Soziologische Klassiker/ Migrationssoziologie/ Esser

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Die Migrationstheorie nach Hartmut Esser[Bearbeiten]

Im Folgenden wird die Migrationstheorie nach Hartmut Esser in ihren Kernaussagen dargestellt.[1]

Ausgangslage[Bearbeiten]

Hartmut Esser möchte in seinem Buch "Aspekte der Wanderungssoziologie", welches im Jahre 1980 erschien, ein allgemein anwendbares Modell zur Eingliederung von Migranten entwickeln, das sich aus lediglich teilspezifischen Betrachtungsweisen löst. Will man Eingliederungsprozesse verstehen, müssen laut Esser Mikro- und Makroprozesse untersucht und berücksichtigt werden. Eine makrosoziologische Variable wird erst dann zum Problem für den Akteur, wenn er sich deswegen in seinen individuellen Handlungen eingeschränkt fühlt. Aufgrund dessen orientiert er sich in seinen Untersuchungen methodisch am Vorgehen des methodologischen Individualismus und zudem theoretisch an der kognitiven Theorie des Handelns und Lernens. Jeder soziale Ablauf, alle Erfordernisse für den Erhalt eines Sozialsystems und jegliche Funktionen innerhalb dieses Systems sind demnach auf das sinnhafte Handeln und kognitive Lernen des einzelnen Akteurs zurückzuführen. Ziel seiner Untersuchung ist es, Ausgangslagen und Prozesse einerseits und Funktionen und Folgen von Eingliederungen andererseits darzustellen. Folgen können hierbei struktureller Art sein, d.h. die Stabilität und Struktur eines Sozialsystems resultiert aus individuellen Handlungsentscheidungen und wird somit durch das handelnde Individuum beständig beeinflusst. Mit gesamtgesellschaftlichen Funktionen meint er die Konsequenzen, welche die Anwesenheit von Wanderern im Aufnahmeland für die Wahl des Systems relevanter Handlungsreaktionen durch die Etablierten hat. Hierbei werden wiederum auch die Auswirkungen dieser Handlungen auf die Wanderer betrachtet. Hartmut Esser versucht somit anhand der Verwendung des handlungstheoretisch - individualistischen Interpretationsansatzes, welcher auch bei Alfred Schütz zu finden ist, Resultate in der Migrationsforschung zu interpretieren und in sein eigenes Assimilationsmodell einzubinden.

Darstellung der Migrationstheorie[Bearbeiten]

Hartmut Esser ist der Auffassung, dass Migration für den Fremden zunächst einen Zusammenbruch seiner Sozialisationsmuster und somit den Zerfall seiner natürlichen Einstellung zur Folge hat. Die Migranten müssen dadurch erst ihre Desozialisation überwinden, indem sie sich im Aufnahmeland neu verorten und ihre Beziehungen neu definieren, um ihre persönlichen Ziele erreichen und erfolgreich kommunizieren zu können. All diese Notwendigkeiten seitens der Migranten fasst Esser unter dem Grundbegriff "Eingliederung" zusammen.

Die Thematik der Eingliederung besteht für Esser aus zwei hauptsächlichen Aspekten:

  • Zum einen interessiert ihn, wie der Migrant eine erfolgreiche Resozialisation und somit das Wiedererlangen einer natürlichen Einstellung im Aufnahmeland erreichen kann. Hierbei stehen die Verinnerlichung typischer Verhaltensweisen und Problemlösungsprozesse im Vordergrund. Auch die prozesshaften Faktoren der Angleichung des Migranten im Aufnahmeland hinsichtlich Fertigkeiten und Möglichkeiten der Rollenbesetzung ähnlich bzw. gleichwertig den Etablierten bilden hier einen wichtigen Punkt. Letztendlich möchte Esser herausfinden, wie der Fremde eine Identifikation mit dem neuen Lebensbereich entwickelt.
  • Den zweiten Aspekt bilden die Konsequenzen, welche aus der Wanderung und Eingliederung für das Aufnahmesystem hinsichtlich dessen Stabiliät entstehen. Hartmut Esser sieht den Eingliederungsprozeß als einen Zustand, welcher schrittweise erreicht wird.

Die sogenannte assimilativ- integrierte Eingliederung von Migranten ist für Esser von zwei differenten Dingen beeinflusst:

  • zum einen von den Eigenschaften der Person an sich, also deren Motive und Absichten und deren Fertigkeiten und Kenntnisse.
  • zum anderen spielt dessen Umwelt als direkte Bezugsumgebung eine entscheidende Rolle.

Die Durchführung assimilativer Handlungen und demnach die Eingliederung finden also dann statt, wenn die direkte Bezugsumwelt die Eingliederung materiell (z.B. räumlich) und sozial (z.B. rechtlich) ermöglicht und keinerlei Handlungsbarrieren bestehen, welche den Migrant von vornherein exkludieren. Zudem ist es für die Eingliederung von großer Bedeutung, dass der Migrant keine zu intensiven Kontakte zu einer nicht- assimilativen Umwelt pflegt. Grundsätzlich ist der Prozess der Eingliederung eine assimilative Angleichung betreffend die Sprache, Fertigkeiten, Interaktionsgewohnheiten, Wahrnehmungsprozesse, Werte und Normen etc. Die Eingliederung gestaltet sich demnach laut Hartmut Esser als erfolgreich und positiv, wenn assimilative Handlungen für den Akteur als positiv und zielführend erlebt werden.

Akkulturation, Integration und Assimilation[Bearbeiten]

Hartmut Esser unterscheidet zwischen drei grundlegenden Eingliederungsvorgängen: der Akkulturation, Integration und Assimilation.

Akkulturation[Bearbeiten]

Bezeichnet hier den Angleichungsprozess, welcher auf dem kognitiven Gebiet als Vorgang des Lernens angesiedelt ist. Der Fremde übernimmt während dieses Prozesses das für ihn neue Sozialisationsmuster der Aufnahmegesellschaft, also deren (institutionalisierte) Werte und Normen, Verhaltensweisen etc. Diese Akkulturation kann auch nur partiell erfolgen.

Integration[Bearbeiten]

Hartmut Esser unterscheidet den Begriff der Integration an sich deutlich von dem der Assimilation. Integration hat demnach erfolgreich stattgefunden, wenn der Migrant einen spannungsfreien personalen sowie relationalen Gleichgewichtszustand bei sich und im wechselseitigen Beziehungsgeflecht mit seiner Umgebung vorfindet. Das Erreichen dieses Gleichgewichts erfordert die Verinnerlichung gemeinsamer Werte und Normen. Integration als individuelles Gleichgewicht zeigt sich beispielsweise nach Shmuel Eisenstadt an Verhaltensstabilität und Sicherheit in der Ausübung der eigenen Rolle(n). Es treten dementsprechend keine Agressionen oder Unzufriedenheiten bezogen auf das Aufnahmesystem zum Vorschein. Die relationale Balance der Integration bezieht sich auf die Strukturiertheit und Beständigkeit sozialer Interaktionsgeflechte. Der Migrant unterhält also Interaktionen mit den Einwohnern des Aufnahmelandes und baut sich somit ein soziales Netzwerk auf. Dies erfolgt laut Eisenstadt durch Verhaltens-„Institutionalisierung“ - die Migranten verflechten sich anhand von Interaktionen mit den Einheimischen ohne dass sie ihre ethnischen Eigenständigkeiten vollständig aufgeben. Die kulturellen Differenzen müssen nicht komplett aufgehoben sein um sich integrieren zu können- Integration erfolgt demnach auch ohne vollständige Assimilation.

Assimilation[Bearbeiten]

Beschreibt den „Zustand der Ähnlichkeit“ des Migranten in den Verhaltensweisen und Handlungsorientierungen im Verhältnis zu den Einheimischen. Assimilation bezeichnet demnach die Angleichung in bestimmten Eigenschaften an einen vorgefundenen Standard. Sie ist im Allgemeinen das Ergebnis einer vollständigen Akkulturation. Hierbei geht Hartmut Esser davon aus, dass Sozialsysteme heterogen sind. Somit ist Assimilation auch anhand der Erwerbung verschiedenster subkultureller Charakteristiken möglich. Hartmut Esser unterscheidet in Anlehnung an das Assimilationsmodell von Ronald Taft [2] vier verschiedene Bereiche der Assimilation.
Der Begriff kann allgemein auf absolute Eigenschaften (Werte, Normen, routinierte Verhaltensweisen) oder auf relationale Eigenschaften (Status-/Rollenpositionierung) bezogen sein. In Bezug zur bereits dargestellten Handlungstheorie differenziert Esser

  • die individuell- absoluten Angleichungen: kognitive Angleichungsprozesse in Wissen, Fertigkeiten und Mittelbeherrschung (Wissensbereich) und identifikative Assimilation (Wertebereich)

von den

  • individuell- relationalen Assimilationen: sozialer Bereich der Anpassung (Interaktionsbereich) und strukturelle Dimension (Institutionsbereich; Eingebundenheit in Institutionen)

Der Begriff Assimilation kann die unterschiedlichsten Aspekte eines sozialen Vorgangs betreffen. Assimilation bedeutet ganz allgemein die Angleichung in bestimmten Eigenschaften an einen vorgefundenen Standard. Sie findet jedoch innerhalb dreier Bezugsbereiche interethnischer Interaktionen statt: der Sozialintegration, der Systemintegration und der sozialen Struktur.

  1. Die Sozialintegration bezeichnet den Einbezug der Akteure in einen bereits bestehenden gesellschaftlichen Zusammenhang. Hierbei wird zwischen vier Variabeln unterschieden:
    • der Kulturation, also dem Erwerb von Wissen, Fertigkeiten und kulturellen Gegebenheiten, vor allem auch der Sprache
    • der Platzierung als den Erwerb von Rechten und Pflichten und der Verortung im Aufnahmesystem wie beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt
    • der Interaktion als die Unterhaltung sozialer Beziehungen und Netzwerke und schließlich
    • der Identifikation als den Erwerb einer bestimmten „Loyalität“ zum Aufnahmesystem.
  2. Die sozialen Strukturen bilden die zweite Bezugebene interethnischer Beziehungen und ergeben sich aus zwei verschiedenen Ausgangspunkten: den sozialen Aggregaten und dem sozialen System. Soziale Aggregate sind „statistische Konstrukte von Mengen ansonsten unverbundener Akteure, wie etwa die Kategorien von Geschlechts-, Bildungs- und Einkommensgruppierungen“. Soziale Systeme sind „(Prozeß-)Gleichgewichte aneinander anschließender Handlungen und Kommunikationen“.[3] Organisationen oder auch Verwandtschaften dienen hierbei als Beispiele. Hieraus resultiert die Differenzierung zweier Bereiche sozialer Strukturen in einer Gesellschaft: die soziale Ungleichheit zum einen beschreibt die Verschiedenheit der Aggregatszusammensetzung, beispielsweise unterschiedliche Einkommenshöhen. Die soziale Differenzierung zum anderen bezieht sich auf die Aufteilung sozialer Systeme in Untersysteme. Beispielsweise wird anhand der Aufteilung in „Milieus“ eine kulturelle Differenzierung vorgenommen.
  3. Die dritte und letzte Bezugsebene, die Systemintegration, bezeichnet die Integration eines Systems in seiner Gesamtheit. Dies findet statt, wenn die Systemteile, z.B. eine Gesellschaft, in wechselseitiger Abhängigkeit miteinander verwoben sind. Jedes Teilchen für sich ist also ein „integrales“ Element des Gesamtsystems. Somit ist ein gesellschaftlicher Zusammenhalt der einzelnen Teile (Akteure, Subsysteme, Aggregate) vorzufinden. Ethnische Konfliktsituationen resultieren demnach aus einer Desintegration des sozialen Systems.

Allgemein kann der Migrant in zwei Bezugssysteme integriert sein: zum einen in sein ethnisches Herkunftssystem und zum anderen in das Aufnahmesystem. Somit ergeben sich vier Variationen:

  • die Marginalität wenn jegliche Integration fehlt
  • die multiple Inklusion wenn die Integration auf beiden Bezugsebenen stattfindet, wie beispielsweise bei der Zweisprachigkeit
  • die individuelle Segmentation wenn der Akteur nur in die ethnische Herkunftsgruppe integriert ist und schließlich
  • die individuelle Assimilation wenn die Integration nur in das Aufnahmeland erfolgt. Die individuelle Assimilation besteht aus der kulturellen (u.a. Spracherwerb), strukturellen (Bildung, Positionierung auf dem Arbeitsmarkt), sozialen (interethnische Kontakte) und emotionalen (Identifikation-zumindest partiell- mit Aufnahmeland) Assimilation.

Die Pole der Assimilation bilden zum einen die vollständige Assimilation und zum anderen die komplette Ausgrenzung des Migranten. Die vier Aspekte der individuellen Assimilation stehen in wechselseitiger Beziehung zueinander.

Der Begriff des Handelns bei Esser[Bearbeiten]

Hartmut Esser versteht unter Handeln „alle motorischen und nicht- motorischen Aktivitäten (kognitiver oder evaluativer Art) einer Person, die die faktischen oder vorgestellten Beziehungen zwischen der Person und ihrer Umwelt (irgendwie) verändern.“ [4] Dieses Handeln resultiert aus einer Handlungsneigung, welche sich aus folgenden vier Variablen ergibt: a) aus der Motivation; dies bezeichnet den Wertaspekt der Handlung, d.h. der Akteur stellt sich wie bei Schütz seine Zielmotivation vor und entscheidet aufgrund seiner Motive zwischen seinen Handlungsoptionen. Die Anreizert der imaginären Zielvorstellung steht hier im Vordergrund. b) aus der Kognition; dieser Begriff bezeichnet den Wissensaspekt der Handlung, d.h. die individuelle Erwartungshaltung, ein Ziel zu erreichen. c) aus dem Aspekt der Attribution; dies beschreibt den Attribuierungsaspekt, d.h. der Glaube in die Wahrscheinlichkeit, dass das eigene Handeln wirksam und die Umgebung weitestgehend unter Kontrolle des Akteurs ist. d) aus dem Widerstand: dies beschreibt den Kostenaspekt der Handlung des Akteurs. Hier schätzt das Individuum die Kosten, Konsequenzen und Aufwand seiner angestrebten Handlung ein.

Das Handeln selbst wird also von Handlungstendenzen verursacht, welche auf den Akteur „einwirken“. Esser bezeichnet die Variablen der Handlungstendenzen als „bestimmende Elemente der Person- Umgebung- Relation“.

Der Akteur entscheidet sich somit aufgrund dieser Variablen in einer Situation für die Handlungsoption, mit deren Hilfe er seine Zielerrichung unter minimalsten Aufwand verwirklich sieht. Er schätzt somit in seinem alltäglichen Handeln in der Lebenswelt rational das Mittel- Kosten Verhältnis seines sinnhaften Handelns ab.

Der Begriff des Lernens bei Esser[Bearbeiten]

Ausgehend von der kognitiven Theorie des Handelns und Lernens spielt auch das Lernen handlungstheoretisch eine große Rolle. Der Akteur und dessen Umgebung stehen mit dem Lernen und Handeln in Wechselbeziehung. Dies wird deutlich, wenn man zwischen zwei Lernformen unterscheidet:

  • zum einen bedeutet Lernen, dass der Akteur Verbindungen rein aufgrund seiner Umgebung erstellt und entsprechend reagiert.
  • zum anderen kann sich das Lernen als Handlung selbst vollziehen, d.h. aufgrund der subjektiven Wahl zwischen möglichen Bewertungen einer Situation.

Anhand der Differenzierung zwischen den Formen des Lernens wird deutlich erkennbar, dass das Handeln und Lernen nicht nur seitens des Akteurs bestimmt werden. Aus dieser Feststellung ergeben sich folgende drei Variablen der Umgebung, welche das Handeln und Lernen eines Individuums bestimmen. Dies wären a) die Opportunitäten, also die Möglichkeiten und Voraussetzungen welche assimilative Handlungen zulassen und unterstützen. b) die Barrieren, also diejenigen Gesichtspunkte, welche assimilative Handlungen beschränken und c) Alternativen, welche bereits als Handlungsoptionen nicht- assimilativer Art beschrieben wurden.


Hypothesen zur Handlungsentscheidung von Migranten[Bearbeiten]

Hartmut Esser beschreibt nach den dargestellten Variablen der Person- Umgebungsbeziehung zwei bedeutende Hypothesen hinsichtlich assimilativer Handlungshaltungen von Migranten.[5]

Zum einen verweist er auf die Variablen der Handlungstendenzen, welche sich auf den Akteur beziehen:

„Je intensiver die Motive eines Wanderes in bezug auf eine bestimmte Zielsituation; je stärker die subjektiven Erwartungen eines Wanderers sind, daß diese Zielsituation über assimilative Handlungen und/ oder assimilative Situationen erreichbar ist; je höher die Handlungsattribuierung für assimilative Handlungen ist; und je geringer der Widerstand für assimilative Handlungen ist, umso eher führt der Wanderer-ceteris paribus- assimilative Handlungen (aller Art: einschließlich Bewertungen, Wahrnehmungen und Informationssuche) aus.“

Bezogen auf die Umgebung des Wanderers, welche normalerweise aus dem Aufnahmesystem und Mitwanderern bzw. Einheimischen besteht, wurden drei Umgebungsvariablen beschrieben und nun wie folgendermaßen durch Hartmut Esser in Beziehung zueinander gestellt: „Je mehr assimilative Handlungsopportunitäten dem Wanderer im Aufnahmeland offenstehen; je geringer die Barrieren für assimilative Handlungen im Aufnahmesystem sind; und je weniger alternative Handlungsopportunitäten nicht- assimilativer Art verfügbar sind, umso eher führt der Wanderer- ceteris paribus- assimilative Handlungen aus“.

Nach Hartmut Esser werden assimilative Handlungen somit auch immer noch von „außen“ bestimmt. Diese externen Effekte führen zu einer Aneinanderreihung von Handlungen, welche sich wechselseitig konstituieren. Der Akteur der Mitwelt reagiert also auf assimilative Handlungen des anderen und schliesst an dessen Handlung entsprechend an. Diese Reaktion auf die Handlung des Migranten führt wieder zu einer Veränderung dessen Handlungsumgebung, welche wieder erst rational in seine nächste Handlungsentscheidung eingebaut werden muss. Anhand diesen Beispiels wird deutlich sichtbar, dass strukturelle und somit gesellschaftliche Prozesse Zwängen unterliegen, welche am Individuum erst erkennbar werden. Die Struktur eines sozialen Systems wird demzufolge als Konsequenz subjektiver Handlungsentscheidungen der das System bildende Individuen gesehen.

Modelle der Assimilation nach Hartmut Esser[Bearbeiten]

Hartmut Esser fasst seine Überlegungen schematisch im Grundmodell der Assimilation und dessen Erweiterung, dem Prozeßmodell der Assimilation, zusammen.

Das Grundmodell[Bearbeiten]

Hartmut Esser fasst seine vorangehenden Darstellungen schematisch im Grundmodell der Assimilation zusammen.[6] Hierbei bildet die Assimilation des Wanderes das Explanandum. Die vier Dimensionen der Assimilation (strukturell, kognitiv, sozial, identifikativ) werden beeinflusst durch die unabhängigen Variablen der Person (Motivation, Kognition, Attribuierung,Widerstand) zusammen mit den Variablen der Umgebung (Opportunitäten, Barrieren, Alternativen) und wurden bereits ausführlich erläutert.

Betrachtet man die zeitliche Abfolge der Eingliederungsvorgänge steht die Akkulturation zu Beginn des Prozesses. Die Stufen der Assimilation und Integration können aber müssen nicht zwingend folgen wie Esser schreibt: „Die identifikative Assimilation tritt erst nach Vorliegen der anderen Assimilationstypen ein. Die kognitive Assimilation geht sowohl der sozialen wie der strukturellen Assimilation voraus. Die strukturelle Assimilation geht dann ihrerseits der sozialen Assimilation voraus.“[7]

Die identifikative Assimilation bildet somit die Endphase des gesamten Eingliederungsprozesses. Um diese Vorgänge der Assimilation jedoch genauer analysieren zu können, braucht es eine Ausweitung des Grundmodells auf ein Prozeßmodell der Assimilation.

Das Prozeßmodell[Bearbeiten]

Das Prozeßmodell der Assimilation nach Hartmut Esser besagt, dass das Herkunftssystem anhand der beiden Faktoren Person und Umgebung bereits in die Assimilation im Aufnahmeland einwirkt.[8] Die Sozialisation im Herkunftsland beeinflusst durch die dort herrschenden Handlungs- und Lernverhältnisse latent die Sozialisation des Wanderers im Aufnahmesystem. Zudem werden die Variablen der Umgebung von den Gegebenheiten des Aufnahmesystems beeinflusst, so dass der vorgefundene Handlungsrahmen ebenso auf den Assimilationprozess des Wanderers einwirkt. Über die Entscheidung zur Wanderung treten das Herkunfts- und Aufnahmesystem in Wechselbeziehung. Beschränkungen, welche eine Person im Herkunftsland als solche empfindet, führen zu einer (rationalen) Wanderentscheidung. Der Wanderer möchte seine Situation durch die Wanderung in ein ausgewähltes Aufnahmeland verbessern. Assimilative Handlungen finden somit am wahrscheinlichsten statt, wenn sich die individuellen Erwartungen der Ressourcen und Möglichkeiten mit den tatsächlich vorgefundenen Gegebenheiten im Aufnahmesystem decken.

Assimilation kann auch auf die beiden Ausgangsfaktoren Person und Umgebung rückwirken, denn „wenn assimilative Handlungen für den Wanderer zur belohnend empfundenen Zielerreichung oder Bedürfnisbefriedigung beitragen, verstärken sich die assimilativen Handlungstendenzen."[9] Dies lässt sich auch in umgekehrte (negative) Form transformieren.

Problematisch hierbei ist, dass die den Wanderer zufriedenstellende Zielerreichung und dessen für die Einheimischen positiv- assimilativen Handlungsweisen eher in den Bereichen vorzufinden sind, in welchen die Migranten funktional Leistungen erbringen. Dies erfolgt meist in Bereichen des Handelns, welche von den Einheimischen nicht gerne besetzt werden, z.B. „socially unwanted jobs“. Diese Tatsache bildet den makrosoziologischen Aspekt der Folgen von Wanderungen und betrifft somit auch die Stabilität des Aufnahmesystems. Durch die oben beschriebene Handlungskette ergeben sich „bewusste“ Aufteilungen von Handlungsmöglichkeiten bzw.- barrieren, Macht und Ressourcen.

Kritische Anmerkungen zur Assimilationstheorie[Bearbeiten]

Die klassische Konzeption der Assimilation löst seit jeher Streitigkeiten aus. Die Kritik bezieht sich auf die normative Gültigkeit und die Gültigkeit des Modells als längerfristige Trendbeschreibung. Hartmut Esser setzt sich in einem Beitrag mit eben dieser Problematik der Gültigkeit eingehend auseinander.[10] Die Thematik wurde mit der Wahrnehmung transnationaler Migrationen immer umstrittener. Diese Beobachtungen erwecken den Anschein, als dass es keinen festen staatlichen, räumlichen, institutionellen oder sozialen Bezugspunkt mehr gäbe von dem ausgehend Assimilation stattfinden könnte. Aufgrund dessen treten ethnische Vielfältigkeiten in den Vordergrund, welche sich nicht mehr im Laufe der Generationen auflösen sondern aus der oftmals lediglich partielle Assimilationen resultieren. Esser bezeichnet dies als „segmented assimilation“. Durch die Vielfältigkeiten kann ein starres, lineares Modell laut den Kritikern nicht flexibel genug verschiedene neuere Erkenntnisse erklären. Dies bezieht sich beispielsweise auf die Vielschichtigkeit und Prozeßhaftigkeit des Assimilationsvorganges. Grundsätzlich gibt es jedoch einen „unwiderstehlichen, institutionellen und kulturellen Kern“, welcher trotz Differenzen zum Aufnahmeland die Migranten im Laufe des Assimilationsprozesses zu diesem Kern führt. Die Gegenthese behauptet jedoch wie bereits erwähnt, dass es diesen klaren Kern nicht mehr gäbe, so dass andere Bezugspunkte wie das Herkuftsland oder ethnische Gemeinden diesen Stand des Mittelpunktes ebenbürdig einnehmen können. Diese Denkensweise bezeichnet einen neuen „Mehrebenen- Polyzentrismus“ mit der die klassische Assimilationstheorie aufgrund ihres Ethnoszentrismus nicht mehr zurande kommt. Der Beitrag von Esser möchte zum einen erläutern worum es bei der Assimilation eigentlich genau geht und darstellen welche anderweitigen Möglichkeiten es zur Assimilation geben könnte. Ein Kritikpunkt Essers bezieht sich beispielsweise auf die bereits dargestellten drei Bezugsebenen interethnischer Beziehungen. Eben diese werden bei der Diskussion zur Assimilation immer wieder vernachlässigt. Jedoch ermöglichen es genau diese Bezugsebenen erst, Vorgänge der Assimilation so zu sortieren, dass verschiedene theoretische sowie empirische Zusammenhänge erklärbar werden. Esser geht in seinem Beitrag einzeln auf die Bezugsebenen ein und diskutiert sie hinsichtlich ihrer Alternativen. Letztendlich stellt Hartmut Esser fest, dass es eben keine vernünftige Alternative zur strukturellen Assimilation von Migranten geben kann. Auch für die Aspekte der sozialen und kulturellen Integration in die Aufnahmegesellschaft sieht Esser keine passende Alternative, soweit diese latent oder direkt mit der strukturellen Assimilation in Verbindung stehen. Die strukturelle Assimilation ist somit als zentral anzusehen.

Quellenverzeichnis[Bearbeiten]

  1. ESSER, Hartmut (1980): Aspekte der Wanderungssoziologie. Assimilation und Integration von Wanderern, ethnischen Gruppen und Minderheiten. Eine handlungstheoretische Analyse. Neuwied/ Darmstadt: Hermann Luchterhand Verlag GmbH
  2. TREIBEL,Annette (2008): Migration in modernen Gesellschaften. 4. Auflage. Weinheim/ München: Juventa Verlag GmbH. S. 94f
  3. ESSER, Hartmut: Welche Alternativen zur „Assimilation“ gibt es eigentlich? In: Bude, Klaus J., Bommes Michael (Hrsg.) (2004): Migration- Integration- Bildung. Grundfragen & Problembereiche. Heft 23. Osnabrück: Eigenverlag IMIS. S.50
  4. ESSER, Hartmut (1980): Aspekte der Wanderungssoziologie. Assimilation und Integration von Wanderern, ethnischen Gruppen und Minderheiten. Eine handlungstheoretische Analyse. Neuwied/ Darmstadt: Hermann Luchterhand Verlag GmbH. S.182
  5. ESSER, Hartmut (1980): Aspekte der Wanderungssoziologie. Assimilation und Integration von Wanderern, ethnischen Gruppen und Minderheiten. Eine handlungstheoretische Analyse. Neuwied/ Darmstadt: Hermann Luchterhand Verlag GmbH. S.211
  6. ESSER, Hartmut (1980): Aspekte der Wanderungssoziologie. Assimilation und Integration von Wanderern, ethnischen Gruppen und Minderheiten. Eine handlungstheoretische Analyse. Neuwied/ Darmstadt: Hermann Luchterhand Verlag GmbH. S.213
  7. ESSER, Hartmut (1980): Aspekte der Wanderungssoziologie. Assimilation und Integration von Wanderern, ethnischen Gruppen und Minderheiten. Eine handlungstheoretische Analyse. Neuwied/ Darmstadt: Hermann Luchterhand Verlag GmbH. S.231
  8. ESSER, Hartmut (1980): Aspekte der Wanderungssoziologie. Assimilation und Integration von Wanderern, ethnischen Gruppen und Minderheiten. Eine handlungstheoretische Analyse. Neuwied/ Darmstadt: Hermann Luchterhand Verlag GmbH. S.218
  9. ESSER, Hartmut (1980): Aspekte der Wanderungssoziologie. Assimilation und Integration von Wanderern, ethnischen Gruppen und Minderheiten. Eine handlungstheoretische Analyse. Neuwied/ Darmstadt: Hermann Luchterhand Verlag GmbH. S.215
  10. ESSER, Hartmut (2004): Welche Alternativen zur „Assimilation“ gibt es eigentlich? In: Bude, Klaus J., Bommes Michael (Hrsg.) (2004): Migration- Integration- Bildung. Grundfragen & Problembereiche. Heft 23. Osnabrück: Eigenverlag IMIS. S.41- 59


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