Zum Inhalt springen

Zweideutigkeit als System - Thomas Manns Forderung an die Kunst: Hermes

Aus Wikibooks

Thomas Manns mythische Identifikation mit Hermes[Bearbeiten]

Seit Der Tod in Venedig lässt Thomas Mann Hermes immer wieder in seinen Romanen und Erzählungen auftreten, vordergründig oder verdeckt. "Den mythologischen Kollegen" hat er ihn scherzhaft genannt. [1]

In der Venedignovelle wird der Knabe Tadzio zu Hermes, als er dem sterbenden Gustav von Aschenbach aufs Meer hinausdeutet, "ins verheißungsvoll Ungewisse." [2] Zu den Aufgaben des antiken Hermes gehörte, die Seelen der Verstorbenen ins Jenseits zu geleiten.

Während Hans Castorps Schneetraum weist ein schöner Knabe mit einem Blick voll von "Todesernst" Hans Castorp die Richtung zu einer steinernen Gruppenplastik, die an Demeter und Persephone gemahnt, Göttinnen der Totenwelt, des antiken Hades. [3]

In Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull erkennt eine liebeshungrige Schriftstellerin ihn in der Gestalt Felix Krulls und lässt ihn so "die Bekanntshaft seines mythischen Urbildes" machen. [4]

Seine Erscheinung ständig wechselnd, greift Hermes in das Geschehen der Josephs-Bände ein. Anfangs noch in Gestalt eines dem biblischen Jakob in der Wüste voran laufenden Schakals, danach als Jüngling mit Hundskopf, dann als Wegbegleiter mit nur halb geöffneten Augen, wenig später in gleicher Gestalt als wacher Karawanenführer und so immerfort sich weiter wandelnd, bis zuletzt Pharao Echnaton Jospeh zu verstehen gibt, dass Joseph Hermes - oder wie Hermes ist. Der auserwählte, vom Schicksal bevorzugte Mensch wird zur Gottheit.

In Hermes sah Thomas Mann alles vorgebildet, was er selbst an künstlerischen und menschlichen Möglichkeiten in sich trug und ausgebildet hatte. Hermes war der Gott der "Beziehungen". Wurde nicht in jedem Werk Thomas Manns ein "Riesenteppich" von Assoziationen gewoben, wurde nicht eins mit dem anderen verknüpft, die erzählte Handlung mit ihren literarischen und mythischen Mustern? [5]

Hermetisch war das Kunstwerk in sich durch seinen anspielenden Beziehungsreichtum. Hermetisch war aber auch das Wirken des Künstlers: Hermes stellte die Verbindung zwischen Göttern und Sterblichen her - das Kunstwerk vermittelt zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit, zwischen Geist und Leben, wobei Leben auch Sinnlichkeit einschließt (die Sinnlichkeit der Kunst). Bezogen auf Thomas Mann hatte Hans Wysling 1993 gefragt: "Bedeutete nicht, einen Gott zu spielen, ein bisschen auch, ein Gott zu sein?" [6]

Über mythologische Entsprechung und mythische Nachfolge schreibt Thomas Mann im ersten Band der Josephs – Tetralogie:

"Nicht allein daß Himmlisches und Irdisches sich ineinander wiedererkennen, sondern es wandelt sich auch kraft der sphärischen Drehung das Himmlische ins Irdische, das Irdische ins Himmlische und daraus erhellt, daraus ergibt sich die Wahrheit, dass Götter Menschen, Menschen dagegen wieder Götter werden können." [7]

Im folgenden Band, Der junge Joseph, greift Thomas Mann die mythische Vorstellung gott-menschlicher Transfiguration wieder auf. Im Rückblick auf sagenhafte, legendäre Persönlichkeiten schreibt er in der Rolle des Erzählers: „Sie ist eine Gegenwart, durchscheinend für immer ältere Vergangenheiten, die sich im Göttlichen verlieren, das in weiterer Zeitentiefe wieder aus menschlichem hervorgegangen [ist].“ [8]

In Joseph in Ägypten, dem dritten Band, bringt der Erzähler (und mit ihm wohl auch Thomas Mann) die mythische Vorstellung, dass zu einem Irdischen ein Gott in Menschengestalt sprechen könne. Zwischen Irdischen und Himmlischen sei die Grenze fließend. Auch gäbe es Vorstufen des Göttlichen, Andeutungen, Halbheiten und Übergänge. Das Göttliche gehe über ins Leben als heilbringende, tröstende und errettende Wohltätergestalt. [9] Ein mythologisches Gottesverständnis, dem im Christentum der helfende Engel in Gestalt eines Mitmenschen entspricht.

Der Sprachkünstler, der, "was in schwankender Erscheinung schwebt", "in dauernden Gedanken" befestigt und so das "Unzulängliche" [10] zum "Ereignis" werden lässt, zählt zu den "echten Göttersöhnen". Goethe hat es so gesehen [1] und Thomas Mann ebenso.


  1. Thomas Mann am 26.11.1947 an Karl Kerény
  2. Mann, Thomas: Der Tod in Venedig. Berlin. S. Fischer 1913, S.145
  3. Mann, Thomas: Der Zauberberg. Berlin: S. Fischer 1924, Bd. II, S.254
  4. Mann, Thomas: Die Begegnung. Olten: Vereinigung Oltener Bücherfreunde 1953, S. 14
  5. Wysling, Hans. Von der Puppenbrücke zum Hermesflug. Vortrag am 8.5.1993 im Audienzsaal des Lübecker Rathauses. Erstdruck: Hans Wysling. Zum Gedenken. Frankfurt am Main: Klostermann 1998, S. 55
  6. a. a. O. S. 56
  7. Mann, Thomas: Die Geschichten Jaakobs. Berlin: S. Fischer 1933,S. 162
  8. Mann, Thomas: Der junge Joseph. Berlin: S. Fischer 1934, S. 42/43
  9. Mann, Thomas: Joseph in Ägypten. Berlin: S. Fischer 1936, S. 296/97
  10. Die kunstlose Wirklichkeit


weiter
Inhaltsverzeichnis
zurück