Lehrbuchrhetorik im Medizinstudium: Philosophische Aspekte

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Wissen[Bearbeiten]

Lehrbücher enthalten Wissen und wollen es dem Leser vermitteln (bzw. Prozesse anregen, die zu entsprechenden mentalen Konstruktionen führen). Daher folgen hier (sehr knappe) Ausführungen über die epistemologische Frage nach dem Wissen.

Der Streit um die Frage "Was ist Wissen?" ist Jahrtausende alt. Mittlerweile hat sich jedoch ein Konsens herausgebildet, demzufolge Wissen auf dreierlei beruht (traditionelle Konzeption des Wissens):

  1. Überzeugung. Wissen beruht auf einer Überzeugung oder Meinung, also auf einer vom Überzeugungsträger für wahr gehaltenen Proposition, die jedoch nicht wahr sein muss (vgl. Baumann, 108ff)
  2. Wahrheit. Damit eine Überzeugung zu Wissen wird, muss sie wahr sein. Dabei ist allerdings strittig, wann dieses Wahrheitskriterium als erfüllt gilt. Hierzu existieren zahlreiche Theorien, wobei vor allem drei eine wichtige Rolle spielen: Korrespondenz-, Kohärenz- und Konsenstheorie der Wahrheit ("die drei K der Erkenntnistheorie"; vgl. Baumann, 141ff).
    • Korrespondenztheorie der Wahrheit: Wahr ist eine Überzeugung dann, wenn der Überzeugungsinhalt mit der entsprechenden Tatsache (in der Realität) strukturell übereinstimmt.
    • Kohärenztheorie der Wahrheit: Wahr ist eine Überzeugung dann, wenn sie sich in ein Netz anderer Überzeugungen problemlos einfügen lässt, wobei dieses Netz nicht unbedingt mit der Realität kongruent sein muss.
    • Konsenstheorie der Wahrheit: Wahr ist eine Überzeugung dann, wenn sich eine ideale Kommunikationsgemeinschaft in einem herrschaftsfreien Diskurs auf sie einigt.
    Andere Wahrheitstheorien lauten schlagwortartig: "Wahrheit ist ein undefinierbarer Grundbegriff" (Redundanztheorie der Wahrheit) oder "Wahr ist, was nützt" (pragmatistische Auffassung).
  3. Rechtfertigung. Eine wahre Überzeugung muss zudem gerechtfertigt und begründet sein, um ihre Nichtzufälligkeit zu belegen (vgl. Baumann, 181ff).

Auf eine kurze Formel gebracht, ist Wissen also Folgendes: wahre, gerechtfertigte Meinung (vgl. Baumann, 39).

Theorien[Bearbeiten]

Der Begriff "Theorie" lässt sich definieren als "ein System von Aussagen oder Sätzen, das der Zusammenfassung, Beschreibung, Erklärung und Vorhersage von Phänomenen durch die Wissenschaft dient" (Brockhaus, 339). Um dies zu leisten, müssen Theorien auf theoretische Begriffe zurückgreifen, selbst wenn "ein befriedigendes Kriterium für [deren] Sinnhaftigkeit […] nicht bekannt ist und sich nach Lage der Dinge auch nicht finden lässt" (Poser, 102).

Lehrbücher erläutern Theorien, wenn auch meist auf implizite Weise. Da aber sogar "jede Beobachtung eine Beobachtung im Lichte einer Theorie ist" (Poser, 102), beruhen sämtliche sachverhaltsdarstellenden Lehrbuchinhalte auf Theorien – selbst scheinbar so theorieferne Inhalte wie etwa Sachverhaltsbeschreibungen.

Vorläufigkeit von Theorien[Bearbeiten]

Sir Karl Raimund Popper

Karl Popper zufolge werden Theorien erfunden. Aus ihnen werden Hypothesen abgeleitet, die sich – vermittelt über aus ihnen abgeleitete Beobachtungssätze – an der Realität bewähren müssen und nur so lange gültig sind, als sie nicht durch Erfahrung widerlegt werden. Solange sich die Hypothesen als brauchbar erweisen, gilt auch die zugehörige Theorie als brauchbar; erweist sich jedoch eine Hypothese aufgrund mangelhafter Passung auf die Realität als ungültig (Falsifikation), so wirkt dies auf die Theorie zurück, insofern auch diese dann in ihrer aktuellen Form unbrauchbar ist, solange die kritische Hypothese nicht durch Umformulierung oder Veränderung des Geltungsbereichs (Exhaustion) angepasst wird (wodurch streng genommen eine neue Hypothese entsteht; vgl. Poser, 119ff).

Theorien sind demnach stets vorläufig und nur so lange gültig, als die aus ihr abgeleiteten Hypothesen im Einklang mit der Erfahrung stehen – gerade diese Vorläufigkeit und Realitätsbezogenheit zeichnet wissenschaftliche Theorien jedoch aus, oder wie Popper sagt: "Ein empirisch-wissenschaftliches System muß an der Erfahrung scheitern können." (Popper, zitiert nach Poser, 120)

Theorien und Wissenschaft: Normalbetrieb – Krise – Revolution[Bearbeiten]

Kohärenz und Plausibilität von Theorien täuschen oftmals darüber hinweg, dass auch diese einerseits nur vorläufig sind und andererseits keineswegs ewige und allgemeine Gültigkeit beanspruchen können. Denn wie Thomas Kuhn ausführt, werden Theorien im Lichte einer bestimmten Weltsicht entworfen und geprüft, welche jedoch rational nicht begründbar ist und, wenn erforderlich, durch eine andere Weltsicht ersetzt wird. Kuhn zufolge läuft der Wissenschaftsbetrieb nämlich folgendermaßen ab:

  1. Im normalen Wissenschaftsbetrieb läuft Wissenschaft nach dem popperschen Prinzip ab: Forscher erfinden Theorien und testen sie – mittels Beobachtungssätzen, die aus Hypothesen abgeleitet werden – an der Erfahrung. Die Theorien sind dabei eingebettet in eine orientierende Weltsicht, ein bestimmtes Paradigma, welches Forschungsmethodik, -gegenstände sowie -interessen und -ziele definiert. Aufgrund der "Erfolge" der bisherigen Theorien und der immer genaueren Messmöglichkeiten werden die Theorien immer mehr eingeengt und spezialisiert – und somit auch anfälliger für erfahrungsabhängige Falsifikation. Neu entdeckte Phänomene werden dabei zunächst in vorhandene Erklärungsstrukturen eingepasst, indem die entsprechenden Hypothesen modifiziert und in ihrem Geltungsbereich verändert werden.
  2. Mit der Zeit erweisen sich immer mehr Theorien als rettungslos unbrauchbar, weil sich immer mehr Phänomene finden, die sich mit den mittlerweile stark ausdifferenzierten Hypothesen nicht vereinbaren lassen – mit entsprechenden Folgen auf der theoretischen und paradigmatischen Ebene: das Paradigma gerät ins Wanken, es herrscht eine Grundlagenkrise. In dieser Zeit des Umbruchs bilden sich neue, miteinander konkurrierende Paradigmata heraus, wobei jedes Paradigma mit jedem anderen unvergleichbar ist, weil ein jedes Paradigma mit eigenen Grundbegriffen arbeitet und eine eigene, spezielle Sicht auf die Welt darstellt. Aufgrund dieser Inkommensurabilität kann der Streit um das "richtige" Paradigma auch nicht rational geführt werden – jedes Paradigma bleibt gewissermaßen von jedem anderen argumentativ abgeschottet und kann sich selbst nur auf zirkuläre Weise begründen.
  3. Schließlich kommt es zur wissenschaftlichen Revolution: dasjenige Paradigma setzt sich gegenüber den anderen durch, welches der wissenschaftlichen Gemeinschaft am glaubhaftesten versichert die Rätsel der Natur am besten lösen zu können. Ein Paradigma obsiegt also, und zwar aus notwendigerweise irrationalen Gründen.
  4. Nun geht die Wissenschaft wieder zum Normalbetrieb über. Im Lichte des neuen Paradigmas werden Theorien entworfen, daraus Hypothesen abgeleitet und über Beobachtungssätze an der Erfahrung getestet. Das Paradigma bestimmt, was wie erforscht wird, bis auch es ausgehöhlt wird und die wissenschaftsrevolutionäre Spirale sich weiterdreht (vgl. Poser, 149ff).

Gültiges Wissen kann es somit immer nur im Rahmen eines Paradigmas geben, welches die Forschungsgegenstände und -methoden bestimmt und zudem keine Alleingültigkeit beanspruchen kann. Da das Paradigma aber letztlich irrational begründet ist, sind ein absoluter Wahrheitsanspruch und somit absolut gültiges Wissen nicht möglich.

Fazit[Bearbeiten]

  • Da Wissen wahre, gerechtfertigte Meinung ist, kommt der Rechtfertigung (durch Begründungen, Verweise auf Literatur etc.) im Rahmen der Wissensdarstellung (z. B. in Lehrbüchern) eine wichtige Rolle zu.
  • In fast allen Aussagen von Lehrbüchern sind implizit Theorien enthalten. Diese sind jedoch vorläufig und paradigmenabhängig und können daher keine absolute Gültigkeit beanspruchen.