Ratgeber für Hobbyfilmer: Die Kunst des Erzählens

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Edmund Goulding helping two actors kiss 1927.jpg

Jeder Film soll den Zuschauer bewegen: emotional, wissenvermittelnd, unterhaltend, bewegend, ästhetisch...

Egal welche Art von Film du drehst, sei es die Geburtstagsparty von Oma Hilda oder ein mehrere Millionen Dollar teurer Blockbuster, du solltest den Zuschauern etwas mitteilen wollen. Ein Film sollte eine Art von Botschaft transportieren. Sie muss vielleicht nicht offensichtlich sein oder verbal ausgedrückt werden, aber sollte mindestens unterbewusst spürbar sein.

Nehmen wir Oma Hildas Geburtstag. Ein sehr einfaches Beispiel: Du dokumentierst eine ohne dein Zutun funktionierende "Handlung":

  • Oma Hilda, wie sie die Gäste begrüßt,
  • Oma Hilda, wie sie die Kerzen auf dem Kuchen ausbläst,
  • Oma Hilda, wie sie die Geschenke öffnet.

Versuche einmal einen Geburtstag ohne diese Elemente zu dokumentieren. Es wird schwierig, was aber nicht heißt unmöglich - aus gewohnten Denkmustern ausbrechen ist oft eine Chance. Aber im Falle von Oma Hildas Geburtstag wird dein gedrehtes Video aller Wahrscheinlichkeit nach auf einer DVD in deinem Schrank ein trauriges Dasein fristen. Weshalb? Ganz ehrlich: Wen interessiert schon Oma Hildas Geburtstag? Von Oma Hilda mal abgesehen und nicht mal die wirklich, wenn sie gerade nicht Geburtstag hat. Erst Jahre später, wenn Oma Hilda nicht mehr ist, und es Urenkel gibt, die sie dadurch sehen können wird das ganze spannend für den (Familien)Betrachter, erst sehr viel später dann für Historiker. Du verstehst den Punkt? Wenn du nicht selbst steuerst oder steuern kannst, wie du den Betrachter bewegst, wird der Film schneller überflüssig.

Jeder Film soll den Zuschauer bewegen: emotional, wissenvermittelnd, unterhaltend, bewegend, ästhetisch... Natürlich gibt es Ausnahmen, aber erst solltest du ja bekanntlich die Regeln kennen, um sie dann mit deinem Experimental-Avantgarde-Meisterwerk von Oma Hildas 67ten brechen zu können.

Gestaltungs-Techniken, um zu unterhalten[Bearbeiten]

  • Fasziniere: Filme die Flammen beim Auspusten in Nahaufnahme und verlangsame die Aufnahme zur Zeitlupe.
  • Beeindrucke: Schon mal ein Video von jemanden gesehen, der, während er rückwärts Einrad fährt, seinen Hund spazieren führt? Nein? Vielleicht solltest du deinen Nachbarn dann mal beim Gassi-Gehen filmen.
  • Mache es anders: Oma Hilda feiert ihren 67ten auf der ISS. Auf einmal wird es interessant: Wie schneidet man einen Kuchen in der Schwerelosigkeit? Kommen vielleicht Überraschungsgäste mit dem nächsten Spaceshuttle? Brennen Kerzen auch im All? Es ist immer noch Oma Hildas Geburtstag, aber jetzt ist es ein Geburtstag, den wesentlich mehr Leute interessieren, weil es eben keine normale Geburtstagsfeier mehr ist.
  • Zeige Ungesehenes: Zeit, deinen Tarnumhang vorzuführen.
  • Informiere: Selbst wenn Oma Hilda nicht im All feiert, einen typisch deutschen Geburtstag finden deine Verwandten nicht besonders spannend, aber bei den eingeborenen Indianerstämmen im tiefsten brasilianischen Regenwald sieht es vielleicht ein wenig anderes aus. Aber denke daran, dass Oma Hilda und die Gäste Persönlichkeitsrechte haben.
  • Bewege: Dein Hamster wurde überfahren, deine Frau hat sich von dir scheiden lassen, dein Haus wurde gepfändet? Was gibt es bewegenderes als die Geschichte eines Hobbyfilmers, der seine letzten Hosen für eine neue Camcorderbatterie verkauft? Aber: Dramatik ist nicht, wenn der Darsteller weint, sondern der Zuschauer.
  • Kombiniere: Verwende nicht nur ein Element, sondern mehrere.

Klassische Techniken, um filmisch zu erzählen[Bearbeiten]

  • Der Film sollte eine Einleitung, einen Hauptteil und einen Schluß haben (aber nicht zwingend in dieser Reihenfole).
    • Die Einleitung etabliert den Ort, typischerweise mit einer Totalen beginnend. Danach werden die Beteiligten (Anwesenden) gezeigt, um eine Brücke zur Handlung zu schlagen. Sie sind die Akteure, also sollte den Zuschauern zunächst einmal verdeutlicht werden, um wen es geht und warum sie da sind. In dokumentarischen Filmen geht das relativ schnell (Party -> Gäste, Urlaub -> Familie, Bandvideo -> Bandmitglieder etc.); in Spielfilmen wird der Charakterisierung meist mehr Zeit gewirdmet.
    • Der Hauptteil erzählt die Geschichte, um die es geht. Also eben Oma Hildas Geburtstag, Unser Urlaub in Schottland oder auch Der Kampf gegen den Drachen.
    • Der Schluß beendet die Handlung mit einem Ergebnis. Das können simple Dinge sein wie "Die Gäste gehen nach Hause", "Heimkehr der Reisenden" oder aufwendigere wie "Belobigung des Drachentöters".
  • Gib dem Film einen Vorspann mit Titel und Nennung von Ort und Zeit. Das ist wie ein Buchdeckel, sehr praktisch bei der Archivierung und wirkt obendrein einfach professioneller.

Erzähle nicht gerade – schlage Haken[Bearbeiten]

  • Die langweiligsten Geschichten sind die vorhersehbaren. Natürlich begrüßt Oma Hilda die Gäste, selbstverständlich bläst sie die Kerzen aus, alle feiern, lachen und gehen nach Hause. Aber was ist mit dem Boten, der die Torte vom Konditor bringt, warum war er zu spät? Und warum steht das Auto immer noch gegenüber auf der Straße, als die Gäste gehen?
  • Die Helden haben ein Problem, die Helden befinden sich auf dem Weg zur Lösung des Problems, die Helden lösen das Problem. Langweilig oder?
  • Überrasche den Zuschauer:
    • Ein Gast, der vorher noch nie im Bild war, herzt Oma Hilda überschwänglich.
    • Man kann einem Charakter etwas dramatisches passieren lassen: Wie hätte Star Wars wohl gewirkt, wenn Han Solo nicht eingefroren worden wäre und die Gruppe immer zusammen geblieben wäre?

Wie mache ich das?[Bearbeiten]

"Ich kann Dir nur die Tür zeigen. Hindurchgehen musst Du alleine." - Morpheus in Matrix (Film), 1999. Die wirkliche Kunst eines jeden Filmemachers liegt darin, seinen eigenen Weg zu finden. Grundsätzlich lässt sich sagen: Mache Filme über Sachen, die dich wirklich interessieren. Wenn du dann noch die Technik halbwegs auf die Reihe bekommst, wird es sicher ein paar Menschen geben, die sich von deiner Begeisterung über das Thema anstecken lassen.