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Zweideutigkeit als System - Thomas Manns Forderung an die Kunst: Es kenne mich die Welt

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Es kenne mich die Welt, auf daß sie mir verzeihe!

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So lautete das Lebensmotto Thomas Manns. Die Formel geht auf August von Platen zurück. Thomas Manns Bestreben war, dem schriftstellerischen Werk das eigene, stilisierte Leben als ein zweites Kunstwerk hinzuzufügen.

„Denn selten ist wohl die Hervorbringung eines Lebens – auch wenn sie spielerisch, skeptisch, artistisch und humoristisch schien – […] dem bangen Bedürfnis nach Gutmachung, Reinigung und Rechtfertigung entsprungen, wie mein persönlicher und so wenig vorbildlicher Versuch, die Kunst zu üben.“ [1] Was gut zumachen war, wovon er sich reinigen wollte, bleibt im Dunkeln. Es sei denn, man unterlegt diesen Worten, die nach Schuld und Reue klingen, einen religiösen Sinn.

Die Zitatcollagen in den vorangegangenen Kapiteln enthalten gelegentlich demokratieskeptische Äußerungen, die uns Heutigen überholt erscheinen, - auch wenn die eine oder andere Kritik Thomas Manns an der Demokratie nicht völlig abwegig klingt.

Der Rezipient sollte überhaupt trennen zwischen dem Werk und der Vita eines Künstlers, - entgegen dem Wunsch Thomas Manns. Toleranz ist auch vonnöten hinsichtlich manch akribischer Peinlichkeiten seiner Tagebuch-Notizen. Das Werk ist die objektive Seite des Künstlers. Seine Person mit ihren Irrtümern und Unzulänglichkeiten ist ein subjektiver, ein nachgeordneter Aspekt.

Seinem Selbstanspruch, "ein wenig höhere Heiterkeit in die Welt zu tragen", [2] ist Thomas Mann gerecht geworden, mit subtilem Humor und menschenfreundlicher Ironie. Gegen Ende der Arbeit an Bekenntnisse des Hochstaplers Krull resümiert er: "Heitere Ambiguität im Grunde mein Element." [3]

Am 19. Juni 1954 schreibt er im Tagebuch über Vollbringertum und Werk: "Ich kann von Glück sagen, daß ich doch mit 25, mit 50, mit 60 und 70 Jahren, mit "Buddenbrooks", "Zauberberg", "Joseph", und "Faustus" etwas wie einen kleinen Vollbringer abgeben konnte. Wahrhaftig, ich war nicht groß. Aber eine gewisse kindliche Intimität meines Verhaltens zur Größe brachte in mein Werk ein Lächeln der Allusion auf sie, das Wissende, Gütige, Amüsable heute und später erfreuen mag."

Zwei Wochen zuvor war dem 79jähringen noch bang um den Rest seines Lebens gewesen. "Ich fürchte von dem Krullbande, dessen Ausgang zudem flau und flüchtig ist, eine entwürdigende Wirkung." [4] Der Hochstaplerroman wurde zu Thomas Manns Überraschung ein großer Erfolg.

Im letzten Lebensjahr vertraut er dem Tagebuch an: "Wunderlicher Lebenstraum, der bald ausgeträumt sein wird. Kurios, kurios. Das habe ich früh gesagt und werde es zuletzt sagen." [5] Im Wissen um das bleibende Werk und dem Fazit, das Leben bestanden zu haben, notiert er wenige Tage später: "Tod, wo ist dein Stachel." [6]


  1. Mann, Thomas: Meine Zeit. Vortrag gehalten in der Universität Chicago Mai 1950. Amsterdam: Bermann-Fischer/Querido 1950, S. 8. „Hervorbringung“ wendet Thomas Mann sonst auf seine schriftstellerische Produktion an oder ganz allgemein auf Kunstfleiß.
  2. Mann, Thomas: Ein Briefwechsel. Zürich: Oprecht & Helbling 1937, S. 9
  3. Tagebuch, 13. Oktober 1953
  4. Tagebuch, 4. Juni 1954
  5. Tagebuch, 9. Oktober 1954
  6. Tagebuch, 17. Oktober 1954


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