Studienführer Hans Albert: Begründungsproblem

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Das Begründungsproblem, das Münchhausen-Trilemma und der Fallibilismus

Wahrheit zu haben ist immer möglich

Die Wahrheit auszusprechen, ist immer möglich. Zu wissen, dass man die Wahrheit gefunden hat, ist nicht möglich. Das ist die Quintessenz dieses Abschnitts " Das Begründungsproblem".

Überall, wo es nur zwei Möglichkeiten gibt und eine davon Realität werden muss ("morgen gewinne ich im Lotto oder ich gewinne nicht im Lotto"), kann man aufs Geratewohl einige der möglichen Aussagen aussprechen. Viele davon können wahr sein. Wenn ich unzählige solcher Sätze, bejaht und verneint, aufschreibe, muss die Hälfte davon die absolute Wahrheit sein, das heißt die von mir, dem Sprecher, unabhängige Wahrheit: Die Wahrheit auszusprechen, ist also immer möglich.

Wenn ich heute sechs verschiedene Zahlen zwischen 1 und 49 aufschreibe, können das tatsächlich diejenigen sein, die bei der nächsten Ziehung im Lotto gewinnen. Ich habe zufällig die Wahrheit hingeschrieben.

Wahrheit ist möglich. Aber kann ich wissen, dass ich die Wahrheit weiß?

Das Begründungsproblem

Die Philosophen der klassischen Begründungsvorstellung glauben tatsächlich, dass man wissen könnte, die Wahrheit gefunden zu haben, wenn man nur die richtige Begründung hätte. Typisch für diese Philosophen und für das Denken der meisten heutigen Menschen ist der Glaube an das, was Leibniz das Prinzip des zureichenden Grundes nennt. Im Alltagsdenken ist uns dieses Prinzip nicht richtig bewusst, es ist aber trotzdem lebendig und entspricht ungefähr folgender Leitidee: Wenn wir sicher wären, dass eine Aussage wahr ist, so gibt es einen wirklichen Grund für diese Aussage. - Das ist doch sehr einleuchtend, oder?

Gottfried Wilhelm Leibniz hat diesen Gedanken in seiner Monadologie (1714, Reclam 1954 und später), § 32, etwas gelehrter ausgedrückt:

  • Der Vernunftsgebrauch gründet sich auf "das Prinzip des zureichenden Grundes, kraft dessen wir erwägen, dass keine Tatsache wahr seiend oder existierend, keine Aussage wahrhaftig befunden werden kann, ohne dass ein zureichender Grund sei, warum es so und nicht anderes ist, obwohl uns diese Gründe in den meisten Fällen ganz und gar unbekannt sein mögen."

Diese Leitidee, lehrt Hans Albert, ist irreführend. Die Forderung nach einer solchen Begründung kann nie erfüllt werden und sie lenkt uns in ein geistiges Sumpfgebiet, dem man nur schwer wieder entkommt. Vor allem lenkt uns diese falsche Leitidee von dem Weg ab, der uns zu einem realistischen Umgang mit der Wahrheit führen könnte.

Auf diesen realistischen Umgang mit der Wahrheit kommen wir erst später wieder zu sprechen (siehe unten "Dritter Weg" und spätere Abschnitte). Wir wollen jetzt hören, warum die alte Leitidee unerfüllbar und irreführend ist.

Das Münchhausen-Trilemma

Eigentlich liegt das Problem auf der Hand: Wie immer die Begründung (für die Wahrheit einer Aussage) aussieht, wir können nicht wissen, dass sie wahr ist, wenn sie nicht ihrerseits begründet werden kann. Und diese Begründung muss auch wieder begründet werden. Wir haben ein Problem und drei vergebliche Lösungsversuche:

(1) Unendlicher Regress

Wer sicher begründen will, muss seine Gründe begründen, für diese wieder sichere Gründe nennen, für diese wieder usw. bis in alle Unendlichkeit (genannt 'unendlicher Regress' für 'nie endendes Zurückgehen zu den Urgründen').

Wie oft ist uns dieses Problem im Alltagsdenken schon einmal begegnet? Ziemlich selten. Allenfalls, wenn Kinder uns mit Fragen löchern! Dass zureichende Begründungen konsequenterweise auf einen 'unendlichen Regress' hinauslaufen würden, machen wir uns meistens gar nicht bewusst. Außerdem wenden wir einen 'Trick' an, der das Zurückgehen auf wahre Gründe vermeidet. Das ist ein 'Trick', mit dem viele Philosophen sich herausreden, warum sie nicht die ganze Begründungskette zurücklaufen müssen. Darüber mehr im folgenden Unterabschnitt.

(2) Abbruch des Verfahrens in gutem Glauben

Schauen wir uns dieses einfache Beispiel an:

Ist es wahr, dass Goethe nie in New York war? – Die rückschreitende Begründungskette könnte so aussehen:
(1) Begründung: Goethe war nicht in N.Y., weil wir davon nichts wissen.
(2) Begründung der Begründung: Wir wissen nichts davon, weil nichts davon in den Geschichtsbüchern und Goethebiographien steht.
(3) Begründung der Begründung der Begründung: Wenn Goethe wirklich in N.Y. gewesen wäre, hätte man das damals bemerkt und aufgeschrieben. Zwar war er wirklich mal ein paar Wochen verschwunden und tauchte dann in Italien wieder auf, aber er hätte unmöglich die lange Schiffsreise hin und zurück machen können, ohne dass seine Zeitgenossen und Biographen davon etwas bemerkt hätten.

Spätestens hier macht man sich lächerlich, wenn man immer weiter nach Begründungen fragt. Die letzte Begründung ist so einleuchtend, dass ein Weiterfragen wirklich nicht nötig ist.

An solchen Stellen angekommen, verzichten wir stillschweigend auf die strenge Begründung, weil wir auf Sätze stoßen, die wir für selbstverständlich, evident, einleuchtend oder offenbar wahr halten. Nur ein schrecklicher Pedant, denken wir, oder ein Philosoph, der seine Gelehrtheit vorführen will, wird hier noch eine weitere Begründung verlangen.

Aber Hans Albert ist weder ein Pedant, noch ein Philosoph, der seine Gelehrtheit vorführen will. Es ist ja nicht er, der eine Begründung verlangt, sondern der Begründungsphilosoph und jeder der in irgendeiner Weise an das Prinzip der zureichenden Begründung glaubt. Hans Albert erinnert nur daran, dass man dieses Prinzip in dem Augenblick aufgegeben hat, in dem man sich mit irgendwelchen "selbstverständlichen", "evidenten", "einleuchtenden", "offenbar wahren", "jenseits allen vernünftigen Zweifels" oder "unhintergehbaren" Aussagen zufrieden gibt.

Also auch, wenn man sagt: Wer immer argumentiert, zum Beispiel so wie Hans Albert, der hat schon die Mittel des Argumentierens stillschweigend akzeptiert. Man kann gar nicht ewig zurückschreiten, sondern muss bei den Mitteln des Argumentierens stehen bleiben und sie als unhintergehbar akzeptieren. – Okay, sagt Hans Albert, aber du hast deine Methode, die sichere Wahrheit zu begründen, aufgegeben.

Die Methode der zureichenden Begründung funktioniert also nicht. Die Begründungskette einfach ohne Begründung abzubrechen, mag man viele 'gute Gründe' haben, aber es sind keine zureichenden Gründe, keine, die die Wahrheit einer Aussage sichern.

Wenn man den Anspruch auf zureichende Begründungen aufgibt, hat man natürlich auch den Zweck des Unternehmens aufgegeben: den Nachweis von sicher wahrem Wissen.

(3) Die zirkuläre Begründung

Die Möglichkeit sicherer Wahrheitsbegründung hat sich als doppelte Illusion herausgestellt:

  • Den unendlichen Regress, der nötig wäre, sind wir nie gegangen, sondern wir haben ihn immer irgendwo abgebrochen.
  • Der Abbruch geschah nie bei einer nachgewiesenen Wahrheit, sondern bei Sätzen, für die wir glaubten, keinen Wahrheitsnachweis führen zu müssen oder führen zu können (etwa weil 'unhinterfragbar'). Aber damit hatten wir unbemerkt die klassische Methode der Wahrheitsfindung bereits aufgeben.

Es gibt noch eine dritte Möglichkeit der Selbsttäuschung: Die zirkuläre Begründung, bei der wir das, was wir beweisen wollen, unbemerkt voraussetzen. Ein Beispiel:

A: Warum gelten Naturgesetze? Warum fallen Steine immer von oben nach unten auf den Erdboden? Warum geht die Zeit nicht rückwärts? Warum geht die Sonne jeden Tag auf?
W (wie Wissenschaftler): Das haben wir ganz oft beobachtet!
A: Was oft geschieht, geschieht also immer?
W: Nein, natürlich nicht. Sondern wir sagen nur: Unter gleichen Umständen geschieht immer das gleiche. Daran glauben wir Naturwissenschaftler felsenfest. Bestimmte Ausnahmen, die wir genau kennen (z. B. der radioaktive Atomzerfall), behandeln wir etwas anders. In diesen Fällen gilt der Satz von den gleichen Umständen für das statistische Gesetz: Unter gleichen Umständen stellen sich immer die gleichen Wahrscheinlichkeiten ein.
A: Und warum ist wahr, dass unter gleichen Umständen das gleiche geschieht?
W: Weil auch dieser Satz durch unsere Beobachtungen, ja durch die gesamte Naturwissenschaft immer wieder bestätigt wurde.
A: Aber dann sind wir wieder bei der ersten unbewiesenen Behauptung: Was oft war, wird immer sein. Wir haben uns nur einmal im Kreis gedreht.

Auch der Wahrheitsnachweis durch eine zirkuläre Begründung ist logisch ungültig und nichts als eine Illusion.

Viele Naturwissenschaftler argumentieren noch heute so! Weil sie keinen Albert lesen.

Keine Beschränkung auf bestimmte Begründungsmethoden

Die klassische Begründungsmethode hat sich als dreifache Illusion erwiesen. Man hat lange an sie geglaubt, weil man fast nie so konsequent wie Hans Albert die drei Möglichkeiten durchgespielt hatte (Es gibt natürlich, wie immer, Vorläufer dieses Denkens. Aber wir wollen es hier nicht zu kompliziert machen.)

Hans Albert hat die drei vergeblichen Versuche, sich aus dem 'Sumpf' des klassischen Begründungsdenkens zu ziehen, das 'Münchhausen-Trilemma ' getauft; nach jenem Lügenbaron, dem es gelang, sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen.

Wichtig für alle Kritiker des Münchhausen-Trilemmas ist: Albert hat gezeigt, dass in das Münchhausen-Trilemma nicht nur derjenige gerät, der deduktive Begründungen sucht, der also die Wahrheit aus wahren Sätzen ableiten möchte. Vielmehr gerät jeder dort hinein, der sichere Wahrheitsbegründungen irgendwelcher Art zu finden versucht. Also auch induktive, transzendentale, phänomenalistische, existenzialistische usw. Begründungen können alles sein, nur keine sicheren Wahrheitsbegründungen. Auf diese Richtungen wollen wir hier nicht eingehen.

Albert hat auch gezeigt, dass in das Münchhausen-Trilemma gerät, wer statt auf wahre Sätze auf eine wahrheitssichernde Methode zurückzugehen versucht. Also wer zum Beispiel, bestimmte Grundstrukturen unseres Denkens und Argumentierens als unhinterfragbar erkennt, weil jedes Hinterfragen diese Grundstrukturen bereits voraussetzt, der hat damit etwas Interessantes untersucht, aber keinesfalls eine wahrheitssichernde Methode entdeckt.

Die Folge: Fallibilismus

Das Begründungsdenken, das nach einer sicheren Begründung sucht, muss man aufgeben. Diese Zielsetzung hat uns auf einen falschen Weg geführt:

  • Erstens haben wir eine Grundtatsache des menschlichen Lebens übersehen, den Fallibilismus, das ist die unaufhebbare Fehlbarkeit des Menschen. Erst wenn wir den Fallibilismus akzeptieren, beginnen wir ernsthaft daran zu arbeiten, auch unser sicherstes Wissen ab und zu einer Revision zu unterziehen. Nur wenn wir den Fallibilismus akzeptieren, werden wir immer weiter nach der Wahrheit suchen. Nur diese Grundeinsicht kann uns davor bewahren, wahrheitsbesitzende Dogmatiker zu werden und für irgendeine angebliche Wahrheit Menschen zu quälen oder ihr Leben als Opfer zu fordern.
  • Zweitens ist erst jetzt der Weg frei, nach einer besseren Methode zu suchen, die eine neue Art des "Begründens" ist: Alles, was wir tun können, um der Wahrheit näher zu kommen, ist Argumente für und gegen das heutige Wissen zu finden. Oder Argumente für und gegen eine neu erfundene Idee. Das heißt, Fehler suchen und sich nach Alternativen umsehen. Oder anders ausgedrückt, das heißt kritisch sein.
  • Dass es diesen anderen, besseren Weg gibt, der Wahrheit näherzukommen, muss deshalb schon hier genannt werden, damit nicht der Eindruck aufkommt, der Gedankengang des Münchhausen-Trilemmas führe zum Skeptizismus, also zum grundsätzlichen Zweifel an der Möglichkeit, der Wahrheit in objektiv nachvollziehbarer Weise näherzukommen. Skeptizismus ist bei Albert nicht die Konsequenz des Münchhausen-Trilemmas.
  • Niemand darf also behaupten, dass er die Wahrheit besitze. Denn es gibt keinen Nachweis für Wahrheit, also auch kein Anzeichen und kein Kriterium, das uns zeigen könnte, dass irgendein Satz, den wir vor uns haben, sicher wahr ist. Der Dogmatismus ist widerlegt.

"Später habe ich diese Idee der Unsicherheit oder der Fehlbarkeit aller menschlicher Theorien, auch der am besten bewährten, 'Fallibilismus' genannt. (Dieser Ausdruck kommt meines Wissens zuerst bei Charles Sanders Peirce vor.) Aber natürlich ist der Fallibilismus kaum etwas anderes als das sokratische Nichtwissen." Karl R. Popper, Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie. Aufgrund von Manuskripten aus den Jahren 1930-1933, Tübingen 2. verbess. Auflage 1994, S. XXI

"Auch der Wissbegierigste kann es in seiner Bildung zu keiner höhern Vollkommenheit bringen, als wenn er über die Unwissenheit, die dem Menschen eigen ist, recht unterrichtet erfunden wird (in ipsa ignorantia doctissimum reperiri)." Nicolaus von Cues: Von der Wissenschaft des Nichtwissens, S. 6. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 8959

Weder Dogmatismus noch Skeptizismus: Der dritte Weg

Das Münchhausen-Trilemma widersetzt sich dem Dogmatismus, ohne zum Skeptizismus gezwungen zu sein. Ein dritter Weg ist möglich, das behauptet der Kritische Rationalismus:

  • 1. Den Anspruch auf sicheres Wissen gar nicht erst erheben.
  • 2. Alles Wissen (und Handeln) ist fehlbar (Fallibilismus) und revidierbar (Revisionismus).
  • 3. Und das ist gut; denn nun gilt: Alles Wissen (und Handeln) ist stets verbesserbar.
  • 4. Nicht der Abbruch des Verfahrens an einer Stelle ist der Fehler; denn auch wer ohne Wahrheitsgewissheit argumentiert, muss irgendwo mit dem Argumentieren abbrechen.
  • 5. Der Abbruch erfolgt bei denjenigen Aussagen, die zum betreffenden Zeitpunkt als unproblematisch beurteilt werden.
  • 6. Wir bleiben demnach nicht bei Selbstverständlichkeiten stehen! Nichts ist 'selbstverständlich'. Das irreführende Wort 'selbstverständlich' ersetzen wir durch das umsichtigere Wort 'unproblematisch', und meinen damit derzeit unproblematisch.

Sprachregelungen

Wenn ein Richter uns auffordert, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen, dann müssten wir eigentlich lächeln und sagen: Das kann kein Mensch, und was unmöglich ist, darf kein Richter von uns verlangen. Wenn du hinzufügen sollst "so wahr mir Gott helfe", kannst du das ohne weiteres nachsprechen. Denn wenn du die Unwahrheit gesagt hast, hat dir Gott eben nicht geholfen. Aber bewusst die Wahrheit sagen, kannst du nicht, weil du so wenig, wie irgendein Mensch feststellen kannst, ob irgendein Satz wahr ist.

Was tun? Wir werden im Alltagsleben eben das Wort "Wahrheit" einfach weiterverwenden und darunter verstehen, sich nach bestem Wissen und Gewissen bemüht zu haben, die Wahrheit zu sagen. Und so lautet jetzt meist auch die richterliche Ermahnung. Es kommt ja nicht auf die Wörter an, sondern auf das, was wir mit ihnen meinen!

Ganz ähnliche Gedanken leiten uns bei der Verwendung des Wortes 'begründen'. Überdenken wir in dieser Hinsicht noch einmal die Frage: Wenn das klassische Begründungsdenken gescheitert ist, ist dann das Begründungsdenken überhaupt gescheitert?

Wenn wir das Wort "be-gründen" sehr wörtlich nehmen, dann könnten wir das Neugelernte anwenden und müssten uns eingestehen, dass das Zurückgehen auf die wahren Gründe nicht funktionieren kann.

Aber im Alltagsleben können wir uns von dem Wort "begründen" so wenig trennen, wie von der Aussage "das ist wahr!" und "das ist falsch!", obgleich wir nun wissen, dass es keine völlig sicheren Aussagen gibt. Wir wollen einfach künftig nicht mehr an das klassische Ideal denken, sondern etwas begründen heißt nun in neuem Sprachverständnis:

  • Argumente anführen und darauf hinweisen, dass trotz aller Suche danach keine Fehler und keine besseren Alternativen gefunden werden konnten.

Kritik des Münchhausen-Trilemmas

Alberts Münchhausen-Trilemma ist lange Zeit heftig diskutiert worden. Wir verweisen hier auf den Anhang zu seinem Traktat über kritische Vernunft (möglichst ab 5. Auflage: Mohr Siebecks UTB-Ausgabe), in dem er auf über 50 Kritiker eingeht. Viele davon kritisieren sein Münchhausen-Trilemma. Besonders ist auf die verwickelten Argumente von Karl-Otto Apel und Wolfgang Kuhlmann hinzuweisen und auf die im Anhang angegebene zahlreiche Originalliteratur.

Dieses Thema wird fortgesetzt im Abschnitt Der Letztbegründungsstreit.

Im Großen und Ganzen hat sich dank der stringenten Albertschen Argumente in den gebildeten Kreisen der Fallibilismus durchgesetzt, sogar bei den ehemaligen Opponenten. Herbert Schnädelbach, der sich der sogenannten Frankfurter Schule zurechnet (Quelle unten, S. 58), schätzte schon 1999 die Lage so ein:

  • "Heute sind wir alle Fallibilisten – sogar Habermas" (S. 54)

Quelle: Hans Albert, Herbert Schnädelbach, Roland Simon-Schaefer, Renaissance der Gesellschaftskritik?, Universitätsverlag Bamberg (1999), S. 54

Literatur

Nach Themen und dort jeweils chronologisch.

Hans Albert zum Begründungsproblem und Münchhausen-Trilemma

  • Albert, H., 'Das Problem der Begründung' in: Ders., Traktat über kritische Vernunft, Tübingen (Mohr Siebeck) 1968 und später, Kap. I.
  • Albert, H., Kritischer Rationalismus Tübingen (Mohr Siebeck) 2000, Kap. I.
  • Albert, H., 'Das Prinzip der zureichenden Begründung und das Münchhausen-Trilemma', in: Ders., Traktat über kritische Vernunft, Tübingen (Mohr Siebeck) 1968 und später, Kap. I, Abschn. 2.
  • Albert, H., 'Münchhausen und der Zauber der Reflexion', in: ders. Die Wissenschaft und die Fehlbarkeit der Vernunft, Tübingen (Mohr Siebeck) 1982, Kap. IV.
  • Albert, H., 'Rudolf Haller und das Münchhausen-Trilemma. Bemerkungen zur neuesten Version der Hallerschen Kritik', Conceptus 19 (1985), S. 101-102.
  • Albert, H., 'Münchhausen in transzendentaler Maske. Über einen neuen Versuch der Begründung praktischer Sätze', Zeitschrift für allgemeine Wissenschaftstheorie, Bd. XVI (1985), S. 341-356.
  • Albert, H., 'Die angebliche Paradoxie des konsequenten Fallibilismus und die Ansprüche der Transzendentalpragmatik', Zeitschrift für philosophische Forschung 41 (1987), S. 421-428.
  • Albert, H., 'Georg Simmel und das Begründungsproblem. Ein Versuch der Überwindung des Münchhausen-Trilemmas', in: Gombocz, W. G. et al. (Hrsg.), Traditionen und Perspektiven der analytischen Philosophie. Festschrift für Rudolf Haller, Wien 1989, S. 258-264.
  • Albert, H., Kritischer Rationalismus, Tübingen (Mohr Siebeck, auch als UTB-Taschenbuch) 2000, Abschnitt 1.

Klassische Denker des Begründungsproblems

  • Aristoteles, Zweite Analytik, hrsg. von O. Höffe, Hamburg (Meiner) 1976, S. 6ff. (Ihm war das Begründungstrilemma bereits bekannt. Er glaubte es, durch Zurückgehen auf evidente Dinge überwinden zu können, die er glaubte, nicht begründen zu müssen. Das aber heißt, dass er das Problem nicht in seiner ganzen Tiefe verstanden hatte. )
  • Sextus Empiricus, Grundriss der pyrrhonischen Skepsis (Hrsg. und übersetzt von Malte Hossenfelder), Frankfurt/M. 1999. (Auch ihm war das Begründungstrilemma bekannt. Aber er konnte sich daraus nicht befreien; es führte ihn zum Skeptizismus.)
  • Descartes, R., Discours de la méthode, Hamburg (Meiner) 1997; Ders., Meditationen über die Grundlagen der Philosophie (1641), Hamburg (Meiner) 1959, zum Begründunganspruch insbes. S. 43. (Descartes bezweifelte nicht nur sicheres Wissen, sondern versuchte, ausgehend von seinem "cogito ergo sum", sicheres Wissen auf klaren Einsichten aufzubauen.)
  • Leibniz, G. W., Monadologie, 1714, Stuttgart (Reclam) 1954 und später, § 31 und § 32 (L. formuliert dort, dass nur begründetes Wissen wirkliches Wissen sein könne.).

Neue Vertreter des Begründungsdenkens

  • Husserl, E., Logische Untersuchungen Bd. 1, Tübingen 1968; siehe dabei die einzelnen Stellen, auf die Albert in Albert 2000, S. 12 eingeht. - Zu Husserls Suche nach Gewissheit auch die kritische Studie: Kolakowski, L., Die Suche nach der verlorenen Gewissheit. Denkwege mit Edmund Husserl, Stuttgart 1977.
  • Dingler, H. Philosophie der Logik und Arithmetik München 1931 (wo Dingler Aussagen findet, die sich angeblich selber begründen, S. 22).
  • Lorenzen, P., 'Logische Propädeutik oder Vorschule des vernünftigen Redens (zusammen mit W. Kamlah), Mannheim 1967.
  • Apel, Karl-Otto: Transformation der Philosophie, Band I und II, Frankfurt/M. 1973.

Kritiker des Münchhausen-Trilemma

  • Haller, R., 'Über das sogenannte Münchhausentrilemma. In: Ratio 16 (1974), S. 113-127.
  • Hülasa, H., 'Baron Albert im Trilemma', Studia Philosophica 36 (1976), S. 84-89.
  • Friedmann, J., 'Bemerkungen zum Münchhausen-Trilemma', Erkenntnis 20 (1983), S. 329-340.
  • Speller, J., 'Ein Argumentationsspiel um das Münchhausen-Trilemma', Zeitschrift für allgemeine Wissenschaftstheorie XIX (1988), S. 37-61.
  • Wiebel, B., 'Münchhausen am Zopf und die Dialektik der Aufklärung', in: Donnert, E. (Hrsg.), Europa in der Frühen Neuzeit, Bd. 3: 'Aufbruch zur Moderne', Weimar/Köln/Wien 1997, S. 779-801.
  • Siehe viele weitere Kritiker im Abschnitt Der Letztbegründungsstreit

Debatte um Alberts Behandlung des Begründungsproblems

Zum Streit um neuere Versuche sicherer Begründung ("Letztbegründung") siehe die Literatur im Abschnitt Der Letztbegründungsstreit.

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