Verwirklichungschancen/ Die Grundidee

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Wie kann es sein, dass Menschen in Armut leben, verhungern und es in vielen Gegenden der Welt selbst an grundlegenden Mitteln für ein menschenwürdiges Leben fehlt? Die Menschheit verfügt doch über die Techniken und Möglichkeiten, diesen Mangel zu überwinden! Dabei ist die Frage nicht auf das Verhältnis von Entwicklungsländern und Industrieländern beschränkt. Auch in den reichen Gesellschaften, die über einen Überfluss an materiellen Gütern erfügen, gibt es Obdachlosigkeit, Diskriminierung, Ausgrenzung, medizinische Unterversorgung und unverschuldete Armut. Amartya Sen, der selbst aus einer wohlhabenden Akademikerfamilie stammt, hat sowohl Hungersnot als auch religiöse Gewalt schon als Kind miterlebt. Er schildert dies eindrücklich in seiner autobiographischen Skizze, die er anlässlich der Verleihung des Wirtschaftsnobelpreises geschrieben hat.[1] Vor diesem Hintergrund ist sein Werk als ein Beitrag zur Verbesserung der Lebensverhältnisse der Menschen in aller Welt, insbesondere aber in den Entwicklungsländern zu lesen.

Der Capabilities Approach ist ein Konzept, die angesprochenen Probleme zu untersuchen, zu strukturieren und Hinweise darauf zu geben, an welchen Stellen Verbesserungen notwendig sind. Er ist normativ, weil er nicht nur aufzeigt, wo und welche menschenunwürdigen Lebensbedingungen es gibt, sondern auch Grundanforderungen formuliert, inwiefern die Gesellschaft für alle ein Mindestmaß an Voraussetzungen für ein gutes und gelingendes Leben schaffen sollte. Er befasst sich also mit dem Wohlergehen (Well-Being) in den ökonomischen, sozialen, politischen und kulturellen Sphären des menschlichen Lebens. Die Attraktivität des Ansatzes liegt auch darin, dass er nicht nur die Darstellung und Beurteilung von Armut ermöglicht, sondern in gleicher Weise auf Fragen der Ungleichheit in den reichen Gesellschaften der Industrieländer angewendet werden kann. Das Konzept der Verwirklichungschancen umfasst damit Themen, die nahezu alle Felder der Politik betreffen. Es reicht von den Menschenrechten über Wirtschaft, Bildung, Gesundheit bis hin zur Sozialpolitik und zu Verteilungsfragen.

Die Grundidee des Ansatzes findet sich schon bei Aristoteles, auf den sich Sen ausdrücklich bezieht.

„Die philosophische Grundlage dieses Ansatzes kann bis zu den Schriften von Aristoteles zurückverfolgt werden, die eine tiefgehende Untersuchung des „für den Menschen Guten“ im Sinne eines „aktiven Lebens“[2] enthalten. Aristoteles untersuchte sowohl in der Ethik als auch in der Politik die ethischen und sozialen Implikationen, wenn man sich auf das menschliche Wohlergehen konzentriert, einschließlich eines „erfüllten Lebens“.“ (human flourishing)[3]

Die Ökonomie ist ein Teilgebiet der Politik und deren Ziel ist es, das Gute für den Menschen zu ermöglichen. Das Gute besteht nicht in Reichtum; dieser ist bestenfalls ein Mittel für ein gelingendes Leben. Für ein gutes Leben müssen die Voraussetzungen geschaffen werden. Der Mensch kann ein gutes Leben nur führen, wenn er die Möglichkeit bekommen hat, seine Fähigkeiten auch auszubilden. Den gesellschaftlichen Raum, der solche Möglichkeiten zur Verfügung stellt, nennt Sen Verwirklichungschancen (capabilities). Zu diesen gehört zum Beispiel die Möglichkeit, Bildung wahrzunehmen. Damit die Verwirklichungschance der Bildung gegeben ist, muss es Schulen geben, muss aber auch Kinderarbeit verboten sein. Die Verwirklichungschance besteht in der Freiheit, nach seinen Wünschen und Talenten zu handeln. Die dann in der Praxis erworbene Bildung nennt Sen „Funktion“ (functioning). Funktionen umfassen sowohl konkrete Fähigkeiten (eine Sprache zu sprechen) als auch Befähigungen (den Führerschein zu machen). Diese Ausrichtung auf die Realisierungsmöglichkeit von Chancen sieht Sen in der Bestimmung eines gelingenden Lebens bei Aristoteles bereits vorgezeichnet.

„Die aristotelische Sicht des für den Menschen Guten ist ausdrücklich mit der Notwendigkeit verknüpft, die „Funktion des Menschen“ sicherzustellen, und schreitet dann fort, ein „aktives Leben“ zu erkunden. Die Basis einer fairen Verteilung von Verwirklichungschancen auf Funktionen hat einen zentralen Ort in der aristotelischen Theorie der politischen Verteilung.“[4]

Die traditionellen Antworten der politischen Philosophie zum Konflikt zwischen Arm und Reich stammen aus dem 19. Jahrhundert. Zum einen forderte der Sozialismus in allen seinen Spielarten zur Beseitigung von Armut und Ungerechtigkeit eine Umverteilung von Macht und Gütern. Zum anderen behauptete der Liberalismus, dass mit Wirtschaftswachstum und steigendem Wohlstand auch das Elend der Benachteiligten zu überwinden sei. Diese Positionen spiegeln sich in den politischen Debatten in den unterschiedlichsten Schattierungen bis ins 21. Jahrhundert wider. Es ist richtig, dass die Industriegesellschaften einen weitgehenden Wohlstand erreicht haben, doch die Verteilung des Wohlstandes ist sehr ungleich und die Armut in den Unterschichten ist noch vorhanden. Schlimmer ist, dass die Armut in den unterentwickelten Regionen der Welt katastrophale Ausmaße angenommen hat und es trotz der Millenium Entwicklungsziele keinen wirklichen Konsens, zumindest kein wirkliches Bemühen, auf internationaler Ebene gibt, diese Zustände systematisch zu beseitigen.

Die politische Theorie, sei es beispielsweise die kritische Theorie der Frankfurter Schule auf der einen Seite, sei es der Marktliberalismus eines Friedrich Hayek auf der anderen Seite, verharrte lange in den althergebrachten Grundpositionen. Nach Marx und Mill hat sich die Diskussion über die richtige Gestaltung der Gesellschaftsordnung weitgehend auf die Ökonomie verlagert. Deren Modelle waren auf den rational handelnden Menschen ausgerichtet, wobei rationales Handeln mit dem Verfolgen des Eigeninteresses gleichgesetzt wurde. Wohlfahrt wurde mit Nutzenmaximierung und Nutzenmaximierung mit Einkommensmaximierung gleichgesetzt. Man schuf in der Volkswirtschaftslehre eine Makroebene, die sich mit dem richtigen Verhältnis von Angebot und Nachfrage befasst, und eine Mikroebene, in der die Entscheidungen des Individuums mit Methoden der Theorie der rationalen Wahl (Rational choice) und der Spieltheorie untersucht wurden. Am Ende wurde als Empfehlung für die Politik der klassische Gegensatz von Eingriffen und Laissez-faire auch in der ökonomischen Theorie fortgeschrieben. Stärker steuernden Konzepten des Keynesianismus stehen libertäre Ansätze wie der Monetarismus, Thatcherismus oder Reaganomics gegenüber. Allen diesen Ansätzen ist gemein, dass sie im Hinblick auf die soziale Gerechtigkeit keine Antwort haben.

Die meisten Ökonomen der Neoklassik haben normative Fragen ausgeblendet und die Volkswirtschaftlehre als positive Wissenschaft aufgefasst, auch wenn dies nicht ohne Kritik geblieben ist.[5] Amartya Sen stellt sich bewusst gegen diese Tradition der Ökonomen. Nach seiner Auffassung ist Ethik ein Thema, das in den Fragen der Ökonomie immer schon implizit enthalten ist.

„Es ist tatsächlich eine vertretbare Auffassung, dass Ökonomie zwei ziemlich verschiedene Ursprünge hat, deren Verhältnis zur Politik sich auf ziemlich verschiedene Weise ergibt, von denen der eine sich mit „Ethik“ befasst und der andere mit etwas, das man „Engineering“ nennen könnte.“[6]

Für Sen ist die ökonomische Theorie nicht rein deskriptiv. Vielmehr sucht Sen in der ökonomischen Theorie Ansätze, die helfen ein Vorgehen zu finden, mit dem die Politik zur Verbesserung des allgemeinen Wohlstandes beitragen kann. Mit dieser Auffassung hätte er im Werturteilsstreit eher auf der Seite Gustav von Schmollers als auf der Max Webers gestanden. Sen knüpft unmittelbar an Adam Smith an, dessen Absicht ebenfalls war, mit seiner ökonomischen Theorie zur Verbesserung des Wohlstandes der Nationen beizutragen. Sen bemüht sich zugleich, den häufigen Vorurteilen gegen Smith zu begegnen, die diesen auf den freien Markt, das Selbstinteresse und die „unsichtbare Hand“ reduzieren.

„Es ist erhellend zu eruieren, wie Smith’ Eintreten für „Sympathie“ in Ergänzung zu „Klugheit“ (einschließlich „Selbststeuerung“) sich in den Schriften vieler Ökonomen verliert, die die sogenannte Smith’sche Position in Hinblick auf Selbstinteresse und dessen Verwirklichung vertreten“[7]

Adam Smith ist für Sen viel mehr als der Urvater der Volkswirtschaftslehre und Verfechter eines freien Marktes. Das erste Hauptwerk von Smith, die Theorie der ethischen Gefühle, wird allzu oft übersehen und es wird auch prinzipiell ignoriert, dass Smith auch in seinem ökonomischen Werk sehr wohl gesehen hat, dass der Markt missbraucht werden kann und öffentliche Güter wie Bildung nur unzureichend zur Verfügung gestellt werden, so dass nach Smith in solchen Fällen das Eingreifen einer Regierung geboten ist.

„Die Unterstützung, die Anhänger und Advokaten eines selbstinteressierten Verhaltens bei Adam Smith gesucht haben, kann man tatsächlich kaum finden, wenn man ihn offener und weniger voreingenommen liest. Der Professor für Moralphilosophie und Vorreiter für Ökonomie hat vielmehr kein Leben in einer außergewöhnlichen Schizophrenie geführt. Tatsächlich kann genau die Verengung der breiten Smith’schen Sicht des Menschen in der modernen Ökonomie als einer der größeren Mängel der gegenwärtigen Ökonomischen Theorie angesehen werden. Diese Verarmung hängt mit der Distanzierung der Ökonomie von der Ethik zusammen.“[8]

Geld ist nicht alles. Einsichten dieser Art haben sich zwar immer gehalten, haben sich aber nicht in der allgemeinen Wirtschaftpolitik niedergeschlagen. International bekämpft man Handelshemmnisse, um dem Markt einen möglichst großen Spielraum zu schaffen. Dies war auch lange Politik der Weltbank. Lediglich in den Bereichen der Entwicklungspolitik (und national in der Sozialpolitik) wurde die Frage der Grundbedürfnisse (basic needs) diskutiert. Die politische Philosophie war in dieser Phase weitgehend sprachlos, bis John Rawls sein bahnbrechendes Buch eine Theorie der Gerechtigkeit im Jahr 1971 veröffentlichte. Rawls kommen mehrere grundlegende Verdienste zu.

  • Zunächst unterzog er den bis dahin vor allem im anglo-amerkanischen Raum dominierenden und mit der Wohlfahrtsökonomie eng verschränkten Utilitarismus einer grundlegenden Kritik.
  • Zum zweiten entwickelte er ein klares, einfach strukturiertes, allgemein nachvollziehbares und in sich schlüssiges (kohärentes) Konzept eines sozialen Ausgleichs in einem modernen, demokratischen Rechtsstaat.
  • Drittens knüpft seine außerordentlich tiefe und breite Begründung gedanklich an die Vertragstheorien von Locke, Rousseau und Kant an und liefert damit den modernen Gesellschaften westlicher Prägung eine theoretische Grundlage ihres Selbstverständnisses, die in Einklang mit ihren Traditionen steht.
  • Nicht zu unterschätzen ist viertens, dass Rawls’ Theorie die ökonomischen Vorstellungen der Sozialwahl und der Entscheidungstheorie mit einbezieht, also einen ideologischen Konflikt mit den dominierenden ökonomischen Sichtweisen vermeidet.

Für das Konzept der Verwirklichungschancen ist die Theorie von Rawls in zweierlei Hinsicht von großer Bedeutung. Sowohl Amartya Sen als auch Martha Nussbaum als die maßgeblichen Protagonisten dieses Ansatzes betonen, dass ihre Gedanken stark von Rawls beeinflusst sind und dass ihr eigenes Konzept nicht im grundsätzlichen Widerspruch zur Theory of Justice steht. Darüber hinaus formulieren beide Kritik an Rawls, um aufzuzeigen in welcher Hinsicht der Capabilities Approach bessere Lösungen für eine Konzeption sozialer Gerechtigkeit und ein Mindestmaß eines guten Lebens bietet.

Im Vordergrund steht die Frage, was der Mensch für ein gutes, gelingendes Leben benötigt. Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, dass jemand sagen kann, sein Leben sei wertvoll? Untersuchungsgegenstand kann sowohl die individuelle als auch die gesamtgesellschaftliche Lebenssituation sein. Die Informationsbasis der klassischen Ökonomie, aber auch von Rawls reicht nicht zur Beantwortung dieser Fragen aus. Sen betont, dass die Informationsgrundlage, das heißt die Faktoren, die zur Beschreibung und Untersuchung des Wohlstandes herangezogen werden. Erweitert werden muss. Zur grundlegenden Methode des Capabilities Approaches gehört es, den Wohlstand in einer Gesellschaft mit mehreren Kenngrößen und nicht nur mit dem Einkommen als eindimensionalem Maßstab zu erfassen, wie es bis dahin in der Wohlfahrtsökonomie üblich war.

Als Informationsbasis dienen aus Sens Sicht die individuellen Verwirklichungschancen, die aggregiert auch für Institutionen und die Politik den Informationskern und die Entscheidungsgrundlage bilden.[9] Materielle Güter und Ressourcen werden für diesen Zweck nur als, allerdings wichtige, Mittel und nicht als Selbstzweck betrachtet. Es geht vielmehr um Befähigungen, über die der Mensch verfügen muss, damit er sein Leben erfolgreich gestalten kann. Lebensziele stellen den eigentlichen, intrinsischen, Wert dar. Mittel haben nur eine instrumentelle Funktion, diese Ziele zu erreichen. Gegenstand empirischer Untersuchungen sind allerdings oft die Mittel wie Einkommen, Vermögen oder Bildung, weil entsprechende Daten über Zwecke und deren Erreichung zumeist nicht zur Verfügung stehen.

Die Frage nach den Befähigungen geht über die Konzepte, die sich auf den Lebensstandard und die Menschenrechte konzentrieren, insoweit hinaus, als sie die Forderung an die Gesellschaft beinhaltet, aktiv zur Entwicklung eines besseren Lebens aller Mitglieder der Gesellschaft beizutragen. Der Ansatz ist geeignet, Ungleichheit und Armut mehrdimensional unter Berücksichtigung verschiedener Einflussfaktoren zu beschreiben und Zielsetzungen sowie deren Erreichung für gesellschaftliche Entwicklungen darzustellen. Aus diesem Grunde wird der Ansatz insbesondere im Bereich der Entwicklungspolitik sowie in Hinblick auf die soziale Gerechtigkeit zunehmend diskutiert und verwendet.

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  1. Autobiography veröffentlicht auf der Homepage des schwedischen Nobelpreiskomitees
  2. Der Begriff „aktives Leben“ erinnert an die Bezeichnung „Vita activa bei Hannah Arendt
  3. The philosophical basis of this approach can be traced to Aristotle’s writings which include a penetrating investigation of ‘the good of man’ in terms of ‘life in the sense of activity’. Aristotle had gone to examine – both in Ethics and in Politics – the political and social implications of concentrating on well-being in this sense, involving ‘human flourishing’.” (Amartya Sen: Inequality Re-examined, Clarendon Press, Oxford 1992, 39)
  4. „The Aristotelian account of human good is explicitly linked with the necessity to ‚fist ascertain the function of man’ and it then proceeds to explore ‚life in the sense of activity’. The basis of a fair distribution of capability to function is given a central place in the Aristotelian theory of political distribution.“ (Amartya Sen: Capability and Well-Being, in: Martha Nussbaum und Amartya ‘’Sen (Hrsg.): The Quality of Life, Clarendon Press, Oxford 1993, 31-53, 46)
  5. Schon früh: Gunnar Myrdal: Das politische Element in der nationalökonomischen Doktrinbildung, Verlag neue Gesellschaft, 2. Aufl. Bonn 1976 (deutsch erstmals: 1932)
  6. „It is, in fact, arguable that economics has had two rather different origins, both related to politics in rather different ways, concerned respectively with ‚ethics’ on the one hand, and with what may be called ‚engineering’ on the other hand.“ (Amartya Sen: On Ethics and Economics, Blackwell, New York/Oxford 1987, 2-3)
  7. It is instructive to examine how it is that Smith’s championing of ‚sympathy’, in addition to ‚prudence’ (including ‚self-command’), has tended to be so lost in the writings of many economists championing the so called ‚Smithean’ position on self-interest and its achievements.“ (Amartya Sen: On Ethics and Economics, Blackwell, New York/Oxford 1987, 23)
  8. „The Support that believers in, and advocates of, self-interested behaviour have sought in Adam Smith, is, in fact, hard to find on wider and less biased reading of Smith. The professor of moral philosophy and pioneer economist did not, in fact, lead a life of spectacular schizophrenia. Indeed, it is precisely the narrowing of the broad Smithean view of human beings, in modern economics, that can be seen as one of the major deficiencies of contemporary economic Theory. This impoverishment is closely related to the distancing of economicts from ethics.” (Amartya Sen: On Ethics and Economics, Blackwell, New York/Oxford 1987, 28)
  9. „The capability approach to a person's advantage is concerned with evaluating it in terms of his or her ability to achieve various valuable functionings as a part of living. The corresponding approach to social advantage - for aggregate appraisal as well as for the choice of institutions and policy - takes the set of individual capabilities as constituting an indispensable and central part of the relevant informational base of such information.“, Amartya Sen: Capability and Well-Being, in: Amartya Sen und Martha Nussbaum (Hrsg.): The Quality of Life, Oxford 1993, 30