Makroökonomik/ Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung

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Bruttoinlandprodukt[Bearbeiten]

Um die Aktivität einer Volkswirtschaft zu messen wird das sogenannte Bruttoinlandprodukt (im Folgenden "BIP") verwendet. Das Bruttoinlandprodukt ist eine Zahl mit Währungseinheit, die die Summe aller Güter und Dienstleistungen, die in einem Zeitraum, innerhalb einer Volkswirtschaft hergestellt und abgesetzt wurden, beschreibt. Steigt diese Zahl, sagt man allgemein, dass es der Wirtschaft gut geht, sinkt die Zahl jedoch, so befindet sich die Wirtschaft in einer Krise. Von daher nimmt das BIP eine wichtige Rolle zur Beurteilung der Wirtschaftssituation ein und daraus folgend, auch für wirtschaftspolitische Maßnahmen, da ein sinkendes BIP oftmals mit erhöhter Arbeitslosigkeit einhergeht, die möglichst bekämpft werden soll, um weitere Verschlechterungen zu verhindern. Diese „weiteren Verschlechterungen“ sind meist das Resultat etwaiger Negativspiralen: Das BIP sinkt, es werden weniger Produkte gekauft, die Erlöse sinken und die Produktion wird runtergefahren. Infolgedessen werden Arbeiter entlassen, denen nun weniger Einkommen als vorher zur Verfügung steht, was zu einem weiteren Rückgang des Absatzes der Unternehmen führt und nun möglicherweise auch zu einem Mehr an Entlassungen. Von daher ist es von großer Wichtigkeit, über den Zustand der Wirtschaft Bescheid zu wissen. Das BIP muss also regelmäßig ermittelt werden. Es gibt drei Möglichkeiten das BIP zu errechnen, 1) über das Einkommen, 2) über die Ausgaben oder 3) über die Produktion. Daraus ergeben sich drei Berechnungsmöglichkeiten.

1) Entstehungsrechnung[Bearbeiten]

Bei der Entstehungsrechnung wird zunächst der gesamte Wert aller produzierten Güter addiert. Anschließend subtrahiert man die Vorleistungen, um bestimmte Güter (intermediäre Güter) nicht doppelt zu zählen. Beispielsweise kauft ein Schreiner Holz, um daraus Bretter zu produzieren, das Holz als produziertes Gut würde doppelt gezählt werden, wenn man sowohl die Bretter als auch das Holz zum BIP zählte. Aus diesem Grund werden derartige Vorleistungen vom gesamten Produktionswert wieder abgezogen. Das Ergebnis ist die Bruttowertschöpfung. Es werden die Nettogütersteuern addiert, das ist die Bilanz von Steuerabgaben und Subventionen durch den Staat. Das Ergebnis ist das BIP.

Entstehungsrechnung 

  Produktionswert 
- Vorleistungen 
= Bruttowertschöpfung 
+ Nettogütersteuern 
= BIP

2) Verteilungsrechnung[Bearbeiten]

Als Ausgangspunkt werden hier die Unternehmens- und Vermögenseinkommen genommen. Die Unternehmens- und Vermögenseinkommen sind zum einen Profite von Unternehmen, die nicht ausgeschüttet oder noch nicht reinvestiert wurden und Zinseinkommen. Zu diesen wird das Arbeitnehmerentgelt gerechnet, also alle Lohnzahlungen, das Ergebnis ist das Volkseinkommen. Addiert man nun die Nettoproduktionsabgaben ergibt sich das Nettonationaleinkommen der Volkswirtschaft. Wenn man nun die volkswirtschaftliche Abschreibung addiert, so ergibt sich das Bruttonationalprodukt. Das Bruttonationalprodukt ist die Summe aller Güter und Dienstleistungen, die von Staatsangehörigen produziert wurden und unterscheidet sich dahingehend von Bruttoinlandprodukt, bei welchem die Einkommen geographisch, das heißt auf eine bestimmte Volkswirtschaft, begrenzt werden. Um nun vom BNP zum BIP zu kommen addiert man alle Einkommen von Nicht-Staatsangehörigen im eigenen Land und subtrahiert alle Einkommen, die durch Staatsangehörige im Ausland erwirtschaftet wurden. Die Summe nennt man Saldo der Primäreinkommen mit der übrigen Welt. Das Ergebnis schließlich ist das BIP.

Verteilungsrechnung 

  Unternehmens- und Vermögenseinkommen 
+ Arbeitnehmerentgelt 
= Volkseinkommen 
+ Nettoproduktionsabgaben an den Staat 
= Nettonationaleinkommen (NNE) 
+ Abschreibung 
= Bruttonationalprodukt (BNP) 
- Saldo der Primäreinkommen mit der übrigen Welt 
= BIP

3) Verwendungsrechnung[Bearbeiten]

Bei der Verwendungsrechnung schaut man, wie das zur Verfügung stehende Einkommen verwendet wurde. Im Allgemeinen unterscheidet man Konsum, Investition, Staatsausgaben, Exporte und Importe. Diese Art der Verwendungsrechnung führt zum gleichen Ergebnis, wie die Verteilungsrechnung, da die Ausgaben einer Person immer die Einnahmen einer anderen Person sind. Aus diesem Grund muss die Summe aller Ausgaben der Summe aller Einnahmen entsprechen.

Verwendungsrechnung 

  Konsum 
+ Investitionen 
+ Staatsausgaben 
+ Exporte 
- Importe 
= BIP 

Diese Art der Errechnung des BIPs kann auch geschrieben werden als:



Dabei steht Y für das BIP, oder allgemein auch für den "volkswirtschaftlichen Output" (y für das englische "yield" - Ertrag), C für alle Ausgaben mit konsumtiven Charakter (C für das englische "consumption" - Konsum), I für alle Ausgaben mit investiven Charakter (I für das englische "investment" - Investitionen), G für für die Staatsausgaben (G für das englische "government purchases" - Staatsausgaben) und NX für die Nettoexporte. Diese Gleichung sei hier bereits erwähnt, da im Zuge der makroökonomischen Modellierung diese Gleichung häufig als Ausgangspunkt verwendet wird, da sie leicht umgeformt werden kann, um auf spezielle Dinge hinzuweisen. Die Nennung hier soll der Orientierung dienen, damit klar ist, welcher Rechnung diese Gleichung entspringt.

Das BIP misst die wirtschaftliche Aktivität einer Volkswirtschaft, es ist kein Indikator für das Glück der einzelnen Menschen, noch ein Indikator für andere menschliche Aspekte wie beispielsweise die Gesundheit.

Nominal versus Real[Bearbeiten]

Da sich das BIP aus der Summe der Güter mal den korrespondierenden Preisen zusammensetzt, muss ein Anstieg des BIPs nicht bedeuten, dass die wirtschaftliche Aktivität der Volkswirtschaft gestiegen ist. Vielmehr kann es auch einfach bedeuten, dass die Preise in der Volkswirtschaft gestiegen sind. Um also das „wahre“, das heißt das „reale“ Wachstum zu messen werden BIP-Statistiken immer „inflationsbereinigt“ betrachtet. Das bedeutet, dass Preissteigerungen allgemein nicht in Betracht gezogen werden, die Preise orientieren sich an denen eines Basisjahres. Folgendes Beispiel soll dies verdeutlichen:




In diesem Beispiel soll sich das BIP einzig und allein aus Äpfeln zu je 25 Cent und Birnen zu je 30 Cent zusammensetzen. Es gibt 10 Äpfel und 5 Birnen:




Das BIP beträgt in diesem Fall 4€. Nun verteuern sich beide Güter, die Äpfel um 5 Cent und die Birnen um 10 Cent, ihre Menge nimmt aber auch jeweils um 5 zu:




Man könnte nun den voreiligen Schluss ziehen, dass sich die Produktion mehr als verdoppelt hat. Jedoch haben sich auch die Preise verändert, nicht nur die Menge der produzierten Güter. Um den realen Anstieg des BIPs zu messen nimmt man die neuen Mengen und multipliziert sie mit den alten Preisen:




Das reale BIP beträgt 6,75, ist also um 2,75, statt 4,50 gestiegen.

Teilt man das nominale BIP durch das so erhaltene reale BIP erhält man eine weitere ökonomische Größe, den sogenannten BIP-Deflator.




Stellt man die Gleichung um, erkennt man, woraus sich der Name ableitet:




Der BIP-Deflator korrigiert die Inflation (Deflation ist das Gegenteil von Inflation), sodass man das reale BIP erhält. Mit dem Beispiel oben, 8.5 als nominales BIP und 6.75 als reales BIP, ergibt sich folgende Rechnung:




1.26 = (1 + 0.26) bedeutet, dass die Preise im Vergleich zum Basisjahr (Jahr aus welchem die alten Preise sind) um etwa 26% gestiegen sind. Wenn der BIP-Deflator 1 beträgt, so ist das Preisniveau stabil, ist er kleiner als 1, dann sinken die Preise.

Preisindices[Bearbeiten]

Preisindices werden verwendet, um die Preissteigerungsrate, die Inflation, in einer Volkswirtschaft zu messen. Dazu wird ein Warenkorb festgelegt, der eine Vielzahl von Gütern enthält, den der typische Haushalt konsumiert. Beispiele sind Wurst, Käse, Brot, Benzin, Heizkosten, Ticketpreise für öffentliche Verkehrsmittel, Miete und so weiter. Die Preise für diese Güter sind die Preise eines sogenannten Basisjahres. Dieser Warenkorb wird dann für zukünftige Vergleiche verwendet.

Beispiel: Ein Warenkorb besteht aus 10 Orangen zu je 25 Cent und 10 Broten zu je 2 Euro. Der Gesamtpreis, um diesen Warenkorb kaufen zu können beträgt also 22,50 Euro. Im nächsten Jahr verdoppelt sich der Preis der Orangen, der der Brote bleibt bestehen. Der neue Preis des Warenkorbs ist somit 25 Euro und die Teuerungsrate beträgt 25/22,5 = 1.11 = (1 + 0.11), also 11%. Obwohl sich die Preise für Orangen verdoppelt haben (Inflation von 100%) ist die Auswirkung auf den Warenkorb nur 11%. Das liegt daran, dass unterschiedliche Güter unterschiedliche Gewichtung erfahren.*

Allgemein lässt sich formulieren:



Der Index t-1 steht hier für das Basisjahr, der Index t für das Jahr danach. Der Quotient gibt die Inflationsrate plus 1 an. Einen solchen Preisindex nennt man Laspeyres-Preisindex. Er ist eben dadurch gekennzeichnet, dass man einen festen Warenkorb verwendet und die Preisänderungen anhand dieser fest gewählten Güter berechnet. Ein Problem, dass sich durch den Laspeyres-Preisindex ergibt, ist eine mögliche Übertreibung der Inflation: Da es sich beim Laspeyres-Preisindex um einen Warenkorb mit festen Waren handelt, wird davon abgesehen, dass bei einer Teuerung eines Gutes, der Haushalt dieses Gut auch durch ein anderes, günstigeres, substituieren kann, um so der Teuerung zu entgehen. Der wirkliche Verlust etwaiger Kaufkraft wird also nur begrenzt durch den Laspeyres-Preisindex beschrieben.

Ihm gegenüber steht der Paasche-Preisindex, welcher einen sich ändernden, aktuellen Warenkorb verwendet. Rechenbeispiel:



Der Paasche-Preisindex neigt zur Untertreibung der Preisentwicklung, da diesem der aktuelle Warenkorb zugrunde liegt (die Mengen aus t+1 statt t), der alle möglichen Substitutionen beinhaltet. Deswegen ist es beim Paasche-Preisindex auch weniger eindeutig, ob eine Veränderung des Preisniveaus das Ergebnis wirklicher Preisveränderungen ist, oder nur ein Ergebnis der veränderten Warenkonstellation.

Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass der BIP-Deflator im Prinzip ein Paasche-Preisindex ist.


(*)Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass Inflation das Phänomen eines allgemeinen Preisanstiegs beschreibt. Inflation bedeutet Geldentwertung und wenn die Mehrheit der Preise steigt, muss dies konsequenterweise bedeuten, dass nicht die Nachfrage nach allen Gütern gestiegen ist, sondern das Geld allgemein weniger wert geworden ist. In diesem Beispiel der Orangen würde man nicht konsequent von einer Inflation sprechen, da der gestiegene Preis der Orangen auch durch einen Nachfrageüberschuss bedingt sein kann. Diese Preissteigerung wird auch als demand-pull inflation bezeichnet, also eine durch Nachfrage induzierte Inflation.

Arbeitslosigkeit[Bearbeiten]

Die Arbeitslosenquote berechnet sich durch folgende Formel:



Beträgt die Arbeitslosenquote weniger als 5%, so spricht man von Vollbeschäftigung. Es gibt in der Wirtschaft immer einen gewissen Anteil von Arbeitslosen, sei dies durch friktionale Arbeitslosigkeit oder durch strukturelle. Friktionale Arbeitslosigkeit beschreibt die Arbeitslosigkeit, die Menschen auf der Suche nach einer neuen Arbeit durchleben, bis sie letzten Endes eine neue Arbeit gefunden haben. Strukturelle Arbeitslosigkeit ist ein demographisches Problem, nämlich dass es in der Umgebung nicht den Anforderungen entsprechende Arbeitskräfte gibt, oder zu viele von ihnen.

Zusammenfassung[Bearbeiten]

1. Das Bruttoinlandprodukt (BIP) ist der primäre Indikator für den wirtschaftlichen Zustand einer Wirtschaft. Das BIP kann auf drei verschiedene Weisen berechnet werden: Entstehungsrechnung, Verteilungsrechnung und Verwendungsrechnung. Letzte kann durch die Formel Y=C+I+G+NX dargestellt werden, eine Formel, die im weiteren Verlauf noch wichtig wird.

2. Bei Messungen des BIPs wird stets das reale BIP in Betracht gezogen, da ein steigendes BIP auch das Resultat steigender Preise sein kann (siehe Berechnung BIP).

3. Warenkörbe mit festen Mengen an Gütern oder Preisen werden zur Messung der Inflation verwendet. Wichtige Preisindices sind der Laspeyres-Preisindex und der Paasche-Preisindex.

4) Arbeitslosigkeit ist eine reale Variable. Es ist nahezu unmöglich die Arbeitslosigkeit auf 0% zu reduzieren.

Sprachlicher Appendix[Bearbeiten]

Abscheibung - depreciation
Arbeitslosenquote - unemployment rate
BIP-Deflator - GDP-deflator
Bruttoinlandprodukt (BIP) - gross domestic product (GDP)
Bruttonationalprodukt (BNP) - gross national product (GNP)
Entstehungsrechnung - production method / output approach
Laspeyres-Preisindex - Laspeyres index
Nettogütersteuern - net indirect taxes
Nettonationaleinkommen (NNE) - net national product (NNP)
Nettoproduktionsabgaben - net business taxes
nominales BIP - nominal GDP
Paasche-Preisindex - Paasche index
Preisindex - price index
Saldo der Primäreinkommen mit der übrigen Welt - net factor income from abroad (NFIA)
reales BIP - real GDP
Verteilungsrechnung - income method / income approach
Verwendungsrechnung - expenditure method / expenditure approach
Volkseinkommen - national income
Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung - national accounts / national accounting
Vorleistungen (VGR) - intermediate consumption