Der Dresdner Missions-Hilfsverein

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Nuvola apps bookcase 1.svg Band 1 des Werkes Geschichte des Lutherischen Weltbundes

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort[Bearbeiten]

Angesichts des 200. Jahrestages der Gründung des Dresdner Missions=Hülfsvereins als der essentiellen Wurzel des konfessionellen Dresdner (später Leipziger) Missionswerkes und damit auch des späteren Lutherischen Weltbundes am 16. August 2019 wurden im Vorfeld zahlreiche Quellen gesichtet und Belege zusammengetragen, um die Vorgeschichte der Gründung dieses Vereins und dessen Wirken bis 1836 entsprechend zu würdigen.

Das 175-jährige Jubiläum des Evangelisch-Lutherischen Leipziger Missionswerkes (LMW) wurde dort 2011 mit vielen Gästen und Veranstaltungen und mit einem Festgottesdienstes am 3. Juli[1] gemeinsam mit dem sächsischen Landesbischof Bohl begangen und außerdem mit einem Zentralen Gottesdienst am 25. September in der Kirche in Greiz Pohlitz gefeiert, wobei auch die Pröpstin Marita Krüger als Missionsbeauftrage der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland teilnahm[2]. Ganz im Gegensatz dazu wird seitens der Evangelisch-Lutherischen Kirche bei der Erinnerung an den vorangegangenen überkonfessionellen Dresdner Verein eher stark gebremst. In gleicher Weise wird selbst das 1000-jährige Jubiläum der Dresdner Frauenkirche am 8. September 2020 übergangen, um hier nicht an deren orthodoxe Wurzeln zu erinnern.

In dem Übergehen und Verschweigen unliebsamer Teile der Vergangenheit geht aber die sächsische Evangelisch-Lutherische Landeskirche mit dem Land Sachsen völlig konform:

Die sächsische Staatsregierung des Jahres 2006 hat den 200. Jahrestag der Erhebung Sachsens zum Königreich nicht zum Anlaß genommen, dieses für die sächsische Geschichte bemerkenswerten Ereignis in angemessener Weise zu gedenken. In den beiden süddeutschen Königreichen ist dies mit Erfolg und Widerhall in der Bevölkerung geschehen.[3]

In Sachsen hat anscheinend eine traditionell selektive Geschichtsschreibung anhaltend Konjunktur.

Einleitung[Bearbeiten]

Kreuzkirche 1796

Auf Einladung des Magisters Gustav Ernst Christian Leonhardi[4], Diakon an der Kreuzkirche Dresden[5], fanden sich in dessen Amtswohnung hinter der Kreuzkirche 545[6] am Montag, den 16. August 1819[7], sechs weitere christliche Freunde[8] ein. Diese sieben Männer riefen bei dieser Zusammenkunft den Dresdner Missions-Hülfsverein ins Leben.

Vorausgegangen waren ab dem Jahre 1800 regelmäßige Versammlungen der Missionsfreunde in der Klotzscher Schule und sich daran anlehnende privat organisierte sonnabendliche Missionsbetstunden, aus denen 1803 im Klotzscher Schänkhübel die Gesellschaft der Missionsfreunde hervorging. Diese Entwicklung wurde durch den Zinzendorfenkel Heinrich Ludwig Burggraf und Graf zu Dohna initiert, welcher im Jahre 1800 die Hermsdorferin Mariana Amalia von Schönberg geheiratet hatte und mit ihr wahrscheinlich in Lausa lebte. Ab 1816 (oder 1817) gab es auch Versammlungen bei der Dresdner Diaspora der Brüdergemeine im (Doppel)Hause des Lederhändlers Christian Jacob Götz große Fischergasse 630/an der Frauenkirche 631, dem großen Eckhaus zur heutigen Münzgasse. In der ab 1722 in Herrnhut entstandenen Brüdergemeine wurde der Missionsgedanke in Anlehnung an die Dänisch-Hallesche Mission von 1706 von Anbeginn an gepflegt. Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, der Begründer der Brüdergemeine, besuchte von 1710 bis 1715 das Pädagogium der Franckeschen Stiftungen in Halle, wo er durch den Halleschen Pietismus geprägt wurde und den Missionsimpuls Ende 1721 auch nach Dresden mitnahm.[9] In Europa entstand im Anschluß an die Dänisch-Hallesche Mission eine über Kirchen- und Ländergrenzen hinwegreichende Missionsgemeinde[10]. Am 21. August 1732 wurden erstmals Missionare aus Herrnhut ausgesandt - zu den Sklaven auf die karibische Zuckerrohrinsel St. Thomas.

Im "Geist der ersten Zeugen" galt es, die Rettung durch das Kreuz, die man selbst erfahren hatte, auch den Heiden anzubieten, und zwar als ein Heil, das jeder ganz persönlich zu ergreifen hatte.[11]

Im gleichen Jahr 1732 sprach der Aufklärer Jean-Baptiste Dubos erstmals von einem Siècle des Lumières („Jahrhundert der Lichter“). Die hiernach benannten Les Lumières bekämpften die Scholastik in einem Bewusstsein, mit der gesamten Vergangenheit brechen und sich von vorherigen Autoritäten lösen zu müssen. Durch diese sich ausbreitende Aufklärung vertiefte sich die traditionelle, zuvor schon eklatante Kluft zwischen den Landeskirchen und der pietistischen Erweckungsbewegung und somit auch zwischen protestantischer Kirche und der pietistisch geprägten Mission nur noch weiter.

Zwar hatte die Brüdergemeine ein Beispiel für eine Mission gegeben, die wesensmäßig und von Anfang an Sache der Gesamtgemeinde war und sich als solche auch durch stetige und erfolgreiche Arbeit auf den Feldern auszeichnete; aber der Makel des außerkirchlichen Separatismus war damit nicht beseitigt und ließ es nicht zu, daß die Kirchen hier in die Lehre gingen. Die Wende trat erst ein mit jener Annäherung von Neupietismus und Orthodoxie, die sich in der von der Erweckung einerseits und romantischen Ideen andererseits bewegten neulutherisch-kirchlichen Theologie vollzog und die auch die Missionsverpflichtung als kirchliche Verantwortung begriff. Keimzelle und Versuchsfeld der neuen Bestrebungen war zunächst der 1819 gegründete Basler Hilfsverein in Dresden.[12]

Die überkonfessionelle Basler Mission[13] wurde aus der 1780 gegründeten Deutschen Christentumsgesellschaft heraus im Jahre 1815 geschaffen. Die Andachtsstunden der Sächsischen Particular-Gesellschaft fanden Sonntag Nachmittag in der Schulstube der böhmischen Gemeinde auf der Pirnaischen Straße 6 statt. Geistlicher Leiter war Martin Stephan, seit 1810 Prediger der böhmischen Exulanten-Gemeinde in der Johanniskirche in der Pirnaischen Vorstadt von Dresden. Er wohnte dort Pirnaische Gasse 232, zusammen mit dem Cantor bei der boehmischen Gemeinde Johann August Marks. Martin Stephan gehörte bereits seit 1797[14] der Deutschen Christentumsgesellschaft an. Er war neben dem Diakon Leonhardi der einzige Prediger der lutherischen Orthodoxie in Dresden, bezeichnete allerdings den Pietismus als zu weich und verbot seinen Anhängern sogar ausdrücklich den Besuch der herrnhutischen Versammlung, welche er wegen der sehr ähnlichen Ausrichtung als scharfe Konkurrenz in seinen Bemühungen um eine eigene möglichst starke Personalgemeinde ansah. Im Rahmen der sonntäglichen Andachtsstunden in der Schulstube der böhmischen Gemeinde auf der Pirnaischen Straße 6 wurde seit 1815 für eine Unterstützung der Basler Mission geworben. Begonnen hatten die Dresdner Versammlungen bei dem Gerber Münch. Etwa 1816 siedelte von Görlitz der vermögende ehemalige Buchdrucker Burghart nach Dresden über, um hier seinen Lebensabend zu verbringen. Burghart war Herrnhuter und wurde in Dresden Vorsteher der Sächsischen Particular-Gesellschaft der Deutschen Christentumsgesellschaft. Er war befreundet mit den Leitern der Dresdner Diapora Götze und Löschcke, und so kam man überein, ab 1816 (oder 1817) auch bei den Herrnhutern in Dresden Versammlungen von Missionsfreunden bei dem Lederhändler Götz an der Frauenkirche 631 durchzuführen, welche von Anfang an durch die Gesellschaft der Misionsfreunde in Klotzsche mitgetragen wurden. Man traf sich kontinuierlich, wenn auch oftmals anlaßbezogen und in unregelmäßigen Abständen. Diese Versammlungen unterstützten nicht nur die Basler Mission, sondern entwickelten sich selbst zur überregionalen Anlaufstelle für an der Mission Interessierte. Damit wurde einerseits die Strategie von Martin Stephan unterlaufen, die Missionsbegeisterten an seine Personalgemeinde zu binden, andererseits näherte sich damit die Dresdner Diaspora der Brüdergemeine den orthodoxen Teilen der Landeskirche stark an. Martin Stephan sprach sich 1818 in scharfer Form gegen die herrnhuterischen Versammlungen aus.

Zu dieser Zeit brachte die Erweckungsbewegung langsam eine Versöhnung zwischen dem (Neu)Pietismus und der mit ihr seit der Aufklärung verfeindeten Landeskirche mit sich: der Pietismus wurde orthodox und die Orthodoxie pietistisch[15]. Vor diesem Hintergrund sah die evangelische Kirche in Dresden die Chance, als neutrale Instanz den Missionsimpuls der Erweckungsbewegung zu absorbieren. So entstand am 16. August 1819 in Dresden mit dem an der evangelischen Kreuzkirche angesiedelten Missions=Hülfsverein erstmals jene landeskirchliche Form der Mission, welche sich die erwecklichen Impulse auf ihre Weise, d.h. in Abgrenzung gegen alle individualistischen, subjektivistischen und separatistischen Tendenzen zunutze zu machen suchte.[16]

Bezeichnenderweise beteilgte sich hieran der landeskirchliche Prediger Martin Stephan in Abgrenzung gegen die Brüdergemeine nicht, während diese sogar zwei der drei ersten Funktionäre stellte: den Vorsteher in der Deutschen Christenthumsgesellschaft Burghart und den Lederhändler Götz für die Brüdergemeine selbst.

Im Anschluss an die Gründung des Hülfsvereins wurden am Samstagabend Missionsbetstunden bei dem der Brüdergemeine angehörenden Privatlehrer Carl August Ernst Sattler in der großen Frauengasse 393 eingerichtet[17], also ebenfalls in unmittelbarer Nähe zur Frauenkirche.[18]

Der damals dreißigjährige Gustav Ernst Christian Leonhardi war als Diakonus ab 1814 an der Dresdner Annenkirche und ab 1817 an der Kreuzkirche tätig. Seinerzeit vertraten nur Martin Stephan[19] und er als einzige Dresdner Geistliche ein orthodoxes Luthertum auch von der Kanzel. Darüber hinaus predigte er regelmäßig über die Heidenmission. Beides prädestinierte ihn zum Spiritus rector der lutherischen Missionsbewegung.[20]

Kreuzkirche 1839

Gustav Ernst Christian Leonhardi war zu diesem Zeitpunkt Nachmittagsprediger an der Kreuzkirche, Frühprediger war sein Kollege Diakon Magister Lebrecht Sieg. Jaspis[21], Mittwochsprediger der Archidiakon Magister Elias Fr. Poege[22], Freytagsprediger der Diakon Magister Ch. Gottl. Gueldemann[23] und Stadtprediger der Magister J. Fr. H. Cramer[24]. Superintendent war Ober-Consistorialrath Dr. Carl Christian Tittmann[25]. Damit waren an der Kreuzkirche seinerzeit sechs Theologen als Prediger tätig. In der Dresdner Altstadt gab es des Weiteren Gottesdienste an der Frauenkirche und in der Sophienkirche. Pastor An der Kirche zu Neustadt war Moritz Ferdinand Schmalz.

Martin Stephan (1777 bis 1846)

Martin Stephan predigte an der Johanniskirche (böhmische Gemeinde) und wohnte in der Pirnaischen Vorstadt in der Pirnaischen Gasse 232. Weitere vorstädtische Gottesdiente gab es An der Waisenhauskirche (Prediger J. Christ. Baupel), An der Annenkirche (Pastor Magister Carl Friedrich Axt), Am Stadtkrankenhause (Prediger Joh. Andreas Fruehauf), An der Ehrlichen Armen=Schulanstalt (Prediger Franz Theodor Ghold Zscheile) und An der Kirche zu Friedrichsstadt (Pastor Magister Leb. Sam. Ben. Vogel).

Martin Stephan war seit 1793 Mitglied der 1780 aus dem Geist des Halleschen Pietismus entstanden Deutsche Christentumsgesellschaft. Nach seinem theologischen Studium von 1803 bis 1809 in Halle nahm er eine Pfarrstelle im böhmischen Haber (Habřina) an. Schon 1810 wurde er zum Prediger der böhmischen Exulanten-Gemeinde in Dresden berufen, welche ihre Gottesdienste vor den Toren der Stadt in der Johanniskirche feierten. 1819 übte Martin Stephan die Funktion des Geistlichen Leiters der Sächsischen Particular-Gesellschaft der Deutschen Christentumsgesellschaft in Dresden aus. Sekretär der Gesellschaft war Christian Gottlieb Blumhardt, 1815 Mitbegründer der Basler Mission.

Martin Stephan spaltete die Dresdner Particulargesellschaft durch seinen überstrengen lutherischen Konfessionalismus sowie durch seine scharfe Agitation gegen die Brüdergemeine, welche er als unliebsame Konkurrenz bei seinen Bemühungen um eine möglichst große Personalgemeinde auffaßte. Die Dresdner Versammlung der Deutschen Christentumsgesellschaft zerfiel. Im Kern blieben nur die Stephanisten übrig, während sich der Rest zerstreute. Letztendlich beschwerte sich sogar die böhmische Exulantengemeinde über ihren Priester Stephan, er wurde suspendiert und wanderte mit rund 800 Anhängern in die Neue Welt aus.

Eine Auswanderung in die USA war infolge der damaligen Bevölkerungsexplosion allerdings völlig zeittypisch. Auf dem späteren Gebiet des Deutschen Kaiserreiches wohnten um die Zeit des Wiener Kongresses (1815) 23,5 Millionen Menschen, um die Zeit der Gründung des Norddeutschen Bundes (1866) aber bereits 38 Millionen. So nimmt es nicht wunder, dass es für immer mehr Menschen in diesem Gebiet keine Existenzmöglichkeit mehr gab und in dem Jahrhundert zwischen 1820 und 1920 rund 6 Millionen Menschen von hier allein nach Amerika auswanderten.

In den USA entstand durch den Impuls der Stephanisten die Lutheran Church – Missouri Synod[26] mit heute über 2 Millionen Mitglieder, also doppelt soviel wie in der weltweiten älteren Brüdergemeine. Die Lutheran Church – Missouri Synod ist noch heute wie ihr Begründer Martin Stephan dem konservativen Luthertum verpflichtet und sodurch das führende Mitglied des Internationalen Lutherischen Rates[27], der sich vom Lutherischen Weltbund konfessionell strikt abgrenzt und in der Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche[28] in Deutschland seine Entsprechung findet. Insofern ist Dresden mit seinen Stepanisten und seiner frühen Missionsgesellschaft gleichzeitige Wurzel der gegensätzlichen lutherischen Weltbünde.


1819 beherrschte der Theologischen Rationalismus die lutherische Landeskirche Sachsen. Im Dresdner Missions-Hülfsverein sammelten sich wie auch in der Dresdner Bibelgesellschaft führende Vertreter der pietistisch geprägten Frömmigkeit, stellten sich gegen diese rationalistische Tendenz und beförderten Einrichtungen der kirchlichen Erneuerung im pietistischen Sinne.

Aufklärungstheologe Johann August Ernesti

Der damalige Dresdner Superintendent Karl Christian Tittmann (1744 bis 1820) war allerdings theologisch in der Zeit der Aufklärung verankert, so dass diesen Erneuerungsbestrebungen von Anfang an enge Grenzen gezogen waren. Geprägt durch seinen Lehrer und Förderer, den Aufklärungstheologen Johann August Ernesti (1707 bis 1781), gestaltete er ab 1797 Gesangbücher und Gebetbücher bis hin zur dann Neuen Sächsischen Kirchenagende in seinem Sinne um.[29] Auch in seinen theologischen Traktaten war Karl Christian Tittmann von Johann August Ernesti geprägt, dessen theologische Arbeiten der Neologie zugeordnet werden. So veröffentlichte er 1783 seine Christliche Moral, welche 1785 und nochmals 1794 neu aufgelegt wurden. In der Neologie wurde das Christentum vorrangig ethisch akzentuiert, die Inspirationslehre allerdings durch eine historisch-kritische Betrachtungsweise der Bibel ersetzt.

Seine sehr positive Einstellung zum Missionsgedanken führte ihn allerdings zur Förderung desselben und somit in die Nähe der Brüdermission. Bereits 1795 ließ er der Herrnhuter Predigerkonferenz einen Gruß bestellen und sprach dabei das Lob aus, dass in der Oberlausitz noch offene Ohren für das wahre Evangelium zu finden seien.[30] Aus dieser Geisteshaltung heraus hat er dann 1819 sowohl den missionarischen Gedanken, die Missionare selbst als auch den sich bildenden Missionarischen Hülfs=Verein nach Kräften gefördert, aber immer darauf bedacht, diesen in landeskirchliches Fahrwasser zu bringen. Auf ihn geht auch die Idee einer lutherisch geprägten weltweiten Mission und Zusammenarbeit zurück, welche in Ansätzen seit 1971 in der Vereinten Evangelischen Mission[31] verwirklicht wurde. In Sachsen selbst kam man über den Stand eines Leipziger Missionswerkes[32] nicht hinaus. Frucht trug der weltweite lutherische Einheitsgedanke in dem 1947 entstandenen Lutherischen Weltbund[33].

Johann August Heinrich Tittmann

Tittmann starb bereits im folgenden Jahr 1820. Zur gleichen Zeit hatte sein Sohn Johann August Heinrich Tittmann[34] die Präsidentschaft des in dem Jahre neugegründeten Leipziger Missionsverein übernommen.

Peter von Dresden (1409 bis 1414)[Bearbeiten]

Fünfzig Jahre der Missionsthätigkeit im Königreiche Sachsen, Dresden 1869, S. 1

Unser Dresden ist nicht eine Stadt auf dem Berge, in welcher weithin gerühmte, für die Geschichte der Kirche entscheidende Thaten geschehen sind; aber tiefgehende und mächtige Erweisungen der Kraft und Gnade Gottes hat auch unsere Stadt erfahren. Ein Dresdner Kind war jener Peter Faulfisch, gewöhnlich Peter von Dresden genannt[35], welcher 1409–1414 als Schulmann theils in Dresden wohl an der Schule bei der Kreuzkirche, theils in Chemnitz und Zwickau thätig war. Von dem Bischof vertrieben, weil er sich gegen die Lehre vom Fegefeuer und für das Abendmahl in beiderlei Gestalt erklärte, ließ er sich in Prag nieder, wo er als „Hussens fürnehmer Gesell und Gehülf die Kecrew fördern half“. Man bezeichnet ihn als Verfasser eigener Kirchengesänge, die in der damals beliebten Weise aus halb lateinischen, halb deutschen Versen bestanden, wie jenes noch im alten Dresdner Gesangbuch stehende „In dulci jubilo, nun singet und seid froh“. - Jedenfalls hat er das hohe Verdienst, zuerst deutsche Kirchenlieder in den Gottesdienst eingeführt und vorreformatorisch wirkend, so die Gemeinde zu größerer Theilnahme herangezogen zu haben.

Die Reformation in Dresden (1539)[Bearbeiten]

Fünfzig Jahre der Missionsthätigkeit im Königreiche Sachsen, Dresden 1869, S. 1

Und als die Reformation des 16. Jahrhunderts begann, fand sie auch im Herzogthum Sachsen begeisterte Aufnahme. Schon 1516 war Luther zu einer Visitationreise von Staupitz[36] abgesandt nach Dresden gekommen; seinen Alt=Dresdner Augustinermönchen hat er damals schon fleißiges Bibellesen empfohlen. Im Jahre 1517 kurz vor seinen [2] entscheidenden Hammerschlägen zu Wittenberg hat er in Dresden durch seine Predigt viele Herzen mächtig bewegt. Herzog Georg hatte den von ihm hochverehrten Wittenberger Ordinarius Staupitz, der selbst mehrere Mal in Dresden gepredigt hatte, schriftlich angegangen, ihm einen frommen und gelehrten Prediger zu senden. Staupitz erkor hierzu Luther, der auch mit besonderen Empfehlungen ausgestattet, die ihn als einen überaus gelehrten und höflichen Mann bezeichneten, im Juli 1517 in Dresden eintraf und am Tag Jacobi, den 25. Juli, in der damaligen Schloßkapelle in Gegenwart des Herzogs und seines Hofes eine freimüthige und eindringliche Predigt über das Evangelium: „Ihr wisset nicht, was ihr bitten sollt“ hielt und darin die Bitten der Menschen strafte und zeigte, was ein Christ bitten müsse. In dieser Predigt sagte er: Kein Mensch dürfe die Hoffnung des Heils wegwerfen, weil die, welche das Wort Gottes mit gläubigem, aufmerksamen Herzen höreten, Christi rechte Jünger und zum ewigen Leben erwählt und bestimmt seien. Dabei verweilte er länger und zeigte, daß die Lehre von der Vorherbestimmung, wenn man dabei nur von Christo ausgehe, eine besondere Kraft habe, die Furcht zu vertreiben, um derentwillen die Menschen im Gefühl ihrer Unwürdigkeit zitternd vor Gott flöhen, zu dem sie doch vor Allem ihre Zuflucht nehmen sollten. Die trostreiche Predigt machte auf einen großen Theil des Hofes einen sehr tiefen Eindruck; einige am Hofe nannten sie spottweise die Mönchspredigt. Die Hofmeisterin der Herzogin, Frau Barbara von Sala, vom Herzog Georg gefragt, wie die Predigt sie erbaut habe, bekannte, daß sie dermaleinst recht ruhig zu sterben hoffe, wenn sie noch eine dergleichen Predigt hören sollte. Der Herzog erwiderte, er wolle viel Geldes darum geben, wenn er solche Predigt nicht gehört hätte, die nur geeignet sei, das Volk unbedachtsam und ruchlos zu machen. Der von Sala ward ihr Wunsch gewährt, indem sie nach Verlauf eines Monats krank ward und fröhlich aus dieser Welt schied. Herzog Georg wurde ein Hauptgegner Luthers. Ihm wollte es nicht in den Sinn, daß eine auch von ihm für nothwendig gehaltene Reformation von einem einzelnen Mönch ausgehe, anstatt von der ganzen Kirche. So förderte er die Leipziger Disputation 1519[37], so hat er sich oft mit dem freimüthigen Hofprediger Chrosner, welcher [3] der neuen Lehre zugewandt war, im grünen Stübchen des Schlosses über die Lehre vom Abendmahl in beiderlei Gestalt und dergl. unterhalten. Sein Leben war schön angelegt, aber voller vereitelter Hoffnungen und reich an gramvollen Tagen. Ein versöhnender und erhebender Abschluß ists, den sein Lebensende gewährt. Der Pfarrer Eisenberg, so wirds erzählt, verwies den sterbenden Herzog auf die Fürbitten der Heiligen und seines Schutzpatrones Jacobus. Das half aber nichts. Da nahm der Leibarzt Dr. Rothe den Herzog in seine Arme und sagte zu ihm: „Gnädiger Herr, sie pflegten sonst zu sagen, geradezu giebt die besten Renner, dies thun sie jetzt auch und gehen gerade zu Christo, welcher für unsere Sünden gestorben und unser einiger Seligmacher und Fürsprecher ist, und lassen die verstorbenen Heiligen fahren.“ Und der Sterbende sprach: „Ei, so hilf du treuer Heiland Jesu Christe, erbarme dich über mich und mache mich selig durch dein bitteres Leiden und Sterben!“ Mit diesen evangelischen Worten starb der treueste Vertheidiger der alten Kirche. (17. April 1539) Unmittelbar darauf kam Herzog Heinrich nach Dresden und es begann das Werk der Reformation. Es wurde aufgeräumt in Dresden; der schwarze Abgott des heiligen Kreuzes aus der Kreuzkirche wanderte in die Götzenkammer, den Bodenraum der Sacristei, wo das einst weit berufene Idol verbannt und vergessen lag, bis es im Bombardement Dresdens (19. Juli 1760) bei der Zerstörung der Kreuzkirche unterging. Mit dem schwarzen Herrgott der Kreuzkirche kamen auch das berühmte wächserne Mutttergottesbild der Frauenkirche und die Fußsohle der Maria aus der Neustädter Kirche (es war auf Pergament das wahrhafte Maaß des Fußes unserer lieben Frauen gezeichnet) in Vergessenheit. Mit freudiger Hingebung und Entschiedenheit wandte man sich der evangelischen Wahrheit zu. Die lutherische Kirche wurde tief in das sächsische Volk gepflanzt und die ernsten Kämpfe gegen die Kryptocalvinisten, welche mit dem Tode des unglücklichen Kanzlers Nic. Krell endeten († 1601), dienten zu immer größerer Klärung und Befestigung. Treue und entschiedene Männer haben den Kampf geführt, einige freilich, wir wollen es nicht verhehlen, mit eiserner Faust und liebloser Härte, Andre aber mit vollster und wärmster Herzensüberzeugung.

Das Scheitern der Zweiten Reformation in Dresden (1591)[Bearbeiten]

Die böhmische Gemeinde Dresden 1620 bis 1721[Bearbeiten]

https://d-nb.info/100925801X/34

Die Anfänge nach der Schlacht am Weißen Berg 1620[Bearbeiten]

bereits 1619 gab Johann Georg I. administrative Regelungen an den Magistrat der Stadt die Aufnahme Fremder betreffend vor, insbesondere derer aus den böhmischen Ländern (1618: Ständeaufstand) - der Zuzug sollte so weit wie möglich unterbunden werden

  • aus diplomatischen Erwägungen gegenüber dem Kaiser
  • aus Sicherheitsbedenken für die wichtigste sächsische Festung Dresden

dennoch ließen sich böhmische Auswanderer in Dresden nieder, es lockten

  • die relative Nähe zur Heimat
  • die gute Verkehrslage an der Elbe und Teplicer Straße
  • die Schutz versprechende Festung in dieser unsicheren Zeit
  • die guten wirtschaftlichen Bedingungen
  • die Anwesenheit des Hofes


nach der w:Schlacht am Weißen Berg am 8. November 1620 bei Prag begann in Böhmen und Mähren die Epoche des temno, die Zeit der Dunkelheit, des Absolutismus und der Rekatholisierung - jeder, der nicht konvertierte, musste auswandern (weil das die meisten nicht konnten, gab es masssenhafte Zwangskonversionen) - w:Ferdinand II. (HRR) vertrieb mindestens 30.000 protestantische Familien (bei einer hohen Dunkelziffer) und zog 650 adelige Güter als Reparationen ein, die er zur Tilgung seiner Schulden an seine katholischen Gläubiger verteilte

am 16. Dezember 1620 beschwerte sich der Kurfürst schriftlich beim Kommandanten der Stadtwache, dass entgegen seinen Befehlen noch immer Fremde in die Stadt gelassen würden[38]

am 1. März 1623 durften Fremde nur noch mit ausdrücklicher Genehmigung des Kurfürsten in Dresden aufgenommen werden - zwischen 1623 und 1637 entstanden mindestens sieben Fremdenverzeichnisse - 1623 gab es 25 fremde Haushalte mit knapp 70 Personen, zum Höhepunkt der Einwanderung 1636 dann schon 173 Exulantenhaushalte mit 683 Personen (dabei ein Drittel Adlige)

auch eine am 3. Februar 1629 erlassenen kurfürstliche Verordnung, jeder habe 20 Taler Strafe pro beim Stadtrat unangemeldete Person zu zahlen, fruchtete nicht viel

hierdurch war auch die Zahl der böhmischen Exulanten in Dresden so stark gewachsen, dass die Zentralbehörden der Stadt es als ein Problem bemerkten, die Zuwanderer in das Kirchensystem der Stadt zu integrieren

  • deutschsprachige Exulanten wurden nun in bestehende Kirchengemeinden integriert
  • die wenigen tschechischsprachigen Exulanten in Dresden konnten aber dem Gottesdienst nicht folgen

seit den 1620er-Jahren gab es andernorts inoffizielle böhmische Privatgottesdienste, so im grenznahen Zittau; in Dresden waren sie aufgrund der Ablehnung der kursächsischen Zentralbehörden allerdings verboten

aus Angst vor Calvinisten und anderen Sektierern wurde jeder Exulant auf seine lutherische Konfession hin zu überprüft

1624 wurde der Katholizismus zur einzigen erlaubten Konfession in Böhmen proklamiert, ein Großteil des protestantischen Adels und des wohlhabenden Bürgertums wanderte daraufhin aus, etwa ein Viertel des Adels verließ das Land, etwa die Hälfte des Grundbesitzes wechselte nach 1620 den Besitzer, ab 1627 infolge der Verneuerten Landesordnung

hierdurch erfolgte ein großer Zustrom tschechischsprachiger Exulanten in das grenznahe Pirna Mitte der 1620er-Jahre

  • 1628 äußerten diese eine Bitte, Gottesdienste in ihrer Muttersprache besuchen zu können
  • daraufhin forderte Kurfürst Johann Georg I. Landesregierung und Oberkonsistorium zu einer Stellungnahme auf, „wie den fremdsprachigen Exulanten gegenüber die notwendige geistliche Fürsorge und Kontrolle zu gewährleisten wäre“.[39]

ab 1628 durften böhmische Gottesdienste in Pirna abgehalten werden, weswegen sich fremdsprachige Exulanten aus Dresden ab dieser Zeit zum Gottesdienst nach Pirna begaben

nachdem 1635 Sachsen zu den Kaiserlichen übergegangen war, mussten 1636/37 die Exulanten das kostspielige Bürgerrecht erwerben oder die Schutzverwandtschaft annehmen und sich gegenüber dem Kurfürsten (ab 1642 gegenüber dem Rat) durch Eid verpflichten - die allermeisten Exulanten erwarben das Bürgerrecht

Pirna wurde im Mai 1639 durch die Schweden geplündert, selbst die protestantische böhmische Gemeinschaft wurde von den vorgeblich ebenfalls protestantischen Schweden zerschlagen

daraufhin siedelten zahlreiche tschechischsprachigen Exulanten nach Dresden über

jetzt erst genehmigte Johann Georg I. den Exulanten im Jahr 1639 eine Sonntagsfeier, böhmische Gottesdienste waren jedoch weiterhin untersagt

erst Anfang der 1640er-Jahre durften dann auch böhmische Hausgottesdienste abgehalten werden

1649 verstarb der böhmische Prediger Matthias Georgines, im August baten die böhmischen Exulanten um die Neubesetzung der Stelle und um die Erlaubnis, öffentliche Gottesdienste in der Johanniskirche abhalten zu dürfen - der Kurfürst lehnte die Bitte ab

in dieser Zeit kam allerdings durch die forcierte Rekatholisierung in Böhmen eine erneute Flüchtlingswelle nach Sachsen und speziell Dresden, weswegen das Gesuch der Exulanten auch vom Rat der Stadt unterstützt wurde

In der Johanniskirche ab 1650[Bearbeiten]

am 8. April 1650 genehmigte Kurfürst Johann Georg I. die Nutzung der Johanniskirche durch die böhmischen Exulanten - der erste böhmische Gottesdienst fand am 11. April 1650 statt

die Johanniskirche lag auf dem Johannisfriedhof vor dem Pirnaischen Tor gegenüber dem Salomonisberg (später Bastion Jupiter) - sie war 1575 als Friedhofskapelle für den neuen notwendig gewordenen Friedhof vor den Toren der Stadt geweiht und nur für Begräbnisse benutzt worden

das Pirnaische Tor war 1590/91 im Renaissancestil als Ersatz von Frauentor und Kreuzpforte neu errichtet worden, unmittelbar vor dem Tor verlief der wassergefüllte Stadtgraben, über den eine Brücke führte

1684 wurde in die Johanniskirche eine Orgel von Johann Christoph Gräbner eingebaut

es gab zwei Chöre je für den deutschen und den böhmischen Gottesdienst zwei Chöre

ab 1694 war der Prediger der böhmischen Exulanten auch für die deutschsprachigen Predigten der Gemeinde zuständig

Hans August Nienborg: Plan der Pirnaischen Vorstadt 1706

Hans August Nienborg: Grundriß und Außenansicht des Johannisfriedhofes 1706

Spener und der Pietismus in Dresden (ab 1686)[Bearbeiten]

Fünfzig Jahre der Missionsthätigkeit im Königreiche Sachsen, Dresden 1869, S. 3

Von Dresden aus sind auch Klänge angeschlagen worden, die heute noch weithin in der evan= [4] gelischen Christenheit widerhallen; von seinem Oberhofprediger Weller gefragt, ob er Jesum im Herzen habe und auch noch des Liedes gedächte: „Von Gott will ich nicht lassen“ das er im Leben so oft gesungen, antwortete der sterbende Churfürst Johann Georg († 8. Oct. 1656) mit Glaubensfreudigkeit: Meinem Jesum laß ich nicht - und der Zittauer Rector Keymann[40] dichtete danach sein Lied: Meinen Jesum laß ich nicht, weil er sich für mich gegeben.[41] - In Dresden lebte der Justizrath Dr. Johann Burkhard Freystein[42], dessen Lied: „Mache dich mein Geist bereit“ immer von Neuem die Seele stärkt und stählt! Und daß im Volke das lutherische Bewußtsein lebte, zeigte sich besonders bei dem unheilvollen Uebertritt Churfürst Friedrich August I. (August II. von Polen) zur römischen Kirche 1697: das Te Deum zu Ehren der erworbenen Königskrone wurde auf Befehl in den Kirchen gesungen, aber das Volk stimmte nach Beendigung des Gottesdienstes lutherische Kernlieder an, wie „Ach bleib bei uns Herr Jesu Christ, weil es nun Abend worden ist“.[43] Männer wie Philipp Jacob Spener[44], der hier von 1686–1691 Oberhofprediger war und Dr. Valentin Ernst Löscher[45], der Superintendent († 1749), gehören nicht blos der Dresdener, sondern der Kirchengeschichte überhaupt an. Gottes Wort ist von vielen Zeugen gepredigt worden und die Gemeinden haben sich insonderheit zahlreich in den schweren Kriegszeiten um dasselbe gesammelt. Aber auch von sectirerischen und separatistischen Gelüsten finden sich in Dresden Spuren, die Gichtelianer[46] oder Engelsbrüder, nach ihrem Meister Joh. Georg Gichtel († 1710 in Amsterdam)[47] so genannt, jene überspannte Secte, welche durch Enthaltung von der Ehe und von aller irdischen Lust, Arbeit und Sorge, durch stete Betrachtung und andere selbsterwählte Mittel eine gänzlich Unsündlichkeit zu erreichen und den Engeln gleich zu kommen suchte, waren auch in Dresden vertreten.
Das Reich Gottes ward, in verschiedenen Beziehungen kann man dies sagen, in der Heimath gebaut; aber von irgendwelchem lebendigen Interesse an dem Bau des Reiches Gottes in der Ferne unter den Heiden, oder gar von gemeinsamer Missionsarbeit, finden wir keine Spur. Zwar hatte Spener wiederholt in seinen Schriften und Predigten ausgesprochen, daß es der ganzen Kirche obliege, und man dazu weder an Fleiß, [5] noch Mühe und Kosten es mangeln lassen dürfe, daß man sich auch der armen Heiden und Ungläubigen annehme; zwar war der erste gesegnete Heidenbote der dänischen Mission in Ostindien Ziegenbalg, in Sachsen geboren (24. Juni 1683); zwar steht in Dresden auf dem Eliaskirchhof als ein einsamer mahnender Zeuge aus missionsloser Zeit ein Grabdenkmal, welches die Inschrift trägt:
Hier ruhen die Gebeine des Herrn Christoph Theodosii Walthers, welcher zu Schildberg bey Soldin in der Neu-Marck 1699 d. 20. Dec. gebohren, zu Schönfliess, Königsberg, Stargard und Halle studieret von 1720 biss 1739 denen Heyden zu Tranckenbar in Ost-Indien das Evangelium gepredigt, als designirter Pastor der teutschen Kirche auf Christianshafen in Dännemark allhier zu Dresden d. 29. April 1741 sanft und zufrieden verschieden; alt 42 Jahre 7 Monate und 10 Tage;
aber zu geregelter und energischer Arbeit an dem von dem Herrn Seiner Kirche befohlene Werke sollte es bei uns erst im Anfang dieses Jahrhunderts kommen und dazu bediente sich Gott zweier in Dresden bestehender Gesellschaften der Brüderdiaspora und der deutschen Christenthumsgesellschaft.

Zinzendorf in Dresden 1721 bis 1727[Bearbeiten]

Nicht nur das Sächsische Missionswerk und damit der Lutherische Weltbund hatte in Dresden seinen Ursprung, sondern auch der Prototyp der Brüdergemeine ist hier 1721 im Hause von Nikolaus Ludwig von Zinzendorf entstanden. Später entwickelte sich der missionarische Impuls in Dresden vor allem aus der Diaspora der Brüderunität heraus.

Die Versammlung am 16. August 1819 war durch die damalige Tageslosung der Brüdergemeine inspiriert worden. Zu den sechs christlichen Freunden, welche sich bei dem Diakon Leonhardi einfanden, gehörten die beiden Leiter der Brüdergemeine, der Lederhändler Christian Jacob Götz und der Weinhändler Johann Traugott Löschke. Auch der ebenfalls an der Versammlung teilnehmende Vorsteher der Deutschen Christentumsgesellschaft in Dresden, der Buchdrucker Burghart, war Mitglied der Brüdergemeine und mit Götz und Löschke eng befreundet. In der Brüdergemeine Dresden war der Missionsgedanke schon seit Jahren intensiv gepflegt worden, die Nachrichten aus der Mission gehörten zum Inhalt vieler Versammlungen.

Fünfzig Jahre der Missionsthätigkeit im Königreiche Sachsen, Dresden 1869,

Die Brüdergemeinde zählte in Dresden seit etwa 1721 eine nicht kleine Anzahl von Mitgliedern. Am 22. October 1721 kam der Graf v. Zinzendorf nach Dresden und trat das Amt eines Hof= und Justizrathes an. Nach seinem eignen Bekenntniß hatte er sich vorgenommen, seine Amtsgeschäfte in Dresden gleichsam hintan zu setzen, und seine Zeit in Dresden darauf zu verwenden, seinen Collegen, Freunden, Verwandten und Jedermann, welche ihn anhören wollten, Geistlichen und Weltlichen, ja gar den Gichtelianern und Separatisten das Verdienst seines lieben Heilandes und die Seligkeit Seiner Liebe schmackhaft zu machen. Ohne Widerspruch der geistlichen und weltlichen Oberen hielt der Graf nun bei offenen Thüren alle Sonntage von 3–7 Uhr öffentliche Versammlung für Jedermann. Es wurde ein Lied gesungen, man betete und unterhielt sich freundschaftlich über Stellen der heiligen Schrift, oder es wurden sonstige erbauliche Unterredungen gepflogen. Der Graf schreibt davon: „Wir sind [6] vergnügt im Herrn und so herzvertraulich wie die Kinder, jung und alt beisammen“. Aus Gehorsam gegen seine Aeltern bekleidete der Graf ein öffentliches Amt und mußte nach damaliger Sitte einen Degen tragen; doch lebte er ganz der Verkündigung des Evangeliums. Er unterhielt Umgang mit einer Gesellschaft von solchen, welche sich nicht zur Kirche hielten, auch sonst wunderliche Ideen hegten und seine Arbeit an ihnen war eine so gesegnete, daß viele wieder zur Kirche kamen und von ihren Verirrungen abließen. Natürlich konnte es an mancherlei Täuschungen nicht fehlen und es mußte eine größere Vorsicht beim Halten der Versammlungen, Beschränkung der Theilnehmerzahl stattfinden, damit nicht unredliche Menschen sich hinzudrängten. Auch später nach des Grafen Wegzug blieben die Versammlungen der Brüdergemeinde. Während die Gichtelianer und Separatisten in Dresden sich von der Kirche lossagten und ihr Abendmahl unter sich feierten, hielt die Brüdergemeinde ihre Versammlungen nach dem Grundsatze, daß dieselben keinerlei Unordnungen erzeugen dürften, vielmehr den öffentlichen Gottesdiensten förderlich sein müßten. Die Mitglieder der Privaterbauungsstunden sollen mit göttlichem Leben und Wandel als treue, fleißige, religiöse Leute hervorleuchten. Nach dem Bombardement Dresdens 1760 zogen die meisten Glieder der Gemeinde nach Herrnhut, Berthelsdorf und anderen Orten und allmählich erst fand sich die Brüdergemeinde wieder zusammen. In ihr sammelten sich die stillen, redlichen Seelen. Mancherlei innere, wie äußere Kämpfe waren zu bestehen, zur Rechten und Linken hatten sie Gegner. Für die einen waren sie die Frommen, die Pietisten; die Andern streng Confessionellen hatten ihre Bedenken gegen manche Abweichungen von der Kirchenlehre und äußerten dies zuweilen in allzu schroffer, liebloser Weise. So hatte sich besonders in dem Jahre 1818 P. Stephan von der böhmischen Gemeinde sehr hart gegen sie ausgesprochen, während der Diaconus Leonhardi an der Kreuzkirche in freundlichem Verkehr mit ihnen stand. An der Spitze der Herrnhuter Diaspora standen ums Jahr 1819 der Lederhändler Götze und der Weinhändler Löschcke. Götze hielt die öffentlichen Betstunden am Sonntag; Mittwoch und Freitag hatten nur Mitglieder Zutritt. In den Sonntagsversammlungen, an welchen viele Leute Theil nahmen, hielten zuweilen durchreisende [7] Missionare der Brüdergemeinde Vorträge, auch las man Missionsberichte und pflegte so das Missionsinteresse.

Vgl. https://archive.org/stream/diediasporaderb00steigoog/diediasporaderb00steigoog_djvu.txt

Nikolaus Ludwig von Zinzendorf[Bearbeiten]

Nikolaus Ludwig von Zinzendorf wurde am Mittwoch, den 26. Mai 1700 Abends gegen sechs Uhr als Sohn des damals 38jährigen kursächsischen Cabinetsministers Georg Ludwig Graf von Zinzendorf und Pottendorf[48] und der damals 25jährigen Charlotte Justine geb. von Gersdorff[49] in Dresden geboren. Niemand vermochte zu diesem Zeitpunkt auch nur zu ahnen, dass sich hierdurch Dresden zur Keimstatt sowohl der Brüdergemeine als auch des Lutherischen Weltbundes entwickeln würde.

Taufpaten von Nikolaus Ludwig von Zinzendorf waren die Kurfürstinnen von Sachsen und von der Pfalz sowie der Begründer des Pietismus, Philipp Jacob Spener. Hierdurch war allerdings zumindest der geistige Same dafür gelegt, dass sich Nikolaus Ludwig von Zinzendorf einmal zu einem bedeutenden Geistlichen entwickeln werden könne.

Philipp Jacob Spener bekleidete damals zwar seit 1691 das Amt des Propstes und Konsistorialrates an der Berliner St. Nikolai-Kirche, hatte aber als Oberhofprediger in Dresden von 1686 bis zu seiner Berufung nach Berlin eines der angesehensten Ämter im damaligen deutschen Luthertum inne. Nur aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit seinem Landesherrn, dem Kurfürsten Johann Georg III. von Sachsen (Juni 1647 bis September 1691)[50], nahm er die Berufung nach Berlin an, wo er auch bis zu seinem Tode 1705 blieb.

Auch noch neun Jahre nach seinem Wegzug aus Dresden pflegte Philipp Jacob Spener freundschaftliche Beziehungen zu den dortigen Gleichgesinnten. Zu ihnen gehörte die damals 52jährige Henriette Catharina von Gersdorff[51], die Großmutter mütterlicherseits von Nikolaus Ludwig von Zinzendorf. Henriette Catharina von Gersdorff wohnte mit ihrem Mann Nicolaus Freiherrn von Gersdorff[52] kaiserlicher Rat überwiegend in Dresden und gewann durch die Stellung ihres Mannes als Gesandter der Kurfürsten und Landvogt der Oberlausitz auf die Staats- und Kirchenangelegenheiten einen nicht unbedeutenden Einfluß. In der Auseinandersetzung der kirchlichen Orthodoxie mit den Pietisten stand sie stets auf der Seite der Letzteren, weil sie zu einem philadelphischen Christentum gefunden hatte. So förderte sie beispielsweise mit ihrem Vermögen die von Spener angeregte Übersetzung der Bibel ins Sorbische.[53] Sie verfasste auch zu ihrer Zeit viel beachtete deutsche wie auch lateinische Gedichte[54]. Henriette Catharina und Nicolaus Freiherr von Gersdorff besuchten nicht nur Speners Gottesdienste und Katechismusunterweisungen, sondern unterstützten auch nachhaltig die pietistische Reformbewegung, so dass sie zum engeren Kreis um Philipp Jakob Spener gerechnet werden können. Spener ließ sich deswegen von Henriette Catharina von Gersdorff als Taufpate ihres Enkels Nikolaus Ludwig von Zinzendorf gewinnen.

Zinzendorf Vater starb bereits am 9. Juni 1700, genau zwei Wochen nach seiner Geburt, sein Großvater Nikolaus von Gersdorff am 23. August 1702 starb. Daraufhin wohnte seine Großmutter Henriette Katharine von Gersdorff überwiegend auf ihren Güter in der Lausitz, von wo sie allerdings das begonnene Werk ihres Mannes fortsetzte.

Zinzendorfs Mutter heiratete am 15.[55] Dezember 1704 zum zweiten Mal (den Feldmarschall Dubislav Gneomar von Natzmer in Berlin, gest. 13. Mai 1739 in Berlin) - sie wurde 89 Jahre (gest. 1764?) und überlebte Zinzendorf. Der Knabe aus erster Ehe wurde zur Erziehung seiner Großmutter übergeben.

Von Gersdorf auf Berthelsdorf[Bearbeiten]

Stammsitz derer von Gersdorf: Gersdorf, heute zu Markersdorf (zwischen Görlitz und Reichenbach/O.L. gelegen[56])

25. April 1301 "dominus Christianus advocatus provinciae Gorlicensis dictus de Gerhardisdorf" und seine Brüder Jencz und Ramfold waren Herren auf Gersdorf und Reichenbach/Oberlausitz - das Rittergut Gersdorf bei Görlitz (urkundlich ersterwähnt 1241) war bis 1590 im Besitz dieser Familie

Sitz derer von Gersdorf auf Schloß Hennersdorf (Großhennersdorf, heute zu Herrnhut) - das ehemalige Wasserschloß ist heute Ruine, im Jahr 2000 (zum 300. Geburtstag von Nikolaus Ludwig von Zinzendorf) wurde ein Wanderweg von dort nach Herrnhut angelegt (Zinzendorf ist auf dem Wasserschloss Hennersdorf aufgewachsen[57])

Moritz Grimmel: Gross-Hennersdorf, In: Gustav Adolf Poenicke: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. Band 3, Seite 110–112 (Markgrafenthum Oberlausitz), Expedition des Albums Sächsischer Rittergüter und Schlösser, Leipzig 1854–1861:

Gross-Hennersdorf liegt 1 Stunde von Herrnhut, 2 Stunden von Zittau und 11/2 Stunde von Bernstadt. Hennersdorf ist, wie sein Name deutlich an die Hand giebt, deutschen Ursprungs, und die alten Urkunden erzählen, dass im 10. oder 11. Jahrhundert ein deutscher Ritter, Namens Heinrich solches erbaut haben soll. Die Erbauung des Schlosses selbst lässt sich indess nicht mit Bestimmtheit angeben. Der Thurm und die übrigen Gebäude mit Ausschluss des gegen Abend zu liegenden Theiles, des eigentlich grossen Gebäudes mit 3 Stockwerken sind sehr alten Ursprungs.
In der Urkunde, welche Kaiser Karl IV. im Jahre 1365 über das an die Stadt Zittau verkaufte Königsholz ausgestellt hat finden wir dieses Schloss in folgender Weise erwähnt:
„sylvam nostram regalem dictam Kunnigswalde silvam inter villas Heinrichsdorf et Oderwitz.“
Und aus einem Matricul des zum Prager Erzbisthum gehörig gewesenen Zittauer Decanats vom Jahre 1384 wird
„Heinrichsdorf, oder Schreibersdorf im Königsholz“
erwähnt.
Der Name Schreibersdorf mag daher entstanden sein, weil es im Lande mehrere Orte mit dem Namen Hennersdorf gab, weshalb man zur Unterscheidung den Namen „Schreibersdorf“ hinzugefügt hat. Gross-Hennersdorf heisst auch öfters Markt-Hennersdorf, von den Jahrmärkten, welche Dienstags nach Cantate und Dienstags nach Bartholomäi hier abgehalten werden.
Zu Gross-Hennersdorf werden auch die Orte Euldorf, Heuscheuna, das Vorwerk von Hennersdorf, Schönbrunn und das Buttermilchvorwerk gezählt. Heuscheuna war ursprünglich ein Vorwerk von Gross-Hennersdorf, hat späterhin eine eigene Herrschaft gehabt, wie in der Kirche eine Loge, die Heuscheunaer Loge bezeugt. Seit 1691 ist es ganz an Gross-Hennersdorf gekommen.
Der zuerst bekannt gewordene Besitzer dieser Güter war George von Stewitz. Von diesem erwarben vom König Wenzel im Jahre 1408 Hans Nikkol und Caspar Gebrüder von Gersdorf diese Besitzung als böhmisches Lehn, welche längere Zeit auch sich im Besitze behauptet haben. Ein Nicol von Gersdorf übergab die Güter im Jahre 1521 an seinen Sohn Caspar von Gersdorf. Laut Lehnbriefs vom Jahre 1531 [111] waren dann die Gebrüder Valten, Nikkel und Hans von Gersdorf in den Besitz gelangt. Valten und Nikkel sind hier im Jahre 1562 verstorben. Schon vor dem Tode dieser Männer kam Gross-Hennersdorf mit seinen Pertinenzen an Christoph von Haugwitz. Derselbe starb im Jahre 1569 und liegt in der Kirche begraben. Derselbe wird auch als der Erbauer der Pfarre zu Gross-Hennersdorf genannt.
Laut Lehnbriefs vom Jahre 1583 wurde wieder die Familie von Gersdorf damit belehnt und zwar die Gebrüder Rudolph, Hans und Caspar. Von diesen ging die Besitzung auf Herrn Christoph von Metzradt über. Im Jahre 1617 verkaufte Kaiser Matthias als König von Böhmen sämmtliche Güter des von Metzradt (Neckelwitz, Uebigau, Krinitz, Kossla und Hennersdorf unterm Königsholz) an Karl Anibal, Burggrafen zu Dohna, Freiherrn auf Wartenbergk und Prellin, Landvoigt in der Oberlausitz, um den Preis von 100,000 Gulden, wobei sich hinsichtlich des Kirchenlehns folgender Vorbehalt gemacht wurde:
„so lange sie in seinen und seiner Erben auch anderer katholischen Händen verbleiben, auff den Fall aber dieselben in unkatholische Hände kommen sollten, wollen Wir uns und unsern Nachkommen jederzeit die Besetzung mit katholischen Priestern vorbehalten haben.“
Gegen diese Religionsbeschwerde erhoben nach des Kaisers Matthias Tode beim Könige von Böhmen, dem Churfürsten Friedrich von der Pfalz, die Lausitzer Stände Beschwerde.
Deshalb verkaufte 1618 Carl Annibal Burggraf zu Dohna Hennersdorf unterm Königsholz an Caspar von Klüx auf Strahwalde. In dieser Familie ist dieses Gut bis zum Jahre 1676 verblieben, wo es sub hasta verkauft und von Nicol von Gersdorf, Geheimen-Rath und Kammerherrn, nachherigen Raths-Director und Landvoigt erstanden wurde. Die Beleihung fand am 28. März 1678 statt, sowie die von Heuscheuna im Jahre 1692. Von diesem Besitzer stammen die Jahrmärkte in Grosshennersdorf. Dann folgten dessen Söhne Johann Georg und Gottlob Friedrich von Gersdorf als Besitzer. Im Jahre 1710 kam das Gut an Nicol Freiherrn von Gersdorf. Dieser verfiel in Concurs und zur Abwendung desselben wurde eine Commission niedergesetzt auf Antrag seiner Mutter, Landvoigtin von Gersdorf, von welcher das Gut Heinrich Freiherr von Friesen im Jahre 1717 um 65,000 Thaler erkaufte. Derselbe verkaufte dasselbe in dem nämlichen Jahre an des vorigen Besitzers Schwester, an Fräulein Henriette Sophie von Gersdorf. Diese war eine Tochter der Catharina, Freiin von Gersdorf und die Tante vom Grafen von Zinzendorf und Pottendorf, dem Besitzer von Berthelsdorf und Gründer von Herrnhut.
Sie errichtete im Jahre 1721 eine Stiftung für Arme, erbaute ein Waisenhaus und nahm eine Menge Exulanten auf, welche den Grund zu Schönbrunn legten.
Im Jahre 1726 berief sie den ersten Pfarrer oder Katecheten für die böhmische Gemeinde, Namens Joh. Liberda. Die ausgewanderten Böhmen geriethen aber mit ihrer Herrschaft in Streit und erwirkten sich vom Könige von Preussen die Erlaubniss nach Berlin zu ziehen und dort eine Kirche zu erbauen, welche am 12. März 1737 als „Bethlehemskirche“ eingeweiht worden ist.
Liberda aber wurde als vermeinter Anstifter der in Sachsen und Böhmen ausgebrochenen Unruhen arretirt, in Untersuchung genommen, verurtheilt und ins Zuchthaus nach Waldheim gebracht, von wo er entsprang und glücklich nach Berlin entkam.
Mit dem Jahre 1741 verkaufte Fräulein Sophie von Gersdorf Gross-Hennersdorf an Herrn von Burgsdorf. Von dieser Zeit an verlor die zurückgebliebene kleine böhmische Gemeinde ihre eigene kirchliche Einrichtung und schloss sich an die teutsche Kirchengemeinde an.
Von dem Herrn von Burgsdorf kaufte Gross-Hennersdorf 1747 Frau Henriette Benigna Justina Gräfin von Zinzendorf und Pottendorf, verheirathete Freifrau von Wattewille. Nach ihrem Tode 1789 ging das Gut auf ihre Schwester Elisabeth von Wattewill, geborene Gräfin von Zinzendorf und Pottendorf über, von welcher es deren Gemahl 1807 ererbte. Nach dem Tode desselben im Jahre 1811 acquirirte es die Gräfin Fräulein Charlotte Sophie von Einsiedel, von welcher es im Jahre 1844 an die Unitäts-Direction der Herrnhuter Brüdergemeinde überging, die gegenwärtig noch im Besitze desselben ist.
Unter den Gebäuden des Rittergutes ist vorzüglich des Katharinenhofes zu gedenken, welcher von Henriette Sophie von Gersdorf zur Aufnahme [112] von Waisen und hülflosen Personen im Jahre 1722 erbaut und zu Ehren ihrer Mutter „Catharina“ Catharinenhof genannt wurde. Diese Anstalt ging in den 40er Jahren ein und das Haus selbst wurde dann von der Brüder-Unität zu andern Erziehungs-Zwecken benutzt, wogegen die angewiesenen Fonds der Kirche zuflossen.
Im Jahre 1832 ging auch das seit 1802 bestandene adliche Pädagogium ein und das Gebäude selbst nebst den Grundstücken durch Abtretung von der Gräfin Sophie von Einsiedel an den Staat, welcher im Jahre 1836 daselbst wieder eine Waisenanstalt errichtete, in welcher die Kinder mit Spaten-Cultur beschäftigt werden.
Das sogenannte grosse Gebäude mit 3 Stockwerken im Schlosse ist erst vom Landvoigt Freiherrn von Gersdorf seit 1676 erbaut, da bei einem frühern Brande das frühere Schloss fast gänzlich demolirt war.
Die Wirthschaftsgebäude sind durchgängig vortrefflich, da solche nach einem grossen Brande seit dem Jahre 1814 ganz neu erbaut sind.
Im Südosten des Ortes gewähren der grosse Berg und der Schönbrunner Berg herrliche Aussichten. Man erblickt die Tafelfichte, einen Theil des Riesengebirges, die Haindorfer Berge, den Jäschka und das böhmisch-lausitzische Grenzgebirge. Im Westen hat man zum kleinen Eisberg und zum langen Berg schöne Spaziergänge.
Im Süden befindet sich das Königsholz mit seinen Buchenwaldungen; im Nordosten erblickt man den Dittersbacher Berg und im Nordwesten den Sandberg. Im Westen kann man von der Höhe des Hengstberges Herrnhut sehen.
Die Hauptbeschäftigung der Einwohner ist der Ackerbau; es fehlt aber auch nicht an Handwerkern, unter welchen vorzüglich die Messerschmiede sich auszeichnen. Die Häusler theilen sich in Häusler mit und ohne Feld. Ausser den namhaften Gebäuden befinden sich hier 2 Gasthöfe, mehrere Schenken, 1 Windmühle und mehrere bürgerliche Freihäuser.
Grosshennersdorf mit Euldorf, Heuscheuna, Schönbrunn und Buttermilchvorwerk hat 286 Gebäude mit 390 Haushaltungen und 1607 Einwohnern.


Gurlitt


Johann Gottlieb Korschelt: Geschichte von Berthelsdorf. Berthelsdorf bei Herrnhut, Selbstverlag des Herausgebers, 1852.

S. 8

Berthelsdorf bestand bis 1727 aus drei Rittergütern: Ober-, Mittel- und Niederberthelsdorf, unter verschiedenen Besitzern.

Von Niederberthelsdorf gehörte jedoch nur die nördliche Seite zum Nieder- oder Klixischen Gute, die südliche war ein Theil des Mittel- oder Hauptgutes.

Seit der Vereinigung der verschiedenen Antheile spricht man nur noch von einem Ober- und einem Niederdorfe. Den Theil unter der Kirche, die ziemlich in der Mitte des Dorfes liegt, nennt man das Niederdorf und den über derselben das Oberdorf.

Außerdem führen noch einige in neuerer Zeit entstandene Dorftheile besondere Namen, wie das 1776 auf den Fluren des Niedergutes angelegte Neuberthelsdorf. Es bestand 1783 aus vier, 1803 schon aus dreizehn und jetzt aus fünfzehn Häusern. Es hat jedoch keine besondere Gerichtsbarkeit. Die Häuserreihe in der Thalvertiefung zwischen Neuberthelsdorf und dem Niederhofe wird gemeiniglich „auf Mangels“ (nach Karl Magnus von Klix, dem letzten Besitzer des Niedergutes vor der Vereinigung mit dem Hauptgute), auch wohl „die Kränke“ genannt. Die Zeit der Erbauung war erst nach 1813.

Um dieselbe Zeit ungefähr entstand auch die Häuserreihe in Oberberthelsdorf, die man mit dem Namen „Fichtelrode“ bezeichnet. Auf die acht Schwenkfelder Häuser, die von 1730 bis 1733 erbaut wurden und sich ebenfalls in jenem Theile Oberberthelsdorfs befinden, wird später zurückgekommen werden.

S. 20

Schon in den ältesten Zeiten scheint Berthelsdorf im Besitze der damals in der Lausitz weitverzweigten und vorzugsweise in hiesiger Gegend reich begüterten uralten Familie von Gersdorf gewesen zu sein.

Wahrscheinlich hatte es bald nach 1400 mit Rennersdorf und Hennersdorf gleiche Besitzer, oder doch Besitzer aus derselben Linie derer von Gersdorf. Sie stammten aus dem von Nicol v. Gersdorf 1399 gestifteten Hause Tauchritz (Anmerkung 22: Carpzovs Ehrentempel, genealogische Tabellen.); weil aber dessen Sohn Caspar 1409 Hennersdorf erwarb, so nahm dieser Zweig des Tauchritz’schen Hauses den Beinamen „Heynersdorf“ an. 1464 war ein Christoph von Gersdorf aus diesem Hause Besitzer von Rennersdorf, sehr wahrscheinlich besaß er auch Berthelsdorf. [21] Jedoch Urkunden führen nur bis 1480 zurück (Anmerkung 23: Das Original befindet sich nach Käuffers Oberl. Gesch. Th. 2, Hft. 2, im Stifte Joachimstein). Nach ihnen war damals Heinrich von Gersdorf Besitzer von Berthelsdorf, Rennersdorf und Wiese; sein Bruder Nicol besaß Hennersdorf.

Mittelberthelsdorf (Hauptgut)

S. 32

Heinrich Anshelm von Ziegler und Klipphausen war jedoch nur kurze Zeit Besitzer von Berthelsdorf, er verkaufte es noch in demselben Jahre[58] an Bernhard Edlen von der Planitz. Durch erlittenen Feuerschaden und Mißwachs zurückgekommen, konnte auch dieser Berthelsdorf nicht behaupten, er mußte es, genöthigt durch eine Schuldenlast von 13,224 Thaler, den 20. Juni 1687 an den Freiherrn Nicolaus von Gersdorf um 18,200 Thaler verkaufen. Er starb den 7. December 1688 in Berthelsdorf.

Nicolaus, Freiherr von Gersdorf auf Baruth, Hennersdorf, Berthelsdorf, Kemnitz, Bretnig, Hauswalde, Buchwalde, Rackel, Kreckwitz und Heuscheune, königlich polnischer und churfürstlich sächsischer Geheimrathsdirector und bevollmächtigter Landvogt der Oberlausitz, war der zweite Sohn Nicolaus von Gersdorf’s, aus dem Hause Malschwitz, kaiserlichen Raths und Gegenhändlers in der Oberlausitz. Er wurde den 9. Juni 1629 zu Doberschütz geboren; doch kaum zwei Jahre alt, starb sein Vater. Seine Mutter, Anna Maria geb. von Löben aus Kreckwitz, erzog ihn mit großer Sorgfalt. Er wurde zuerst Page am churfürstlichen Hofe zu Dresden. Von 1647 an studirte er vier Jahre [33] zu Wittenberg und machte dann Reisen durch Frankreich, England, Holland und Italien. 1655 wurde er churfürstlich sächsischer Appellationsrath, 1656 Hofrath, 1660 wirklicher geheimer Rath, 1680 Oberkammerherr, 1686 Geheimrathsdirector und 1691 bevollmächtigter Landvogt der Oberlausitz. Vom Kaiser wurde er mit seinen Nachkommen in den Freiherrnstand erhoben. Verheirathet war er dreimal: bis 1665 mit Hedwig Elisabeth Vitzthum von Eckstädt, von 1666 bis 1670 mit Eva Catharina von Günterode und 1672 mit Henriette Catharina Freiin von Friesen. – Da er in Folge seiner Stellung größtentheils in Dresden verweilen mußte, so übernahm seine Gemahlin Henriette Catharina die Verwaltung Berthelsdorfs und der benachbarten Güter.

Nachdem Nicolaus von Gersdorf 1691 das Mannlehngut Berthelsdorf in ein Erb-, Spill- und Kunkellehn hatte verwandeln lassen, kaufte er den 30. September 1693 auch noch das sogenannte Niedere oder Klixische Gut von Magnus von Klix.

Er starb 1702 den 23. August, 73 Jahre 10 Wochen 5 Tage alt.

Von vierzehn Kindern überlebten ihn neun. Sein Sohn aus der ersten Ehe, Johann Georg, königlich polnischer und churfürstlich sächsischer Kammerherr, geboren den 16. Mai 1662, bekam bei der Erbtheilung Kemnitz, Bretnig und Hauswalde. Aus der dritten Ehe hinterließ Nicolaus von Gersdorf sechs Kinder:

Johanne Eleonore, Gemahlin Gottlob Ehrenreichs von Gersdorf auf Weicha in Schlesien.

Gottlob Friedrich, geboren 1680 den 19. April. Er wurde Hof- und Justitienrath, auch Assessor des Kammergerichts, sodann polnischer und Sachsen-Merseburgscher wirklicher geheimer Rath; Herr auf Baruth, Buchwalde und Rackel, später auch von Oberberthelsdorf. 1745 wurde er in den Reichsgrafenstand erhoben. Er starb 1752.

Nicolaus, polnischer und chursächsischer Hof- und Justitienrath; Besitzer von Berthelsdorf, Großhennersdorf und Heuscheune. Er wurde 1689 in Dresden geboren.

Charlotte Justine, geboren 1675 den 17. November; in erster Ehe an Georg Ludwig, Grafen von Zinzendorf und [34] Pottendorf, polnischen und chursächsischen geheimen Rath und Kammerherrn, und in zweiter Ehe an Dubislaw Gneomar von Natzmer, königlich preußischen Generalleutnant, verheirathet. Sie starb zu Berlin als Wittwe 1763, den 31. August.

Rahel; ihr Gemahl war Georg Christoph von Burgsdorf.

Henriette Sophie; sie war von 1717 bis 1741 Besitzerin von Großhennersdorf, um welches sie sich große Verdienste erwarb, indem sie 1721 eine bedeutende Stiftung für Arme legirte und zur Beförderung der Erziehung der Jugend ein Waisenhaus, den Catharinenhof, erbaute, welchen 1838 der Staat übernahm und daselbst ein Landeswaisenhaus errichtete. – Sie starb unvermählt.

Im Besitze Berthelsdorfs folgte dem Vater der jüngste Sohn Nicolaus von Gersdorf. Mitbelehnt wurde aber auch damit 1703 sein Bruder Gottlob Friedrich. – Während der Minderjährigkeit Nicolaus führte seine Mutter, Henriette Catharina, die seit dem Tode ihres Gemahls in Großhennersdorf wohnte, die Vormundschaft. Gehuldigt wurde ihm in Berthelsdorf den 10. Januar 1710. – Als er jedoch bald in ein Creditwesen gerieth, so wurde auf Ansuchen seiner Mutter zur Abwendung eines Concursprozesses eine Commission niedergesetzt und sie selbst, die seit 1710 schon Oberberthelsdorf erworben hatte, übernahm Berthelsdorf um 30,000 Thaler, vorläufig wiederverkäuflich auf sechs Jahre. Da ihr Sohn es aber in dieser Zeit nicht einlösen konnte, so blieb es in ihrem Besitz. Ihr gehörte jetzt, nachdem sie von ihrem ältesten Sohne, Gottlob Friedrich, zu gleicher Zeit auch das Klixische Gut gekauft hatte, ganz Berthelsdorf. Ihren Wohnsitz nahm sie jedoch auch ferner in Großhennersdorf; die Oeconomie des Gutes wurde erst an Georg Gottfried Thebesius und später an Peter Simon für 1000 Thaler verpachtet.

Henriette Catharina verw. Freifrau von Gersdorf geb. Freiin von Friesen, war 1648 den 6. October zu Sulzbach geboren. Sie erhielt von ihrem Vater, der früher geheimer Rath bei dem Pfalzgrafen und später Oberconsistorialpräsident und Oberhofrichter zu Leipzig war, eine ausgezeichnete Erziehung. Sie brachte es in den Sprachen und Wissenschaften dahin, daß sie die Bibel in der Grundsprache lesen konnte. Eine ihrer liebsten Beschäftigungen war die Dichtkunst; es sind von [35] ihr zwei lateinische Gedichte, wie auch eine Sammlung geistlicher Lieder im Druck erschienen. Auch um die Wenden machte sie sich verdient, indem sie auf ihre Kosten das neue Testament und die Psalmen in wendischer Sprache drucken und an die Armen vertheilen ließ. Sie starb den 6. März 1726. Ihr ältester Enkel, der Graf Zinzendorf, hielt ihr die Standrede und verfertigte auch die Trauermusik nebst einem Leichengedichte.

Oberberthelsdorf

S. 25

Heinrich Anshelm von Ziegler und Klipphausen, der Anfang Mai 1672 das Hauptgut kaufte, wird zugleich auch [26] als Besitzer von Oberberthelsdorf genannt. Obgleich er jenes schon Michaelis 1673 wieder an Bernhard von der Planitz verkaufte, so muß er doch dieses länger besessen haben; denn Bernhard von der Planitz wird erst 1676 als Herr von Oberberthelsdorf aufgeführt. Belehnt wurde er damit 1677; er ließ zugleich auch Peter Rudolph von Gersdorf, der seine Tochter Anna Sophie zur Gemahlin hatte, mitbelehnen.

Anfang Mai 1682 kaufte Peter Rudolph von Gersdorf Oberberthelsdorf von seinem Schwiegervater. 1685 waren bei der Taufe seines Sohnes vierundzwanzig Taufzeugen zugegen und fast der sämmtliche benachbarte Adel vertreten. Nach dem 1695 erfolgten Tode seines Vaters, Joachim Bernhard von Gersdorf, erbte er auch Oberrennersdorf. Er selbst starb den 15. März 1698 und hinterließ drei Söhne: Bernhard, Johann Rudolph und Karl Gottlob. Ihre Vormünder waren: Heinrich Eberhard von Oberländer, Oberstwachtmeister auf Leutersdorf, und Ernst Leopold von Kyaw auf Friedersdorf.

1710 wurde Bernhard von Gersdorf mit Oberberthelsdorf belehnt, verkaufte es aber noch in demselben Jahre an Henriette Catharina verw. Freifrau von Gersdorf geb. von Friesen, welche die Oeconomie des Gutes 1719 an Andreas Paul um 220 Thaler und 1723 an Otto Gerhard von Dyhrn verpachtete. Nach ihrem 1726 erfolgten Tode kam es an ihren Sohn, Gottlob Friedrich Freiherrn von Gersdorf auf Baruth, Kemnitz, Buchwalde und Rackel, königlich polnischen und churfürstlich sächsischen geheimen Rath, als Lehnsfolger des Mannlehngutes Oberberthelsdorf. Er verkaufte es aber schon den 10. April 1727 für 6000 Thaler an seinen Neffen, den Grafen Nicol Ludwig von Zinzendorf und Pottendorf, der seit 1722 schon Mittel- und Niederberthelsdorf besaß. Seit dieser Zeit ist Berthelsdorf immer unter einer Herrschaft geblieben.

Niederberthelsdorf

[38] Den 30. September 1693 verkaufte Karl Magnus von Klix sein Gut an den Besitzer von Berthelsdorf, den Freiherrn Nicolaus von Gersdorf, um 2925 Thaler. (500 Thaler hatte er nur allein Kirchenschuld). Außerdem hatte er noch freie Wohnung auf Lebenszeit und bekam einige Deputate; auch wurde ihm ein Pferd gehalten. Zum Gute gehörten damals drei Erb- und drei Pachtgärtner und ein Häusler.

Karl Magnus von Klix starb den 28. Februar 1700, siebzig Jahre alt. Seine Gemahlin, Hedwig Catharina geb. von Kyaw, war schon 1691 den 18. August gestorben.

Vor der Brüder-Unität: Zinzendorf in Dresden 1721 bis 1726[Bearbeiten]

Graf Zinzendorf kam nach seinen Studien 1721 als Justizrat nach Dresden zurück und hielt religiöse Zusammenkünfte zunächst für seine Hausgenossen ab, verschloß aber keinem die Tür. Bald versammelten sich in seiner Wohnung 50 oder gar 100 mit Bibel und Gesangbuch versehene Personen. Ihr Gesang wurde von einem Diener auf dem Klavier begleitet. Bei jeder Versammlung legte Graf Zinzendorf eine Stelle aus der Bibel aus.

Am 30. Dezember 1726 kam ein kurfürstliches Verbot dieser Hausversammlung[59] Bald darauf quittierte Graf Zinzendorf seinen Dienst in Dresden und verließ die Stadt. Aber der einmal von ihm ausgestreute Same ging dennoch nicht unter. Es folgte ein intensiver persönlicher und schriftlicher Austausch zwischen Herrnhut und Dresden. Schließlich wurde etliche Mitglieder dieses ersten Hauskreises in die Brüdergemeine aufgenommen.

Die Diaspora Dresden der Brüder-Unität 1727 bis 1760[Bearbeiten]

Von Zinzendorf auf Berthelsdorf[Bearbeiten]

Berthelsdorf um 1850

Moritz Grimmel: Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen: Berthelsdorf, In: Gustav Adolf Poenicke (Hrsg.): Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen Band 3, Seite 106–108 (Markgrafenthum Oberlausitz)

Berthelsdorf, am Fusse des Hutberges, – an dessen südlichem Abhange das nur eine Viertelstunde entfernte, weltberühmte Herrnhut liegt, grenzt gegen Abend mit Strahwalde und gegen Morgen mit Rennersdorf. In alten Urkunden wird es Berthelsdorf oder Bertelsdorf genannt, wodurch klar wird, dass seine ersten Bewohner Deutsche waren. Aus einer alten Urkunde ersieht man, dass im Jahre 1346 Berthelsdorf zur Diöcese Reichenbach gehörte. Es kann als die Wiege von Herrnhut angesehen werden. Denn die wegen Bedrückung der Glaubensfreiheit aus Mähren ausgewanderten Familien fanden bei dem Grafen von Zinzendorf eine liebreiche Aufnahme und erhielten Erlaubniss sich auf diesem seinem Gute anzubauen. Am 17. Juni 1722 fällten diese Auswanderer den ersten Baum zu dem von ihnen an der Landstrasse, die von Löbau nach Zittau führt, [107] erbautem Häuschen, welcher Platz jetzt noch durch ein Denkmal bezeichnet wird. Nach und nach wurde der Wald gelichtet und so erhob sich, da mehrere Auswanderer nachfolgten, und sich ebenfalls da anbauten, das liebliche Herrnhut, welches sich nicht allein durch Fleiss und Betriebsamkeit auszeichnet, sondern auch durch seine Missionen unter die Heiden, ungemeinen Segen für die Lehre Christi gestiftet hat.
Die ersten bekannten Besitzer von Berthelsdorf waren die Herren von Gersdorf-Tauchnitzer Linie, welche in dieser Gegend überhaupt viele und ansehnliche Güter besassen. Durch Verheirathung mit Anna von Gersdorf erlangte gegen 1486 Hans von Metzrath Berthelsdorf. Im Jahre 1490 gehörte es den Herren von Tzschirnhausen und 1499 einem Herrn von Eberhardt, von welchem es noch vor 1528 wieder an die Familie Gersdorf-Tauchnitz überging. Im Jahre 1574 wurde die Besitzung unter drei Brüder getheilt und es entstanden so drei Güter, von welchem das Hauptgut mit dem Herrenhause an Christoph von Gersdorf fiel und bei dessen Nachkommen bis 1633 blieb, wo es durch Kauf an Jareslaw von Kyaw überging, welcher dasselbe in Folge der Verwüstungen des dreissigjährigen Krieges im Jahre 1660 an seine Gläubiger abtreten musste, die solches an den in der Geschichte des dreissigjährigen Krieges als kühnen Partheigänger und tapferen Vertheidiger Zittaus berühmt gewordenen ehemaligen schwedischen Oberst Johann Reichwald von Kämpfen auf Kemnitz verkauften. Im Jahre 1672 veräusserte es jedoch Reichwalds Sohn an Heinrich von Ziegler und Klipphausen, der es indess nicht lange behaupten konnte: Denn noch in demselben Jahre sah er sich genöthigt, das Gut an Bernhardt Edlen von der Planitz zu verkaufen, welcher es bis zum Jahre 1687 im Besitze hatte, wo es nochmals in die Hände der von Gersdorf überging, nämlich an Nicolaus Freiherrn von Gersdorf, churfürstl. sächs. Geheimeraths-Director und Landvoigt der Oberlausitz. Im Jahre 1722 erkaufte die Besitzung der Enkel des Freiherrn Nicolaus von Gersdorf, der berühmte Graf Nicolaus Ludwig von Zinzendorf und Pottendorf, mit dessen Hülfe, wie oben erwähnt, Herrnhut gegründet worden ist. Graf von Zinzendorf hat auch im Jahre 1727 durch Ankauf die übrigen Theile von Berthelsdorf wieder mit dem Hauptgute vereinigt. Doch schon im Jahre 1732 musste Zinzendorf auf landesherrlichen Befehl das Gut verkaufen: Käuferin war seine Gemahlin Erdmuthe Dorothea geborne Gräfin von Reuss, bei deren Töchtern, beide mit Freiherrn von Wattewille vermählt, Berthelsdorf bis 1811 blieb. In diesem Jahre acquirirte es Fräulein Charlotte Sophie Gräfin von Einsiedel, aus dem Hause Reibersdorf, von welcher es im Jahre 1844 an die Unitäts-Direction der Herrnhuter Brüdergemeinde überging, die gegenwärtig das Gut noch besitzt.
Das Schloss ist ziemlich in der Mitte des Dorfes an einem kleinen Abhange gelegen, und früher, wie die Besitzer von Berthelsdorf ihren Wohnsitz gewöhnlich in den nahen Rennersdorf hatten, wohl ohne viele Bedeutung gewesen. Vielleicht wurde es gleich der Kirche in dem Hussitenkriege mit verheert. Im Jahre 1687 brannte es zum Theil ab und 1722 liess Graf von Zinzendorf das im schlechten Zustande befindliche Herrenhaus gänzlich niederreissen und das gegenwärtig noch bestehende erbauen. Ueber das Portal des Schlosses liess Zinzendorf ausser einigen Bibelversen folgende Inschrift setzen:
Hier übernachten wir als Gäste,
Drum ist das Haus nicht schön und feste::
so kehret euch nun zur Vestung, ihr, die ihr auf Hoffnung gefangen lieget. Zach. 9, V. 12.
So recht, wir haben noch ein Haus
Im Himmel, das sieht anders aus. 2. Cor. 5, V. 1. 2.
In diesem Schlosse hat die Unitäts-Direction der Brüdergemeinde ihren Versammlungssaal, theils zu ihren gottesdienstlichen Versammlungen, theils zu ihren Berathungen für das Beste ihrer sämmtlichen Anstalten in und ausser Europa.
Ausserdem wurden im Jahre 1790 noch 2 Häusser nahe des Schlosses zur Wohnung für die übrigen Mitglieder der Unitäts-Direction, die vorher ihren Sitz theils in Herrnhut, theils zu Zeiss in Holland und auch zu Barby im Magdeburgischen gehabt hatte, erbaut und im Jahre 1791 bezogen.
Von hieraus werden alle Angelegenheiten der sämmtlichen Brüdergemeinden, in geistlicher und weltlicher Hinsicht berathen und besorgt. Die übrigen 2 herrschaftlichen Höfe haben keine besonderen herrschaftlichen Wohnungen, als nur für die bei der Oeconomie angestellten Personen.
In den 70ger Jahren des vorigen Jahrhunderts erkaufte die damalige Gutsherrschaft einen neuen Anbau auf ihren Fluren von 14 Häusern, welcher den Namen Neu-Berthelsdorf führte.
Die Kirche von Berthelsdorf war bis zum Jahre 1771 sehr finster, winkelig und klein. In diesem Jahre wurde sie erweitert und verschönert. Der Taufengel weggenommen und ein Taufstein angeschafft.
Das Kirchenvermögen ist nicht unbedeutend, doch muss aus demselben viel, sehr viel bestritten werden.
Bis zum Jahre 1758 war Herrnhut nach Berthelsdorf eingepfarrt, und wenn auch ihre Kinder in Herrnhut getauft, ihre Leichen dort begraben, ihre Ehen dort eingesegnet wurden, so mussten doch diese Geburts-, Sterbe- und Copulations-Fälle ins Kirchenbuch von Berthelsdorf eingetragen werden.
[108] Seit Errichtung einer neuen Kirche und Pfarrmatricul ist noch bestimmt worden, dass die in Herrnhut dienenden oder sich aufhaltenden Personen hieher zur Beichte und Communication müssen.
Der Kirchhof als Begräbnissplatz ist gut eingefriedigt; es finden keine Erbbegräbnisse statt und die Geschlechter liegen separirt von einander.
Von Herrnhut aus haben sich in den spätern Jahren Zweiggemeinden in Sachsen, Preussen, Dänemark, Holland, England, Russland u. s. w. gebildet und kommen trotz aller Hindernisse immer mehr empor.
Berthelsdorf liegt 2 Stunden von Löbau, 3 von Zittau, 1 von Bernstadt und 1/4 Stunde von Herrnhut. Vom Schlosse aus führt eine herrliche Lindenallee bis nach Herrnhut.
Berthelsdorf mit Neuberthelsdorf hat 303 bewohnte Gebäude, und 455 Haushaltungen mit 1921 Einwohnern. Das Gut nebst den von ihm abhängigen Gütern hält in seiner Flur 1213 Acker 61 □Ruthen, darunter befinden sich 534 Acker 220 □Ruthen Ackerland, 135 Acker Wiesen und 589 Acker Waldung.
Die berühmte Dürningersche Handlung in Herrnhut hat hier 2 bedeutende Bleichen, 1 Leinwandbleiche im Dorfe und 1 Garnbleiche in Neuberthelsdorf, auf welchen beiden Bleichen viele Einwohner Arbeit und Verdienst finden. Ausserdem haben auch viele Bewohner reichlich Tagelohnarbeit in Herrnhut und auf den herrschaftlichen Höfen.


Johann Gottlieb Korschelt: Geschichte von Berthelsdorf. Berthelsdorf bei Herrnhut, Selbstverlag des Herausgebers, 1852

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Bereits 1722, den 15. Mai, hatte sie jedoch schon Mittel- und Niederberthelsdorf an ihren oben erwähnten Enkel, den Grafen Nicolaus Ludwig von Zinzendorf und Pottendorf, welcher damals königlich polnischer und churfürstlich sächsischer Hof- und Justitienrath war, um 26,000 Thaler verkauft. Gehuldigt wurde ihm den 19. Mai im hiesigen herrschaftlichen Hause, nach vorhergegangenem Frühgottesdienste. Er schreibt hierüber den 23. Mai in einem Briefe an seine nachmalige Gemahlin Erdmuthe Dorothee Gräfin Reuß:
„Nachdem der Oberamtskanzler Platz die Unterthanen der Pflicht gegen die Frau Landvögtin entlassen hatte, übergab er sie mir. Darauf erfolgte die Vereidung. Mir gaben alle, 7 Dutzend an der Zahl, welches mir recht gefallen, die Hand mit Freuden, jeder mit einem guten Wunsche; dann dem Hausmeister Heiz. Hierauf nahm ich die Kirchenältesten und Gerichtsmänner auf die Seite und sprach mit ihnen wegen des zu berufenden Pfarrers; dann kam ich zurück und legte den gegenwärtigen Unterthanen nach meiner Einfalt alle meine Pflichten aus und was sie sich von mir zu versehen hätten – welches vielleicht nicht allen meines Gleichen gelegen fiel, – ich versprach, sie nach der göttlichen Regel in Seilen der Liebe gehen zu lassen und ihnen das Joch an ihrem Halse tragen zu helfen und beschloß endlich mit einem Gebet zum Herrn im Himmel, meinem lieben Vater, daß er mich seines Schutzes würdiglich leiten wolle. Nach der Tafel ließ ich die 3 anwesenden Geistlichen zusammenkommen und händigte Herrn Rothe die Vocation ein.“
Vom 10. April 1727 an, wo Zinzendorf von seinem Onkel, Gottlob Friedrich Freiherrn von Gersdorf, Oberberthelsdorf für 6000 Thaler kaufte, war er Besitzer von ganz Berthelsdorf.
Nach der 1722 auf Berthelsdorfer Territorium erfolgten Gründung Herrnhuts wurde dem Grafen Zinzendorf im November 1732 durch ein königliches Rescript angedeutet, seine Güter zu verkaufen. Der Graf, welcher dies als ein Zeichen eines ihm bevorstehenden Exils ansah, verkaufte 1732 den 13. November Berthelsdorf an seine Gemahlin Erdmuthe Dorothee geb. Gräfin Reuß.
[38] Bald nach angetretener Regierung August III. wurde dieser Verkauf auch den 4. April 1733 bestätigt. Den 21. October 1733 empfing Georg Christoph von Burgsdorf, Zinzendorfs Oheim, die Mitbelehnung auf Berthelsdorf. Die Gräfin von Zinzendorf besaß es bis an ihren, 1756 den 19. Juni erfolgtem Tod.
Henriette Benigna Justine, vermählte Freifrau von Wattwille, geb. Gräfin von Zinzendorf, bis 1789 den 11. Mai.

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Doch vorzugsweise war es die Gründung und der nachmalige bedeutende Aufschwung Herrnhuts, was auf die rasche Vergrößerung des Dorfes einwirkte. 1750 gab es z. B. hier 12 Bauergüter, 40 Gärten und 44 Häuser, als 18 Freihäuser und 26 Diensthäuser, nebst 12 herrschaftlichen, Kirchen- und Gemeindegebäuden, in Summa also 106. 1777 waren schon 78 Häuser, 1794 88 Häuser (ohne die Bauergüter und Gärten). Wie rasch in dieser Zeit die Vergrößerung erfolgte, ersieht man aus dem 1783 angelegten Brandcataster; Herrschaft und Gemeinde [11] hatten damals 779 Wurzeln, die bereits 1809 durch Neubauten auf 1324 und 1827 auf 1831 gestiegen waren.
1816 waren 161 und 1818 182 Häuser. 1828 gab es 8½ Bauergüter, 41 Gärten und 227 Häuser, in Summe 277. Jetzt beträgt nach dem Brandversicherungscataster vom 1. Juli 1851 die Zahl der sämmtlichen Grundstücke 307, wovon auf Berthelsdorf 292 und auf Neuberthelsdorf 15 kommen. Darunter ein Brauhaus, zwei Bleichen, drei Wassermühlen, vier Lohmühlen, eine Windmühle, eine Tabaksfabrik, zwei Hufschmieden und eine Ziegelbrennerei. Die sämmtlichen Gebäude waren mit 134,275 Thalern versichert.

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Die Einwohnerzahl nahm erst seit der Gründung Herrnhuts rascher zu; bis dahin war sie wohl, einzelne Perioden, wie z. B. die Zeit des dreißigjährigen Krieges abgerechnet, ziemlich gleich geblieben. 1721 waren bei 530 Einwohnern blos 18 Geborne, 15 Gestorbene und 2 Getraute; hundert Jahre später dagegen, 1821, bei 1411 Einwohnern 72 Geborne, 55 Gestorbene und 18 Copulirte.
[12] Vorübergehend stieg die Zahl der Einwohner, als sich 1727 ein Theil der in Schlesien hart verfolgten Schwenkfelder nach Berthelsdorf wandte und vom Grafen Zinzendorf aufgenommen wurde. Sie kauften sich hier an und bauten auch von 1730 bis 1733 in Oberberthelsdorf acht Häuser.
Diese Schwenkfelder waren eine aus der protestantischen Kirche hervorgegangene Secte, gestiftet von einem 1490 geborenen schlesischen Edelmann, Caspar Schwenkfeld, der die evangelischen Lehren zur Zeit der Reformation mit Eifer ergriff, aber sich durch seine mystischen Ansichten über das Abendmahl und dergl. von den Protestanten absonderte. Nach seinem in der Verbannung zu Ulm 1561 erfolgten Tode bildeten sich zuerst in Schlesien besondere Gemeinden, die seinen Behauptungen folgten und eine strengere Kirchenzucht unter sich einführten. Hier vertrieben, wandte sich also ein Theil derselben nach Berthelsdorf. Doch auch hier war ihr Aufenthalt nur ein kurzer, bald mußten sie auf landesherrlichen Befehl Sachsen räumen. Loskiel schreibt hierüber in seiner Missionsgeschichte von Amerika:
„Als den bekannten Schwenkfeldern auf hohen Befehl die Räumung der chursächsischen Lande angedeutet werden sollte, so entschlossen sich diejenigen, die seit dem Jahre 1727 in Berthelsdorf, einem dem Herrn Grafen Nicolaus Ludwig von Zinzendorf und Pottendorf zuständigen Landgute in der Oberlausitz aufgenommen worden, nach Georgien in Nordamerika zu ziehen, und der Graf bemühte sich sogleich, ihnen in London bei den Vorstehern der Georgischen Colonie freie Ueberfahrt und gute Aufnahme auszuwirken. Darauf reisten sie im Jahre 1734 aus der Oberlausitz ab. Als sie aber nach Holland kamen, wurden sie andern Sinnes und gingen nach Pensylvanien.“
Hier in Philadelphia gründeten sie eine Gemeinde, welche noch jetzt besteht und einen eignen Geistlichen und ein Bethaus hat. Man rühmt sie wegen ihrer Arbeitsamkeit, Mäßigkeit und Rechtlichkeit.
[13] Jedoch blieben einige von den Schwenkfeldern, vorzüglich ältere Personen, welche es nicht wagten, sich den Beschwerden einer so weiten Reise auszusetzen, in Berthelsdorf zurück. Einigen von ihnen, Johann Christoph Wiedemann (der schon vorher sein Kind nicht wollte taufen lassen), Christoph Schulze und Eva Trautmann wurde den 27. März 1738 von Seiten der Herrschaft angedeutet, daß sie ihre Häuser verkaufen und den hiesigen Ort verlassen müßten. Das Haus, wo sie ihre gottesdienstlichen Zusammenkünfte hielten, hatten die Schwenkfelder schon vorher der Herrschaft geschenkt; es führt noch jetzt den Namen „das alte Gemeindehaus.“
Den 25. August 1747 starb wohl einer der letzten Schwenkfelder, der Häusler und Weber Christoph Koch. Im Kirchenbuche ist er als „le chef des separatistes ici“ aufgeführt. Bei seinem Begräbnisse fand kein Glockengeläute statt, auch war der Pfarrer nicht gegenwärtig.
Noch in neuerer Zeit erinnerten sich die Schwenkfelder in Philadelphia dankbar Berthelsdorfs; denn nach dem verheerenden Kriege 1813, wo Berthelsdorf viel gelitten, schickten sie 1816 zur Vertheilung an Nothleidende 163 Thaler hierher.
Einen Zuwachs an Bevölkerung erhielt Berthelsdorf wieder 1760, als nach dem Bombardement Dresdens viele Brüdersocietäts-Mitglieder sich hierher und nach Herrnhut wandten.
1755 wird die Einwohnerzahl noch mit Herrnhut gemeinschaftlich aufgeführt. Beide Orte hatten damals zusammen 1960 Einwohner, wovon auf Berthelsdorf 657 und Herrnhut 938 kamen. Außerdem waren noch in herrschaftlichen Häusern 345 und in geistlichen 20.
Erst von dieser Zeit an beginnen regelmäßige Volkszählungen. Nach diesen hatte Berthelsdorf:
  • 1757 767 Einwohner,
  • 1764 850 "
  • 1772 954 "
  • 1782 1086 "
  • 1785 1146 "
  • 1790 1184 "
  • 1795 1294 "
  • 1799 1351 "
  • 1821 1411 Einwohner,
  • 1823 1537 "
  • 1826 1600 "
  • 1828 1692 "
  • 1830 1740 "
  • 1837 1694 "
  • 1846 1842 "
  • 1849 1892 "
[14] Bei dieser letzten Volkszählung waren von 1892 Einwohnern 896 männliche und 996 weibliche in 466 Haushaltungen. Nur 7 waren katholisch.
Jetzt Ende 1851 kann die Zahl der Einwohner wohl 1950 betragen.

S. 16

Obwohl man nun zwar auch jetzt noch nicht in Berthelsdorf von bedeutendem Wohlstande sprechen kann, so herrscht doch keine eigentliche Armuth; so einen Nothstand, wie er z. B. in dem Jahre der Theuerung von 1846 bis 1847 auf den Weberdörfern herrschte, kennt man hier nicht. Zwei bis dreihundert Einwohner finden als Tagelöhner bleibenden Verdienst in Herrnhut, auf den herrschaftlichen Höfen und Forsten und auf den zwei Dürningerschen Bleichen. Außerdem ist auch schon den Kindern durch die 1844 errichtete Rückertsche Tabaksfabrik und die 1849 eingerichtete Spinnschule Gelegenheit geboten, sich etwas zu verdienen.
Handwerksmeister sind hier (nach der gewerblichen Standestabelle von 1849) 125, Gesellen 105 und Lehrlinge 40. Nur wenige Handwerke werden hier nicht vertreten sein. Selbstwirthschaftende Gutsbesitzer und Pächter gab es 34. – Der Betrieb der Leinweberei ist unbedeutend.

S. 17

Martha Elisabeth Spangenberg geb. Jähne wurde den 4. December 1708 allhier geboren, wo ihr Vater, Hans Jähne, Besitzer des hiesigen Großbauergutes war. Ihre Herrschaft, die Gräfin von Zinzendorf, nahm sie in ihren Dienst und als diese 1727 nach Herrnhut zog, trat sie in Verbindung mit der Brüdergemeinde. 1730 verehelichte sie sich mit Matthäus Micksch, der 1734 als Missionär in St. Croix in Westindien starb. Hierauf [18] war sie als Arbeiterin unter den Wittwen in Herrnhut, Gnadenfrei, Gnadenberg und England thätig und reiste 1753 nach Pennsylvanien, wo sie sich den 20. Mai in Bethlehem mit dem Bischofe Spangenberg verehelichte. Sie blieb mit ihm in Amerika bis 1763, wo er Mitglied der Unitätsdirection wurde. Auf allen seinen Reisen war sie seine treue Begleiterin und starb noch vor ihrem Gemahl 1789, den 26. März. Spangenberg, dieser wahrhaft große Theolog, zog noch, als die Unitätsdirection 1791 nach Berthelsdorf verlegt wurde, mit hierher, und starb hier 1792 den 18. September, nachdem er mehr als sechzig Jahre dem Dienste der evangelischen Brüderunität gewidmet hatte und dreißig Jahre Mitglied der Direction gewesen war. (Anmerkung 20: Otto’s Oberlaus. Gelehrtenlexikon, Bd. 3, pag. 111. Sie ist hier als Verfasserin zweier Lieder im Brüdergesangbuche angeführt.)
Henriette Benigna Justine Freifrau von Wattewille, wurde dem Grafen von Zinzendorf von seiner Gemahlin Erdmuthe Dorothee geb. Gräfin Reuß, den 28. December 1725 allhier geboren. Sie wurde 1746 den 20. Mai die Gattin des Freiherrn Johannes von Wattewille (er hieß eigentlich Johann Michael Langguth und war 1744 von dem Freiherrn Friedrich von Wattewille adoptirt worden) und war eine treue Gehilfin ihres Gemahls, den sie auch auf seinen vielen Reisen in Europa und Amerika mehrentheils begleitete und alle Beschwerlichkeiten mit ihm theilte. Sie starb zu Herrnhut 1789 am 11. Mai.
Immanuel Gottfried Rothe, Sohn des hiesigen Pastors Andreas Rothe, wurde den 14. April 1737 geboren, studirte in Görlitz, Leipzig und Halle, wo er auch als Lehrer am dortigen Waisenhause thätig war. Erst Rector in Sorau, wurde er 1768 als Pfarrer nach Sorneundorf bei Görlitz berufen.


Zinzendorf suchte wie seine pietistische Großmutter seine Seligkeit in dem innigsten persönlichen Umgange mit dem Heilande. Diese Lebenshaltung führte ihn mit zehn Jahren zu den Franckeschen Stiftungen.

Am 22. Mai 1719 besucht er auf seiner Kavaliersreise in Düsseldorf die Gemäldegalerie und wird mit einem Ecce-homo-Gemälde von Domenico Feti konfrontiert, welches die Bild-Unterschrift trägt: Ego pro te haec passus sum; tu vero, quid fecisti pro me? („Ich habe dies für dich gelitten; du aber, was hast du für mich getan?“). Dies wurde für ihn ein Schlüsselerlebnis für sein vertieftes Selbstverständnis als Christ.

Die Brüder-Unität ab 1727[Bearbeiten]

Die Diaspora der Brüder-Unität[Bearbeiten]

Otto Steinecke: Die Diaspora der Brüdergemeine in Deutschland. Ein Beitrag zu der Geschichte der evangelischen Kirche Deutschlands, Bernhard Mühlmann's Verlagsbuchhandlung, Erster Teil, Halle 1905, S. 3-11

I. Begriff und Name der Diaspora

Diaspora ist in der Heiligen Schrift der technische Ausdruck für die Gesamtheit der Juden, die sich außerhalb Palästinas unter den Heiden hin und her zerstreut aufhielten. In der Neuzeit versteht man darunter jede unter Andersgläubigen wohnende Minderheit.
Die Brüdergemeine bezeichnet mit Diaspora unter Anlehnung an neutestamentliche Stellen wie 1. Petri 1, 1, 1. Kor. 1, 12, jedoch unter teilweiser Umbiegung des biblischen Begriffs eine ihr eigentümliche Einrichtung. Sie sieht es nämlich als ihren Beruf an, hier und da in der evangelischen Christenheit des europäischen Festlandes zerstreute und des inneren Haltes bedürftige Seelen auf den rechten Weg zu leiten, sie in der Liebe zu Christo zu befestigen und, ohne sie von ihrer Kirche zu trennen, durch Gemeinschaftseinrichtungen unter sich und mit der Brüdergemeine näher zu verbinden. Der weite Kreis dieser innerhalb der evangelischen Kirche zerstreuten und mit der Brüdergemeine verbundenen Christen wird die Diaspora der Brüdergemeine genannt; die einzelnen Glieder heißen Diasporageschwister und die von der Brüdergemeine gestellten Pfleger Diasporaarbeiter. Demnach versteht die Brüdergemeine unter ihrem Diasporawerk „die Pflege von christlichen Gemeinschaften und Freundeskreisen, die innerhalb verschiedener Kirchen zerstreut wohnen und mit ihr in Glaube und Liebe verbunden sind". „Die Mitglieder dieser Gemeinschaften bleiben unbeschadet ihrer Verbindung mit der Brüdergemeine Mitglieder der Landeskirche, in deren Mitte sie stehen." Die Brüdergemeine [4] will durch ihre Diasporaarbeit das lebendige persönliche Herzenschristentum und die christliche Herzensgemeinschaft innerhalb der Landeskirchen wecken und pflegen. Die lebendigen Glieder der Kirche sollen dadurch gemehrt, gestärkt und gehoben werden. Ausdrücklich wird betont: „Die Brüdergemeine will durch ihre Diasporatätigkeit der gesamten christlichen Kirche einen Dienst erweisen, will sie bauen helfen, indem sie die lebendigen Glieder der Kirche sammelt, im Glauben befestigt und durch Gemeinschaftspflege in der Liebe wie in der Heiligung fördert." (Anmerkung 1: Kirchenordnong für die evangelische Bruder-Unität in Deutschland vom Jahre 1901. S. 58. 47. Erlaß der Generalsynode der Brüdergemeine vom Jahre 1899. § 110.)
Der Name Diaspora tritt in der Brüdergemeine im allgemeinen erst seit 1749 auf. Er war zwar schon früher vereinzelt in Gebrauch (Anmerkung 2: Der Bericht des Amtshauptmanns von Görlitz vom 3. April 1737 z. B. redet von „Unziemlichkeiten herrnhutisch Gesinnter in der Diaspora". Vergl. Körner, Die kursächsische Staatsregierung dem Grafen Zinzendorf und Herrnhut gegenüber. Leipzig 1878, S. 41.), wurde aber auf der Synode zu London in der Sitzung vom 22. September 1749 zum ersten Male in einer amtlichen [...] der Brüdergemeine angewendet. Anfangs mehr in lokalem Sinne verstanden erhielt der Ausdruck allmählich seine jetzige Bedeutung, nämlich Gesamtheit der außerhalb der Brüderorte wohnenden zur Landeskirche gehörigen Freunde der Brüdergemeine. Vor 1749 — und teilweise auch nachher — hieß es dafür: auswärtige Geschwister oder Brüder nach dem Fleisch; daneben auch hier und da: Stiefbrüder, Cousins, Gesellschaften aus allerlei Gegenden, die aufmerken, verbundene Häuflein, verbundene Gesellschaften, auswärtige Geschwister und Freunde.
Es ist nicht ersichtlich, warum 1749 der Name gewechselt und aus welchem Grunde gerade die Bezeichnung Diaspora gewählt wurde. Man könnte vermuten, daß die Änderung mit der veränderten kirchenpolitischen Lage der Brüdergemeine zusammenhing. Denn bis dahin gehörten Zinzendorfs Anhänger zur Landeskirche, und die außerhalb der Brüderorte wohnenden Freunde der Brüdergemeine lebten unter Christen, die Glieder derselben kirchlichen Gemeinschaft wie die Brüdergemeine waren. Seit den vierziger Jahren des achtzehnten [5] Jahrhunderts bildete jedoch die Brüdergemeine eine selbständige kirchliche Genossenschaft. Von nun ab waren die außerhalb der Brüderorte befindlichen Freunde der Brüdergemeine unter Christen zerstreut, die von ihr kirchlich geschieden waren und sich zu einer andern kirchlichen Gemeinschaft rechneten. Dieser veränderten Sachlage trug, wenngleich unausgesprochen, der veränderte Name Rechnung.
Die Neuerung fand vorerst wenig Anklang. Obwohl die Synoden dabei beharrten, wurde doch noch 1761 (Anmerkung 1: Protokoll der Diasporakonferenz vom 30. Juli 1761.) geklagt, daß das Wort Diaspora schwer verständlich sei und oft falsch ausgesprochen werde. Der richtige deutsche Ausdruck sei auswärtige Geschwister; dieser sei vorzuziehen. 1782 wurde auch ein dementsprechender Beschluß gefaßt. Trotzdem blieb die Bezeichnung Diaspora, ja sie verdrängte die andern und wurde allgemein gültig.

[5] II. Zinzendorfs Ansichten über die Diaspora

Das Diasporawerk Zinzendorfs Lebensaufgabe.

Während der Name Diaspora erst spät auftauchte, wurde die Diasporatätigkeit selbst sehr früh in Angriff genommen. Ja man kann sagen, daß das, was die Brüdergemeine unter Diasporaarbeit versteht, Zinzendorf von Anfang an als seine Lebensaufgabe, als das Ziel seiner Bestrebungen für das Reich Gottes vorgeschwebt hat.
Denn daß die Gründung und die Bildung Herrnhuts und der Brüdergemeine so, wie sich beides schließlich gestaltet hat, nicht in des Grafen Absicht gelegen hat, ist bekannt. (Anmerkung 2: Zinzendorf habe, so wird behauptet, bei der Gründung Herrnhuts das Gemeinschaftsleben nicht auf das religiöse Leben beschränkt. Er habe es vielmehr von der Religion auf alle Beziehungen des Lebens übergehen lassen, und dies beweise seine katholische Sinnesart. Allein die Einheit, die die Brüdergemeine zeitweise nicht nur in religiöser, sondern auch in wirtschaftlicher und kommunaler Beziehung bildete, war gegen Zinzendorfs Sinn und ohne seine Absicht entstanden. Als er Herrnhut eine Verfassung gab, unterschied er sehr klar und genau zwischen den zur politischen Gemeinde gehörigen Einwohnern und dem in ihrer Mitte befindlichen freien religiösen Vereine. Beide deckten sich auch im Anfang nicht völlig. „Die Verschmelzung bürgerlicher Kommunalordnung und geistlicher Gemeineinrichtung, wie solche den Ortsgemeinen eigentümlich ist, widerspricht Zinzendorfs Anschauungen. Vgl. J. Müller, Zinzendorf als Erneuerer der alten Brüderkirche. Leipzig 1900. S. 25. Wetzer und Weites Kirchenlexikon. Freiburg 1901. S. 1979. Steinecke, Zinzendorf und der Katholizismus. Halle 1902.) Er [6] beteuert, daß er bei der ganzen Entwicklung Herrnhuts der „leidende Teil" gewesen sei (Anmerkung 1: Synodalkonferenz London 1751.) Die Opposition der Feinde und Gegner habe die Brüdergemeine zu einer selbständigen Religionsgesellschaft gemacht, nicht aber der Freunde, und am wenigsten seine eigene Arbeit, Fleiß und Bemühung. „Denn die ist allezeit dagegen gewesen." (Anmerkung 2: Jüngerhausdiarium vom 15. Juli 1751.) „Ich bin nicht dazu berufen, eine Religion zu stiften", führt er aus, „aber ich sehe, daß eine wird, und es muß eine sein." (Anmerkung 3: Synode Bethel 1756.) Ja als er einmal bemerkt, daß in der Brüdergemeine wenig Kenntnis der mährischen Kirche vorhanden sei, wird ihm von den Seinen vorgehalten, dies käme daher, weil er selbst ein Feind der mährischen Sekte sei. (Anmerkung 4: Synode Marienborn 1745.)

Sein Herz ist auf Gemeinschaft gerichtet.

Für die Äußere Mission, worin er so vieles und so großes geleistet hat, begeisterte er sich allerdings schon als Knabe und als Jüngling. Doch sandte er erst seit 1732 Heidenboten aus.
Hingegen Seelen innerhalb der Christenheit zu wecken, zu sammeln und durch Gemeinschaftspflege zu stärken, war von Kind auf sein Trachten. Dem entsprangen seine Ordensstiftungen als Knabe. Dem dienten seine religiösen Freundschaften als Jüngling. Das erstrebte er durch seine erbaulichen Versammlungen als Justizrat. Das bezweckte der Bund der vier Brüder, den er mit Rothe, Schäfer und Wattewille schloß. Darin war er der geistige Sohn Speners. Damit trat er in die Fußtapfen seiner Verwandten in Ebersdorf und Laubach. (Anmerkung 5: J.Müller a.a.O. S. llff.) Sein eigentliches Ideal war das der „Christus Verkündigung an das Volk", und „sein Plan, religiöse Gemeinschaften ins Leben zu [7] rufen, nahm in seinem innern und äußern Leben eine hervor-

ragende Rolle ein. (Anmerkung 1: B. Becker, Zinzendorf und sein Christentum im Verhältnis zum kirchlichen und religiösen Leben seiner Zeit. Leipzig 1900. S. 487, 150.)

Daher ist sein „Herz auf Gemeinschaft gerichtet". (Anmerkung 2: Schreiben an die Brüder in Berlin vom 10. August 1738.) Sein „Sinn ist, an allen Orten Gemeinen Christi zu machen". (Anmerkung 3: Synode Ebersdorf 9. Juni 1739.) „Er will die Konnexion mit allen Kindern Gottes in allen Religionen nach Joh. 17 durchsetzen, es koste, was es wolle." (Anmerkung 4: Schreiben vom 15. Dezember 1749.) „Ich habe", sagt er 1745, (Anmerkung 5: Konferenz Marienborn 1745.) „den irenischen Gedanken, daß alle Kinder Gottes in allen Verfassungen eins sind und eins treiben. Seit dreißig Jahren ist es mein Augenmerk gewesen, daß alle im Herrn miteinander eins werden möchten." Bekannt ist sein Ausspruch: „Ich konstatiere kein Christentum ohne Gemeinschaft."
Als Zweck hat er dabei im Auge, „aller Welt Christum zu verkündigen, wo er noch nicht bekannt ist", (Anmerkung 6: Konferenz Berlin 1738.) oder genauer, die Theologie vom Versöhnungsopfer Christi, von der durch sein Blut erworbenen Erlaubnis, heilig zu leben, und von der Gnade der Jüngerschaft Jesu zu insinuieren." (Anmerkung 7: Synode Gotha 1740. Religion gebraucht Zinzendorf im Sinne von Konfession, Sonderkirche.) „Das Verdienst und das Blut Christi sei unter alle Religionen zu bringen."
Um so allenthalben Seelen zu wecken, zu sammeln und zu pflegen oder, wie wir im modernen Sinne sagen würden, Evangelisation und Gemeinschaftspflege zu treiben, war Zinzendorf unablässig persönlich bemüht. Mit Wort und Schrift war er unaufhörlich tätig und dehnte seine Arbeit nach allen Himmelsrichtungen hin aus. Daraus entwickelte sich die Diaspora der Brüdergemeine, deren allererste Anfänge sich an seine Person und seine Bekanntschaften anknüpften ; auch wo sich später der Brüdergemeine ein Arbeitsgebiet eröffnete, lassen sich häufig

die ersten Berührungen auf den Grafen zurückführen.

Diese Diasporaarbeit entsprach Zinzensdorfs Sinn. Gegen [8] die Geimeindeorte war er anfänglich etwas eingenommen (Anmerkung 1: Spangenberg, Leben des Grafen Zinzendorf. S. 1558.) und sträubte sich gegen die Einrichtung neuer Gemeinden, die er unmutig „Aftergemeinen" nannte. (Anmerkung 2: Synode Gotha 1740.) Anders aber mit Bezug auf die Diaspora. Da möchte er überall Seelen geweckt und gesammelt sehen. „Ich wünsche", sagt er, „daß sich der Heiland in allen Städten und Dörfern Priester erwecke, d. i. Menschen, die seinem Willen dienen, an ihn glauben und sich ihm einleiben, ihn kennen lernen, . . . sein zu sein, Menschen nach seinem Herzen, eine Fackel oder ein Wachslichtchen, wenn's nur ein Licht ist, das da brennet." „Solch ein Häuflein, wo es hier und da ist in der Welt, ist einem süß, lieblich und venerabel. Er ist ja auch für die verstreuten Kinder Gottes gestorben, daß er sie leiblich und geistlich zusammenbringe, in einem Leibe oder in einer Seele, zur Herzensreligion und zu einem Salz der Erde. Da läßt sich gar keine Entschuldigung anführen, warum es hier oder da nicht so sein könnte." (Anmerkung 3: Einige Reden auf den Reisen. Rede vom 23. November 1757. Barby 1768. S. 32.)
Diese erweckten Seelen sollen untereinander eins sein. „Die Rede ist nicht von Formen und Zeremonien, von Annehmung gewisser Gewohnheiten und von dem Durcheinanderkonfindieren dessen, was man nennt ländlich sittlich, sondern die Rede ist von Herzen, worinnen alle Kinder Gottes ähnlich sein müssen. Darum ist mir so sehr viel daran gelegen, daß sich der Heiland überall immer mehr treue Menschen zuziehen mag." (Anmerkung 4: Reisereden. A. a. 0. S. 33.)
Das Recht zu solchem Zusammenschließen zu gegenseitiger Erbauung weist er aus der Bibel, den Schriften Luthers und den Schmalkaldischen Artikeln nach. (Anmerkung 5: Aufsatz von den christlichen Gesprächen. Züllichau 1735. S. llff.) „Warum halten die Stillen im Lande nicht besser zusammen?" fragt er und gelangt zu dem Schluß: „Es ist billig und recht, daß die aus einem Samen geboren sind, sich fest zusammenschließen als Glieder eines Leibes, und dieses nicht nur in zeitlicher Notdurft und wirklichen Liebesbezeugungen, sondern insonderheit durch das Band des vereinigten Gebets." (Anmerkung 6: Theologische Bedenken. Büdingen 1742. S. 17.)

Seine Stellung zur Kirche.

[9] Um diese Grundsätze und Bestrebungen Zinzendorfs recht zu würdigen, müssen wir uns seine Stellung zur evangelischen Kirche vergegenwärtigen.
Der Stifter der Brüdergemeine war im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen sehr ökumenisch gesinnt. Wir können diese Sinnesart schon bei seinem Verkehr mit den Jansenisten beobachten. (Anmerkung 1: Vgl. Steinecke, Zinzendorfs Bildungsreise. Halle 1900. S. 77 ff.) Seine spätere Beschäftigung mit der Geschichte der böhmischen Brüder hat ihn darin wahrscheinlich noch bekräftigt; gerade ihr Universalismus gefiel ihm.
Jede Religion, behauptet er, habe „etwas Gutes", und da müsse der Heiland Gnade geben, nur das Gute an ihnen zu sehen. (Anmerkung 2: Generalsynode Bethel 1756.) Zwar von der katholischen Kirche fühlte er sich grundsätzlich geschieden. Die katholische Religion habe „von oben her etwas Satanisches", (Anmerkung 3: Synode Hirschberg 1743.) ein Urteil, das um so mehr in die Wagschale fällt, als der Graf konfessionell weitherzig mit vielen Katholiken, weil „sie in die Wunden Jesu verliebt waren", Freundschaft geschlossen hatte. (Anmerkung 4: Vgl. Steinecke, Zinzendorf und der Katholizismus. Halle 1902. S. 6ff.)
Die lutherische und die reformierte Religion hingegen seien „Meisterstücke des Heilands und beide notwendig". (Anmerkung 5: Ausspruch vom 15. Juni 1750.) Er verglich — in etwa an Lessings bekannte Fabel von den drei Ringen erinnernd — die lutherische, die reformierte und die mährische Konfession mit drei weißen Bogen; jeder Bogen trage einen besonderen Stempel, sei aber unbeschrieben, und

es komme darauf an, was der Besitzer des Bogens, der einzelne Christ, durch seinen Lebenswandel darauf schreibe. (Anmerkung 6: Konferenz Marienbom 1745.)

Man soll sich nicht von der Kirche trennen.

Während selbst eine Lichtgestalt wie Tersteegen der Kirche im allgemeinen kühl gegenüberstand, nahm Zinzendorf zu ihr eine freundliche Haltung ein und sah in ihr im Gegensatz zu den Sektierern (Anmerkung 7: Daß Zinzendorf die herkömmliche Terminologie ändert und statt von Kirchen von Sekten redet, ist kein Beweis für sein sektiererisches Verhalten.) eine göttliche Einrichtung, die man als solche achten und ehren müsse. „Gott hat gewisse Ordnungen festgestellt. Daher muß man sich in die evangelischen Kirchenanstalten fügen, obwohl sie manchmal nicht passen. Man darf [10] sich nicht trennen, keine Sektiererei treiben und soll seine Ordnung nicht andern aufdringen." (Anmerkung 1: Diarium von Herrnhut vom 20. Oktober 1734.)

„Einer jeden ordentlichen Einrichtung gebührt Ehre und Respekt, weil alle menschliche eingerichtete Verfassung von Gott eingerichtet oder geduldet ist. So sind Gottes Kinder nicht allein nicht dazu gesetzt, eingerichtete Verfassungen zu bestürmen oder gar auf eine heimliche und schleichende Weise zu verderben, sondern sie haben in ihrem Gemüt eine Art von Ehrerbietung vor allem, was sich ordentlich eingerichtet hat." (Anmerkung 2: Konferenz Lindsey 1753.)
Es liegt auch gar kein Grund vor, sich von der Kirche zu trennen. Denn „in den Religionen als Religion ist nichts zu finden, was offenbar gegen die Heilige Schrift ist, außer in der katholischen. In den anderen Religionen kann jemand ein Kind Gottes sein und ihm kein Zweifel an der Seligkeit einfallen, wenn ihn nicht ein anderer oder ein Buch daran konfus macht." (Anmerkung 3: Synode Marienborn 3. Dezember 1740. Religion = Konfession.) Und wenn wirklich hier oder da Schäden vorliegen, so ist dies immer noch keine Ursache, sich von der Kirche abzuwenden. „Wie wollte ich es unserer lieben Kirche gönnen", versichert er, „daß die an ihr hangenden Schlacken vollends abgebrannt würden. Wenn sich aber das Gold davon abgehet, was wird dann übrig bleiben? Darum laßt uns die Versammlungen nicht verlassen, ob wir noch so wichtige Gründe zu haben meinen, auf daß wir sie nicht ärgern." (Anmerkung 4: Schreiben vom 27. Februar 1722.) Er beruft sich dafür auf das Beispiel des Herrn. „Jesus war ein Subalterner in der jüdischen Kirche. Er wußte, daß seine Religion verderbt war, und blieb doch darin, wollte nicht einmal haben, daß man sie verachtete." (Anmerkung 5: Synode Gotha 1740.)
Da Zinzendorf in dieser Weise grundsätzlich zugunsten der Kirche Stellung nahm, wollte er auch durch seine auf Weckung und Pflege der Gläubigen abzielende Tätigkeit die evangelische Kirche nicht beeinträchtigt wissen. Die Brüdergemeine sollte vielmehr ihre Dienerin sein, gleichsam ein freier Verein, der inmitten der Kirche zu ihrem Besten arbeite. Die in der Christenheit innerlich erfaßt und gesammelt würden, sollten [11] nicht an ihrer Kirche irre gemacht werden. Als er den Brüdern in Berlin schreibt, daß sein Herz auf Gemeinschaft gerichtet sei, fügt er sofort hinzu: „Aber in heiliger Ordnung. Unter den Lutherischen eine mährische Brüdergemeine aufzurichten, die Seelen von ihren Verfassungen, Lehren abzuziehen, dies ist nie mein Sinn und Erkenntnis gewesen." (Anmerkung 1: Brief vom 10. August 1738. Theologische Bedenken. S. 158.) Er wirft die Frage auf: „Soll man die aufgeweckten Seelen — also auch die, die durch seine und seiner Gehilfen Tätigkeit in der Diaspora erweckt werden — an ihrer Religion stutzig machen?" Seine Mitarbeiter, namentlich Dober, sind nicht abgeneigt, die Frage zu bejahen. Er aber erklärt entschieden: „Nein. Ich hätte gerne, daß jede Seele in ihrer Religion bliebe und die Gaben des Geistes nach Maß ihrer Religion empfinge. Dies ist der Brüder Sinn, daß" sie niemand an seiner Religion stutzig machen." (Synode Ebersdorf 9. Juli 1739.) Wie er es im allgemeinen „nicht für gut hält, daß Leute aus ihrer Religion heraus zu einer anderen gezogen werden", (Anmerkung 3: Synode Hirschberg 1743.) so sieht er es im besonderen „für einen erstaunlichen Verlust für den Heiland und für die Religionen an, wenn die Brüdergemeine viele hübsche Leute aus der Religion zöge", so daß es ihm gewiß mit seiner Beteuerung ernst ist, er wolle „sich nicht dazu hergeben, daß Leute aus Zwietracht mit ihrer Religion zur Brüdergemeine kämen." (Anmerkung 4: Synode Marienborn 1745.)
Es liegt in dem Wesen der christlichen Religion begründet, daß jede kirchliche Gemeinschaft danach trachtet, sich auf Kosten anderer von ihr für irrig gehaltener kirchlicher und religiöser Gesellschaften auszubreiten. Zinzendorf verzichtete den Landeskirchen gegenüber auf jede aggressive Tätigkeit. Ebensowenig begnügte er sich damit, zu ihnen eine kühle, gleichgültige Stellung einzunehmen, sondern er setzte sich die Aufgabe, in ihrer Mitte zu ihren Gunsten zu arbeiten. Waren auch seine Freunde zunächst geneigt, mehr nach Art der Sektierer gegen die Landeskirchen feindlich aufzutreten, so gelang es ihm doch stets, sie zu sich herüberzuziehen. So wurde

denn als Grundsatz anerkannt: „Wir wollen mit aller Treue in den Tropis arbeiten, daß die Seelen darinnen bleiben und selig [12] werden."[60] „In der Gehilfenschaft in den Religionen gebe uns der Heiland ein gehorsames Dienerherz gegen den geringsten Pfarrer, der uns braucht, gegen den geringsten Schulmeister, dem wir arbeiten helfen."[61]

Weit entfernt, die in der Diaspora durch die Boten der Brüdergemeine Erweckten ohne Bedenken in die Gemeinde einzureihen oder ihnen den Eintritt auch nur nahe zu legen, wurde im Gegenteil beschlossen, „keine Leute aus der Diaspora in die Brüdergemeine aufzunehmen, solange sie in der Diaspora wohnten".[62] Statt dessen wurde erwartet und ausdrücklich der Wunsch ausgesprochen, daß die Erweckten trotz ihrer freundlichen Beziehungen zur Brüdergemeine in ihrer Landeskirche blieben. „Die Konservation der erweckten Seelen an ihren Orten soll menagiert werden", beschließt die Synode von Marienborn,[63] und bei einer andern Gelegenheit wird betont: „Der Heiland hat uns dazu gesetzt, treue Religionsleute zu sein. Wir sind nicht dazu gesetzt, daß wir die Lutheraner aufheben machen."[64] Der Graf weist darauf hin, daß man in der Landeskirche den gleichen göttlichen Segen wie in der Brüdergemeine haben könne. „Am Abendmahl in Gotha kann man ebensowohl die Kräfte der zukünftigen Welt fühlen als in Marienborn, und beim Handauflegen des Generalsuperintendenten kann man eben den Segen haben, als wenn ich selbst es tue."[65] Immer wieder ermahnt er die Diasporageschwister, daß sie auch nach ihrer Erweckung durch die Brüdergemeine in ihrer Landeskirche verharren möchten. „Achtet euern Beruf nicht gering", redet er die nach Hermhut gepilgerten Diasporageschwister an. Seht's vor eure Sphäram an. Seid in der Gemeine, als wenn ihr in einem Kabinett oder Lusthaus auf dem Schoß der Mutter säßet. Aber wenn ihr das Auge auf das Ganze richtet, auf des Heilands seine Erde und Menschen, so denket, ich will meine Religion nicht vergessen und dessen wozu sie meiner Seele [13]


Das Diasporawerk Zinzendorfs Lebensaufgabe. — Sein Herz ist auf Gemeinschaft gerichtet. — Seine Stellung zur Kirche. — Man soll sich nicht von der Kirche trennen. — Auch die Diasporageschwister sollen in ihrer Kirche bleiben und dort Licht und Salz sein. — Daher kein Proselytenfang, sondern die Diasporaarbeit ist innerkirchlich und zum Besten der Kirche. — Zinzendorfs Tropenlehre. — Fremder und eigener Grund. — Die Pfarrer

[26] Die Anschauungen der Brüdergemeine über die Diaspora

Die Brüdergemeine nach Zinzendorf eine Dienerin der andern Kirchen. — Die Mähren treten in Zinzendorfs Fußtapfen. — Universalismus der alten Brüderkirche. — Die Brüdergemeine zur Diasporaarbeit berufen. — Direktorialschreiben vom 27. November 1767. — Die Religionen nicht Babel. — Die Diasporageschwister sollen sich nicht von der Kirche trennen, sondern in ihr ein Salz sein. — Die Geistlichen. — Die verbundenen Häuflein. — Persönliches Verhältnis zu Christo. — Kein Proselytenfang. — Die Tropenlehre.

[43] IV. Die Diasporaarbeiter

Jedes Gemeindeglied soll in der Diaspora wirken. — Besondere Diasporaarbeiter. — Zinzendorfs Winke für ihre Arbeit. — Die von der Brüdeigemeine gegebenen Anweisungen. — Der Diasporaarbeiter soll Seelsorge üben und kirchlich sein. — Die äußere Stellung der Diasporaarbeiter.

[51] V. Die Diasporageschwister

Einzelnstehende Diasporageschwister. — Verbundene Häuflein. — Sozietäten. — Diasporabezirk. — Diasporahelfer. — Einrichtung der Gemeinschaften. — Verlauf der Zusammenkünfte. — Die Diaspora soll den Geist, aber nicht die Formen der Brüdergemeine haben. — Der äußere Wandel und das innere Leben der Diasporageschwister. — Ihre Einheit untereinander und mit Herrnhut.

[66] VI. Die Ausdehnung der Diaspora

Erste Periode. — Die Diaspora nicht gemacht, sondern geworden. — Vier Arten von Anfängen. — Die ersten Aussendungen. — Erfolge. — Zinzendorfs Verbannung. — Das

-Konventikelmandat. — Zweite Periode. — Zinzendorfs Rückkehr. — Das Versicherungsdekret. — Blütezeit. — Übersicht über die Diasporabezirke. — Dritte Periode. — Stillstand. — Aufschwung. — Schwierigkeiten. — Die Kabinettsorder vom 9. März 1834. — Ergebnisse.

[82] VII. Die Segnungen der Diaspora

Die Vorteile der Brüdergemeine. — Darf die Brüdergemeine in der Landeskirche eine Diaspora haben? — Die Brüdergemeine hat nicht im Trüben gefischt. — Grober und feiner Separatismus. — Umfrage vom 25. September 1822. — Die Diasporageschwister die Stützen der Kirche. — Einfluß der einzelnen Diasporageschwister und der verbundenen Häuflein. — Charisma der Seelsorge und der Gemeinschaftspflege. — Die Zeit des Rationalismus. — Äußere Mission. — Innere Mission. — Der moderne Pietismus trägt die Farbe der Brüdergemeine. — Die Brüdergemeine hat Großes geleistet.

Die Diaspora Dresden zur Zeit Zinzendorfs: 1727 bis 1760[Bearbeiten]

1739 versammelten sich die Geschwister in der Wohnung des Geheimen Kriegsrathes und Kirchenlieddichters Wolf Caspar Abraham von Gersdorff (1704 bis 1784)[66], einem weitläufigen Verwandten des Grafen von Zinzendorff aus der Familie seines Großvaters. Wolf Caspar Abraham von Gersdorff war 1738 noch nicht in Dresden verzeichnet[67] und wohnte 1740 in der Neustadt beym Herrn Geheim=Caemerer Rudolphen[68]. Das Haus von J.(ohann) Sim.(on) Rudolph [69] wird am Jaegerhof vermutet[70]. Er war 1738 ebenfalls noch nicht in Dresden verzeichnet.[71] Es war die Zeit der Bedrängnis seitens der Obrigkeit, und dennoch wuchs die Zahl der Teilnehmer an den Betstunden binnen Jahresfrist von sechs Frauen und drei Männern auf bis zu 48 Personen.

Wolf Caspar Abraham von Gersdorff[72] hatte zu diesem Zeitpunkt bereits drei Kinder: Eleonore Katharina Sophie von Gersdorff (1732-1787), Friederike Albertine von Gersdorff (1736-1806) und Adolf Friedrich Abraham von Gersdorff (1739-1810)[73]

Der Nachlaß von Wolf Caspar Abraham von Gersdorf befindet sich im Archiv der Evangelischen Brüder-Unität in Herrnhut[74], so auch ein Brief an ihn und Sophie von Gersdorff aus dem Jahre 1764[75]. Eine Akte über seine Vermögensverhältnisse von 1738 bis 1754 verwahrt das Sächsische Staatsarchiv[76].

Nachdem der Adlige von Gersdorf Dresden Ende 1740 oder Anfang 1741 verlassen hatte, fand die Gemeinschaft bei dem Schneidermeister Johann Georg Kühne zusammen, der sich daraufhin auch zu ihrem Führer und geistigen Fürsprecher entwickelte. Die Sonntagsandachten wurden ganz bewußt erst am Nachmittag vier Uhr durchgeführt - lange nach beendetem Gottesdienste. Hierbei wurde auch die in der Kirche gehörten Predigt wiederholt und das Sonntagsevangelium durch Parallelstellen aus der Bibel tiefer gehend erläutert. Zinzendorfs Lieder sang man nicht nur am Sonntag, sondern auch bei weiteren Zusammenkünften Montags und Dienstags in der Dämmerung. Trotz aller Vorsicht und einem Bekenntnis zur lutherischen Kirche bekam Kühne als Nichtadliger und auch durch kein hohes Hofamt geschützt Probleme mit der Städtischen Komission, vor der er sich am 14. Mai 1741 verteidigen mußte. Am 28. August 1744 erging der letztinstanzliche Bescheid, dass er zu seinen Hausandachten familienfremde Personen nicht zulassen und die Heilige Schrift nicht nach eigenem Gutdünken auslegen dürfe.

Die Geschwister versammelten sich daraufhin in aller Stille bei ihrem Mitbruder Weiß und kurz darauf bei einem anderen Schneidermeister[77]. Erst die erlaubte Rückkehr Zinzendorfs nach Sachsen im Jahre 1747 beendete die Nachstellungen seitens der kirchlichen und staatlichen Behörden, worauf sich die Versammlung wieder so sehr vergrößert, dass sogar eine Sozietät in Dresden gebildet werden konnte.

Zinzendorf starb am 9. Mai 1760 in Herrnhut. Er mußte das Bombardement von Dresden und die Flucht vieler Geschwister von diesem Ort des Anfanges seiner Versammlungen nicht mehr miterleben.

Die böhmische Gemeinde 1721 bis 1760[Bearbeiten]

1721 kam Zinzendorf nach Dresden.

1722 wurde unter Anleitung des Land- und Grenzkommissars Adam Friedrich Zürner vor dem Pirnaischen Tor am Beginn der Dresden-Teplitzer Poststraße eine wappengeschmückte kursächsische Postmeilensäule aus Postelwitzer Sandstein aufgestellt (nicht mehr existent)

zu 1723 und 1724 finden sich im Ratsarchiv noch Akten über "Die denen Irrthümern deren sogenannten Separatisten und Böhmisten zugetanen Personen"[78]

  • von Halle aus gelangten ab 1709 über die schlesische Gnadenkirche Teschen pietistische Einflüsse auch nach Böhmen
  • die streng lutherisch-orthodoxen Gottesdienste entsprachen natürlich nicht den Vorstellungen pietistisch eingestellter Exulanten - sie mieden daher diese Gottesdienste und hielten Konventikel ab

1726 bis 1743 (in der Zeit des Baus der Bährschen Frauenkirche) wurden die hier seit 1720 in der Frauenkirche stattfindenden Predigerkollegs in die Johanniskirche verlegt

1732 wurde eine "Acta judicialia" angelegt: Die von denen Vorstehern bei der Böhmischen Gemeinde allhier wider einige Exulanten wegen eingeführter Liberdaischer Irrtümern und gehaltener Conventiculorum getane Anzeige und darauf geschehne Untersuchung betr."[79]

Migration und kirchliche Praxis

Georg Petermann 1747-1792 Pfarrer - Pfarrhaus im Siebenjährigen Krieg abgebrannt, erst 1770 wieder errichtet

bei der Besetzung Dresdens durch preußische Truppen im Jahre 1760 wurde auch das Pirnaische Tor beschädigt und unter anderem das 1593 vom Barockbildhauer Andreas Walther III geschaffene lebensgroße Reiterstandbild des sächsischen Kurfürsten Christian I. zerstört

Der Einbruch der Moderne[Bearbeiten]

Die Aufklärung[Bearbeiten]

Der aufgeklärte Absolutismus in Sachsen ab 1763[Bearbeiten]

Der theologische Rationalismus[Bearbeiten]

Als eine direkte Folge der Aufklärung bekam der Rationalismus in der Theologie von dort einen so bedeutenden Schub, dass er sich rasch verbreitete und schließlich dominierte. Vor allem in Sachsen besetzten innerhalb kürzester Zeit Rationalisten die Mehrheit der landeskirchlichen Ämter. Hierdurch wurde das Land bereits im 18. Jahrhundert eine Hochburg der rationalistischen Theologie[80]. Von amtlicher Seite wurde ein Aufgeklärtes Christentum vertreten und nach Möglichkeit auch durchgesetzt, so mit einem aufgeklärten Dresdner Gesangbuch von 1797[81] und neuen Agenden ab 1812, in denen die traditionelle lutherische Kirchenordnung durch eine aufgeklärte Form ersetzt wurde. Ab 1813 war das Amt des Dresdner Oberhofpredigers für das Königreich Sachsen mit einem führenden Vertreter[82] der seinerzeit im Lande herrschenden Neologie besetzt, einer extremen Richtung des theologischen Rationalismus. Durch diese Entwicklung erhielt die Vernunft die Oberhoheit über die Bibel und die kirchlichen Traditionen.

Diese Entwicklung schlug auch auf den Schulbetrieb voll durch, der seinerzeit noch überwiegend in der Verantwortung der Kirche lag. Zunächst wurde den Schulbibeln aufklärende Erklärungen mit ethischem Schwerpunkt beigefügt. Von 1797 bis 1807 wirkte Gustav Friedrich Dinter, der führende Vertreter der rationalen Katechetik, mit seiner durch Johann Bernhard Basedow[83] inspirierten sokratischen Methode[84] am Friedrichstädter Lehrerseminar in Dresden. Als nächster Schritt wurde Dinters aufklärende Schullehrerbibel (9 Bände 1826–1830) als Standardwerk für die Volksschullehrerausbildung und auch -weiterbildung verbindlich eingeführt, wobei ein vernünftiger und (natur)wissenschaftlicher Ansatz dominierte. Diese Vorgabe war insofern bedeutend, da in den damaligen Volksschulen neben dem Lesen, Schreiben und Rechnen nur noch Religion und Singen gelehrt wurde, und selbst Lesen und Schreiben oft anhand biblischer oder religiöser Texte. Darüber hinaus verbreitete sich die rationalistische Theologie auch durch das Absingen entsprechender Lieder, nicht nur in der Schule, sondern auch in der Kirche. Die Abschlussprüfungen am Friedrichstädter Lehrerseminar[85] wurden u.a. vom Oberhofprediger von Dresden, Dr. Christoph von Ammon gehalten, dem führenden Vertreter der Neologie in Sachsen.

Die Aufklärungstheologie[Bearbeiten]

Der führende Vertreter der Aufklärungstheologie war der Sachse Christian Fürchtegott Gellert[86]. Der 1715 in Hainichen geborene ehemalige Schüler der Fürstenschule St. Afra in Meißen studierte in Leipzig und hielt dort ab 1745 Vorlesungen über Poesie, Beredsamkeit und Moral. Hierdurch wurde Sachsen zu einem Zentrum dieser seinerzeit neuen Theologieströmung. Ab 1759 erhielt Gellert eine (damals anonyme) Zusatzpension von einem seiner Lieblingsschüler, dem Astronomen Hans Moritz von Brühl (1736 bis 1809[87]), einem Neffen des sächsischen Premierministers Heinrich von Brühl[88] und ein Freund der Aufklärung. Gellert war neben Christian Felix Weiße[89] der meistgelesene Schriftsteller seiner Zeit und trug auch durch seine Kirchenlieder im Sinne der Aufklärungstheologie sehr zur Verbreitung seiner Ansicht bei.[90] Goethe, der während seines Leipziger Studiums von 1765–1768 Gellerts Vorlesungen besucht hatte, bezeichnete dessen Morallehre als „Fundament der deutschen sittlichen Kultur“.

Der rationalistische Supranaturalismus[Bearbeiten]

Die Industrialisierung[Bearbeiten]

Die allgemeine Industrialisierung zeichnete sich in Sachsen im Vergleich zu anderen deutschen Gebieten des Deutschen Bundes durch ein besonders hohes Tempo aus. Durch diese wirtschaftliche Dynamik wurden auch besonders hohe Finanzmittel zur freien Verfügung des erstarkenden Bürgertums aber auch des sich beteiligenen Adels erarbeitet. Auf dieser Grundlage konnte ein freies Engagement unabhängig von staatlicher und kirchlicher Bevormundung finanziert werden, so auch in der Missionsarbeit.

Da die Bevölkerung in den industriellen Ballungsräumen sprunghaft anstieg, erreichte Sachsen mit einem außergewöhnlichen jährlichen Bevölkerungswachstum von 1,38 Prozent sehr bald die höchste Bevölkerungsdichte unter den deutschen Flächenstaaten und in ganz Europa.[91]

Die französische Revolution und deren Folgen[Bearbeiten]

Die orthodoxe Reaktion auf die Moderne[Bearbeiten]

Die Erweckungsbewegung[Bearbeiten]

Infolge des neuen Selbstbewusstsein des erstarkenden Bürgertums entfaltete dieses ein von der Kirche völlig emanzipiertes Engagement.

Der Spätpietismus[Bearbeiten]

Die Deutsche Christenthumsgesellschaft (gegründet 1780)[Bearbeiten]

Die Erweckungstheologie[Bearbeiten]

w:de:Weltweite Evangelische Allianz

Pectoraltheologie[Bearbeiten]

  • Theologie der „frommen Herzen“ nach August Neander: „Pectus est quod facit theologum“ (Das Herz macht den Theologen)

Das Neuluthertum[Bearbeiten]

Die böhmische Gemeinde 1760 bis 1810[Bearbeiten]

Georg Petermann 1747-1792 Pfarrer - Pfarrhaus im Siebenjährigen Krieg abgebrannt, erst 1770 wieder errichtet

bei der Besetzung Dresdens durch preußische Truppen im Jahre 1760 wurde auch das Pirnaische Tor beschädigt und unter anderem das 1593 vom Barockbildhauer Andreas Walther III geschaffene lebensgroße Reiterstandbild des sächsischen Kurfürsten Christian I. zerstört

Die neue böhmische Kirche 1795[Bearbeiten]

Im Jahr 1835 wurden die vier östlich der Altstadt gelegenen Vorortgemeinden Fischer-Gemeinde, Rampische, Pirnische sowie Borngasser Gemeinde – jeweils benannt nach der durch sie hindurchführenden Straße – zur Pirnaischen Vorstadt zusammengefasst. Seit 1877 bildet der östliche Teil der Pirnaischen Vorstadt den eigenständigen Stadtteil Johannstadt.

1820 wurden hier im Zuge der Entfestigung die Stadtmauern geschleift und 1820/21 das Pirnaische Tor abgerissen (abgetragen), so dass nordwestlich von Johanniskirche und Friedhof der Pirnaische Platz entstand (von Gottlob Friedrich Thormeyer geplant und angelegt)

das Kirchgelände war zu dieser Zeit von Johannis-Gasse, Kleiner Borngasse, Langer Gasse und Pirnaischer Gasse umschlossen, südlich befand sich die Bürgerwiese.


1986 wurde die Stelle des Exulantenpfarrers nicht mehr besetzt, zum 31. Dezember 1999 hob das Evangelisch-Lutherische Landeskirchenamt Sachsen die "Gemeinde böhmischer Exulanten in Dresden" auf

  • Kirchenvorstand der Ev. Luth. Johanneskirchgemeinde Dresden-Johannstadt-Striesen (Hrsg.): Um Gottes Wort vertrieben. 350 Jahre Evangelisch-Lutherische Gemeinde böhmischer Exulanten in Dresden. Dresden 2000

Erlöserkirche

w:Erlöserkirche (Dresden)

w:Benutzer:Methodios/Lingner Altstadtgarten (Vorgeschichte)

Adressbuch 1846:

  • August Marks, Cantor der böhmischen Gemeinde, Pirnasche Vorstadt, Pirnasche Gasse 6, 1 Treppe HH
  • Carl August Marks, Cantor der Johanniskirche, Pirnasche Vorstadt, Pirnasche Gasse 6, 4 Treppen

Der Dresdner Pfarrer Martin Stephan in Konflikt mit Stadt und Kirche (1810–1838) Institut für Geschichte - Praxisseminar: „Geschichte aus dem Archiv – Geschichte im Archiv“ (WS 2014-15, Leitung: Dr. Alexander Kästner) - Autor: Chris Kühndel


Die Diaspora der Brüder-Unität nach dem Tode Zinzendorfs 1760[Bearbeiten]

Fünfzig Jahre der Missionsthätigkeit im Königreiche Sachsen, Dresden 1869,

Nach dem Bombardement Dresdens 1760 zogen die meisten Glieder der Gemeinde nach Herrnhut, Berthelsdorf und anderen Orten und allmählich erst fand sich die Brüdergemeinde wieder zusammen. In ihr sammelten sich die stillen, redlichen Seelen. Mancherlei innere, wie äußere Kämpfe waren zu bestehen, zur Rechten und Linken hatten sie Gegner. Für die einen waren sie die Frommen, die Pietisten; die Andern streng Confessionellen hatten ihre Bedenken gegen manche Abweichungen von der Kirchenlehre und äußerten dies zuweilen in allzu schroffer, liebloser Weise. So hatte sich besonders in dem Jahre 1818 P. Stephan von der böhmischen Gemeinde sehr hart gegen sie ausgesprochen, während der Diaconus Leonhardi an der Kreuzkirche in freundlichem Verkehr mit ihnen stand. An der Spitze der Herrnhuter Diaspora standen ums Jahr 1819 der Lederhändler Götze und der Weinhändler Löschcke. Götze hielt die öffentlichen Betstunden am Sonntag; Mittwoch und Freitag hatten nur Mitglieder Zutritt. In den Sonntagsversammlungen, an welchen viele Leute Theil nahmen, hielten zuweilen durchreisende [7] Missionare der Brüdergemeinde Vorträge, auch las man Missionsberichte und pflegte so das Missionsinteresse.

Vgl. https://archive.org/stream/diediasporaderb00steigoog/diediasporaderb00steigoog_djvu.txt

Infolge des Bombardements von Dresden 1760 zerstreute sich die Sozietät, viele siedelten sich am Hutberg, in Berthelsdorf oder anderen herrnhutischen Orten an. So stieg die Einwohnerzahl von Berthelsdorf von 1757 bis 1764 um 83 Personen, darunter viele Flüchtlinge aus Dresden. Die Bleibenden brauchten eine Zeit der Neusammlung, schlossen sich dann aber um so enger zusammen, trafen sich fast allabendlich, lasen in der Bibel und in den Nachrichten aus der Brüdergemeine.

Zu den Brüdern zählten der angesehene Weinhändler Peyer und sein Geschäftsführer Friedrich Muster. Der Schuhmachermeister Götz stellte das Versammlungszimmer zur Verfügung. Die Zahl der Mitglieder stieg von 18 (1776) auf 76 (1795), welche meist aus einfachen bürgerlichen Verhältnissen stammten. Zu den Versammlungen kamen aber auch der Kammerrat Wagner, der Hofrat Demiani und die Baronin von Fletcher. Selbst der hohe Adel nahm an der Brüdergemeine lebhaften Anteil, so die gräflichen Familien Einsiedel und Hohenthal. Auch einige Geistliche waren ihr freundschaftlich verbunden, so der Prediger der böhmischen Gemeinde, Petermann[92] und der Kandidat Slezak aus Ungarn, der an der böhmischen Schule unterrichtete.

Der Schuhmachermeister Götz[Bearbeiten]

Der Weinhändler Peyer[Bearbeiten]

Der Geschäftsführer Friedrich Muster[Bearbeiten]

Der Kammerrat Wagner[Bearbeiten]

Der Hofrat Demiani[Bearbeiten]

Die Baronin von Fletcher[Bearbeiten]

Die Familie von Einsiedel[Bearbeiten]

Die Familie von Hohenthal[Bearbeiten]

Die Diaspora Dresden der Brüder-Unität um 1800[Bearbeiten]

Der Lederhändler Christian Jacob Götz[Bearbeiten]

1801 übertrug man dem Sohn des Schuhmachermeisters Götz, dem 40jährigen Lederhändler Christian Jacob Götz, die Leitung der Sozietät. Dieser war von Kindesbeinen an in der Brüdergemeine aufgewachsen und bekleidete auch mehrere städtische Ehrenämter. Er konnte die Sozietät zu hoher Blüte führen, da der Rationalismus die Gotteshäuser der Landeskirche veröden ließ.[93] So baute er für die Zusammenkünfte einen Saal, der mindestens hundert Personen faßte.[94] Aber selbst dieser große Bau reichte bald nicht mehr aus, so dass häufig der Vorsaal und die Treppe besetzt waren. Hier wurden damals dreimal wöchentlich des Abends Versammlungen statt. Sonntags war die Versammlung öffentlich, und so nahmen auch viele Fremde daran teil. Oft hörte man dabei Vorträge durchreisender Missionare. In der Woche hielt man mittwochs und freitags Versammlungen nur für die Mitglieder ab, wo insbesondere Nachrichten aus der Brüdergemeine und die herrnhutischen Missionsberichte gelesen wurden. Die Zahl der Mitglieder der Brüdergemeine betrug zu jener Zeit um die einhundert Personen.

Heinrich Ludwig Burggraf und Graf zu Dohna auf Hermsdorf[Bearbeiten]

Magnus Adolph Blüher[95]: David Samuel Rollers, weiland Pastors zu Lausa bei Dresden, Leben und Wirken. Justus Naumann, Dresden 1852, S. 62 bis 66:

Mein lieber, seliger Mann Heinrich Ludwig Burggraf und Graf zu Dohna, wurde am 22. October 1772 zu Fulurk in England geboren und von seinen lieben Aeltern Moritz Wilhelm Graf zu Dohna und Marie Agnes Gräfin von Zinzendorf - zweiten Tochter des für die ganze Brüder=Unität unvergeßlichen Mannes Gottes - dem Heilande als sein ewiges Eigenthum übergeben. Er war ihnen ein erbetener Sohn, und die Freude über das inner und äußere Gedeihen dieses geliebten Kindes wurde ihnen eine tägliche Veranlassung zum Danken und Flehen. Im Jahre 1775 wurde sein Vater, der als Gemeinhelfer in Fulurk angestellt war, zum gleichen Amte nach Bristol berufen, reiste im Frühjahr 1776 dahin, entschlief aber schon am 4. März 1777 zu Bath. Das Andenken dieses begabten Mannes bleibt im Segen durch den Eifer und die Begierde, womit er sich dem Dienste des HErrn und seiner Gemeinde aufopferte.

Die tiefbetrübte Wittwe begab sich nun bald mit ihrem Sohne nach Deutschland und zuerst nach Barby, [63] wo sich die Aeltestenconferenz damals aufhielt, und wo mein lieber Mann sich mit großer Liebe an seine dort anwesenden Verwandten, besonders auch an seine kleine Cousine, die 5jährige Marie von Watteville anschloß - ein liebes frühbegnadigtes und noch in diesem Jahre heimgesuchtes Kind. Den Tag vor ihrem letzten Erkranken spielten Beide wie gewöhnlich zusammen, und mitten unter ihren Spielen fragte Eins das Andere: "Hast du den Heiland lieb?" welches denn auch beide mit "Ja" beantworteten, sich darauf aufs Angesicht legten und viel und mancherlei zum Heilande beteten.

In diesem kindlichen Umgang mit dem Heiland blieb er auch noch mehrere Jahre in der Knabenanstalt zu Niesky, wohin ihn seine Mutter, welche indeß zum Wohnen nach Herrnhut gezogen war, im December 1777 zur Erziehung abgab. Er war ein ungemein lebhaftes, munteres Kind, welches sich bei vielerlei kindischen Unarten, durch sein aufrechte und gerades Wesen immer wieder ins Rechte fand und viele Liebe genoß. Im Jahre 1784 wurde er durch den Heimgang seiner lieben Mutter tief betrübt und das Gefühl, als vater= und mutterlose Waise wie verlassen im Leben zu stehen, drückte den 12jährigen Knaben fast zu Boden. Da that sich ihm durch des HErrn Gnade, ein zweites Vaterhaus auf, und in der zärtlichsten Liebe seines Onkels und seiner Tante von Watteville fand er den reichsten Ersatz der göttlichen, auf dieses Ihm anvertraute Kind ganz besonders gerichteten Güte.

Den 9. Januar 1785 wurde er ins Knabenchor aufgenommen und trat ins Pädagogium, und mit demselben zog er zu Michaelis 1789 nach Barby, von da im April 1791 nach Niesky ins Seminarium, und zu Ostern 1792 begab er sich auf die Universität nach Wittenberg. Nach beendigten Studien hielt er sich abwechselnd in Ost=Preußen bei und in der Nähe ihn seines väterlich liebenden Onkels des Grafen Alexander Dohna von Condehen auf, um die Landwirthschaft praktisch zu erlernen, sowie später in Berlin, wo er als Forstrath arbeitete.

Im Jahre 1800 verheiratete er sich mit dem Fräulein Mariane von Schönberg, welche nach dem frühen Verlust ihrer Aeltern von ihrer Großmutter, der verwitteten Gräfin von [64] Hoym in Hermsdorf bei Dresden erzogen worden war, und bewirtschaftete, nach dem Wunsche dieser ehrwürdigen Matrone, in ihrem Namen das Gut, wo er täglicher Zeuge des vielfachen Segens wurde, der durch Gebet und Treue und einen n u r auf den HErrn gerichteten Sinn, gleich einem stillgänzenden Lichte, sich verbreitete.

Von diesem Zeitpunkte an begann ein neuer Abschnitt seines innern Lebens, und ganz besonders durch den frühen, schon am 8. Septbr. 1805 erfolgten Heimgang seiner geliebten, hochbegnadigten Frau, welche wenige Tage nach der Geburt eines todten Knaben im freudigen, fast jubelnden Glauben an die versöhnende Kraft des Blutes Jesu Christi sanft entschlief. Kurz zuvor rief sie ihren mann noch zu sich: "Komm mir ja nach!" sagte sie zu ihm, "und bleibe bei der Großmutter" - sowie die ehrwürdige Großmutter bat: "Behalten sie meinen Mann lieb!" Dieses Vermächtniß ist buchstäblich in Erfüllung gegangen, und die Liebe, welche die Großmutter vollständig und mit allen Kindesrechten auf ihn übertrug, sowie hauptsächlich der unausgesetzte Zug der göttlichen Gnade, welche sich in seinem Herzensgang deutlich verfolgen ließ, zeugen davon.

Im November 1806 trat er zum zweiten Male in die Ehe mit mir, seiner nunmehrigen Wittwe [Anmerkung: geborne Gräfin Stollberg Wernigeroda.], welche fortan Mitgenossin seiner Freuden und Trübsale werden durfte, sowie des vielfachen, unaussprechlichen Segens, der auf den näheren Verbindungen dieser gottseligen Familie ruhte. Zwar nahm der Heiland schon im Jahre 1807 unsre geliebte Tante von Watteville zu sich, deren wahrhaft mütterliche Liebe zu meinem lieben Mann ihre gegenseitigen Herzen auf das Innigste verbunden hatte und deren Verlust ihm eine tiefe Wunde schlug - in den folgenden Jahren auch die theuere Großmutter, welche als eine wahre Hanna mit 88 Jahren nimmer vom Tempel kam und Gott diente Tag und Nacht - und 1811 seinen väterlichen Oheim und Freund, den Baron Fr. R. von Watteville, dessen Andenken als ein bleibender segen unter uns fortwaltete - aber Er sorgte auch dafür, daß es an neuen Anfassungsmitteln von Seiten Seiner Kinder dennoch nie fehlen durfte.

[65] Von den Jahren 1809-1813 an wurde mein lieber Mann bei den Durchmärschen und Verpflegungen fremder Truppen vielfältig gebrauchte und machte dabei Erfahrungen der göttlichen Durchhülfe und Bewahrung, die seinen Mund bis zum Ende seines Lebens in Lob und Dank übergehen ließen. Besonders war dieß in dem schweren Kriegsjahre der Fall, wo er 3 Mal von feindlichen Truppen gefangen weggeführt, und noch außerdem bei Tag und Nacht jeglicher Willkühr ausgesetzt war. Aber der HErr hatte seinem Engel befohlen über ihm, daß er seinen Fuß auch nicht an einen Stein stoßen durfte, und alle diese Erfahrungen wurden nur ein neues Band zwischen ihm und seinem HErrn, das sich fester und fester zog und immermehr zu einem ununterbrochenen Freundes=Umgange sich gestaltete, aus welchem er Kraft und Freudigkeit sich entnahm, die immer drückender werdenden Verhältnisse seiner Lage zu ertragen.

Im Jahre 1823 verkaufte er sein liebes Hermsdorf an Herrn Ernst von Heynitz, den er väterlich liebte und ehrte, und in dessen Eigenschaften er den Stellvertreter seiner bisherigen Bemühungen vertrauensvoll anerkannte, und im Sommer 1824 zogen wir hierher nach Herrnhut, behielten auch abwechselnd mit Gnadenberg und Mörnau, unsern Hauptaufenthalt in dieser lieben Gemeinde, die meinem Manne vorzugsweise am Herzen lag, und in deren Mitte er, bei mancherlei schweren Erfahrungen, immer stiller in sich selbst, immer dankbarer für jegliche oft wundervolle Durchhülfe seines HErrn, dem er A l l e s und n i e zuviel zutraute, immer mehr zum Sabbath bereitet, dem Abend seines Lebens entgegenging. Es erquickte sein ganzes Herz, sich wieder als ein Mitglied einer Gemeinde zu sehen, deren Werth er zwar nie gering, aber im Jünglings= und ersten Mannesalter dennoch nicht gehörig geachtet hatte. Jetzt wurde sie ihm täglich wichtiger und kostbarer und bei dem immer tiefern Eindringen in ihren Geist erkannte er oft mit Staunen, was der HErr dieser kleinen Abtheilung seiner großen Kirche für eine Gnade anvertraut habe. Desto inniger wurde nun aber auch sein Flehen zum Heiland, daß er eine neue Geistes= und Feuertaufe über dieselbe ausgießen und ein Jedes ihrer Glieder mit brennender Liebe zu ihrem Haupte durchdringen wolle.

Wie konnte er sich so innig, ja bis zu [66] Thränen erfreuen, wen er dieselbe gewahr wurde, und alle eigne Last kam ihm in der That dagegen vor, wie ein leichtes Federchen. Er beschäftigte sich vorzüglich gern mit Allem, was Bezug auf die Ausbreitung des Reiches Gottes hatte, und seine Sehnsucht, die Zeit herbeikommen zu sehen, wo sich alle Kinder Gottes in Einem vereinigen und ihre verschiedenen Ansichten und Meinungen Ihm zu Füßen legen würden, war oft sehr groß. [Anmerkung: Dieß kann natürlich nicht von solchen ansichten und Meinungen gelten, in denen der HErr durch den k l a r e n Buchstaben seines Wortes schon entschieden hat; denn dann würde es eine strafbare Gleichgültigkeit gegen die Wahrheit selbst voraussetzen und ihm nicht wohlgefallen; auch kein Segen daraus hervorgehen können. 2. Cor. 6, 14 etc. Eine Union in der Liebe ohne Wahrheit ist eben so sehr zu verwerfen, als eine Union in der Wahrheit ohne Liebe. Wahrheit in Liebe, liebe in Wahrheit. Eph. 4, 15. Der Verf.(asser) (15: Lasset uns aber rechtschaffen sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken an dem, der das Haupt ist, Christus. Lutherbibel 1912)

Hierbei befruchtete sich dieser Treffpunkt an der Frauenkirche mit dem ebenfalls herrnhutlich geprägten Treffpunkt der Offenbarungsgläubigen aller Kirchen im nahen Hermsdorfer Schloss[96] bei dem Grafen Heinrich Ludwig Burggraf zu Dohna, einem Enkel Zinzendorfs, und seiner Frau:

Von der großen Welt zurückgezogen, lebten sie jedoch nichts weniger als einsam, denn ihr Haus war nach und nach ein Sammelplatz geworden für Glaubensbrüder aus allen Kirchen und Konfessionen der Christenheit, ein richtiges hospitium ecclesiae dei, da sich mancher wackere Pilgersmann im Vorübergehen für fernere Wallfahrt Kraft und Segen holte. Was an hervorragenden, für die Ausbreitung des Reiches Gottes tätigen Männern nach Dresden kam, das pilgerte auch hinaus nach Hermsdorf, sich das hospitium und seine Wirte anzusehen. Da sah man Brüder aus England, Frankreich, Rußland und Amerika, Missionare von den fernsten Orten der Erde, Lutheraner, Reformierte aller Denominationen, selbst Katholiken, und alle fühlten sich verbunden durch einen Glauben, eine Liebe und eine Hoffnung. Es bestand damals eine in hohem Grade erbauliche Herzensunion unter den Offenbarungsgläubigen aller Kirchen,

schreibt der Alte Mann Wilhelm von Kügelgen in seinen Jugenderinnerungen über seinen Winter 1818/1819 bei Pastor Roller in Lausa.[97]

Die "Gesellschaft der Missionsfreunde" in Klotzsche[Bearbeiten]

Im Jahre 1800 hatte Heinrich Ludwig Burggraf und Graf zu Dohna die Hermsdorferin Mariana Amalia von Schönberg geheiratet und mit ihr wohl in Lausa gewohnt (seine Frau starb 1805 dort), und schon im gleichen Jahr entstand durch ihn angeregt eine regelmäßige Versammlung der Missionsfreunde in dem Lausa benachbarten Amtsdorf Klotzsche auf halbem Wege zwischen Dresden und Lausa/Hermsdorf. Klotzsche gehörte ursprünglich den Burggrafen von Dohna. Otto III. von Dohna (1287 bis 1321) überließ Kloiczowe (slawisch = Rodung) gemeinsam mit fünf weiteren Dörfern am 9. Oktober 1309 anlässlich der Hochzeit seiner Tochter dem Bräutigam Bernhard II. von Pulsnitz zum Lehen. Um 1400[98] (erstmals nachweislich 1445[99]) kam Klotzsche dann zur Pflege Dresden, dem späteren Amt Dresden. Heinrich Ludwig von Dohna knüpfte mit der Initierung der Versammlung der Missionsfreunde in Klotzsche bewußt an die alte dohnaische Tradition an. Im Jahre 1803 kaufte er sogar den Schlossberg Dohna, um im Geist der seit etwa 1795 aufkommenden Romantik seine Stammburg wiederaufzubauen. Der Schlossberg wurde vom Schutt der Burgruine beräumt und der Bau des runden Turms begonnen. Die napoleonischen Kriege und die Besetzung und Ausblutung von Sachsen ab 1806 verhinderten jedoch die Ausführung dieses romantischen Plans. Die Romantik beförderte in der Religion den Neupietismus und die lutherische Orthodoxie gleichermaßen.

Begonnen wurden diese Versammlungen durch Unterstützung des Dorflehrers in der Klotzscher Schule von 1791, welche ein älteres Gebäude von 1688 an gleicher Stelle ersetzt hatte (bis 1688 fand der Unterricht der Dorfjugend in der Wohnung des Küsters statt). 1764 bestand die Bevölkerung Klotzsches aus 26 besessenen Mann, 4 Gärtnern und 31 Häuslern mit ihren Familien (schätzungsweise um die 300 Personen). 1834 hatte Klotzsche dann schon 406 Einwohner. Von 1768 bis 1774 war die Lehrerstelle von Klotzsche mit der von Lausa und Wilschdorf verbunden[100]).

In der Zeit des Beginns der Versammlungen der Missionsfreunde in der Klotzscher Schule war die Lehrerstelle von Lausa wahrscheinlich bereits von Klotzsche abgetrennt und oblag zumindest von 1793 bis 1803 dem dortigen Pfarrer.[101] Der Pfarrer Christian Friedrich Karg (1718-1787) hatte nur das Pfarramt in Lausa bekleidet.[102]

Das Pfarramt Klotzsche war seinerzeit (1539 bis 1837 bis 1895)[103] mit dem Pfarramt in Wilschdorf verbunden.[104] Die Schulen von Klotzsche[105] und Wilschdorf[106] waren aber offenbar bereits getrennt.

Ebenfalls im Jahre 1800 begannen in Klotzsche aus den Versammlungen der Missionsfreunde heraus privat organisierte Missionsbetstunden, die immer am Samstagabend stattfanden. Hier fanden sich auch (ehemalige) Missionare ein, welche über ihre Erfahrungen aus erster Hand berichteten. Ausländische Gäste kamen aus Rußland, Amerika, England, Frankreich, Dänemark, den Niederlanden und der Schweiz (Österreich war damals noch nicht Ausland). Neben der Tageslosung, einem Bibeltext, Gesang, Gebet und den üblichen Gemeinnachrichten wurden hier auch die neuesten Nachrichten aus der Mission sowie auch die Lebensläufe von Missionaren zur Erbauung verlesen. Freie Vorträge waren nicht üblich. Auch die "Sammlungen für Liebhaber Christlicher Wahrheit und Gottseligkeit" der Deutschen Christentumsgesellschaft wurden benutzt, wobei sich bestimmte Lieblingsstücke entwickelten, wie das Lehrstück Beytrag zum Reiche Gottes (Vom Jahre 1792[107]).

Am 30. Oktober 1802 brannte das Dorf Klotzsche bis auf sieben Häuser vollständig ab. Selbst die Kirche wurde vernichtet und konnte erst in den Jahren 1810 und 1811[108] wieder aufgebaut werden[109] Die Versammlungen der Missionsfreunde fanden nun zumindest teilweise im verkehrstechnisch günstig gelegenen Schänkhübel sowie an wechselnden Orten in Klotzsche wie dem Erbgericht (2003 abgerissen, letzte Adresse: Klotzscher Hauptstraße 55) statt. Der Schänkhübel war ein bereits in einer Karte von 1568 eingezeichnetes Rasthaus für Fuhrleute und Reisende an der Königsbrücker Landstraße, erstmals 1414 als "weg gen der Langenbrucken" erwähnt und schon aus slawischer Besiedlungszeit stammend. Hier fanden sich vermehrt auch Dresdner ein. 1803 wurde für die Versammlung im Schänkhübel erstmals die Bezeichnung Gesellschaft der Missionsfreunde benutzt. Auch die Missionsbetstunden am Samstagabend wurden fortgeführt, zunächst in Lausa.

Durch die napoleonische Kriege wurden die Sendboten aber immer wieder behindert, zweitweise waren Verbindungen gänzlich unterbrochen, so 1806 bei der Niederlage Preußens und Sachens in der Schlacht bei Jena und Auerstedt[110] und der darauf folgenden Besetzung Sachsens durch Napoleon und seine deutschen Verbündeten. Dresden wurde von einer bayerischen Armee okkupert.

Im Kriegsjahr 1813 gab es sogar Unterbrechungen im Verkehr zwischen der Festung Dresden und dem Umland. Selbst die Klotzscher Burschen, welche sich in Dresden traditionell als Chaisenträger verdingten, waren zeitweise ausgesperrt. Die üblichen Lieferungen aus Klotzsche an die Dresdner Märkte kamen in solchen Zeiten ebenfalls zum Erliegen. Gefechte gab es auch auf den Klotzscher Feldern, wobei ein Soldat ums Leben kam, der im Kosakengrab an der Langebrücker Straße bestattet wurde (dieses wurde beim Eisenbahnbau vernichtet). Doch diese Ereignisse stärkte die Gesellschaft der Missionsfreunde noch. Das Überleben 1813 wurde als Durchhülfe des HErrn begriffen. Ihre Versammlungen und Missionsgebetsstunden erhielten so großen Zulauf. Infolge dieses verstärkten Interesses konnte die Gesellschaft der Missionsfreunde ab 1816 (nach anderer Darstellung ab 1817) auch die Versammlungen der Missionsfreunde bei den Herrnhutern in Dresden unterstützen, welche seitens der Personalgemeinde um Martin Stephan boykottiert wurde.

  • Die heute noch erhaltene Alte Schule entstand 1840 in der Nähe der Kirche im alten Dorfkern an der Klotzscher Hauptstraße (heute Altklotzsche 30) und wurde am 27. November 1840 eingeweiht. Das Gebäude dient heute als Wohnhaus. Die Inschrift “Gott schirme dieses Haus und segne unsre Kinder” über dem Eingang erinnert noch an die ursprüngliche Nutzung. 1840 erwarb die Gemeinde Teile des Pfarrgartens neben der Kirche und errichtete hier ein weiteres Schulgebäude (Altklotzsche 63).[111]

Wilhelm von Kügelgen über die Brüdergemeine[Bearbeiten]

Adreßbuch Dresden 1819: Die Akademie der bildenden Kuͤnste: Lehranstalt: Mahler: Ordentliche Professoren: Gerhard v. Kuͤgelgen, Mitgl. d. Acad. zu Petersburg u. Berlin, Geschichtmaler, Nst. Hauptstraße 140., 1817: Ausserordentliche Professoren, 1816: Mitglieder mit dem Praedicate als ausserordentliche Professoren: G. v. K. ..., 1812 nicht erwähnt

Wilhelm von Kügelgen[112]: Jugenderinnerungen eines alten Mannes, hrsg. von Philipp von Nathusius[113] im Verlag Wilhelm Hertz[114] (Bessersche Buchhandlung[115]), Berlin 1870 (Erstauflage), S. 120, S. 121, S. 122, S. 123, S. 124.

Christliche Influenzen

S. 120 Die durch Geist und Herz, wie durch jeden persönlichen Werth gleich ausgezeichneten Brüder Joseph und Carl von Zezschwitz, beide im höheren Staatsdienst und etwa um jene Zeit durch Amt und Beruf nach Dresden geführt, hatten sich meinen Eltern schnell befreundet. Sie sowohl, als ihre liebenswürdigen Frauen, gehörten nach Geburt und Neigung der Brüdergemeinde an, welche damals vorzugsweise eine Trägerin reiner und gesunder Gotteserkenntnis war, und nach dieser Richtung hin erschlossen sie jetzt auch unserem Hause ganz neue Kreise von Ideen und Menschen. Durch sie wurden die Eltern mit einer Klasse von Personen bekannt, welche die Welt zu allen Zeiten mit den unliebsamsten Bezeichnungen, als Heuchler, Frömmler u.s.w. zu brandmarken und zu kreuzigen pflegt, und namentlich war meine Mutter aufs freudigste überrascht, gerade unter solchen die trefflichsten Menschen zu finden, einem Geschlechte angehörig, nach welchem sie bis dahin in unbestimmter Herzensahnung vergeblich ausgesehen hatte.

Die hervorragendste Erscheinung unter diesen neu gewonnenen Freunden und Bekannten war eine hochgestellte Dame, eine Burggräfin zu Dohna, geborene Gräfin zu Stollberg-Wernigerode, in welcher meine Mutter die Realisirung ihres höchsten Ideals von weiblicher Anmuth und Würde zu erkennen glaubte, und die sie daher bald und zumeist vor allen Frauen ihrer Bekanntschaft liebte und verehrte. Wir Kinder blickten zu ihr auf wie zu einem höheren Wesen, und mein Vater wünschte sie katholisch, damit der Papst sie canonisiren könne.

Auf dem schönen Gute Hermsdorf, zwischen Dresden und Königsbrück, lebte die Gräfin in häuslicher Stille und Zurückgezogenheit mit ihrem gleichgesinnten, streng kirchlichen Gemahl, mit welchem sie nur selten in die Stadt kam, dann aber immer bei uns vorsprach. Sie war eine Frau in ihren besten Jahren, von einnehmendstem Aeußeren, mit weichen, dunkeln Augen, etwas bräunlichem Teint und einem Gesichtsausdruck so still und würdig, wie etwa Perugino ihn seinen heiligen Frauen zu geben [121] wußte. Auf ihrer ganzen Erscheinung lag eine Weihe, die mehr oder weniger alle berührte, die sich ihr nahten, und wer von ihr ging, nahm sicherlich auch einen Segen mit.

Nicht, daß diese theuere Gräfin gepredigt hätte, wie ihre berühmte Zeitgenossin, die Frau von Krüdener, aber die wunderbare Hoheit ihres durchaus demüthigen Wesens, die herzliche Theilnahme im Ausdruck ihres schönen Auges, die Treuherzigkeit im Ton der Stimme, und am rechten Fleck ein gutes Wort der Aufmunterung, des Trostes, der Anerkennung oder Bitte, so wie auch eine stets sich gleich bleibende Heiterkeit des Geistes, das waren ebenso unabsichtliche als starke Zeugnisse von der Kraft und Herrlichkeit des Glaubens, der in ihr lebte und Gestalt gewonnen hatte. Die Leiden und selbst die Sünden anderer, auch die an ihr begangenen, fühlte sie als ihre eigenen. Sie hatte daher Entschuldigung für alles und herzliches Erbarmen für jeden Irrenden, insonderheit auch für die Feinde des Namens Jesu, deren Feindschaft sie doch auch selbst nicht selten traf.

Denn so hoch die Gräfin von denen verehrt ward, die das Glück hatten, ihr persönlich nahen zu dürfen, so traf dennoch auch sie die Schmach Christi von Seiten so mancher, die sie nicht kannten, und die Verleumdung ward nicht müde, recht bösartige Gerüchte über sie in Umlauf zu setzen. Sie war aber darüber weder verwundert noch erbittert, da es ja ihrem heiligen Herrn und Meister nicht anders ergangen, und ihr, als seiner Jüngerin, nichts besseres verheißen war. Dergleichen Persönlichkeiten aber predigen durch ihr bloßes Dasein eindringlicher und besser als alle Eloquenz der Kanzeln; doch wußte die Gräfin auch zu reden, wo sich's paßte, und Rechenschaft zu geben von ihrem Glauben. Zu ihren Freunden sprach sie gern von dem, was ihr das Herz erfüllte, und meiner Mutter öffnete sie den Blick in eine selige Welt trostreichen Erkennens.

Es ist mancherlei geredet und gestritten worden über den Begriff und Werth der Tradition in christlicher Kirche. Man hat einerseits eine Kette von Menschensatzungen als Zeugnisse des heiligen Geistes dem Worte Gottes gleichgestellt, andererseits [122] ebenso irrtümlich angenommen, daß die Heilige Schrift an sich schon genügsam zu ihrem Verständnisse ausreiche, für solche wenigstens, die den guten Willen zu verstehen hätten. Doch habe ich mehrfältig erfahren, wie der Sinn des geschriebenen Wortes selbst dem reinsten Willen verborgen bleiben konnte, bis das lebendige Zeugnis der gläubigen Gemeinde dem Verständnisse zu Hilfe kam.

Dieses persönliche Zeugnis lebendiger Menschen von ihrem Erkennen, Glauben, Lieben und Hoffen möchte ich mir erlauben, die rechte, zum Verständnisse der Schrift unerläßliche Tradition zu nennen. Sie ist nicht bei dieser oder jener Konfession, wenigstens nicht zu allen Zeiten und nicht immer in gleicher Reinheit: sie ist bei der ganzen gläubigen Christenheit aller Konfessionen, mit anderen Worten, bei der allgemeinen christlichen Kirche. Sie ist das Licht und das Zeugnis des heiligen Geistes, der bei der Gemeinde bleiben und durch sie zeugen wird bis an das Ende aller Tage.

Meine Mutter war eine jener glücklichen Naturen, die eine natürliche Affinität zum Worte Gottes haben. Von ihrer Kindheit an hatte sie sich mit wunderbarer Liebe zu der heiligen Person des Kinderfreundes Jesu hingezogen gefühlt, dessen Vorbild und Geboten sie nachzuleben strebte, so gut sie konnte. Obschon sie im väterlichen Hause unter Einflüssen hatte leben müssen, die ihrem Verlangen nach geistlichem Wachsthum die Nahrung möglichst entzogen, hatte sie dennoch die vereinzelten Strahlen christlicher Wahrheit, die an sie herandrangen, immer ohne Widerstreben in sich aufgenommen. Sie glich einer harmonischen Saite, die mitklingt, wenn verwandte Töne angeschlagen werden, hatte ein sehendes Auge und hörendes Ohr und lernte in der Regel, wo sie gute Lehre fand.

Demungeachtet aber, und obgleich meine liebe Mutter die Quelle in der Hand hielt und die Bibel fleißig las, besonders seit ihr diese durch manches, was sie von Herder gelesen, lieb und werth geworden, hatte sie doch bis dahin gerade die beseligendsten Aussprüche derselben kaum bemerkt, und erst jetzt im persön- [123] lichen Verkehr mit gereifteren Christen, und durch diese hingewiesen auf eine specifisch christliche Literatur, begann ihr allgemach die Decke von den Augen zu fallen. Sie wurde angesteckt durch das Contagium einer ewigen Heilung und trat ein in die Vorhallen des auf Golgatha erbauten Heiligthums, da Jesus Christus selbst das Hochamt hält.

Wesentlich aus der Hand jener unvergeßlichen Gräfin nahm meine Mutter den Schlüssel zu dem offenkundigen Geheimniß der Erlösung, und nun erst fing sie an, die Heilige Schrift auch zu verstehen, sie als Wort Gottes zu begreifen und zu glauben. Nicht, daß sie damals gleich von vornherein zu einer fertig abgeschlossenen theologischen Ansicht gelangt wäre, zu der sie es überhaupt nie brachte; es waren eben nur Anfänge christlichen Anschauens und Erkennens, das seiner Natur nach niemals abschließt.

In wiefern nun meine liebe Mutter bei solcher Bereicherung ihres inneren Lebens einer Selbsttäuschung erlegen oder nicht, darüber mochten die Ansichten ihrer älteren Freunde auseinander gehen. Ich kenne es aber nicht anders, und zwar nach einer langen Reihe von Erfahrungen, als daß alle diejenigen, denen es durch Gottes Gnade gelang, den Christenglauben zu ergreifen, eine köstliche Perle gefunden zu haben meinten, in deren Besitz sie sich beseligt und versöhnt mit Gott und Menschen fühlten. Umgekehrt aber habe ich es auch stets erfahren, daß Gläubige, die in ihrem Glaubensleben gestört wurden, dies immer auch in ihrem Seelenfrieden waren. Was meine Mutter anbelangt, so bekannte sie selbst von sich, nicht etwa, daß sie besser und vollkommener geworden, sondern daß sie in ein Element gerathen, in welchem es ihr wohl war, und da sie volles Genügen fand. War das Täuschung, so möchte ich allen Menschen solche Täuschung wünschen.

Die stillen Sonntag=Morgen, die wir Kinder bei der Mutter zu verbringen pflegten, wurden jetzt immer segensreicher für uns. Wir saßen dann um den runden Tisch, wir Brüder zeichnend, die Schwester mühsam Strümpfe strickend für ihre Puppe, [124] während die Mutter uns irgend etwas Erbauliches vorlas, etwa aus den damals erscheinenden Krummacher'schen Kinderschriften, dem Sonntage, dem Festbüchlein und anderen, oder auch Geschichten aus der Heiligen Schrift. Dann unterhielt sie sich mit uns über das Gelesene auf eine Weise, die wir wohl verstehen konnten, und in solchen Stunden schlang sich um die natürliche Liebe der Familie noch ein anderes, heiligeres Band, das unser aller Herzen trotz mannigfaltiger späterer Verirrung nicht nur unter einander, sondern wie ich hoffe, auch mit unsrer ewigen Heimath auf immer fest verknüpft hat.

Auch der Vater fand sich jetzt bisweilen, namentlich wenn wir auf dem Lande waren, mit irgend einer leichten Arbeit zu diesen kleinen Hausgottesdiensten ein. Er hatte keinen Widerspruch in seiner Seele und hörte freundlich zu, sich anfänglich wohl nur des ruhigen Beisammenseins mit den Seinen freuend. Da kam es auch über ihn, und allgemach ward auch er von jener wunderbaren Ansteckung ergriffen, die aus tugendhaften Leuten arme Sünder macht und das Herz zu einer Liebe entzündet, die nicht von dieser Welt ist. Doch es mögen dies aber auch nur die ersten Lockungen der Gnade, die ersten Anfänge himmlischer Berufung gewesen sein. Das entschiedene Eingreifen der geoffenbarten Wahrheit blieb einem späteren Lebensabschnitt vorbehalten.

Familie von Zezschwitz[Bearbeiten]

Im Herbst 1808 zog die Familie von Kügelgen in das Haus Gottessegen auf der Hauptstraße 140[116] in der Dresdner Neustadt, das einst dem Grafen von Zinzendorf gehört haben und von ihm auch so benannt worden sein soll. Von Gott gesegnet waren auch ihre Begegnungen mit gottesfürchtigen Männern, beispielsweise aus der Brüdergemeine. Allein auf der Hauptstraße in der Neustadt lebten seinerzeit in der Nachbarschaft zwei treffliche Brüder im doppeltem Wortsinn, des geistigen wie auch leiblichen, welche aus der alten herrnhutischen Familie von Zezschwitz stammten: der 1775 im herrnhutischen Fulneck in England geborenen Joseph Friedrich von Zezschwitz und sein 1777 in Herrnhut selbst geborener Bruder Karl August von Zezschwitz.

  • Joseph Friedrich wohnte in der Nummer 157[117], war Königlich Sächsischer Kreishauptmann zu Meißen und seit 1806 mit der ebenfalls herrnhutisch gesinnten Agnes Friederike Freiin von Seidlitz und Gohlau verheiratet, welche 1788 in Gnadenfrei in Niederschlesien geboren wurde, dem heutigen Piława Górna[118].
  • Karl August wohnte in der Nummer 169 und war seit 1805 Hof- und Justitienrat bei der Landesregierung[119], seine Arbeitsstelle befand sich ebenfalls in der Neustadt[120], auf der großen Meißner Gasse (der heutigen Großen Meißner Straße[121]). 1808 war Karl August noch Junggeselle, aber schon 1810 ehelichte er die ebenfalls herrnhutisch gesinnte Luise von Heynitz, welche aber bereits 1814 nach der Geburt ihrer Tochter Sally am 20. Januar verstarb. So heirate Karl August am 20. Mai 1816 in Königshain Luises Schwester Helene Emilie von Heynitz, welche dort 1795 geboren wurde. Ihr Sohn Benno wurde am 25. Juli 1818, sie verstarb aber gleichfalls sehr jung bereits am 5. Oktober 1820.

Wie sehr die Familien von Kügelgen und von Zezschwitz nicht nur durch ähnlichen Glauben verbunden waren, zeigt die Hochzeit vom 30. August 1834 von Sally mit einem Neffen von Gerhard von Kügelgen, dem 1810 in Wolsk[122] geborenen deutschbaltischen Maler Konstantin von Kügelgen[123]. Dieser hatte als Stipendiat der Akademie der Künste in St. Petersburg eine Reise von Lübeck über Venedig, Florenz und Rom bis nach Sizilien unternommen und dabei auch die Kunststadt Dresden besucht, wo er seine Braut kennenlernte. Aber auch Sally starb ähnlich jung wie ihre Mutter und ihre Tante Helene Emilie im Jahre 1839 nach der Geburt ihres dritten Sohnes[124] während einer Studien- und Arbeitsphase ihres Mannes ab 1837 in München[125]. Konstantin von Kügelgen ging daraufhin in seine Heimat zurück und heiratete am 18. Juli 1840 in Meyris (Estland) eine weitläufige Verwandte, Alexandrine (Aline) Zoege von Manteuffel[126]. Gerhard von Kügelges Frau Helene (Lilla) Marie war ebenfalls eine geborene Zoege von Manteuffel.

1808 lebten die Eltern von Joseph Friedrich und Karl August noch in Herrnhut: der 1743 zu Taubenheim geborene Friedrich Christlieb von Zezschwitz auf Taubenheim und Deutschbaselitz und die 1751 in London geborene Sarah Forster.[127] Beide hatten einige Jahre (um 1770 bis 1776) in Fulneck Moravian Church (heute in der City of Leeds[128], West Yorkshire[129]) gelebt. Dieser herrnhuterische Ort wurde am 26. Mai 1742 mit Zustimmung des Moravian Bishop August Gottlieb Spangenberg als die 'Yorkshire Congregation' gegründet. Im Februar 1743 kam Zinzendorf nach Yorkshire und entschied den Aufbau einer Kommunität "Lamb’s Hill" nach dem Vorbild von Herrnhaag in der Wetterau. Von 1750 bis 1763 wurde die herrnhutische Ortskirche Grace Hall erbaut. Ab etwa 1760 kam der Name Fulneck nach dem nahen englischen Platz Falneck (eine Zusammenziehung von "Fallen Oak") und zur Erinnerung an Bischof Johann Amos Comenius[130] und seinen Bischofssitz Fulnek in Mähren in Gebrauch. Am 16. August 1775 wurde Joseph Friedrich von Zezschwitz in Fulneck geboren, am 19. Mai 1777 dann Karl August bereits in Herrnhut, wo die Familie bleiben sollte. Der Vater Friedrich Christlieb von Zezschwitz starb dort am 6. August 1810, seine Frau Sarah am 1. März 1829 dann in der ebenfalls herrnhutischen Kolonie Kleinwelka[131] bei Bautzen.


Jahrbuch des deutschen Adels. Bd. 3, 1899, S. 966: Hans Heinrich, geb. zu Deutschbaselitz 1696, † zu Herrnhut 9. Dezember 1778, auf Taubenheim und Deutschbaselitz in der Oberlausitz, Beisitzer des judicii ordinarii zu Budissin, verm. mit Charlotte Dorothee v. Kalitzsch a.d.H. Dobritz, † zu Herrnhut 1755

Sohn: Friedrich Christlieb, geb. zu Taubenheim 22. Mai 1743, † zu Herrnhut 6. August 1810, auf Taubenheim und Deutschbaselitz, verm. mit Sarah Foster, geb. zu London 12. April 1751, † zu Klein=Welka 1. März 1829.

I. Linie. † Joseph Friedrich von Zezschwitz, geb. zu Fulnek in England 16. August 1775, † zu Dresden 15. November 1817, Königl. Sächs. Kreishauptmann, verm. zu Gnadenfrei 30. Dezember 1806, mit Agnes Friederike Freiin von Seidlitz und Gohlau, geb. zu Gnadenfrei 5. Mai 1788, † zu Girlachsdorf 15. Februar 1834 - geb. in Fulneck Moravian Church in der City of Leeds[132] (West Yorkshire[133]) [26. Mai 1742: mit Zustimmung des Moravian Bishop August Gottlieb Spangenberg wird die 'Yorkshire Congregation' gegründet - im Februar 1743, kommt Zinzendorf nach Yorkshire und entscheidet den Aufbau einer Kommunität "Lamb’s Hill" nach dem Vorbild von Herrnhaag in der Wetterau; 1750 bis 1763 wurde die Kirche Grace Hall erbaut; ab etwa 1760 der Name in Fulneck geändert (nach dem englischen Platz Falneck or Falnake -eine Zusammenziehung von "Fallen Oak" und zur Erinnerung an Bischof John Amos Comenius und Fulnek in Mähren)] - Kreishauptmann des Meißnischen Kreises - Adreßbuch Dresden 1812: Das Geheime Finanz=Collegium: Geheime Finanzraethe: Neustädter Hauptstraße 157, III. Dep.

† Karl August von Zezschwitz (Jahrbuch des deutschen Adels. Bd. 3, 1899, S. 967) II. Linie. Karl August von Zezschwitz, geb. zu Herrnhut 19. Mai 1777, † daselbst 19. Oktober 1854, Königl. Sächs. Appellationsgerichts=Präsident, verm. I. zu Königshain 20. Mai 1816 mit Helene Emilie von Heynitz, geb. zu Königshain 5. Sept. 1795, † daselbst 5. Oktober 1820; II. zu Bautzen 21. Mai 1822 mit Konstanze Friederike von Polenz, geb. zu Bautzen 21. Mai 1794, † daselbst 20. Juni 1833. - 1805 bis 1822 in Dresden Beamter des Geheimen Kabinetts, ab 1822 in Bautzen - erste Ehe mit 1810 mit Luise von Heynitz (gest. 1814), der Schwester von (Helene) Emilie von Heynitz - Adreßbuch Dresden 1812: Die Landes=Regierung (ist in der Neustadt auf der großen Meißner Gasse): Hof= und Justitienraethe: Neustadt, Hauptstraße 169

Kinder: † Benno, geb. zu Dresden 25. Juli 1818, † zu Niederlößnitz 25. Dezember 1882, verm. zu München 1. Juli 1839 mit Louise Thomas, geb. zu Memmingen 5. Oktober 1820; † zu Dresden 14. April 1897

  • Kinder: 1) Christian Iwan Wladimir, geb. zu Hermsdorf 19. Juli 1840, Kaufmann [Muscatine, Iowa, U.S.A.] 2) Eugen Philipp, geb. zu Langenrinne 11. Dezember 1841. [Hubertusburg.] 3) Leopold Anton Julius, geb. zu Freiberg 3. April 1843 ...

S. 968: 2) † Konstantin, geb. zu Bautzen 23. August 1823, † zu Kölln 6. September 1889, Königl. Sächs. Major der Kavallerie ... S. 969: 3) † Gerhar, geb. zu Bautzen 2. Juli 1825, † zu Erlangen 20. Juli 1886, ordentlicher Professor der Theologie an der Universität Erlangen[134] S. 970: 4) Marie, geb. zu Bautzen 3. Oktober 1830, verm. zu Herrnhut 1850 mit Paul Caspari[135], Prof. der Theologie, † zu Christiana 10. April 1892. [Christiana.] - Marie Karoline Constanze v. Zezschwitz - (Carl Paul Caspari: geb. 8. Februar 1814 in Dessau, 1847 als Lector für biblische Exegese nach Christiania, 1857 ordentl. Professor dort)

S. 970: III. Linie. † Johann Adolf von Zezschwitz, geb. zu Herrnhut 1. März 1779, † zu Königstein 6. Mai 1845, Königl. Sächs. Generallieutenant und Kriegsminister, verm. zu Leysenau 5. Juli 1802 mit Karoline Wilhelmine von Bölzig, geb. zu Leysenau 6. März 1782, † zu Dresden 6. Januar 1856.

Johann Adolf von Zezschwitz (ADB Band 45 (1900), S. 146–147) Zezschwitz: Johann Adolf von Z., königlich sächsischer Generallieutenant und Kriegsminister, wurde am 1. März 1779 zu Taubenheim in der Oberlausitz geboren und in der evangelischen Brüdergemeinde zu Uhyst erzogen. Nachdem er seit 1796 zu Leipzig die Rechte studirt und seinen dortigen Aufenthalt mit einer glänzend ausgefallenen Prüfung beschlossen hatte, trat er in das Heer, in welchem er bereits 1797 zum Lieutenant beim Carabinierregimente ernannt worden war; während des Feldzuges vom Jahre 1806 gehörte er als Ordonanzofficier dem Stabe seines Oheims, des Generals Hans Gottlob v. Z., an und wurde von diesem mit der Nachricht von der Niederlage bei Jena an den König Friedrich August gesandt, dessen Bekanntschaft er bei dieser Gelegenheit machte. Im J. 1809 rückte er als Sous-Chef des Generalstabes der 2. Division (General v. Polenz) des vom Marschall Bernadotte befehligten 9. Armeecorps in das Feld, zog die Aufmerksamkeit des Marschalls auf sich und ward mit den Entwürfen für die Neugestaltung des sächsischen Heerwesens in das Land geschickt; als jene Pläne zur Ausführung gelangten, wurde Z., welcher 1807 zum Premierlieutenant aufgerückt und 1809 nicht nur Hauptmann, sondern bald darauf auch Major geworden war, Generalstabsofficier bei der von General v. Gutschmidt befehligten Cavalleriedivision, eine Stellung, welche er bei Ausbruch des Krieges vom Jahre 1812, gleichzeitig zum Oberstlieutenant befördert, mit der als Commandeur des Ulanenregiments Prinz Clemens vertauschte.


Johann Adolf von Zezschwitz war Sohn von Friedrich Gottlieb von Zezschwitz (* 22. Mai 1743; † 6. August 1810) und Sarah Foster (* 12. April 1751; † 1. März 1829) - Neffe von Hans Gottlob von Zezschwitz (sächsischer General der Kavallerie)[136]


Sally von Kügelgen (von Zezschwitz) - geb. 20. Januar 1814 Taubenheim, Klipphausen? - verm. 30. August 1834, Taubenheim/Spree, Sohland an der Spreezu - gest. 25. Februar 1839 zu München, Ehefrau von Konstantin Karl von Kügelgen[137], zweijährige Studien- und Arbeitsphase in München 1837 bis 1839, nach Tod der Frau ins Baltikum, zweite Ehe: mit Alexandrine (Aline) Zoege von Manteuffel am 18. Juli 1840 (gest. 1846)

Eltern: Karl von Zezschwitz und Luise von Heynitz

Kinder:

1) Dr. Med. Heinrich von Kügelgen, geb. 1836, gest. 1860

2) Carlo von Kügelgen, geb. 8 October 1837 in Bautzen, gest. 11. September 1911 in Dorpat (heute: Tartu), Estland, Gutsbesitzer, Administrator

3) Hugo Paul von Kügelgen, geb. 1839, gest. 1886


Henriette Marianne Sophie von Zetzschwitz (* 9. Juni 1785 in Herrenhut bei Görlitz; † 16. Januar 1843 in Dresden) - 2. Ehefrau von Friedrich Julius von Tschirschky (* 3. Januar 1777 in Gnadenfrei = Piława Górna (Niederschlesien)[138]; † 25. Februar 1853 in Dresden), königlich sächsischer Kriegsrat, kam Anfang des 19. Jhs. nach Sachsen

Familie von Tschirsky[Bearbeiten]

Helene Luise Wilhelmine von Heynitz (* 3. Oktober 1832 in Hermsdorf; † 21. November 1862 in Dresden), verm. 26. Mai 1853 in Heynitz mit Adolf von Tschirschky und Bögendorff[139], (* 31. Dezember 1828 in Dresden; † 30. Juli 1893 ebenda), königlich sächsischer Generalleutnant - Vater: Friedrich Julius von Tschirschky (* 3. Januar 1777 in Gnadenfrei; † 25. Februar 1853 in Dresden), königlich sächsischer Kriegsrat - Mutter (2. Ehefrau): Henriette Marianne Sophie von Zetzschwitz (* 9. Juni 1785 in Herrenhut bei Görlitz; † 16. Januar 1843 in Dresden)

Tschirsky, Helene Eleonore von - geb. von Seidlitz, erste Frau Karl Wilhelms von Tschirskys, Charlotte Schleiermachers Pflegemutter" Andreas Arndt, Wolfgang Virmond: Briefwechsel 1774-1796: (Briefe 1-326), S. 485, Walter de Gruyter, 2014 (Schleiermacher Kritische GA)

[486] Tschirsky, Karoline Katherine Luise von, verw. von Sauerma, geb. von Posadowsky (1738-1824), zweite Frau Karl Wilhelms von Tschirskys

Tschirsky, Julius Friedrich von (1737-1814), seit 1774 Herr von Peilau-Schlössel

Tschirsky, Henriette Charlotte Elisabeth von, geb. Aderkas (1748-1819), Frau des Vorigen

Tschirsky, Friedrich Ludwig von (1769-1829), Sohn des Vorigen, Studienkamerad Schleiermachers

Tschirsky, Karl von, wohl Bruder der Vorigen

Tschirsky, Dorothea Friederike Elisabeth (1774-1829), wohl Tochter Julius Friedrich von Tschirskys, heiratet am 19. 11. 1796 Anton Christoph von Strumpf

Nekrolog Tschirsky, Friedrich Ludwig von (1769-1829) in Neues lausitzisches Magazin: unter Mitwirkung der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften, Band 8, 1830

Pfarrer Samuel David Roller in Lausa[Bearbeiten]

Samuel David Roller

Die Christenthums-Gesellschaft Dresden (gegründet 1784)[Bearbeiten]

https://info2.sermon-online.com/german/ErichSchick/Zeugen_Des_Gegenwaertigen_Gottes_Band_113_114_Christian_Friedrich_Spittler_1956.pdf

[12] 1801 hatte sich die Christentumsgesellschaft für einen hauptamtlichen Mitarbeiter entschieden, und Steinkopf holte den ausgewählten 19jährigen Spittler von Schorndorf ab. Sie besuchten bei dieser Gelegenheit Christian Gottlieb Blumhardt, welcher noch Student in Tübingen war, und trafen im Hof des Stiftes zusammen. [13] Spittler wohnte zunächst im Drachenhof in der Aeschenvorstadt.

[14] Samuel Urlsperger (geb. um 1685) verlor 1718 seine Stelle als Hofprediger in Stuttgart, wobei ihn seine Frau unterstützte: "Ich will lieber die Witwe eines Märtyrers als die Frau eines Verräters sein." 1720 erhielt er gnädigerweise das Dekanat Herrenberg, aber schon 1722 wurde er vom Magistrat der Stadt Augsburg zum Senior der evangelischen Geistlichen gewählt. Dort erhielt er anfangs Probleme wegen einer Stelle aus seinem in Herrenberg veröffentlichtem Buch "Der Kranken Gesundheit und der Sterbenden Leben".

[15] Samuel Urlsperger hatte infolge eines 1708 bewilligten Reisestipendiums auch August Hermann Francke in Halle und die "Societies" ("Gesellschaften") und das Missionsleben in England kennengelernt. Diese "Societies" waren ein "Zusammenschluß von bewußten Christen über die konfessionellen Schranken hinweg zur gegenseitigen Erbauung und zur Begründung und Unterstützung von Liebeswerken". In Augsburg baute Samuel Urlsperger ein Werk für die Versorgung der vertriebenen evangelischen Salzburger auf und organisierte auch internationale Hilfe von Basel bis Skandinavien.

[16] Auf diese Verbindungen konnte viel später auch noch die Christentumsgesellschaft aufbauen. Der Sohn Johann August Urlsperger verfolgte bereits die konkrete Idee einer " Anstalt", also "eines Gebäudes, das missionarischen und karitativen Zwecken dient", welche er aber nicht in Augsburg verwirklichen konnte, so daß er nach Basel ging. "Dabei wurde von Anfang an als ein wesentliches Erbe Speners die Abendmahlsgemeinschaft zwischen Lutheranern und Reformierten festgehalten."

[17] Begründung eines auswärtigen Freundes, warum Basel gewählt wurde (1783)

  • "l. In Basel fand Herr Dr. Urlsperger zuerst Gehör mit seinem Anliegen.
  • 2. Die Basler bliesen die Posaune so lange, bis auch andere sich zu ihnen versammelten.
  • 3. Sie sparten keinen Fleiß, keine Arbeit und Kosten zum Besten der Anstalt.
  • 4. Sie haben rechtschaffene Männer von allen Ständen, darunter solche, die mit ihrem Segen die Sache vorzüglich unterstützen wollen.
  • 5. Sie wohnen an einem Ort der Freiheit, wo ihnen die wenigsten Hindernisse in den Weg gelegt werden können."

[17/18] Vortrag sagte Professor D. Christoph Johannes Riggenbach über die Anfänge anläßlich der 100-Jahrfeier 1880 (1780 bis 1880)

"Es war zuerst der Doktor und Professor der Theologie Johannes Werner Herzog, der den Vorsitz übernahm; neben ihm die Pfarrer Burckhardt zu St. Peter und Meyenrock zu St. Alban. Kassier wurde der Kaufmann Wilhelm Brenner, dem nach seinem schon 1781 erfolgten Tod sein Bruder Hans Heinrich Brenner im Amt nachfolgte. Mit diesen Baslern verbanden sich Georg David Schild, ein Deutscher, der die Korrespondenz mit Urlsperger geführt hatte, und Jakob Friedrich Liesching, ein Württemberger. Beide waren Commis in hiesigen Handelshäusern. Da Schild schon 1780 nach Stein am Rhein übersiedelte, übernahm Liesching die Korrespondenz, gab sie aber, als er 1781 nach Stuttgart zog, an Johann Schäufelin ab, auch wieder einen Württemberger, der gleichfalls Commis war. Diese Männer, die sogenannten arbeitenden Mitglieder, bildeten den engeren Ausschuß; an sie schloß sich eine immer wachsende Zahl von kontribuierenden Mitgliedern an, die nach ihrem Vermögen zu den Kosten beitrugen und in den Versammlungen Sitz und Stimme hatten; außerdem eine Anzahl freier, wir würden heute sagen Ehrenmitglieder, welche die Sache finanziell unterstützten, ohne an den Rechten und Pflichten der eigentlichen Vereinsmitglieder teilzunehmen. Es war übrigens nicht in eines jeden Belieben gestellt, ob er beitreten wollte, sondern man mußte sich beim Ausschuß melden und von ihm angenommen werden. Dementsprechend konnte ein Mitglied, das unordentlich wandelte, ausgeschlossen werden; ebenso wer ein Vierteljahr wegblieb und auch, nachdem er eine Ermahnung erhalten, nicht wiederkam. Es war von Anfang an vorgesehen, Mitglieder der beiden evangelischen Kirchen aufzunehmen, von deren Halten an der reinen Lehre und am gottseligen Wandel man überzeugt war, ohne die Absicht übrigens, eine äußere Vereinigung der zwei Kirchen zu erstreben. Was die Gieder anderer, separierter Gemeinschaften oder frommer Katholiken betraf, so hielt man in Aufnahme derselben doppelte Vorsicht für nötig, damit nicht solche beiträten, die etwa versuchten, für ihre besondere Gemeinschaft weiteren Anhang zu werben. Man konnte darauf um so besser dringen, als man es wiederholt aussprach, wie ferne man davon sei, andere Mitchristen, die nicht in Verbindung mit der Gesellschaft stehen, im mindesten geringer zu achten."

Literatur: Vorboten und Bahnbrecher, Verlag der Basler Missionsbuchhandlung, 1943

[18/19] Zweigniederlassungen:

  • 1781: Nürnberg, weitere fränkische Orte
  • 1782: Stuttgart, Frankfurt, Wetzlar, Gießen, Kreuznach, Marburg, Berlin, Stendal, Prenzlau, Magdeburg, Minden, Wernigerode, London
  • 1783: Bünde (Ravensberger Land), Penkum (Vorpommern), Halberstadt, Stettin, Altona, Bremen, Osnabrück, Ostfriesland, Köthen, Pasewalk (Pommern)
  • 1784: Königsberg, Flensburg, Demmin (Pommern), Anklam (Pommern), Dresden, Dömitz (Mecklenburg), Amsterdam
  • 1785 und später: Elberfeld, Düsseldorf, Straßburg, Breslau, Rostock - in der Schweiz einzelne Mitglieder aus Chur, St. Gallen, Winterthur, Zürich, Bern, mit vielen Orten des Bernbietes, darunter vor allem Zofingen und Aarau, Schaffhausen und Lausanne - sowie korrespondierende Mitglieder in Schweden und in Amerika

[20] 1803: Christian Gottlieb Blumhardt als Mitarbeiter von Spittler berufen - Blumhardt besorgte die Redaktion der "Sammlungen", in der er insbesondere über alle Vorgänge auf dem Gebiet der Mission berichtete, übernahm die regelmäßigen Erbauungsstunden des Vereins und übernahm die Leitung des Jünglingsvereins - 1807 wurde er nach Württemberg zurückgerufen

in die "Sammlungen" floß die Korrespondenz mit w:de:Carl Friedrich Adolf Steinkopf ein, der seit 1. Advent 1801 in der deutschen lutherischen Kirche in der Savoy in London als Prediger wirkte

[21] 1804: zusammen mit Pfarrer Huber von St. Elisabethen Gründung der Basler Bibelgesellschaft (auf Steinkopfs Anregung, welcher einer der drei Auslandssekretäre der w:de:British and Foreign Bible Society geworden war - gegründet am 7. März 1804) - Huber verstarb schon 1806

[22] am 11. April 1806 hatte Spittler sein Erweckungserlebnis und ward seiner Gotteskindschaft gewiß - im Herbst 1808 wurde er als nach dem Tod seiner Mutter als ständiger Sekretär der Christentumsgesellschaft bestätigt - das Fälkli, ein altes Augustinerkloster, für die Zwecke der Gesellschaft gekauft, Spittler siedelt dorthin über, im oberen Teil wird die Schneidersche Druckerei untergebracht [25] schon beim Einzug ins Fälkli hatte Spittler den Plan, eine Missionsgesellschaft zu gründen, sammelte aber nach wie vor Gaben für die Berliner Missionsanstalt von Pastor Jänicke

[23] 1812 kauft Spittler das Fälkli selbst - und lebte dort Gastfreundschaft, einer der ersten Gäste war der ehemalige Mönch Johann Jakob Huber aus Mahlberg in Baden, der evangelisch geworden, nach zwei Studienjahren in Halle von Professor Knapp an die Christentumsgesellschaft in Basel empfohlen worden war

[24] Huber wurde bald Pfarrer der reformierten Gemeinde Katharinenstadt an der Wolga und dazu von Pfarrer Burckhardt in der St. Peterskirche ordiniert, später Superintendent in Moskau

[25] das Fälkli wurde Mittelpunkt geistlichen Lebens von Menschen aus den verschiedensten Ländern, aber auch Altersheim und Studentenheim

Spittler wurde 1811 nach Württemberg zur Musterung befohlen, Johannes Evangelista Goßner bekam als (katholischer) Pfarrer im allgäuischen w:de:Dirlewang nach einer schweren Erkrankung einen Ruf nach Basel als Sekretär der überkonfessionellen „Christentumsgesellschaft“ - da Spittler ausgemustert wurde, zog Goßner nach München weiter, wo er Pfarrer an der Frauenkirche wurde (Goßner hatte damals schon überlegt, evangelisch zu werden, trat aber erst in Königshain (Schlesien) am 23. Juli 1826 über, nachdem er von der Brüder-Unität keine Aufnahme erhalten hatte)

[26] weitere Gäste im Fälkli waren Ignaz Lindl, katholischer Priester aus Bayern, und Jakob Ganz, später Vikar des Staufberges

[27] 27. Juli 1815: schriftliche Genehmigung zur Begründung einer Missionsanstalt in Basel - im Fälkli trifft sich eine kleine Gesellschaft christlicher Männer, genannt "das Kämmerli"

[28] 25. September 1815: das Komitee der Missionsanstalt trifft sich im Studierzimmer des Pfarrhauses zu St. Martin zur ersten Sitzung, Leiter des neuen Werkes wurde Christian Gottlieb Blumhardt

w:de:Christian Gottlieb Blumhardt war 1809 bis 1816 Pfarrer in w:de:Bürg (Neuenstadt am Kocher) und wurde dann ab 17. April 1816 hauptamtlicher Inspector des Missionswerkes - bereits in Bürg Ausarbeitung der ersten Nummer des „Magazins für die neueste Geschichte der protestantischen Missions- und Bibelgesellschaften", später "Evangelisches Missionsmagazin"

am 26. August 1816 Einzug von Blumhardt (mit den sieben ersten Missionsschülern) in das neuerworbene Haus "Zum Panthier" - Tageslosung war: "Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth" (Sach. 4, 6), noch heute die Losung der Basler Mission

Präsident war Pfarrer Nikolaus von Brunn


Jochen Eber: Die Bedeutung der Deutschen Christentumsgesellschaft in Basel und ihrer Partikularvereine für den Neubeginn der protestantischen Missionen von 1785 bis 1835, In: Sven Grosse, Herbert Klement: Für eine reformatorische Kirche mit Biss, LIT Verlag, Münster 2013, S. 337ff.

[337] Dänisch-Hallische Missionsgesellschaft: 60 Missionare im 18. Jh. nach Tranquebar (ab 1706) - w:de:Dänisch-Hallesche Mission

Vgl. Wilhelm Schlatter: Geschichte der Basler Mission 1815-1915, Band I Die Heimatgeschichte der Basler Mission, Basel 1916, 12

Herrnhut: 226 Missionare bis zu Zinzensdorfs Tod, 1732 bis 1852: 1628 Namen (928 Männer, 680 Frauen)



Meyer, Friedrich: Die Bibel in Basel - Schwerpunkte in der Bibelgeschichte der Stadt Basel seit der Zeit der Humanisten und Reformatoren bis zur Gründung der Bibelgesellschaft - Jubiläumsschrift 200 Jahre Basler Bibelgesellschaft; Basel: Schwabe AG, Verlag - 2004; ISBN 3-7965-2079-0: Johann Rudolf Burckhardt, Johann August Urlsperger und die Entstehung der Christentumsgesellschaft, S. 91

Aspekte aus der Geschichte der „Lutherischen Kirche – Missouri Synode“ In: Rudolf Keller: Luthertum in der Vielfalt seiner Geschichte. Aufsätze zur Kirchengeschichte, Institut für Evangelische Theologie, Universität Regensburg, Januar 2006, S. 42–58.[140]

Erstveröffentlichung: Lutherische Kirche in der Welt. JMLB 50, 2003, S. 187 – 211.

[46] Martin Stephan: Zentralgestalt einer antirationalistischen Erweckungsbewegung n Dresden

[47] von hoher Bedeutung für die obersächsische Erweckungsbewegung überhaupt

w:de:Martin Schmidt (Theologe, 1909)

Biographie Martin Stephan in:

Martin Schmidt: Das Ringen um lutherische Einheit in der Erweckungsbewegung, in: Wilhelm Kahle, Gottfried Klapper, Wilhelm Maurer, Martin Schmidt: Wege zur Einheit der Kirche im Luthertum, Gütersloh 1976 (= Die Lutherische Kirche. Geschichte und Gestalten, Bd. 1), S. 71–156, hier S. 75f.

w:de:Martin Stephan (Geistlicher)

w:de:Georg Christian Knapp

Magnus Friedrich Roos und die Deutsche Christentumsgesellschaft : Ein Beitrag zum .... Tierschutzpredigten und Tierschutzvereine in Dresden : Die Bedeutung Dresdens für die

500 Publikationen - Osnabrück University - Evangelische Theologie: Magnus Friedrich Roos und die Deutsche Christentumsgesellschaft : Ein Beitrag zum Thema „Württemberg und ...]

Vorsteher der Dresdener Gesellschaft war um 1819 Burghart.

Im Christian Friedrich Spittler-Archiv im Staatsarchiv des Kantons Basel-Stadt existieren im Bestand der Deutschen Christentumsgesellschaft von 1777-1839 Briefe von Burghardt, J. G., Dresden aus den Jahren 1811-1821.[141]

Im fraglichen Zeitraum passen in Dresden diese Initialen nur auf den seit 1816[142] nachweisbaren Actuar bei der General=Accise=Inspection zu Dresden Johann George Burkhardt, der damals zusammen mit dem Finanz=Kanzellisten beim geheimen Finanz=Collegium George Adolph Burkhardt auf der großen Meißner Gasse Nummer 10 in der Neustadt wohnte. George Adolph Burckhardt war bereits 1799 als Finanzkanzlist tätig und wohnte damals am Kohlmarktim Hause Neustadt Nummer 10, die frühere Bezeichnung für dasselbe Haus. Er ist nur noch 1817 an dieser Adresse nachweisbar[143] und ab 1819 bereits nicht mehr im Dresdner Adreßbuch verzeichnet.[144]

Der Actuar Johann George Burkhardt lebte noch bis (mindestens) 1820 in der großen Meißner Gasse Nummer 10, dann mußte er das Haus offenbar verlassen und ist von 1822 bis 1824 auf der Ritterstraße Nr. 149 zu finden. Diese Straße hatte nicht 149 oder mehr Häuser, sondern gemeint war das Haus Nummer 149 in der Neustadt. Ab 1826 lebte Johann George Burkhardt dann in der Pirnaischen Gasse Nummer 705, dem Haus, in welchem der Buchbinder Friedrich Adolph Burckhardt bereits 1799 wirkte (damals als große Schießgasse 705 bezeichnet).[145]

1829 findet man Johann George Burkhardt im Stadtmagistrat.[146] Seine Berufsbezeichnung lautete General=Accise=Sub=Coinspector, darüber hinaus ist er Coinspector der Kreutzschule (im Missions-Hülfsverein hatte er mit dem Conrector der Kreuzschule, Baumgarten-Crusius, zusammengearbeitet). Bei der Annenschule und Annenkirche und beim Stadtkrankenhaus fungierte er als Inspector, in der Comissionsstube und dem Stadtgericht in Neustadt als Assessor und bei der Personensteuer=Einnahme und dem Sparkasseninstitut als Deputirter. Über ein Engagement bei der Christentumsgesellschaft oder im Missions-Hülfsverein geben die Quellen von 1829 keinen Aufschluß. Vielleicht hat er solches nach 1821 reduziert oder ganz aufgegeben.

Neben der Brüdergemeinde bestand in Dresden ein Zweigverein der deutschen Christenthums=Gesellschaft, die ihren Hauptsitz in Basel hatte, wo sie von dem Augsburger Senior Johann August Urlsperger 1780 gegründet worden war (Anmerkung: Vgl. Ostertag, Entstehungs=Geschichte der evang. Missions=Gesellschaft zu Basel, 1865.). Urlsperger's Vater war früher in Stuttgart Hofprediger gewesen, von dem durchreisenden Aug. Herm. Francke ernst ermahnt, hatte er das sittenlose Treiben des Hofes mit freimüthigem und gewaltigem Zeugniß gestraft, hatte darüber seine Stelle verloren, aber in Augsburg Alles reichlich wiedergefunden. Ein reiches Maß von dem Geiste seines Vaters lebte in Johann August Urlsperger. Mit brennendem Durst nach Wahrheit hatte er in jener Zeit, wo der Unglaube von England und Frankreich her wie eine verheerende Sündfluth über Deutschland hereingebrochen war, alle Lehren dieses Unglaubens durchforscht und klar geprüft; mit dem Resultate dieser Prüfung konnte er dann vor seine Zeit hintreten und sagen: „Eure Philosophie ist Dunst und Lüge. Das Wort Gottes und es allein in alle Ewigkeit ist und bleibt die Wahrheit!“ Nach weiteren Reisen war er in Augsburg Prediger und nach seines Vaters Tode Senior der Augsburgischen Geistlichen geworden. Mit ungewöhnlicher Kraft und Salbung und mit unermüdlicher Hingebung arbeitete er in Augsburg; aber auch die Noth des gesammten deutschen Vaterlandes lag ihm am Herzen. In ihm stieg der Gedanke auf, gegenüber der geschlossenen Macht des Unglaubens eine Vereinigung aller Kräfte der Männer des Glaubens anzustreben. Ueberall hin schrieb er Briefe, über Deutschlands Grenzen hinaus nach Dänemark, Holland, England. Dann ergriff er selbst den Wanderstab und reiste von Land zu Land und klopfte an, wo er nur Eingang zu finden hoffte. Aber bei Vielen wurde er höflich abgewiesen; man hatte allerlei Bedenken. 16 Monate war er herumgezogen und entmuthigten Geistes und gebrochenen Herzens schickte er sich zur Heimkehr an. Die letzte Station, welche er noch besuchte, war Basel, 1780. Hier fand er in der Stadt regen christlichen Lebens die lang ersehnte Auf= [8] nahme. Der Professor D. Herzog ging auf den Plan ein, und am 30. August 1780 constituirte sich der Verein und nannte sich: „Deutsche Gesellschaft zur Beförderung reiner Lehre und wahrer Gottseligkeit.“ Aeltere und neuere Schriften echt christlichen und bibelgläubigen Inhalts sollten möglichst wohlfeil gedruckt und in möglichst weitem Kreise verbreitet werden. Die Mitglieder des Vereins sollten durch unanstößigen christlichen Wandel und durch Werke treuer Liebe auf lebendige Gottseligkeit in der Nähe und Ferne hinzuwirken bemüht sein. Die innere Einrichtung des Vereins war sehr einfach. Ein engerer Ausschuß besorgte die Geschäftsführung; derselbe veranstaltete monatlich eine Versammlung, welche regelmäßig mit Gebet, auch wohl mit einer Schriftlection begann und schloß. Die eingegangenen Briefe - es wurde eine weit ausgedehnte Correspondenz geführt - wurden dabei vorgelesen, die Angelegenheiten des Reiches Gottes besprochen, die laufenden Geschäfte erledigt. Ein Protokoll mit den Verhandlungen und Beschlüssen des Ausschusses wurde ausgefertigt und sammt den wichtigeren Briefen unter den Mitgliedern in Umlauf gesetzt. Nach allen Seiten hin breitete sich der Verein aus unter dem Namen: „Deutsche Gesellschaft zur Beförderung christlicher Wahrheit und Gottseligkeit“. Urlsperger sprach sich über die Ziele der Gesellschaft eingehend aus in dem Schriftchen: „Beschaffenheit und Zwecke einer zu errichtenden deutschen Gesellschaft zur thätigen Beförderung reiner Lehre und wahrer Gottseligkeit.“ (Basel 1781.) Mit Freuden begrüßte der Verein die Anfänge des hereinbrechenden herrlichen Reiches Gottes in den Missionsanstalten, welche von England aus im Laufe des vorigen Jahrhunderts geschahen. Zweigvereine entstanden außer Deutschland im Elsaß, in Holland, Dänemark, Schweden, innerhalb Deutschlands in Nürnberg, Frankfurt a. M., in Preußen, in den sächsischen Ländern, von wo aus Luther's Reformation ein so großes Licht über Europa verbreitete. Der Haupt=Ort der sächs. Particular=Gesellschaft war Dresden, - „in dieser Stadt, sowie überhaupt in ganz Sachsen giebt es noch unter allen Ständen, vom geistlichen und weltlichen Ministerio an bis zu den geringsten Handwerkern und Bauersleuten, Männer, welche sich des Evangeliums von Christo nicht schämen, sondern es mit Wort und Wandel zu [9] bekennen für Seligkeit erachten.“ (Anmerkung: Ostertag, Entsehungsgeschichte etc. pag. 29.) Vorsteher der Dresdener Gesellschaft war um 1819 Burghart

w:de:Christian Friedrich Spittler


Online Archivkatalog des Staatsarchivs Basel-Stadt: CH-000027-1 Staatsarchiv des Kantons Basel-Stadt: PA Privatarchive: Privatarchive Nrn. 651 - 700: PA 653 Christian Friedrich Spittler-Archiv (1609-1970): PA 653a Christian Friedrich Spittler-Archiv (1609-1970): D.D.: Deutsche Christentumsgesellschaft (1777-1839): D. D. 31: Briefe von Burghardt, J. G., Dresden (1811-1821) und D.D. 39 Adressbuch der Deutsch. Christentums Gesellsch. 1818 Neuaufnahmen 1819-1824 (1818-1824)

Stadtmagistrat: Johann George Burkhardt, Adreßbuch Dresden 1829: gr. Schießgasse 705 - Assessor bei der Comissionsstube, und dem Stadtgericht in Neustadt, General=Accise=Sub=Coinspector, Coinspector der Kreutzschule, Inspector der Annenkirche und Schule, ingleichen des Stadtkrankenhauses, auch Deputirter bei der Personensteuer=Einnahme und dem Sparkasseninstitut

Adreßbuch 1827: Actuare: Pirnaische Gasse 705., 1826, 1824: Neustadt, Ritterstraße 149, 1823 ebda., 1822 ebda., 1816: Actuarien: Neustadt, gr. Meißner Gasse 10, 1817 ebda., 1819: ebda. - 1819: Burghardt; George Adolph nicht nachgewiesen, 1820 ebda., 1812: nicht nachgewiesen


1817: Das geheime Finanz=Collegium: George Adolph Burkhardt, Neustadt, gr. Meißner Gasse 10

1816: Das geheime Finanz=Collegium: George Adolph Burkhardt, Neustadt, gr. Meißner Gasse 10

1811: Das geheime Finanz=Collegium: Finanz=Kanzellisten: George Adolph Burkhardt, Neustadt, gr. Meißner Gasse 10, 1812, 1810, 1809

George Adolph Burckhardt, Finanzkanzlist, Kohlmarkt, Neust. 10, Adreßbuch 1799

Friedrich Adolph Burckhardt, Buchbinder, große Schießgasse 705, Adreßbuch 1799

1809: George Adolph

1810: George Adolph

1810: Burkhardt, 1811, 1812, 1816, 1817, 1819, 1820, 1822, 1823, 1824, 1826, 1827, 1829


Brief von Gottfried Burghardt an Gotthilf August Francke (1696-1769). Franckesche Stiftungen, Studienzentrum August Hermann Francke, Archiv und Bibliothek; Missionsarchiv; Signatur: Missionsarchiv / Indienabteilung: AFSt/M 3 H 9 : 46; Memel; Missionsspende; Empfehlung seines Enkels.

Brief von Gotthilf August Francke an Gottfried ? Burghardt. Franckesche Stiftungen, Studienzentrum August Hermann Francke, Archiv und Bibliothek ; Missionsarchiv; Signatur: Missionsarchiv / Indienabteilung: AFSt/M 3 L 6 : 30; Francke, Gotthilf August (1696-1769) an Burghardt, Gottfried; Halle, 28.08.1739; Weiterleitung eines Briefes aus Indien; Tod Ch. F. Pressiers. Pressier, Christian Friedrich (1697-1738)

Brief von Gottfried Burghardt an Gotthilf August Francke. Franckesche Stiftungen, Studienzentrum August Hermann Francke, Archiv und Bibliothek ; Missionsarchiv; Signatur: Missionsarchiv / Indienabteilung: AFSt/M 3 G 6 : 25; Spende zugunsten der Mission in Tranquebar und des Hallischen Waisenhauses.; Siehe auch Missionsrechnung des Jahres 1731: AFSt/M 3 F 5.

Brief von Gotthilf August Francke an Herrn Burghardt. Franckesche Stiftungen, Studienzentrum August Hermann Francke, Archiv und Bibliothek ; Missionsarchiv; Signatur: Missionsarchiv / Indienabteilung: AFSt/M 3 L 7 : 56; Halle; Übersendung der neuesten (45.) Continuation der Halleschen Missionsberichte

Brief von Gotthilf August Francke an Herrn Burghardt. Franckesche Stiftungen, Studienzentrum August Hermann Francke, Archiv und Bibliothek ; Missionsarchiv; Signatur: Missionsarchiv / Indienabteilung: AFSt/M 3 L 8 : 78; Halle; Übersendung der 46. Continuation der Halleschen Missionsberichte.

Dresden um 1820[Bearbeiten]

Siehe:

Die Diaspora Dresden der Brüder-Unität um 1819[Bearbeiten]

Der Lederhändler Christian Jacob Götz um 1819[Bearbeiten]

Im Hause des Lederhändlers Christian Jacob Götz fanden ab 1816 (nach anderer Angabe ab 1817) unregelmäßige kleinere Versammlungen der Gesellschaft der Missionsfreunde statt. Seine Adresse war an der Frauenkirche 631. Dieses Haus lag zwischen dem rechten Eckhaus der großen Fischergasse (seit 1849: Münzgasse) und dem Hotel und Gasthaus Stadt Petersburg. Da auch das benachbarte Eckhaus große Fischergasse 630 von der vermögenden Familie Götz aufgekauft worden war, fanden die Versammlungen wahrscheinlich in dem großen Hof statt, der über beide Gebäude erreichbar war. Wahrscheinlich befand sich auf diesem Hof der Versammlungssaal der Diaspora, wie die Versammlungsadressen vermuten lassen. Dem Haus Nr. 630 gegenüber lagen die Häuser große Fischergasse 617 und 618 (das Gasthaus goldnes Faß). Die Götzschen Häuser Nr. 630 und 631 wurden bei der Neunumerierung 1839 zum Haus An der Frauenkirche 6/7 zusammengefaßt (damit schied das Eckhaus aus dem alten Fernweg der großen Fischergasse aus). Der detaillierte Stadtplan von 1862/1870 zeigt den Hof, von den Häusern 70 und 71 umgeben. Münzgasse Nummer 70 ist die ehemalige große Fischergasse 630, wobei zu beachten ist, dass dieses Haus bis zur Ecke ging und 1839 in an der Frauenkirche 6 umbenannt wurde. Die Zeichnung ist diesbezüglich ungenau, weil sie als Nr. 71 die bereits verbundenen Häuser an der Frauenkirche 6/7 als Nr. 71 darstellt. Tatsächlich war das Haus Nummer 71 lediglich die ehemalige an der Frauenkirche 631 zwischen dem Eckhaus und dem Gasthaus Stadt Petersburg und nicht das Eckhaus.

Stadtplan mit An der Frauenkirche 6 u. 7 (Ecke Münzgasse) 1862/70

Die größeren Versammlungen der Gesellschaft der Missionsfreunde gab es nach wie vor in Klotzsche in der Schule, im Erbgericht oder im Schänkhübel. Die Missionsfreunde aus Klotzsche, Lausa, Hermsdorf, Wilschdorf, Grünberg und den umliegenden Orten dominierten in der Gesellschaft. Das Seminar des Missions=Hülfsvereins wurde 1832 auch nicht in Dresden, sondern in Grünberg gegründet. Um 1835 übernahm der Besitzer des Klotzscher Erbgerichts Clemens Hofmann auch den Schänkhübel und ließ dort 1835/36 ein neues Gasthausgebäude errichten. Es ist bezeichnend für diese Zeit, daß sowohl der Versammlungsort am Schänkhübel als auch das (Doppel)Haus von Christian Jacob Götz an dem uralten Fernverbindungsweg von Nürnberg nach Bautzen lagen. Offenbar wurde seinerzeit auch hinsichtlich der notwendigen Wegestrecken noch sehr ökonomisch gedacht.

Bei Christian Jacob Götz fanden schon länger (vermutlich seit 1801 oder unwesentlich später) sowohl die sonntäglichen öffentlichen Betstunden der Herrnhuter als auch Betstunden für Mitglieder am Mittwoch und Freitag statt. Er bildete 1819 mit dem Weinhändler Löschke[147] die Spitze der Herrnhuter Brüdergemeine Dresden.

1818 wurde ein Verbot der Konventikel gefordert. Daraufhin erklärte das sächsische Ministerium durch eine Verfügung vom 21. Dezember 1818

  • wenn sich Leute abends durch Vorlesung der Bibel, des Gesangbuches und anderer theologischer Schriften häuslich erbauten, so sollte ihnen dieses Beförderungsmittel wahrer Religiosität nicht entzogen werden; übrigens pflegten in religiösen Angelegenheiten, wobei das Gemüt angeregt würde, Verbote mehr zu reizen als abzuschrecken.[148]

Gewiß schlug das Herz der Diasporageschwister für Herrnhut. Doch nie nahm die Brüdergemeine diese Neigung eifersüchtig für sich allein in Anspruch, sondern wies sie statt dessen auf den Heiland und die angestammte Kirche hin. So wurde die Liebe der Diasporageschwister der heimischen Kirche nicht entzogen, sondern diese vereinigten beides: die Hinneigung zu Herrnhut und die Anhänglichkeit an ihre Kirche, wie heutigentags mancher einer großen auf der Lehre von der Gemeinschaft der Gläubigen und von der unsichtbaren Kirche begründeten Verbindung angehört, aus ihr für sein inneres Leben Kraft und Segen schöpft, nichtsdestoweniger aber mit allen Fasern seines Herzens an seiner Landeskirche hängt.[149]

Die Diasporageschwister haben jederzeit den Ruhm treuester Kirchlichkeit davongetragen. Zahlreich sind die Zeugnisse von Geistlichen, die in ihnen den Kern und den Stern ihrer Gemeinden sehen. Eine Schildwache nennt ein Pastor eine arme Diasporaschwester seiner Gemeinde: Tag und Nacht habe sie mit Gebet und Flehen für die ganze Gemeinde auf dem Posten gestanden. Bei den amtlichen kirchlichen Visitationen konnten die Visitatoren stets berichten, daß die Freunde der Brüdergemeine zu den besten Kirchkindern zu rechnen seien.[150]

Allein man sehe sich die originalen Laiengestalten in der Diaspora an, die den Geist der Brüdergemeine auf sich haben wirken lassen, einen Götz und einen Löschke in Dresden, einen Lenz und einen Fürstenberg im Warthebruch, einen Kottwitz in Berlin, einen Stobwasser in Braunschweig, einen Wagner in Halle, einen Staudte und einen Grimmer in Thüringen u. a. m. Entsprechen sie etwa dem von Eitschl gezeichneten Bilde? Von Sektiererei und Separatismus ebenso wie von einem in müßiger Beschaulichkeit geführten Leben weit entfernt haben sie die Verfassung der Kirche nicht entnervt und entwürzt, sondern sie und ihre Genossen sind ein Salz der Kirche gewesen und haben dazu beigetragen, daß für die Kirche eine neue Zeit mit neuer Kraft und neuem Leben hereingebrochen ist.[151]

Diese Leute sind die treusten Anhänger der evangelischen Landeskirche, die fleißigsten Teilnehmer an den öffentlichen Gottesdiensten und der heiligen Abendmahlsfeier und nur in dem Sinne Separatisten, daß sie sich von Sonntagsentheiligungen durch Kruglustbarkeiten, von Spielgesellschaften und Tanzgelagen entfernt halten und in stillem, häufig kontemplativem, doch der Tätigkeit für die Welt nicht entfremdetem und in der Regel reinerem Leben ihre Ehre und Freude suchen.[152]

Denn jeder einzelne von ihnen übte nicht nur auf seine Familienglieder einen Einfluß aus, sondern wurde auch für seine ganze Umgebung ein Licht und ein Feuer, woran sich manches laue Herz erwärmen, manches kalte entzünden konnte. Wie die Herrnhuter selbst predigten auch die Diasporageschwister ohne viele Worte durch den Geist der Demut, der Liebe und des Friedens. Von den einzelnen Diasporagesellschaften, den verbundenen Häuflein, trifft zu, was von dem Segen der kleinen vertraulichen Versammlungen überhaupt gilt: sie bilden einen fruchtbaren Lebensherd in einer Gemeinde. Nicht nur daß sie ihre Mitglieder zu christlichen Charakteren heranziehen, nicht nur daß sie dem Pastor die treuste Hilfe und Fürbitte gewähren, sondern „durch ihre bloße Existenz schon sind sie geeignet, die große Ewigkeitsfrage auch in der Umgebung zu wecken und wach zu erhalten, sie haben eine evangelisierende Wirkung". !Mit Dank erkannte daher der Vertreter einer kirchlichen Behörde bei der Feier von Zinzendorfs 200jährigem Geburtstag den Segen der Diaspora an: „Bis heute gibt es noch hier und da Häuflein von Stillen im Lande, die das Salz der Gemeinden geworden sind und ein Herd, von dem Segen ausging." Dadurch daß diese Gemeinschaften untereinander zusammenhingen, überbrückten sie die vielen Landes- und Kirchengrenzen und hielten den kirchlichen Einheitsgedanken, den Glaubenssatz von der Gemeine der Heiligen wach.[153]

Reicher Segen erwuchs aus dem Diasporawerk der Äußern Mission. Zu einer Reihe von Missionsgesellschaften (z. B. Basel, Dresden, Berlin [...]) und Missionsvereinen (z. B. Stettin, Quedlinburg, Burg, Ostfriesland, Lüneburger Heide, Halle, Hohenfinow u. a.) gaben Diasporageschwister mehr oder weniger die erste Anregung, und wo die Gründung eines Missionsvereins von einer andern Seite ausging, gehörten sie zu den eifrigsten und opferfreudigsten Mitgliedern. Sie waren ja durch ihre Verbindung mit der Brüdergemeine schon längst für die Müssion gewonnen und waren nun mit Herz und Hand dabei, als für die Landeskirchen ein Missionszeitalter anbrach. Fast alle, die im Anfang des 19. Jahrhunderts durch den von England ausgehenden Missionsgeist ergriffen wurden, hingen mit der Brüdergemeine zusammen. Zur Belebung des heimatlichen Missionssinnes trug auch der Umstand bei, daß die Diasporaarbeiter häufig ausgediente Missionare waren. Wenn sie die ihnen anvertrauten Diasporabezirke bereisten, blieb es nicht aus, daß sie allenthalben aus eigner Anschauung die großen Taten Gottes verkündeten, die er in der Heidenwelt hatte geschehen lassen.[154]

Aus der Diaspora rekrutierten sich endlich zum Teil die Missionare der Brüdergemeine und auch die anderer Missionsgesellschaften. Ihre Zahl läßt sich leider auch nicht einmal annähernd feststellen, zumal da mancher Diasporabruder, ehe er zu den Heiden auszog, vorher förmlich der Brüdergemeine beigetreten war. Allein wie Heinrich Tschirpe, 1792 bis 1802 Missionar in Antigua und 1803 bis 1809 brüdergemeindlicher Prediger in Berlin, bei den Diasporageschwistern seiner Vaterstadt Buttstädt, den sogenannten „Verdächtigen", für sein inneres Leben Halt und Nahrung fand, wie einer der sieben ersten Missionszöglinge Jänickes — Langner — zur Sozietät von Berlin gehörte, wie die drei ersten Missionare Pommerns, Töllner, Krohn und Brinkmann, aus der dortigen Diaspora stammten, wie der erste Missionar der Dresdner Missionsgesellschaft, Werner, durch die Missionsnachrichten, die in den Versammlungen der Brüdersozietät und der Christentumsgesellschaft vorgelesen wurden, zum Missionsdienst erweckt' wurde[155], wie der Goßnersche Missionar Ziemann, der Held von Ghazipur, nicht nur infolge der Einwirkungen des väterlichen Hauses in Gr. Wudicke, sondern auch in seiner Eigenschaft als Diasporahelfer in Zabakuk als eine Frucht der Diaspora anzusehen ist[156] - wie die innig fromme Missionarsfrau Hansine Hinz-Fogdal durch einen Diasporaarbeiter zu innerm Leben erweckt wurde[157], wie der Missionsdirektor Wallmann als Kandidat eine brüdergemeindliche Diasporagemeinschaft leitete, und wie beide Eltern seines Amtsnachfolgers Wangemann Familien entsproßten, die sich zur Brüdergemeine rechneten[158], — so haben ohne Zweifel viele Söhne der Diaspora dem Herrn an den Heiden gedient. Dadurch wurde aber wiederum rückwirkend in ihrem Eltemhause, vielleicht auch in ihrem Heimatort die Liebe zur Mission erweckt und gestärkt.[159]

Aus diesen Gründen wird die Diaspora geradezu die „Quelle des Missionslebens", „der Fruchtboden für die Äußere Mission" genannt, und Professor Wameck urteilt: „Daß die Funken des Missionsfeuers, die von England nach Deutschland hinüberflogen, zündeten, war zu einem bedeutenden Teile dem verborgenen Einfluß zu danken, welchen die Brüdergemeine namentlich durch ihre Diasporatätigkeit übte. Fast überall, wo die deutsche Missionsbewegung einsetzte, stehen wir auf einem durch die Brüdergemeine direkt oder indirekt vorbereiteten Boden." „Die Missionsbewegung des 19. Jahrhunderts hat in ausgedehnterem Maße, als sich mit Einzeltatsachen belegen läßt, von Herrnhut her Anregungen empfangen."[160][161][162]

Fortwährend wurde deshalb den Diasporageschwistern eingeschärft, daß sie treue Religionsleute bleiben müßten. 1765 wurde in der Helferkonferenz einmal die Frage aufgeworfen, was ein Diasporabruder sei, und die Antwort erteilt: „Ein Diasporabruder ist ein in Jesu Blut gewaschenes Herz, ein treues Kirchkind und seiner Obrigkeit gehorsam und Untertan." Die Diasporageschwistor wurden gefragt, ob sie für ihre Pfarrer beteten und ermahnt, sie zu lieben und zu ehren sowie Advokaten ihrer Prediger zu sein. Die Kirchen sollten ihnen angenehme Häuser sein. „Der Heiland gewinnt mehr, wenn wir treu sind, als wenn wir räsonieren." Ebenso wurde von der Nachahmung der brüderischen Sitten und Gebräuche abgeraten. Vor dem Nachäffen der Gemeindeeinrichtungen, was bei der Nähe Herrnhuts sehr leicht geschah, solle man sich hüten wie vor der Pest. Nicht auf Zeremonien komme es an, sondern auf den Umgang mit dem Heiland. Darum sollten die Diasporageschwister ihre Kinder nicht in die Gemeinde zur Erziehung schicken. Brüdergemeindliche Ausdrücke sollten sie meiden, und die landeskirchlichen Gewohnheiten sollten ihnen heilig sein. Selbst als sich einmal jemand mit Posaunenmusik beerdigen ließ, hegte man Bedenken; es könnte als Schwärmerei ausgelegt werden. Als Ergebnis dieser Bestrebungen konnte 1785 mit Genugtuung darauf hingewiesen werden, daß die Geistlichen den Diasporageschwistern günstig gesinnt seien. Der Separatismus sei fast ganz zerstört. „Alle Prediger wissen, daß wir keine Gemeinschaft mit denen haben, die die Kirche verlassen und von ihren Predigern nicht mit Achtung sprechen. Wir tragen darauf an, daß unsere Bekannten in den Religionen allezeit die besten Kirchkinder sind."[163]

Hohen Wert legte man auf einen sittlich unanstößigen Lebenswandel. „Die Welt muß aus unserm Exempel sehen, daß wir mit Christi Blut gewaschen. Lieber ein klein Häuflein, das rechtschaffen ist, als ein großer Haufe, davon der Heiland keine Ehre hat." Neben demütigem Sinn, [...], Hausandacht u. a. wurden vor allem Arbeitsamkeit und Armenpflege befürwortet. Seit den siebenziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts wurde ja überall das Armenwesen nach christlichen Grundsätzen geregelt. In der oberlausitzischen Diaspora geschah dies schon seit 1762. Niemand, so wurde bestimmt, solle betteln, sondern jeder sich durch Arbeit sein Brot verdienen. „Wer aus Nachlässigkeit seines Berufes nicht wartet und betteln geht, der kann nicht unter uns sein." Die Helfer sollten sich der Armen ihres Ortes annehmen, sich erkundigen, ob sie ihr Brot hätten und ihnen verneinenden Falles verdienstreiche Arbeit verschaffen, ihnen überhaupt mit Rat und Tat beistehn. Finde jemand keine Arbeit, oder könne er sich Alters oder Krankheits halber seinen Lebensunterhalt nicht erwerben, so solle man ihn unterstützen. Ebensowenig sollte jemand seinen Beruf vernachlässigen, um die gottesdienstlichen Feiern der Brüdergemeine aufzusuchen. Man solle lieber auf den Gang nach Herrnhut verzichten, als daß dadurch ein Schaden entstehe.[164]

Jedoch waren gerade in der Oberlausitz sehr viele landeskirchliche Geistliche der Unität zugetan. Sie hielten sich zur Herrnhutischen Predigerkonferenz und pflegten in ihren Gemeinden sowohl die Liebe zur Brüdergemeine als auch die Sinnesart der Brüder. Wenn der Superintendent Tittmann in Dresden der Predigerkonferenz 1795 einen Gruß bestellt und dabei das Lob ausspricht, daß in der Oberlausitz noch offene Ohren für das wahre Evangelium zu finden seien, wenn noch in der Neuzeit „ein großer Schatz tiefer und wahrer Frömmigkeit in dem Lausitzer Völkchen vergraben liegt", so ist dies wenigstens zu einem bedeutenden Teile der treuen, die Gemeinden mit ihrem Geist durchdringenden Diasporaarbeit der Brüdergemeine zuzuschreiben.[165]

1822: Weinhändler: Löschke und Peyer

Die ersten Dresdner Missionare[Bearbeiten]

Schon vor Begründung des Dresdner Hilfsvereins waren zwei junge Männer, Beckauer und Werner, nach Basel gegangen.

Fünfzig Jahre der Missionsthätigkeit im Königreiche Sachsen, 1869, S. 23.

Der evangelische Missionsgedanke[Bearbeiten]

1706 entwickelte die Dänisch-Hallesche Mission[166] auf pietistischer Grundlage die erste protestantische Mission in der protestantischen Kirchengeschichte, indem sie die deutschen Missionare Bartholomäus Ziegenbalg[167] und Heinrich Plütschau[168] in die Handelsstadt Tranquebar[169] im südindischen Tamil Nadu[170] aussandte.

Die 1722 gegründete Brüder-Unität sandte erstmals am 21. August 1732 zwei junge Männer aus Herrnhut auf den Weg zu den Sklaven auf der Zuckerrohrinsel St. Thomas in der Karibik[171].


  • Auf August Hermann Francke (1663-1727) geht vor allem die Betonung der sozialen und pädagogischen Verantwortung innerhalb der Gesellschaft zurück, aber auch die Offenheit zur Weltmission. Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700-1760), ein Schüler Franckes, selbst hochmusikalisch, unterstrich die Wichtigkeit der Gemeindemusik, überkonfessionelle Weite, die Bedeutung von Bruderschaft und eine intensive Jesusverbundenheit.[172]
  • Hatten im 18. Jahrhundert die offiziellen Kirchen, vor allem unter dem Einfluss der Aufklärung, dem Pietismus kritisch, ja feindlich gegenübergestanden, so brachte die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die in verschiedenen Landesteilen Deutschlands aufbrechende Erweckungsbewegung eine Versöhnung zustande; der Pietismus wurde orthodox und die Orthodoxie pietistisch (K. D. Schmidt).[173]

Carl Wilhelm Beckauer[Bearbeiten]

Carl Wilhelm Beckauer, geb. 9. Juni 1788 war von früher Jugend an zum Herrn gezogen. Sein Vater war Schlossermeister in Dresden, seine Mutter, durch manche schwere Leidensstunde geläutert, war eine fromme Frau, welche auch an den Versammlungen der Gläubigen mit ihren Kindern Theil nahm. Bei dem Gerber Münch, bei dem die deutsche Gesellschaft in [24] Dresden ihr Entstehen nahm, wurden die Baseler Nachrichten gelesen, Erfahrungen gläubiger Seelen mitgetheilt und besprochen und auch von Missionaren erzählt. Die Geschichte eines jungen Mannes, der sich durch keine äußeren Vortheile hatte abhalten lassen, ein Bote des Evangeliums zu werden, hatte einen besonders tiefen Eindruck auf den kleinen Beckauer gemacht. Mancherlei ernste Erfahrung, der Tod eines sehr von ihm geliebten Mitschülers, eine gnädige Lebensrettung, als er einst auf dem Eise einbrach, und dergleichen richteten seinen Sinn frühzeitig auf die himmlischen Dinge. Die Lehrjahre, er lernte bei seinem Vater, gingen mit ihren mancherlei trüben Erlebnissen dahin; in den Freistunden war das Lesen der Baseler Sammlungen seine besondere Lust, und der Wunsch, selbst einmal mit aller Selbstverleugnung unter den Heiden das Evangelium predigen zu dürfen, wurde in seinem Herzen immer lebendiger. Als in Dresden 1812 für die nach Rußland marschirende Armee Recrutirungen ausgeschrieben wurden, mußte auch Beckauer sich zur Stellung einfinden; auf eine unerwartete Art ward er frei, er schreibt, er habe es vom HErrn aber auch erbetet und Ihm gelobt, wenn Er ihm helfen würde, so wolle er sich Seinem Dienste unter den Heiden hingeben. Er arbeitete darauf in Berlin, lernte dort christliche Gesellschaften kennen, besuchte die Predigten Jänicke's und die Missions=Versammlungen und wurde immer mehr in christlicher Erkenntniß gefördert. Nach Dresden zurückgekehrt, mußte er wieder bei seinem Vater arbeiten, erlebte die Schrecken der Belagerung, den Tod seiner Mutter an dem während der Belagerung in der Stadt heftig wüthenden Nervenfieber, sowie schwere Krankheit seines Vaters und seines Bruders. Alle diese Noth brauchte der Heiland dazu, um ihn von den Schlacken dieser Welt zu reinigen und von der Nichtigkeit alles Irdischen zu überzeugen. Zu Michaeli 1815 erhielt Beckauer von einem gläubigen Candidaten, Reichardt, welcher eine kleine Privatschule leitete, die Aufforderung, in der unteren Classe einige Stunden zu geben. Nach einigem Schwanken nahm er dieselbe an, arbeitete des Nachmittags und Abends tüchtig in der Schlosserwerkstätte mit seinem Vater, des Morgens gab er in Reichardt's Schule den Kleinen Unterricht im Lesen, Rechnen, Schreiben und sogar in den Anfängen des Lateinischen. Als sein Vater im August 1817 starb, widmete er sich ganz der [25] Schulthätigkeit. Nun aber wurde in ihm das Verlangen, Missionar zu werden, stärker. Durch Leonhardi's Vermittelung wandte er sich nach Basel, trat im J. 1818 in das dortige Missionsinstitut ein und erwarb sich daselbst große Liebe und Achtung durch seinen fleißigen, stillen Wandel, durch seine glühende Begeisterung für seinen heiligen Beruf bei tiefster Demuth und ernstestem Ringen nach Heiligung. Schon im Jahre 1821 wurde er, als zum Missionsberufe tüchtig, in Stuttgart ordinirt und zum Missionar nach Sierra=Leone in Westafrika in den Dienst der englisch=kirchlichen Missionsgesellschaft berufen. Es war auf jenem Gebiet ein großer Mangel von Arbeitern, binnen 6 Jahren waren 20 Missionare daselbst gestorben, und doch war es ein so bedeutendes Feld, das zu bebauen nothwendig war. Um die aus der Sclaverei befreiten Neger zu schützen und geistlich und körperlich zu fördern, hatte ein kleiner Verein in London um's Jahr 1787 einen Theil des Küstenstriches von Sierra Leone angekauft. Es ist eine malerische Halbinsel in Westafrika mit grünbewachsenen Bergen, hohen Palmbäumen, aber freilich auch mit bösen Fiebern während der Regenzeit. Im Jahre 1792 wurde die Stadt Freetown gegründet, die zwar 1794 von einer französischen Flotte in Brand gesteckt ward, aber im Jahre 1798 neu aufgebaut wurde. Freetown d. h. Freistadt wurde sie genannt, weil in ihr ein freies Negervolk erzogen werden sollte. Von Jahr zu Jahr mehrte sich die Einführung befreiter Neger, die in dem erbärmlichsten, rohesten Zustand ankamen. Im Jahre 1816 hatte die Colonie schon fast 10,000 Einwohner. Da war ein von Gott wunderbar bereiteter Boden für die christliche Liebe, welche sich dieser elenden, hilflosen Neger erbarmen sollte. Verschiedene Missionsgesellschaften schickten Missionare hierher, eine Missionsstation nach der andern entstand im Lande, und wo Anfangs elende Baracken mit schmutzigen Bewohnern sich befanden, erhoben sich bald freundliche Straßen mit Kirchen, Häusern und Hütten, und ein geordnetes christliches Leben begann sich zu entfalten. In dieses Arbeitsgebiet wurde der erste unsrer von Dresden ausgegangenen Brüder, Beckauer, gerufen. Mit großer Freude folgte er dem Rufe. In London wohnte er den großen Maiversammlungen bei und verließ mit noch mehreren anderen Brüdern London im October 1822; nach einer ziemlich unruhigen Seefahrt kam er [26] am 10. Jan. 1823 in Sierra Leone an und ging nach der gesünder an den Bergen gelegenen Stadt Regentstown. Seine Erwartungen von den Erfolgen der Mission wurden noch übertroffen von dem, was er sah. Früh und abends kamen eine große Anzahl in die Kirche zur Morgen= und Abendandacht; Abends nach der Andacht war für Erwachsene im Schulhause Abendschule, etwa 200 Männer und Frauen benutzten dieselbe, um Lesen und Schreiben zu lernen. Es war keine leichte, aber doch eine gesegnete und erfolgreiche Arbeit. Wenn ein neuer Transport von Negern ankam, so wurden dieselben unter die älteren vertheilt, und diese, weil sie wußten, wie sie selbst einst ebenso roh, wild und ungebildet gewesen waren, als sie hier ankamen, hatten Geduld und Mitleid mit den neuen Ankömmlingen, und so wuchs denn von Jahr zu Jahr die Schaar der christlichen und gesitteten Neger. Beckauer schreibt: „Als ich den ersten Sonntag meines Aufenthaltes in Regentstown auf dem Altan stand und sahe, wie die Leute, reinlich und anständig gekleidet, auf drei Hauptwegen zur Kirche kamen, konnte ich diesen Anblick kaum ertragen, mein Herz und Augen flossen über mit Thränen der Freude und des Dankes gegen Gott für Seine herrlichen Thaten, die Er an den Menschenkindern aus allen Sprachen und allen Geschlechtern thut. Könnte ich dies den Gegnern und Denen, welche noch nicht für die Mission sind, zeigen, die meisten würden dafür gewonnen werden.“ So steht er denn mit freudigem Danke gegen Gott auf dem Arbeitsfeld und ist bereit zur Verkündigung des Evangeliums; treue Gebete und herzliche Wünsche begleiten ihn, besonders aus Dresden; aber des HErrn Wege sind oft wunderbar und schwer zu verstehen. Schon Anfang Februar zeigten sich bei Beckauer einige Anzeichen des Fiebers, welches seine Kräfte seht mitnahm; doch schien er sich wieder davon zu erholen. Mit dem Glaubens=Muthe eines Gottes=Streiters bezog er den entfernten, ihm zugewiesenen Missionsposten, die Negerstadt York mit etwa 500 Einwohnern. Nur einige Monate sollte er hier sein. „Ich darf glauben,“ schreibt er in seinem letzten Briefe, „daß in mehreren Negern meiner Gemeinde ein Werk Gottes begonnen hat; da sie aber mit dem Willen Gottes noch gar unbekannt sind, so kommen öfters Dinge vor, die einem Jünger Christi nicht geziemen. So viel ist mir klar, daß viel Gebet, Geduld und Beharrlichkeit auf diesem Posten [27] erforderlich ist. In der Tagesschule unterrichte ich 14 Schüler und am Abend 16 Jünglinge. Möge der Herr jeden Versuch segnen, unter den Negern dieser Station die Erkenntniß seines Heils zu verbreiten, und sie durch seinen heiligen Geist auf den Weg seiner seligmachenden Erkenntniß führen.“ Kurze Zeit arbeitete er daselbst mit aller Treue. Da brach im Sommer das gelbe Fieber mit erneuter Heftigkeit aus und am 3. Juli 1823 wurde Beckauer von demselben dahingerafft. Einer seiner Freunde schreibt über ihn aus Sierra Leone: „Einen gewissenhafteren Christen habe ich nicht kennengelernt. Er war einem Kinde gleich, das sich bei jedem Schritte vor dem Falle fürchtet. Das Wort Gottes war die einzige Richtschnur seines Lebens. Nie hat er sich in Streit über dasselbe eingelassen, und hielt es immer für's Beste, das Wort Gottes zu nehmen wie es ist. Er hat bei allen Negern unserer Gegend das Zeugniß eines wahren Kindes Gottes zurückgelassen.“ - Sein Andenken bleibe auch unter uns im Segen. Aus der Schlosserwerkstätte in Dresden hat ihn die Liebe Christi hinüber in's heiße Afrika unter die elendesten Neger getrieben; nun ruht er da drüben unter den Palmen, und auch von ihm gilt Zinzendorf's Wort:

Es wurden Viele ausgesät,
Als wären sie verloren;
Auf ihren Gräbern aber steht:
Dies ist die Saat der Mohren!


Fünfzig Jahre der Missionsthätigkeit im Königreiche Sachsen, Dresden 1869, S. 23, 24, 25, 26, 27.

Friedrich Werner[Bearbeiten]

Fr. Werner hatte schon von früher Kindheit an durch die Pflege frommer Eltern die erste christliche Anregung erhalten. Auf der Kreuzschule zu Dresden wurde er durch den Unterricht des Conrector Baumgarten=Crusius von der Vernunftmäßigkeit und Göttlichkeit der heiligen Schriften überzeugt und immer mehr in der Erkenntnis gefördert und im Glauben befestigt. Er besucht die Versammlungen der deutschen Christenthums=Gesellschaft und der Brüdersocietät in Dresden, welchen beiden Gesellschaften seine Eltern als Mitglieder angehörten, und hier wurde durch die Vorlesung der "Sammlungen für Liebhaber christlicher Wahrheiten", und der "Nachrichten aus der Brüdergemeinde" und insbesondere der Berichte der Jänicke'schen und der Brüdergemeinde=Missionare der Entschluß zum Missionsdienst in ihm geweckt. Durch Vermittelung Leonhardi's trat er mit Blumhardt in Correspondenz und ward im Mai 1819 in das Baseler Missionhaus aufgenommen. Im Jahre 1821 wurde er von der Baseler Missions=Gesellschaft nach Halle gesendet. Der Vorsteher der Halle'schen Mission, Prof. D. Knapp, hatte sich aus Basel zwei Missionare erbeten, damit er dieselben, nach weiterer Vorbereitung auf der Universität, nach Ostindien senden könne in den Dienst der englischen Gesellschaft zur Verbreitung christlicher Erkenntniß, welche die meisten Stationen der Halle'schen Mission übernommen hatte. Nach einjährigem Aufenthalte in Halle sah sich Werner durch Kränklichkeit veranlaßt, den Gedanken an den Missionsberuf aufzugeben und wirkt nun in Segen seit 1825 im Dienste der vaterländischen lutherischen Kirche als Pfarrer in Rammenau bei Bischofswerda.

Fünfzig Jahre der Missionsthätigkeit im Königreiche Sachsen, 1869, S. 23.


Seit 1786 erschienen als Organ die monatlichen »Sammlungen für Liebhaber christlicher Wahrheit«. - Christentumsgesellschaft, Deutsche In: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1906, S. 105.

In ihrer Zeitschrift Sammlungen für Liebhaber Christlicher Wahrheit und Gottseligkeit wurden Missionsnachrichten aus allen Erdteilen publiziert, die Steinkopf aus England vermittelte. So kam man zu der Überzeugung, selbst die Missionsarbeit unterstützen zu müssen und gründete 1815 als Tochtergesellschaft eine evangelische Missionsanstalt in Basel. BASLER MISSION bei Württembergische Kirchengeschichte Online

Sammlungen fuͤr Liebhaber christlicher Wahrheit und Gottseligkeit, Bey Johann Heinrich Decker, Basel Vom Jahre 1792

1792

Erweckungsbewegungen (Schweiz)1802 die Gesellschaft zur Verbreitung erbaul. Schriften, 1804 die Bibelgesellschaft

Blumhardt besorgte besonders die Redaction der „Sammlungen für Liebhaber christlicher Wahrheit und Gottseligkeit“. Die Zeitschrift liefert in diesem Jahre bereits das 104. Bändchen. Aber im J. 1807 verlor S. auch seinen Freund Blumhardt, welcher von seiner Behörde zurückberufen wurde. Das vielverzweigte Secretariat der Gesellschaft blieb nun ganz an ihm hängen und der arbeitliebende junge Mann erledigte alles mit der größten Gewissenhaftigkeit und Pünktlichkeit. Für die „Sammlungen“ hatte er jetzt zu sorgen. w:wikisource:de:ADB:Spittler, Christian Friedrich (Bd. 35, 1893)

gedruckt bey Felix Schneider, Basel Vom Jahre 1812

1820: "Baseler Gesellschaft zur Verbreitung des Christenthums unter den Juden"

46. Jahrgang 1828 24 1/2 Bogen, 16 gr.

Sammlungen für Liebhaber Christlicher Wahrheit und Gottseligkeit Basel, gedruckt bei Felix Schneider Vom Jahre 1860 - 382 Seiten Vom Jahre 1861 - 382 Seiten 11. - 12. - 13. Rundschreiben an die Freunde der Pilger Mission Basel 1859 - 16 Seiten, 1860 - 10 Seiten, 1861 - 16 Seiten

Sammlungen für Liebhaber christlicher Wahrheit und Gottseligkeit (1858), (1864)

Sammlungen für Liebhaber Christlicher Wahrheit und Gottseligkeit. 1911

UB Basel, Archiv der Deutschen Christentumsgesellschaft

August Heinrich Dittrich[Bearbeiten]

Im Jahre 1819 war von Dresden aus als Missionszögling nach Basel gegangen August Heinrich Dittrich, der Sohn eines Bauern im Dorfe Fürstenau, geb. 15. Febr. 1797. Der reich begabte Knabe wurde bis zu seinem 13. Jahre in der Dorfschule unterrichtet, dann nahm ihn sein älterer Bruder, welcher Pfarrer in Dittersdorf geworden war, zu sich und bereitete ihn mit solchem Erfolge für das Gymnasium vor, daß er im Jahre 1812, fünfzehn Jahre alt, dem Rector des Freiberger Gymnasii, Gernhard, bei der ersten Vorstellung sogleich lateinisch antwortete und von diesem in die erste Klasse des Freiberger Gymnasii aufgenommen ward. Er überragte seine Altersgenossen vielfach an Wissen, besonders war die Geschichte sein Lieblingsgebiet, unaufhörlich las er die alten Historiker in der Ursprache, Thucydides und Polybius, Sallust und Tacitus; nach ihren Helden [28] bildete er sich seine Moral und Klugheitslehre; ja auch die Schriften Machiavelli's, Montesquieu's und dann Joh. v. Müller's studirte er eifrig, besonders angeregt durch seinen Freund Bülau. Sein Ehrgeiz wuchs immer mächtiger: Feldherr und Staatsmann wollte er werden, das waren die Laufbahnen, in denen er sich Tag und Nacht herum träumte. Daraus entstand eine gänzliche Gleichgültigkeit gegen die Religion, worin er noch durch ein aus dem Englischen übersetztes Buch „über die natürliche Religion“ bestärkt wurde. Denn nur vorübergehend hatte die ernste Vorbereitung zur Confirmation und diese selbst auf das der Welt so völlig zugekehrte Gemüth des Knaben gewirkt, und mit innerem Widerstreben hatte es ihn erfüllt, wenn sein Bruder öfter den Wunsch aussprach, er solle Theologie studiren und gar einmal davon sprach, als ein entfernter Verwandter von ihm, Jacobi, Missionar wurde, welche Freude es ihm bereiten würde, wenn auch er, August, einmal diesen Beruf erwählen würde. In Freiberg fand der junge Dittrich durch die väterliche Liebe des Rector Gernhard viele Gönner, die den tüchtigen, aber sehr armen Gymnasiasten unterstützten. Auch der berühmte Mineralog Werner gehörte zu seinen Gönnern; der junge Dittrich durfte zuweilen zu ihm kommen, und da zeigte ihm Werner nicht blos seine Steine und Bilder, sondern er sprach mit ihm, wie er das mit Kindern gern zu thun pflegte, von biblischen Geschichten, bestärkte ihn in seinem Eifer, mahnte ihn, auch die hebräische Sprache zu lernen, damit er die heilige Schrift in ihren Grundsprachen lesen könne, ja, er schenkte ihm sogar eine hebräische Bibel, die noch in späteren Jahren unserm Dittrich ein theueres Erinnerungszeichen an seinen edlen Wohlthäter war. (Anmerkung: Was Werner im Hause seines Vaters und dann von frommen Lehrern in der Waisenhausschule zu Bunzlau bis zu seiner Confirmation in seinem Herzen empfangen hatte, blieb bis zu seinem Ende ein wesentliches Eigenthum seines Gemüthes, „das Geheimnis, welches unverrückt über seiner Hütte blieb“ (Hiob 29,4.), für Diejenigen freilich nicht erkennbar, welche nach dem urtheilten, was ihnen vor Augen lag; Andere aber bezeugen, daß Werner im Umgange mit Kindern, als besuchender Wohlthäter und Tröster in den armen Hütten manches einfältig gläubigen Bergmanns mit den äußeren Gaben gerne auch jene inneren mittheilte, von denen die Gelehrten und Gebildeten, die von der Welt Hochangesehenen vielfach nicht wußten, wohl aber die Kleinen und Armen, die Stillen im Lande.) Diese Mahnungen waren nicht vergeblich, Dittrich lernte hebräisch, trieb sogar auch arabisch, [29] aber zum Studium der Theologie konnte er sich nicht entschließen. Sein Herz war durch den rationalistischen Religionsunterricht immer mehr von Gott entfremdet worden; seine Ehrbegierde hatte ihn dazu getrieben, wider den Wunsch seines Bruders und des Rectors an dem Feldzuge gegen die Franzosen Theil zu nehmen, wodurch natürlich sein Abgang zur Universität verzögert werden mußte. Er kam freilich nur etwa bis Mainz, kehrte dort wieder um und langte ziemlich abgerissen eines Abends in der Pfarre zu Dittersdorf an. Glücklicherweise war seine Schwägerin, die Frau Pfarrerin, die erste, die ihn bemerkte und ihren Mann versöhnlich gegen den heldenmüthigen Gymnasiasten von der traurigen Gestalt stimmte. Sein patriotischer Jugendstreich wurde ihm feierlich verziehen und er begann mit neuem Eifer seine Studien. Nach dem Tode seiner Aeltern entschloß er sich, mit Einwilligung seines ältern Bruders, die Rechtsgelehrsamkeit zum Hauptstudium zu machen. Freilich lag die Zukunft dunkel vor ihm, ihm fehlten alle Mittel zum Studiren, bei seinem Bruder hatte er noch 100 Thlr., in Freiberg 20 Thlr. Schulden und der Abgang zur Universität schien kaum ausführbar. Es war Ostern 1816. Da half ihm Gott sehr gnädig. Als er eben in großer Sorge wegen seiner Zukunft war, vier Tage vor seiner Abreise kamen zwei seiner Mitschüler wie Boten vom Herrn gesandt und überreichten ihm im Namen der zwei obersten Classen ein Geschenk von mehr denn 30 Thlrn., der Rath der Stadt übersandte ihm 15 Thaler und mehrere edle Familien, die sich nicht einmal nannten, schickten ihm je 4 und 5 Thaler zu, so daß er am Tage seiner Abreise, ledig seiner Schulden in Freiberg, noch 50 Thlr. zum Beginn seiner Studien in Leipzig hatte. Auch in Leipzig fand er in den Professoren Kruse, Weiße und Haubold väterlich rathende und helfende Freunde, so daß er drei Jahre ruhig studiren konnte. Er hörte alle juristische Collegien, trieb für sich besonders Geschichte und Staatswissenschaft, und schrieb auch eine kleine Schrift: „Vom Götzendienst unserer Zeit“, welche er unter dem Namen Sebast, Theopluton herausgab. In derselben bewies er u. A., daß eine geoffenbarte Religion für jedes Staatsgebäude die nothwendige Grundlage sei; das Christenthum, als bloße Vernunftlehre aufgefaßt, sei eine Vermessenheit, ein solches könne keine Macht über die Gemüther haben und unter= [30] grabe die Grundsäule des Staatsgebäudes. Die Ausarbeitung des Schriftchens hatte ihn wieder mehr auf religiöse Fragen geführt; das zunächst aus historischem Interesse begonnene Lesen des alten Testaments brachte ihn, besonders durch die Weissagungen der Ankunft des Messias, sehr zum Nachdenken. So verging die Studienzeit und nach Abschluß derselben bot sich ihm eine ganz seinen Wünschen entsprechende Stelle. Der Staatsminister Graf von Einsiedel berief ihn zum Erzieher seines Pflegesohnes, und Dittrich, voll großer Hoffnungen, so vielleicht Eingang in die diplomatische Laufbahn finden zu können, folgte dem Rufe. Er kam erst nach Prietitz dann in die Nähe Dresdens, nach Briesnitz a. d. Elbe, und begann den Unterricht. Einen bedeutenden Eindruck machte auf ihn der Pastor Roller in Lausa, wohin ihn die Gräfin mitgenommen hatte. „Da habe ich endlich einen wahren Prediger des Wortes Gottes kennengelernt“, schreibt er seinem Bruder, „herzlich und einfach, aber voll der Lehre, die er predigen soll, ohne Wortgepränge, aber mit schweren Worten redend, wenn er spricht.“ In der ländlichen Stille und Ruhe nahm er jetzt auch, angeregt durch den Umgang und die christlichen Gespräche des Grafen von Einsiedel und seiner Gemahlin, sein griechisches neues Testament vor und las das Evangelium St. Matthäi, Anfangs mit mancherlei Gedanken; aber als er an das 5. Capitel kam, veränderte sich sein ganzer Sinn, sein Herz ward gerührt und erweicht, es fiel wie Schuppen von seinen Augen und er mußte sich selber sagen: das ist eine göttliche Lehre und ein wahres Evangelium, von Gott den Menschen gegeben. Mit heißem und täglich wachsendem Durst las er nun die anderen Evangelien und die Apostelgeschichte durch, und jeden Tag wuchs seine Erkenntniß. Er schaute mit bitterster Reue auf sein bisheriges inneres Leben, denn die Triebfeder zu all seinem Fleiß war nur der Ehrgeiz gewesen, und was die Menschen gelobt und ausgezeichnet hatten, war doch aus bösem und verdorbenem Herzen gekommen. Er suchte und fand Vergebung bei Christo, seinem Heilande. Nun aber ward es sein heißer Wunsch, die gefundene Gnade Andern mitzutheilen und das Evangelium, das seine Seele gerettet hatte, den Heiden zu bringen. Er schrieb nach Basel und theilte ausführlich seinen Lebenslauf mit; in Dresden wohnte er unterdeß noch im Hause des Ministers [31] von Einsiedel, bis die erwünschte Antwort aus Basel kam. Im December 1819 verließ er Dresden und nach einer für ihn sehr erquicklichen Reise über Frankfurt a. M., Stuttgart, Tübingen kam er den 4. Jan. 1820 nach Basel in's Missionshaus. Hier blieb er nur kurze Zeit; um arabisch zu studiren, begab er sich nach Paris und dann, um weitere Missionsverbindungen anzuknüpfen, nach England. Unterdeß hatte man in Basel beschlossen, Vorbereitungen zu eigener Missionthätigkeit zu treffen. Das Augenmerk richtete man auf die Länder am schwarzen und caspischen Meere und am Kaukasus. Dort befand sich bereits eine schottische Missionstation. Als nun die Edinburger Missions=Gesellschaft für Judenmission das Baseler Missioncomitee aufforderte, einige fromme und taugliche Männer in die Uferländer des schwarzen Meeres zu senden, um dem zerstreuten und zahlreichen Israel daselbst das Wort vom Reiche Gottes zu bringen, da sandte man von Basel die Brüder Bezner und Saltet mit dem Auftrage, zunächst den Juden Südrußlands das Evangelium zu bringen, aber auch die daselbst bestehenden deutschen Colonisten, welche den Gefahren des Mohamedanismus ausgesetzt waren, zu berücksichtigen und über dieselben Mittheilungen zu machen. Odessa und Astrachan, so hoffte man, würden vielleicht Ausgangspunkte einer neuen Mission nach verschiedenen Nachbarländern werden können. Um hierzu die einleitenden Schritte zu thun, wurden die Brüder Dittrich und Felician Zaremba zunächst nach Petersburg geschickt. Auf er Reise dahin berührten sie Dresden und hielten hier am 16. August 1821 in der Waisenhauskirche bei dem zweiten Jahresfest des Missionsvereins Ansprachen. In Petersburg sollten sie zunächst die Vortheile, welche die Brüdergemeinde und die schottischen Colonien in Karaß am kaukasischen Gebirge besaßen, erwerben. In einer Privataudienz am 10. April 1822, welche Zaremba und Dittrich erlangten, gab Kaiser Alexander die großmüthige Versicherung seines kaiserlichen Schutzes und sprach seine Bereitwilligkeit aus, durch jedes geeignete Mittel die christlichen Zwecke der evangelischen Missionsgesellschaft im Gebiete der heidnischen und mohamedanischen Einwohner des asiatischen Rußlands zu unterstützen.

Fünfzig Jahre der Missionsthätigkeit im Königreiche Sachsen, 1869, S. 27, 28, 29, 30, 31.

Die Gründung des Dresdner Missions-Hülfsvereins[Bearbeiten]

Ms 01252 (I A): 28r–62r: Protokolle der 1.–5. Sitzung des Dresdner Missionsvereins (1819), In: Detlef Döring: Katalog der Handschriften der Universitäts-Bibliothek Leipzig: Neue Folge 1,4. Otto Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2005 - 210 Seiten, S. 28.

Fünfzig Jahre der Missionsthätigkeit im Königreiche Sachsen, Dresden 1869, S. 12, 13, 14.

Auf geschehene Einladung des M. Leonhardi, Diaconi zum heiligen Kreuz, fanden sich in dessen Amtswohnung Montags den 16. August 1819, Abends um 5 Uhr, nachbenannte christliche Freunde ein: Conrector Baumgarten=Crusius, Lederhändler Götze, Hoforganist Kirsten, Burghart, Weinhändler Löschcke jun., auch war als Fremder Oberpostamtsrath Hüttner aus Leipzig zugegen. (Anmerkung: Erstes Protokoll des Missions-Hilfsvereins zu Dresden.) M. Leonhardi eröffnete die Berathung mit folgender Anrede: „Seien Sie mir brüderlich gegrüßt im Namen [13] unseres Gottes, der uns errettet hat von der Obrigkeit der Finsterniß und hat uns gebracht in das Reich seines lieben Sohnes. Und Dank und Preis und Ehre sei ihm dafür, daß er uns errettet hat von der Finsterniß, in welcher man den einzigen wahren Weg zum Heile weder kennet, noch erkennet; und Dank und Ruhm und Anbetung sei dem Sohne Gottes, der uns gebracht hat in Sein Reich, in das Reich des Lichtes, das himmlische Wärme und ewiges Leben giebt, in das Reich der Gnade, worinnen Sünder gerecht, Verlorenen selig werden. Daß auch unsre Rettung, auch unsre Begnadigung Ihm, dem treuen Heilande, Sein Blut und Sein Leben gekostet, das wissen wir nun: das ist der Grund unseres Glaubens; das ist es aber auch, womit Er uns das Herz genommen, womit er unsere Liebe gewonnen, womit er uns erkauft hat sich selber zum Eigenthum. Und sind wir wahrhaftig Sein, ist es uns nirgends so wohl, als in dem Sonnenstrahle Seiner Liebe, wissen wir für uns nirgends Heil und Seligkeit zu finden, als in Seinem Reiche, o dann werden wir dieses Wohlsein, diese Glückseligkeit gewiß allen unseren Mitmenschen gönnen, wünschen, erflehen. Doch Derer, die noch in Finsterniß und Schatten des Todes sitzen; Derer, zu denen das erleuchtende Wort, das beseligende Reich noch nicht gedrungen ist; Derer, die noch nicht vernommen haben die Stimme des Weltversöhners: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; Niemand kommt zum Vater denn durch mich!“ - Derer sind noch so Viele, daß vom Aufgang bis zum Niedergang ein unermeßliches Erndtefeld sich aufthut. Welch Verlangen daher aus allen Weltgegenden nach treuen, dem Dienste des Herrn sich aufopfernden Arbeitern sich ausspreche, das darf der gläubige, nur allein in Jesu sich wohlfühlende Christ nur hören und lesen, um von der Liebe seines Heilandes, der sich nicht blos für ihn, sondern für alle Menschen in den Tod gegeben, mächtig gedrungen zu werden, wenigstens ein geringer Handlanger zu werden an dem großen Baue Christi. Diese Gesinnungen und Bestrebungen waren es nun, von denen beseelt, bereits mehrere Gesellschaften zur Ausbreitung des Christenthums zusammengetreten sind.“ Mit herzlichem Danke wurde nun erwähnt, wie viel Gutes und Großes der HErr durch Herrnhut und die Brüdergemeinde, sowie durch die Missionsseminare in Berlin, Halle und Basel gethan habe. [14] Namentlich freute man sich des schönen Gedeihens der letztgenannten Anstalt, in welcher zwei Dresdener junge Männer, Beckauer und Werner, unentgeldlich als Zöglinge aufgenommen worden waren und, wie aus einem Briefe Werners belegt wurde, daselbst die liebevollste Behandlung und gediegenste Vorbereitung zu ihrem Berufe empfingen. Nach Darlegung der manichfachen Umstände, durch welche die Dresdner Missionsfreunde auf Basel hingewiesen worden waren, beschloß man, freiwillige Beiträge zu sammeln und auch ferner nach Basel zu senden, ohne einen oder mehrere bestimmt bezeichnete Missionare dadurch mit unterhalten zu wollen, wußte man doch, daß ohnehin der Baseler Comitee geneigt sei, auf gewissenhafte Empfehlungen neuer Zöglinge durch den Dresdener Verein gern Rücksicht zu nehmen und demselben auch von dem Beginnen, Fortschreiten und Ergehen der vaterländischen Missionare nähere Nachrichten von Zeit zu Zeit zugehen zu lassen. Darauf wurde die Besorgung des Briefwechsels, der Rechnungsführung, der Cassenbewahrung und der übrigen Geschäfte dem Diac. Leonhardi, Lederhändler Götze und Burghart übertragen, auch der Conrector Baumgarten=Crusius beauftragt, einen Aufruf in der Weise des Tübinger zu verfassen. - So war der Anfang gemacht, wenn auch nur sehr im Kleinen. Voll fröhlichen Muthes beschloß man, mit gläubiger Zuversicht auf Gottes Hülfe und Segen im Stillen fortzubauen, wenn es auch nur langsam gehe. Allen Versammelten zur Lehre und zum Troste gereichte die Brüder=Loosung dieses Tages: „Gott thut Alles fein zu seiner Zeit.“ Pred. 3, 11., und sie gaben sich das Wort darauf, auch das Ihrige zu thun, um ein Jeder in seinem Kreise für die Sache der Mission zu wirken, wobei ihnen der Lehrtext dieses Tages als eine apostolische Stimme erklang: „Laß die Unsren lernen, daß sie im Stande guter Werke sich finden lassen, wo man ihrer bedarf, auf daß sie nicht unfruchtbar seinen.“ Zum Schluß vereinigte man sich zu dem herzlichen Gebete:

Lehr mich Alles was mir Deine Hand in meine will bescheren,
HErr, verwenden Dir zu Ehren.

So endete diese denkwürdige erste Versammlung des Dresdner Hilfs=Missionsvereins.

Die Gründer des Dresdner Missions-Hülfsvereins[Bearbeiten]

Gustav Ernst Christian Leonhardi[Bearbeiten]

Ms 01252 (I A): 14r–15r, 21r–22r, 27r, 69Br, 129r, 130r: Gustav Ernst Christian Leonhardi, Diakon und Korrespondent des Dresdner Missionsvereins, Dresden, 17.3., 12.4., 1.5., 9.6., 18.9., 13.11. 1820, In: Detlef Döring: Katalog der Handschriften der Universitäts-Bibliothek Leipzig: Neue Folge 1,4. Otto Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2005 - 210 Seiten, S. 28.

Ms 01252 (I A): 18r: Brief des (Leipziger Missions)Vereins an G. E. Chr. Leonhardi. Leipzig, 29.3.1820 (Abschrift), In: Detlef Döring: Katalog der Handschriften der Universitäts-Bibliothek Leipzig: Neue Folge 1,4. Otto Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2005 - 210 Seiten, S. 28.

Christian Jacob Götz Götze[Bearbeiten]

Adresse 1819: Christian Jacob Götz, an der Frauenk. 631 (neben der östlichen Ecke zur Großen Fischergasse Richtung Münze das erste Haus, die Ecke ist Nr. 630, an die Münze grenzt Nr. 633)

Ort der (unregelmäßigen) Versammlungen der kleinen Gesellschaft der Missionsfreunde (ab 1816)

neben dem Weinhändler (Böttcher? - sen. und Oberältester) (Johann Traugott) Löschke an der Spitze der Herrnhuter Diaspora - öffentliche Betstunden in seinem Haus am Sonntag (nur für Mitglieder am Mittwoch und Freitag)

Detlev Carl Wilhelm Baumgarten-Crusius[Bearbeiten]

Siehe Kapitel: Detlev Carl Wilhelm Baumgarten-Crusius

Carl Wilhelm Baumgarten-Crusius: Rede bei der ersten Jahresfeier des Dresdner Missions-Hülfsvereins den 16. August 1820, Verlag Eule, Dresden 1820, 16 S. SLUB

Christian Gottlieb (von) Hüttner[Bearbeiten]

Christian Gottlieb Hüttner (1787-1854)

Hüttner, Gottlieb von (1787-1854) 

Oberpostdirektor, Schriftsteller - 21.05.1787 – 03.03.1854

J. A. Kanne widmete das Buch: Christus im Alten Testament. Untersuchungen über die Vorbilder und messianischen Stellen. Nürnberg bei Riegel und Wißner, 1818 (Vorrede Nürnberg, März 1818) - seinen lieben Freunden, u.a. Oberpostamtsrath Christian Gottlieb Hüttner, dann Professor Lindner in Leipzig sowie Professor Scheibel in Breslau (Professor Pfaff in Würzburg, Rector Göz in Nürnberg...)

vgl. w:Johann Arnold Kanne geb. 1773 , ab 1818 Professor für orientalische Sprachen an der w:Universität Erlangen, gest. 1824

1817 Oberpostamtsrath - 1843 Oberpostdirektor der Königl.-Sächsischen Oberpostdirektion Leipzig (Dresden hatte ein Hofpostamt)

(spätestens) 1825: Herr Oberpostamtsdirektor Hüttner - also nach 1825 geadelt

1832 Adressbuch Leipzig Ober-Postamts-Direktor von Hüttner, im Posthause

1845: von Hüttner

Ms 01252 (IV): 34ar–37v: Christian Gottlieb von Hütttner (Oberpostamtsdirekor in Leipzig). Leipzig. 16.11.1837., In: Detlef Döring: Katalog der Handschriften der Universitäts-Bibliothek Leipzig: Neue Folge 1,4. Otto Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2005 - 210 Seiten, S. 45.

Ms 01252 (I C): S. 313–316: Hüttner (Mitglied des (Leipziger Missions)Vereins). Leipzig, 24.12.1821. In: Detlef Döring: Katalog der Handschriften der Universitäts-Bibliothek Leipzig: Neue Folge 1,4. Otto Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2005 - 210 Seiten, S. 30.

Der Aufruf des Dresdner Missions-Hülfsvereins[Bearbeiten]

Fünfzig Jahre der Missionsthätigkeit im Königreiche Sachsen, Dresden 1869, S. 14

Von demselben Tage datirt ist folgender [15] Aufruf, worin zur Theilnahme an dem neu begründeten Verein aufgefordert wird.

Die Erndte ist groß, der Arbeiter aber sind wenig. Darum bittet den Herrn der Erndte, daß er Arbeiter aussende in seine Erndte. Matth. 9, 37. 38. Luc. 10, 2.

Jeder warme Freund des Christenthums beobachtete gewiß mit immer neuer, immer erhöhter Theilnahme und mit dem innigsten Dank gegen den Stifter und Herrn der Gemeine, die Fortschritte, die das Evangelium in eben dem Grade unter vorher ganz rohen Völkern machte, als es unter denen, die sich Christen nannten, an Werthschätzung und Liebe verlor. Es sind nun fast hundert Jahre, daß der Eifer, das Christenthum unter die Heiden zu tragen und sie aus der Nacht der Unwissenheit und des Aberglaubens zu dem wunderbaren Lichte zu rufen, das aller Welt leuchten soll auch unter den Evangelischen mächtiger und lebendiger wurde. Bald gingen Bothen der Wahrheit zu den Negersclaven auf den westindischen Inseln, zu den Grönländern und Eskimaux auf Labrador, zu den Indianern in Nordamerika, zu den Hottentotten auf der Südspitze von Afrika und zu den mancherlei Völkerstämmen, die den ungeheuern Erdstrich des südlichen Asiens bewohnen. Selbst die Inseln des stillen Meeres, sowie die nomadischen Stämme Mittelasiens fanden ihre Freunde, die Ruhe, Glück und Freude des Lebens willig aufopferten, um den, der alles für die Menschen hingegeben hat, ihren Brüdern zu verkündigen, die Ihn noch nicht kannten.

Das Werk, das in Seinem Namen angefangen war, wurde auch von Seinem Segen sichtbar begleitet. Die Heiden sahen, daß ihnen hier gebracht wurde, was sie nöthig hatten, wornach sie zum Theil sich lange gesehnt hatten, ohne den Weg mit eigner Kraft finden zu können. Nicht ein leerer Ceremoniendienst wurde ihnen anempfohlen oder gar aufgedrungen, ebenso wenig eine trockene dem ungebildeteren Menschen kaum faßliche Vernunftreligion mit vielem Schmuck der Worte angepriesen. Daß der Versöhner, den jeder sündige Mensch braucht, auf die Erde kam, um durch Leiden und Tod die Seinem Vater zuzuführen, die er würdigt, Seine Brüder zu nennen, und daß Er dafür nichts verlangt, als Glauben und Vertrauen, daß Er uns helfen kann und will, und dankbare Liebe, treue Anhänglichkeit, Gehorsam: das faßt und begreift jedes einfache, kindliche Gemüth, und fühlt sich dadurch ergriffen, hingezogen zu dem göttlichen Wohlthäter, der uns nicht mit Gold und Silber, sondern mit Seinem Blut erworben und gewonnen hat. So erwachte denn auf allen Theilen der Erde Licht und Leben, das Senfkorn schlug in den Eisgefilden, wie in den brennenden Wüsten aus und der Baum wächst immer grüner und fruchtreicher heran, unter dem die Geschlechter der Menschen sich versammeln sollen. - Das Feld ist groß und weit. Millionen warten auf Unterricht, und wenige sind es, die ihn geben können. Vorzüglich wächst in Ostindien (Anmerkung: Eine merkwürdige Vorahnung des künftighin der luth. Mission zugewiesenen Arbeitsfeldes.) [16] eine Erndte von unermeßlichem Umfang. Wir müssen den Herrn der Erndte um Arbeiter bitten. Aber wir müssen auch selbst Hand anlegen, wo und wie wir können. - Das Missions=Institut zu Basel hat schon manchen brauchbaren Mann zu seinem wichtigen Beruf vorbereitet. Es ist nöthig, daß es unterstützt und sein Wirkungskreis erweitert werde. Schon haben sich Hülfsgesellschaften in allen Theilen von Deutschland und der Schweiz gebildet. Sollen wir Sachsen, sonst so warme Freunde der Wahrheit, uns nicht an unsre Brüder zu so edlem Zwecke anschließen? Schon sind zwei Dresdner Jünglinge, der eine ein Handwerker, der andere ein Zögling der Kreuzschule, nach Basel abgegangen, und dort liebreich aufgenommen worden. Sie rühmen die Liebe und Treue, mit der sie zu ihrer Bestimmung angeleitet werden. Sollen wir nicht mehr thun, nicht helfend mit eingreifen?

Und wirklich hat sich bereits in Dresden eine kleine Gesellschaft näherer und entfernterer Freunde das Wort gegeben, monatlich, solange es jedem die Umstände verstatten, eine Beisteuer zu dem Missionswerke zu bringen. Zu ihrer eignen Aufmunterung und Erwärmung läßt sie das, zu Basel in Quartalheften erscheinende Magazin für die neueste Geschichte der protestantischen Missions= und Bibelgesellschaften in ihrem Kreise zum Lesen herumgehen. Ihre Versammlungen, die von Zeit zu Zeit gehalten werden, (Anmerkung: In der Wohnung des Lederhändlers Götze) sind gemeinschaftlichem Gebet für die Sache des Herrn, sowie Berathungen und Mittheilungen darüber gewidmet. Jährlich wird von einem damit beauftragten Mitgliede die Rechnung abgelegt. Bei den gegenwärtig noch beschränkten Kräften der Gesellschaft wird das gesammelte Geld an das Baseler Institut abgesendet. Wenn die Zahl der Theilnehmer sich vermehrt, so könnten dann von Zeit zu Zeit desto eher junge Sachsen, in denen der Eifer, unter die Heiden zu gehen, erwacht, und die zu dem wichtigen Amt tüchtig erscheinen, von uns empfohlen in das Institut aufgenommen und während ihrer Wirksamkeit selbst als Boten aus unsrer Mitte betrachtet werden.

Wir wollen uns noch nicht sagen, was alles geschehen kann und geschehen wird. Es kommt auf einen guten Anfang an, und der ist gemacht, dann, daß der Eifer nicht ermüdet, denn es ist ein Werk der Hoffnung, vorzüglich aber auf den Glauben, daß nicht wir es sind, die die Sache treiben und gelingen machen, aber wohl, daß wir schwache Werkzeuge sein können, deren Beiträge zum Ganzen in den Händen des Herrn zum Segen werde. Denkt an den kleinen Anfang der Bibelgesellschaft, und bald wird die Schrift in allen Zungen gelesen werden. Die Zeit kommt, wo das Himmelreich Gewalt leidet, wo sich alles drängt, zu dem Reich des Lichts zu kommen, die Zeit, wo alle Zungen bekennen, daß Jesus Christus der Herr sei zur Ehre Gottes des Vaters. Dresden, den 16. August 1819.

Dieser Aufruf war von einem außerordentlichen Segen begleitet. Durchdrang doch auch gerade damals ein ernster und religiöser Sinn fast alle Stände und Kreise Sachsens; die schweren [17] Heimsuchungen des Krieges waren nicht vergeblich gewesen. So wurde das Reformationsjubelfest 1817 im ganzen Lande als großes Dankfest drei Tage hinter einander durch Gottesdienst wie an den hohen Festtagen gefeiert und einige Jahre später (1823) wurde das Reformationsfest auf Ansuchen der Dresdner Bürgerschaft zu einem ganzen Feiertag erhoben. Auch die Jahre 1818 und 1819 waren solche, welche das gesammte sächsische Volk auf's Freudigste bewegten und zu innigem Dank gegen Gott entzündeten; denn im September 1818 hatte der viel geprüfte, geliebte König Friedrich August sein fünfzigjähriges Regierungsjubiläum, welches im ganzen Lande kirchlich begangen wurde[174], und im Januar 1819 unter inniger Theilnahme des Landes sein fünfzigjähriges Ehejubiläum gefeiert. In Zeiten aber, wo Gott einem Volke besondere Erweisungen seiner Liebe und Gnade zu Theil werden läßt, ist dasselbe besonders bereitet, seinen Dank durch Werke der Liebe zu bethätigen. So zeigte sich auch, daß das noch nicht klar ausgesprochene Verlangen vorhanden war, an der Ausbreitung des Reiches Gottes unter den Heiden mitarbeiten zu dürfen; der Aufruf sprach aus, wonach Viele sich sehnten, und es zeigte sich, wie Viele mit Freuden bereit waren, nach Kräften zu helfen. Inspector Blumhardt in Basel, welcher von dem Vorhaben Leonhardi's in Kenntniß gesetzt war, schrieb am 18. August 1819 ahnungsvoll und ermutigend nach Dresden: „Ein ganz eigenthümliches Erfahrungsmerkmal der Wirksamkeit unsrer Zeit für das Reich Gottes besteht darin, daß aus dem kleinsten Versuche des redlichen auf den Herrn gerichteten Willens überraschend Großes und Herrliches in kurzer Zeit hervorgeht. - Pflanzen Sie getrost im Anfang des Jahres im Glauben auf den großen Acker des Missionsgeistes ein kleines Zweiglein hin, am Ende des Jahres sehen sie schon einen jugendlich fröhlichen Baum, der blüht und Früchte trägt. So erfahren es wir, und so erfahren es Alle, welche Hand an dieses Werk Gottes legen.“ So durften es in der That auch die Dresdner Missionsfreunde erfahren. Von allen Seiten liefen Beitrittserklärungen ein; unter den ersten, welche eifrig für die Mission in ihren Gemeinden wirkten, waren, wie in der zweiten Versammlung des Vereins am 5. October 1819 mitgetheilt ward, P. Dillner in Taubenheim bei Meißen und P. Leonhardt in Miltitz und nach einem [18] halben Jahre, am 16. Februar 1820 heißt es in einer neuen gedruckten Mittheilung aus Dresden: „Durch ganz Sachsen haben sich in kurzer Zeit Gesellschaften gebildet, in denen für die Missionen durch Gebet und Erbauung, durch Anschaffen und Lesen der Baseler Missionsmagazine, durch gemeinschaftliche Berathung und durch Unterstützung mit Geldbeiträgen gewirkt wird. Ueberall treten neue Mitglieder hinzu, und in der Mitte der Gesellschaften vermehrt sich die Wärme der Theilnahme mit dem Fortschreiten des Werkes. Wir haben die besondere Freude, abermals den Abgang eines jungen Sachsen Namens Dittrich nach Basel anzukündigen.“

Erstes Jahresfest 1820[Bearbeiten]

Fünfzig Jahre der Missionsthätigkeit im Königreiche Sachsen, Dresden 1869, S. 18

Leonhardi hat das große Verdienst, mit unermüdlicher Ausdauer die immer größer werdende geschäftliche Arbeit, Correspondenz etc. geführt zu haben; sein organisatorisches Talent zeigte er in der Gründung und Beaufsichtigung der Lesebezirke, die über die ganze Stadt hin vertheilt wesentlich das Missionsinteresse förderten. Mit Dank gegen Gott konnte am 16. August 1820 das erste Jahresfest in einem Saal des Landsteuerhauses gehalten werden. Die Freunde der Mission wurden dazu eingeladen durch den ersten Jahresbericht, welcher eine Beteiligung von 50 Ortschaften und eine Gesammteinnahme von 1008 Thlr. 18 Gr. 3 Pf. nachwies, von denen 710 Thlr. nach Basel gesandt worden waren. Bei der Jahresfeier hielt der Conrector an der Kreuzschule, Baumgarten=Crusius, die Festrede, in welcher er in klaren warmen Worten die allgemeine Missionspflicht der Christenheit schilderte und die Nothwendigkeit, in Vereine zusammen zu treten, darlegte. Nach einem kurzen Bericht über die Entstehung des Dresdner Hilfsmissionsvereins berührte er das Verhältnis zu der 1814 gegründeten sächsischen Bibelgesellschaft; es sei ein und dasselbe Werk, an dem beide Vereine arbeiten. Mit der Bibel in der Hand sollen die Boten unter die Heiden gehen. Nach der Aufforderung zu fröhlich dargebrachten Gaben schließt die Rede mit den Worten: „Nun, so laßt uns getrost und freudig in dem begonnenen Werk fortfahren. Wir haben bei dem kleinen Anfang auf Gott vertraut, und über alles Hoffen und Denken hat er es sich ausbreiten, gedeihen, vermehren lassen. Das Weitere übergaben wir seinen Händen. Wir sind in einer bewegten, unruhigen, viel bedrängten Zeit. [19] Wir wissen nicht, was uns bevorsteht; wir sehen das Aufleuchten einer verheerenden Flamme wohl, aber nicht das Ende ihres Zündens und Zerstörens. Eins aber steht fester als Felsen, und darauf wollen wir bauen: Des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit!“

Karl Christian Gottlieb Schmidt: Der Sieg des Christenthums: Geschichte der Pflanzung und Verbreitung des Evangeliums durch die Missionen, J.C. Hinrichs, 1845

Zweites Vereinsjahr[Bearbeiten]

Fünfzig Jahre der Missionsthätigkeit im Königreiche Sachsen, Dresden 1869, S. 19

In dem zweiten Vereinsjahr entfaltete sich die Missionthätigkeit fröhlich weiter. Der Aufruf an Christenseelen, von Joh. Ernst Rückert, Pastor, und Leopold Rückert, Diaconus zu Großhennersdorf; (Anmerkung: Jetzt Professor in Jena.) die ausführliche Schrift des M. Leonhardt, P. in Miltitz: die gesegnete Ausbreitung des Christenthums unter Heiden, Mohamedanern und Juden (1820)[175], desselben Schrift, das evangelische Missionswerk der neuesten Zeit, ein herrliches und göttliches Werk (1822) und andre kleinere vom Missionsverein herausgegebene Schriften trugen zur Pflege und Hebung des Missionssinnes das Ihre bei. Von nicht geringer Bedeutung gegenüber den mancherlei Anfechtungen und Verdächtigungen mußte es sein, daß der Oberhofprediger Dr. Ammon im Verlag des Missionsvereins und zum Besten des deutschen Missionswerks eine Predigt von Sonntag Miseric. Dom. 6. Mai 1821 herausgab. Die Predigt ist über Joh. 10, 12-16 gehalten und hat zum Thema: die Hoffnung, daß das Christenthum dereinst zur Weltreligion werde erhoben werden. Als Gründe, auf welchen diese Hoffnung beruhe, führt Ammon an, daß das Christenthum unter allen Religionen der Erde die einfachste, die liebevollste, die wohlthätigste und die der Bestimmung unseres Geistes angemessenste sei; als Pflicht stellt er dann für alle Christen hin, die frommen Männer zu achten und zu unterstützen, die ihr Leben selbst nicht zu theuer achten, um das Wort der Wahrheit unter die Heiden zu bringen. Bei dem bekannten Standpunkt Ammon's ist es dankbarer Beachtung werth, mit welch freundlicher Gesinnung er zu dem Missionsverein stand. Den Missionsfesten wohnte er in der Regel bei; als der Missionszögling Werner ihn besuchte, sagte er zu demselben: „Bei einem Missionar ist nöthig, daß zuerst das Herz selbst in seinem eignen Glauben fest sei, dann daß er gründliche tiefe Einsicht in das Wesen des Christenthums als den Ausfluß aus der Gottheit und dem Urquell des Lichtes“ [20] habe. Der Indifferentismus unserer Zeit kommt her von der Lauigkeit ihres eignen Glaubens.“

S. 21: Eine weitere Förderung erhielt die Sache dadurch, daß seit 1821 der König jährlich 50 Thlr. Postportoäquivalent bewilligte, eine dankens= 22 werthe Unterstützung, die unser Verein noch heute bezieht.

Eigenhändiger Lebenslauf des am 27sten August 1827 zu Großhennersdorf entschlafenen Predigers Johann Ernst Rückert, Zittau, 1827.

Johann Ernst Rückert, geb. 1755, stammte aus Neustadt in Oberschlesien (heute Prudnik[176]), wo sein Vater Christian Ehrenfried Rückert als Stadtphysikus wirkte, seit 1780 Prediger der Brüdergemeine, ab 1789 Diakon und ab 1793 Pastor in Großhennersdorf, verheiratet mit Maria Elisabeth geb. Breslov, Vater von Ernst Ferdinand Rückert[177] und Leopold Immanuel Rückert[178]

"Er war ein Mann von großer Rechtschaffenheit, ein Seelsorger von seltener Treue, ein Gatte und Vater von unübertrefflicher Güte. Sein Leben war ernst, aber glaubensfroh", Neuer Nekrolog der Deutschen, Fünfter Jahrgang 1827, Zweiter Theil, Ilmenau 1829. S. 794 f.: 284. Johann Ernst Rückert.

Dr. Christoph Friedrich Ammon: Zwei Predigten am Reformationsfeste der Jahre 1821. und 1822. zu Dresden gehalten, (C. L. F. Ramming), Dresden 1822, SLUB: Dresden, 1822. - Im Kolophon Dresden, gedruckt bei C. E. F. Ramming

Predigt zur Dankfeier fuer die Wiederkehr Sr. Majestaet des Königs von Sachsen in der Hof- und Sophienkirche zu Dresden am 11. Jun. 1815 - (Zweite Auflage)

Die Basler Missionsanstalt 1823[Bearbeiten]

Fünfzig Jahre der Missionsthätigkeit im Königreiche Sachsen, Dresden 1869, S. 20

Besonders aber ist sein Bericht über die Basler Missionsanstalt voll der größten Anerkennung: „Bei meiner Anwesenheit zu Basel vom 14.-17. Juli d. J. war meine Aufmerksamkeit besonders auf die dort bestehende evangelische Missionsgesellschaft gerichtet. Der hohe Endzweck, den diese Anstalt unter manchen Schwierigkeiten verfolgt, sowie der thätige Antheil, den unsere christlichen Brüder in Sachsen seit mehreren Jahren an ihrer Begründung und ihrem Gedeihen nehmen, legte mir die ernste Pflicht auf, so tief wie möglich in das Innere dieser evangelischen Pflanzschule einzublicken. Ich will nicht wiederholen, was in der Jahresfeier der Gesellschaft am 28. und 29. Mai d. J. ausführlich von ihrem gegenwärtigen Zustand berichtet wird. Aber angenehm wird es doch den Freunden und Gönnern dieser sichtbar unter Gottes Segen aufblühenden Anstalt sein, aus dem Munde eines Augenzeugen zu erfahren, daß in einer stillen aber heitern Gegend der Stadt ein ansehnliches Gebäude von drei Stockwerken mit einem Garten zur Wohnung der Zöglinge und Lehrer erkauft und eingerichtet worden ist. Zur Erweiterung desselben soll nächstens ein Seitenflügel erbaut und mit den zwei schon vorhandenen Häusern in Verbindung gesetzt werden. Das Erdgeschoß wird von der Oeconomie und den Speisezimmern der Zöglinge eingenommen, in welchen ihnen einfache, gesunde und reinlich zubereitete Nahrungsmittel gereicht werden. In dem zweiten Stockwerke findet man geräumige Lehrzimmer und Schlafsäle für dreiunddreißig Eleven, die bei einer blühenden Gesundheit den Ausdruck des Ernstes mit jugendlicher Munterkeit natürlich und anständig zu paaren wissen. Der übrige Theil der Wohnung ist zu Zimmern für Lehrer, Zöglinge und zur Aufbewahrung der Lehrmittel bestimmt. In genauer Verbindung mit den Herren Pfarrern von Brunn und Larosche leitet der Herr Inspector Blumhard die ganze Anstalt mit großer Umsicht und Thätigkeit, und wird wieder in seinen Bemühungen von dem Herrn Rector Handel unterstützt. Es hat mir große Freude gemacht, mich in den Lehrstunden zu überzeugen, daß das Studium der heil. Schrift in der Ursprache mit Gründlichkeit und Eifer in der Anstalt betrieben wird. Man hat sich überzeugt, daß die hebräische sprache des Alten Testa= [21] ments der Schlüssel zu vielen morgenländischen Mundarten, namentlich zu der arabischen ist, daher denn auch die hebräische Sprachlehre mit der arabischen bei dem Zergliedern der biblischen Worte des alten Testamentes in genaue Verbindung gesetzt wird. Durch die Freigebigkeit ihrer brittischen Freunde besitzt die Anstalt nicht nur die arabische Uebersetzung der heil. Schrift, sondern auch kostbare Wörterbücher, wie z. B. den seltenen, zu Calcutta gedruckten Ocean des Camus, nebst einem daselbst heftweise erschienenen Lexicon des Sanskrit. Der Koran selbst wird von den Zöglingen in einer ungemein schönen Ausgabe lithographirt, weil gedruckte Ausgaben desselben bekanntlich von den Mohamedanern mit großem Widerwillen betrachtet werden, und man ihnen ohne Kenntniß desselben die Vorzüge der Bibel nicht begreiflich machen, oder doch ihre Einwürfe nicht widerlegen kann. Außer diesen gelehrten und gründlichen evangelischen Kenntnissen, werden die Zöglinge aber auch in Mathematik und mehrerlei technischen Fertigkeiten, und namentlich in der Entsagung und Entbehrung geübt, um von ihrer künftigen Laufbahn durch kein Hinderniß zurückgeschreckt zu werden. Wer daher die Baseler Missionsgesellschaft bisher durch milde Beiträge unterstützte, der kann sich nicht allein überzeugen, daß er zur Vollbringung eines edelen und Gott wohlgefälligen Werkes das Seinige beigetragen hat, sondern auch sicher sein, daß er seine Wohlthaten in die Hände würdiger, frommer und christlicher Männer niederlegt, die zur Verbreitung des weltbeglückenden Evangelii die weisesten Anstalten mit unermüdeter Thätigkeit treffen. Möge daher diese kurze Nachricht dazu mitwirken, die etwa noch bestehenden Vorurtheile gegen diese rühmliche Anstalt zu zerstreuen und dafür überall den apostolischen Sinn wecken und nähren, der das heilsame Licht der Erkenntniß Christi bis an die äußersten Grenzen der Erde verbreitet zu sehen wünscht. Dresden, d. 13. Aug. 1823. Ammon, Dr.“

Der Missionsverein 1824[Bearbeiten]

Neues Lausitzisches Magazin: unter Mitwirkung der Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften. Achter Band (Gedruckt bei Johann Gottlieb Dreßler, Görlitz 1830), S. 283: Rede bei der fünften Jahresfeier des Dresdner Missions=Hilfsvereins, den 11. August 1824. gehalten vom Hofprediger M. Frenkel. Dresden 8 S. gr. 8.

Der Missionsverein 1825[Bearbeiten]

Fünfzig Jahre der Missionsthätigkeit im Königreiche Sachsen, Dresden 1869, S. 21

Im Jahre 1825 gab der Superintendent Seltenreich in Dresden eine Pfingstpredigt über Apostelgeschichte 8, 14–17 mit dem Thema: „daß es ein gutes Kennzeichen sei, wenn ein Christ an der Ausbreitung des Christenthums innigen und herzlichen Antheil nimmt,“ zum Besten der Mission heraus.[179]

Neues Lausitzisches Magazin: unter Mitwirkung der Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften. Achter Band (Gedruckt bei Johann Gottlieb Dreßler, Görlitz 1830), S. 283: Rede bei der sechsten Jahresfeier etc., den 11. August 1825. gehalten von dem Hofprediger und emeritirten Probste Dr. Friedrich Christlib Döring. Dresden 8 S. gr. 8.

Chronik[Bearbeiten]

16. Jahrhundert[Bearbeiten]

  • 1590: - Johann Georg I. (* 9. Mai 1567 in Harzgerode; † 24. Mai 1618 in Dessau), Fürst von Anhalt 1586 bis 1603, Fürst von Anhalt-Dessau 1603 bis 1618, verweist den Pastor Johann Arndt (geb. 1555 in Ballenstedt oder Edderitz; 1583 in Bernburg ordiniert; 1584 bis 1590 Pastor in Badeborn, Anhalt-Bernburg) des Landes, weil Arndt die Entwicklung hin zum Calvinismus nicht mittragen kann - Arndt geht nach Quedlinburg, wo er Pfarrer wird
  • 1599: - Johann Arndt Pfarrer in Braunschweig

Beginn des 17. Jahrhunderts[Bearbeiten]

  • 1605: - Von wahrem Christenthum, Buch 1, von Johann Arndt, erscheint in Frankfurt am Main
  • 1610: - Die Vier Bücher vom wahren Christentum von Johann Arndt erscheinen in Magdeburg
  • 1611: - Johann Arndt Generalsuperintendent in Celle
  • 1612: - Das Paradiesgärtlein voller christlicher Tugenden, wie solche zur Übung des wahren Christentums durch andächtige, lehrhafte und trostreiche Gebete in die Seele zu pflanzen von Johann Arndt erscheint in Magdeburg
  • 1621: - Johann Arndt stirbt am 11. Mai 1621 in Celle (seit 1611 dort Generalsuperintendent)
  • 1628: - Joachim Betke [Betkius] (* 8. Oktober 1601 in Spandau; † 12. Dezember 1663 in Linum bei Fehrbellin) wurde nach Gymnasium in Dresden und Gera und Studien in Wittenberg (1624 bis 1628) Pastor in Linum

1630er Jahre[Bearbeiten]

  • 1632: - Christian Hoburg (* 23. Juli 1607 in Lüneburg; † 29. Oktober 1675 in Altona, Herzogtum Holstein, heute Hamburg-Altona) Hilfsprediger in Lauenburg, lernt dort die Schriften von Johann Arndt und Kaspar von Schwenkfeld kennen (er besuchte auch die Klosterschule Lüneburg zu einer Zeit, als Johann Arndt Generalsuperintendent des Fürstentum Lüneburg war)
  • 1633: - Christianismus ethnicus. von Betkius erscheint in Berlin
  • 1636: - Mensio Christianismi et ministerii Germaniae. von Betkius erscheint in Amsterdam (Bruckner Nr. 71) - es ist das erste Werk von Betkius, auf welches Philipp Jacob Spener kurz vor 1670 stößt - erster Hinweis auf den Verfall des Allgemeinen Priestertums als Ursache für das Verderben der Kirche

1640er Jahre[Bearbeiten]

  • 1640: - Sacerdotium, h. e. Neutestament. Kgl. Priesterthumb aus d. Typischen fleißig herausgesucht u. unserm fast Priester-losen Christenthumb zum Unterricht u. Nutzen aufgesetzt. von Betkius erscheint in Amsterdam - monographische Abhandlung des Verfalls des Allgemeinen Priestertums als Ursache für das Verderben der Kirche
    • Regale Sacerdotum von Johann Vielitz (1600 bis 1680, Pfarrer an St. Wigbert) erscheint in Quedlinburg - zum gleichen Thema des Allgemeinen Priestertums vgl. - nach Speners Ausgabe von 1670 war die Erstausgabe schon 1639
  • 1642: - Christian Hoburg ist nach mehreren verlorenen Pfarrstellen Korrektor in der von Stern’sche Druckerei in Lüneburg
    • Praxis Arndiana, das ist, Hertzens-Seufftzer. o. O. von Christian Hoburg
  • 1644: - Spiegel der Misbräuche beim Pregig-Ampt. o. O. von Christian Hoburg - wahrscheinlich das Grundkonzept der Pia desideria von Philipp Jacob Spener von 1675
  • 1648: - Christian Hoburg wird von August II. (* 10. April 1579 in Dannenberg, Fürstentum Lüneburg; † 17. September 1666 in Wolfenbüttel), Herzog zu Braunschweig-Lüneburg, Fürst von Braunschweig-Wolfenbüttel, des Landes verwiesen - er wendet sich wie einst Johann Arndt nach Quedlinburg (an einem Freund)
  • 1649: George Fox (* Juli 1624 in Drayton-in-the-Clay, Leicestershire, heute Fenny Drayton; † 13. Januar 1691 in London) hielt seine erste Predigt in einer Kirche in Nottingham und wurde verhaftet

1650er Jahre[Bearbeiten]

  • 1650: am 16. Oktober 1650 tritt Jean de Labadie (* 13. Februar 1610 bei Bourg bei Bordeaux; † 13. Februar 1674 in Altona) zur reformierten Kirche über
  • vor 1651: - Philipp Jacob Spener (* 13. Januar 1635 in Rappoltsweiler, Elsass; † 5. Februar 1705 in Berlin) erhält Privatunterricht u. a. bei Joachim Stoll und kommt dabei kam er in Berührung mit puritanischen Erbauungsschriften und mit Johann Arndts Büchern Vom wahren Christentum
  • 1655: - die Theologia Mystica, das ist Geheime Krafft-Theologia der Alten von von Christian Hoburg erscheint in Amsterdam
  • 1658: Christian Hoburg flüchtet zu Joachim Betke nach Linum bei Fehrbellin
  • 1659: Jean de Labadie Prediger in Genf - er organisierte konventikelähnliche Zusammenkünfte - von ihm als wahre Kirche nach dem Vorbild des Urchristentums angesehen

1660er Jahre[Bearbeiten]

  • 1663: Philipp Jacob Spener Prediger am Straßburger Münster
    • bis 1663: Philipp Jacob Spener unternimmt Studienreisen nach Basel und Genf, wo er mit Jean de Labadie zusammentrifft
  • 1666: - Philipp Jacob Spener Senior des lutherischen Predigerministeriums in der freien Reichsstadt Frankfurt am Main
  • 1666: George Fox reist durch England, um Monats-, Vierteljahres- und Jahresversammlungen zu gründen (bis 1669)
  • 1669: - Der unbekandte Christus von von Christian Hoburg erscheint in Amsterdam - das Werk wird grundlegend für den Radikalen Pietismus
    • Spener predigt im Sommer über Matthäus 5, 20 und prangert das Allerweltschristentum als pharisäische Gerechtigkeit an und fordert eine wahre Gerechtigkeit des lebendigen Glaubens - die starke Bewegung danach in der Frankfurter Gemeinde datiert Spener später als den Beginn des Frankfurter Pietismus
    • 1669: Anna Maria von Schürmann (* 5. November 1607 in Köln; † 4. Mai 1678 in Wieuwerd, Westfriesland) schließt sich der Gemeinde der Labadisten an und widerrief ihre früheren Schriften (sie hatte 1666 Jean de Labadie kennengelernt)
  • 1670: - ein privates Konventikel, das collegium pietatis (Hauskreis), bei Philipp Jacob Spener, zunächst in seinem Studierzimmer; Mitbegründer: Johann Jacob Schütz (* 7. September 1640 in Frankfurt am Main; † vermutlich 22. Mai 1690 ebenda) -eine Gruppe von Männern hatte im Sommer die Absicht ausgesprochen, eine Vereinigung ganz zur Pflege der Frömmigkeit und dem erbaulichen Gespräch zu gründen - eine christliche Liebesgesellschaft (so war auch die absicht, daß also unter Christlichen gemüthern eine heilige und genauere freundschaft gestifftet wurde:: Sendschreiben, 51 - dieser Zweck mußte später wieder aufgegeben werden) zur mit der Tendenz der Absonderung der Frommen von der Welt (etliche gottselige Freunde nach Spener, ohne Namensnennung) - zwei Männer, ein Student der Theologie und ein Jurist hatten den allerersten Anstoß gegeben (1677 war einer der Anreger, der fromme Theologiestudent, bereits verstorben) - bei dem Studenten handelt es sich wohl um den bereits Anfang 1671 verstorbenen Johannes Anton Tieffenbach, welcher wohl kurz nach 1666 wegen einer Predigt der Heterodoxie und des Umgangs mit verdächtiger Literatur verdächtigt und angezeigt wurde, so daß ihn Spener überprüfen mußte, die Quelle war die Geistliche Schatzkammer des Prätorius-Statius, auf welche Spener hingewiesen wurde, Spener erhielt von dem Studenten einen trefflichen Eindruck - nicht verwechseln mit dem Gymnasiallehrer Martin Diefenbach (1661 bis 1709), einen der eifrigsten Parteigänger Speners in Frankfurt, er begleitete Spener beim Wegggang 1686 bis Hanau, ab 1689 Pfarrer in Frankfurt - zu den Anregern, aber nicht mehr Teilnehmer gehörte auch der Scholar Konrad Stein (1604 bis 13. September 1670, seit 24. August bettlägrig), 1663 jüngerer Bürgermeister. ein der wahren Pietät ergebener Mann - Spener bietet seine Teilnahme als Bedingung an und stellt sein Pfarrhaus zur Verfügung, um der Gefahr der Verdächtigung zu entgehen - Anfang August das erste Treffen, zwei Treffen wöchentlich, Sonntag- und Mittwochabend ging nach der Betstunde (sommers 5 Uhr, winters 4 Uhr) eine Gruppe Männer in das neben der Barfüßerkirche gelegene Pfarrhaus - offenbar hegten die Männer ein philadelphisches Ideal, was durch Spener wohl nicht unterstützt wurde - Ende 1670 wohl 15 bis 20 Teilnehmer - anfangs gab es eine besondere Zulassung, diese wurde zeitig fallengelassen, damit keine Verdächtigung aufkommen konnte - die angestrebte nähere Freundschaft wurde so nicht erreicht und als Ziel fallengelassen - anfänglich nur Gelehrte, war die Zusammensetzung gegen Jahresende bereits gemischt
    • Philipp Jacob Spener läßt nach Beschäftigung mit den Schriften Betkius Ende 1670 (die weniger radikale Schrift Regale Sacerdotum von Vielitz neu drucken
    • 1670: Anna Maria von Schürmann geht mit den Labdisten nach Herford in Westfalen (zur Fürstäbtissin Elisabeth von der Pfalz)

1670er Jahre[Bearbeiten]

  • 1671: Mittwoch, den 29. März (Konventstag) Philipp Jacob Speners Vorwort zu Joachim Schröders (1613–1677) Hellklingende Zuchtposaune in der Frankfurter Ausgabe (Erstdruck 1667 andernorts, vgl. RGG 3. Aufl. V, 1546) - einer Summa der Reformideen der Orthodoxie - Spener antizipiert bereits hier Gedanken seiner Pia desideria von 1675
    • ab 1671 reiste William Penn (* 14. Oktober 1644 in London; † 30. Juli 1718 in Ruscombe, Berkshire) durch viele europäische Länder und warb für die Quäker-Kolonien in der „Neuen Welt“ - 1671 und 1677 auch nach Deutschland
  • 1672: Johanna Eleonora von Merlau (* 25. April 1644 in Frankfurt am Main; † 19. März 1724 auf dem Gut Thymern (Thümern) bei Lübars (Möckern)) lernt auf einer Reise Philipp Jacob Spener und Johann Jakob Schütz kennen und korrespondiert danach mit ihnen
  • 1673: - Christian Hoburg flüchtet ins damals vom dänischen König regierte Altona
    • umfangreiche Vorbereitungen zur Neuausgabe von Johann Arndts Vier Bücher vom wahren Christentum durch Philipp Jacob Spener - in seinen Anmerkungen verteidigt er das Werk gegen die Angriffe Osianders von 1623 als lutherisch, zitiert Luthers Lob über Tauler - Spener stützt sich vor allem auf die Rettung der vier Bücher vom wahren Christentum von Heinrich Varenius [? von Rostock; 1575 Prorektor der Universität Rostock, Scholar] = Hofprediger Herzogs August d. J. Lüneburg 1624 - hinzu kommen zwanzig Zitate von Spener ausgesucht, meist von Luther
  • 1674: - Neuausgabe von Johann Arndts Vier Bücher vom wahren Christentum durch Philipp Jacob Spener in Frankfurt
    • bis 1674: Spener beginnt das Sonntagscollegium mit der Wiederholung seiner Predigt
    • Labadie stirbt in Altona, Anna Maria von Schürmann führt die Gruppe in das westfriesische Wieuwerd auf Schloss Walta-State
  • 1675: - Pia desideria von Philipp Jacob Spener - Geburtsstunde des Pietismus - trug wegen ihrer großen Resonanz auch außerhalb von Frankfurt zur Ausbreitung der pietistischen Konventikel bei
    • etwa 50 Teilnehmer des collegium pietatis - überwiegend einfache, ungebildete Menschen - Kaufleute, Handwerker, auch Frauen und Jungfrauen in großer Zahl, in einem Nebenraum, wo sie mithören, aber nicht gesehen werden konnten - Weggang der meisten Akademiker, aber nicht von Schütz, der eine dominierende Rolle einnimmt, vielleicht sogar das Präsidium
    • Frühjahr 1675: Johanna Eleonora von Merlau übersiedelte zu der jungen Witwe Maria Juliane Baur von Eyseneck (1641–1684) auf den Saalhof in Frankfurt
  • 1677: - Geistliches Priestertum von Philipp Jacob Spener
  • nach 1677: - Franz Julius Lütkens (* 21. Oktober 1650 in Dellien; † 12. August 1712 in Kopenhagen) begeistert sich nach Studien in Wittenberg (ab 1668) und Jena (1673/74) für die neue theologische Richtung von Philipp Jakob Spener (durch den Lüneburgschen Superintendenten Caspar Hermann Sandhagen beeinflusst [* 22. Oktober 1639 in Borgholzhausen; † 14. Juli 1697 in Kiel; seit 1672 bis 1684 in Lüneburg; korrespondierte ab 1677 mit Philipp Jakob Spener])
  • 1676: seit Advent 1676 im Saalhof ein Collegium am Sonntagabend - nach dem Vorbild Speners, aber auch unter dem Einfluss der Labadistin Anna Maria von Schürmann und der Mystikerin Antoinette Bourignon
  • 1679: - Franz Daniel Pastorius (* 26. September 1651 in Sommerhausen; † 27. September 1719 in Germantown) kommt als Jurist nach Frankfurt und stößt auf den radikal-pietistischen Zirkel um Johann Jakob Schütz

1680er Jahre[Bearbeiten]

  • 1681: - Gründung von Philadelphia (laut Offb 3,7–13 die einzige der sieben Gemeinden, die dem Lamm Gottes auch in der Zeit der Verfolgung treu bleibt)
  • 1682: - Verlegung des collegium pietatis in die Barfüßerkirche - eine von Hunderten besuchte Bibelstunde, wo außer Spener fast nur noch Theologiestudenten das Wort ergreifen
  • 1686: - Philipp Jacob Spener kursächsischer Oberhofprediger in Dresden
    • August Hermann Francke (* 12. März/ 22. März 1663 in Lübeck; † 8. Juni 1727 in Halle an der Saale) gründet mit Paul Anton das Collegium philobiblicum, einen Verein von Magistern zur regelmäßigen Übung in der Exegese und lernt dabei Philipp Jacob Spener kennen
  • 1687: - mit Glaubenskrise und Neuanfang verbundene Bekehrung von August Hermann Francke - als Wegbereiter des Pietismus zunächst in Leipzig, dann in Erfurt ausgewiesen
    • 1687 Franz Julius Lütkens Propst und Konsistorialrat an der Petrikirche in Cölln

1690er Jahre[Bearbeiten]

  • 1691: - Philipp Jacob Spener Propst und Konsistorialrat an der Nikolaikirche in Berlin
    • Franz Julius Lütkens von Spener in sein Amt als Superintendent von Berlin eingeführt
  • 1694: - Philipp Jacob Spener wirkt an der Gründung der Reformuniversität Halle an der Saale mit
    • Carl Hildebrand von Canstein (* 4. August 1667 in Lindenberg; † 19. August 1719 in Berlin) lernt Philipp Jakob Spener in Berlin kennen
  • 1695: - die Vier Bücher, das Paradiesgärtlein und weitere Schriften von Johann Arndt erscheinen unter dem Titel Sechs Bücher vom wahren Christentum (das Wahre Christentum erschien bis 1740 in insgesamt 123 Auflagen)
  • 1698: - Gründung der Franckeschen Stiftungen zu Halle durch August Hermann Francke (1663-1727)

1700er Jahre[Bearbeiten]

  • 1702: - Bartholomäus Ziegenbalg (* 10. Juli 1682 in Pulsnitz; † 23. Februar 1719 im südindischen Tranquebar) wechselte an das Berliner Friedrichswerdersche Gymnasium unter dem pietistischen Rektor Joachim Lange und lernte Philipp Jakob Spener kennen
  • 1703: - Bartholomäus Ziegenbalg studierte Theologie an der Universität Halle als Schüler von August Hermann Francke
  • 1704: - Franz Julius Lütkens (* 21. Oktober 1650 in Dellien; † 12. August 1712 in Kopenhagen) Hofprediger in Kopenhagen und Dr. der Theologie - er wies König Friedrich IV. auf die Missionspflicht der dänischen Kirche den heidnischen Untertanen gegenüber hin, Friedrich IV. beauftragte daraufhin seine drei Hofprediger (auch Dr. Jespersen aus Trontheim und der Mecklenburger Dr. Masius), nach geeigneten Missionaren zu suchen
  • 1705: Philipp Jacob Spener stirbt am 5. Februar in Berlin
    • Scheitern der Suche nach Missionaren in Dänemark - infolge seines Kontaktes zu den erweckten Kreisen in Deutschland erhielt Lütkens vom König den Auftrag, sich in Deutschland nach Sendboten umzusehen - Lütkens wandte sich zunächst nach Berlin, seiner vorherigen Wirkungsstätte - im August 1705 hält sich Bartholomäus Ziegenbalg für kurze Zeit in Berlin auf, um dort einen Pastor für einige Wochen zu vertreten, er wird angefragt genau wie Heinrich Plütschau aus Mecklenburg-Strelitz, der in Berlin ein Schüler Joachim Langes gewesen war und den Ziegenbalg schon von Halle her kannte
    • am 1. Oktober 1705 erklärten beide den Berliner Pastoren gegenüber ihre Bereitschaft, in die Mission zu gehen. „Wir gehen in des Herrn Namen, und wenn uns Gott nur eine Seele aus den Heiden schenken möchte, würde unsere Reise schon belohnt sein.“ (Plitt/Hardeland, S. 42)
  • 1706: - Dänisch-Hallesche Mission - eine Stiftung des dänischen Königs Friedrich IV. (* 11. Oktober/ 21. Oktober 1671 in Kopenhagen; † 12. Oktober 1730 in Odense, König 1699–1730) - erste deutsche protestantischen Mission; am 9. Juli 1706 langten die Deutschen Bartholomäus Ziegenbalg und Heinrich Plütschau in Tranquebar (dänische Kolonie von 1620 bis 1845) an
  • 1708: - Merckwürdige Nachricht aus Ost-Indien von Bartholomäus Ziegenbalg commons:Category:Merckwürdige Nachricht aus Ost-Indien
  • 1710: - Cansteinsche Bibelanstalt von Carl Hildebrand Freiherr von Canstein in Zusammenarbeit mit August Hermann Francke als älteste Bibelanstalt der Welt in Halle gegründet (Stehender Satz) - Erster Bibeldruck am 21. Oktober 1710 in der Druckerei des Waisenhauses der Franckeschen Anstalten (zu Lebzeiten Carl Hildebrands werden 180.000 Bibeln und Neue Testamente gedruckt, bis zum Jahr 1800 über 2,7 Millionen - u.a. Ausrüstung der preußischen Armee mit ca. 105.000 Bibeln im Auftrag des Preußischen Königs)

1710er Jahre[Bearbeiten]

  • 1713: - Tranquebar-Bibel - erste Bibelausgabe in tamilischer Sprache in der Übersetzung von Bartholomäus Ziegenbalg.

1720er Jahre[Bearbeiten]

1730er Jahre[Bearbeiten]

  • 1735: - Simeon Todorskijs verlegt in Halle die Vier Bücher vom wahren Christentum auf russisch

1820[Bearbeiten]

70r–111r: Protokolle der 6.–11. Sitzung des Dresdner Missionsvereins (1820), In: Detlef Döring: Katalog der Handschriften der Universitäts-Bibliothek Leipzig: Neue Folge 1,4. Otto Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2005 - 210 Seiten, S. 28.

156r–271r: Protokolle der 12.–19. Sitzung des Dresdner Missionsvereins (1820), In: Detlef Döring: Katalog der Handschriften der Universitäts-Bibliothek Leipzig: Neue Folge 1,4. Otto Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2005 - 210 Seiten, S. 28.


Aufruf des Leipziger Missionsvereins zur Gründung einer "Allgemeinen teutschen Missions-Gesellschaft", Leipzig, Februar 1820 (auch als Druck erschienen). Ms 01252 (I A) 9r bis 11v

Detlef Döring: Katalog der Handschriften der Universitäts-Bibliothek Leipzig: Neue Folge. Otto Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2005 - 210 Seiten, S. 28.

Vorschau

1830er[Bearbeiten]

  • 1831: die neue sächsische Verfassung von 1831:
    • gewährte völlige Gewissensfreiheit
    • gewährte aber das Recht auf öffentliche Religionsausübung nur den Lutheranern, Reformierten und Katholiken

Literatur[Bearbeiten]

  • Herbert Strahm: Dissentertum im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Freikirchen und religiöse Sondergemeinschaften im Beziehungs- und Spannungsfeld von Staat und protestantischen Landeskirchen, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2016, Auszug

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Geschichte des LMW: Damals bis heute: 1993 – heute
  2. EKM Pressestelle Erfurt, 175 Jahre Leipziger Missionswerk. Jubiläumsgottesdienst in Greiz Pohlitz: Indische Musik und indisches Essen: Der Jubiläums-Gottesdienst findet in Greiz statt, da hier am 25. und 26. Februar 1840 die ersten drei Missionare Heinrich Cordes, Gottlieb Samuel Klose und Eduard Meyer examiniert und ordiniert worden waren. Aus konfessionellen Gründen hatte das Dresdner Konsistorium die Ordination seinerzeit abgelehnt. Die Greizer Kirchenbehörde Reuß ä. L. war hingegen bereits mit der damals sogenannten „Heidenmission“ eng verbunden und übernahm die Aufgabe gern. Während die Missionare Klose und Meyer nach Australien gingen, wurde Cordes nach Tranquebar in Südindien entsandt.
  3. Guntram Martin, Jochen Vötsch, Peter Wiegand (Hrsg.): Geschichte Sachsens im Zeitalter Napoleons. Vom Kurfürstentum zum Königreich 1791 bis 1815, Sax-Verlag, Beucha 2008, ISBN 978-3-86729-029-6, S. 25.
  4. geb. 3. März 1789 in Wittenberg als Sohn eines Wittenberger Professors der Medizin, gest. 12. November 1849 in Colditz
  5. Diaconi zum heiligen Kreuz
  6. Die (Sack)Gasse hinter der Kreuzkirche 545 verlief an der rechten Seite der Superintendentur, beim Betreten derselben lag die Superintendentur also linkerhand und ihr rechterhand gegenüber standen Wohnhäuser. Leonhardi wohnte im vorletzten Haus vor dem Gassenende; heute befindet sich an dieser Stelle in etwa die Südseite des Innenhofs des Rathauses. Der Dresdner Adreß-Kalender auf das Jahr 1819 führt auf Seite 108 unter Kirchen und Schulen. A. Evangelische Kirchen- und Schullehrer. An der Kreuz=, Frauen= und Sophienkirche aus: M[agister] Gust. Ernst Ch Leonhardi, Diac[on] u. Nachm[ittags] P[rediger] h. d. Krzk. 545.
  7. Montags den 16. August 1819, Abends 5 Uhr
  8. sechs folgende christliche Freunde
  9. Francke wurde durch Leibniz zur Mission angeregt und nahm die Dänisch-Hallesche Mission in den Kreis seiner Reich-Gottes-Werke auf.
  10. Hans Werner Gensichen: Missionsgeschichte der neueren Zeit, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1961, S. 17.
  11. Hans Werner Gensichen: Missionsgeschichte der neueren Zeit, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1961, S. 19.
  12. Hans Werner Gensichen: Missionsgeschichte der neueren Zeit, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1961, S. 38.
  13. Vgl. Basler Mission.
  14. Nach anderer Quelle schloß er sich bereits 1793, also 16-jährig, der Deutschen Christentumsgesellschaft an.
  15. Hatten im 18. Jahrhundert die offiziellen Kirchen, vor allem unter dem Einfluss der Aufklärung, dem Pietismus kritisch, ja feindlich gegenübergestanden, so brachte die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die in verschiedenen Landesteilen Deutschlands aufbrechende Erweckungsbewegung eine Versöhnung zustande; der Pietismus wurde orthodox und die Orthodoxie pietistisch (K. D. Schmidt). Aus: Paul Gäbler: Geschichte der evangelischen Mission, 19.Jahrhundert, In: Evangelisches Kirchenlexikon – Kirchlich-theologisches Handwörterbuch, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2. Auflage 1962, Band H–O, Spalte 1347–1354.
  16. Hans Werner Gensichen: Missionsgeschichte der neueren Zeit, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1961, S. 37.
  17. Missionsstunden wurden sehr bald Sonnabend Abends zunächst in der Wohnung des der Brüdergemeinde angehörenden Schullehrer Sattler auf der großen Frauengasse, dann in der Erziehungsanstalt für jüdische Kinder auf der langen Gasse, seit 1829 Montag Abends in der Hospitalkirche zu St. Jacob, hier vom Semin.=Dir. Zahn, und endlich seit Januar 1837 in der Waisenhauskirche gehalten; hin und wieder wurden dieselben von anwesenden Missionaren gehalten. In: (Edmund Alex): Fünfzig Jahre der Missionsthätigkeit im Königreiche Sachsen, Justus Naumann's Buchhandlung (Heinrich Naumann), Dresden 1869, S. 22.
  18. Der Privatlehrer Carl August Ernst Sattler ist 1820, 1822 und 1823 in der großen Frauengasse 393 verzeichnet, befand sich 1824 und 1826 nicht mehr in Dresden.
  19. Vgl. Karl Hennig: Die Auswanderung Martin Stephans. In: ZKG 58 (1939), S. 142 bis 166.
  20. Vgl. Karl Hennig: Die sächsische Erweckungsbewegung im Anfange des 19. Jahrhunderts. Verlag von Theodor Weicher, Leipzig 1929, S. 137 bis 145.
  21. Diakon Magister Lebrecht Sieg. Jaspis: Pfarrgasse 4a
  22. Archidiakon Magister Elias Fr. Poege: Pfarrgasse 5
  23. Diakon Magister Ch. Gottl. Gueldemann: Pfarrgasse 4b
  24. Stadtprediger Magister J. Fr. H. Cramer: An der Kreuzkirche 542
  25. Superintendent Ober-Consistorialrath Dr. Carl Christian Tittmann: An der Kreuzkirche 541
  26. Vgl. Lutheran Church – Missouri Synod.
  27. Vgl. Internationaler Lutherischer Rat.
  28. Vgl. Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche.
  29. So das Dresdnische Gesangbuch von 1797, aber auch die Gebete und Andachtsübungen dazu (Dresden 1797), die Gebete zum Gebrauch bei den öffentlichen und häuslichen Gottesdienste (Dresden und Leipzig 1811) und das Kirchenbuch für den evangelischen Gottesdienst der Königlich sächsischen Lande, auf allerhöchsten Befehl herausgegeben (Dresden 1812–1813), 2 Teile (2 Teil auch mit dem Titel Neue Sächsische Kirchenagende, Dresden 1813).
  30. (Pastor) Otto Steinecke: Die Diaspora der Brüdergemeine in Deutschland. Ein Beitrag zu der Geschichte der evangelischen Kirche Deutschlands, Bernhard Mühlmann's Verlagsbuchhandlung, Teil 2: Halle a. S. 1906 (Vorwort: Staritz, den 30. Januar 1905.), S. 111.
  31. Vgl. Vereinte Evangelische Mission.
  32. Vgl. Leipziger Missionswerk.
  33. Vgl. Lutherischer Weltbund.
  34. Vgl. Johann August Heinrich Tittmann.
  35. Vgl. Peter von Dresden.
  36. Vgl. Johann von Staupitz.
  37. Vgl. Leipziger Disputation.
  38. Stadtarchiv Dresden, Ratsarchiv, G.XXV. 17b. fol. 27.
  39. Frank Metasch: Exulanten in Dresden. Einwanderung und Integration von Glaubensflüchtlingen im 17. und 18. Jahrhundert. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2011, S. 191.
  40. Vgl. Christian Keimann.
  41. Vgl. Meinen Jesus lass ich nicht.
  42. Vgl. Johann Burchard Freystein.
  43. Vgl. Liste der Kirchenlieder im Evangelischen Gesangbuch#Sammlung und Sendung, 246 Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ.
  44. Vgl. Philipp Jacob Spener.
  45. Vgl. Valentin Ernst Löscher.
  46. Vgl. Gichtelianer.
  47. Vgl. Johann Georg Gichtel.
  48. Georg Ludwig (Reichs-) Graf von Zinzendorf und Pottendorf (geb. 8. Oktober 1662 in Nürnberg, gest. 9. Juni 1700 in Dresden. Sohn von Graf Maximillian Erasmus von Zinzendorf und Pottendorf (geb. 29. Juni 1633 in Wien, gest. 21. Juni 1673 in Nürnberg) und Freiin Anna Amalie von Dietrichstein-Hollenburg (geb. 20. Oktober 1638 in Nürnberg, gest. 15. August 1696 in Nürnberg).
  49. Charlotte Justine von Gersdorff (1675–1763). Tochter von Nikolaus von Gersdorff (9. Juni 1629 bis 23. August 1702) und Henriette Catharina von Gersdorff, geb von Friesen (1648–1726). Schwester von Freiin Johanna Eleonore von Gersdorff a.d.H. Baruth (1681 bis nach 2.3. 1702 und vor 1706 in Dresden) und Rahel von Burgsdorff, Freiin von Gersdorff (6. 9. 1683 in Dresden bis 6.12. 1751 in Lübben, Ehefrau von Georg Christof von Burgsdorff, 1671 bis 1743 in Lübben). Tante von Henriette Sophie von Burgsdorff (von Gersdorff), geb. etwa Februar 1702 in Dresden, gest. etwa Mai 1743 in Dresden, Tochter von Freiherr Gottlob Ehrenreich von Gersdorff auf Weichau und Johanna Eleonore (verheiratet nach 10. August 1699), Ehemann von Carl Gottlob von Burgsdorff, geb. 1708 .
  50. Kurfürsten Johann Georg III. von Sachsen: * 20. Juni/ 30. Juni 1647 in Dresden; † 12. September/ 22. September 1691 in Tübingen
  51. Henriette Catharina von Gersdorff: geborene von Friesen (*6. Oktober 1648 in Sulzbach; † 6. März 1726 in Großhennersdorf)
  52. Nicolaus Freiherrn von Gersdorff, geb. 9. Juni 1629 in Doberschütz, gest. 23. August 1702 in Dresden. Sohn des kaiserlichen Rates Nicol (Nicolai, Nikol I.) von Gersdorff (gest. 1648) und Anna Maria von Gersdorff geb. von Loeben (1595 bis 1654). Enkel von Friedrich von Gersdorff (gest. 1606), verheiratet mit Margarete von Metzradt, und von Melchior von Loeben (gest. 1636), verheiratet mit Margarete von Kosel (1579 bis 1637).
  53. Henriette Catharina von Gersdorff übernahm die Druckkosten für folgende Übersetzungen von Michał Frencel, Pfarrer in Großpostwitz bei Bautzen, in den Bautzner Dialekt des Sorbischen: Römer- und Galaterbrief (1693), Der Psalter Des Königlichen Propheten Davids. Budissin 1703 (Digitalisat) und Das Neue Testament Unsers Herrn Jesu Christi / in die Oberlausitzsche Wendische Sprache. Zittau 1706 (Digitalisat) - Jahrzehnte zuvor waren vom gleichen Übersetzer auf Eigeninitiative zwei Evangelien erschienen: S. Matthaeus und S. Marcus / Wie auch Die drey allgemeinen Haupt-Symbola. Budissin 1670 (Digitalisat) Behindert wurde Frencels Arbeit, weil die sächsischen Stände seine Manuskripte konfiszieren ließen und den Druck des Neuen Testaments auf Sorbisch verboten hatten.
  54. Geistreiche Lieder und poetische Betrachtungen. Hrsg. v. Paul Anton, Waisenhaus, Halle 1729. (Nachdruck: Wald, Karben 1998, ISBN 3-932065-93-X).
  55. Nach anderer Quelle am 1. Dezember 1704.
  56. Vgl. Gersdorf (Markersdorf).
  57. Vgl. Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen: Gross-Hennersdorf auf Wikisource.
  58. 1672.
  59. Der kurfürstliche Befehl lautete, „solche an sich unzulässige Conventus sofort gänzlich einzustellen".
  60. 1) Synode Zeist 1746. Tropus gleichbedeutend mit Konfession, Landeskirche.
  61. 2) Synode Marienborn 1745.
  62. 3) Generalsynode Bethel 1756.
  63. 4) 1740.
  64. 5) Pilgergemeinde 17. Juni 1747.
  65. 6) Synode Gotha 12. Juni 1740.
  66. Gersdorff, Wolf Caspar Abraham von bei Deutsche Biographie.
  67. Adressbuch von 1738/G.
  68. Adressbuch von 1740/G.
  69. Adressbuch von 1740.
  70. Adressbuch von 1740/R.
  71. Adreßbuch von 1738/R.
  72. Sohn von Wolf Kaspar von Gersdorff (1655-1705), Enkel von Erasmus von Gersdorff (1619 bis 1660), Urenkel von Abraham von Gersdorff (1582 bis 1636) und Bruder von Albertine Dorothea Elisabeth von Gersdorff (1691-1721, verheiratet von Kreckwitz) und Johann Gottlob von Gersdorff (1698-1714); GEDBAS: Nachkommen von Abraham VON GERSDORFF.
  73. Ein weiteres Kind, Anna Dorothea von Gersdorff, wurde 1751 noch recht spät geboren und verstarb 1757 noch als Kind.
  74. Nachlaß Wolf Caspar Abraham von Gersdorf/ Archiv der Evangelischen Brüder-Unität <Herrnhut> bei Kalliope-Verbund.
  75. Brief von Johann Beckmann an Wolf Caspar Abraham von Gersdorff und Sophie Gersdorf/ Archiv der Evangelischen Brüder-Unität <Herrnhut> bei Kalliope-Verbund
  76. Sächsisches Staatsarchiv, Bestand 10025: Geheimes Konsilium, Teil 097: Schulden - 097.04 Korporationen, Städte und Private (alphabetisch nach Schuldnern bzw. anderen Beteiligten), Loc. 05587/04: Des Geheimen Kriegsrats Wolf Caspar Abrahams von Gersdorff Schuldwesen (1738 bis 1754).
  77. Schneidermeister Käulfuß?
  78. Ratsarchiv Dresden, B.I.14.
  79. Ratsarchiv Dresden, B.I.32.
  80. Peggy Renger-Berka: Die Wurzeln der Inneren Mission in Sachsen, in: Neues Archiv für sächsische Geschichte, 2008 (79), 250.
  81. Die Einführung des neuen aufgeklärten Dresdner Kirchengesangsbuches von 1797 erfolgte durch den Oberkonsistorialrat Karl Christian Tittmann, der sich als ehemaliger Rektor der Wittenberger Universität Leucorea hiermit für das Amt des Dresdner Superintendenten empfahl, welches er dann auch folgerichtig ab 1803 bekleidete und in welchem er 1812 auch die traditionellen lutherischen Agenden durch aufgeklärte neue Versionen ersetzte.
  82. Christoph Friedrich Ammon (1766–1850), Oberhofprediger von 1813 bis 1849.
  83. Vgl. Johann Bernhard Basedow.
  84. Vgl. Sokratische Methode.
  85. „Prüfungskommission für die Anstellungs- und Beförderungsprüfungen der Volksschullehrer“ in Dresden
  86. Vgl. Christian Fürchtegott Gellert.
  87. Vgl. Hans Moritz von Brühl (Astronom).
  88. Vgl. Heinrich von Brühl.
  89. Vgl. Christian Felix Weiße.
  90. Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre (u. A. von Beethoven vertont); Du bist’s, dem Ruhm und Ehre gebühret (von Joseph Haydn vertont); Dies ist der Tag, den Gott gemacht (Weihnachtslied, EG 42); Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken (Passionslied, EG 91); Jesus lebt, mit ihm auch ich (Osterlied, EG 115; GL 336 – Melodie von Albert Höfer); Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht (EG 506; GL 463); Mein erst Gefühl sei Preis und Dank (Morgenlied, EG 451); Gott ist mein Lied (EG, Regionalausgabe Nordelbien 536).
  91. James Retallack (Hg.): Sachsen in Deutschland. Politik, Kultur und Gesellschaft. 1830–1918 (= Studien zur Regionalgeschichte, Bd. 14), Bielefeld u. a. 2000, S. 8.
  92. Der Prediger der böhmischen Gemeinde, Petermann, war zuvor Pfarrer in Vetschau und wurde von dort nach Dresden versetzt. Er hatte mit dem Archidiakon Busse aus Cottbus in der dortigen Gegend Mitte des 18. Jahrhunderts eine Erweckung hervorgerufen.
  93. Der Rationalismus, der je länger je mehr die Gotteshäuser der Landeskirche veröden ließ, trieb viele der Brüdergemeine — dem Asyl, dem Rettungshafen, der Herberge der Gläubigen — in die Arme; zu ihr flüchteten die Reste des Pietismus.
  94. Plan von Dresden 1809.
  95. Vgl. Magnus Adolph Blüher.
  96. Vgl. Hermsdorf (Ottendorf-Okrilla).
  97. Wilhelm von Kügelgen: Jugenderinnerungen eines alten Mannes, hrsg. von Philipp von Nathusius. W. Hertz, Berlin 1870 (Erstauflage), S. 432, 433 und 434: Mehr hatte es zu bedeuten, daß ich jetzt des öfteren gewürdigt ward, die Abende mit in Hermsdorf zuzubringen. Das Schloß allein schon wäre eines Besuches wert gewesen. Es war ein großer, mit seinen Nebengebäuden durch einen Wassergraben vom Wirtschaftshofe und Parke isolierter dreitürmiger Prachtbau aus älterer Zeit. Nachdem man eine Zugbrücke passiert, gelangte man mittelst eines tiefen Tores auf den inneren Schloßhof, der zur Sommerzeit, mit Springbrunnen geziert, den reizendsten Anblick darbot. Weiterhin empfing den Eintretenden im Erdgeschoß des Schlosses eine weite steinerne Halle, durch welche man zu einer Wendeltreppe gelangte, die, im mittleren Turme auflaufend, nach den oberen Gemächern führte. Da war's so schön, so still und geräumig. Nichts erinnerte an die Beschränkungen des gemeinen Lebens und nichts an Augenlust, an Weichlichkeit und Hoffart. Es fand sich alles, was zum wirklichen Komfort eines behaglichen Lebens gehört, aber nichts Unnützes und nichts, was geblendet oder geprahlt hätte. Dem befriedigenden Eindruck dieser Häuslichkeit entsprachen denn auch die Personen, die hier hausten. Der Graf und die Gräfin waren beides Menschen, wie man sie sich zum vertrautesten Umgang wünschen möchte, einfach, wahr und wohlwollend und dazu niet- und nagelfest in ihrem ganzen Wesen. Von der großen Welt zurückgezogen, lebten sie jedoch nichts weniger als einsam, denn ihr Haus war nach und nach ein Sammelplatz geworden für Glaubensbrüder aus allen Kirchen und Konfessionen der Christenheit, ein richtiges hospitium ecclesiae dei, da sich mancher wackere Pilgersmann im Vorübergehen für fernere Wallfahrt Kraft und Segen holte. Was an hervorragenden, für die Ausbreitung des Reiches Gottes tätigen Männern nach Dresden kam, das pilgerte auch hinaus nach Hermsdorf, sich das hospitium und seine Wirte anzusehen. Da sah man Brüder aus England, Frankreich, Rußland und Amerika, Missionare von den fernsten Orten der Erde, Lutheraner, Reformierte aller Denominationen, selbst Katholiken, und alle fühlten sich verbunden durch einen Glauben, eine Liebe und eine Hoffnung. Es bestand damals eine in hohem Grade erbauliche Herzensunion unter den Offenbarungsgläubigen aller Kirchen, welche freilich mit der eben zu jener Zeit erfundenen königlich preußischen Kirchenunion nicht das geringste gemein hatte, vielmehr in dieser nur ihr Zerrbild und ihren Untergang fand. Immerhin ist es auch ein Unterschied, ob man sich mit einzelnen über den Zaun hinweg die Hand reicht und gute Nachbarschaft mit denen hält, die jenseits wohnen, oder ob man den Zaun ganz abträgt und damit Mein und Dein vermischt und verwischt. Graf Dohna und sein Pastor waren entschiedene Widersacher jener preußischen Gleichmacherei, die jeder inneren Wahrheit bar und ledig ging; sie erkannten jeden, der Jesu Christo angehören wollte, als mit sich auf einem Wege, und wenn er auch ein Quäker oder Wiedertäufer gewesen wäre; zugleich aber hielten sie das lutherische Bekenntnis für das allein korrekte und wollten es dem lutherischen Volke ungetrübt erhalten wissen. Der Rationalismus war zwar in die lutherischen Hürden so gut eingebrochen wie in alle anderen, faktisch herrschte er sogar darin, doch aber stand das Bekenntnis in Sachsen noch unter dem Schuhe des Rechtes, und diese Position mutwillig aufzugeben, schien gefährlich. Auf solche und andere geistlichen Materien kam an jenen Abenden viel die Rede, und ich achtete auf das Gespräch der Alten und hatte davon wenigstens den Vorteil, mit den theologischen und kirchlichen Fragen der Zeit einigermaßen bekannt zu werden.
  98. Stadtteil Klotzsche in Landeskundlicher Reiseführer für die sächsische Landeshauptstadt Dresden und das weitgefasste Umland (Ostsachsen): Oberes Elbtal, Elbsandsteingebirge, Oberlausitz und Osterzgebirge: In der Zeit der Ersterwähnung im Jahr 1309 war Klotzsche ein Lehndorf von Bernhard II. von Pulsnitz. Ab etwa 1400 unterstand es dem Amt Dresden.
  99. Klotzsche im Historischen Ortsverzeichnis von Sachsen: 1445: Pflege Dresden, 1547: Amt Dresden, 1590: Amt Dresden, 1764: Amt Dresden, 1816: Amt Dresden r. d. E., 1843: Amt Dresden.
  100. Sächsisches Staatsarchiv, Archivale im Bestand 10279: Grundherrschaft Hermsdorf bei Radeberg, Archivalnummer 139: Besetzung der Pfarrerstelle in Lausa sowie die Neubesetzung der Lehrerstelle in Wilschdorf, Klotzsche und Lausa (1768 bis 1774).
  101. Sächsisches Staatsarchiv, Archivale im Bestand 10279: Grundherrschaft Hermsdorf bei Radeberg, Archivalnummer 142: Wiederbesetzung der Pfarrer- und Lehrerstelle in Lausa (1793 bis 1803).
  102. Sächsisches Staatsarchiv, Archivale im Bestand 10279: Grundherrschaft Hermsdorf bei Radeberg, Archivalnummer 141 (1787 bis 1791): Wiederbesetzung der Pfarrerstelle in Lausa nach dem Tod von Christian Friedrich Karg (1718-1787).
  103. Klotzsche im Historischen Ortsverzeichnis von Sachsen: Fil[ial]K[irche] von Wilschdorf 1539 u. 1837, seit 1895 Pfarrkirche(n).
  104. Sächsisches Staatsarchiv, Archivale im Bestand 10279: Grundherrschaft Hermsdorf bei Radeberg, Archivalnummer 145: Übergabe des Pastorats in Wilschdorf und Klotzsche an Christoph Heinrich Jähnich (Jähnisch) aus Grünberg (1815).
  105. Sächsisches Staatsarchiv, Archivale im Bestand 10279: Grundherrschaft Hermsdorf bei Radeberg, Archivalnummer 219: Schule in Klotzsche (1814).
  106. Sächsisches Staatsarchiv, Archivale im Bestand 10279: Grundherrschaft Hermsdorf bei Radeberg, Archivalnummer 146: Schule in Wilschdorf (1818 bis 1826).
  107. S. 180 bis 190.
  108. Dorfkirche Klotzsche.
  109. Kirche Klotzsche.
  110. Vgl. Schlacht bei Jena und Auerstedt.
  111. Klotzsche auf dresdner-stadtteile.de.
  112. Vgl. Wilhelm von Kügelgen.
  113. Vgl. Philipp von Nathusius.
  114. Vgl. Wilhelm Ludwig Hertz, 1847 Käufer der Besserschen Buchhandlung in Berlin.
  115. Vgl.Johann Heinrich Besser (Bessersche Buchhandlung und „Perthes, Besser und Mauke“ Hamburg)
  116. Adreßbuch Dresden 1816, S. 10: Die Akademie der bildenden Kuͤnste: Mitglieder mit dem Praedicate als ausserordentliche Professoren: Gerhard v. Kuͤgelgen, Mitglied d. Acad. zu Petersburg u. Berlin, Geschichtm., Nst. Hauptstr. 140.
  117. Adreßbuch Dresden 1812, S. 38: Das Geheime Finanz=Collegium: Geheime Finanzraethe: Jos. Friedr. von Zezschwitz, Neustädter Hauptstraße 157, III. Dep.
  118. Vgl. Piława Górna
  119. Nach anderer Darstellung war Karl August von Zezschwitz Beamter des Geheimen Kabinetts.
  120. Adreßbuch Dresden 1812, S. 58: Die Landes=Regierung (ist in der Neustadt auf der großen Meißner Gasse): Hof= und Justitienraethe: Carl August v. Zezschwitz, Nst. Hauptstr. 169.
  121. Große Meißner Straße im Stadt-Wiki Dresden.
  122. Vgl. Wolsk im russischen Oblast Saratow.
  123. Vgl. Konstantin von Kügelgen.
  124. Der erste Sohn war der 1836 geborene Dr. Med. Heinrich von Kügelgen (gest. 1860), der zweite der am 8. Oktober 1837 in Bautzen geborene Carlo von Kügelgen, Gutsbesitzer und Administrator in Dorpat (heute: Tartu, Estlands zweitgrößte Stadt), dort gestorben am 11. September 1911.
  125. 1835 war Konstantin von Kügelgen im Auftrag des Zaren Nikolai I. wieder in Reval u. St. Petersburg und kopierte dort Gemälde.
  126. Auch Alexandrine (Aline) Zoege v. Manteuffel starb schon sehr jung im Jahre 1846, und Konstantin von Kügelgen heirate am 12. März in Maidel (Estland) Antonie von Maydell.
  127. Jahrbuch des deutschen Adels. Bd. 3, 1899, S. 966: Friedrich Christlieb, geb. zu Taubenheim 22. Mai 1743, † zu Herrnhut 6. August 1810, auf Taubenheim und Deutschbaselitz, verm. mit Sarah Foster, geb. zu London 12. April 1751, † zu Klein=Welka 1. März 1829.
  128. Vgl. City of Leeds.
  129. Vgl. West Yorkshire.
  130. Vgl. Johann Amos Comenius.
  131. Vgl. Kolonie Kleinwelka.
  132. Vgl. City of Leeds.
  133. Vgl. West Yorkshire.
  134. Vgl. Gerhard von Zezschwitz.
  135. Vgl. Carl Paul Caspari.
  136. Vgl. Hans Gottlob von Zezschwitz.
  137. Vgl. Konstantin von Kügelgen.
  138. Vgl. Piława Górna.
  139. Vgl. Adolf von Tschirschky und Bögendorff im Stadtwiki Dresden.
  140. Mitarbeiter/innen: Lehrstuhl für Systematische Theologie und theologische Gegenwartsfragen der Universität Regensburg: Apl. Prof. D. Dr. Rudolf Keller Lehrbeauftragter für Kirchengeschichte, Seckendorffstraße 14, 91522 Ansbach; Lutherischer Dienst, 48. Jahrgang (2012), Heft 3, 20f.: Apl. Prof. D. Dr. Rudolf Keller Gemeindepfarrer in Lehrberg bei Ansbach, 1997 Privatdozent, 2006 Apl. Prof., 2009 Vizepräsident des Martin-Luther-Bundes. (abgerufen am 5. Juni 2019)
  141. Online Archivkatalog des Staatsarchivs Basel-Stadt: CH-000027-1 Staatsarchiv des Kantons Basel-Stadt: PA Privatarchive: Privatarchive Nrn. 651 - 700: PA 653 Christian Friedrich Spittler-Archiv (1609-1970): PA 653a Christian Friedrich Spittler-Archiv (1609-1970): D.D.: Deutsche Christentumsgesellschaft (1777-1839): D. D. 31: Briefe von Burghardt, J. G., Dresden (1811-1821) und D.D. 39 Adressbuch der Deutsch. Christentums Gesellsch. 1818 Neuaufnahmen 1819-1824 (1818-1824).
  142. 1816: Actuarien: Joh. George Burkhardt, Accis=Inspector, Neustadt, gr. Meißner Gasse 10.
  143. 1817: Das geheime Finanz=Collegium: George Adolph Burkhardt, Neustadt, gr. Meißner Gasse 10
  144. 1819: Burghardt; George Adolph nicht nachgewiesen, 1820: Burghardt; George Adolph nicht nachgewiesen.
  145. Adreßbuch 1799.
  146. Stadtmagistrat: Johann George Burkhardt, Adreßbuch Dresden 1829: gr. Schießgasse 705 - Assessor bei der Comissionsstube, und dem Stadtgericht in Neustadt, General=Accise=Sub=Coinspector, Coinspector der Kreutzschule, Inspector der Annenkirche und Schule, ingleichen des Stadtkrankenhauses, auch Deputirter bei der Personensteuer=Einnahme und dem Sparkasseninstitut.
  147. Wohl Johann Traugott Böttcher, Senior und Oberältester der Dresdner Böttcher.
  148. S. 80.
  149. (Pastor) Otto Steinecke: Die Diaspora der Brüdergemeine in Deutschland. Ein Beitrag zu der Geschichte der evangelischen Kirche Deutschlands, Bernhard Mühlmann's Verlagsbuchhandlung, Erster Teil, Halle 1905, S. 85.
  150. S. 86.
  151. S. 87.
  152. S. 89.
  153. S. 90 f.
  154. S. 93 f.
  155. Bechler: Vor hundert Jahren und heut. Herrnhut 1900. 8. 41.
  156. W. Ziemann, Goßnerscher Missionar. Berlin 1884. S. 2. 7.
  157. Schneider: Eine Magd des Herrn. Herrnhut, S. 13.
  158. Plath: Sieben Zeugen des Herrn. Berlin 1867. S. 122.
  159. S. 94 f.
  160. Dr. Wangemann. Ein Lebensbild von seinem Sohne. Berlin 1899. S. 2 und 3.
  161. S. 95 f.
  162. Mission
  163. Teil 2: Halle a. S. 1906 (Vorwort: Staritz, den 30. Januar 1905., S. 109.
  164. S. 109f.
  165. S. 111.
  166. Vgl. Dänisch-Hallesche Mission.
  167. Vgl. Bartholomäus Ziegenbalg.
  168. Vgl. Heinrich Plütschau.
  169. Vgl. Tharangambadi
  170. Vgl. Tamil Nadu.
  171. Der Beginn der Herrnhuter Mission auf der Webseite der Evangelischen Brüder-Unität
  172. DIE WURZELN UNSERER GEMEINSCHAFTSARBEIT auf der Webseite des Landesverbandes Landeskirchlicher Gemeinschaften Sachsen e.V. (LLGS), gegründet am 27. Dezember 1899.
  173. Paul Gäbler: Geschichte der evangelischen Mission, 19.Jahrhundert, In: Evangelisches Kirchenlexikon – Kirchlich-theologisches Handwörterbuch, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2. Auflage 1962, Band H–O, Spalte 1347–1354.
  174. Dr. Christoph Friedrich Amman: Predigt zur Jubelfeier des Regierungs-Antrittes Sr. Maiestät des Königs von Sachsen am achtzehnten Sonntage nach dem Dreieinigkeitsfeste 1818 : zu Dresden gehalten, Walthersche Verlagsbuchhandlung, Dresden 1818.
  175. Carl Gottfried Leonhardt: Die gesegnete Ausbreitung des Christenthums unter Heyden, Mahommedanern und Juden in der neuesten Zeit, Dresden, im Verlage des Missions-Vereins, 1820.
  176. Vgl. Prudnik.
  177. Vgl. Ernst Ferdinand Rückert.
  178. Vgl. Leopold Immanuel Rückert.
  179. Neues Lausitzisches Magazin: unter Mitwirkung der Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften. Achter Band (Gedruckt bei Johann Gottlieb Dreßler, Görlitz 1830), S. 284: Daß es ein gutes Kennzeichen sey, wenn ein Christ an der Ausbreitung des Christenthums innigen und herzlichen Antheil nimmt. Eine Predigt am 3. Pfingstfeiertage den 24. Mai 1825. beim Hofgottesdienste in der Sophienkirche gehalten von Dr. Karl Christ. Seltenreich, Ober=Consistorial=Assessor und Superintendent in Dresden. Dresden, 11 S. gr. 8. Der Verf. zeigt, daß es ein gutes Kennzeichen sey, wenn etc. denn er beweiset dadurch 1) Sinn und Gefühl für die höchsten und wichtigsten Angelegenheiten der Menschheit, 2) hohe Achtung und wahre Liebe gegen Jesum, den Retter der Menschheit, 3) unpartheiische Wahrheits=und Menschenliebe, und 4) hat er Gelegenheit und Aufforderung, Glauben und Vertrauen zu üben.