Soziologische Klassiker/ Tarde, Gabriel

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Grundstruktur des Kapitels:

Gabriel Tarde

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Gabriel Tarde

  • geboren am 12. März 1843 in Sarlat dans le Périgord, als Sohn einer altbekannten, gebildeten Familie
  • gestorben am 12. Mai 1904 in Paris


Eltern[Bearbeiten]

Vater – Untersuchungsrichter in Sarlat, Mutter – aus einer Juristenfamilie stammend


1877 heiratet er die Tochter eines Beraters am Berufungsgerichtshof in Bordeaux; 3 gemeinsame Söhne


Ausbildung[Bearbeiten]

  • 1861-1865 herausragende Leistungen bei den Jesuiten in Sarlat, Abitur
  • Tarde widmet sich in seinem Studium zum Teil der Philosophie
  • Aus gesundheitlichen Gründen (Kurzsichtigkeit, die nahezu zur Blindheit führte) zunächst Abbruch der Ingenieurausbildung,
  • schließlich Studium der Rechtswissenschaften in Toulouse und Paris
  • 1866 Abschluss des Studiums der Rechtswissenschaften in Paris


berufliche Daten[Bearbeiten]

  • 1867 Assistenzstelle am Gericht in Sarlat, schließlich dort 19-jährige Tätigkeit als Richter
  • 1894 Ernennung zum Leiter der kriminalistischen Abteilung des Justizministeriums in Sarlat
  • 1880 bis 1887 regelmäßige Publikationen in der Revue philosophique und in den Archives d`anthropologie criminelle. Korrespondenz mit vor allem italienischen Kriminologen
  • 1893 Tarde wird Ko-Direktor des Archivs für kriminelle Anthropologie. Regelmäßige Teilnahme an Arbeiten der Société générale des prisons
  • 1894 Ernennung zum Präsidenten der Internationalen Gesellschaft für Soziologie und Rechtswissenschaften
  • 1900 Tarde wird festes Mitglied der Akademie für Moralwissenschaft und Philosophie und erhält eine Professur für neuzeitliche Philosophie am Collège de France, wo er bis zu seinem Tod seinen Lehrstuhl hatte


Historischer Kontext[Bearbeiten]

Bis zu seinem 25. Lebensjahr war Gabriel Tarde durch sein schweres Augenleiden stark beeinträchtigt und widmete sich daher in dieser Zeit, mehr als dem eigentlichen Studium, seinen persönlichen Interessen, nämlich der Philosophie und der Literatur. Besonders beeindruckt war er vom Gedankengut Hegels und Cournots, und er befasste sich nachdrücklich mit den führenden Schriftstellern seiner Zeit. Dies waren Comte (1798-1857), Spencer, Maine de Biran, Renouvier, Taine und Renan.

Als Gabriel Tarde später seinen Justizdienst aufnahm und im Weiteren als Richter in Sarlat tätig war, pflegte er den Kontakt zu führenden italienischen Kriminologen wie Lombroso, Ferri und Garofolo.


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Gabriel Tarde schloss sich in seinem Gedankengut der Meinung Engels (1820-1895), des Mitbegründers des wissenschaftlichen Sozialismus, an, dass die Gesellschaft aus familiären Verbänden hervorgehe.


Außerdem meinte er, geprägt von Hegels (1770-1831) Idealismus und beeinflusst durch Karl Marx (1818-1883), dass die Geschichte als Stufenfolge verschiedener Rassen ablaufe. Unter den Begriff der Rasse fasst Tarde nicht nur die biologischen Hintergründe, sondern im Besondern auch das historisch, kulturell Gewachsene.


Zu Tardes Zeitgenossen zählen u.a. Soziologen wie Émile Durkheim (1858-1917) und René Worms (1861-1926). Während Durkheim in der Gesellschaft verstärkt das Überindividuelle sah, erkannte Tarde in ihr eine Gruppe von Menschen, die sich aufgrund von Nachahmung und Gegen-Nachahmung ähnlich sind. Worms sah, entgegen der Soziologie Tardes, organische Zusammenhänge zwischen Einzelnem und sozialem Ganzen.


Bei Ferdinand Tönnies (1855-1936) erfuhr Tarde großes Ansehen.


Werke[Bearbeiten]

  • Contes et poèmes, 1879
  • Les lois d`imitation, 1890 (Die Gesetze der Nachahmung, 2003)
  • La philosophie pénale, 1890
  • La criminalité comparée, 1890
  • Les transformations du droit. Étude sociologique, 1891
  • Études pénales et sociales, 1892
  • Les transformations du droit, 1893
  • Monadologie et sociologie, 1893
  • Essais et mélanges sociologiques, 1895
  • La logique sociale, 1895
  • Fragment de histoire future, 1896
  • L`opposition universelle. Essai d`une théorie des contraires, 1897
  • Écrits de psychologie sociale, 1898
  • Les lois sociales. Esquisse d`une sociologie, 1898 (Die sozialen Gesetze, 1908)
  • La transformation du pouvoir, 1899
  • L`opinion et la foule, 1901
  • La psychologie économique, 1902
  • Mitarbeit an zahlreichen Zeitschriften

Neben seiner beruflichen Tätigkeit schrieb Tarde auch Theaterstücke.


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Für Gabriel Tarde beruht Soziologie auf den psychologischen Wechselbeziehungen zwischen Individuen. Grundlegende Einflüsse auf den Menschen erfolgen durch Nachahmung und Imitation. Diese beschreibt er ausführlich in seinem Hauptwerk: „Die Gesetze der Nachahmung“, wobei er darzulegen versucht, dass die Gesellschaft selbst schon Nachahmung ist.


Tarde führt die zyklische Entwicklung der Gesellschaft auf das Prinzip der immerwährenden Imitation zurück, dem sich auch das Individuum unterordnet. Eine Nachahmung ist erfolgreich, sobald sie mit anderen Nachahmungen vereinbar ist. Demnach greift Tarde in seiner Soziologie den Gedanken auf, dass Nachahmung und Soziales in einem ähnlichen Zusammenhang stehen wie Biologie und Vererbung. So führte er beispielsweise die Emanzipation der Frau auf den Drang zur Nachahmung der ihnen überlegenen Männer zurück.


Weiters betont Tarde die kollektive wie auch die pluralistische Dimension in jedem gesellschaftlichen Zusammenschluss. Er richtet seinen Blick weniger auf Individuen und Gruppen als vielmehr auf die Handlungen und Ideen, nach denen diese Individuen und Gruppen klassifiziert werden können. Tarde untersucht die Gesetze der Vergesellschaftung zwischen dem verobjektivierten sozialen System und den individuell bewussten Entscheidungen oder Zwängen und stellt diese auf einer sogenannten chaosmotischen Ebene dar. Für Tarde gibt es bestimmte Variablen und Regularitäten, welche ein soziales Muster bilden.


Weiters prägt Tarde die Begriffe Erfindung und Entdeckung, womit er Neuerungen bzw. Verbesserungen sozialer Phänomene wie Sprache, Religion, Politik, Recht, Industrie und Kunst, auszudrücken versucht. Die Erfindung ist für ihn der Ausgangspunkt von Nachahmung, und erst durch Nachahmung erhält eine Erfindung soziale Bedeutung.


Auch trifft Tarde die Unterscheidung zwischen logischen und nicht-logischen Motiven für soziale Erscheinungen. Ähnlich wie bei der These Paretos strebt er dabei, durch Klarheit bei der Zielsetzung in den Handlungen, eine Zunahme an Rationalität an. Soziale Neuerungen solle man durch quantifizierende Einstellungsmessungen bewirken können.


In seiner Schrift La criminalité comparée (1886) erklärt er zudem, wie Kriminalität psychisch bzw. in erster Linie durch das soziale Umfeld verursacht wird. Für Tarde liefert die Psyche, mit Wunsch und Begierde, das Rohmaterial für die Vergesellschaftung. Damit nimmt er eine Gegenposition zu Cesare Lombroso (Professor für Psychiatrie und kriminelle Anthropologie an der Universität von Turin) ein, der die kriminelle Veranlagung in den Zusammenhang mit erblichen Anomalien stellte.


Entgegen der Darstellung Durkheims ist für Tarde das Individuum Ausgangspunkt für die Soziologie. Jegliche Theorien, die von einer Kollektivseele sprechen, weist Tarde zurück. Gesellschaft ist für ihn nur dort, wo Wechselbeziehungen zwischen Individuen bestehen.


Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Neben Émile Durkheim war Gabriel Tarde, wenngleich auch einer der kritischsten Gegner Durkheims, richtungweisend für die Soziologie in Frankreich. Bereits zu seinen Lebzeiten erfreute er sich einer großen Bekanntheit, die von Amerika bis Russland reichte. Wenngleich Tardes Position in Frankreich unter dem starken Einfluss der Durkheim-Schule stark gelitten hatte, so wurde er doch nach seinem Tod mit Klassikern wie Comte und Taine, Darwin und Spencer verglichen.


In den Vereinigten Staaten hatte Tarde besondere Wirkung auf James Mark Baldwin (1861 – 1943), den Begründer der Zeitschrift „American Journal of Psychology“, und auf Edward Alsworth Ross (1866 – 1951). In den führenden Handbüchern der 1920er bis 1940er Jahre zur Einführung in die Soziologie wird Tarde in den Vereinigten Staaten von Robert Park und Ernest Burgess eine ähnliche Bedeutsamkeit wie Émile Durkheim beigemessen.


Von besonderer Relevanz ist Tardes Theorie der Imitation geblieben, die eine handlungstheoretische Kernhypothese enthält. Imitation beinhaltet nämlich bei Tarde nicht die bloße Übernahme einer Handlungsdisposition, sondern zudem die Wahl einer offenen Fragestellung und die Situationsoptimierung. Außerdem liefert Tardes Werk einen wesentlichen Beitrag für die moderne Soziologie in der Auseinandersetzung zwischen Mikro- und Makroebene.


Literatur[Bearbeiten]

  • Bernsdorf, W.; Knospe H. [Hrsg.] (1980):
    "Soziologielexikon. Band 1. Beiträge bis Ende 1969, 2. neubearbeitete Auflage"
    Stuttgart, S. 432
  • Oesterdiekhoff, G.W. [Hrsg.] (2001):
    "Lexikon der soziologischen Werke"
    Wiesbaden, S. 50-51
  • Hillmann, Karl-Heinz [Hrsg.] (1994):
    "Wörterbuch der Soziologie, 4. überarbeitete und ergänzte Auflage"
    Stuttgart


Internetquellen[Bearbeiten]