Zweideutigkeit als System - Thomas Manns Forderung an die Kunst

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Die DNB verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie:
Katalog-Nr. 999747495
Hans-Peter Haack

Zusammenfassung[Bearbeiten]

Wenn Thomas Mann von Kunst spricht, hat er das Sprachkunstwerk im Sinn. Im gegenwärtigen Wortgebrauch wird Kunst häufig mit bildender Kunst gleichgesetzt. Auf diese Kunstgattung treffen Thomas Manns kunsttheoretische Äußerungen nur bedingt zu, auf die Literatur ohne Wenn und Aber, auch auf die Erwartungen an die Gegenwartsliteratur. In ihrer treffsicheren, pointierten Form zählen sie zu dem Besten, was zur Kunstwirkung von Dichtung und Literatur gesagt worden ist.

Was ist Kunst? Picasso soll einmal geantwortet haben, er wisse es nicht. Doch wenn er es wüsste, würde er es für sich behalten.

Thomas Mann ist dieser Frage nicht ausgewichen. Er hat sie sich ein Leben lang immer wieder gestellt und beantwortet. Seine Kunstauffassung teilt er in Einschaltungen mit, die über das gesamte schriftstellerische und essayistische Werk verstreut sind, von der frühen Novelle Tonio Kröger bis zu dem Alterswerk Doktor Faustus.

Der primär an der Handlung interessierte Leser wird die Kunstbemerkungen als retardierend empfinden und ihnen nur halbe Aufmerksamkeit schenken. Doch herausgelöst und zusammengetragen ergeben sie ein Instrumentarium für die Unterscheidung zwischen Kunst und Nichtkunst.

Von der Kunst, insbesondere der Dichtung, dem Kunstwerk höchster Artikulation,[1] erwartete Thomas Mann die Behandlung von Gegensätzen. Dichtung gestaltet Aporien und söhnt sie zugleich aus, - durch ordnende Kraft und antithetische Beredsamkeit.[2] In Doktor Faustus (1947) nennt er diese vexatorische Simultanität pointiert Zweideutigkeit als System [3] und künstlerische Paradoxie.[4] Mit dieser Kunstauffassung unterscheidet sich Thomas Mann von seinem Bruder und Schriftsteller-Rivalen Heinrich. Eindeutige Aussagen in der Kunst, bei Heinrich Mann nicht ungewöhnlich, hielt Thomas Mann für unkünstlerisch. Im Briefwechsel seiner frühen Jahre hat er dies dem älteren Bruder wiederholt vorgeworfen. Thomas Manns Prosa macht aus Entweder-Oder ein janusköpfiges Sowoh-Als auch. Sie zeigt die Zweideutigkeit des Lebens selbst.[5]

Thomas Mann: Wahrheit ist drei- bis vierdimensional und kann höchstens gestaltet, aber niemals gesagt werden.[6] Doppelbödigkeit und Ironie bedeuteten ihm Objektivität, denn sie zeigen die Kehrseite.

  1. Mann Thomas: Der Holzschneider Masareel. In: Reden und Aufsätze. [Frankfurt am Main] S. Fischer [1960] S. 783,
  2. Der Tod in Venedig. Berlin: S. Fischer 1913 [dritter Druck, erste Buchausgabe bei S. Fischer], S. 19. Dort nicht als auktoriale Äußerung, sondern dem Protagonisten zugeschreiben, einem Dichter, der nach Bekundungen Thomas Manns autobiographische Züge trägt.
  3. Mann, Thomas: Doktor Faustus. Stockholm: Bermann-Fischer Verlag 1947, S.74
  4. a. a. O., S.744
  5. a. a. O., S.301
  6. Thomas Mann am 17.11.1915 an Ernst Bertram


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