Soziologische Klassiker/ Sennett, Richard

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Grundstruktur des Kapitels:

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Richard Sennett

  • geboren am 1.Jänner 1943 in Chicago, Illinois geboren


  • Als Sohn russischer Einwanderer wuchs Sennett in Cabrini Green, einem Armenviertel von Chicago auf.

Er ist mit der Soziologin Saskia Sassen verheiratet, und wohnt mittlerweile mit seiner Familie die meiste Zeit in London.
Früh lernte er Cello, komponierte und hatte Erfolge bei öffentlichen Auftritten. Seine Karriere begann er als Cellist und Romanautor.
Aufgrund einer fehlgeschlagenen Operation an seiner linken Hand, musste er jedoch das Studium abbrechen.


Wissenschaftlicher Werdegang[Bearbeiten]

Zunächst studierte Richard Sennett Musikwissenschaften und Violoncello am New Yorker Julliard Conservatory

  • 1964 Promotion an Harvard University,USA; Soziologie; mit Abschluss in Urbanistik
  • 1967-1968 Lehrtätigkeit, Yale University, USA
  • 1969 Ph.D. Geschichte, Harvard University, USA
  • 1969-1971 Gründung des Cambridge Institute; Forschungstätigkeiten
  • Seit 1973 Lehrtätigkeit an der New York University und am College of Art and Sciences; Professur für Geschichte und Soziologie
  • 1975 Gründnung des New York Institute for Humanities (Leitung bis 1984)
  • 1988-1993 Vorsitzender der internationalen Kommission für Urbane Studien der UNESCO
  • 1991-1992 Mitglied der American Academy; Rom
  • 1993 Senior Fellow der American Association of Arts and Sciences; und der Royal Society of Literature
  • Seit 1996 Vorsitzender des "Council on Work" der UNESCO
  • 1998 erhielt Richard Sennett den Premio Amalfi
  • Seit 1999 Lehrtätigkeit an der London School of Economics; Professur für Geschichte und Soziologie

  • 2006 Auszeichnung mit Hegel Preis

Richard Sennett ist Mitglied der American Historical Association; der International Sociological Association; sowie der Sociétee Européenne de Culture

Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Das große Thema, mit dem sich Sennett sein Leben lang beschäftigte, ist die Frage wie Menschen zu besseren Materialisten werden könnten.
"Die Interpretation physischer Tatsachen und materieller Umstände, die die Leute geben, sind in der Regel komplex und oft widersprüchlich. Eben diese komplizierte Verstehensweise heißt auf kollektiver Ebene "Kultur"." (Ausschnitt der Dankesrede Richard Sennetts anlässlich der Verleihung des Hegel- Preises in Stuttgart)

Sennett kam erst von der Musik zur Soziologie und behauptet von sich selbst, dass er womöglich diese materialistische Kulturauffassung erst deshalb entwickelt habe. Bei der Kunst, die ein Berufsmusiker ausübt, handle es sich um eine materielle Tätigkeit. Es herrscht also das Konkrete: Beim Üben wie der Aufführung sei es die Technik, die den Ausdruck hervorbringe. Und bei der Interpretation ginge es um den tatsächlich erzeugten Klang und weniger um die Vorstellung wie Musik klingen könnte; so Sennett.

Diese Überlegung hat er dem Musiker und Soziologen Theodor W. Adorno vorgetragen, dessen Berufsweg jenem von Richard Sennett ähnelte. Adorno aber widersprach ihm. Für diesen war Komponieren ein innerer Kampf. Er glaubte, dass das schöpferische Ringen den Soziologen über das Wesen des Konfliks selbst etwas lernen könnte. Und Musiker, die zusammen musizieren, würden eine andere soziale Lektion lernen. Und zwar insofern, als dass der physische Akt des gemeinsamen Spielens verlangt, Kooperation, Durchsetzungsvermögen und Rücksichtsnahme auszugleichen, wenn die Spieler ungleichgewichtete Teile zu spielen hätten. Genau diese Musikererfahrung formte Sennetts Überlegungen. Der soziale Zusammenhalt sollte sich wie das Zusammenspiel im Ensemble an die konkreten Tatsachen der Ausführung halten. Differenz und Kooperation solle sich im Alltagsleben verbinden. Doch gerade in der Realität praktiziere die soziale Welt diese Musiktugenden nicht. Eigentlich noch mehr: Sie trenne das "Sein" vom "Sollen".


Werke[Bearbeiten]

Wichtige Werke[Bearbeiten]

  • Families against the City- Middle class homes of Industrial Chicago, 1970
  • The Uses of Disorder, 1970
  • The Fall of Public Man, 1977 (dt.: Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität)
  • Authority, 1980 (dt.: Autorität)
  • Palais- Royal, 1987
  • The Conscience of the Eye: Urban Design and Social Life of Cities, 1990
  • Flesh and Stone: The Body and the City, 1994 (dt.: Fleisch und Stein)
  • The corrosion of Character: The Transformation of Work in Modern Capitalism, 1998 (dt.: der flexible Mensch. )
  • Respect: The Welfare State, Inequality, and the City, 2003
  • How I write: Sociology as Literature, 2009 (engl./dt.)

Werke in Kollaboration[Bearbeiten]

  • The Hidden Injuries of Class, 1972 (mit Jonathan Cobb)
  • The Empire of Fashion: Dressing Modern Democracy, 2002 (mit Gilles Lipovetsky und Catherine Porter)


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Sennetts zentrale Themen und Forschungsgebiete sind die Probleme der Herrschaft durch Architektur, Vereinzelung, Machtlosigkeit und Orientierungslosigkeit der Individuen, deren Rückzug in die Privatheit, sowie das Verschwinden des öffentlichen Raumes, der für die Erfahrung von Gesellschaft und richtiger Individualität notwendig ist. Genauso die Instabilität und Oberflächlichkeit von zwischenmenschlichen Beziehungen.
Sein Werk besteht aus zwei Grundfragen: Wo Menschen leben und arbeiten. Daraus ergibt sich das große Thema, das ihn, wie bereits erwähnt, sein ganzen Leben schon beschäftigte, nämlich die Frage, wie Menschen zu besseren Materialisten und Sinnkonstrukteuren ihres Lebens werden könnten; gegen die Flucht in eine konturlose Subjektivität und den Terror der Intimität.

In seinen früheren Arbeiten legte Sennett den Schwerpunkt noch auf die Kulturen der Städte. Seine ersten Bücher waren stark von seinen eigenen Erfahrungen geprägt, da er selbst in einem Armenviertel von Chicago aufgewachsen ist. In den vergangenen zehn Jahren beschäftigte er sich vor allem mit den Auswirkungen des modernen Kapitalismus auf die Arbeitswelt.


The Corrosion of Character (Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus)[Bearbeiten]

In diesem Werk beschreibt Sennett die Auswirkungen des neoliberalen Kapitalismus auf die Individuen, deren Charakter, deren Selbsterfahrung, und deren Handlungen. Er analysiert die neue Kultur und Flexibilität als Machtsystem.
Durch die Flexibilisierung der Arbeitswelt verlieren Wertvorstellungen, wie Verantwortungsbewusstsein, langfristige Verfolgung von Zielen, sowie die Fähigkeit auf sofortige Befriedigung von Wünschen zu verzichten, an Bedeutung. Die Gründe für diese Entwicklungen liegen in der neuen Arbeits- und Zeitorganisation, den stetig wachsenden Leistungsanforderungen, der zunehmenden Unsicherheit der Arbeitsverhältnisse, wie genauso in der Notwendigkeit jeder Zeit des Berufes wegen den Wohnort zu wechseln.
Nach Sennett bedrohe der moderne Kapitalismus jene Charaktereigenschaften, die Menschen aneinander binden und dem einzelnen ein stabiles Selbstwertgefühl vermitteln. Die bereits oben genannten neuen Formen der Arbeitsorganisation üben einen gewissen Druck auf den Einzelnen aus, und schlagen sich auf die Psychostruktur des Beschäftigten nieder. Die am schnellsten wachsenden Beschäftigungsbereiche seien Zeitarbeit und Leiharbeit, das neue Motto der Arbeitswelt sei "nichts Langfristiges". Hinzu kommt eine Überwachung aller Produktionsprozesse - einschließlich der Arbeitenden - durch den Einsatz moderner Kommunikationsmittel.

Seine These: Die zunehmende Globalisierung verlangt vom Einzelnen eine solche Flexibilität, so dass die traditionellen Bindungen, wie etwa in der Familie oder der peer group verloren gehen und Vereinzelung, fehlende Solidarität und Unsicherheit immer öfter vorkommen.


The Fall of Public Man (Verfall und Ende des öffentlichen Lebens)[Bearbeiten]

In diesem Buch hat Sennett untersucht, wie die städtische Umwelt, also Gebäudeformen, der Verlauf von Straßen, die Kleidung der Leute, ihre Bewegunen und Körperhaltungen, sowie ihre Sprechgewohnheiten Fremde in einem öffentlichen Raum verbinden kann und was Menschen überhaupt in der Begegnung mit Fremden über sich selbst lernen.
Diesen Bericht setzte Sennet in weiteren Büchern fort, weil er einen wichtigen Unterschied zwischen Praxis und Theorie erhelle, so Sennett.


Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Richard Sennett ist einer der wichtigsten Soziologen der Gegenwart. Gerade durch die hohe Aktualität seiner Themen und sdurch einem eingängigen Stil wurden seine Bücher zu Bestsellern.
Maßgeblich hat er mit seinen Studien zur gegenwärtigen Urabinistikdebatte beigetragen. In seinen Werken bearbeitet er aus kulturhistorischer Sicht und soziologischer Perspektive Fragestellungen der historischen Entwicklung der Stadt, des Wandels der öffentlichen Kultur und der Auswirkungen des "neuen Kapitaismus" auf die Lebens- und Arbeitsformen der Individuen.

1969 gründete er das Cambridge Institute, ein soziologisches Forschungszentrum. 1975 gründete Sennett das New York Institute for Humanities, das sich an der New York University befindet. Es sollte die Basis eines Gremiums sein, dass den Austausch von Ideen zwischen Akademikern, Professoren, Politikern, Diplomaten, Journalisten, Musikern und vielen anderen Künstlern fördert. Derzeit umfasst es an die 150 Mitglieder.

Sein gesamtes Werk ist für die Gegenwartssoziologie von Bedeutung, da sich seine Gesellschaftsanalysen und Themen auf die Auswirkungen des globalisierten Wirtschafts- und Verwaltungssystems, sowie auf das Leben der hoch industrialisierten Staaten beziehen.


Internetquellen[Bearbeiten]