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Meisterhaft – Musterhaft Georg Bötticher/ Der Humordichter und die Leoniden in Leipzig

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Der Humordichter Georg Bötticher und die Leoniden in Leipzig


Als der Musterzeichner Georg Bötticher mit seiner Frau Rosa Marie, geb. Engelhart, und ihren drei Kindern Wolfgang, Ottilie und Hans von Wurzen 1888 in die Buchstadt Leipzig übersiedelte, war er 40 Jahre alt und widmete sich nun hauptsächlich der humoristischen Kinder- und Jugendschriftstellerei. Seine Werke erschienen in der Monatszeitschrift Deutsche Jugend, in den Fliegenden Blättern und in den Meggendorfer-Blättern. 1901 übernahm er als Redakteur und Herausgeber den noch heute bekannten Auerbachs Deutschen Kinder-Kalender, der nach seinem Tod noch bis 1950 weitergeführt wurde. Schon als Georg Bötticher noch nicht verheiratet war und von 1873 bis 1875 in Jena wohnte, hatte er seine Geburtsstadt Jena mit Versen und Liedern bedichtet. Sie erschienen 1895 unter dem Titel Das lustige Jena. Bilder aus dem Studentenleben, verlegt von dem bekannten Georg Wigand in Leipzig. Des Öfteren be- nutzte er bei seinen Veröffentlichungen verschiedene Pseudonyme wie Jenensis, Fassbinder, Reif-Reif, Leutnant von Versewitz und auch C. Engelhart (Ein Verwandter seiner Frau Marie Engelhart aus Mühl- hausen).

Georg Bötticher verfasste zahlreiche Gedichte, Hu- moresken, Balladen, Lustspiele, Schwänke, Dramen und vor allem Kinderbücher Wie die Soldaten Tiere werden wollten, Leipzig 1892, Das chinesische Buch, Leipzig 1889 (Illustrationen von Fedor Flinzer) oder Der deutsche Michel, Leipzig 1892.

Obwohl er aus Thüringen stammte, schrieb er un- zählige Gedichte, unter anderem über Leipzig, seine Bauten und Bürger im sächsischen Dialekt.

´s Gewandhaus
Res severa verum gaudium
(Inschrift am Gewandhaus)

Zu diesen Gaudium gommt mer sehre schwere – !
So gennde mr de Inschrift iewerdragen,
Die uff ladeinisch an Giebel angeschlagen:
Ja, heernse, wenns Abonnemang nich wäre!

Hamr dann awer mal de seltne Ehre
An een von dän beriehmden Donnerschlagen.
Ich sage sie, da muss mr werklich fragen:
Sein Sie das Leibzger oder Engel – Cheere?!

Berauscht von Vortrag änner Brachtsonade
Schwelgt hier die Hautvolee in heechsten Staade
Un meisschenstill, als lägk e Schlaf auf allen –

Bis – wenn de letzten Deene sanft entschweben –
Mit eemal ä Abblaus sich duhd erheben,
Dass dr de Fliegen von den Wänden fallen!


Seine Werke erschienen um die Jahrhundertwende in hohen Auflagen.

Allein Reclams Universal-Bibliothek hatte in dieser Zeit acht Titel von ihm im Angebot. Besonders erfolg- reich war er mit den Alfanzereien, Allotria und vor allem mit dem Dreiteiler Das lyrische Tagebuch des Leutnants von Versewitz (Leipzig 1901–1905) sowie mit Schilda. Verse eines Kleinstädters, illustriert von seinem engen Freund Julius Kleinmichel (1846–1892) in München.

Aus einem Brief von Georg Bötticher vom 22.Mai 1888 an einen unbekannten Freund geht hervor, wie froh er war, Wurzen hinter sich lassen zu kön- nen, »denn ein Zufall wollte, dass gerade diese Verse kurz nach dem Umzug am 1. April 1888 nach Leipzig in mehreren Folgen im Wurzener Tageblatt erschie- nen«.[1]

Als Georg Bötticher 1901 die Musterzeichnerei voll- ends aufgab, schrieb er seine Erinnerungen als Mus- terzeichner nieder und begann 1910 auch seine Le- benserinnerungen aufzuschreiben, die aber nicht mehr gedruckt werden konnten. Sie sind nur als Ma- schinenkopie in Wurzen erhalten. Dafür konnte sein Buch Meine Lieben 1897 in Leipzig ediert werden. Es ist eine beredte Huldigung an die Liebe und die Freundschaft. Insgesamt umfasst sein literarisches Werk mehr als 40 Titel, davon befinden sich im Mu- seum Wurzen 14 Bücher.

Georg Bötticher war ein feinfühliger gütiger Mensch und liebte die Geselligkeit. Zu seinen Freunden ge- hörten zahlreiche Künstler und Gelehrte.

Er war befreundet mit dem Lyriker und Bühnenautor Detlef von Liliencron (1844–1909), mit dem »Katzen- maler« Prof. Fedor Flinzer (1832–1911), der als Vor- bote der modernen Kunsterziehung galt. Auch mit den Schriftstellern, Publizisten und Herausgebern der satirischen Zeitschrift Kladderadatsch Julius Loh- meyer (1834–1903), Johannes Trojan (1837–1915), Victor Blüthgen (1844–1920), Julius Stinde (1849– 1905) und Moritz Busch (1821–1899), Publizist und Herausgeber des Grenzboten, für den auch Bötticher schrieb, hielt er engen Kontakt.

Eine lange enge Freundschaft verband ihn mit dem Li- teraturwissenschaftler und sächsischen Mundartdich- ter Edwin Bormann (1851–1912). Von ihm stammt das geflügelte Wort: »Jedes Tierchen hat sein Pläsierchen«. Die Familie Bötticher bezog im Waldstraßenviertel eine Wohnung in der Straße An der Alten Elster 14. (Das Atelier befand sich in der Fregestraße 2). Ab 1901 wohnte sie im Parterre der Poniatowskistraße 12, deren große Freitreppe in den Garten zu einem mit Springbrunnen führte. Von hier aus führte Bötti- cher auch die Redaktion des Auerbachs Deutschen Kinderkalenders. Hier oder im Haus von Bormanns kamen auch die Freunde und deren Kinder zusam- men. Der Sohn Hans (ab 1919 Joachim Ringelnatz) erinnerte sich in seinem Buch Mein Leben bis zum Kriege (1931) an die teilweise etwas schrulligen alten Herren.[2]

Georg Bötticher beschäftigte sich auch mit literatur- wissenschaftlichen Themen zu Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), Victor von Scheffel (1826– 1886), Conrad Ferdinand Meyer (1825–1898) und Paul Heyse (1830–1914). Darüber hinaus führte er Korrespondenzen mit dem Maler Adolph von Men- zel (1815–1905), und den Schriftstellern Wilhelm Raabe (1831–1895), Gustav Freitag (1816–1898) und Theodor Fontane (1819–1898).

Zu seiner Zeit war er einer der beliebtesten Schrift- steller in Leipzig.

Heute ist er vergessen, nur seine Freunde des Män- nerbunds der Leoniden (1909–1950) gedachten sei- ner auf den jährlichen Leonidenfesten.

Bereits 1893 hatte Georg Bötticher in Leipzig mit Edwin Bormann, Fedor Flinzer, Max Klinger (1857– 1920), dem Verleger Anton Kippenberg (1874–1950) und dem Bildhauer Adolf Lehnert (1862–1948), dem Schöpfer der Bismarckstatue im Johannapark, den Bund Die Stalaktiten gegründet. Er sollte Männer aus der Kunst und Wissenschaft dauerhaft verbinden, zerbrach aber nach 15 Jahren im Winter 1908 an Uneinigkeit. Erhalten blieben zwei Festschriften von Georg Bötticher Die Stalaktiten (1896 und 1904). Die Auslese von 1896 enthält Gedichte von Bötticher und Bormann und von dem Schriftsteller und Drama- turgen Wilhelm Henzen (1850–1910), versehen mit Skizzen von Fedor Flinzer und einer Schlussvignette von Bötticher Der Alb.

Im Februar 1909 trafen sich sieben der ehemaligen Mitglieder der Stalaktiten und verfassten ein Rund- schreiben, »um die Gründung eines neuen Bundes mit ähnlichem Ziele ins Auge zu fassen.«[3] Initiatoren waren Georg Bötticher, Edwin Bormann, der Bildhauer Prof. Adolf Lehnert, der Physiker und Musiktheoriker Prof. Arthur von Öttingen (1836– 1920), der Grafiker Bruno Héroux (1868–1944), der belgische Generalkonsul Dr. James Derham a. D. (1844–1927) und der Arzt Ernst Eggebrecht, dessen Sohn Axel ein bekannter Drehbuchautor war und als Schriftsteller in den PEN aufgenommen wurde. Sie wandten sich an gleich gesinnte Männer, »um einen neuen Mittelpunkt schlichter Geselligkeit und geisti- ger Interessen in Leipzig zu schaffen«.

Der neue Bund sollte sich ebenfalls »aus künstlerisch Schaffenden, aus Männern der Gelehrtenwelt und Freunden der Kunst und Wissenschaft zusammen- setzen.«[4]

Wenig später fand am 3. März 1909 die Gründungs- sitzung im Weinrestaurant Berg in der Ritterstraße statt. Er gab sich nun den Namen Die Leoniden, be- nannt nach den zur Zeit seiner Jahresfeste im Novem- ber vom Sternbild des Löwen ausschwärmenden Sternschnuppen. Der Vorschlag von Arthur von Öttin- gen wurde von den mehr als 40 Anwesenden einstim- mig angenommen.

Zum ersten Jahresfest am 13. November 1909 erhielt jeder der Mitbegründer eine Leonidenplakette, die der Bildhauer Hans Zeißig (1863–1944) anfertigte. Zu diesem Anlass deklamierte der Shakespearefor- scher Edwin Bormann die »Benehmigungsregeln für Leoniden und solche, die es werden wollen«. Zudem verfasste er einen Festvortrag: Shakespeare und seine Beziehung zu den Leoniden. Bormann ver- wies darin auf eine wichtige Entdeckung, nämlich dass Shakespeares prophetischer Geist bereits alle Leoniden gekannt hatte.

Darin sind alle 42 Mitglieder benannt, die Bormann in deutscher und englischer Sprache humorvoll be- dichtete. Zuletzt rief Bormann den Bedichteten zu: »On Wednesdy next our council we will hold/Am nächsten Mittwoch woll’n wir Sitzung halten!« Die Schrift wurde von Prof. Bruno Héroux künstlerisch ausgestattet und gedruckt 1909 bei Hesse & Becker in Leipzig.

Georg Bötticher schrieb ein Gedicht Unsere Senio- ren, eine lyrische Plakette von Versewitz und Max Mendheim trug die Verse Ohn’ Beitrag und Statut vor. Abgerundet wurde das erste Leonidenfest mit Vorträgen des Kirchlichen Quartetts des Leipziger Männerchors von Georg Bötticher und Arthur von Öttingen.

Zu den ersten Leoniden gehörten der Rechtsanwalt Dr. Reinhold Anschütz, die Schriftsteller Franz Adam Beyerlein, Felix Hübel, Georg Bötticher, und Dr. Max Mendheim, die Maler Fritz Brändel und Reinhard Carl sowie der belgische Generalkonsul James Der- ham, der Privatdozent Ottmar Dittrich, der Arzt Ernst Eggebrecht und nicht zuletzt der Schwager von Georg Bötticher, Schiffskapitän Martin Engelhart sowie die Verlagsbuchhändler Curt Fernau, Richard Mäder und Dr. Walther Gebhardt, der Gutsbesitzer Dr. Phi- lipp Fiedler, Fedor Flinzer, Prof. Bruno Héroux, der Maler und Bildhauer Reinhold Carl, der Musiker Carl Huth, der Arzt Dr. Alwin Knothe, der Schauspieler und Schriftsteller Albert Kunze, der Bildhauer Prof. Adolf Lehnert, die Maler und Grafiker Alfred Liebing, Arthur Liebsch, Paul Merkel, Prof. Eugen Mogk, Prof. Arthur von Öttingen, Heinrich Alexander Platzmann, Prof. Raoul Richter, Prof. Dr. Theodor Schreiber, Di- rektor des städtischen Museums, der Arzt Baron von Schrenck, Dr. Martin Seidel, Lektor der Beredsamkeit an der Universität, der Stadtschreiber Dr. Wilhelm Sieler, die Musiker Arthur Smolian, und Karl Straube, der Baurat Richard Tschammer und der Direktor des Stadttheaters Robert Volkner, der Rechtsanwalt und Schriftsteller Dr. Heinrich Welcker, der Musiker und Schriftsteller Gustav Wohlgemuth und Hans Zeißig.

Die Leonidenfeste fanden nun stets im November

Speisekarte zum Leonidenfest 1930, Radierung von Bruno Héroux

statt, an denen die Künstler und Poeten und auch Gäste ihre lyrischen und musikalischen Werke zur Freude der anderen vorzeigen konnten. Von Bor- mann kam Das Lied des Trinkens und von Mendheim das Gedicht Vom trunkenen Sternlein.

Die Feste leitete ein formlos gewählter und dauer- haft im Amt gebliebener Sprecher. Georg Bötticher war »die Seele des Bundes«[5] und bis kurz vor seinem Tod 1918 der erste Sprecher. Er führte bis zu seiner nachlassenden Augenschärfe 1916 eine Chronik, die zu den Jahresfesten ein wichtiger Teil der Zeremonie war. Ab 1912 zeichnete er für die fleißigen Besucher der Mittwochabende einen Leonidenring vor ihre Namen.

Anschließend war Arthur von Öttingen der Sprecher. Nach dessen Wegzug übernahm der Reichsgerichts- rat Dr. Rudolf Bewer das Amt, dessen Bruder Max Bewer enge Verbindungen mit der Düsseldorfer Kunstszene hatte.

Um sich untereinander besser kennen zu lernen kön- nen, trafen sich die Leoniden zwanglos jeden Mitt- wochabend von 18–10 Uhr in der Weinstube Berg und an anderen Orten. Zuweilen hielt Georg Bötti- cher mit Edwin Bormann noch eine Nachsitzung bei einem Schoppen im Cafe Felsche.

Dieser Männerbund bestand erfolgreich rund 40 Jahre lang bis zum Jahr 1950 in Leipzig. Er beschränk- te sich auf rund vierzig Mitglieder, die zumeist hohe Ämter bekleideten und angesehene Professoren auf ihren wissenschaftlichen und künstlerischen Gebie- ten waren. Es gab nur eine Forderung: Jedes neue Mitglied soll ausführlich vorgestellt und einstimmig gewählt werden, um möglichst jede Organisation und Öffentlichkeit zu vermeiden. Die Leoniden traten auch nur selten öffentlich auf. Dennoch gab es zwei Ausnahmen:

Zum 100. Geburtstag von Bismarck am 1. April 1915 wollten die Leoniden ihre treudeutsche Gesinnung zeigen. Bötticher schrieb dafür ein Gedicht, Gustav Wustmann (1873–1939) schuf eine Radierung und Konrad Sturmhöfel (1858–1916) hielt eine markige Rede. Der Bildhauer Carl Seffner (1861–1932) ent- warf ein Denkmal des 1. Reichskanzlers in Gestalt eines alten Germanen mit Schwert und Lanze. Den Sockel fertigte der Architekt Richard Tschammer (1860–1929). Darauf stand: »Deutschland bereit! Bismarck geweiht! 1815–1915«. Mit Fackelbeleuch- tung und Gesängen des Leipziger Männergesangs- vereins und in Gegenwart von Tausenden von Zu- schauern wurde das Denkmal um Mitternacht vor dem Neuen Rathaus feierlich enthüllt. Für eine Bron- zeausführung fehlte das Geld. So verschwand das Gipsmodellwenig später aus dem Gesichtskreis der Leipziger.

1919, vier Jahre später, widmeten die Leoniden den verstorbenen Gründern Georg Bötticher und Edwin Bormann eine Gedenktafel, die noch heute an der Rückfront des Alten Rathauses am Naschmarkt Leip- zig zu sehen ist.

Die beiden Bildhauer Carl Seffner und Hans Zeißig (1863–1944) fertigten die Bronzeplaketten für die beiden Leipziger Volksdichter an. Seffner modellierte den Kopf seines Freundes Georg Bötticher und Zeißig den von Edwin Bormann. Beide vereinigte Zeißig auf der Bronzetafel. Darauf ist Tafel ist zu lesen: »Dem Andenken zweier Leipziger Dichter, die im heiteren Wort und vertrautem Klang ihrer Heimatliebe ein köstlich Denkmal setzten, widmen diese schlichte Ta- fel in schwerer Zeit. Die Leoniden/Nov. 1918.« Als der Marine-Offizier Gustav Hester (ab 1919 Joa- chim Ringelnatz) erfuhr, dass sein Vater am 15. Januar 1918 gestorben war, fälschte er seinen Urlaubsschein von Cuxhaven nicht nach Berlin, sondern nach Leip- zig, um bei der Aufbahrung auf dem Südfriedhof dabei zu sein. Bei der feierlichen Enthüllung am 16. April 1919 trug er sein Gedicht »Junge an Alte« vor.

Die Leonidenfeste fanden viele Jahre lang in Stein- manns Weinkeller in der Grimmaischen Straße statt. Diese seit 1885 berühmte Künstlerklause besuchten Johannes Brahms (1833–1897), der Gewandhausdiri- gent Arthur Nickisch (1855–1922) sowie der Leonide und Thomaskantor Karl Straube (1873–1950).

Die Leoniden gaben sich weder eine Satzung noch einen Vorstand. Sie trafen sich über die vielen Jah- ren noch immer jeden Mittwochabend »zum freund- schaftlichen Ausgleich der Gedanken« und waren er- freut, wenn sich »weitere Freunde anschlossen und später auch Leoniden wurden«, wie der Chronist Dr. Rudolf Bewer in seinem gedruckten Leonidenfest 1920 festhielt.

Während des ersten Krieges fanden keine Feste statt. Sie trafen sich nur mittwochs im Theaterrestaurant und in einer Nische des Ratskellers. Dort gesellte sich während seines Fronturlaubs auch mehrmals der Leo- nide und Schiffskapitän Martin Engelhart, Schwager von Georg Bötticher, hinzu und widmete der Männer- runde wertvolle alte Vasen aus China.

1920 nutzten die Leoniden erstmals einen verschlos- senen Raum im Mauritianium der Universität. Später bezogen sie ein Vereinszimmer im 1900 neu erbau- ten Künstlerhaus am Nickischplatz (Sitz des Leipziger Künstlervereins), an dessen Fassadenschmuck neben Max Klinger auch Carl Seffner und Adolf Lehnert wirk- ten. Dort befanden sich Festsäle, Ateliers, Klubund Bibliotheksräume. Hier bewahrten die Leoniden alle Bücher, Urkunden, Präsente und auch die Chro- nik. Aus diesem Anlass schuf der Studienrat Gustav Wustmann eine Pyramide mit lustigen Figuren. Nach dem Tod von Carl Seffner 1932 erhielt dieser Raum den Namen Seffnerstube.

Die Feste bereitete ein formlos gewählter Sprecher vor. Von 1920 bis 1929 waren es der Reichsgerichts- rat Dr. Rudolf Bewer (1855–1930) und der Jurist Prof. Heinrich Siber (1870–1951).

Ihre Aufzeichnungen, Geschenke und Bücher blieben erhalten. Nach Rudolf Bewer übernahmen der Volks- kundler Eugen Mogk (1854–1939), und der Schrift- steller Max Mendheim (1862–1938) das Amt. Zu den Jahresfesten hatte man in Robe zu erscheinen. Der jeweilige Sprecher berichtete von besonderen Taten der Mitglieder: Wer in seinem Beruf etwas Großartiges geschaffen, eine Auszeichnung, Beför- derung oder häusliches Glück erfahren hatte. Hier war auch die Gelegenheit, neue Mitglieder von einem Für- sprecher ausführlich vorzustellen. Stets gedachten sie auch den Verstorbenen, vor allem immer wieder den Begründern Georg Bötticher und Edwin Bormann. Vor dem zweiten Weltkrieg wurden die älteren Her- ren regelmäßig zu ihrem 60. Geburtstag und jeweils 10 Jahre später mit einer persönlichen Medaille oder einer Leonidenplakette geehrt, geschaffen von den Bildhauern Hans Zeißig, Bruno Eyermann und von Carl Seffner, der neben Max Klinger der bedeutends- te Bildhauer in Leipzig war.

Höhepunkt der Jahresfeste war die Verteilung der Festgaben an die Mitglieder, Gäste und Mäzene: Kunstvoll gestaltete Speisekarten, Liedertexte, neue Gedichte und Bücher in edler Auflage, ausgestattet mit Originalgrafiken. Besonders gern gesehen waren die künstlerischen und literarischen Festgaben aus eigener Hand. Dafür sorgten die Grafiker, Maler und Plastiker wie Bruno Héroux, Fritz Kempe, Felix Pfeifer, Fedor Flinzer, Hans Zeißig, Arthur Liebsch, Theodor Schultze–Jasmer, Carl Reinhold und Gustav Wustmann. Die Musiker und Komponisten wie Johannes Wagner, Ernst Smigelski , Fritz Weitzmann Otto Wittenbecher, Arthur Smolian begleiteten das Fest, stellten neue Werke vor oder vertonten die Ge- dichte und Leonidenhymnen, die Gustav Wustmann, Heinrich Siber, Max Mendheim und andere geschrie- ben haben.

Zum Leonidenfest 1926 legte Grafiker Bruno Héroux ein Sonderheft der Schönheit mit zahlreiche Abbil- dungen vor, das er allen Mitgliedern widmete. Zum Leonidenfest 1928 erstellte beispielsweise der musisch angehauchte Theologe Hans Haas ein Pan- theon Leodarium, eine von den Künstlern Alfred Brumme, Reinhold Carl, Bruno Héroux, Gustav Wust- mann, Bruno Eyermann und Hans Zeißig gezeichnete Porträtgalerie, mit »artigen, weniger artigen und un- artigen Reimen«. Und derselbe Haas schuf für seine Gefährten 1932 eine Festschrift mit dem Titel Mu- seoleptus Haas. Wir stellen vor: Abcedarius zum Jah- resthing der Leoniden, mit humoristischen Gedichten und Illustrationen von Heroux. Eine Auflage von 110 Exemplaren wurde gedruckt von der Buchdruckerei Robert Noske in Borna.

Ihre Vielseitigkeit zeigten auch der Maler Wustmann mit selbstverfassten und musikalisch begleiteten Vorträge wie Lache Bajazzo, sogar mit Aufführungen wie Pippa tanzt, die der Oboist Johannes Wagner mit der Blockflöte begleitete.

In späteren Jahren wurde ein geringer Mitgliedsbei- trag erhoben. Weitere Leistungen waren nicht erfor- derlich. »Es genügte die Erwartung, dass jeder nach besten Kräften zur anregenden Unterhaltung bei den Mittwoch-Zusammenkünften beitrug.«

Es war Sitte, dass einer dem anderen in Freundschaft spendet, was er will und kann. 1924 stifteten der Ingenieur Bernhard Ahlfeld und der langjährige Gast- wirt Hans Schmidt von Steinmannskeller einen bron- zenen Leoniden-Aschenbecher als Wahrzeichen für die Mittwochabende, von Bruno Eyermann gefertigt.

Anlässlich einer Sonderausstellung des Malers und Studienrats Gustav Wustmann im Leipziger Künstler- verein des Künstlerhauses 1926 erwarb der Besitzer des Messepalastes Specks Hof, Paul Schmutzler, des- sen Ölgemälde von Georg Bötticher und schenkte es den Leoniden »als Zierde« für das Stammzimmer, bis es einen Platz im Museum Wurzen fand. Schmutzler versorgte die Mitglieder mit Ehrenkarten für die Mes- seausstellungen und hatte die Männerrunde mehr- fach in sein Sommerhaus in Naunhof eingeladen. Erst als Dr. Arthur von Öttingen gestorben war, durf- ten auch die Frauen an den Jahresfesten teilnehmen. Es brachten sich auch zu den Festen immer Gäste und Gönner ein. Zum Leonidenfest 1931 kam Joa- chim Ringelnatz zu Gast und überreichte eine Aus- wahl aus seinen Gedichten und seiner Prosa. Das Vorwort schrieb Dr. Max Mendheim, gedruckt wurde es in der Druckerei Noske in Borna. Dieses wertvolle Geschenk an die Leoniden blieb erhalten. Nach Ausbruch des zweiten Weltkriegs lichtete sich der Kreis. Nicht nur der Krieg, auch das Alter forderte seine Opfer. Die Herren der Tafelrunden wurden allesamt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert geboren. Die Mitgliederliste von 1947 enthält nur noch 23 Leoniden.

Unter den neuen Mitgliedern befanden sich mehrere Ärzte, darunter der 1896 geborene Dr. Bruno Gittner, der mit Seffners Tochter Gertrud verheiratet war. Ein neues prominentes Mitglied war der schwedi- sche Generalkonsul und Rauchwarenhändler Paul Hollender (1883–1950). Seit 1907 in Leipzig ansässig, baute er Geschäftsverbindungen zu Russland und zu den USA auf. Er war Präsident des Internationen Pelzverbandes und Ehrensenator der Handelsschule Leipzig.

Die Leoniden sprachen sich nun untereinander als »Meister« an, gehörten aber keiner »heimlichen Lo- ge« an, wie die Gestapo damals vermutete. Als auf einer Postkarte die Anrede »Meister« verwendet wurde, kam der Adressat in Untersuchungshaft, bis die Angelegenheit geklärt war. Natürlich verlief die Sache im Sande, wie der Jurist Dr. Heinrich Siber in seiner Schrift Leoniden 1909–1947 festgehalten hat. Er beteuerte darin »Politische Debatten waren tabu, um jedes Missverständnis zu vermeiden. Auch zwi- schen entgegen gesetzten Anschauungen versöhnt der Humor, den wir stets gepflegt haben. Eines un- serer letzten Tafellieder, das den Kampf gegen die entartete Kunst ironisierte, hätte bei dem damaligen Regiment schwerlich Beifall gefunden«.

Was von den Festgaben übrig blieb, wurde im Archiv bewahrt und sollte bei Auflösung des Bundes dem Stadtgeschichtlichen Museum übergeben werden, doch am 4. Dezember 1943 wurde das Leoniden- zimmer und damit auch die Jahresberichte im Künst- lerhaus während des Bombenangriffs auf Leipzig zerstört. Letzte Unterlagen von 1933 bis 1947 geben Aufschluss, dass die Leoniden in dieser Zeit nicht den Kopf in den Sand gesteckt haben. Dafür stehen die Gedichte von Mendheim Trotzdem und Kraft durch Freude bei den Leoniden. Bis zum Leonidenfest 1940 wurde noch im Künstlerhaus gefeiert, Allerdings fiel die Speisefolge deutlich magerer aus.

Obwohl die Leoniden kaum eine Rolle im öffentlichen Leben spielten, so hatten doch die Mitglieder um so mehr für die Allgemeinheit gewirkt.

Zeugnis davon geben zum Beispiel die erhaltenen Denkmäler von Carl Seffner zu Bach, Goethe und Carl Heine und die zahlreichen Grafiken von Bruno Héroux, Mitbegründer der Großen Leipziger Jahresausstellun- gen und Schöpfer Hunderter von Zeichnungen für den Handatlas der Anatomie des Menschen, und Ernst Smigelski komponierte eine Operette Die Köni- gin vom Naschmarkt, deren Uraufführung in Halle 1923 auch die Leoniden beglückte. Carl Seffner und der Architekt Georg Wünschmann (1868–1934) und Gustav Wustmann waren lange Jahre Leiter und See- le des Leipziger Künstlervereins. Zum 80. Geburtstag malte der Maler Gustav Wustmann ein Porträt von Prof. Eugen Mogk 1934 ohne dessen Wissen. Das Bild war bestimmt für seinen Arbeitsplatz im germanisti- schen Institut der Universität Leipzig, wo Mogk’s lange erfolgreiche akademische Laufbahn endete.

Leider ist nicht bekannt, wann und wie sich die Leoniden 1950 auflösten.

Wenn auch viele Zeitzeugen und die Chroniken unter- gingen, so konnten doch die Nachfahren der Leoniden und eifrige Sammler überraschend viele Erzeugnisse bis heute bewahren.

Quellenangaben

[Bearbeiten]
  • Unterlagen von Herrn Prof. Dr. Rudolf Bewer, Leipzig (1855–1930)
  • Unterlagen von Herrn Prof. Dr. Heinrich Siber, Leipzig (1870–1951)
  1. Bötticher schrieb den Brief auf Geschäftspapier der Tapeten fabrik Flammersheim & Steinmann am 22. Mai 1888 in Köln. (Er kolorierte dort die Karten vom 17. April bis Ende Mai. Diese Arbeit führte er vorher für die Tapetenfabrik Wurzen aus): »Mein lieber Freund! Seit 1. April wohnen wir in Leipzig an der Alten Elster 14 II. und sind kreuxfidel, Wurzen hinter sich zu haben. Die Gedichte eines Kleinstädters sind schon vor einem Jahr entstanden; ein Zufall ließ sie gerade an dem Tag erschei nen, an dem wir Wurzen verlassen hatten – mir ärgerlich genug. Denn wenn ich selbstverständlich keine Persönlichkeit dabei im Auge hatte, waren sie doch auf Wurzen gemünzt und ihr Erscheinen nach unserem Fortgang ist möglicherweise als feige Vorsicht gedeutet worden. Nichts lag mir ferner«. Der Brief befindet sich im Museum Wurzen.
  2. Walter Pape: Joachim Ringelnatz. Das Gesamtwerk in sieben Bänden. Band 6: Mein Leben bis zum Kriege. Abschnitt Meine Onkels. S. 25–29. Diogenes Verlag Zürich.
  3. Eugen Mogk (1862–1938): Festschrift 25 Jahre Leoniden. 1910–1935, S. 3. Auflage 100. Den Druck stiftete der Kauf- mann Paul Schmutzler.
  4. Eugen Mogk , Ebd.
  5. Heinrich Siber (1870–1951).