataloge für Mode, Werkzeug und Elektronik, über das Internet lässt sich direkt beim Erzeuger einkaufen und Shopping Malls werden gerne von Jugendlichen als Abenteuerpark bevölkert. Sie spielen mit den bequemen Umtauschbedingungen: kaufen am Samstag neues Gewand, gehen damit auf eine Party und tauschen es in der Woche darauf wieder um. Kaufräusche und Umtauschorgien sind mittlerweile Teil unserer westlichen Kultur, die wir insbesondere vor und nach Weihnachten beobachten können. Kalle Lasn ist über unser Mind-Setting besorgt: „Plentitude is American culture's perverse burden. Most Americans have everything they could possibly want, and they still don't think it's enough. When everything is at hand, nothing is ever hard-won, and when nothing is hard-won, nothing really satisfies. Without satisfaction, our lives become shallow and meaningless. In this era of gigantism – corporate megamergers, billion-dollar-grossing films and grande lattes – we embrace the value of More to compensate for lives that seem, somehow, Less.“[75]

Menschen in westlichen Kulturkreisen besitzen mehr als 10.000 Dinge, und wer noch Musik, Videos und Dokumente auf der Festplatte dazuzählt, landet schnell bei 50 oder 100 Tausend. Sammeln ist eine alte Leidenschaft des Menschen, früher waren es eben Fossilien oder Faustkeile. Der in Wien geborene Wirtschaftswissenschafter Karl Polanyi versuchte nachzuweisen, dass die Sucht nach materiellen Gütern eher angelernt als angeboren ist. Er verwies auf vorkapitalistische Gesellschaften, wo Familie, Sippe, Religion, Ehre und Tradition die höchsten Werte darstellten. „Polanyi war der Auffassung, das grundlegende Bedürfnis des Menschen sei das Aufgehobensein in der Gemeinschaft. Wir sind vor allem soziale Wesen, argumentierte er, und der Konsumismus ist nur eine gesellschaftliche Falle“. So versteht John Naish in seinem Buch „Genug“ den angeborenenen Edelmut als etwas zu blauäugig.[76] Er stellt die Erkenntnisse des Kinderpsychologen Bruno Bettelheim gegenüber. In israelischen Kibbuzim gab es kaum Privatbesitz, alles zu teilen sollten auch die Kinder lernen. Doch Bettelheim beobachtete, dass Gegenstände helfen, eine Beziehung zu verstehen. Offenbar benötigen wir also einige persönliche Dinge, um beziehungsfähige Menschen zu sein und um angenehm leben und werken zu können.

Woher kommt dann der Drang zum Konsum? Naish erklärt dies mit dem Nachahmen, das wir Menschen perfekt beherrschen. „Unsere Evolution treibt uns folglich dazu, die Gewohnheiten, Eigenarten und die Kleidung der erfolgreichsten Menschen unserer Gruppe nachzuahmen, und zwar in der Hoffnung, dass uns die Nachahmung irgendwann auf ihren Rang erheben wird.“[77] Wir leben ständig in Angst, von unserer Gruppe abgelehnt zu werden. Und diese Angst reduziert unser Urteilsvermögen. Naish verweist auf ein Experiment, wo Studenten nicht in ein Projektteam aufgenommen werden. Ihr IQ sank für die nächsten Stunden um ein Viertel und sie zeigten eine erhöhte Aggressivität.[78] Impulskäufe können die Folge sein, um mit den erworbenen Dingen zu zeigen, dass man vielleicht doch dazugehört.

Solange die uns wichtigen Bezugspersonen uns weiterhin daran beurteilen, was wir konsumieren, werden wir weiterhin fleissig einkaufen. Sonja kauft ein neues Hemd, nicht nur wegen der Saisonfarbe, sondern auch weil sie ihrer Freundin vom Material erzählen will, denn handgepflückte Baumwolle ist schon etwas besonderes. Martin braucht unbedingt die neue Spielkonsole, damit er auf Facebook von seinen sportlichen Aktivitäten vor dem Schirm schwärmen kann. Und der Wein aus Kalifornien demonstriert Aufgeschlossenheit und Neugier, so möchte man den Gästen, die zum Abendessen kommen, in Erinnerung bleiben - wenn da nur nicht ein zu fruchtiger Nachgeschmack bliebe. Mit dem Urlaub demonstriere ich gegenüber meinen Freunden und Verwandten Weltoffenheit und Genussfreude, auch wenn der Erholungswert erfahrungsgemäss oft höher ist, wenn man zu Hause bleibt und die nähere Umgebung erkundet.

Beim Konsum geht es also vor allem darum, sich vor Augen zu halten, welchen Zweck wir damit verfolgen. Macht uns die Eismaschine wirklich glücklicher, oder dient sie der Show vor den Partygästen und steht den Rest des Jahres im Weg herum. Kann ich mit dem neuen Paar Schi wirklich besser fahren, oder fürchte ich mich vor den abschätzigen Blicken beim Sesselliftanstehen, wenn ich mit dem Vorjahresmodell auftauche. Wem es gelingt, mit Gewand aus der Klamottenkiste Konsumverzicht zu demonstrieren, hat heute gute Chancen, mehr Anerkennung zu erhalten, als nach dem Einkauf bei H&M oder C&A.

Wo liegt die Grenze zum Luxus? Sie ist relativ. John Naish beschreibt die merkwürdigen Vorgänge in einer Parkgarage im Westen Londons, die sich auf Luxusmarken spezialisiert hat[79]. Das Wartungspersonal poliert die Porsches, Bentleys und Rolls Royce wöchentlich und die Motoren werden alle vierzehn Tage gestartet und das Auto ein Stück weit gefahren, damit die Reifen nicht unwuchtig werden. Der Leiter der Garage erzählt: „Ein Typ zum Beispiel fährt seinen 100000 Pfund teuren Ferrari nur ab und zu mal um den Block, dann bringt er ihn wieder zurück. Andere fahren gar nicht, setzen sich nur hinters Steuer, riechen das Leder und hören Radio.“[80] Denn draussen lauern auf die Luxuskarossen viele Gefahren: Radarfallen, Jugendliche mit scharfkantigen Schlüsseln und Blicke des Neids. Wenn wir statt Anerkennung zu erhalten beneidet werden, haben wir wohl jene Grenze überschritten, die Luxus kennzeichnet, nämlich für andere unerreichbar zu sein.

Bei Überdosierung von Sinnesgenüssen folgt der Kater unweigerlich[81]. Für Epikur führt zeitweiliger Verzicht zur Steigerung der Genussfähigkeit. In der Volkswirtschaft besagt das Gesetz vom abnehmbaren Grenznutzen, dass der Konsum eines Gutes mit zunehmender Menge einen immer geringeren Zusatznutzen stiftet.[82] Ab einem gewissen Punkt macht es keinen Unterschied mehr, ob man sich einen gewissen Luxus leistet oder nicht. Der Luxus wird irgendwann zur Last, denn auch das Drittauto muss gepflegt und die Mitgliedschaft im Golfclub ausgenützt werden. Reiche sind nicht glücklicher, sondern besorgter, ihren Status zu erhalten und ihre Güter zu schützen.

Pier Paolo Pasolini formulierte schon 1975 die These, der Konsumismus sei eine neue Form des Totalitarismus, weil er mit dem Anspruch einher gehe, die Konsumideologie auf die gesamte Welt auszudehnen. Eine seiner Folgen sei die Zerstörung der Vielfalt sozialer Lebensformen und die Einebnung der Kulturen in einer globalen konsumistischen Massenkultur, welche die Freiheitsvorstellungen mit einer „Pflicht“ zum Konsumieren auflade und die Menschen veranlasse, mit dem „Gefühl von Freiheit“ die Konsumimperative zu erfüllen.[83]

Eine Reihe französischer Gesellschaftsanalytiker packen ihre Überlegungen zur Globalisierung und dem Endsieg des Konsums in Romane. Ganz in der jungen Tradition der Autoren Houllebecq oder Camille de Toledo bringt Frédéric Beigbeder die Widersprüche des Lebens in den Nullerjahren im Stück „39,90“ rasch auf den Punkt: Arbeiten bis zum Umfallen, Auszehrung der Beziehungen und Ablenkung durch Exzesse. Die Figuren leben einen abstossenden Hedonismus trotz der Einsicht, dass dies auf Kosten anderer geschieht. Auf Kosten von Menschen, die entweder weit entfernt unter unmenschlichen Bedingungen Werte schaffen, die wir zu allem Überfluss trotzdem konsumieren, oder ganz nah auf Kosten von Kollegen, Partnern oder Nachbarn, die respektlos ausgepackt, verschlungen und weggeworfen werden.

Bei "39,90" geht es um einen Werbetexter, der zum Kreativdirektor einer Agentur wird, deren grösster Kunde ein Lebensmittelkonzern ist. Leicht-Joghurt muss als Umsatzträger zuerst die Konsumenten, und dann die Aktionäre beglücken. Als der Protagonist Octave befördert wird, sinniert er: "Wir werden unsere Freunde feuern. Wir werden grössenwahnsinnig und schamlos sein. Wir werden unsere Hemden bis oben hin zuknöpfen. Wir werden uns zwar einen Dreck drum kümmern, aber keiner unserer Verwandten und Bekannten wird uns mehr besuchen." Abseits der Dreharbeiten überfällt er mit seinem besten Kollegen und der Hauptdarstellerin im Joghurt-Clip eine betuchte Rentnerin, denn ihr Pensionsfonds mergelt die gewinnbringenden Unternehmen aus. Den Aktionärsvertretern, deren Reichtum sie verdankt, sind 10% Gewinn nicht genug - sie wollen Gewinnsteigerungen mit allen Mitteln, was Abwanderungen von Betrieben und Sozialdumping zur Folge hat. Tatsächlich forderte Michel Houellebecq Frédéric Beigbeder, als dieser bei der Werbeagentur Young & Rubicam angestellt war, auf, einen Roman über das zu schreiben, was hinter den Kulissen der Werbung vorgeht. Beigbeder schrieb diesen Roman mit Insiderwissen und in der festen Absicht, gekündigt zu werden.[84]

Die Werbebranche macht sich berechtigte Sorgen um ihr angeschlagenes öffentliches Ansehen. Ausschlaggebend hierfür ist eine aktuelle Untersuchung aus Grossbritannien, derzufolge heute nur mehr weniger als 15% der erwachsenen Bevölkerung "ein generelles Vertrauen in Werbung" habe.[85] Die Werbebranche fürchtet nun staatliche Regulierungen, die bestimmte Werbeformen oder das Werben für gesundheitsschädliche Produkte verbietet. Der Board of Science der British Medical Association empfiehlt seit 2005 ein totales Verbot von Werbung (einschliesslich Sponsoring) für ungesunde Lebensmittel, die auf Kinder abzielt.[86] In Schweden und Norwegen dürfen seit 1991 Kinderprogramme nicht von Werbung unterbrochen werden und auch während der übrigen Sendezeiten dürfen Werbespots nicht auf Kinder unter zwölf Jahren ausgerichtet sein.

Wenn wir weder auf die Anerkennung anderer hoffen und uns auch nicht länger vom einfallsreichen Marketing blenden lassen, werden wir plötzlich sehr viel weniger Dinge konsumieren müssen, um zufrieden zu sein. Zum Beispiel Mobiltelefone. Manfred benützt sein Sony-Ericsson K750i schon mehr als fünf Jahre. Der Akku ihält noch immer sechs Tage (!), die Kamera macht gute Schnappschüsse und die Navigationsanwendung hat ihm schon so manchmal den Weg auch ohne GPS gezeigt. Nur zeigen darf er sich mit dem Teil nicht mehr, schon gar nicht in Geschäftsmeetings, wo stets die neuesten Smartphones funkeln. Beim Mobilfunkbetreiber hätte er schon genügend Punkte gesammelt, um ein Smartphone zum Nulltarif zu erhalten. Doch bisher hat er es abgelehnt, sich Stunden und Tage mit einem neuen Gadget zu beschäftigen, bei dem der Akku kürzer hält und kein UKW Radio drauf ist. Mit dem Hinweis auf die Finanzierung von Rebellen im Kongo und in Ruanda durch Coltan hat er zumindest bei Freunden eine Floskel zur Entschuldigung parat. Aus Coltan wird Tantal gewonnen, ein sehr hartes Metall mit extrem hohem Schmelzpunkt, das für Kondensatoren verwendet wird, die in jedem elektronischen Gerät drin sind. Erst wenn die Tochter ein neues Handy braucht, wird er ein Upgrade vornehmen und sich auch sonst mit dem Kauf von neuer Elektronik zurückhalten. Roland und seinem Sohn macht es Spass, auch aus gebrauchten PCs oder Konsolen funktionierende Server oder einen Fotoautomaten für das Poolbar Festival zu bauen.

Das ganze Jahr über freuen sich die Altons auf das Highlight im Herbst, den Flohmarkt in der Stadt Dornbirn, der grösste in Österreich. Sie führen eine Liste mit Dingen die sie dort suchen wollen und stapeln in einer Ecke in der Garage jene Sachen, die sie abgeben. In vier riesigen Hallen bieten hundert Freiwillige gut vorsortiert einfach alles: Snowboards, Schischuhe, Kleidung, Stoffe, Fahrräder, Kindersitze, Mixer, CD-Player, Bücher, DVDs oder Blumentöpfe. Das Ereignis ist ein Volksfest, zu dem auch Gedichte geschrieben werden.


Floumarket-English for beginners (Lesson 1) [87]

Bring mi the old schränks,
dän I say you sänks,
bring bilders with rahmen,
pelzmäntels for damen,
bring books mi tu read,
wil däs can I need,

bring forhäng and stöff,
and bring your old töff,
bring porzellangüter
and all ladenhüter,
that wud bi so frey.
I come ou forbey.


Wer keinen Flohmarkt in seiner Umgebung hat, sucht auf eBay oder bei freecycle.org, einer lokalen Mailingliste auf der man gratis Dinge anpreisen kann. Sehr lustig können Kleidertauschparties sein: Man lädt ein paar Freunde ähnlicher Statur zu sich nach Hause und jeder nimmt noch gut erhaltene Stücke mit. Am nächsten Tag ist man oder frau wie neu geboren und erhält rundum Anerkennung von den neuen Sachen, die gar nichts gekostet haben. Zudem hat man Tipps erhalten, was einem gut steht oder frau vielleicht sonst ändern sollte, wie die Frisur oder die Brille. Lauter Entscheidungen, die einem ein Verkäufer üblicherweise nicht abnimmt, wenn wir shoppen gehen. Einmal im Jahr organisieren die Altons mit Freunden einen Pflanzentausch vor dem Hatler Brunnen, einem alten Ortskern. Leute bringen Setzlinge und Stecklinge: Salat für das Frühjahrsbeet, Kräuter für den Balkon, Sträucher oder Blumenzwiebeln. So pflegen wir die Wertschätzung der Arbeit in der Natur und wir erhalten auf diese Weise jedes Jahr interessante, gentechnikfreie Pflanzenarten.

John Naish schlägt vor, vor einem Kauf sich neun Fragen zu stellen, um vielleicht zur Erkenntnis zu gelangen, dass der Kauf eines Produkts gar nicht notwendig sein könnte.[88]

Brauche ich es? Brauche ich es wirklich, oder will ich es nur haben? Gefällt mir dieses Ding oder vielmehr die Strategie, mit der dafür geworben wird? Will ich es haben, damit ich fitter, klüger, entspannter oder einfach cooler werde? Und wenn ja: Kann dieses Ding wirklich so ein Wunder vollbringen? Gibt es vielleicht einen anderen Weg, wie ich mein Ziel erreichen kann, ohne noch mehr Plunder anzuhäufen? Wie viele Überstunden muss ich machen, um mir dieses Teil leisten zu können? Was könnte ich sonst mit meiner Zeit anfangen, das mich mehr befriedigen würde? Besitze ich etwas, das ich durch diesen Gegenstand ersetzen möchte? Bin ich wirklich bereit, diesen Gegenstand abzustauben, zu reinigen, für seine Reparatur zu bezahlen oder ihn anderweitig zu pflegen? Falls ich durch den Kauf einen Gegenstand ersetze, den ich bereits habe, was stimmt dann mit dem alten nicht? Falls ich dieses Ding wirklich brauche, gibt es dann irgendeine Möglichkeit, es auf einer Geschenk-Site im Internet zu finden oder es von einem Freund, Nachbarn oder Verwandten zu leihen? Kaufen Sie sich es nicht, bevor Sie sich diese neun Fragen gestellt haben. Quelle: Naish 2008, p 117

Nach dieser Checkliste gibt John Naish weitere Tipps. Zum Beispiel selber machen statt kaufen, denn dadurch steigt auch die Wertigkeit des Produkts. Materialien und Werkzeuge gibt es im Baumarkt oder im Wollgeschäft und Anleitungen finden sich in einschlägigen Webseiten oder Magazinen[89] (mehr dazu im Kapitel zur Kreativen Klasse). Oder keinen Kredit für Produktkäufe oder Urlaube aufnehmen und die Kreditkarte selten benutzen. Denn wenn wir mit der Karte zahlen, sind wir laut Tests von Psychologen am MIT bereit, für den gleichen Gegenstand das Doppelte auszugeben.[90]

Wir sind soziale Wesen und wollen Anerkennung. Wenn wir es schaffen, unsere Streicheleinheiten nicht über Dinge, sondern unser Tun zu holen, können wir die Konsumwelt mit ihren leeren Versprechungen hinter uns lassen. Also: Tu Gutes und sprich davon. Es gibt genug zu tun, und vieles macht auch Spass und andere Menschen glücklich. Übungen dazu finden sich für's Leben und im Business in den nächsten Kapiteln und auf der Webseite www.ethify.org, wo du deinen Vorschlag auch einbringen kannst.


Anerkennen und Kümmern[Bearbeiten]

Menschen benötigen Aufmerksamkeit, um zu gedeihen und um das Leben lebenswert zu finden. Bereits Herodes hat festgestellt, dass Kinder, die zu wenig Zuneigung erfahren, sterben. Und auch die klassische Einteilung nach der Maslow'schen Bedürfnispyramide ist überholt, denn das Bedürfnis nach Zuwendung und Anerkennung kommt nicht erst, wenn körperliche Grundbedürfnisse gestillt sind, sondern ist immer vorhanden[91]. Doch Zeit mit anderen spielerisch und mal ohne ein konkretes Ziel verbringen zu können ist geradezu ein Luxus geworden. Aufmerksamkeit ist begehrt, einerseits wegen der Zuwendung, die wir von einem anderen Menschen erhalten, andererseits weil sie eine begrenzte Ressource ist.

Georg Franck sieht viele Parallelen einer Ökonomie der Aufmerksamkeit und der Ökonomie des Geldes, die beide nach ähnlichen Regeln funktionieren. „Aufmerksamkeit kann zwar als solche nicht weitergetauscht werden, sie kann aber sehr wohl einen Tauschwert annehmen. Ihr Tauschwert hängt unter anderem von dem Einkommen an Beachtung ab, das die beachtende Person bezieht.“[92]. Das Acht geben, um beachtet zu werden, ist eine elementare Form der Zwischenmenschlichkeit. Wir setzen im Spiel um Anerkennung Aufmerksamkeit ein, um an die Einsätze anderer zu gelangen. Der tägliche Tausch wird zu einem Markt von Angebot und Nachfrage.[93] Wo liegt nun das rechte Mass? Das Verlangen nach Zuwendung an sich ist nicht verwerflich, wohl aber eine Wahllosigkeit, wenn es um das Erheischen von Anerkennung geht. Eitelkeit ist nichts anderes als eine Gier, sich selbst in jedem Moment gefallen zu wollen. Nun sind wir von der Wertschätzung anderer abhängig und weil diese immer in Aufmerksamkeit verpackt ist, scheint unser Verlangen nach Zuwendung unersättlich. Um hier eine Balance zu finden, müssen wir stets kritisch hinterfragen, wie viel Wertschätzung wir guten Gewissens in Anspruch nehmen dürfen. Wir müssen auch anderen etwas übrig lassen, sonst sind wir egoistisch, wenn wir alle Aufmerksamkeit auf uns lenken.

Am deutlichsten wird dies in den auf Aufmerksamkeit spezialisierten Märkten, den Medien. Hier bezahlen die Verbraucher mit Zeit und somit mit gewidmeter Aufmerksamkeit dafür, dass die Anbieter wiederum ihnen, als Zielgruppe Aufmerksamkeit schenken, indem sie produzieren und zeigen, was der Zuschauer, die Zuhörerin oder der Leser haben möchte. Die Einheiten in denen das Ganze dann entgeltlich berechnet werden kann sind unter anderem Auflagenhöhen, Einschaltquoten oder Pageviews. Aufmerksamkeit ist die Währung der Medien, wer sie erregen, bündeln und aufrecht erhalten kann, ist in der Lage, sie wie eine Ware zu verkaufen.

Nochmal zurück zur Ökonomie der Aufmerksamkeit im Alltag: Beim Tauschgeschäft um Anerkennung mit dem Ziel, Beachtung zu erhalten, gehen wir eine Bedingung ein, nämlich erfolgreich zu sein, um die Erwartungen der anderen erfüllen zu können. Hier schliesst sich der Kreis zur Geldökonomie, denn der wirtschaftliche Erfolg liess sich bisher gut mit Prestigeträchtigem zeigen: Auto, Haus mit Garten, Eckzimmerbüro, Sommer- und Winterurlaub und eine Schweizer Uhr am Handgelenk. Nun erkennen wir aber, dass unser Bemühen, über Konsum und Leistung Anerkennung zu erhalten, auch ethische und ökologische Nebeneffekte haben kann, sodass wir vorsichtiger werden, unsere Errungenschaften zur Schau zu stellen. Aber vielleicht hat sich nur die Szenerie geändert.

Soziale Netze im Internet eignen sich hervorragend, Aufmerksamkeit durch smarte Sprüche, Kommentare, Schnappschüsse und Verweise auf Interessantes zu erheischen. Facebook und Co sind dabei, jene Substitutionsrolle zu übernehmen, die bislang Luxusgegenstände als Projektionsflächen für Anerkennung innehatten. Bei der Generation der aktiven Netzwerker zählen „Friends“ und „Followers“ als jenes soziales Kapital, das zu einem positiven Selbstwertgefühl verhilft. Wer jedoch glaubt, mit mehr als 300 Kontakten zu beeindrucken, irrt, wenn wir uns darauf besinnen, behutsam Anerkennung zu tauschen, um nicht als eitler Geck oder Besserwisserin dazustehen.

Bühnen zu schaffen, um Anerkennung zu zollen, ist so alt wie die Geschichte des Theaters. Manche fühlen sich dazu berufen, ihr Bestes in einer Performance darzustellen, und solange die Zuschauer etwas dabei mitnehmen oder auch nur Spass und Unterhaltung geniessen, ist das Tauschgeschäft auch fair. Unerträglich werden Star-Allüren und Promi-Klatsch, wenn die Selbstwertschätzung der Bühnenhelden oder Musiker nicht im Verhältnis zum Fremdbild stehen. Solange es Massenmedien gibt und konsumiert werden, werden diese weiterhin Stars produzieren. In Netzwerkmedien sind sie nicht mehr nötig, da findet eine dynamische Fremdwertschätzung statt, die in manchen Systemen als „Karma“ ausgewiesen wird. Wer sich in einer Online Community bewährt, also sich aktiv einbringt und für Ordnung sorgt, erhält die Chance auf erweiterte Rechte und Anerkennung durch die anderen Mitglieder.

Karma für das Verbessern von Software

In einer Ökonomie des ethischen Handelns werden wir Anerkennung dafür geben, ethische Werte zu erklimmen, ohne den Umweg über eine Zurschaustellung von Luxusgütern oder eine Bewertung des Lebensstils zu gehen. Diese Überlegungen fliessen in die Konzeption eines Bewertungssystems ein, dem eine ethische Gewichtung von Produkten und Dienstleistungen zugrunde liegt, und das sich auch für Tauschgeschäfte eignen würde.[94]

Widmen wir uns nun einem weiteren Aspekt der Anerkennung, nämlich jener Form, die mit einer Zuwendung einhergeht. Dies betrifft in erster Linie den Umgang mit Kindern, die einen Anspruch auf Betreuung und Begleitung haben. Artikel II-84 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union legt Rechte des Kindes fest, insbesondere: Kinder haben Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge, die für ihr Wohlergehen notwendig sind. Personen, die Zeit für die Kinderbetreuung und -erziehung aufwenden oder die für pflegebedürftige Familienmitglieder sorgen, werden als „Personen mit Fürsorgepflichten“ bezeichnet.[95] Wer diese unterlässt, macht sich strafbar. Die Betreuung von Kindern ab drei Jahren ausserhalb der Familie wird mittlerweile allgemein akzeptiert.

„Drei Viertel glauben, dass Vorschulkinder leiden, wenn die Mutter arbeitet“ weiss die Familiensoziologin Ulrike Zartler und nennt dies die „Traditionalisierungsfalle“.[96] Österreich ist hier Entwicklungsland. Nicht nur auf dem Gebiet der Kleinkinderbetreuung, die nun etwas besser wird, sondern vor allem wegen der Einstellungen, die sich nur sehr langsam ändern. Kritiker von Krippen und Tagesstätten, z.B. das Familiennetzwerk, argumentieren, dass in der Regel die Eltern, zu denen eine sehr lange und vertrauensvolle Bindung aufgebaut werden konnte, die emotionale, geistige und soziale Entwicklung des Kindes am besten gefördert werden kann. Andererseits kann eine frühe Betreuung durch professionelle, pädagogisch ausgebildete Fachkräfte vermeiden, dass sich Defizite der Primärsozialisation zu einer Bildungsbenachteiligung verfestigen. [97] Wer ein „Zwergennest“ besucht hat, weiss, dass die Kinder dort sehr viel Spass haben können, viel lernen, was zu Hause vielleicht nicht geboten wird, wie tanzen und singen und dass sie schon früh Toleranz üben müssen. Perfekt ist eine Mischung aus Betreuung in einer Gruppe am Vormittag und zumindest ein Elternteil, der sich am Nachmittag kümmert und Programm macht.

Damit auch beide Eltern die Fürsorge immer ernst nehmen, sollten sie das Sorgerecht am besten gleich zu Geburt teilen[98], falls dies nicht durch einen Ehevertrag ohnehin geregelt ist. So können die Kinder nicht zum Zankapfel werden, falls die Beziehung der Eltern mal nicht gut läuft oder auseinander geht.

Kümmern müssen wir uns auch um Alte. Unsere Eltern und Grosseltern freuen sich über unsere Anwesenheit und Aufmerksamkeit. Deren Geschichten können auch wirklich spannend sein und wir können sie auffordern, diese aufzuschreiben oder vor laufender Kamera zu erzählen, solange sie noch fit dazu sind. Auch Erzählkreise können ein Ort sein, wo sich dieselbe oder unterschiedliche Generationen treffen, um Geschichtsunterricht aus erster Hand zu erhalten. Dies ist eine Aufgabe, die einige regionale Museen ergänzend zu ihrem Ausstellungsprogramm als „historische Anthropologie“ in Diskussionsrunden anbieten.

Auf die richtige Mischung kommt es an: je nach Lebensphase werden Ausbildung, Erwerb, Kultur, Sport, Kinder, vielleicht ein Garten, zivilgesellschaftliches Engagement, die Eltern oder Freunde einem wichtig sein. Hauptsache wir blenden einen Lebensbereich nicht völlig aus und merken rechtzeitig, was vielleicht fehlt, um in Balance zu bleiben. Das Ethify Journal kann einen dabei unterstützen, dies herauszufinden und die Prioritäten neu zu setzen.

Eine wichtige Voraussetzung für eine gewisse Wahlfreiheit ist freilich, dass materielle Grundbedürfnisse wie Wohnen, Mobilität und Ernährung abgedeckt sind, für viele zählt auch ein Zugang zum Internet mittlerweile dazu. Um dies zu erreichen werden wir weiterhin arbeiten müssen. Auch bei zunehmender Automatisierung muss sich jemand um Maschinen, Qualität und Kommunikation kümmern, denn wir erwarten qualitätvolle Produkte und Dienstleistungen. Im nächsten Kapitel werfen wir einen Blick auf die Arbeitswelt und was wir tun können, um sie nach ethischen Kriterien mitzugestalten.

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Einzelnachweise, Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Haug 2008 p.41
  2. Haug 2008 p.21
  3. brand eins - Ab durch die Mitte. Heft 3 2011, p.75
  4. Mögliche Alternativen zur Aufteilung der Tage in der Woche wären eine kurze Arbeitswoche von Montag bis Donnerstag. Am Freitag sowie an ausgewählten Wochen im Jahr stehen Politik und Kultur im Mittelpunkt. Das Wochenende steht im Zeichen der Erholung und Sorge, auch wenn diese eine tägliche Aufgabe bleibt.
  5. Küstenmacher 2008, p. 250
  6. In China wird die Mittagsruhe allen Schülern verordnet, da legen dann alle den Kopf mit oder ohne Polster in einen Ellenbogen (Dank an Li Ping Zhang für diesen Hinweis).
  7. 1680 Stunden pro Jahr inklusive Ferienzeiten, dürfen bei Förderabrechnungen nicht überschritten werden.
  8. http://de.wikipedia.org/wiki/Erwerbst%C3%A4tigkeit
  9. European Communities 2008, p 24ff
  10. http://derstandard.at/fs/1250691876452/Tristesse-in-Frankreich
  11. European Communities 2008, p 36
  12. Etwa 46%, dazu kommen Karenzierungen und Leute in Ausbildungsmassnahmen, denn diese sind in den Beschäftigungszahlen enthalten, ergibt also etwa die Hälfte der Menschen im erwerbsfähigen Alter, die nicht vollzeitig beschäftigt sind.
  13. Grundsicherung bezeichnet eine bedarfsorientierte Sozialleistung zur Sicherstellung des Lebensunterhalts, also etwa Karenzgeld oder Arbeitslosengeld.
  14. Schmid 1986, p 62
  15. Beim bedingungsloses Grundeinkommen erhält jeder Bürger dieselbe finanzielle Zuwendung, ohne eine Gegenleistung nachweisen zu müssen, wobei die Höhe bereits existenzsichernd wäre (ca. € 800.-, abzüglich € 200.- für eine Krankenversicherung). Die Kosten für den Staat wären nicht höher, als alle anderen Transferleistungen wie Kindergeld oder Pensionsrenten derzeit gemeinsam kosten, diese würden einschliesslich der komplexen Verwaltung ersatzlos gestrichen.
  16. http://de.wikipedia.org/wiki/Landwirtschaft
  17. Naish p 130
  18. Naish p 136
  19. "Extrem viel Adrenalin". Interview mit Nico Niedermeier. In: Die Zeit 1.12.2011, p 41 p 142
  20. Naish p 142
  21. 191 Business Jets Gulfstream V und 205 von den Nachfolgermodellen G500s und G550s sind 2009 im Verkehr.
  22. Naish p 144
  23. http://derstandard.at/1254311628883/Ploetzlicher-Herztod-Elektrisches-Chaos-im-Herz
  24. von Schönburg, p 67
  25. Arendt 2002, p 13
  26. http://de.wikipedia.org/wiki/Mincome
  27. http://www.netzeitung.de/politik/deutschland/1484339.html
  28. http://de.wikipedia.org/wiki/Bedingungsloses_Grundeinkommen#Besteuerung_des_Konsums
  29. http://de.wikipedia.org/wiki/Bedingungsloses_Grundeinkommen#Deutschland
  30. http://de.wikipedia.org/wiki/Wohnen
  31. http://www.alton.at/hausdornbirn/energie
  32. von Schönburg, p 92
  33. von Schönburg, p 100
  34. In Österreich gibt es nur einen geringen Prozentsatz an Ganztagsschulen oder Schulen, die eine Nachmittagsbetreuung anbieten.
  35. http://de.wikipedia.org/wiki/Supersize_Me
  36. Naish, p 66
  37. http://derstandard.at/1259281655354/Stoffwechsel-Hungerphasen-sind-gesund
  38. http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cbergewicht
  39. http://pressetext.at/news/080207013/uebergewicht-bei-kindern-zum-grosste...
  40. http://www.journalmed.de/newsview.php?id=25759
  41. Pollack, Karin: Betreutes Essen. In: Der Standard, 5.10.2009, p 18
  42. von Schönburg, p 101
  43. 39% der Emmission von Methangas geht auf die Rinderhaltung zurück http://de.wikipedia.org/wiki/Methan
  44. FAO (Food and Agriculture Organization): Livestock’s Long Shadow. FAO, Rom, p 112-114, 2006 www.virtualcentre.org/en/library/key_pub/longshad/A0701E00.pdf
  45. http://www.vegan.at/klimawandeltierischgut/
  46. OE1 Journal Panorama, 12.10.2009
  47. http://www.fao.org/wsfs/forum2050/wsfs-forum/en/
  48. http://www.fao.org/news/story/en/item/36107/icode/
  49. http://de.wikipedia.org/wiki/Nestl%C3%A9#Kritik
  50. http://help.orf.at/?story=5883
  51. http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/Lebensmittel;art271,2513124
  52. Kemfert 2008, p 116
  53. Der Emissionshandel auf Konsumentenebene wird in Grossbritannien diskutiert, siehe Kemfert p 113
  54. von Schönburg, p 113
  55. Knoflacher, p 117
  56. von Schönburg, p 114
  57. http://www.gw-trends.de/pkw-bestand-weltweit-673088.html
  58. http://www.alton.at/roland/rolog/messenanschlussneu
  59. Die Zeit, 3.12.2009, p 39
  60. http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25189/1.html
  61. http://derstandard.at/1237229005814/Radwegloesung-Wiener-Ring-soll-beidseitig-befahrbar-werden
  62. von Schönburg, p 116
  63. Knoflacher , p 177
  64. http://de.wikipedia.org/wiki/Autofrei
  65. e-control, p 179
  66. Preise für eine Netzkarte 2. Klasse 2009: GA für SBB CHF 3.100.- , Bahncard 100 für DB EUR 3.650.-., Österreichcard für ÖBB (Benutzung von Bus oder Tram leider nicht inkludiert) EUR 1.790.-. Wann gibt’s eine Netzkarte für Europa?
  67. guernica B/2009 Nr 159a, p 7
  68. http://de.wikipedia.org/wiki/Flugverkehr
  69. http://www.snowcarbon.co.uk/
  70. von Schönburg, p 133
  71. von Schönburg, p 122
  72. http://de.wikipedia.org/wiki/Konsum
  73. von Schönburg, p 174
  74. http://de.wikipedia.org/wiki/Konsum
  75. Lasn 1999, 11
  76. Naish p 92
  77. Naish p 95
  78. Naish p 95 zitiert hier ein Experiment von Roy Baumeister, Sozialpsychologe an der Case Western Reserve University in Ohio
  79. Naish p 89
  80. Naish p 90
  81. von Schönburg p 24
  82. http://de.wikipedia.org/wiki/Erstes_Gossensches_Gesetz
  83. http://de.wikipedia.org/wiki/Konsumkritik
  84. http://de.wikipedia.org/wiki/Neununddreissigneunzig
  85. http://www.pressetext.com/news/20091022002
  86. http://www.euractiv.com/de/gesundheit/werbeverbot-ungesunde-lebensmittel-zielgruppe-kinder/article-141450
  87. http://www.flohmarkt.or.at/
  88. Naish p 117
  89. Das make-Magazin, erscheint seit 2005 vierteljährlich mit zahlreichen Anleitungen zum Selbstbau diverser Geräte: http://makezine.com/
  90. Naish p 120, er zitiert hier den MIT Forscher Drazen Prelec
  91. Sonst würde es den mittellosen Künstler, Musiker oder Schriftsteller nicht geben (dank an Thomas Zahreddin für diesen Hinweis).
  92. Franck 1998, 73
  93. Franck 1998, 76
  94. Siehe dazu die Kapitel zu Ethify Score und True Cost
  95. http://de.wikipedia.org/wiki/Fürsorge
  96. Die Presse am Sonntag, 27.9.2009, p 37
  97. http://de.wikipedia.org/wiki/Kinderbetreuung
  98. Das gemeinsame Obsorge ist in Österreich beim Bezirksgericht schriftlich zu beantragen.