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Meisterhaft – Musterhaft Georg Bötticher/ Tapetenmuster für den europäischen Markt/ Die Wurzener Offerte 1874

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Die Wurzener Offerte 1874

Georg Bötticher reist erneut für einen längeren Aufenthalt nach München, wo er eine kleine Wohnung unterhielt und skizziert die Gobelins und Damaste des Nationalmuseums.

In seiner Münchner Wohnung erhielt er Besuch von Ernst Schütz, zu jener Zeit Mitinhaber der Tapetenfirma August Schütz. Dessen Bruder Georg Schütz gründete seine Firma in Wurzen/Sachsen 1840. August war ursprünglich Goldschmied, und hatte in Mühlhausen im Elsass die Technik des Tapetendrucks erlernt. In der Fabrik war er hauptsächlich der Zeichner. Sein Name hatte bis Paris einen guten Ruf.

Böttichers Jahre in Wurzen

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Beide hatten bereits miteinander korrespondiert. Einer der Söhne der Firmengründer, Ernst Schütz, bemühte sich sehr um Bötticher. Er wollte ihn unbedingt als Chefzeichner in seine Firma holen: »Wenn ich Sie richtig taxiere, wollen Sie jetzt sich nicht gerne binden. Sollten Sie aber mal sich verheiraten und alsdann eine feste Stellung wünschen, so denken Sie an die Firma August Schütz, die gern auf alle Ihre Bedingungen eingehen wird«.

Bötticher erinnerte sich an diese freundlichen Worte, als er Ende 1875 an die Hochzeitsplanung für das Frühjahr 1876 ging. Er schrieb an Ernst Schütz persönlich: »Jetzt ist es soweit. Ich beabsichtige zu heiraten. Wollen Sie mich noch unter folgenden Bedingungen?« Umgehend kam ein Telegramm: »…mit allem einverstanden. Können gleich kommen.«

Zwei Tage später reiste Bötticher von Jena nach Wurzen. Im Privatkontor empfingen ihn zwei Herren: Carl Schütz, Ernst Schütz’ Bruder und Schwager Lampert. Die Mitinhaber wussten jedoch von keiner der Abmachungen wie Gehaltshöhe und Stelle als erster Zeichner. Ernst Schütz, der die Vereinbarung getroffen hatte, war für zwei Wochen verreist. Das Erstaunen auf beiden Seiten löste Bötticher, indem er anbot: »… sie könnten es ja mit mir versuchen. Glückt’s nicht, kann ich ja wieder gehen.«

Die Firma war technisch auf dem allerneusten Stand, seit 1856 unabhängig von Wollimporten aus England für die Velourstaubtapeten und mit eigener Farbenfabrik, was lichtechte Farben garantierte. Man bezog die Farben aus Berlin, Nerchau und Halle, Kreide von der Ostsee, zuvor aus Schweden. Bahn und Elbschiff fahrt boten schnelle Transportwege. August Schütz war von Anbeginn an auf Expansion bedacht.

Die Leitung zu Böttichers Zeiten 1875–1888, hatte bereits die zweite Generation übernommen und später der Schwiegersohn, Georg Juel (Wisby/Norwegen 1840–1900 Nischwitz).

Die zwei führten Bötticher in einen großen nüchternen Raum mit zwei jungen Zeichnern an der Staffelei. Eine halbe Stunde später saß Bötticher bereits fest bei der Arbeit. Mit Entwerfen und Ausführen waren schnell zwei Wochen verstrichen. Ernst Schütz brauste herein, lud ihn zu einer Schlittenfahrt ein und erzählte amüsiert, wie man ihm im Kontor die Ankunft von ihm, Georg Bötticher, schilderte. Nun hatte alles seine Ordnung. Seine Muster stellten die Herren zufrieden. Bötticher nahm großen Einfluss auf die Gestaltung der Kollektionen der Firma und arbeitete ingesamt zwölf Jahre eng mit ihr zusammen.

Im April 1876 führte Bötticher seine junge Frau in das von ihm heimlich eingerichtete Heim.

Ein halbes Jahr später begleitete Bötticher Carl Schütz zu einem dreiwöchigen Parisaufenthalt. Noch immer waren neben den stilistischen Motiven alle Varianten von Blumenmotiven überaus gefragt und die französischen Zeichner brillierten darin. Ziel der Reise waren der Erwerb einiger origineller Muster und Ankäufe von Stilmustern in verschiedenen Pariser Ateliers.

Man fand jedoch nichts rechtes, Paris schien seine führende Stellung eingebüßt zu haben, so die Einschätzung der beiden Wurzener Spezialisten.

Die Wurzener Tapetenfabrikanten

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Bötticher verglich die Situation in Wurzen mit seiner Zeit in Mannheim. An Güte war besonders Carl Schütz Heinrich Engelhard ähnlich. Aber bei drei Chefs fehlte es nicht selten an Geschlossenheit, was Geschmäcker und Entscheidungen anging.

Zu jener Zeit konnte jede Firma gute Geschäfte machen. Die Wurzener zählte zweifellos zu den hervorragendsten und noch kam August Schütz mit seinem kunstbegabten Bruder Georg gelegentlich in die Firma. Bötticher erlebte jedoch die Trennung des Dreiergespanns: Der kühnere Unternehmer Ernst Schütz trennte sich von seinem besonnen vorsichtigeren Bruder Carl und vom Schwager, der wohl lediglich als Kontorist tätig aber wenig tatkräftig war. Ernst Schütz eröffnete in Dessau eine eigene Kompanie und reiste öfter nach Paris, immer wieder in Begleitung von Bötticher.

Ernst Schütz schwebte eine direkte Konkurrenz zu Paul Balin in Paris vor und er versuchte, mit deren Samt- und Prägetapeten zu konkurrieren. In diesem Hochpreissegment ging Schütz jedoch das Geld aus. Nach der Trennung des Dreigestirns änderte sich auch Böttichers Stellung. Er trat aus der festen Stellung zurück und gründete sein eigenes Atelier. Das erlaubte ihm, nicht nur deutschlandweit für jede Firma zu entwerfen.

Die Arbeit mit August Schütz blieb nach wie vor sehr intensiv. Bötticher leitete alljährlich für drei Monate das so genannte »Kolorieren der Karte«, was bisher von Carl Schütz besorgt worden war. Die Produkte seiner Entwürfe wurden europaweit bis Schweden, in die USA und Russland verkauft. So arbeitete Bötticher ab 1891 auch für die Schwedische Firma Dahlander & Co. in Göteborg. Aber auch nach Frankreich, Spanien, Italien, Österreich, Russland, Finnland, Dänemark, Holland, Belgien sogar bis Nord- und Südamerika, Australien und Canada, gingen die Lieferungen der deutschen Tapetenfabriken für die Bötticher arbeitete.

Diese Veränderung sagte Bötticher sehr zu. Endlich konnte er frei Muster aller Art entwerfen nicht nur für Tapeten, auch für Teppiche, Möbelstoffe und Bucheinbände sowie grafische Verzierungen, » …für alles erfinden und uneingeschränkt ausführen«. Mit seinen Hilfskräften hatte er bald ein florierendes Atelier und Aufträge mit renommierten deutschen Tapetenfabrikanten.

Zudem zeichnete er für die Wurzener Smyrnateppichfabrik – auch eine Schöpfung Georg Schütz’ – für die Chemnitzer und Elberfelder Möbelstofffabrikanten und für Großbuchbindereien. Er fertigte immer wieder Skizzen für das Atelier Martin in Paris an, mit dem er neuerdings wieder in Kontakt stand. Später folgten auch deutsch-amerikanische Tapetenfabriken, Pariser Tapetenhäuser, und solche aus Russland und Schweden, die ihn als Designer beauftragten. Mit allen Chefs stand er sich gut: Da der 70-jährige Carl Schütz noch lebte, als Böttichers Schrift Aus den Erinnerungen eines Musterzeichners erschien, charakterisierte er ihn nur knapp, als kühlen aber herzlichen Mann, tüchtig und stets gleichbleibend besonnen. Ernst Schütz beschrieb er als kollegial, jovial, reich begabt, unbändig agil, charmant aber ein stückweit rücksichtslos, wie geschaffen für Anekdoten. Als er Wurzen verließ, fehlte nicht nur Bötticher das »belebende Element«. Ernst Schütz gründete in Dessau eine Tapetenfabrik, die er sukzessive zu einer der großartigsten lancierte. In einer Zeit, in der auch die solideste Firma zu kämpfen hatte, pflegte er jedoch weiter seinen aufwändigen Lebensstil. Wie er Kapital gewann, so zerrann es auch wieder.