Zur Psychologie des Heimwehs: Interview

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5. Interview[Bearbeiten]

Bevor wir zur Durchführung und Erläuterung des Interviews kommen, möchte ich die angewandte Methode des qualitativen Interviews darstellen, um ihre technischen Aspekte und Vorteile zu verdeutlichen. Mein Grundgedanke zu den Interviews war, dass die Befragten selbst den Inhalt ihrer Darstellung bestimmen sollen und dass sie die Möglichkeit haben, eigene Ideen zum Thema zu entwickeln, ohne durch theoretische Vorkenntnisse beeinflußt zu sein.

5.1 Methodologische Kriterien des qualitativen Interviews[Bearbeiten]

5.1.1 Methodologische Prämissen des qualitativen Interviews[Bearbeiten]

Aus diesem Grunde wählte ich eine Form des Qualitativen Interviews, welches unter folgenden Prämissen durchgeführt wird. (nach: Siegfried LAMNEK: Qualitative Sozialforschung; Band 2: Methoden und Techniken; München 1989)

  1. Ein wichtiges methodologisches Kriterium ist die Offenheit: wie schon oben angedeutet, bestimmt der zu Befragende die erbrachte Information. Er hat die Möglichkeit, den Ablauf, die Dauer, den Inhalt und alle anderen äußeren und inneren Aspekte des Gespräches zu beeinflussen. Hierzu gehört auch die Fähigkeit des Interviewers, flexibel auf unerwartete Reaktionen des zu Befragenden einzugehen.
  2. Ein zweiter wichtiger Aspekt des qualitativen Interviews ist dessen Kommunikativität: Dieses Paradiga beinhaltet die äußere und innere Form des Interviews. Das betrifft sowohl die Sprache, den Ausdruck und die Mimik und Gestik der betroffenen Personen, wie auch die Umgebung und Situation, in der das Gespräch geführt wird.
  3. Der dritte wichtige methodische Aspekt des qualitativen Interviews ist der der Interpretativität: Die Aussagen des zu Befragenden werden nicht nur als Beleg für möglicherweise schon erstellte Theorien genutzt, vielmehr sollen sie als Grundlage und zur Entwicklung solcher Theorien dienen. (Dies gilt besonders in der von mir gewähl­ten Form des "problemzentrierten Interviews".)

5.1.2 Methodologisch-technische Aspekte des qualitativen Interviews[Bearbeiten]

Aus diesen methodologischen Grundsätzen des qualitativen Interviews lassen sich folgende "methodisch-technischen Aspekte" (LAMNEK, S.65) ableiten:

  1. Aspekt der Standardisierung (u.a. offene Fragen, Einzelfall, Länge des Interviews)
  2. Aspekt der Authentizität des Interviews (Sprache, Milieu, Situation)
  3. Aspekt der Atmosphäre ("kollegial-neutral" (ebd. S.66), nondi­rektiv)
  4. Aspekt der Auswahl (Zugang zum Interviewten)
  5. Aspekt der höheren Kompetenz des Interviewers und Interviewten
  6. Asymmetrie der Kommunikationssituation
  7. Aufzeichnungsgerät

Aufgrund der Hauptprämisse des qualitativen Interviews, der zu Be­fragende selbst bestimme Form und Inhalt des Interviews und wird somit aktiv an dessen Ablauf beteiligt, scheint mir der wichtigste technische Aspekt der (Nicht-)Standardisierung zu sein. Er impliziert die Authentizität des Interviews, d.h., dass der Interviewer die Sprache, das Milieu und die Situation des Befragten in der Formulierung seiner Fragen und Bemerkungen berücksichtigt. Es bedeutet auch, dass er (der Interviewer) zwar Fragen in der Form eines Leitfadens vorher sammeln kann, dass er ihre Reihenfolge aber im Laufe des Gespräches diesem anpasst, d.h. auch, dass Fragen, die in einem anderen Zusammenhang vielleicht schon angesprochen wurden, nicht nochmal ausdrücklich gestellt werden müssen. Die Fragen müssen aber immer, um den Erzählcharakter des Interviews zu garantieren, offen formuliert sein. Hieraus ergeben sich auch zwei weitere charakteristische Elemente des qualitativen Interviews: Es handelt sich dabei eher um eine Methode der Einzelfallforschung als um eine empirische Methode der Datenerfassung. Dafür spricht sowohl die längere Dauer des einzelnen Interviews, als auch die Prämisse, dass keine theoretischen Ansätze in dem Interview vorgestellt werden sollen. Dies ist die Voraussetzung für einen Bericht des Interviewten, der frei sein soll von möglichen Vorgaben oder Erwartungen des Interviewers. Um ein solches Gespräch möglich zu machen, bedarf es einer Atmosphäre, die als "kollegial-neutral" aber nondirektiv beschrieben wird. Der Interviewer muß die Kompetenz besitzen, eine für den zu Befragenden angenehme Situation zu schaffen. Das ist zum Beispiel möglich, indem man das Gespräch in seiner alltäglichen Umgebung führt und sich auf seinen Lebensrhythmus einstellt. Trotzdem sollte der Kontakt zwischen den Interviewpartnern über einen Dritten hergestellt werden, damit garantiert wird, dass kein Bekannter interviewt wird, der Interviewte aber eine Vertrauensbasis zu seinem Gegenüber hat. Außerdem ist somit gewährleistet, dass der zu Befragende auch kompetent ist, sich zum entsprechenden Thema zu äußern. Hier wird auch ein anderer Aspekt der von mir ausgewählten Inter­viewform deutlich, nämlich die der Anforderung an die beiden Ge­sprächspartner noch einer höheren Kompetenz der Gesprächsführung. Der Interviewer muß im Laufe des Gespräches in der Lage sein, spontan auf mögliche unerwartete Reaktion seines Gegenüber einzugehen. Er muß situationsbedingt handeln und kann die Fragen nur als eine Art Leitfaden nutzen. Der zu Befragende muß wiederum die Fähigkeit besitzen, seine Beiträge frei zu formulieren. Da er sich nicht an einem Fragebogen orientieren kann und er im Mittelpunkt des Interesses steht, muß er auch in der Lage sein, dieser Situation standzuhalten: Er muß eine eigene Vorstellung des Themas haben und diese muß selbständig erläutert werden. Ein anderer Aspekt des qualitativen Interviews ist die "Asymmetrie der Kommunikationsform". LAMNEK hält diese Ungleichheit der Redeanteile nicht für unnatürlich. Er vergleicht sie mit der Situation, dass eine Person erzählt, während die andere interessiert zuhört. Um diesen verschiedenen Aspekten gerecht zu werden, um ein kon­zentriertes Gespräch zu führen und es nachher in seinen Details zu interpretieren, ist es nötig, es so aufzuzeichnen, dass es später noch komplett wiedergegeben werden kann. Hierzu leistet eine Ton­bandaufzeichnung eine unverzichtbare Hilfe: Der Interviewer kann sich während des Gespräches voll auf die Aussagen des zu Befragen­den einlassen und dieser wird nicht durch Notizen unterbrochen.

5.2 Das problemzentrierte Interview[Bearbeiten]

5.2.1 Die Methode des Interviews[Bearbeiten]

Die Methode des problemzentrierten Interviews ist ein Teil einer problemzentrierten Forschungstechnik. WITZEL (1985) nennt sie eine "Methodenkombination bzw. -integration von qualitativem Interview, Fallanalyse, biographischer Methode, Gruppendiskussion und Inhaltsanalyse." (zit. nach LAMNEK, 1989, S. 74) Im Gegensatz zum narrativen Interview, in welches der Interviewer ohne jedes Konzept geht, um dessen Resultat als theoretische Grundlage seiner Erkenntnisse zu machen, ist das problemzentrierte Interview eine Kombination aus dieser rein induktiven Vorgehens­weise und der der Deduktion, in welcher der Forscher seine vorab formulierten Theorien anhand der erhobenen Daten bestätigen will. Das problemzentrierte Interview soll vielmehr dazu dienen, theoreti­sche Konzepte im Vergleich mit den Erfahrungswerten zu bestätigen oder gegebenenfalls zu modifizieren. Wichtig dabei ist, dass der For­scher sein Konzept in das Gespräch zwar mit einfließen läßt, er es aber nicht explizit vorstellt. Der Vorteil dieser induktiv-deduktiven Vorgehensweise ist, dass theoretisch erarbeitete Konzepte anhand von Daten bestätigt oder verworfen werden können. Vorkenntnisse des Forschers, und sind sie auch noch so undifferenziert, werden be­rücksichtigt. Dabei darf man aber die Gefahr nicht außer acht lassen, dass die vorausgegangene Beschäftigung mit dem Thema implizit in die Formulierung der Fragen oder der Gesprächsführung einfließen kann. Um diese Gefahr abzuwenden, ist es wichtig, die Offenheit des theoretischen Konzeptes gegenüber den Gesprächsinhalten zu wahren, diese zu bestätigen, zu modifizieren oder gegebenenfalls zu verwerfen.

5.2.2 Der Ablauf des Interviews[Bearbeiten]

Der Ablauf eine problemzentrierten Interviews gestaltet sich nach WITZEL in 4 Phasen. Phase 1: Die erste Phase dient zur Klärung der Form des Interviews. Sie soll ein offener Einstieg in die Interviewsituation sein, in dem das Thema umschrieben und somit auch eingegrenzt wird. Die erste Phase verläuft möglichst vor der eigentlichen Aufnahme, auch um den Befragten mit der Methode der Aufzeichnung vertraut zu machen. Phase 2: In der zweiten Phase soll der zu Befragende zum Erzählen stimuliert werden. Hier hat der Erzähler die Möglichkeit, frei sein Alltagserlebens zum Thema darzustellen. Mittel der Stimulierung können u.a. Erzählbeispiele oder ein Einstiegsfrage sein. In dieser Phase der "allgemeinen Sondierung" (ebd. S.75) wird dem Inter­viewten überlassen, was er zu dem vorgegebenen Thema zu berichten hat. Die Aufgabe des Interviewers ist es hier, aktiv zuzuhören, um in einem weiteren Schritt gegebenenfalls auf die einzelnen Punkte nochmal einzugehen. Phase 3: Diese geschieht dann in der Phase der "spezifischen Sondierung", in der die Möglichkeit besteht, die angesprochenen Aspekte und die vielleicht noch offenen gebliebenen Fragen anzusprechen. Hierzu stehen folgende Mittel bereit:

  • Die reine "Verständnisfrage": Hier hat der Interviewer die Gelegenheit, Fragen nach offengeblieben Aspekten in der Erzählung zu stellen. Er kann auch offen formulierte Fragen einfließen lassen, die das Gespräch noch vertiefen könnten.
  • Die "Zurückspiegelung": Durch die Wiederholung der vom Befragten gebrauchten Worte, wird ihm angeboten diesen Aspekt nochmal zu bedenken.
  • Die "Konfrontation": Hier wird der zu Befragende mit möglichen Widersprüchen in seine Aussagen konfrontiert. Dieses Mittel birgt die Gefahr der Klimaverschlechterung.

Phase 4: Die Phase der direkten Fragestellung zum Thema dient als Möglichkeit, das Gespräch mit einigen direkten Fragen abzuschließen. Diese Phase läßt auch zu, dass der Interviewer gezielt auf einen Aspekt eingeht, der ihm noch als wichtig erscheint, der aber in den Erläuterungen des Interviewpartners nicht angesprochen wurde. Diesem "Fahrplan" für ein qualitatives Interview, welches sich auf ein bestimmtes Thema richtet, stellt WITZEL noch eine weitere fakultative vor: Phase 0: Den vier genannten Phasen kann noch eine fünfte voraus­gehen, um die zu befragenden Person auf das Thema einzustimmen. Dies könnte, nach WITZEL, z.B. anhand eines kurzen, standardisierten Fragebogens geschehen, der eigentlich ein Mittel der quantitativen Datenerhebung ist. Außer dem genannten Vorteils, nämlich, dass der Interviewpartner sich vorab schon mit dem Thema beschäftigt, kann dieser Fragebogen auch später bei der Auswertung der einzelnen Interviews Hilfe leisten und dies besonders bei einer umfangreicheren Befragung. Zur Erfassung der Daten sind folgende Hilfsmittel nützlich:

  • der Kurzfragebogen: Er dient auch zur besseren Interpre­tation der einzelnen Inhalte, da er den nötigen Hintergrund bieten kann:
  • der Leitfaden: Er hilft dem Interviewer, eine Art Überblick über die von ihm erarbeiteten Bereiche zu behalten. Durch eine offen formulierte Frage kann der Forscher einen bestimmten Aspekt des Themas ins Gespräch einbringen.
  • Tonbandgerät
  • das Postskript: Es wird empfohlen, neben der Verschriftli­chung des Interviews auch einen Bericht darüber anzufer­tigen, was vor und nach dem Interview zum Thema gesagt wurde, oder welche Besonderheiten das Gespräch möglich­erweise hatte, die aus der Mitschrift nicht hervorgehen.

5.3 Das Interview[Bearbeiten]

Zu Beginn meiner Arbeit stand die Idee eines Versuchs, eine theore­tische Erklärung des Gefühls "Heimweh zu formulieren, um diese dann anhand von Interviews zu erläutern, zu verdeutlichen und wie­derzugeben, aber auch um sie möglicherweise zu modifizieren. Aus dieser Vorgabe heraus habe ich mich dazu entschieden, eine Form des qualitativen Interviews durchzuführen, weil diese am ehesten die Authentizität des zu Interviewenden bewahrt. D.h. in ihr hat er die Möglichkeit, seine Vorstellungen, Anregungen und Gedanken zum Thema zu äußern, ohne von vorgegebenen Fragen beeinflußt zu sein. Mir lag es vielmehr nahe zu erfahren, wie jemand das Gefühl der Sehnsucht nach seiner Heimat empfindet und auch wie er damit um­geht und wie er diese Krise versucht zu bewältigen (Coping-Verhalten).

5.3.1 Der Fragebogen[Bearbeiten]

Ich wählte deshalb die Form der offenen Fragestellung, um den In­terviewten anhand eines Leitfaden in die Situation zu versetzen, seine persönlichen Erfahrungen und Empfindungen zu schildern. Der vorformulierte Leitfaden diente dabei nur als Stütze für den Inter­viewer, bestimmte Aspekte während des Interviews zu berücksichti­gen, die ihm während der Beschäftigung mit dem Thema als wichtig und interessant erschienen. Es sollte aber auf keine Fall als bindendes Gerüst des Interviews verstanden werden. So konnte es vorkommen, dass die Reihenfolge der gestellten Fragen während des Interviews verändert wurden, dass einige Fragen auch weggelassen wurden und sogar, dass auf das Stellen von Fragen ganz verzichtet wurde. Der von mir angewandte Leitfaden steht insofern mit den theoretischen Vorgaben eines problemzentrierten Interviews in Zusammenhang, da seine Fragen sich in den einzelnen Phasen nach WITZEL (unter 5.2.2) wiederfinden lassen. Im folgenden Abschnitt möchte ich auf die einzelnen vorformulierten Fragen eingehen, um meine Intention zu erläutern.

  • Frage 1: Frage nach dem bisherigen Lebenslauf im Bezug zum Thema
Diese Frage sollte klären, in welchem Zusammenhang der zu Befra­genden zur genannten Problematik steht. Es soll deutlich werden, ob es in seinem Lebenslauf einen Moment oder ein Ereignis gibt, welches zum Ausbruch dieses Gefühls führte, ob er z.B. seine angestammte Heimat schon früh verlassen hat. Der Interviewte soll hier zum Erzählen stimuliert werden, u.a. soll ihm die Möglichkeit gegeben werden, sich die Situation zu vergegenwärtigen, in der er Heimweh empfunden hat. Diese Einstiegsfrage entspricht der 2.Phase der Darstellung Witzels zum problemzentrierten Interview: Zur Phase der "allgemeinen Sondierung")
  • Frage 2: Was empfindest Du, wenn Du über Heimweh nachdenkst?
Diese Frage soll schon, wie Frage 1, dem zu Befragenden die Mög­lichkeit geben, sich in die Situation einzufühlen, in der er Heimweh empfunden hat. Sie gehört somit auch in Phase 2. (Diese Frage stellte sich im Verlaufe der Interviews als überflüssig heraus)
  • Frage 3: Könntest Du ungefähr eine Situation beschreiben, in der Du Heimweh hattest?
Auch diese Frage gehört zu den Einstiegsfragen der Phase 2, mit deren Hilfe der Befragte zum Erzählen stimuliert werden soll. Während der Gespräche stellte sich aber heraus, dass die Interviewpartner von selbst ein Heimweh-Erlebnis schilderten, um ihr Empfinden an diesem zu erläutern.

Die folgenden Fragen gehören in die Phase 4 des Interviews, in der dem Interviewpartner die Möglichkeit gegeben wird, bestimmte Aspekte des Gesprächs aufzugreifen, indem er direkte Fragen zum Thema stellt, die seiner Meinung nach zu berücksichtigen sind.

  • Frage 4: Eine Untersuchung hat ergeben, dass Menschen, die unter Heimweh leiden, sich wärmer anziehen. -Wie wirkt sich das Gefühl von Heimweh auf Deinen Alltag aus?
Aus dieser Frage läßt sich ableiten, wie sich das aktuelle Gefühl des Heimwehs auf den Tagesablauf des Betroffenen auswirkt, ob er z.B. gestört wird oder vielleicht sogar erleichtert wird. Im Gegensatz zu dem möglichen Bewältigungsverhalten, ist hier mehr das Ausmaß des Erlebens gemeint.
  • Frage 5: Ich kenne jemand, der sagt, Heimweh sei ein Gefühl stärker als Liebe und Hass. -Ist es für Dich ein starkes oder stärkeres Gefühl?
Wie schon Frage 4, so zielt auch diese Frage auf die Intensität des Empfindens. Unter Vorgabe eines, vielleicht übertriebenen, Beispiels soll der Interviewte nachempfinden können, wie stark sich diese Ge­fühl des Heimwehs bemerkbar macht.
  • Frage 6: Hast Du bestimmte Mechanismen, mit Heimweh fertig zu werden, es vielleicht zu verdrängen?
Diese Frage nach den Mechanismen, wie der Betroffene mit dem Heimweh umgeht, richtet sich auf das Verhalten, um dieses Gefühl zu bewältigen. Ist es ein Gefühl, welches rational erklärbar ist und somit ein wenig erträglicher, oder sind andere Mechanismen dazu nötig? Problematisch bei der Formulierung der Frage ist vielleicht der Hinweis auf die Möglichkeit der Verdrängung, der die Antwort beeinflussen könnte.
  • Frage 7: Hat sich das Gefühl des Heimwehs von der Kindheit bis heute verändert?
Ein Gefühl wird von Kindern anders erlebt als von Erwachsenen.
Kinder sind noch nicht unbedingt in der Lage, eine extreme Situation, wie die Trennung von seiner gewohnten Umgebung mit ihren sozialen Bindungen und der persönlichen Geborgenheit, kognitiv zu verarbeiten, um sie leichter zu bewältigen. Deshalb ist es möglich, das junge Menschen intensiver auf Heimweh reagieren als Erwachsene, die die Fähigkeit besitzen, eine zeitlich begrenzte Krisensituation zu überstehen.
  • Frage 8: In dem Wort "Heimweh" steckt der Begriff "Heimat". Welche Bedeutung hat dieser für Dich?
Hier soll der zu Befragende einen Bezug herstellen zwischen seinem Heimweh und seiner Heimat. Was bedeutet für ihn "Heimat", welche Relevanz hat dieser Begriff in diesem Zusammenhang? Ist Heimat ein persönlich wichtiger Wert im emotionalen Haushalt oder spielt er hier eine untergeordnete Rolle? Ist Heimat heutzutage überhaupt noch ein akzeptabler Begriff oder sollte man eine solche Ortsbezogenheit überwunden haben?

5.3.2 Das Postskript[Bearbeiten]

Das vorliegende Interview wurde am 14.Dezember 1993 in der Wohnung der Probandin durchgeführt. Es fand außer der vorherigen Terminabsprache kein Vorgespräch statt. Die Tonbandaufnahme dauerte 34 Minuten, wobei das Gespräch über das Thema mehr Zeit in Anspruch nahm. Die Probandin wurde mir durch eine Freundin vermittelt, welche mich auf ihre starke Betroffenheit vom Gefühl des Heimwehs aufmerksam machte. Die Probandin befand sich zur Zeit des Interviews in einer Prüfungsphase, welche sich, nach ihren An­gaben, auf ihr momentanes Befinden niederschlug. Schon bei der Einführung in die Thematik und beim Einstieg in das Gespräch war besonders auffallend, wie interessiert die Probandin am Thema war. Das wurde deutlich, als sie vor allem Fragen über die möglichen Ursachen dieses Gefühls stellte. Dieses Bedürfnis nach einer Erklärung über die Herkunft ihrer "Krankheit" führte während des Gespräches zu einer längeren Unterbrechung, in der sie wiederholt nach theoretischen Ansätzen zu diesem Thema fragte. Diesen Teil des Interview habe ich herausgenommen, da dessen Inhalt nicht zur Klärung unserer Fragestellungen beiträgt, er ist aber ein wichtiges Beispiel für das Ausmaß, welches dieses Gefühl im Leben des Betroffenen haben kann. Das Gespräch fand in einer angenehmen, warmen Atmosphäre statt. Die Probandin versuchte, sehr dicht an ihr Empfinden heranzukom­men, welches sie im Zustand des Heimwehs hat.

5.4 Die Auswertung[Bearbeiten]

5.4.1 Die Gefühlsbeschreibung[Bearbeiten]

Zu Beginn der Auswertung des Interviews, welches ich ausgewählt habe, möchte ich auf die Passagen des Gespräches eingehen, die das Gefühl des Heimwehs beschreiben. Hierbei scheint mir die Formu­lierung eines "totalen Verlassenheitsgefühls" (Zeile 56) eine sehr prägnante Wiedergabe des Empfindens zu sein. Die Interviewte macht den Vergleich mit einer Form der Ohnmacht: "...es ist ganz schwer, da wieder zu sich zu kommen." (Z. 56f.) Eine Ohnmacht, die die Betroffene überkommt, die aber ihren ganzen Gefühlszustand durchdringt und beherrscht: "Es ist so ein Gefühl, das bahnt sich so leise an, (...),aber irgendwann ist so der Bann gebrochen und man kann irgendwie nicht mehr anders, als sich schlecht (zu) fühlen." (Z. 49ff.) Für die Probandin ist dieser Zustand nicht nur eine seelische, gefühlsmäßige Betroffenheit ("Ja, und als ich dann das erste Wochenende zu Hause war, da (...) bin ich in Tränen ausgebrochen, sobald jemand das Wort "Köln" in den Mund genommen hat." Z. 122ff.), sondern sie macht sich vorallem körperlich bemerkbar. "Heimweh-Attacken", "da habe ich die ganze Zeit auf dem Klo ver­bracht..." (Z. 46ff.) "Ich hatte auch solche Magenschmerzen, ich konnte auch nichts mehr essen,..." (Z. 111f.) Ein wichtiger Faktor für das Gefühl des Verlassenseins ist der sub­jektiv empfundene Grad der Geborgenheit. Dieser kann schon aus­reichend erfüllt sein durch die Anwesenheit einer gewohnten, ver­trauten Person: " Es muß meistens nur ein Mensch dabei sein, mit dem man sich gut versteht, den man gut kennt und mit dem man da wirklich zusammen auch ist und dann ist das überhaupt kein Problem mehr. (...) das muß schon ein engerer Bekannter sein." (Z. 148ff.) Das Gefühl der Trennung ist dabei schon gelindert oder sogar aufgehoben: "Und dann (...) haben wir die ganzen anderen wiedergetroffen, und ab da war es wie weggeblasen." (Z. 222f.) Die Interviewpartnerin unterschied auch das Gefühl des Heimwehs von allen anderen starken Gefühlen, wie z.B. das der Liebe oder des Hasses, da es für sie gerade mit körperlichen Symptomen verbunden ist. "Es ist ein ganz außergewöhnliches und einzigartiges Gefühl, (...), weil es halt auch die körperlichen Symptome hat,..." (Z. 177ff.) Sie vergleicht das Heimwehgefühl mit dem der Angst (Z. 182f). Es ist also ein Gefühl, welches die Funktion erfüllt, das Individuum vor einer vermeidlich gefährlichen Situation zu schützen. Ein Gefühl, welche uns alarmiert, indem es uns erst emotional lähmt, um uns dann zum Handeln aufzufordern. Hier können wir einen Zusammenhang zwischen dem menschlichen Angstverhalten und dem Gefühl des Heimwehs erkennen. Angstverhalten ist für BOWLBY eine natürliche Disposition, die er sich parallel zum Bindungsverhalten aneignet (siehe unter 2.2.3). Auch diese hat die Funktion, den Menschen vor Gefahren zu schützen. Angst, wie auch Heimweh, sind also Mechanismen, die dem Individuum helfen sollen, eine adäquate Reaktion auf eine gegebene Unsicherheit zu leisten.

5.4.1.1 Reaktanzverhalten beim Heimweh[Bearbeiten]

Wie schon unter 4.3. erläutert, ist das Heimweh ein Gefühl, welches durch die Tatsache entsteht, dass die menschliche Psyche dazu neigt, eine vermeidliche Alternative wegen ihrer Unerreichbarkeit aufzu­werten. Mit anderen Worten: Die verlorene oder verlassene Heimat gewinnt allein durch ihre Abwesenheit an Attraktivität. Dieses defizi­täre Gefühl wird dadurch verstärkt, dass sich die betroffene Person in einer extremen psychischen Situation befinden kann, dass sie zum Beispiel auf der Suche nach neuen Bindungen am neuen Aufenthaltsort ist: "... wir sind auch immer zusammen 'rumgezogen (...) und ich weiß nur noch, dass ich in den ersten zwei Tagen (...) wirklich wie bescheuert hinter denen hergerannt bin, (...) und (ich) total weg war, also mir ging es einfach nur total schlecht... vor Heimweh. Obwohl ich wußte: Ich bin in viereinhalb Tagen schon wieder zu Hause,..." (Z. 94ff.)

5.4.2 Die Formen des Coping-Verhaltens[Bearbeiten]

Nachdem ich die Beschreibung des Erlebens von Heimweh einer Betroffenen erläutert habe, möchte ich nun auf die verschieden For­men eingehen, diese Gefühl zu bewältigen, d.h., da es als negativ und schmerzlich empfunden wird, mit ihm umzugehen, es vielleicht sogar zu lindern oder "abzustellen". Wie schon in Kapitel 4 erwähnt wurde, gibt es verschiedene aktive Formen der Bewältigung eines seelischen Zustandes:

  • die Aggression
  • die Regression
  • die Verdrängung
  • die Rationalisierung

Diese Bewältigungsformen haben den gemeinsamen Charakter: Alle vier Formen werden vom Betroffenen aktiv angewandt, sie sind zwar in ihrer Auswirkung verschieden, der Betroffene aber handelt aktiv. Ich möchte hier einen fünften, in unserem Zusammenhang wichtigen Punkt, anfügen. Er ist ein Bestandteil der Reaktanztheorie Brehms: Dieser behauptet in der dritten Form des Reaktanzverhaltens (vgl. 4.3), dass der Betroffene, sobald er die Unmöglichkeit einer Wiederherstellung seiner Entscheidungsfreiheit erkannt hat, auf die­sem Verlust "sitzenbleibt", ihn somit akzeptieren muß. Diese Form der Akzeptanz kann sich für den Betroffenen aber nur als Frustration bemerkbar machen, da er unfreiwillig auf die attraktivere Alternative verzichten muß. Hieraus resultiert dann eine passive Form des Co­pings, nämlich die Kapitulation gegenüber dem Schicksal: "(...) ich glaube auch, dass es immer so bleiben wird, dass es einfach so in mir drin ist und ich kann da nichts daran machen und das ist eben so, Pech gehabt." (Z. 258ff.) Im Folgenden möchte ich anhand einiger Beispiele aus dem Interview die Formen des Coping-Verhaltens beim Heimweh verdeutlichen. Auf die Frage "Hast Du Dir ein Verhalten angeeignet, damit (dem Gefühl des Heimwehs) umzugehen?" (Z. 193) nennt die Probandin selbst folgende Formen des Coping-Verhaltens:

  • das Gefühl zu "überspielen", d.h. es zu "verdrängen"oder -"zu versuchen, sich rational (...) mit dem Kopf klar zu machen,

wie unsinnig das ist." (Z. 202ff.) Sie ist sich somit selbst bewußt, welche der oben genannten Formen des Coping-Verhaltens im Falle von Heimweh häufiger auftreten:

  • die der Verdrängung und
  • die der Rationalisierung.

Der Mechanismus der Verdrängung wird auch an anderer Stelle deutlich: " Als ich da abends ins Bett gegangen bin, hatte ich schon wieder so ein ganz leichtes mulmiges Gefühl im Bauch, (...). Wo ich dann aber gesagt habe: So jetzt schnell pennen und einfach nicht mehr dran denken." (Z. 207ff.) Diese Verdrängung des Heimwehgefühl kann den selben Erfolg der Bewältigung haben, wie die Tatsache, dass die Anwesenheit eines Bekannten dieses Gefühl des Verlassenseins schon auflösen kann: "Und das hat dann auch irgendwie funktioniert." (Z.211) Dabei aber bleibt die Frage offen, ob der Bekannte als ein Teil des Heimat-Ganzen dieses kompensieren kann, oder ob er doch nur von dem Gefühl Heimweh ablenkt. Eine andere wichtige Verhaltensform ist die Bewußtwerdung des Problems, die Rationalisierung. Sie bedarf der Fähigkeit des Betrof­fenen, dieses Gefühl zu akzeptieren: " ... also ich habe mich damit abgefunden." (Z. 253f.) Die Rationalisierung kann aber zu einem inneren Widerspruch zu dem Gefühl führen, da die Betroffene zwar wahrnimmt, dass sie dieses Gefühl für sich kennt, sich aber nicht die Gründe dafür erklären kann: "Dazu muß ich sagen, dass ich eigentlich nicht glaube, dass ich so ein Typ bin, wo man normalerweise sagen würde: Klar, der hat ja Heimweh. Weil ich erstens nicht so eine tolle Bindung zu meinen Eltern hatte,(...) also nicht, dass man sagen könnte, ich bin von (daher) verwöhnt, (...). Außerdem würde ich mich sehr als kontaktfreudig einschätzen,..." (Z. 73ff.) Eine Rationalisierung des Gefühls führt auch dazu, dass man sich in Zukunft mit dieser Tatsache arrangiert, dass man sein weiteres Leben, beruflich wie auch privat, auf diese Empfindung einstellt. Die Probandin macht dies in folgender Aussage deutlich: "...nach dem Abitur, habe ich immer überlegt: was soll ich machen? (...) meine Eltern haben immer sehr das unterstützt, dass ich vielleicht ein Jahr Au-pair (...) in Frankreich. Aber ich habe das deswegen mich auch nicht getraut.(...) ich wußte zwar, das geht dann irgendwann wieder weg, aber ich dachte: Die erste Woche, die ist dann so hart, das will ich mir nicht zumuten." (Z. 66ff.) In dieser rationalen Akzeptanz schwingt auch eine Art der Resignation mit: "Oh Gott, geh' bloß nicht irgendwann nochmal allein ins Ausland, das schaffst du einfach garnicht." (Z.63ff.) An einer anderen Stelle führt die Probandin das Gefühl des Heimwehs auf ihre Unreife zurück: "Ich kann mir nur sagen: Eigentlich müßte ich (Lachen) immer weiter so mich entwickeln, oder immer erwachsener werden, (...) immer selbständiger werden, vielleicht und im Zuge dessen auch immer weniger Heimweh haben, also immer fähiger werden, irgend wohin mal alleine wieder zu gehen, so für längere Zeit." (Z. 236ff.) Natürlich empfindet sie diese Unreife subjektiv, da sie versucht, eine Erklärung für ihr Ausgeliefertsein gegenüber dem Gefühl des Heim­wehs zu finden. Wie groß dieser Druck auf sie wirkt, der eine Folge ihres starken Empfindens des Heimwehgefühls ist, läßt sich an zwei Aspekten des Gesprächs gut wiedergeben:

  1. In der langen Unterbrechung am Ende des Interviews beharrte die zu Interviewende auf eine Erklärung über die Entstehung von Heim­weh; sie wollte sich nicht mit der Tatsache ihres Empfindens abgeben, sondern sie suchte nach einem Grund, nach einer Ursache, die möglicherweise in ihrer Kindheit liegen würde.
  2. Ein anderer, wichtiger Aspekt für diesen Leidensdruck der Betrof­fenen ergibt sich aus der Tatsache des wiederholten Lachens der Probandin. Lachen ist ein Ausdruck von seelischer Betroffenheit. Der Mensch versucht, durch Lachen Abstand von einer ihm unange­nehmen Situation zu gewinnen. Das Lachen ist aber gerade an den Stellen des Gespräches zu finden, an denen die Interviewpartnerin sehr dicht an ihrem persönlichen Empfinden des Heimwehgefühls ist. Das Lachen scheit auch deshalb eher gequält, da sie versucht, eine Distanz zu der Thematik vorzugeben, die sie aber noch nicht erreicht hat. vgl. Zeile 105-114)
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