Mittelhochdeutsch: Teil 1b

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Mittelhochdeutsch
Abkürzungsverzeichnis - Metrik und Reim - Aussprache - Starke Verben - Schwache Verben - Nomen und Syntax - Hilfsmittel

Grammatik[Bearbeiten]

Aussprache und Lautwandel[Bearbeiten]

Hier soll nicht deutsche Sprachgeschichte unterrichtet werden, sondern nur Hilfe zum Erwerb der Fähigkeit, mhd. Texte zu verstehen. Einen großen Teil des Wortschatzes und des Regelsystems hat das Mhd. mit dem Nhd. gemeinsam. Das beste Mittel ist daher, sich die Punkte, an denen sich die beiden Systeme unterscheiden, bewußt zu machen und möglichst viele natürliche Sätze (also z. B. dem Nibelungenlied entnommene, nicht Flexionstabellen), in denen diese Unterschiede zum Tragen kommen, konzentriert zu lesen. Im Erwachsenenalter ist es jedoch eine wichtige Lernhilfe, sich zusätzlichen Überblick durch das verstehende Lesen insbesondere der regelhaften Veränderungen zu verschaffen. So ist es für das Erlernen des Mhd. zeitsparend, die wichtigsten lautlichen Veränderungen zum Nhd. zu beherrschen, da es häufig Nachschlagen im Wörterbuch erspart: wer die ‚neuhochdeutsche Monophthongierung’ gelernt hat, weiß mit nur drei Merkwörtern:

mîn hûs hiute wird zu
mein, Haus, heute,

dass mhd. î im Nhd. als ei erscheint, û als au und iu [langes ü] als eu, und wird nicht in Versuchung kommen, mhd. lîp mit ‚lieb’ (natürlich richtig: "Leib") oder rûm als ‚Ruhm’ (natürlich richtig: "Raum") zu übersetzen, und hat gleich die Übersetzungen von rîch glîch strît zît sît nît bzw. ûf trûren bzw. liute tiuwer vriunt usw.

Vernetztes Lernen, also die Kombination von Fähigkeitserwerb durch

  • Übung (Umgang mit mhd. Texten),
  • Reflexion des Systems (Beschäftigung mit dem Regelwerk ‚Mhd. Grammatik’),
  • Vergleich mit anderen Systemen die man schon kennt (deutsche Gegenwartssprache, Englisch, bei manchen auch Latein oder weitere Sprachen)
  • Erklärung als ‚unregelmäßig’ (= für die Sprecher nicht durchschaubar) empfundener Formen, von denen man zeigen kann, daß ihre urgerm. oder idg. Vorformen ‚regelmäßig’ (= für die Sprecher durchschaubaren) waren und nur durch Sprachwandel so verändert wurden, dass ihre Bildungsweise nicht mehr durchschaubar ist, ist hilfreich, aber nur, wo das Knüpfen des Netzes nicht zu lange dauert. Daher gebe ich zum Vergleich mit dem Nhd. in der Lautlehre einige, aber nicht alle regelhaften Veränderungen an. Anders ist es mit der Morphologie und insbesondere der Syntax: die zu unterrichten macht nur kontrastiv zum Nhd. Sinn; es ist wichtig, vorwiegend Kapitel zu behandeln, in denen sich die beiden Systeme unterscheiden. Zum Vergleich mit dem Englischen und Lateinischen erwähne ich nur sehr wenige lautliche Veränderungen, die den Vergleich einiger ausgewählter Wörter erlauben. Exemplarisch ist auch die Erklärung einiger ‚unregelmäßiger’ mhd. Formen mit Hilfe von Rückführung in ältere Sprachzustände.

Schreibung und Aussprache[Bearbeiten]

Die Schreibung des Mhd. ist dadurch gekennzeichnet, dass es keine verbindliche Orthographie gab. Z. B. ist jedem bekannt, daß im Deutschen die Buchstaben ‹f› und ‹v› zur Bezeichnung des selben Lautes dienen. Seit der Notwendigkeit umfangreicher und daher nur bei Benutzung einer reglementierten Orthographie benutzbarer Wörterbücher gibt es den Begriff des Rechtschreibfehlers; Fater fon Veld vahren würde heute nicht toleriert. Im Mittelalter bevorzugte aber nicht nur jede Schreibschule eigene Schriftgewohnheiten, auch ein und der selbe Schreiber konnte bunt wechseln: die Schreiber der unserem Text zu Grunde liegenden Handschrift schrieben gern ‹v› vor a e i o, ‹f› vor u ü und stimmlosen Konsonanten wie t (z. B. in für und kraft) und in der festen Lautverbindung pf, aber vor r und l wechselten sie beliebig: frouwe und vrouwe, vliezen und fliezen usw. gehen beim selben Schreiber wild durcheinander, aber auch vor a e i o verhalten sie sich nicht ganz einheitlich. Den im Deutschen heute durch die Zeichenfolge ‹sch› wiedergegebenen Laut durch einen einzigen Buchstaben zu bezeichnen reicht die Anzahl der zur Verfügung stehenden Buchstaben nicht aus, es würde aber nicht toleriert, wenn jemand etwa um Schreibzeit zu sparen ‹sh› wie im Englischen schriebe. Die mittelalterlichen Schreiber wählten nach persönlichem Belieben, eventuell sogar der selbe Schreiber in der selben Zeile einmal sc, einmal sch, ein andermal ssh.
Daß man, um mittelhochdeutsche Texte relativ einfach lesen und Wörterbücher sinnvoll benutzen zu können daher nicht einfach den Text der Handschrift abdrucken kann, sondern für lesbare Ausgaben normalisieren muß (für Forschungsausgaben sind natürlich daneben ‚diplomatische’, d.h. den Handschriftenwortlaut buchstäblich wiedergebende, Ausgaben nötig), erkannte zu Beginn des 19. Jh. Karl Lachmann. Obwohl seine Entscheidungen nicht immer optimal waren, behalten wir sie, was die Buchstabenwahl betrifft, bei, weil auch die Verfasser der großen mhd. Wörterbücher dies taten. Am wichtigsten für Anfänger ist: v und f werden gleich sortiert, und zwar nach Lexer, dem man sich sinnvollerweise anschließt, wie v (auch im Wortinneren; anfüeren steht im Wörterbuch weit nach ansehen!); in der Schreibung wählt man, dem vorwiegenden Handschriftengebrauch entsprechend, f vor u und ü, sonst v, außer in Fremdwörtern, die von den Schreibern üblicherweise in der Orthographie der gebenden Sprache geboten werden; z. B. fenster (lat. fenestra), ferrans (ein franz. Wort für einen Wollstoff). Ob man f oder v schreibt, ist das Problem des Herausgebers; Sie haben, wenn Sie sich daran gewöhnt haben, beides gleich im Wörterbuch nachzuschlagen, keines – allerdings beim Suchen von Zeichenketten am Computer: die Formen von vinden stehen, wo auf sie u oder ü folgt, auch im normalisierten Text mit f (z. B. gefunden), und Sie können den gängigen Textverarbeitungsprogrammen nicht beibringen, beim Suchen von Zeichenketten f und v gleich zu behandeln.

Etwas problematischer, aber auch nicht schlimm ist es für Sie, wenn Herausgeber unterschiedlich normalisieren, wo die Wörterbücher zwei unterschiedliche Buchstaben auch unterschiedlich sortieren, z. B. ob man eu oder öu schreibt; Lexer schrieb vröude und sortierte bei vro-, nicht bei vre-, und so mache ich es daher auch. Wenn man einen Text benutzt, dessen Herausgeber zu vreude normalisierte, müssen Anfänger im Lexer etwas länger suchen. Wenn der Herausgeber zu fröude normalisierte, macht es dagegen nichts aus.

Aussprache der in normalisierten Ausgaben benutzten Schriftzeichen

Schriftzeichen für Kurzvokale:
a e i o u ä ö ü
Schriftzeichen für Langvokale:
â ê î ô û æ œ iu

Lachmann führte die Kennzeichnung von Langvokalen zur Unterscheidung von Kurzvokalen ein; der Grund: Im Nhd. ist der Unterschied zwischen Langvokal und Kurzvokal selten bedeutungsunterscheidend und wird beispielsweise dadurch ausgedrückt, daß der auf Kurzvokal folgende Konsonant doppelt geschrieben wird: Rate - Ratte. Daß Kurzvokal und Langvokal nicht als zwei getrennte Phoneme empfunden werden, zeigt sich daran, daß wir es nicht als unreinen Reim empfinden, wenn in einer gereimten Dichtung naß (kurzes a) auf maß (langes a) reimt. In mhd. Dichtungen findet man aber solche Reime nur bei Dichtern, die auch sonst unreine Reime zulassen; das Nibelungenlied tut dies selten, also findet man nur wenige Reime wie man - hân oder man - stân. Einige mhd. Handschriften benutzen tatsächlich manchmal spitzdachförmige Zirkumflexe für die Kennzeichnung von Langvokalen, ihnen entnahm Lachmann seine Praxis. Im Normalfall sind aber die Zirkumflexe wie auch die Ligaturen vom Herausgeber gesetzte Lesehilfen, damit Sie wissen, wann Sie einen Vokal lang zu sprechen haben. Für die Längenkennzeichnung bei Umlauten wäre das ‚Dach’ ungeeignet, da es mit den Umlautpunkten kollidieren würde, daher wählte er Doppelzeichen œ (oe) æ (ae) und iu (Ligaturzeichen aus i und u gibt es nicht, daher wird es immer mit zwei Buchstaben geschrieben, obwohl es einen einfachen Laut, langes ü, bezeichnet, nicht etwa einen Diphthong). Daß Reime von Kürze mit Länge als unrein empfunden wurden, zeigt, daß Längen und Kürzen deutlich unterschiedlich zu sprechen sind. Vor allem Kürzen kurz zu sprechen, bereitet Ihnen am Anfang Schwierigkeiten: sehen hat zwei kurze Silben und die nhd. Aussprache mit langer Stammsilbe klingt für des Mhd. Kundige störend falsch. Dagegen werden in Zusammensetzungen im Zweitglied an sich lange Vokale etwas gekürzt: hêr ‚Herr’ hat deutlich langes ê; als Zweitglied in Namen wie Gîselhêr, Gunthêr usw. wäre das übertrieben, aber länger als in selher (‚solcher’) wurde es doch auch in diesen Namen gesprochen. Es ist daher Geschmackssache des Herausgebers, ob er -her oder -hêr schreibt. Ich entscheide mich für -hêr, weil Sie beim Lautlesen in schwächer betonter Stellung automatisch kürzen. Analoges gilt für Zusammensetzungen wie nimmêr (aus nie mêre).

Schriftzeichen für Diphthonge[Bearbeiten]

ei ie ou uo öu üe

Dies sind die von mir verwendeten Zeichen, die ich entsprechend der Praxis der wichtigsten Lexika benutze. Manche Herausgeber verwenden aber z. B. ‹eu› statt ‹öu›, schreiben z. B. vreude, wo ich mit Lexer vröude schreibe.

In den wichtigsten Lexika auftretende sonstige Schriftzeichen:

ë zur Kennzeichnung von altererbtem e gegen durch i-Umlaut aus a entstandenes e: im ‚Lexer’ finden Sie z. B. hëlfen usw. gegen geste (zu gast).

Schriftzeichen für Konsonanten[Bearbeiten]

f/v: Wie im Nhd., wobei seltsamerweise immer wieder darauf hingewiesen werden muß, daß ‹v› und ‹f› gleich ausgesprochen werden – in der Gegenwartssprache würde niemand [water] für "Vater" sagen, aber z. B. den mhd. Dichter Heinrich von Veldeke versuchen viele beharrlich mit w- zu sprechen, obwohl doch deutlich dt. Feld drin steckt.
Stellungsgebunden unterschiedlich gesprochen wird mhd. ‹h›. Wichtigste Regel: es gibt mhd. kein stummes h. Vor Vokal wird einfaches h immer als Hauchlaut, wie unser h, gesprochen; in allen anderen Fällen (also: vor Konsonant und am Wortende) als Reibelaut, wie unser ch. Das heißt, weil man vor Vokal im Mhd. sowohl h als auch ch sprechen kann, muß der Schreiber differenzieren: machen gegen sehen. In den anderen Stellungen ist aber nur der Laut [ch] möglich, es gibt vor Konsonant und am Wortende kein [h], also ist kein Doppelzeichen nötig – man kann Buchstaben sparen, naht ‚Nacht’ mit einfachem ‹h› schreiben, weil die Aussprache vor Konsonant [ch] sein muß. Auch am Wortende könnte man daher ih statt ich schreiben; die Schreiber tun es aber eher selten und schreiben meist ich, sach (zu sehen!) usw. Daher normalisieren wir auch entsprechend.
b/p, d/t, g/k am Wortende: wie heute, werden am Wortende bdg stimmlos gesprochen. In der Schrift verwendet man heute auch dafür bdg, im Mhd. ptk: von mhd. grap - grabes, leit - leides, tac - tages hat sich zu nhd. Grab - Grabes, Leid - Leides, Tag - Tages die Schreibung des Verschlußlautes am Wortende geändert, nicht die Aussprache.

Enklise und Proklise[Bearbeiten]

Unbetonte Wörter lehnen sich manchmal zurück an das vorhergehende (Enklise) oder nach vor an das folgende (Proklise)

Enklise: enkundez für enkunde ez
Proklise: sküneges für des küneges

Zwischen Enklise und Proklise schwankt insbesondere die Negationspartikel n, die sinngemäß zum unmittelbar darauf folgenden Verb gehört, sich aber manchmal an dieses, manchmal an das vorhergehende Wort anlehnt. Die Schreiber wechseln ziemlich bunt, die Herausgeber bringen meist irgendeine Ordnung in die Schreibweise. Wo vor dem verneinten Verb ein Adv. oder Ähnliches (z. B. Interjektion) steht, wählen wir Enklise und schreiben dône kunde usw.; genau so gut könnte man aber dô enkunde schreiben.

Aufpassen muss man, wenn nur der Kontext entscheiden kann, welches unbetonte Wort angehängt wurde, bzw. ob überhaupt ein solches vorliegt oder eine Personalendung; z. B. hetes kann stehen für

  1. hete si: sô hetes übele getân ‚dann hätte sie übel gehandelt’
  2. hete es (Genitiv des Demonstrativpronomens): ‚hätte dessen’ (Genitiv des Bezuges) ich hetes rât ‚ich hätte rât (Abhilfe) dagegen’
  3. hetest (2. Pers. Sg. Konj. Präs.): hetes dû ‚hättest du’.

Vokalismus[Bearbeiten]

Schon für allererste Schritte beim Lesen mhd. Texte ist die Beherrschung der neuhochdeutschen Diphthongierung und Monophthongierung nötig:

Neuhochdeutsche Diphthongierung

Die mhd. Langvokale î, û und iu wurden zu ei, au und eu diphthongiert; sie fielen dadurch mit den alten Diphthongen zusammen, d. h. sie werden jetzt gleich ausgesprochen wie diese: mhd. hûs, loufen, aber nhd. Haus, laufen; mhd. sîn, stein; nhd. sein, Stein; mhd. hiute, vröude; nhd. heute, Freude.

Mhd. mîn hûs hiute
Nhd. mein Haus heute

Etwas anders verlief die Diphthongierng bei nachfolgendem r; dann wurde vor dem r noch ein e eingefügt: bûr > Bauer, trûren > trauern, mûre > Mauer, Stîre > Steier (Steiermark), lîre > Leier (Musikinstrument), hiure > heuer, stiure > Steuer, tiur > teuer.

Neuhochdeutsche Monophthongierung
Mhd. liep guot güetec
Nhd. lieb gut gütig

Als der mhd. Diphthong ie zu langem i wurde, behielt man die Schreibung zunächst bei und faßte später das e als Dehnungszeichen auf. Die mhd. Aussprache, diphthongisch wie heute noch in vielen Mundarten, lebt heute noch im Schriftbild fort.

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