Soziologische Klassiker/ Das soziologische Dorf/ Phänomenologie

Aus Wikibooks
Zur Navigation springen Zur Suche springen


Phänomenologie[Bearbeiten]

Die Phänomenologie war anfangs eine Richtung und Methode der Erkenntnis in der Philosophie, die sich speziell als die Lehre von den Erscheinungen und vom Wesen der Gegenstände verstand.
Begründet wurde sie von Edmund Husserl zu Beginn des letzten Jahrhunderts [1]. Alfred Schütz übernahm grundlegende Auffassungen von Husserl und verband sie in einer soziologischen Sichtweise mit den Arbeiten Max Webers. Damit wendete er sich von der transzendental-philosophischen Richtung hin zu einer soziologischen, in der die von Menschen erzeugten und gedeuteten Typisierungen und Strukturen aus der Perspektive eines nicht-teilnehmenden Beobachters heraus betrachtet werden. Entgegen aller Strömungen beharrte Schütz darauf, den Menschen nicht wie ein Naturding zu behandeln, sondern ihn als interpretierenden und sinnvoll interagierenden Menschen zu sehen, der sich seine Welt selbst gestaltet und wieder neu deutet [2].

Lebenswelt[Bearbeiten]

Formal lehnte sich Schütz an Husserl an, inhaltlich jedoch versuchte er Max Webers Werk auszubauen. Den Beginn bildet für eine Wissenschaft die menschliches Handeln und Denken deuten und erklären will (Schütz in seiner Formulierung die an das Progamm Weber’s erinnert) die fraglos gegebene alltägliche Wirklichkeit, in der Menschen leben – die Lebenswelt [3]. Diese existiert nicht nur, sondern muss auch ausgelegt werden. Gegenstand der Untersuchung ist dabei ebenso wenig die private Welt einer Einzelperson und jener seiner Bezugsperson, sondern die Welt unserer gemeinsamen Erfahrung (Schütz). Er geht damit davon aus, dass die Lebenswelt mehr als die Summe der privaten Welten ist. Sie ist die selbstverständlich gegebene Wirklichkeit [4].

Gewohnheit und Typisierung[Bearbeiten]

In dieser Lebenswelt handeln die Individuen sinnvoll auf andere bezogen und lassen dies bei Wiederholungen zu Erwartungen werden, die eine Sicherheit geben, dass auch folgende Handlungen in ähnlichen Situationen wieder gleich aussehen. Damit werden Typen gebildet, auf die man zurückgreifen kann und die Unsicherheiten und bestimmte Arten von Fremdheitserfahrungen bewältigbar machen – im Sinne der Systemtheorie Komplexität reduzieren [5]. Dieses Vertrauen auf die Konstanz und ständige Gültigkeit der Lebenswelt kann dadurch erschüttert werden, dass neue Situationen sich nicht mehr in bestehende Kategorien einordnen lassen [6].

Moderne[Bearbeiten]

Moderne Gesellschaften sind nicht unbedingt durch eine Verringerung an Konstanz gekennzeichnet, es finden aber weniger direkte Kontakte statt und die Beziehungen zu Zeitgenossen werden indirekter. Mit der Steigerung an Komplexität und Differenzierung werden Beziehungen anonymer und austauschbarer [7]. Diese entzauberte Welt, wie sie Weber nannte und bei aller Werturteilsfreiheit nicht als das Glück der Menschheit sah, behandelt Schütz vergleichsweise pragmatisch und zieht daraus das Positive, dass es eine Welt sei, die beherrschbar und verstehbar sei.[8]

Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt[Bearbeiten]

In seinem Hauptwerk, erschienen 1932, will Schütz Weber’s verstehende Soziologie um die phänomenologische Analyse der Handlungssinnzusammenhänge erweitern. Die Grundannahme, die sich Schütz und Weber teilen, lautet, dass die soziale Wirklichkeit eine Bedeutsamkeit hat, auf die sich Handeln bezieht und die Welt konstruiert. Damit ist zu einem weiten Teil auch das Untersuchungsfeld der (mikro-) Soziologie definiert [9]. Diese verstehende und darüber hinaus erklärende Soziologie soll nach den Vorstellungen Schütz vom äußeren Bedeutungskreis soziologischer Theorien in deren Zentrum rücken. Dreh- und Angelpunkt in der Erweiterung des Weber’schen Werkes ist das sinnhafte Handeln. Dabei erkennt Schütz bei Weber nur das um-zu-Motiv, erweitert es aber um das weil-Motiv, da die Beobachtung einer Handlung noch nicht den Sinn erkennen lässt [10]. Es ist damit auch ein Versuch, die Unterscheidung in aktuelles und erklärendes Verstehen aufzuarbeiten [11]. Des Weiteren sind die Begriffspaare subjektiver Sinn – objektiver Sinn und sinnhaftes Handeln – sinnhaftes Verstehen weiteren Analysen zu unterziehen [12]. Der Hintergrund dieser Ausreifung, die Schütz anstrebt, ist, dass entworfene und vollzogene Handlung bislang nicht unterschieden wurden und deshalb immer der Sinn mit dem Motiv des Handelns gleichgesetzt wurde [13].

weitere Werke[Bearbeiten]

Zu Alfred Schütz’ Schülern an der New School of Social Research in New York zählten unter anderen Peter L. Berger und Thomas Luckmann, die maßgeblich von ihm beeinflusst wurden und bis heute im Bereich der Phänomenologie arbeiten [14]. In ihrem Hauptwerk Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit spannen sie den Bogen über die Konzeption der Lebenswelt weiter, hin zu jener Sphäre, in der dieses Handeln relevant wird – dem Alltag [15]. Einer besonderen Funktion der Objektivation der Alltagswelt kommt der Versprachlichung zu, denn die Sprache setzt die Grenzen der subjektiven Wirklichkeit, aus ihr ist sie immerhin entstanden. Diese subjektive Wirklichkeit existiert nur mit den Menschen, sie sind es, die sie durch ihre Handlungen erst erzeugt. Das soziologisch relevante daran ist, dass sie das in der Interaktion machen [16]. Den Charakter des Objektiven erhält diese Wirklichkeit dadurch, dass sie von den meisten geteilt wird, damit also, um genau zu sein, nicht objektiv sondern intersubjektiv ist [17]. Die objektive Wirklichkeit, in den Makrotheorien zumeist als „die“ Wirklichkeit, unveränderbar und unabhängig, lehnen Berger und Luckmann ab [18].

Das Werk Strukuren der Lebenswelt, aus Fragmenten und Manuskripten Schütz’ von Thomas Luckmann zusammengestellt und an den wichtigen Stellen ergänzt, erschien erst 1979. Hier gehen die Autoren näher darauf ein, wie sich Wissen (dabei weniger der Bestand von Wissen als eher der Prozess der Wissensgewinnung) und Handeln in der Person verbinden und wie schließlich die Grenzen des Individuums mittels Zeichen und Symbole überwunden werden. Diese sind funktional betrachtet jene Konstrukte mittels derer die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit abgesichert wird [19].

Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Die Phänomenologie führte in den Sozialwissenschaften im Allgemeinen und in der Soziologie im Besonderen zu einer Umorientierung, der zufolge auch nach Prozessen gesucht wurde, in denen sinnhaftes Handeln Normen selbst hervorbringt [20]. Ihre anfangs so vehement nach außen präsentierte Motivation, sich dem Positivismus entgegenzustellen, hat nebenbei kaum darunter gelitten. Eine neuere Rezeption findet sich in Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns wieder, der das interpretative Paradigma aber als Ganzes miteinfließen lässt.

Begriffspluralismus[Bearbeiten]

Der Begriff Phänomenologie steht in Konkurrenz zu anderen Bezeichnungen und Teile davon werden auch anderen Theorien hinzugezählt. Zumeist findet sich in der Literatur der Begriff der phänomenologischen Soziologie. Schütz wie auch Berger und Luckmann sprechen in ihren Einleitungen ausdrücklich von den Aufgaben und Zielen der Wissenssoziologie und rechnen ihr Tun zuerst auch dieser zu. Während „Wissen“ eindeutig das Themengebiet der Wissenssoziologie ist, stehen für die Phänomenologie vor allem die Begriffe „Sinn“ und „Wirklichkeit“ stellvertretend, weshalb man davon Abstand nimmt, diese Theorie unter die Wissenssoziologie zu subsummieren.
Seit den Werken von Berger und Luckmann tritt immer häufiger die Bezeichnung Sozialkonstruktivismus in den Vordergrund, die Inhalt und Form durchaus treffend beschreibt und auch zeitlich abgrenzbar ist. An dieser Stelle soll aber keine weitere Differenzierung eingeführt werden, zumal besonders die hier beschriebenen Werke von Berger und Luckmann untrennbar mit den Vorarbeiten von Schütz verbunden sind.

Literatur[Bearbeiten]

  • Berger, Peter / Luckmann, Thomas (2000):
    "Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit"
    Frankfurt
  • Endress, Martin (2000):
    "Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt. In: Kaesler, Dirk / Vogt, Ludgera: Hauptwerke der Soziologie"
    Stuttgart
  • Giddens, Anthony (1994):
    "Interpretative Soziologie. Eine kritische Einführung"
    Frankfurt/New York
  • Hillmann, Karl-Heinz (1994):
    "Wörterbuch der Soziologie"
    Stuttgart
  • Luckmann, Thomas (1960):
    "Wissen und Gesellschaft. Ausgewählte Aufsätze 1981-2002"
    Konstanz
  • Schütz, Alfred (1960):
    "Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt"
    Wien 1960
  • Soeffner, Hans-Georg (2000):
    "the social construction of reality. In: Kaesler, Dirk / Vogt, Ludgera: Hauptwerke der Soziologie"
    Stuttgart
  • Soeffner, Hans-Georg (2000):
    "Strukturen der Lebenswelt. In: Kaesler, Dirk / Vogt, Ludgera: Hauptwerke der Soziologie"
    Stuttgart
  • Srubar, Ilja (2007):
    "Phänomenologische und soziologische Theorie. Aufsätze zur pragmatischen Lebenswelttheorie"
    Wiesbaden
  • Treibel, Anette (1993):
    "Einführung in die soziologische Theorie der Gegenwart"
    Opladen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Treibel 1993, S.116
  2. Hillman 1994, S.664f
  3. Treibel 1993, S.119
  4. Treibel 1993, S.122ff
  5. Treibel 1993, S.128
  6. Treibel 1993, S.120
  7. Treibel 1993, S.125ff
  8. Srubar 2007, S.95
  9. Srubar 2007, S.89f
  10. Giddens 1984, S.34
  11. Giddens, S.38
  12. Schütz 1960, S.10
  13. Schütz 1960, S.248
  14. Treibel 1993, S.124
  15. Srubar 2007, S.235
  16. Luckmann 2002, S.14
  17. Berger/Luckmann 1980
  18. Treibel 1993, S.124
  19. Soeffner 2000a
  20. Srubar 2007, S.227