Soziologische Klassiker/ Das soziologische Dorf/ Wissenssoziologie

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Wissenssoziologie[Bearbeiten]

Überblick[Bearbeiten]

In der Wissenssoziologie geht es darum, wie Wissen in der Gesellschaft entsteht, weitergegeben und bewahrt wird und welche Folgen sich daraus ergeben. Weiter gefasst geht es um das Verhältnis zwischen menschlichen Vorstellungen und Ideen zu dem gesellschaftlichen Kontext, in dem sie stehen. "Wissen" umschreibt somit nicht nur erlernte Fakten, sondern beinhaltet alle möglichen Phänomene menschlichen Denkens wie beispielsweise Ideologien, Religionen oder wissenschaftliche Erkenntnisse.

Ein weiterer wichtiger Gedanke ist, dass Wissen in der Gesellschaft durch Symbolsysteme repräsentiert wird. Wissen wird erst evident, wenn es sprachlich gefasst ist; es ist also sozial bedingt, denn nur wo Kommunikation stattfindet, kann auch Wissen entstehen.

Selbst bei einer reinen Robinsonade, wo es einen einzelnen Menschen auf eine einsame Insel verschlägt, entsteht Wissen nicht einfach so ohne Voraussetzung, sondern immer in Auseinandersetzung mit der Umwelt. Trifft nun der Schiffbrüchige auf einen zweiten Menschen, so ist das Verhältnis zwischen den beiden zunächst in der Schwebe, denn keiner der beiden weiß, wie er mit dem anderen umzugehen hat. Ist der andere Freund oder Feind? Sprechen sie die gleiche Sprache? Sind solche Grundfragen geklärt, so entsteht durch das Wissen um diese Umstände eine neue soziale Wirklichkeit.

Historische Entwicklung[Bearbeiten]

Marx, Engels[Bearbeiten]

In der Ideologiekritik Karl Marx' und Friedrich Engels' finden sich Grundgedanken der späteren Wissenssoziologie. In dem Werk "Die Deutsche Ideologie" beschreiben sie, dass das Denken der Menschen immer abhängig ist von den Lebensumständen, in denen sie sich befinden. Diese Umstände sind von der Gesellschaft geprägt und werden durch Sprache vermittelt. Marx' und Engels' Ideologiekritik besteht darin, dass sie ausführen, dass die beherrschende Klasse im kapitalistischen System auch die beherrschenden Ideen liefert, um die Ausbeutung, die in diesem System vorkommt, zu verschleiern.

Scheler[Bearbeiten]

Den Begriff der Wissenssoziologie in Deutschland hat Max Scheler in seinen Werken "Die Wissensformen in der Gesellschaft" und "Versuche zu eine Soziologie des Wissens" geprägt. Er unterscheidet die Wissensformen Leistungs- und Herrschaftswissen, das Bildungswissen und das Erlösungs- und Heilswissen als die drei Hauptformen des Wissens.

Mannheim[Bearbeiten]

Karl Mannheim führt in seinem Werk "Utopie und Ideologie" aus, dass das Wissen nicht allein von der Beschaffenheit menschlichen Denkens, sondern von den gesellschaftlichen Umständen geprägt ist. Unterschiedliche Klassenlagen und Denkweisen liegen in unterschiedlichen Ideologien begründet (Liberalismus, Sozialismus, Konservatismus). Diese Ideologien bestimmen, wie die Lebensumstände interpretiert und so Wissensvorräte angelegt werden. Die Wissenssoziologie soll diese Unterschiede erkennen und zu überwinden helfen. Mannheim schreibt diese Aufgabe einer Schicht von Intellektuellen zu - der "freischwebenden Intelligenz", die keiner dieser Ideologien anhängt.

Berger, Luckmann[Bearbeiten]

Die "moderne" Wissenssoziologie hat als Gegenstand jegliche Form menschlichen Wissens - vom Alltagswissen hin bis zum wissenschaftlichen Wissen. Das maßgebliche Werk ist "Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit" von Peter Berger und Thomas Luckmann. In der Alltagswelt schreiben die handelnden Individuen ihren Erfahrungen Sinn zu und versuchen sie, dadurch zu ordnen. Durch Ritualisierung, Routine und Institutionalisierung werden diese sinnhaften Erfahrungen in den Wissensbestand der Gesellschaft eingegliedert. Durch den Zugriff auf diesen Wissensbestand wiederum wird direkt die soziale Realität geprägt.


Literatur[Bearbeiten]



  • Berger, Peter, Luckmann, Thomas (2000):
    "Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit"
    Frankfurt am Main
  • Keller, Reiner (2000):
    "Wissenssoziologische Diskursanalyse: Grundlegung eines Forschungsprogramms"
    Wiesbaden
  • Kettler, David; Meja, Volker (2000):
    "Karl Mannheim. In: Kaesler, Dirk (Hrsg.): Klassiker der Soziologie. Von Auguste Comte bis Norbert Elias"
    Bremen
  • Korte, Hermann (2006):
    "Einführung in die Geschichte der Soziologie."
    Wiesbaden