Zur Psychologie des Heimwehs: Heimweh

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4. Heimweh[Bearbeiten]

4.1 Begriffserläuterung[Bearbeiten]

Hier möchte ich die Erläuterung der Begriffe Trennung -Bindung und Heimat abschließen, um jetzt explizit auf den des Heimwehs einzugehen. Bevor ich einen Überblick über die geschichtliche Entste­hung des Begriffs gebe, möchte ich selbst einen ersten Versuch einer Definition machen. Hierfür scheint es mir hilfreich, einen kurzen Exkurs über die Grundideen F. KRUEGERs zu einer Gefühlstheorie zu machen:

4.1.1 Exkurs: Gefühlstheorie F. KRUEGERs[Bearbeiten]

Der Begriff "Gefühl" wird alltäglich in jedem möglichen Zusam­menhang benutzt. Gefühle sind uns allgegenwärtig, sie beeinflussen direkt oder indirekt unser Tun und unser Befinden. Aber die Frage bleibt häufig offen: Was sind Gefühle, woher kommen sie, welche sind ihre Funktionen? Der Psychologe Felix KRUEGER fordert in dem Buch "Zur Philosophie und Psychologie der Ganzheit" (Hrsg. E. Heuss; Berlin, 1953) eine Strukturierung der Komplexität von Gefühlen. In den Kapiteln 5 ("Tiefendimension und die Gegensätzlichkeit des Gefühlsleben"; 1918) und 6 ("Das Wesen der Gefühle: Entwurf einer systematischen Theorie"; 1928) versucht er eine theoretische Basis zur Erforschung dieses wichtigen Gebietes zu entwickeln. KRUEGERs Theorie der "Ganzheitspsychologie" geht auf den Ansatz W. WUNDTs zurück, der schon 1874 von "drei -in sich bipolaren -Hauptrichtungen der Gefühlsqualität" (zit. nach: KRUEGER; 1918) sprach. Er betrachtete die Gefühle als Phänomene, welche sich zwischen drei Polen Erregung -Beruhigung Lust -Unlust Spannung -Lösung befinden. WUNDT versucht mit diesem Modell zu verdeutlichen, dass ganz ver­schiedene Gefühle immer zwischen diesen Extremen anzuordnen seien und dass ihre Beschreibung somit erleichtert werden kann. An­dere Autoren reduzierten dieses Modell auf die Polarität Lust -Unlust. Für KRUEGER ist diese Beschränkung aber nicht glücklich, da diese Form der "Zweidimensionalität" der Komplexität der Gefühle nicht gerecht werden könne. Er entwickelte daher, angelehnt an WUNDT, ein Modell, welches zwei Charakteristika der Gefühle besonders betont:

  1. ihre "Komplexqualtitäten" (KRUEGER; 1928, S.204) d.h. ihre Ganzheit
  2. die Tiefendimensionalität, d.h. ihre Gegensätzlichkeit


1. Die Ganzheit der Gefühle

Die Ganzheit der Gefühle beinhaltet ihre Komplexität. KRUEGER be­schreibt, dass Gefühle immer aus Teilkomplexen bestehen, die wie­derum ihre eigenen Qualitäten ("Komplexqualitäten") haben. Zu die­sen "Gefühlselementen" gehören auch die o.g. Begriffspaare. Wichtig ist hierbei die "unscharfe, gefühlsartige Gegebenheit" der Erlebniswelt zu berücksichtigen. Dieser Faktor der Unschärfe ist auch ein Grund, die Ganzheitlichkeit des Gefühlserlebens hervorzuheben. Denn diese Eigenschaft läßt das Gefühl zu einem diffusen Erlebnis werden, welches mehr ist, als nur die Summe seiner verschiedenen Komplexqualitäten. Deshalb entwickelte KRUEGER die Idee einer Ganzheitspsychologie. Für KRUEGER ist das gefühlsartige Erleben überhaupt die erste, ge­netisch früheste und echteste Art des Erlebens. Hier kann man eine Zusammenhang sehen zu HEGELs "Phänomenologie des Geistes" (Bamberg, 1807), in der beschrieben wird, dass die sinnliche Stufe des Menschen ("sinnliche Gewissheit") die Basis für seine geistige Entwicklung ist. Auch bei HEGEL ist diese Stufe unmittelbar an die Relation Subjekt -Objekt gebunden und verbleibt auf einer nonver­balen Ebene.10 2.Die Tiefendimensionalität der Gefühle Bei der Tiefendimensionalität der Gefühle handelt es sich um die Frage, ob die Begriffspaare Erregung -Beruhigung, Lust -Unlust, 10 Die zweite Stufe nennt HEGEL dann "Wahrnehmung", in der das Objekt verbalisiert wird; seine Eigenschaften werden dabei auf das scheinbar Wesentliche beschränkt und der Bezug zum wahrnehmenden Objekt ist nur noch mittelbar. Spannung -Lösung im Gegensatz zueinander stehen oder ob sie sich ergänzen. Ist die Gegensätzlichkeit keine allgemeine Eigenschaft der Gefühle oder läßt sich diese auf den Konflikt Lust -Unlust be­schränken? Für KRUEGER stellt sich diese Frage nicht, für ihn beinhal­tet jedes Gefühl einen angenehmen und unangenehmen Aspekt, die Grenze zwischen den einzelnen Begriffspaaren ist sehr unscharf zu ziehen. Ein Gefühl ist nicht exakt zu beschreiben, gerade diese Ei­genschaft macht ein Gefühl zu einer Empfindung, die es von realen Erscheinungen unterscheidet. Die Tatsache, dass KRUEGER an den wichtigsten Punkten seinen "Ganzheitstheorie" mit der Unschärfe von gefühlsartigem Erleben argumentiert, macht es seinen Kritikern leicht, seine Ideen in Frage zu stellen. Es ist aber vor allem der konsequente Schluß aus der Tatsache, wie schwierig es ist, eine Erlebensstufe zu beschreiben, die gerade durch ihre Nichtsprachlichkeit hervortritt. Auch KRUEGER wird dem Gesamtbild der Gefühlswelt nicht gerecht, aber sein Verdienst ist es, dieses wichtige psychologische Phänomen aus seiner wissen­schaftlichen Versenkung herauszuholen und eine systematische Me­thode zu entwickeln, die der Komplexität des Themas gerecht wird.

4.1.2 Versuch einer Definition und einer Fragestellung[Bearbeiten]

Heimweh ist ein Gefühl, welches der Mehrheit der Menschen unserer Kultur bekannt ist. D.h., jeder hat ein bestimmtes Bild von dem Begriff, sei es aus eigener Erfahrung oder aus der Vorstellung, wie sich dieses Gefühl auswirken könnte. Solche "Gefühlsbeschreibungen" variieren aber sehr stark: Sie reichen von der Sehnsucht nach einem imaginären Ort (z.B. Traumschloß) bis zum schmerzlichen Vermissen der vertrauten Umgebung. Diese Empfindung ist dann meist mit einer schlechten körperlichen Verfassung verbunden. Manche messen der "Heimat" nur einen sehr geringen Anteil am "Gefühlsganzen" bei. Sie benutzen die beiden Begriffe Heimweh und Sehnsucht synonym. Einige definieren Heimweh als eine Gefühl, welches entsteht, wenn jemand von seiner gewohnten Heimat entfernt ist, und er diese Trennung als ein Defizit erlebt. Diejenigen, die betroffen waren oder sind, haben eine individuelle Begrifflichkeit von dem, was sie erleben oder erlebt haben. Dieses Erleben schließt aber auch wiederum eine große Varianz der Symptome ein. Sie reichen vom "bitter-süßen Gefühl" über Gefühlskälte bis zur psychosomatischen Erkrankung. Meine Arbeit soll sich besonders mit der zuletzt genannten Gruppe beschäftigen, nämlich der, welche die Trennung von ihrer gewohnten Umwelt als eine psychische aber auch physische Krise empfindet. Dabei sollen folgende Fragen im Vordergrund stehen:

  1. Wie überhaupt entsteht dieses Gefühl, welche psychologischen Vorgänge können es auslösen?
  2. Wie bewältigen die Betroffenen die Krise?

4.2 Entstehung eines Begriffs und seiner Definition[Bearbeiten]

Bevor ich auf einen Erklärungsansatz zu dem Entstehen des Gefühls "Heimweh" komme, möchte ich einen geschichtlichen Überblick ge­ben, über den Gebrauch dieses Begriffs, wo er entstanden ist, welche seine Bedeutung in der Vergangenheit war und wie sich diese im Laufe der Zeit gewandelt hat. Diese historische Betrachtung soll auch die Vielfalt der Begriffsbedeutung verdeutlichen und uns eine Möglichkeit bieten, unser Interesse an diesem Phänomen näher ein­zugrenzen. In ihrem Aufsatz "Heimweh und Tradition" aus dem Jahre 1965 (aus: Schweizerisches Archiv für Volkskunde, 1965, S. 1-31) versucht die Ethnologin Ina-Maria GREVERUS, einen Überblick über die Erforschung des Begriffs "Heimweh" zu entwickeln und seinen Zu­sammenhang mit dem Terminus "Tradition" zu verdeutlichen. Daraus wird die folgende Begriffsentwicklung deutlich: Aus der Bezeichnung einer Krankheit wurde sie zu einem Grundbegriff einer geistigen Epoche, nämlich der der Romantik. Zum ersten Mal wurde der Begriff des Heimwehs im 16. Jahrhundert erwähnt. Im Schweizer Dialekt bezeichnete er als "Schweizerkrankheit " (GREVERUS; 1965, S.5) die Symptome, die bei Söldnern auftraten, die außerhalb ihrer Heimat stationiert waren. 1688 beschreibt der Baseler Arzt Johannes Hofer die Krankheit als psychisches Problem, welches auf den Zusammenhang von Leib und Seele einwirke. Er nennt das Krankheitsbild "Nostalgie". Der Arzt BLUMBACH aus Göttingen beschreibt 1783 die Ursache sinngemäß so: "Je größer der Kontrast zwischen Heimat und Fremde, desto anfälliger sei der Mensch für Heimweh." (ebd. S.4) Mit der Romantik gelang der Begriff nach Deutschland und wurde zum Symbol einer ganzen Epoche. Noch bei SCHLEGEL (1835) handelt es sich um die Trennung von der Familie, der gewohnten sozialen und physischen Umwelt. Später deutet man diese Bindung als "Anpassungsunfähigkeit der Patienten" (ebd. S.5) und somit als ein Phänomen bei "einfacheren" Menschen, die diesen Mangel kognitiv nicht verarbeiten können. Der Wissenschaftler Charles ZWINGMANN (Frankfurt a.M., 1962) unterteilt die Kriterien für das Erscheinungsbild in zwei Typen: a) Die exogenen Kriterien sind die räumlichen Aspekte, die die Trennung von der Heimat ausmachen,womit auch soziale Kontakte mit eingeschlossen sind, b) wobei endogene, "zeitliche" Kriterien solche sind, die vertikale Veränderungen und damit die fortschreitende individuelle Entwick­ 11 lung jedes Einzelnen bedeuten. Aber auch ZWINGMANN sieht in "einem Mangel an intellektueller Mobilität" eine mögliche Anlage für Heimweh. GREVERUS' Kritik an ZWINGMANN: Die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs der "Heimat", nämlich ihre Ortsbezogenheit, würde in seiner Definition vernachläßigt. Heimat wird hier zum "persönlichen Satisfaktionswert." (ebd. GREVERUS, S.6)12 GREVERUS definiert Heimat als ein Konstrukt, welches "nur in einer subjektiven Bezogenheit und Bestimmtheit (existiert)." (ebd. S.7) So steht am Ausgang der Untersuchungen die Frage nach dem Zusammenhang von Heimat und Heimweh. Ihr Heimatbegriff steht in der Tradition BREPOHLs, dass der Mensch als Wesen in der Gesellschaft einen Bezug zu "bestimmten Fixpunkten" entwickelt und dass sein Sehnen danach eine "sympolische Rückkehr" 11 Auch ZWINGMANN verdeutlicht hier die Vierdimensionalität des Heimatbegriffs. Für ihn sind die äußerlichen (exogenen) Aspekte der Rahmen der Persönlichkeits­entwicklung. Aber es ist vor allem die zeitliche, vertikale (endogene) Dimension, der genausoviel Relevanz anerkannt werden muß. 12 Nach der Ansicht GREVERUS' wird hier der Begriff "Heimat" auf den "räumlich­klimatischen Aspekt beschränkt und somit nicht mehr brauchbar. Mit dem Verweis auf die unter 11 aufgeführten Erläuterungen bin ich der Meinung, diesen Begriff weiter zu gebrauchen. zum gewohnten Umfeld bedeutet. Hier bringt die Autorin den Begriff der Tradition mit in die Diskussion, indem sie diesen über seine alltagstheoretische Bedeutung hinaus erweitert: Tradition sieht sie nicht nur als Güter und Werte aus vergangenen Generationen, die oft unreflektiert weitergegeben werden, sondern sie sieht auch ihren aktiven Aspekt: Menschen entwickeln anhand der "Traditionsgüter" ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einem bestimmten "Traditionskreis" So entsteht der aktive Aspekt von Tradition im Zusammenhang zwischen Zusammengehörigkeit (Gruppe) und Ausgrenzung. Der Verlust dieses "Zusammengehörigkeitsgefühls" allein ist aber für GREVERUS nicht kein "Heimweh", sondern hinzu kommt auch die Sehnsucht nach der räumlichen Geborgenheit. (vgl. S.9) Sehnsucht ist ein Gefühl der Suche nach einem angenehmeren, freieren Empfinden als das momentane Erleben. Die Sehnsucht richtet das Denken und Fühlen in die Zukunft oder die Vergangenheit des Betroffenen (SCHOTT und MUMMERT, 1993) Häufig ist mit dieser Unterscheidung auch eine qualitative Wertung des Empfundenen verbunden: So, dass zurückgewandte Sehnsucht als schmerzlich und lähmend wahrgenommen wird, die in die Zukunft gerichtet, aber als positiv und motivierend erlebt wird. Auch GREVERUS beachtet diese Unterscheidung: Nur die Sehnsucht, die nach der verlassenen oder verlorenen Heimat empfunden wird, ist für sie "Heimweh". Menschen, die ihre "erste Heimat" aktiv verlassen, um eine neue zu finden, empfinden auch Sehnsucht, diese ist aber nach vorn gerichtet und oft von existentiellen Motiven begleitet. In diesem Zusammenhang gebraucht sie den Begriff des "Satisfaktionsfaktors Heimat", der erfüllt ist, sobald eine sichere Existenz gefunden wurde. "Heimweh", welches in diesem Zusam­menhang empfunden wird, nennt GREVERUS "Pseudo-Heimweh." (ebd. S.14) Ich meine, dass es schwierig ist, bestimmte Gründe für sein indivi­duelles Heimweh zu finden. Sicherlich verlassen viele Menschen ihre angestammte Heimat aus wirtschaftlichen Gründen. Es ist aber nicht zu leugnen, dass diese Menschen in ihrer "neuen Heimat" immer noch starke Sehnsucht nach den räumlichen und sozialen Fixpunkten ihres "Heimatlandes " haben. Richtig ist, dass die Sehnsucht, die sie beim Verlassen der Heimat empfinden, kein Heimweh sein kann, es schließt aber eine spätere Betroffenheit nicht aus.13 Der dichte Zusammenhang der Begriffe Heimweh, Tradition und auch der der Heimat führte dazu, dass sich ihre Bedeutung ständig wandelte, und dass besonders der Heimwehbegriff ein weites Spektrum an Assoziationen erhielt: Zuerst beschrieb er das Leiden desjenigen, der die Trennung von seiner gewohnten Umgebung als ein Defizit empfindet und sie somit schmerzlich für ihn ist. Heimweh umfaßt später die Sehnsucht einer ganzen geschichtlich-literarischen Epoche, der Romantik. Der direkte Zusammenhang dieser Extreme wird besonders im folgenden Zitat R. WEISS': (R. WEISS: Volkskunde der Schweiz; Erlenbach-Zürich, 1946, S.15ff zit. bei GREVERUS 1965, S.20) "Ihr stärkster Antrieb war und ist das Heimweh nach ei­nem verlorenen Paradies der Ursprünglichkeit." In diesem Zitat wird auf der einen Seite die starke Sehnsucht nach der räumlichen und sozialen Geborgenheit deutlich, wie auf der anderen die einer Generation, die nach dem Zeitalter der Aufklärung eine Epoche des Wandels und der Kulturkrise erlebten und auf der Suche nach bewährten Traditionen und Überlieferungen sind. Eine Steigerung dieser Entwicklung war die Tendenz, die Begriffe "Heimat" als "Sprachen-und Traditionsraum" eines Volkes und "Vaterland" gleichzusetzen und als zu erstrebendes Ziel aufzuwerten. Die Romantik brachte aber auch die Lösung des Begriffs Heimweh aus dem medizinisch-regionalen Bereich und wertete sie als "metaphysischen Wert" auf. 13 Kritisch möchte ich auch die für mich generalisierende Aussage GREVERUS' machen, in der sie eine Unterscheidung des Heimwehs von Arbeitsmigranten und Heimatvertriebenen aufzeigen will. Sie legt sie am Bespiel des unterschiedlichen Vereinslebens der beiden Gruppen dar: Heimatvertriebene führen ein sehr intensives Vereinsleben (Vertriebenenverbände, Landsmannschaften etc.) Greverus sieht den Grund hiefür in dem schon oben erwähnten Faktor der Tradition, mit deren Hilfe das Leid des erzwungenen Exodus aus der "geliebten" Heimat weiterlebt. Dies hat sicher eine reduzierende Wirkung auf das Heimweh. Warum aber führen die bei uns lebenden "Südländer" (ebd. S.18) keinen vergleichbaren Kult ihrer Traditionen? Für die Autorin liegt der Grund darin, dass die Mehrheit der Arbeitsmigranten aus "sozial niedrigster Schicht" kommen, und für ihre kulturellen Güter noch kein Traditionsbewußtsein entwickelt haben. (ebd. S.19)

4.3 Erklärungsansatz: Reaktanztheorie[Bearbeiten]

Heimweh ist ein Gefühl der Sehnsucht nach der Geborgenheit des Gewohnten, des Bekannten. Es ist gerichtet auf den Ort, den man als seine Heimat bezeichnet, d.h. an dem man seine direkte Umwelt kennt, sei es die räumliche oder soziale. Diese Beziehung ist keine einseitig-passive, sie ist vielmehr reziprok, d.h. gegenseitig zu ver­stehen. Der Einzelne gehört zum Ganzen "Heimat" und ist aktiv an ihm beteiligt. Heimweh ist eine Form der Sehnsucht, die geprägt ist durch ein schmerzliches, wenn nicht zerstörerisches Gefühl, nach rückwärts gerichtet, d.h. sie ist an die Vergangenheit gebunden, in der man diese o.g. Erfahrungen mit seiner heimatlichen Umwelt gemacht hat. Das Gefühl der Trennung wird dann als schmerzliches empfunden, wenn die vorgefundene "fremde" Umgebung gravierende Defizite aufweist, d.h. dass sie die Erwartung des Betroffenen nach Geborgenheit und Ganzheit nicht erfüllen kann. Dies kann ein länger andauernder Zustand sein, das Gefühl der "Fremde" kann aber auch erst durch eine Extremsituation wie z.B. eine seelische Krise entstehen. Dann verschwindet dieses Gefühl des "Verlassenseins" auch unmittelbar mit der Lösung des aktuellen Konflikts. Sind die Defizite rein existentieller Natur, spricht man nicht von Heimweh, da die Be­drohung der Existenz eine in die Zukunft gerichtete Sehnsucht ist. (GREVERUS 1965, S.14) Um von Heimweh zu sprechen, bedarf es also eine bestimmte Form der Sehnsucht, die sich auf das vergangene Bekannte bezieht. Hier spielt das psychologische Phänomen hinein, bei dem jemand, der sich momentan in einer schwierigen Situation befindet, wie z.B. in einer Prüfung, einer Phase des Umbruchs oder einem ähnlichen, wichtigen Lebensabschnitt, dass sich in einer solchen Situation der Betroffene nach der unmittelbaren oder sogar mittelbaren Vergangenheit sehnt. Diese Sehnsucht ist gekennzeichnet durch eine Idealisierung des Erlebten, d.h., dass nur positive Erlebnisse bewußt werden. Negative Eindrücke, die es mit Sicherheit in jeder Lebensphase gilt, bleiben ausgeschlossen oder finden ein viel geringeres Gewicht in der Erinnerung. Dieses Phänomen scheint mir in der Reaktanztheorie J.BREHMs (aus: Sharon S. BREHM: Anwendung der Sozialpsychologie in der klinischen Praxis; Bern, Stuttgart, Wien, 1980; 2. Kapitel) deutlich dargestellt zu sein. In seiner Theorie beschreibt BREHM das men­schliche Verhalten, der sich zwischen verschiedenen Alternativen für eine entscheiden muß. Nach BREHM gewinnt die Alternative für den Betroffenen an Attraktivität, welche schon verloren ist, oder von Verlust bedroht ist. D.h., das Individuum spricht der Entscheidung die größte Attraktivität zu, die kaum oder nicht zu erreichen ist. In diesem Verhalten spielen natürlich folgende Determinanten eine Rolle: a) Die Relevanz der Entscheidung: welche Qualität und Wichtigkeit hat die Entscheidung für den Betroffenen? b) Die Quantität der Alternativen der Alternativen: Wieviele ver­schiedene Entscheidungsmöglichkeiten stehen offen und wieviele sind verloren oder von Verlust bedroht? c) Erfahrungen mit ähnlichen Entscheidungen: Die menschliche Psy­che neigt dazu, ihre gemachten Erfahrungen zu verallgemeinern, was zur Folge hat, dass im Falle eines Freiheitsverlustes versucht wird, diese Erfahrung in einer ähnlichen Situation implizit zurück zu ge­winnen. So spielen auch Erfahrungswerte eine Rolle beim Reaktanz­verhalten. Für unseren Zusammenhang ist es wichtig, dass der Mensch dazu tendiert, eine Entscheidungsalternative an Attraktivität gewinnen zu lassen, die für ihn unerreichbar ist oder zumindest schwerer zu reali­sieren ist. Das heißt, dass der Betroffene das begehrt, was für ihn nicht oder nur schwer verfügbar ist. Das Reaktanzverhalten ist durch folgende Verhaltensmuster geprägt: a) "Die Art der direkten Wiederherstellung der Verhaltensfreiheit." (S.S. BREHM, S.32) Diese besteht natürlich nur dann, wenn die Al­ternative noch nicht verloren ist. b) Die indirekte Form des Reaktanzverhaltens ist gekennzeichnet durch den Versuch, durch ein ähnliches Verhalten die Entschei­dungsfreiheit wiederzugewinnen. Hier bekräftigt BREHM die Relevanz der Implikation auch im Reaktanzverhalten. Durch diese Form der stellvertretenden Wiederherstellung gewinnt der Betroffene implizit seine Entscheidungsfreiheit zurück. c) Die dritte Form der Reaktanz tritt ein, wenn der Betroffene erkennt, dass seine Entscheidungsfreiheit nicht wiederzugewinnen ist. Hier muß er nach BREHM auf seiner Reaktanz "sitzenbleiben." Der Autor ist der Meinung, dass die hier empfundene Frustration langsam abnehmen werde. d) Eine vierte Art des Verhaltens ist die beobachtbare Aggression, welche die Reaktanz häufig begleitet. Aggression könnte als Versuch gelten, die Freiheit auf direkter Weise wiederzuerlangen oder eine bedrohte Freiheit durch Einschüchterung zu erhalten. Für unseren Zusammenhang möchte ich der Verhaltensform der Ag­gression noch einige hinzufügen: Aggression gehört zu den klassi­schen Formen des Bewältigungsverhaltens (Coping-Verhalten). An­dere Verhaltensformen sind die der Regression, der Verdrängung und der Rationalisierung (Bewußtwerdung). Das Modell der Reaktanz läßt sich aber nicht nur auf das schon er­wähnte Phänomen der "vergoldeten" Vergangenheit anwenden, son­dern dient auch als Erklärung für das Erleben und Verhalten von Betroffenen, die Heimweh empfinden. Hierbei ist der Aspekt des Reaktanzverhaltens hervorzuheben, bei dem immer die Entschei­dungsalternative an Attraktivität gewinnt, die verloren ist oder zu­mindest von Verlust bedroht ist. Die Heimat, die momentan oder zeitlich unbegrenzt unerreichbar geworden ist, wird somit subjektiv zu einer attraktiveren Alternative zum aktuellen Aufenthaltsort. Allein ihr Wegfall macht die Heimat somit zu einem Konstrukt von angenehmeren, positiven Empfinden. Negative, unangenehme Gefühle werden durch die Sehnsucht über­lagert, diesen verlorenen Zustand wiederzuerlangen.


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