Ab durch die Mitte - Mit dem Motorrad durch den Mittelpunkt Europas (Reisebericht): -Litauen- Der Mittelpunkt Europas

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Litauen - Der Mittelpunkt Europas[Bearbeiten]

Der vierte Tag (01.06.2009, Kindertag)[Bearbeiten]

166 Kilometer


Die Fahrt nach Trakai

MeteliaiSeirijaiAlytusVaisodziaiPunia(Nemajnai)Birstonas - AukstadvarisTrakai (4)


Wen es deprimiert, jeden Morgen beim Aufsetzen des Helmes in die toten Augen der Insekten vom Vortag zu sehen, sollte eine solche Reise nicht unternehmen oder jeden Abend auf Regen hoffen.... Nach dem vielen Touren fahren der letzten Tage war heute ein Tag für die Enduro. Heute musste das Material das erste Mal zeigen, was es aushält. Nicht, dass wir es darauf angelegt hatten, aber plötzlich wollten es die „Straßenverhältnisse“ so. So musste auch die 800ter Intruder von Kalle zeigen, welche Geländemöglichkeiten in ihr stecken. Nur ausgereizt hat Kalle sie bestimmt nicht. Anfangs nahm sich alles ganz „normal“ aus. Wir starteten am Dusio-See nach einem langsamen Morgen mit Kaffee, Frühstück und morgendlichem Bad so gegen halb elf Richtung Süden, so dass wir eine schon gefahrene Strecke nicht noch einmal fahren mussten. Dabei passierten wir nun auch Metaliai und hielten uns von Sairijai in Richtung Alytus. Motorräder sieht man hier offensichtlich nicht sehr oft. Überall wurden wir staunend betrachtet und immer freundlich gegrüßt.

Alytus durchfuhren wir ohne Aufenthalt. Laut Reiseführer sollten sich hier außer Industrie keine Sehenswürdigkeiten befinden. Aber da hatte er mal Unrecht. Überall rechts und links der Straße liefen doch welche herum.... Hier kamen wir auch zum ersten Mal an die Memel, den östlichsten Grenzfluss des alten Deutschlands. Wir wollten sie auch noch einige Kilometer begleiten, denn uns war sie doch bisher nur aus der Nationalhymne bekannt. Letztliche sollte das mit Unterbrechungen bis zu ihrer Mündung an der Kurischen Neerung sein. Wir folgten ihr in Richtung Norden, denn in Punia erhebt sich eine Festung über den Ufern der Memel, die von den Rittern des Deutschen Ordens den damaligen Bewohnern in schweren Kämpfen abgerungen wurde. Leider war die direkte Zufahrt zum Ort von der östlich gelegenen Landstraße wegen der darüber geschriebenen Ortsbezeichnung auf meiner Karte nicht zu erkennen. Aus diesem Grund folgten wir dem Flusslauf auf einer nicht so komfortablen Strecke. Bei der Rallye Paris – Dakar kommen solche Streckenabschnitte eher kurz vor Dakar vor, als in der Nähe von Paris: neun Kilometer kurzgerippte Buckelpiste. Der Enduro gefiel das und auch die 800ter Intruder hielt zusammen mit Kalle gut durch, konnte aber nur Schritt fahren, wo die Geländemaschine mit siebzig über die Buckelköpfe flog. Nur in tiefen sandigen Abschnitten oder mit Schotter gefüllten Löchern schwamm sie gefährlich. Hinterher hätten wir locker das doppelte Gepäck in den Seitenkoffern unterbringen können. In Punia, wo die Punele in die Memel fließt, fanden wir einen imposanten Ort, an dem die besagte Feste gestanden haben soll. Hoch über dem Fluss erhebt sich ein Hügel, aufgeschüttet aus Steinen, der eine Festung aus Holz getragen hatte und einen wundervollen Blick in das Tal der Memel bietet. Ich konnte mir gut vorstellen, wie die Kreuzritter gegen das Bollwerk angingen, doch der Sage nach sollten sich die Verteidiger lieber den Flammen hingegeben haben, als sich den Eroberern zu ergeben und zündeten ihre Festung an.

Aber bekanntlich schreibt ja der Gewinner die Geschichte. Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass die Angreifer die gut verteidigte Holzfeste einfach in Brand steckten und niemanden entkommen ließen. Burgen und Schlösser, die später an dieser Stelle errichtet wurden, brannten immer wieder nieder. Vielleicht ein Fluch? Bevor wir unsere Fahrt fortsetzten, kam der Schulbus und unsere Maschinen hatten noch einen Fototermin bei ein paar jungen Mädchen, die dann den Dorfplatz entlang kamen. Meist ist es zuerst der Chrom an Kalles Intruder, der die Blicke und die Aufmerksamkeit auf uns zieht. Es weiß ja keiner, wie die Karre bei diesen Schotterpisten loost. Unbeeindruckt von den Schwierigkeiten der Anfahrt auf Punia entschieden wir uns, den Weg auf selbiger Strecke in Richtung Nemajunai fortzusetzen, um die im Reiseführer beschriebene Schönheit und Einzigartigkeit der dortigen Umgebung in den verschlungenen Windungen der Memel zu erleben. In Nemajunia kamen wir nie an. Wir wurden zwar von der im Reiseführer beschriebenen Urigkeit der hiesigen Wälder überwältigt, aber als wir dann das erste Stück Asphalt erreichten, wurde diese Unternehmung durch Kalle sofort abgebrochen und wir kehrten auf die Landstraße zurück, die auch die Intruder mit 70 km/h beherrschte.

Heilquelle in Bistonas, leider verschlossen

Der Bade- und Kurort Bistonas stand als nächstes auf dem Programm. Er bietet bis auf die Kuranlagen keine besonderen Sehenswürdigkeiten, aber die Memel verbreitert sich hier, befreit von ihrem schmalen Bett durch die Berge, sehr und fließt gemächlich dahin. Auch wollte ich, schon mal in der Nähe, das (Heil)Wasser kosten, weil auch schon die alten Ritter das taten und die heilende Wirkung beurkundeten. Was ich noch nie in einem Kurbad erlebt habe, weder in Karlsbad, noch Marienbad oder Bad Pymond, hier gibt es Öffnungszeiten für die Zapftempel und ich komme genau fünf nach zwei. Bis zwei war offen und dann erst wieder halb sechs ... zu dumm, aber so bin ich um das eklige Zeug herum gekommen. Zumindest hat es mir noch nie geschmeckt, ganz egal aus welcher Quelle ich diese „Heilwässerchen“ kostete. In der ortsansässigen Pizzeria schlemmten wir zu Mittag. Dabei lernten wir einen Landsmann aus der Gegend um Bremen kennen, der nach Litauen geheiratet hatte. Er erzählte uns, dass er eine Sammlung von Simson habe und sagte uns, dass der Wetterbericht für den Nachmittag schlechtes Wetter angekündigt hatte.

Abendliche Ankunft an der Inselfestung von Trakai
Mit dieser Übersichtskarte fanden wir den Zeltplatz

Er behielt recht. Auf unserer Anfahrt auf Trakai sahen wir schon wie Elektrizität vom Himmel zuckte und kurze Zeit später waren wir nass. Zeltplatzfinden macht im strömenden Regen überhaupt keinen Spaß und darum stellten wir uns an einem Bauzaun mit Überdachung unter. Genau neben der Straße mussten wir erfahren, dass es in Litauen wohl keine entsprechende Regelung geben muss, nach der ein Fahrzeugführer nicht einfach Leute, die sich am Wegesrand befinden, nass spritzen darf. Wenn sich nur die Möglichkeit ergab, wurden hier wahre Wasserwände gegen Fußgänger aufgebaut.

Als der Regen etwas nachließ, fanden wir nördlich von Trakai am Galve-See bei Totoriskes den Zeltplatz, der auch ganz gut ausgeschildert war. Für litauische Verhältnisse zwar teuer, aber dafür standen uns hier warme Duschen zur Verfügung, solange das warme Wasser reichte. Da wir morgen nach Vilnius wollen, haben wir uns für zwei Nächte eingemietet. Ansonsten ist es ein ruhiger, sauberer Platz, auf dem nicht viel los ist. Ein paar Wohnmobile und nicht viele Zelte. Zimmer und Hütten kann man auch mieten, die sind aber kaum belegt. Wir lernten Andreas kennen. Ein lustiger Geselle, der in Hamburg Taxi fährt und uns gleich freundlich angesprochen hat. Weniger lustig fand es Nikolaj, dass wir uns neben ihm aufbauten. Der ist hier zum Angeln und Saufen. Einfach mal Frei machen vom Familienleben. Wie ich zusammen mit seinem Namen später erfuhr, ist sein jüngstes gerade ein paar Wochen alt, da kann der geschlauchte Familienvater schon mal Ferien vertragen. Aber noch waren wir nicht soweit, dass wir uns freundschaftlich über unser Privates austauschten. Noch war uns Nikolaj böse. Zuerst versuchte er, uns mit der Hausmacht von „seinem“ Platz zu vertreiben, aber in den Augen des Platzwartes war alles in Ordnung. Dann rief er einen Freund an, der uns sein Anliegen vortragen sollte. Der Freund musste ihm wohl mal erzählt haben, dass er deutsch kann, versagte am Telefon aber völlig. Dabei sprach Nikolaj ausreichend verständlich Englisch, welches durch den Alkohol auch locker von der Zunge kam. Und Nikolaj musste feststellen, dass wir gar keine so gefährlichen Deutschen sind. Ich sagte ihm dann noch, dass wir Deutschen schon sehr gefährlich wären, wir haben immerhin den zweiten Weltkrieg angefangen. Das sei aber alles halb so wild, wir haben ihn dann auch verloren. Schließlich war Nikolaj der Meinung, ich solle mal Bekanntschaft mit seiner Frau machen, von der er sich gerade eine Auszeit gönnte. Vielleicht würde sie mir die Leviten lesen, da hatte er sicher seine eigenen Erfahrungen, mit ihrem Erscheinen hatte er auch schon gedroht. Also baute er mit seinem Handy wieder eine telefonische Verbindung auf. Diesmal eine angenehme Frauenstimme und Kinderrabatz im Hintergrund. Ich unterhielt mich mit Rasa. Ganz im Gegensatz zu dem Bild, was Nikolaj von ihr bei mir gezeichnet hatte, schien er eine sehr nette Frau zu haben. Gemeinsam stellten Rasa und ich fest, dass es für Nikolaj wohl das Beste sei, für heute langsam in den Schlafsack zu krauchen, um seinen Rausch auszuschlafen. Dieses „Langsam“ dauerte bei N. aber noch eine ganze Weile. Irgendwann habe ich ihm auch mal meine eMail-Adresse gegeben. Bin mal gespannt, ob da was kommt. Andreas hatte sich inzwischen ein üppiges Nachtmahl zubereitet und kam an unseren Tisch, um in unserer Gesellschaft zu essen. Wir taten es ihm kurze Zeit später gleich. Den Rest des Abends verbrachten wir beim Skat, mit Andreas hatten wir ja nun einen dritten Mann. Nikolaj kam von Zeit zu Zeit mal vorbei, trollte sich aber immer recht schnell wieder, als er merkte, dass er keine Aufmerksamkeit mehr erregen konnte. Wir drei spielten jedenfalls so lange Skat, bis wir nichts mehr sehen konnten. Andreas hatte als „Wessi“ zwar ein wenig Probleme mit dem deutschen Blatt, aber wir hatten sehr lange viel Spaß. Beim Spiel unterhielten wir uns über alles mögliche und so war es ein sehr kurzweiliger Abend, der zum Glück auch trocken blieb. ▲___zum Inhaltsverzeichnis


Der fünfte Tag (02.06.2009)[Bearbeiten]

82 Kilometer


Der Tag in Vilnius

Trakai - Vilnius - Rykantai


Heute Morgen verabschiedeten wir uns von Andreas, der erst nach Vilnius und dann zu den Seen im Norden weiter fahren will.

Wir hatten auch vor nach Vilnius fahren, aber vorher wollten wir uns noch Trakai ansehen. Nikolaj war am frühen Morgen schon Angeln. Er grüßte freundlich, als er uns sah, und war sonst ganz friedlich und zurückhaltend.

Das Wetter verbreitete am frühen Morgen noch viel Zuversicht, zog sich aber kurz vor der Abfahrt etwas zu. Eigentlich ist das nicht schlecht, wenn man den ganzen Tag in der Motorradkombi durch die Gegend laufen möchte, denn dann brezelt einen die Sonne nicht so auf. Trotzdem ist es warm, hell und trocken und man kann sich viel Zeit nehmen, um alles zu besichtigen und auch mal in einem Café an der Straße zu verweilen und Leuten nachzuschauen.

Die Inselfestung von Trakai

In Trakai war das dann auch alles so. Eine sehr schöne Inselfestung, deren Werden, Vergehen und Wiederentstehen gut dokumentiert ist. In der weitläufigen Burganlage sind auch noch weitere Ausstellungen untergebracht, welche vielfältiges Kunsthandwerk der Gegend zeigen. So habe ich in der Pfeifensammlung gelernt, was eine Meerschaumpfeife ist, das Material aus dem die Pfeife des Lehrer Lempel aus Max und Moritz bestand. Es ist ein Magnesiumsilikat, welches sich wegen seiner Großporigkeit sehr einfach bearbeiten lässt. Dies ist auch der Grund, warum man sich an diesen Pfeifenköpfen nicht verbrennt. Meerschaum wird geschnitzt und glatt poliert. So entstehen wunderschöne kleine Kunstwerke. Die Pfeife wird dann noch mit einem Schaft und dem Mundstück komplettiert. In Litauen bestanden diese sogar oft aus Bernstein, der hier häufig vorkommt.

Trakai als Ruine

Im Ort Trakai selbst gibt es zwei Festungen, die ursprünglich, wie alle Burgen hier, aus Holz bestanden. Von der zweiten Feste sind aber nur noch Ruinen übrig. Aber auch diese sind noch sehr imposant.

Unser Interesse galt aber vor allem der Inselfestung, das nationale Wahrzeichen Litauens. Sie kann nur über eine Brücke erreicht werden und hatte natürlich militärischen Charakter. Dieser ging aber nach der Schlacht bei Tannenberg (1410), bei der der Deutschritterorden empfindlich geschwächt wurde, verloren. Dieses Schicksal teilte sie mit vielen Burgen der Gegend. Nachdem die Inselfestung von Trakai militärisch bedeutungslos geworden war, nutzte man sie jedoch noch als Jagdsitz und baute sie auch weiter aus. Irgendwann hatte man aber auch dazu kein Interesse mehr an ihr und sie geriet in „Vergessenheit“. So wurden kaum noch Reparaturen und Instandhaltungen vorgenommen und die Burg zerfiel langsam. Im Krieg mit Russland (17. Jh.) beschossen Kosaken die Burg zu Übungszwecken, was sie endgültig zur Ruine machte. Auch die Brücke zerfiel und so waren die Ruinen auf der Insel nur noch mit dem Boot zu erreichen.

Vytautas

In der Neuzeit entdeckte man Trakai für den Tourismus und als Symbol von nationaler Bedeutung und baute die Burg wieder auf. Denn hier wurde der 1350 Vytautas als Sohn Kęstutis und Birutes (Sage der Birute, Palanga) geboren. Vytautas wurde wie sein Vater Großfürst Litauens und war an der Zurückschlagung der Ritter des Deutschen Ordens beteiligt.


Vilnius empfing uns mit Regen. Wir stellten die Maschinen im neuen Zentrum ab und hielten uns erst mal im Einkaufstempel auf. Hier war es wenigstens trocken. Der Regen verdichtete sich zum Gewitter. Wir entschieden uns, es beim Chinesen „auszusitzen“. Es gab gebratenes Huhn mit Reis und Nudeln. Dazu Sojasoße und eine Tasse grünen Tee.

Panorama von Vilnius

Dem Regen machte das gar nichts. Es hörte einfach nicht auf. So war die Freude am Stadtbummel reichlich getrübt. Kalle zog sich seine Regenkombi über. Aber dann wird man auch nur nass, von innen heraus und fängt dazu noch an zu kochen. Außerdem sieht man aus wie ein Michelinmännchen. Ich hatte keine Lust, so durch die Gegend zu laufen und verzichtete darauf. Meine Motorradkombi ist da auch etwas komfortabler als die Lederklamotten von Kalle.

St. Casimir

Die Altstadt von Vilnius ist sehr sehenswert. Allerdings lösen sich wundervoll erhaltene Gebäude mit Baulücken oder ruinösen Häusern ab. Auch viele Hinterhöfe haben ein gemütliches Ambiente. Meistens jedoch sieht es recht bescheiden aus, wenn man hinter die schönen Fassaden schaut.

St. Parasceve Orthodoxe Kirche in Vilnius

Das Wetter machte mir keine Lust darauf, die ganzen interessanten Details zu erkunden und schon gar nicht zu fotografieren, obwohl ich mich schon sehr darauf gefreut hatte. Wir besuchten vor allem die Kirchen der Stadt. Da ist man wenigstens für den Moment trocken und kann sich auch mal setzten. Vilnius ist mit Gotteshäusern gut bestückt und man findet sie von aufwändig renoviert bis geschlossen und dem Verfall anheim gegeben. Wir fanden sogar eine, die zum Funkturm umfunktioniert wurde.

In St. Casimir, die wir zuerst besuchten, überlegte ich kurz, ob ich mal um besseres Wetter bitten sollte. Bevor ich es tat, fragte ich mich allerdings ob es denn tatsächlich schon so schlimm ist, dass ich irgendwelche Götzen dafür anbeten müsste. Nein, als eingefleischter Heide musste ich das nicht. Als wir aus der Kirche herausgingen, zeigte ich Kalle die Opferkerzen und machte ihm den Vorschlag, dass er da für 0,5 Lita ein Teelicht für besseres Wetter anzünden könne. Daraufhin erzählte er mir, dass er gerade für besseres Wetter gebetet hat. Ist halt alles eine Frage der inneren Einstellung ....

Auf dem Weg zur russisch orthodoxen Kirche und der Kathedrale von Vilnius durchstreiften wir noch die Altstadt ein wenig, aber es machte keinen richtigen Spaß. Das gotische Ensemble hätte ich mir schon noch gerne angesehen, aber das lag leider etwas abseits unseres Weges. Ich wollte nur raus aus dem Regen. Schlafsack und gut!

Als wir die Kathedrale erreichten und von hier den Rückweg zu unseren Maschinen antreten wollten, hatte doch jemand Kalles Fürbitten erhört und berücksichtigt. Vielleicht trat diese Anfrage auch mehrfach auf an diesem Tag.

Der Himmel lichtete sich, die Sonne kam heraus und Kalle fing in seinem Ganzkörperkondom vollends an zu kochen. Die Zeit war nun aber schon recht fortgeschritten und eigentlich wollten wir diese wohlwollende Phase, welches für gutes Wetter auch immer zuständigen Gottes ausnutzen, um trocken nach Trakai zurück zu kommen. Aber nun standen wir gerade neben dem Burgberg und so entschieden wir uns, doch noch dort hinauf zu klettern, um wenigstens einen Blick über die Dächer der Altstadt von Vilnius zu bekommen. Dies war eine gute Entscheidung und so konnten wir diesen kleinen Lichtblick der Freude bei schönsten Sonnenschein genießen.

Sogar nach Trakai kamen wir trocken zurück und leisteten uns den Rückweg über Rykantai. Nikolai war inzwischen zu seiner Familie zurückgekehrt. Dafür war Andreas noch da, der sägte in seinem Zelt aber schon fleißig die Bäume ab. Auch wir machten nicht mehr lange. Wir hatten an diesem Tag viel erlaufen. Abendessen und noch ein Paar Bierchen und ab in den Schlafsack.

Mal sehen wie es morgen wird. Wir wollen in den Aukštaitijos Nationalpark im Nordosten an der Weißrussischen Grenze fahren. Dabei werden wir durch den geografischen Mittelpunkt Europas fahren. Werden wir auch das Atomkraftwerk bei Ignalina sehen? ▲___zum Inhaltsverzeichnis


Der sechte Tag (03.06.2009)[Bearbeiten]

296 Kilometer


Durch den Mittelpunkt Europas in den Aukštaitija National Park‎

Zeltplatz Totoriskes - Maišiagala - Mittelpunkt Europas - Nemenčinė - Pabradė - Švenčioniys - Ignalina - Aukštaitija Nationalpark (Paluse - Meironys - Ginučiai - Tauragnai) - Utena - Rubikiai See


„Drei Mücken auf dem Visier sind noch kein Dauerregen“

Die Feuchtigkeit geht nirgends mehr richtig raus. Heute Morgen gegen fünf war offensichtlich alles Fürbitten und sämtliche Opferkerzen von gestern aufgebraucht.

Andreas verabschiedete sich ganz betrübt im strömenden Regen und mit gesenktem Haupt, weil er eigentlich auch in den Norden zum Aukštaitija Nationalpark bei Ingalina wollte, um ein wenig zu wandern, bevor er nach Riga weiter reist. Aber Andreas hatte in sein großes Auto keine Regensachen eingepackt. Auch ein Grund, warum ich mir den Juni für die Tour ausgesucht habe ist, dass die Niederschlagsstatistik für das Baltikum den Juni als regenärmste Zeit ausweist. Da ich solche Statistiken aber nicht selber fälsche, ist Regenausrüstung zum Fahren und Wandern Standardausstattung in meinem Gepäck.

Nun will Andreas also über Kaunas, um da das ethnologische Freilichtmuseum zu besichtigen, direkt nach Riga und dann über die Kurische Nehrung und Königsberg den Rückweg antreten. Auch Marienburg, dem Haupthaus des Deutschritterordens, will er auf seiner Rücktour noch besichtigen. Als ich Andreas meine Theorie darüber erklärt habe, dass ich bestimmt ein kleiner Regengott bin, weil es, immer wenn ich irgendwohin fahre, es dort bestimmt regnet, war er froh, dass sich unsere Wege nun trennten. Und als ich die Kellnerin gestern im Chinarestaurant fragte, ob sie wüsste, wie sich das Wetter in den nächsten Tagen entwickeln wird, meinte sie, es wird den ganzen Monat nicht besser ... tolle Aussichten!

Kalle und ich einigten uns darüber, dass wir uns gegen zehn auf den Weg machen wollten. Es stand auch zur Debatte, von Trakai direkt Richtung Ostsee zu fahren, um an der Küste mit anderem Wetter zu rechnen, also keinem Regenwetter. Kalle war mit diesem Vorschlag einverstanden. Da es aber gegen acht aufhörte zu regnen und der Himmel sogar ein wenig Blau durchscheinen ließ, fragte ich noch einmal nach: „Kalle! Was machen wir denn nun? Fahren wir zur Küste oder die geplante Tour zum Nationalpark?“. Kalle: “Lass uns eine Münze werfen!“. Ich: „Welche Währung?“.

Der geografische Mittelpunkt Europas

Wir ließen diese Frage noch bis zum tatsächlichen Abmarsch, also dem Starten der Motoren, offen. Könnte ja noch viel passieren. Als wir dann soweit waren, den Starterknopf zu drücken, stelle ich Kalle noch einmal dieselbe Frage: „Welche Tour nun?“. Das Wetter war inzwischen richtig offen, etwas Wind zwar und dichte Kumuluswolken, aber sonst auch Sonne. Kalle: „Wir fahren die geplante Route und wenn etwas schief geht, kannst du ja sagen ich bin schuld.“. Über soviel Entscheidungsfreude war ich gleichzeitig erstaunt, weil Kalle sich bei so was sonst immer drückt, und erfreut, weil sich dies auch mit meiner Vorstellung deckte.

Wir brachen also Richtung Nordosten auf. Der Mittelpunkt Europas und der Aukštaitija Nationalpark waren nun doch die Ziele des Tages. Die Entwicklung am Himmel war auch so, wie man es sich wünschen würde, wenn man das könnte. Die Abstände zwischen den dicken Wolken vergrößerten sich immer mehr und wir bekamen 1A Tourenwetter.

Bei Pikeliškės passierten wir den geografischen Mittelpunkt Europas. Somit waren wir also im wirklichen Mitteleuropa unterwegs und nicht in Osteuropa. Von hier aus näherten wir uns der Weißrussischen Grenze. In Nemenčinė wussten wir, dass wir dieser sehr nahe waren. Als wir dort einen Versorgungsstopp einlegten, wurden wir von arbeitsscheuen Elementen, wie das früher bei uns hieß, angebettelt: Hochroter Schädel, Standarte gegen den Wind, laut und penetrant. Aber Handy in der Tasche. Nachdem ich vom Einkauf zurück zu unseren Maschinen kam, auf die Kalle derweil immer aufpasst und dabei gerne eine raucht, dachte ich, er hätte einen Kumpel zum Rauchen gefunden, aber dieser Typ wollte uns um Geld anbetteln, um Bier kaufen zu können, wie ich mit meinen spärlichen Russischkenntnissen noch so mitbekam. Kalle macht dann immer auf „Nix verstehen“ und ich habe ihm mehrsprachig gesagt, er solle lieber arbeiten gehen. Das wollte er natürlich nicht hören und meinte, sie wären doch Weißrussen. Vielleicht muss so was ja nicht für seinen Lebensunterhalt arbeiten. Öl- und Gaslieferungen nach Westeuropa abzwacken ist ja auch einfacher. Er merkte jedenfalls bald, dass er bei uns nichts erreichen konnte und hat sich dann zusammen mit seinen Kumpels getrollt.

Auf der 102 nach Sariai gab es umfangreiche Erneuerungsarbeiten. Zum Staubschlucken hatte ich keine Lust und setzte uns an der ersten Baustellenampel an die Spitze der Kolonne. Im Baltikum sind Baustellendurchfahrten aber Strecken über die aufgerissen Baustellen und ich bedachte nicht, dass Kalle alles was kein glatter Asphalt ist, mit nur 15 km/h fährt. So fuhr ich also der Kolonne weit voraus und Kalle führte einen Treck von zwanzig Fahrzeugen an, denen das bestimmt nicht gefiel. Das Schleichtempo von Kalle rührt daher, dass er meint, seine Karre würde seit zwei Tagen „schwimmen“, weil er sich auf der Strecke nach Punia was an der Lenkung weggeholt hätte. Gestern waren wir sogar Luft prüfen, um diesen Fakt auszuschließen. Heute habe ich mir dann mal seinen Vorderreifen angesehen. Das hätte vor Beginn der Tour mal ein neuer sein sollen. Jetzt ist da noch ein halber Millimeter drauf und auch ungleichmäßig abgefahren. Da braucht es keinen weiteren Kommentar zum Thema „schwimmen“. In Sariai fielen uns mal gleich wieder die hübschen Mädchen auf, weil die sich sehr für dieses kuriose Zweigestirn interessieren. Kommen wohl nicht so oft Motorräder hier durch und schon gar nicht so bepackt.

Die Kirche von Sariai hat eine sehr interessante Architektur. Als offensichtlich orthodoxe Kirche, hat sie eine Form, die sehr an eine Moschee erinnert. Im Reiseführer war Sariai leider nicht erwähnt und so konnte ich auch nichts über die Kirche erfahren. Später habe ich es dann noch mit dem Internet versucht, aber auch da gibt es nichts über diesen Ort. Die Kirche war auch verschlossen, so dass uns der Blick ins Innere verwehrt blieb. Später hatte ich dann mal die Lacher auf meiner Seite, weil ich die Vermutung geäußert hatte, dass das vielleicht an der Nähe zu Weißrussland lag. Von Sariai setzten wir die Fahrt nach Ignalina fort. Jedenfalls dachte ich, dass es das ist, weil es in meiner Karte so eingetragen war. Das sollte der Ausgangspunkt für die Fahrt durch den Nationalpark sein. Bevor wir aber durch den Park tourten, verschafften wir uns erst einmal einen „Überblick“ vom zweithöchsten Gipfel Litauens aus. Dieses Areal musste dann wohl auch das Wintersportzentrum von Litauen sein, denn hier gibt es immerhin zwei Skilifte. Außerdem gibt es hier einen Aussichtsturm.

Durch den Park entschieden wir uns für geteerte Straßen. Einmal wichen wir davon ab. Plötzlich standen wir vor einer Schranke und mussten die ganzen Kilometer zurück. Der Park ist wunderschön. Die klaren Seen und Bäche laden zum Baden ein. Ich hatte mir manchmal gedacht, wie schön es wäre, die Schnorchel- oder Tauchausrüstung dabei zu haben. Die Wälder rochen herrlich. Ein Vorteil, den ein Autofahrer kaum nachempfinden kann, der in seiner Blechkiste hockt und die Ausdünstungen von Sitzausstattung und Plastikverkleidungen schnuppern muss, vielleicht noch Duftbäumchen....

Die Sonne, die sich heute recht wacker am Himmel behauptet hatte, wurde nun wieder mehr von Wolken verdeckt. Der Himmel zog sich mehr und mehr zu und bald gab es nur noch grau und keinen blauen Fleck mehr. Wir wollten eigentlich noch länger im Park bleiben. Aber wir hatten noch keinen Zeltplatz für die Nacht und hofften durch etwas fahren doch noch einem Unwetter zu entgehen. Das „litauische Weimar“, wie es im Reiseführer genannt wird, stand für den nächsten Tag auf dem Reisplan. Wir wollten also noch so nah es geht an Anykščiai heran fahren und möglichst der Nässe von oben entgehen.

Wir passierten Utena und der Regen wurde nicht weniger. Ganz im Gegenteil. Der Regen wurde immer heftiger. Wir wollten nun nur noch den nächsten Zeltplatz erreichen. Der ersten Ausschilderung auf der A6 nach Utena in Richtung Süden, die auf einen Zeltplatz hinwies, folgten wir dann auch. Kilometer um Kilometer kam aber kein weiterer Hinweis, aber auch kein Zeltplatz. Da Kalle nur sehr langsam vorwärts kam, denn das waren keine befestigten Straßen mehr, sollte er warten. Ich würde noch einige Kilometer fahren und wenn dort nichts ist, dann müssten wir zur nächsten Kreuzung zurück und eine andere Richtung einschlagen.

Utena ist nicht besonders sehenswert

So kam es dann auch. Die an der A6 ausgewiesenen zehn Kilometer bis zum Zeltplatz waren längst überschritten. Ich hatte es mir mittlerweile angewöhnt, diese Angaben ganz genau auf meinem Kilometerzähler zu verfolgen. Wir kehrten also um und fuhren zur nächsten Kreuzung zurück. Ich schnell vor und Kalle langsam hinterher. An der Kreuzung gab es aber auch keinen Hinweis. Wir folgten aber der Querstraße in die Richtung, die meiner Karte zu Folge zum [w:Lake_Rubikiai|Rubikiai][See] führte. In meiner Karte allerdings als Sperrgebiet gekennzeichnet. Erleichtert fanden wir genau dort wieder eine Ausschilderung und wenige hundert Meter kam dann auch so etwas wie ein Zeltplatz mit Holzhäusern und Spielplatz. Der war aber noch gar nicht fertig. In den Häuschen, die alle noch keine Infrastruktur enthielten, waren Bauarbeiter untergebracht, die an der nahen A6 arbeiteten. Sie hatten aber nichts dagegen, dass wir für eine Nacht hier blieben und halfen uns sogar mit Trinkwasser aus.

Der Regen nahm weiter zu. Wir waren froh, dass es auf diesem Platz auch schon so etwas wie einen Aufenthaltsraum gab. Wir konnten so im Trockenen unser Abendessen einnehmen und noch einen Augenblick sitzen und erzählen, bevor wir in unsere klammen Schlafsäcke in die tropfnassen Zelte krochen. ▲___zum Inhaltsverzeichnis


Der siebente Tag (04.06.2009)[Bearbeiten]

276 Kilometer


Odyssee und Geschichtsunterricht

Rubikiai See - Ukmerge - Pabaiskas - Gelvonai - Liukonys - Čiobiškis - Musniki - Kernavė - Airėnai - Vievis - Rumšiškės - Kaunas - Kėdainiai


Über Nacht ließ der Regen auch nicht nach und, als ob das nicht schon reichen täte, verstärkte sich auch noch der Wind. Er drückte das Wasser durch die Zelthaut und zog die Heringe aus dem aufgeweichten Boden. Da die Außenhülle dadurch schlecht verankert war, konnte der Wind nun direkt durch das Zelt wehen. Der Zeltboden setzte der Nässe des aufgeweichten Untergrundes auch keinen Widerstand entgegen. Schutz bot nur noch das Innere des Schlafsacks. Ich kroch ganz tief in ihn hinein und zog ihn oben zu. Ist nicht bequem, aber wenigstens nicht kalt. So zusammengeschnürt konnte ich dann immer wieder kurze Phasen von Schlaf finden, in denen ich dann auch noch schlecht träumte.

Gegen sechs war mir so kalt, weil der Schlafsack nun genau wie alles im Zelt nass war, so dass ich mich aus dem Zelt pellte, um bei einem Topf Kaffee im Aufenthaltsraum Zuflucht zu finden. Der war wenigstens trocken und versprach somit das Gefühl von Wärme. Kalle kam dann auch gleich und rauchte eine nach der anderen. Vielleicht hoffte er mit dem Glimmstängel etwas Wärme über die Lungen aufnehmen zu können. Wir tranken unseren Kaffee und krallten uns an den Bechern fest. An meinem jedenfalls konnte ich mir die Finger wärmen, Kalle hatte einen Iso-Becher. Auf jeden Fall waren wir uns einig, dass dies wohl ein langer Tag in der Regenkombi werden würde, so wie das jetzt da draußen aussah. Der Wind und der Regen hielten unvermindert an. Schon beim Abbau der Zelte und dem Verpacken der Ausrüstung auf den Maschinen trugen wir die Regenkombis, um nicht schon durchgeweicht die Fahrt zu beginnen. Dazu würde es schon noch früh genug kommen. Wieder war der Aufenthaltsraum die Rettung in der Not. Hierher trugen wir alles, bevor wir das klatschnasse Zeug verpackten, was den Wasseranteil im Gepäck um ein wesentliches verminderte.

Vollkommen unerwartet schaffte es aber der Wind, ein Loch in die Wolken zu reißen und diese dann auch noch etwas zu vereinzeln. Aber der Sturm hielt an. Wir verzichteten also erst einmal auf unsere Regenkombis, um besser zu trocknen, aber das kühlte uns in unseren klammen Klamotten ganz schön aus. Gerade die Lederstiefel und die Handschuhe halten, einmal richtig nass, die Feuchtigkeit sehr lange und Füße und Finger waren eisig.

Wir stoppten hin und wieder, um uns an einer vom Wind geschützten Stelle in die Sonne zu stellen und etwas zu wärmen. Einmal zeigte ich Kalle meine Finger der rechten Hand. Es ist die Hand am Gasgriff, die man somit nie vom Lenker nehmen kann, wie die Linke zum Beispiel, um sie mal etwas dem Fahrtwind zu entziehen. Die Fingerspitzen waren tief blau, verfärbten sich zur Handfläche hin etwas heller bis ganz weiß. In der Handfläche selbst hatte ich noch Gefühl, dass dann bei langsamer Erwärmung in Form eines heftig stechenden Schmerzes auch wieder in die Fingerspitzen zurückkehrte. Wie oft an diesem Tag würde ich das noch erleben müssen? Wie oft in den noch kommenden drei Wochen? Ich überlegte auch, ob wir bei einem solchen Stopp nicht mal die Zelte und Schlafsäcke herausholen, um sie im Wind trocknen zu lassen, aber mit den klammen Fingern wieder in das nasse Zeug im kalten Wind, darauf hatte ich absolut keinen Bock.

Kirche von Ukmerge

Hinter Ukmerge, wir wollten uns das ethnologische Freilichtmuseum bei Kaunas ansehen, hatten wir wegen des späten Starts Anykščiai aus dem Reiseplan gestrichen und fuhren deshalb auf der A6 direkt wieder Richtung Südwesten und bogen von der Schnellstraße ab. Sie war heute gar keine Schnellstraße und wird es auch die nächste Zeit nicht mehr sein, denn sie ist mit Baustellen übersäht. Eigentlich ist es eine einzige Baustelle mit kurzen asphaltierten Abschnitten. Und bei der Nässe ist das dann auch nur eine Schlammschlacht, die Kalle durch langsames Fahren auch noch in die Länge zog. Aber was blieb ihm übrig mit der Intruder? Also ab auf eine kleinere Landstraße, die uns direkt nach Süden bringen sollte. Auf der Fahrt über eine Hochebene konnten wir das Land weit überblicken und sahen, was uns erwarten würde, wenn wir unseren Plan weiter folgten. Breite Regenbänder zogen im Süden über das Land. Wie auf einer Kette aufgefädelt, ergoss sich da ein Schauer nach dem andern in gleichmäßiger Reihenfolge. Wir pellten uns also gleich wieder in unsere Plastikkondome und kurz darauf begann eine für diesen Tag wohl nicht abreißende Odyssee. Wir machten heute bestimmt 100 Kilometer Strecke vollkommen umsonst, weil wir wegen schlechter, gar keiner, bis hin zu falscher Ausschilderung der Strecke Unmengen an Umwegen in Kauf nehmen mussten. Einmal hätten wir zum Beispiel eine Fähre nehmen müssen, aber dahin gab es keinen Wegweiser. Erst als ich viele Kilometer weiter ein Ortsschild von einem Ort las, durch den wir nie fahren wollten, wusste ich, dass wir die Fähre wohl verpasst hatten. Ein ganz großer Tadel an das litauische Verkehrsministerium!

Bei Kaunas ist durch die Anstauung der Memel das Kaunasische Meer entstanden. Dabei ist das Dorf Rumšiškės im Wasser versunken und man hat es etwas höher wieder errichtet. Nicht besonderes dort, weil alles „neu“. Aber 1966 begann man hier aus allen Landesteilen typische Gebäude, ganze Bauernhöfe, Mühlen, Schmieden und so weiter herzuschaffen. Daraus entstand das Litauische ethnologische Freilichtmuseum, welches 1974 für den Besucherverkehr freigegeben wurde. Ganze Dörfer wurden hier zusammengestellt, die das Leben und Arbeiten in den Regionen der vier Himmelsrichtungen in Litauen seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert in einer ausgesprochen „lebendigen“ Weise darstellen. Es werden Felder und Gärten bestellt und manchmal sind auch Handwerker mit ihrer Arbeit beschäftigt. Gerade für meinen Faible für alte Häuser war das natürlich ein Leckerbissen. Gerade ist man dort dabei, eine Kleinstadt zu errichten.

Der Rundgang im Freilichtmuseum ist ca. 7km lang.


Anfangs schüttete es zwar wie aus Eimern, aber schließlich wurden wir mit Sonnenschein belohnt und konnten unsere Exkursion ohne Regenkombis fortsetzten. Das Areal ist riesengroß und man muss viel laufen, denn allein der Rundweg ist sieben Kilometer lang. Wir hielten uns beinahe den ganzen Tag hier auf und auch das war noch viel zu kurz. Wohl weil das Wetter so bescheiden war, begegneten wir kaum anderen Besuchern und hatten den Eindruck, alles nur für uns zu haben. In der rustikalen Gaststätte konnten wir gut und zu annehmbaren Preisen essen und trinken und wurden als einzige Gäste ganz lieb von Laura bedient, die heute ihren ersten Tag hier hatte und deshalb ein wenig schüchtern und aufgeregt war. Aber wir scherzten ein wenig und dann ging alles ganz super und lustig voran.

An einer Stelle, „die Jurte“, wurde auch die Deportation von litauischen Menschen nach dem Verkauf der östlichen Gebiete für 31,5 Milliarden Reichsmark an die UdSSR dokumentiert.

Nach unserem Rundgang, es war so gegen 17 Uhr, machten wir noch einen Versorgungsstopp in Kaunas und besichtigten noch ein wenig die Altstadt. Dann wollten wir den ersten Zeltplatz nehmen, der in Richtung auf unser nächstes Tagesziel, der Hügel der Kreuze, am Weg liegen würde. Es gab auch gleich einen am Ortsausgang von Kaunas, aber der Preis von neunzig Litas für eine Nacht direkt neben der Autobahn erschien uns nicht angemessen, obwohl wir gern einmal wieder geduscht hätten. Aber wie heißt es so schön: „Die richtige Mischung aus Schweiß und Dreck hält wasserdicht und warm.“ Und das können wir ja gut gebrauchen.

In der festen Überzeugung, bald auf den nächsten Zeltplatz zu stoßen, fuhren wir weiter. Aber denkste! Bei Kėdainiai nördlich von Kaunas war nix. Nur Landwirtschaft und ein wenig Industrie und Straßen, wo sie laut Karte nicht hingehören.

Touristisch ist die Gegend wohl kaum erschlossen. Wir wollten noch ein wenig von der Sonne, die gerade schien, für die Trocknung unserer Zelte und Sachen abbekommen und entschieden uns, über einen Feldweg von der Straße zu einen nahe gelegenen Wald zu fahren. Durch den Regen der letzten Tage war dieser aber vollkommen aufgeweicht und so holte sich Kalle mit Hilfe der Schwerkraft eine Schlammpackung. Wenig später versuchten wir dasselbe noch einmal auf einer Betonpiste. Mit großem Erfolg und hoffen auf eine trockene gute NACHT!

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Der achte Tag (05.06.2009)[Bearbeiten]

215 Kilometer


Der Hügel der Kreuze ist nicht Golgatha

Šeduva - Šiauliai - Hügel der Kreuze - Kuršėnai - Telšiai - Lieplaukė


Die Nacht war wunderbar ruhig. Bis auf ein paar Schafe in einem nahe gelegenen Koben und ein paar Hunde in der Gegend war nichts zu hören. Kein Regen. Kein Sturm. Erst als am Morgen die Sonne über die Baumwipfel mein Zelt erhellte und Kalle sich den Kocher aus dem Vorzelt klaubte, entschloss ich mich aufzustehen.

Wir ließen uns viel Zeit am Morgen, damit alles trocken werden konnte.

Bis auf einige kleine Wolken war der Himmel strahlend blau. Doch ein frischer Wind zeigte an, dass es wohl nicht lange so bleiben würde. Wir waren uns aber einig zu warten, bis unsere Sachen und die Ausrüstung trocken sein würden. Denn solche lichten Momente, das hatten wir gelernt, mussten wir nutzen, wenn wir noch drei Wochen hier aushalten wollten. Wir tranken gemütlich Kaffee, während am Horizont graue Schleier aufzogen. Das ist das schöne an diesem flachen Land. Man sieht rechtzeitig, wie sich das Wetter ändern wird. Schade nur, dass es das so oft tut .... Manchmal kommen die Wolken so tief an, dass man meint, wenn man die Arme jetzt ganz lang macht, kann man sie einfach auseinander fuchteln. Geht leider nicht! Und so tröstete ich mich damit, dass über diesem hässlichen Grau-Schwarz wundervoller Sonnenschein auf uns wartet.

Aber noch waren die grauen Miesmacher nicht da. Alles konnte in Ruhe trocknen und wir hatten auch noch genügend Zeit, alles ordentlich zu verpacken. Kalle entschied sich trotzdem sofort für die Regenkombi, da sie ihm auch Schutz vor dem kalten Wind bot. Mir waren die Wolken aber nicht grau genug für das Michelin-Outfit. Sie würden nicht genügend Kraft haben, um mich nass zu bekommen. Ein großer Vorteil meines Codura-Anzuges.

Windmühle bei Šeduva

Und ich sollte auch recht behalten. Bis auf kurze Augenblicke war das Wetter den ganzen Tag zwar windig und es waren viele Kumuluswolken am Himmel, aber es blieb weitgehend trocken. Überhaupt: „Wasser von oben“ ... seit wir aus Trakai weg sind, hatten wir kein fließendes Wasser mehr, geschweige denn eine Dusche. Auch vorgestern am Rubikiai See lud das Wetter nicht dazu ein, mal ein wenig Dreck abzuspülen. Das wenige Wasser, das wir als Vorrat immer mitführen, ist sehr knapp. Gönne ich mir mal ein paar Tropfen zum Ausspülen meiner Tasse, dann nehme ich es auch gleich noch zum Zähne putzen und „Händewaschen“. Verschwendung können wir uns nicht leisten, dazu ist zu wenig Platz im Gepäck. Von den zwei Litern, die wir uns gestern mitgenommen haben, bekam ich eine Tasse Tee, einen Kaffee und den besagten Rest, ca. eine viertel Tasse. Habe mir auch mal die neuen Seitenkoffer „Gobi“ von Hepco & Becker angesehen. Da kann man bis zu 3,5 Liter im in der Seitenwand integrierten Tank tarnsportieren. Aber so was haben wir nicht und ich freue mich mal wieder auf eine Dusche oder wenigstens ein Bad in See, Bach oder Meer.

Kirche von Šiauliai

Heute wollen wir zum Hügel der Kreuze nördlich von Šiauliai (dt. Schaulen). Eine Minierhebung von von 105m üNN, auf der man irgendwann mal angefangen hatte, Kreuze aller Art und Größe aufzustellen. Sogar einen Davidstern und einen Halbmond habe ich dort auf einer Skulptur gesehen, aber darüber war dann doch ein Kreuz angebracht.

Auf der Fahrt von unserem Nachtlager zum Kreuzehügel fuhren wir bei Šeduva von der Straße 144 auf die A9. Gegen Mittag hielten wir auf dieser Strecke an einer Pizzeria an. Hier kann man dem deutschsprechenden italienischen Küchenchef bei der Zubereitung der Pizzen zusehen. Wir unterhielten uns etwas über das Land, wie er hierher gekommen ist und was wir hier machen. Zum Kaffee bekamen wir dann leckeren Kuchen, den er gerade aus dem Ofen geholt hatte.

In meiner Karte war der genaue Ort des Hügels nicht auszumachen. Kurz hinter Šiauliai überholten wir aber einen Radfahrer, der auf seinem Lenker eine Karte montiert hatte. Den wollte ich mal fragen, ob die Stelle bei ihm genauer eingezeichnet war. Wir fuhren rechts ran und warteten auf ihn. Als er uns erreicht hatte, sprach ich ihn an. Es stellte sich heraus, dass er Franzose ist und schon seit drei Monaten unterwegs war. Er durchfuhr Deutschland und Polen in jeweils einem Monat und war jetzt schon seit einem Monat in Litauen unterwegs. Er wollte auch noch über Riga nach Tallinn. Mit Hilfe seiner Karte konnte ich mich auch kurz orientieren. Wir waren kurz vorm Ziel.

Hügel der Kreuze

Der Hügel der Kreuze hat einen etwas morbiden Charme. Die Buden, um noch schnell ein Kreuz zu kaufen oder sonstige Kinkerlitzchen, erinnerten mich an das neue Testament, Markus 11, 15-17: Sie kamen nach Jerusalem, und Jesus ging in den Tempel. Dort vertrieb er die Händler, die den Pilgern Opfertiere zum Kauf anboten, und ihre Kunden. Die Tische der Geldwechsler stieß er um, ebenso die Stände der Taubenhändler. Er duldete noch nicht einmal, dass jemand irgendwelche Dinge durch den Tempel trug. «Ihr wisst doch, was Gott sagt», rief Jesus der aufgebrachten Menschenmenge zu: «,Mein Haus soll für alle ein Haus des Gebets sein, ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht.» Was er davon hatte, wissen wir ja und würde er wohl auch wieder, wenn er wiederkommen und dasselbe tun täte. Im „Inquisitor“ von Hohlbein sagt ein Graf zum Inquisitor so etwas wie: Die Christen würden ihren Christus sofort auf dem Scheiterhaufen verbrennen, wenn er heute kommen würde und behaupten, er wäre der Sohn Gottes und die Dinge tun, die er getan haben soll.

Und noch mehr Zitate gingen mir beim Besuch dieser „Kultstätte“ durch den Kopf: „... und der Papst war auch schon da. Freiiiiiiiiheiiiit ....“ usw. von M.M. Westernhagen. Der hat da nämlich auch ein Kreuz dagelassen. Also nicht unser Papa-Razi, sondern sein Vorgänger Paul. Ein mächtig großes sogar und überdacht. Also nix mit Bescheidenheit und so. Aber der war, glaube ich, auch kein Franziskaner, der Johannes Paul aus Polen.

Telšiai

Ich kam auf die Idee auch ein Kreuz dazulassen. Auch wenn wir Heiden sind, muss doch auch mal einer an die ganzen Mopedfahrer denken. Aber reicht einfach so ein billiges vom (Tempel)Händler gekauftes? Nein, mein Vorschlag bestand aus zwei Schraubendrehern mit Strapsen (Kabelbinder) zusammen getütert. Aber Kalle meinte, dass wir unsere Schraubendreher vielleicht selber noch besser gebrauchen konnten und wir verworfen diesen Gedanken.

Die Holzkirche von Lieplaukė

Überhaupt ist das Pilgern und Wallfahren eine beliebte Sache. Überall an den Straßen stehen Wegweiser, die auf Pilgerstätten hinweisen. Heute habe ich auch mal jemanden gesehen, der an so einer Säule mit Maria drauf am Wegesrand kniete.

Ich bin jedenfalls froh, dass ich mich trotz meiner Taufe zu den Heiden zählen darf. Der wohl größten Glaubensrichtung auf dieser Erde. Alle anderen brauchen ja ihre Götzen und drei von diesen Weltreligionen streiten sich dazu auch noch um einen Gott.

Ein seltener Anblick:Zeltlager in sonniger Idylle

In Telšiai haben wir an einer Tankstelle Wasser aufgenommen. Dabei wurden wir von zwei Jungs bestaunt, die mit ihren Zwiebacksägen unterwegs waren. Ich glaube die hatten so etwas um die fünfzig bis siebzig Kubikzentimeter. Wir unterhielten uns eine Weile und sie waren ganz erstaunt darüber, dass ich auch mal so angefangen hatte und auch damit "große" Touren unternahm. Habe ihnen empfohlen, das auch mal im Kleinen zu versuchen, bevor sie auf Weltreise gehen. Das sahen sie dann auch ein und wollten gleich los ...

War ein sehr philosophischer Tag heute. Nun stehen wir mit unseren Zelten wieder irgendwo in der Pampas zwischen Telšiai und Plungė südlich der A11. Wir wollten zwar lieber bei Lieplaukė an den Germantas-See und mal baden, aber da kamen wir nicht ran. Aber egal! Falls mal wieder unkontrolliert Wasser von oben kommt, dann gehe ich einfach raus, wenn es nicht zu kalt ist. Es war heute Abend recht wechselhaft. Mal kommt eine Wolke, dann regnet es ein wenig und dann scheint wieder die Sonne. War ein ständiges rein ins Zelt, wieder raus aus dem Zelt. Ansonsten denke ich, dass wir hier eine ruhige Nacht bekommen werden und morgen Mittag in Palanga an der Ostsee sind. Dort werden wir dann bis Montag bleiben und ausruhen, bevor es dann nach Lettland weitergeht. Gerade prasselt wieder leichter Regen auf dem Zeltdach ... also, Gute Nacht!

Schneller Wetterwechsel: In nicht mal einer Stunde(Regen-Sonne-Regen- u.s.w.

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Der neunte Tag (06.06.2009)[Bearbeiten]

66,6 Kilometer


Sonnentag an der Ostsee

Plungė - Kretinga - Palanga


Die Nacht war alles andere als ruhig. Erst machten ein paar in der Nähe campende Kids Radau und dann fuhren die ganze Nacht Autos auf unserer Buckelpiste hier und Züge auf der Strecke gleich daneben. Außerdem war es wieder nass und saukalt. Aber zu Hause soll es auch nicht besser aussehen. Haben halt nur ein bisschen Pech, dass wir gerade jetzt unterwegs sind.

Zentrum von Kretinga

Dass ich geschlafen habe, weiß ich nur, weil ich zweimal aus schlechten Träumen aufgewacht bin. Und was für einen Mist ich geträumt habe. Beim zweiten Mal war meine Karre noch vollkommen demontiert als ich aufwachte und ich musste erst eine Weile überlegen, ob ich am Morgen so weiterfahren könnte. Normalerweise bekomme ich es hin, solche Träume zu beherrschen und genehmige mir dann immer einen kleinen Rundflug, aber irgendwie bekomme ich das hier nicht hin. Dann tat ich eine ganze Weile kein Auge mehr zu und zählte Güterzüge, aber als dann der Trecker vom hiesigen Landwirt an meinem Zelt vorbei tuckerte, war es auch schon neun.

Die Kirche im Zentum von Palanga

Ich kroch aus meinem Zelt. Draußen war es nur grau. Allerdings war ich über die trockene Haut meines Zeltes erstaunt. Um uns Wärme von außen zuzuführen, genehmigten wir uns in aller Ruhe jeder zwei Kaffee. Wir hatten viel Zeit, denn bis Palanga würden es nur circa fünfzig Kilometer sein. So konnten wir uns auch beim Zusammenpacken und Verladen viel Zeit lassen. Für die nächsten zwei Nächte würden wir nichts zum Campen brauchen, wenn es uns gelingt in Palanga eine günstige Unterkunft zu finden. Es war wohl gegen elf als wir starteten. Vorher kam noch mal der Bauer vorbei und als ich meinen Kaffeebecher zum Gruße erhob, lächelte er zurückhaltend und grüßte freundlich zurück. Er schien sich für unsere Maschinen zu interessieren, aber zum Anhalten und Absteigen brachte er wohl nicht den Mut auf. Dabei brauchte er gar nicht so mutig zu sein, denn wir sind ja immer gern zur Auskunft bereit.

Die erste Kneipe auf der Flaniermeile

Nachdem wir auf unseren Maschinen saßen, suchten wir einen Weg, um zurück auf die Schnellstraße Richtung Küste zu kommen. Kalles Anteil am gemeinsamen Wegfindungsprozess waren zwei Schulterzucken. In Kretinga, einer Stadt, die für ihre Holzschnitzarbeiten bekannt sein soll, haben wir so eine Art Mittagsbrunch gemacht. Die total süße Kellnerin konnte sogar ein wenig Deutsch.

Überall laden Restaurants zum draußen sitzen ein

Und da ich das hier gerade schreibe, fällt mir gerade auf, irgendwie sind die Kellnerinnen hier alle total süß. Und auch die Straßen sind voller hübscher junger Frauen. Was ich mich dabei aber frage: Wo sind die ganzen hübschen Frauen so über fünfundzwanzig? Lassen die Mädels hier so stark nach? Von Kretinga konnten wir schon sehen, dass das Wetter an der Ostsee hervorragend werden würde. Auch dauerte es nicht mehr lange und wir waren in Palanga. Und richtig: Sonne! Es bläst zwar ein kühler Wind, aber seit unserer Ankunft haben wir Sonne satt und in einem windgeschützten Winkel auf Palangas Flaniermeile wird es auch schön warm, so dass ein kühles Bier wunderbar schmeckt.

Die Landungsbrücke am Ende der Flaniermeile

Aber noch waren wir nicht ganz da. Wir hatten uns darauf geeinigt, nur im Notfall den Zeltplatz zu nutzen und wollten uns mal eine feste Unterkunft gönnen. Da wir auch zwei Nächte hier verbringen wollten, war das ganz gut so.


In meinem Reiseführer hatten wir uns zwar schon über Unterkünfte kundig gemacht, aber wir wollten doch noch mehr Infos in der Touristinformation einholen, da sich die Situation seit der Drucklegung des Reiseführers sicher auch schon geändert hat. Mit dieser Vermutung lagen wir auch ganz richtig. Schon am Ortseingang priesen sich die Unterkünfte an wie Sauerbier. Dort standen Leute, wie an der E55 von Zinnwald nach Teplice, und boten nicht sich, aber Zimmer, Wohnungen, Ferienhäuser etc. an. Auf Schildern, Plakaten, Schirmen und Autos standen Adressen von Unterkünften. Mit der Suche danach würden wir also keine Not haben. Die Strategie, ein günstiges Angebot zu bekommen, war einfach und schnell ersonnen. Auf den Marktplatz gefahren, da wo sich die Touristinformation befinden sollte, ihn einmal umkreist, als würde man etwas suchen und hingestellt. Zack! Plötzlich waren sie da und überhäuften uns mit Angeboten, die preislich weit jenseits von dem lagen, was an Beispielen in meinem Reiseführer stand.


Die Entscheidung fiel für eine Bude für achtzig Litas. Da sollten wir beide für zwei Nächte unterkommen und unsere Maschinen könnten in einer Garage stehen. So das Angebot! Die Garage für die Maschinen gab es dann nicht. Aber sie standen sicher auf einem ruhigen Hof. Der Krämerseele war das aber noch mal Öl ins Feuer geschüttet und wir bekamen, nach höflicher Nachfrage nach der versprochenen Garage, auch noch mal einen Preisnachlass. So kam es, dass wir hier an der Ostsee, bei schönstem Wetter, im festen Bett, mit eigener Dusche, zum selben Preis untergekommen sind, wie auf dem Zeltplatz in Trakai im Regen. Wir erreichten auf diese Weise die hälfte des Preises, den wir für die kommenden zwei Nächte eingeplant hatten, was uns in der Gemeindekasse noch mal ein paar Litas für ein gutes Essen ließ. Das Zimmer selbst war vollkommen in Ordnung. Zwei große Betten, WC und Dusche. Auch bot es noch genügend Platz für unsere Sachen und Steckdosen gab es auch in großer Zahl, um unsere Akkus von Handys und Kameras laden zu können. Von der Mutter der Herberge wurden wir zur Begrüßung zu einer Tasse Kaffee eingeladen.


Das wir endlich mal wieder kontrolliert warmes Wasser von oben bekommen konnten, nutzen wir natürlich erst einmal ausgiebig zum duschen und machten uns landfein. Ich weichte noch meine Klamotten ein, die ich seit nunmehr drei Tagen und teilweise auch Nächten am Leibe trug. Warum auch frische anziehen, wenn eh keine Möglichkeit zum waschen bestand. Aber du gewöhntst dich auch daran, dich morgens in deinem Unterzeug in den kalten Wind zu stellen, bis die klamme Feuchtigkeit der Nacht weg ist und du dann nur noch deine Kombi überziehen musst, die die Nacht über neben dir gelegen hat. Ist ein bißchen so wie früher bei der Fahne im Feldlager, nur dass sich hier keiner für deine Kragenbinde, die Rasur oder den Stiefelputz interessiert.


Und nun hängen die Klamotten auf der Leine, bereit für die nächsten neun Tage. Wir flanieren über die Meile von Palanda, sitzen in der Sonne, trinken Bier, haben satt gegessen, sehen hübschen Mädchen hinterher und werden heute Nacht in weichen Betten schlafen.


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Der zehnte Tag (07.06.2009)[Bearbeiten]

162 Kilometer


Durch den Regen auf die Nehrung

Nimmersatt - Klaipėda - Juodkrantė - Nida - Palanga


Einen so erholsamen und entspannten Abend wie gestern hatten wir nicht mehr, seit wir bei Andi in Brandenburg waren. Wir hingen viel in den Straßenkneipen rum, spazierten am Strand und über die Promenade, beobachteten den Sonnenuntergang, haben einen hiesigen Döner versucht, der aber eher eine vegetarische Türkenpizza war, und etwas später am Abend (oder war es schon tief in der Nacht, nur noch nicht dunkel?) fanden wir sogar noch eine Kneipe, in der eine Band spielte.

Die Nachtruhe in unserer Schlafgarage war bis auf zwei Kleinigkeiten ganz angenehm. In der Nacht hatte sich das Wetter merklich abgekühlt und es gab hier keine Heizung. Aber unter die Decke gekuschelt war das nicht weiter von Belang. Da hatten wir in den letzten Nächten schlimmeres erlebt. Außerdem war die Bude über uns auch vermietet worden. An einen Bikerkollegen aus dem unterfränkischen Bad Kissingen, der zu Hause ein Dentallabor hat und mal von Kollegen aus Tartu (Estland) eingeladen wurde, um ihnen ein bisschen über Management und Controlling in einer solchen Unternehmung zu zeigen. Also hat er sich die 600er Yamaha seines Sohnes geschnappt, die eh nur in der Garage rumgammelte, und hat sich auf den Weg gemacht. Hier oben ist wohl ein Schmelztiegel der Harten und Verrückten!

Das mit der offenen Tür ist unsere Wohngarage. Im Tor neben an steht noch ein Auto.

Ja und die Hütte, was unsere Schlafgarage war, hat keine Schallisolierung, wodurch jeder seiner Schritte am frühen Morgen zu hören war. Außerdem war der HiFi-Boiler in unserem Zimmer die zentrale Warmwasserversorgung für die ganze Hütte. So gab es immer mal wieder kleinere akustische Störungen, aber umsonst habe ich nicht bis neun Uhr schlafen können; warm unter der Decke, trocken und keine Schmerzen in Schulter oder Hüfte, wenn ich zu lange auf einer Seite gelegen habe.

Die Ernüchterung kam beim Öffnen der Gardinen. Die Abkühlung über Nacht brachte einen Wetterwechsel mit sich. Der Himmel war dicht mit regenschwangeren, grauschwarzen Wolken verhangen. Das Baden an den Sandstränden der Kurischen Nerhung, welche wir heute mit einem Tagesausflug besuchen wollen, Wandern in den Dünen oder einfach nur einmal eine trockene Ausfahrt, werden wir wohl vergessen können.

Von Palanga ging es also nach Klaipeda, Memelburg von den ersten ritterlichen Eroberern genannt, die glaubten, die Memelmündung erreicht zu haben, aber die liegt noch ein Stück weit weg im Süden. War wohl früher schon schlecht ausgeschildert die Gegend.

Wir versuchten nahe der Küste nach Memelburg zu gelangen. Da gibt es zum Beispiel einen Ort, der nach dem großen Nationalheld Vytautas benannt ist, dessen Mutter Birute aus der Gegend von Palanga stammte, oder so ein lustiger Ort wie Nimmersatt ("Nimmersatt, wo das Reich sein Ende hat"), denn hier ist der letzte Zipfel des Deutschen Reiches.


In Memelburg stoppten wir am ersten Supermarkt, den wir fanden. Kalle brauchte noch Zellstofftaschentücher und ich Rasierschaum und auch hier haben die Märkte am Sonntag geöffnet. Das finde ich sehr entspannend. Ich habe uns noch einen kleinen Snack spendiert und die größten Whisky-Flaschen gefunden, die ich jemals gesehen habe. Drei Liter Ballantines und Jonny Walker, aber auch Becherovka, Fernet Branca und was das Herz sonst noch begehrt, gab es hier in der Familienpackung. Aber frage nicht nach dem Preis ....

Zu einer Verbesserung seiner Campingausstattung konnte Kalle sich nicht durchringen „ ... es wird ja bald wieder warm ...“.

Von da an zogen wir uns die Regenkombis über, denn die Wolken waren mittlerweile zu schwer geworden und die Luft so kalt, dass sie das Wasser nicht mehr halten konnten. Und wie das so ist, eins kommt nicht allein. Nicht nur das Wetter war bescheiden, sondern auch die Ausschilderung. In der Innenstadt war eine Brücke gesperrt und wir landeten mal wieder in der Pampas. Aber mit Ritti’s Sinn für Orientierung kamen wir dann doch ganz gut zur Fähre. Die achtzehn Litas für das bisschen Hin- und Herschippern war auch ganz annehmbar.

Auf dem Boot lernte ich wieder jemanden kennen. Ich kam mit einem Bayern aus Augsburg ins Gespräch. Auch er hat eine litauische Frau und wollte das Land nun mal seinen Eltern zeigen und ärgert sich auch mächtig über das „Sommerwetter“ in diesem Jahr. Sonst, sagte er, hatte er hier immer nur Sonnenschein. Aber diesmal, das wusste er ja nicht, war er zur selben Zeit wie zwei ausgesprochene Heiden unterwegs.

Smaltalk auf der Überfahrt von Memel auf die kurische Nehrung

Von ihm habe ich auch erfahren, dass Litauen in irgendeiner Art und Weise übersetzt wohl „Land des Regens“ heißt. „Jetzt weiß ich auch, warum deren Währung ‚Liter’ ist!“ sagte ich zu Kalle.

Aber der Durchbruch des Wahnsinns kam erst noch. Auf jeder super ausgebauten Autobahn dieses Landes fährt man einfach für das, was die Jungs hier auf den Benzinpreis aufschlagen. Aber auf der kurischen Nehrung musst du für eine Verbindungsstraße untersten Niveaus Maut bezahlen! Und dann nahm dieser verpisste Automat noch nicht einmal unsere nassen Geldscheine. 20 Lita für jeden sollten wir berappen. Dafür leihe ich ein Rad für 14 Tage und mache das so...

Die kurische Nehrung.
KursiuNerija.png

Ansonsten war die Nehrung bei Regen nicht so der Hit. Erinnerte ein wenig an Hiddensee, nur länger und breiter. Aber es ist derselbe Nepp. Wir haben für ein Essen mehr als das Doppelte bezahlt, als im Inland. Aber dafür waren wir auch klatschnass. Vielleicht war das auch der Aufwärmzuschlag.

Das Essen war lecker, aber bei der Geschwindigkeit, mit der das Hauptgericht da war, konnte es nur aufgewärmtes, also vorbereitetes, Essen sein. Nicht frisch gekocht, aber es hat geschmeckt. Wir hatten uns für die" typisch litauische Kohlroulade" entschieden. Die Karte war auf Deutsch! Nur ist Kohl, ähnlich wie Kartoffeln, offensichtlich eine Mangelware in Litauen. Die Füllung der Rouladen waren nichts anderes als bei Muttern zu Hause. Nur weniger. Beim Kohl hat es leider nur für ein Blatt pro Roulade gereicht... vielleicht zwei.

Ähnlich ist es hier (aber überall) mit den Kartoffeln. Da wirst du nicht zugeschüttet mit Sättigungsbeilagen, nein, da bekommst du drei Kartoffeln, sauber in der Mitte durchgeschnitten, leicht angeröstet und gut. Habe es leider verpasst, mal nach Nachschlag zu fragen, aber wenn das in Lettland ähnlich ist, werde ich das auf jeden Fall nachholen.

Aber ich muss zugeben, nach einer Weile macht das satt genug, ohne dieses Völlegefühl. Allerdings hast Du zwei Stunden später wieder Hunger.

Wir hatten bei diesem Regen und der Kälte überhaupt keine Lust, noch irgendetwas zu unternehmen. Trotz des gestrigen Sommernachmittages waren die Stiefel noch nicht mal trocken gewesen und schon wieder zwei Nummern größer.

Keine Wanderung ohne Schmerzen, also nicht! Bei Kalle löste sich nicht nur eine Seitentasche langsam auf, sondern auch die Handschuhe wehrten sich gegen das Durchnässen mit der Absonderung einer permanent haftenden schwarzen Farbe. Meine haben das schon seit Schottland 1994 hinter sich. Wobei ich das, dank einer eingebauten Membran, nicht an den Fingern hatte, so wie Kalle jetzt. Die Membran gibt es aber seit mehreren Jahren nicht mehr. Diese Handschuhe fahre ich mittlerweile im puren Leder und merke das auch. Genau wie die Stiefel sind die nie richtig trocken... seit nunmehr fünf Tagen.

Abend am Kamin

Wir überschlugen unsere Finanzen und kamen zu dem Schluss, dass wir noch mal voll tanken sollten und dann in Palanga eine kleine Sause machen können. Morgen schmeißen wir dann alle übrigen Litas in die Gemeindekasse und füllen damit unsere Vorräte auf. Der Rest kommt dann in den Tank der Maschine, die es am nötigsten hat, wohl Kalle seinen.

In Palanga waren Rasieren und heißes Duschen angesagt. Kalle hat mir noch mal die Murmel rund gemacht und jetzt hauen wir unsere Litas auf den Kopf. Wir haben durch den Geruch von Buchenrauch eine Kneipe gefunden, wo es einen Kamin gibt. Wir stellten uns Stühle davor und bedienten ihn gleich selbst, was der Kellnerin ein Lächeln abgewann. Mit dem Abend wurde es jetzt noch kälter. :(

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