Latein/ Grammatik/ Satzlehre/ Kasus/ Genitiv

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Der Genitiv (veraltet auch Genetiv genannt) bezeichnet:

  • das Verhältnis einer Person oder Sache zu einer anderen.
  • den Bereich, in den eine Verbalhandlung fällt. (Diese in einigen Grammatiken enthaltenen Aussagen sind allerdings weder eindeutig noch verständlich/hilfreich.)

Der Genitiv hängt in der Regel als Genitiv-Attribut von Nomina (Substantive, Adjektive, Numeralia und Pronomina) ab, zuweilen auch als Genitiv-Objekt von Verben, selten von Adverbien. Die möglichen Übersetzungen teilen sich in verschiedene Sinnrichtungen auf:


genitivus partitivus (oder totius)[Bearbeiten]

Der genitivus partitivus, zu Deutsch Teilungsgenitiv, gibt einen Teil einer Gruppe an; auch wenn das so in fast allen Grammatiken steht, stimmt es nicht wirklich, denn im Genitiv steht nicht der Teil, sondern das Ganze; deshalb sollte man besser von einem genitivus totius (Genitiv des Ganzen) sprechen

Numeral Genitiv-Attribut
Duo vestrum?

"Zwei von euch?"

"vestrum" steht hier im Genitiv und ist ein Genitiv-Attribut zu dem Numeral "duo", und "duo", ("die Zwei") (Nominativ), sind eindeutig ein Teil der Gesamtgruppe "vestrum", ("von euch" (im Lateinischen Genitiv)).


genitivus possessivus (oder possessoris)[Bearbeiten]

Der genitivus possessivus (oder: possessoris) zeigt an, dass etwas jemandem/zu etwas gehört ... Frage: "Wessen?" oder "Von wem?"

Beispiel:
"domus domini": "das Haus des Herrn"


genitivus definitivus (oder epexegeticus)[Bearbeiten]

Der genitivus definitivus wird bisweilen auch "genitivus appositionalis" genannt, eine Bezeichnung die allerdings nicht ganz glücklich ist, da eine Apposition immer im gleichen Kasus stehen muss wie das Substantiv, das durch die Apposition näher bestimmt wird; das ist bei Genitiv-Attributen hingegen eher selten der Fall (nämlich nur dann, wenn das Substantiv, von dem das Genitiv-Attribut abhängig ist, aus ganz anderen Gründen ebenfalls im Genitiv steht; vgl. "Sie gedachten der tödlich verunglückten Mutter (Genitiv-Objekt) ihrer Nachbarin (Genitiv-Attribut) im Gegensatz zu "Sie gedachten der verunglückten Mutter (Genitiv-Objekt), (Komma beachten!) ihrer Nachbarin (Appositions-Attribut im Genitiv)".

Beispiele:
"verbum domus" ("domus" ist hier als Genitiv zu verstehen, weil "domus" im klassischen Latein zur u-Deklination gehört!) "das Wort Haus" (nicht "das Wort des Hauses!")
"flos rosae" "die Blume Rose" (nicht "die Blume der Rose")

genitivus subjectivus (oder agentis)[Bearbeiten]

Ein genitivus subjectivus ist in der Regel (als Genitiv-Attribut (s. o.)) von einem Substantiv abhängig, das aus einem Verb entstanden ist ("das Bearbeiten" aus "bearbeiten", "die Bearbeitung" aus "bearbeiten", "die Interpretation" aus "interpretieren", "die Furcht" aus "fürchten" usw.). In dem Gesamtausdruck (aus einem Verb entstandenes) Substantiv + genitivus subiectivus gibt der Genitiv die handelnde Person an (insofern wäre es sinnvoller, von einem genitivus agentis (Genitiv des Handelnden) zu sprechen); man könnte auch sagen, dass der genitivus subiectivus diejenige Person bezeichnet, die in dem aktivischen Satz, der dem Gesamtausdruck (aus einem Verb entstandenes) Substantiv + genitivus subiectivus zugrunde liegt, das Subjekt ist (genitivus subiectivus):

Der Satz "Die Untersuchung des Herrn Meyer ergab, dass die Schüsse aus nächster Nähe abgegeben worden waren." ist doppeldeutig, was an den Worten "die Untersuchung des Herrn Meyer" (oder noch genauer nur am Verständnis der Worte "des Herrn Meyer") liegt, denn zum Einen könnte der Herr Meyer der Gerichtsmediziner sein, zum Anderen aber auch die Leiche.

Wenn der Gesamtausdruck "die Untersuchung des Herrn Meyer" so verstanden wird, dass der Herr Meyer der Gerichtsmediziner ist, liegt ihm der (aktivische) Satz "Der Herr Meyer hat <jemanden> untersucht." zugrunde; in diesem zugrunde liegenden aktivischen Satz wäre "der Herr Meyer" das Subjekt (daher genitivus subiectivus) und damit die handelnde Person (daher genitivus agentis).


(Zu der Verstehensvariante "Herr Meyer ist die Leiche" siehe genitivus obiectivus/patientis!)


Weitere Beispiele:
"timor hostium": "Die Furcht der Feinde" (zugrunde liegender aktivischer Satz: "Die Feinde fürchten sich <vor jemandem>." In diesem Satz ist "Die Feinde" das Subjekt.)

"donum deorum": "ein Geschenk der Götter" (zugrunde liegender aktivischer Satz: "Die Götter haben <jemandem etwas> geschenkt." In diesem Satz ist "Die Götter" das Subjekt.)

"odium Romanorum": "der Hass der Römer" (zugrunde liegender aktivischer Satz: "Die Römer hassen <jemanden>." In diesem Satz ist "Die Römer" das Subjekt.)


Zur Vertiefung:

"Die Interpretation des Schülers gefiel dem Lehrer."
Hier dürfte mit großer Wahrscheinlichkeit gemeint sein, dass der Schüler z. B. ein Gedicht interpretiert hat und der Lehrer mit dem Ergebnis zufrieden gewesen ist. Der zugrunde liegende aktivische Satz für den Ausdruck "die Interpretation des Schülers" wäre also: "Der Schüler hat <etwas> interpretiert." In diesem Satz ist "der Schüler" das Subjekt, also liegt in dem Ausgangssatz ein genitivus subiectivus (agentis) vor.

"Die Interpretation des Gedichts gefiel dem Lehrer."
Hier dürfte wohl eher gemeint sein, dass jemand - wohl ein Schüler - das Gedicht interpretiert hat und der Lehrer mit dem Ergebnis zufrieden gewesen ist. Der zugrunde liegende aktivische Satz für den Ausdruck "die Interpretation des Gedichts" wäre also: "<Jemand> hat das Gedicht interpretiert." In diesem Satz ist "das Gedicht" das Objekt, also liegt in dem Ausgangssatz ein genitivus obiectivus (patientis) vor.

genitivus objectivus (oder patientis)[Bearbeiten]

Ein genitivus objectivus ist in der Regel (als Genitiv-Attribut (s. o.)) von einem Substantiv abhängig, das aus einem Verb entstanden ist ("das Bearbeiten" aus "bearbeiten", "die Bearbeitung" aus "bearbeiten", "die Interpretation" aus "interpretieren", "die Furcht" aus "fürchten" usw.). In dem Gesamtausdruck (aus einem Verb entstandenes) Substantiv + genitivus obiectivus gibt der Genitiv die von der Handlung betroffene Person an (insofern wäre es sinnvoller, von einem genitivus patientis (Genitiv des Betroffenen) zu sprechen); man könnte auch sagen, dass der genitivus obiectivus diejenige Person bezeichnet, die in dem aktivischen Satz, der dem Gesamtausdruck (aus einem Verb entstandenes) Substantiv + genitivus obiectivus zugrunde liegt, das Objekt ist (genitivus obiectivus):

Der Satz "Die Untersuchung des Herrn Meyer ergab, dass die Schüsse aus nächster Nähe abgegeben worden waren." ist doppeldeutig, was an den Worten "die Untersuchung des Herrn Meyer" (oder noch genauer nur am Verständnis der Worte "des Herrn Meyer") liegt, denn zum Einen könnte der Herr Meyer der Gerichtsmediziner sein, zum Anderen aber auch die Leiche.

Wenn der Gesamtausdruck "die Untersuchung des Herrn Meyer" so verstanden wird, dass der Herr Meyer die Leiche ist, liegt ihm der (aktivische) Satz "<Jemand> hat den Herrn Meyer untersucht." zugrunde; in diesem zugrunde liegenden aktivischen Satz wäre "der Herr Meyer" das Objekt (daher genitivus obiectivus) und damit die von der Handlung betroffene Person (daher genitivus patientis); in einem inhaltsgleichen passivischen Satz ("Herr Meyer ist untersucht worden.") wäre "Herr Meyer" dagegen das Subjekt.
Um Verwirrungen zu vermeiden, ist es deswegen wichtig, immer die zugrunde liegenden aktivischen Sätze zu bilden oder statt des grammatisch (syntaktisch) bestimmten Begriffpaares genitivus subiectivus vs. obiectivus das eher inhaltlich (semantisch) bestimmte Begriffspaar genitivus agentis vs. patientis zu verwenden.


(Zu der Verstehensvariante "Herr Meyer ist der Gerichtsmediziner" siehe genitivus subiectivus/agentis!)


Weitere Beispiele:
"timor hostium": "Die Furcht vor den Feinden" (im Lateinischen Genitiv) (zugrunde liegender aktivischer Satz: "<Jemand> fürchtet sich vor den Feinden." In diesem Satz ist "vor den Feinden" das Objekt.)

"donum deorum": "ein Geschenk an die Götter" (im Lateinischen Genitiv) (zugrunde liegender aktivischer Satz: "<Jemand> hat den Göttern <etwas> geschenkt." In diesem Satz ist "den Göttern" das Objekt.)

"odium Romanorum": "der Hass auf die Römer" (im Lateinischen Genitiv) (zugrunde liegender aktivischer Satz: "<Jemand> hasst die Römer." In diesem Satz ist "die Römer" das Objekt.)


Zur Vertiefung:

"Die Interpretation des Gedichts gefiel dem Lehrer."
Hier dürfte wohl eher gemeint sein, dass jemand - wohl ein Schüler - das Gedicht interpretiert hat und der Lehrer mit dem Ergebnis zufrieden gewesen ist. Der zugrunde liegende aktivische Satz für den Ausdruck "die Interpretation des Gedichts" wäre also: "<Jemand> hat das Gedicht interpretiert." In diesem Satz ist "das Gedicht" das Objekt, also liegt in dem Ausgangssatz ein genitivus obiectivus (patientis) vor.

"Die Interpretation des Schülers gefiel dem Lehrer."
Hier dürfte mit großer Wahrscheinlichkeit gemeint sein, dass der Schüler z. B. ein Gedicht interpretiert hat und der Lehrer mit dem Ergebnis zufrieden gewesen ist. Der zugrunde liegende aktivische Satz für den Ausdruck "die Interpretation des Schülers" wäre also: "Der Schüler hat <etwas> interpretiert." In diesem Satz ist "der Schüler" das Subjekt, also liegt in dem Ausgangssatz ein genitivus subiectivus (agentis) vor.

genitivus qualitatis[Bearbeiten]

Der genitivus qualitatis (Genitiv der Beschaffenheit) bezeichnet eine Beschaffenheit oder ein Merkmal, das auf die im Beziehungswort ausgedrückte Person oder Sache zutrifft. Er erfüllt teils die syntaktische Funktion eines Attributs, teils die Funktion eines Prädikatsnomens.

Als Attribut:

Substantiv Genitiv-Attribut
vir magni ingenii

ein Mann von großer Begabung


Als Prädikatsnomen:

Subjekt Prädikatsnomen Prädikat
Nonnulli philosophi maximi ingenii et summae pietatis sunt

Einige Philosophen erwiesen sich als höchst geistreich und äußerst fromm (eigentlich: Einige Philosophen sind von größter Begabung und höchster Frömmigkeit).

genitivus pretii[Bearbeiten]

Der genitivus pretii (Genitiv der Bewertung) bezeichnet den Wert, der einer Person oder Sache zukommt. Er erfüllt teils in Verbindung mit einigen Verben (z.B. "facere", "habere", "putare", "ducere") die syntaktische Funktion des Adverbials.

Im Prädikat:

Subjekt Akkusativ-Objekt Adverbiale Prädikat
Romani servos parvi aestimabant

Die Römer schätzten die Sklaven gering ein.


genitivus respectus (oder relationis)[Bearbeiten]

Der genitivus respectus


Genitiv neben Adjektiven[Bearbeiten]

Der Genitiv neben Adjektiven

Merksatz:
"begierig", "kundig", "eingedenk",
"teilhaftig", "mächtig", "voll",
regieren stets den Genitiv,
wer das nicht glaubt ist toll!

Genitiv bei Verben (Genitivobjekt)[Bearbeiten]

Der Genitiv bei einigen Verben ("meminisse", "oblivisci", "piget", "pudet", "paenitet" ...) lässt sich (historisch gesehen) in den meisten Fällen auf einen alten Genitivus partitivus oder Genitivus relationis zurückführen.

Adverbiale Genitive[Bearbeiten]

Adverbiale Genitive:

  • von Ortsbegriffen (ubi terrarum)
  • von Zeitbegriffen (id temporis)
  • des Ausrufs (z.B. Plaut. Truc. 409 o mercis malae!)