Handbuch Open Science

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Dieses Buch steht im Regal Informationswissenschaft.

Der Begriff Open Science (Offene Wissenschaft) bündelt Strategien und Verfahren, die darauf abzielen, die Chancen der Digitalisierung konsequent zu nutzen, um alle Bestandteile des wissenschaftlichen Prozesses über das Internet offen zugänglich, nachvollziehbar und nachnutzbar zu machen. Damit sollen Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft neue Möglichkeiten im Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen eröffnet werden.

Die Handreichung Open Science entsteht im Rahmen des Wikimedia Fellowprogramms Freies Wissen. Die Handreichung richtet sich an WissenschaftlerInnen und Interessierte, die sich für Verfahren und Strategien von Offener Wissenschaft interessieren. Es gibt einen Einblick Strategien und Verfahren von Open Science, Beispiele aus verschiedenen Fächern, sowie weiterführende Links zur Vertiefung. Die Handreichung ist als Living Book konzipiert und wird von der Community stetig erweitert. Ziel ist es, eine praxisnahe Einführung zu Open Science anhand von aktuellen Beispielen und Links vorzustellen.


Redaktion[Bearbeiten]

Public Call[Bearbeiten]

Zu der Handreichung findet monatlich ein public call statt. Die Termine werden jeweils per Email vereinbart. Das Protokoll findet sich in dem folgenden Pad: https://etherpad.wikimedia.org/p/Handreichung-Open-Science

Mitmachen[Bearbeiten]

Um sich an dem Handbuch zu beteiligen, wird lediglich ein Benutzeraccount bei Wikibooks benötigt. Jede Seite lässt sich unter "Bearbeiten" ergänzen. Die "Bearbeiten"-Funktion findet sich auch neben jeder Überschrift. In diesem Fall wird lediglich der jeweilige Abschnitt geändert. Da mehrere Autoren gleichzeitig an dem Text arbeiten, ist es hilfreich, jeweils nur an einem Abschnitt zu arbeiten.

Die Mediawiki-Syntax für die Bearbeitung lässt sich auf der Seite Spielwiese ausprobieren. Wenn Dir Rechtschreib- und Grammatikfehler auffallen, die Lesbarkeit des Textes zu verbessern ist, Texte zu ausführlich sind, wichtige Punkte fehlen oder falsch dargestellt ist, dann beteilige dich an der Korrektur. Beispiele und best practices aus verschiedenen Fächern sind ebenfalls sehr willkommen. Das Buch ist gleichermaßen für WissenschaftlerInnen wie für die interessierte Öffentlichkeit gedacht, der Stil sollte möglichst klar und verständlich sein.

Eine Übersicht zu dem aktuellen Stand findet sich unter https://trello.com/b/UNbIpq7r/open-science-handreichung

Autorinnen und Autoren[Bearbeiten]

Ruben Arslan

Hinweis zu Bildern[Bearbeiten]

Damit die Bilder in anderen Open Science-Projekten weiterverwendet werden können, sollten sie möglichst unter der Lizenz CC0 und als Vektorgrafik gespeichert sein. Danke!

Quellen[Bearbeiten]

Grundlage für die erste Fassung sind die Texte der AG Open Science. TeilnehmerInnen des Fellow-Programms Freies Wissen und weitere Interessierte sind herzlich willkommen, sich bei dem Projekt zu beteiligen und die Inhalte zu erweitern.

Lizenz[Bearbeiten]

Die Texte und Bilder dieser Handreichung stehen, sofern in der Bildunterschrift nicht anders gekennzeichnet, unter der Lizenz CC-BY 4.0.

Rechtliche Voraussetzungen für Open Science[Bearbeiten]

Die technischen Gegebenheiten sind heute für Open Science so günstig wie noch nie. Die Digitalisierung hat Wissen von seinem körperlichen Trägermedium (zB Papier) gelöst. Informationen sind heute zu sehr geringen Grenzkosten kopierbar. Das Internet ermöglicht außerdem einen sehr günstigen Vertrieb.

Dennoch geschieht Open Science nicht von selbst. Harte Arbeit ist nötig, um vorstellbare offene Lösungen auch praktisch zu implementieren. Viel ist möglich, viel ist noch zu tun. Die folgenden Abschnitte beleuchten die zahlreichen Facetten der Praxis in und mit offener Wissenschaft.

Open Science kennt aber nicht nur praktische Hürden wie die Notwendigkeit der Einrichtung und Pflege offener Repositorien oder den Mangel an offenen Standards. Die Öffnung muss nicht nur möglich sein, sondern auch erlaubt. Häufig sind es weniger technische als vielmehr rechtliche Bedingungen, die das Teilen von Wissen verhindern. Damit Nutzung und Nachnutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse möglich sind, müssen rechtliche Verbote lizenzvertraglich abgegolten werden.

Verschließung von Wissen durch Immaterialgüterrechte[Bearbeiten]

Jeder Text, der ein wissenschaftliches Forschungsergebnis beschreibt, ist mit einem Urheberrecht belegt, welches es verbietet, das Werk ohne Genehmigung der Urheber zu vervielfältigen, es zu bearbeiten − das schließt Übersetzungen ein − und es öffentlich zugänglich zu machen. Gleiches gilt für Zeichnungen, Pläne, Computerprogramme. Fotos oder Videos können mit Urheberrechten belegt sein; für sie und für Tonaufnahmen gelten aber auf jeden Fall Leistungsschutzrechte.[1] In der EU existiert seit 1996 außerdem ein Schutzrecht für Datenbanken. Dieses soll kein Monopol am einzelnen Datum begründen, sondern an der Struktur der Datenbank selbst. Die Abgrenzung kann aber schwierig sein.

Um Open Science zu ermöglichen, könnte man nun Ausnahmen von all diesen Rechten ins Urheberrechtsgesetz schreiben, die eine Nutzung und Nachnutzung zu Wissenschaftszwecken erlauben. Eine solche „harte Wissenschaftsschranke“ würde vieles vereinfachen und wäre zu begrüßen, ist jedoch derzeit politisch nicht machbar. Zu mächtig sind die Interessen, die ihr entgegenstehen. Außerdem soll Wissenschaft international funktionieren, was eine Angleichung aller Urheberrechts- und Copyrightgesetze der Welt notwendig machen würde.

Offene Lizenzierung[Bearbeiten]

Open Science bedient sich daher einer eleganteren Lösung, nämlich der offenen Lizenzierung. Urheber (oder Leistungsschutzberechtigte) erklären, dass sie die freie Verfügbarkeit und Nachnutzung der von ihnen erarbeiteten Texte, Programme, Videos etc. gestatten.

Eine der ersten Lizenzen dieser Art war die GNU General Public License (GPL) für Freie Software[2]. Sie modifiziert das Urheberrecht/Copyright so, dass GPL-lizenzierte Programme vervielfältigt, bearbeitet und zugänglich gemacht werden dürfen. Da für ihre Schöpfer die Freiheit und Offenheit von Code ethische Fragen waren, zielt die GPL zudem darauf ab, das Modell der Freien Software weiter zu verbreiten. Eine ihrer Klauseln, das sog. „Copyleft“, verpflichtet daher die Nutzer, modifizierte Versionen GPL-lizenzierter Programme ihrerseits wieder frei zu lizenzieren.

Aufbauend auf diesen Ideen entwickelte das Creative Commons-Projekt eine Reihe eigener Lizenzen, die sich für andere Werkarten als Software mittlerweile zum Standard etabliert haben. Die CC-Lizenzen sind modularisiert; Urheber können beispielsweise nur die Vervielfältigung erlauben, für Bearbeitungen ein Copyleft anordnen oder die Nutzung zu kommerziellen Zwecken untersagen.

Durch die Lizenzierung machen Kreative und Wissenschaftler sich vom geltenden Urheberrechtsregime unabhängig. Sie haben es selbst in der Hand, Nutzung und Nachnutzung ihrer Werke und Forschungsergebnisse zu gestatten und so neue Lösungen von kollaborativen Projekten bis hin zu weitreichenden Meta-Analysen zu ermöglichen.

Strategien und Verfahren von Open Science[Bearbeiten]

Open Access[Bearbeiten]

Vereinfacht gesagt bedeutet Open Access, dass der Zugang zu wissenschaftlichen Artikeln und anderen Materialien (z. B. Forschungsdaten) im Internet kostenfrei und weitgehend hürdenlos möglich ist.

Die Forderung nach dem freien Zugang zu Artikeln begründet sich darin, dass der wesentliche Teil des Publizierens, etwa die Verschriftlichung und Einreichung eines Artikels, die Auswahl von Artikeln und die Peer-Review-Verfahren, von Wissenschaftlern selbst getragen wird. Die Befürworter von Open Access kritisieren daher (zurecht), dass ein Großteil der – meist steuermittelfinanzierten – Forschung nicht kostenfrei online zugänglich ist. Hinzu kommt, dass die hohen Lizenzgebühren für Fachzeitschriften und Paketdeals eine große Bürde und finanzielle Herausforderung für Universitäts- und Forschungsbibliotheken zu schaffen machen darstellen (auch hier), während Wissenschaftsverlage wie Elsevier, Wiley oder Springer aber seit Jahren auf Kosten der akademischen Wissenschaft und damit auch der öffentlichen Wissenschaftsförderung stattliche Gewinne einfahren. Der Steuerzahler bezahlt so quasi doppelt: Einmal für die Erstellung der Artikel und einmal dafür, dass die Bibliotheken sich wieder den Zugang zu den Artikeln erkaufen müssen, diesen aber zugleich hinter Zugangsschranken für Bibliotheks- oder Universitätsmitglieder wieder beschränken müssen. Die Diskussion um freien Zugang ist also verständlicherweise auch eine emotionale.

Die Verlage halten dagegen, dass die Organisation des Peer-Review-Prozesses – die nicht selten ebenfalls von den Wissenschaftlern übernommen wird -, die redaktionelle Bearbeitung eines Textes und dessen Veröffentlichung Geld kosten. Zudem erfüllen ihre Fachzeitschriften eine wichtige kuratierende Funktion in einer zunehmend unübersichtlichen Publikationslandschaft. Der neueste Bericht der STM Association zählte mehr als 28.000 peer-reviewed Fachzeitschriften, die jährlich mehr als 2.5 Millionen Artikel veröffentlichen. Der Bericht stellt fest, dass die Anzahl der Artikel seit zwei Jahrhunderten stetig wächst. Für Forscher ist es schwer, in dieser Fülle an Information Qualität zu identifizieren. Etablierte Fachzeitschriften bieten hier eine Orientierung. Auch das ist sicherlich richtig.

Die Forderung nach dem freien Zugang zu Artikeln aus akademischer Forschung ist längst keine ideologische mehr. Forschungsförderer, Forschungsverbünde, Institute und Universitäten haben längst Open-Access-Strategien ausgearbeitet. Das Land Berlin etwa hat im Oktober 2014 eine eigene Open-Access-Strategie vorgestellt. Das Open Access Network Austria (OANA) fordert in seinen - unverbindlichen - Empfehlungen eine vollständige Umstellung der wiss. Publikationstätigkeit in Österreich auf Open Access bis zum Jahr 2025. Es tut sich etwas beim akademischen Publizieren, auch aus Sicht und mit Nachdruck der Politik. Mit den neuen Online-Distributionswegen für wissenschaftliche Ergebnisse steht also die traditionelle Vermittlerfunktion von wissenschaftlichen Verlagen zumindest zur Disposition.[3]

Ein weiterer Trend ist die wissenschaftliche Publikation auf pre-print Servern. Dabei wird ein Artikel direkt veröffentlicht, ohne den zeitaufwendigen Peer-Review Prozess zu durchlaufen und zugleich Kommentierungen zu ermöglichen. Diese Praxis hat eine lange Tradition in der Physik, bekommt aber auch Aufwind in anderen Fachbereichen. Bekannte pre-print Server sind arXiv, bioRxiv und PeerJ preprints. Viele Journale besitzen heutzutage eine pre-print oder post-print Richtlinie, um das Publizieren auf pre-print Servern zu erlauben.[4]

Weblinks

Open Data[Bearbeiten]

Bei den meisten wissenschaftlichen Publikationen wird nur ein kleiner Teil der experimentellen während der Forschung erhobenen Daten in der finalen Publikation veröffentlicht. Allerdings kann die Wissenschaft davon profitieren, wenn die gesamten Daten eines Projektes im Manuskript öffentlich zur Verfügung gestellt werden. Dabei sollten die Daten frei und ohne Beschränkungen im Internet unter einer geeigneten Public Domain Lizenz zugänglich sein, um sie für andere Zwecke wiederverwenden zu können (Panton Principles).[5]

Ein weitere Schritt wäre es, Daten sofort zur veröffentlichen, sobald sie generiert wurden. Hierfür gibt es heutzutage mehrere Möglichkeiten: Der schnellste Weg ist, den Datensatz direkt in digitalen Lagerstätten (Repositories) zu hinterlegen. Bekannte Repositorien sind z.B. Dryad, Zenodo, Figshare. Eine Anlaufstelle für solche Repositories ist die Registry of Research Data Repositories.

Eine zweite Möglichkeit besteht darin, eine Datenpublikation zu veröffentlichen, die hauptsächlich aus dem Datensatz und dessen Beschreibung des Datensatzes besteht, im Besonderen mit Informationen dazu, wie und wo dieser erhoben wurde. Analysen bzw. Interpretation der Daten werden in diesen Publikationen nicht durchgeführt, können aber in einem nachfolgenden Manuskript veröffentlicht werden. Mehrere naturwissenschaftliche Journals bieten dazu Möglichkeiten, z.B. Scientific Data der Nature Publishing Group  oder GigaScience von BMC.

Citizen Science[Bearbeiten]

Bei Citizen Science werden Personen in den wissenschaftlichen Prozess eingebunden, die nicht beruflich in dem Wissenschaftsbereich arbeiten. Die “Bürger” in Citizen Science sind hierbei z.T. Laien, aber viele sind auch professionelle Amateure in ihrem Feld. 1  Dabei kann die Einbindung verschiedene Formen annehmen. Beim Crowdsourcing oder verteilten Rechnen stellen  Bürgerinnen und Bürger ihre Rechnerkapazität zur Verfügung. Die Projekte SETI.Germany oder yoyo@home sind hier gute Beispiele. Häufiger sind dagegen Vorhaben, worin Bürgerinnen und Bürger bei der Datensammlung involviert sind, z.B. durch Beobachtungen von der Umwelt und Artenvielfalt oder Digitalisierung von historischen Daten. Solche Projekte werden nicht nur von der Wissenschaft angestoßen (wie im Fall der Projekte Roadkill oder Mückenatlas, sondern können auch von wissenschaftlichen Vereinen oder Verbänden koordiniert werden, wie beispielsweise das Projekt Wildkatzensprung von BUND oder das Daten-Eingabe-System (DES) vom Verein für Computergenealogie.

Citizen Science kann aber auch bedeuten, Bürgerforscher in die Entwicklung von Fragestellungen oder die Auswertung von Daten einzubeziehen. Hierfür ist es wichtig, sie auch in die entsprechenden Methodiken einzuweisen. Citizen Science kann dann als Form des lebenslangen Lernens und der Wissenschaftskommunikation verstanden werden. Öffentliche Daten und Protokolle, aber auch frei zugängliches Lehrmaterial spielen hier eine wichtige Rolle, da von Bürgern freiwillig gesammelte Daten und die daraus entstandenen Forschungsprojekte den Bürgern stets auch zugänglich sein sollten.

So ist es heutzutage möglich, genetische Manipulationen an Bakterien im kleineren Maßstab in Gemeinschaftslabors, außerhalb von etablierten Laboren, durchzuführen. Ein Beispiel ist das offene Insulin-Projekt. Auch ist es möglich für Wissenschaftler, Teilnehmer der Öffentlichkeit für Projekte zu rekrutieren, die geeignet sind, in einer größeren Gruppe gelöst zu werden. So können wissenschaftliche Laien dazu genutzt werden, 3D Proteinstrukturen mithilfe des Onlinespiels Foldit2 zu lösen. Auch archäologische Daten können von Bürgern “auf dem Feld” gesammelt, Archivmaterialien gesichtet, historische Quellen transkribiert oder Fachdatenbanken mit Metadaten verschlagwortet werden.

Das am längsten laufende Citizen Science-Projekt ist die Audubon Weihnachtsvogelzählung, die ohne die Mithilfe von Bürgerforschern nicht durchgeführt werden könnte. In Deutschland gibt es ähnliche Projekte wie Stunde der Wintervögel und Stunde der Gartenvögel, welche bereits seit 10 Jahren durchgeführt werden.

Open Educational Resources[Bearbeiten]

Open Science verfolgt das Ziel, dass alle wissenschaftlichen Leistungen öffentlich und frei im Internet verfügbar sind. Dies trifft auch für Materialien zu, die für die Ausbildung und Lehre des Nachwuchses verwendet wird.

Besonders im Bereich Bioinformatik, aber auch in anderen Fachbereichen, gibt es mittlerweile eine große Zahl an verfügbaren Lehrmaterial im Internet. Dazu zählen Bücher bei Wikibooks, das Material für Workshops, um Datenanalyse zu vermitteln (Software Carpentry oder Data Carpentry), oder öffentliches Vorlesungsmaterial von Universitäten wie z.B. MIT OpenCourseWare.

Auch das Angebot von öffentlichen Kursen/ Vorlesung von Universitäten (Massively Open Online Courses, MOOCs) wächst beständig. Allerdings folgen diese Kurse nicht immer Open Science Prinzipien. Als Beispiel sind hier zu nennen Udacity, edX und Coursera.

Offenes Lehrmaterial kann in der Form von  Book Sprints erarbeitet werden. Dabei werden Bücher über ein Spezialgebiet innerhalb eines kürzeren Zeitraums von einer Gruppe von Experten in Kollektivarbeit erstellt. Diese Bücher sind ein gutes Mittel, Wissen einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Zudem ermöglichen es offene Lernmaterialien, die klassische Trennung von Lernenden und Lehrenden aufzuweichen zugunsten dialogischerer Formate, bei denen auch die Studenten ihre Ideen und neue Ansätze und Forschungsfragen einbringen können.

Open Methodology[Bearbeiten]

Oftmals führen Seiten- oder Wortbeschränkungen in wissenschaftlichen Publikationen zu sehr abgekürzten Textabschnitten. Eine ausführliche Beschreibung ist jedoch besonders im Methodenteil einer Publikation notwendig, der die Fragestellung, die Methodik, ggf. die Durchführung der Experimente und die Datenanalyse beschreibt. Falls dies nicht der Fall ist, kann jedoch eine Reproduzierbarkeit oder Wiederverwendung der Ergebnisse nicht gewährleistet werden.

Ein Weg, wiederum aus den Naturwissenschaften, dies zu formalisieren, ist die Research Resource Identification Initiative (RRI), die eindeutige Kennungen für Antikörper, Modellorganismen oder wissenschaftliche Werkzeuge (Software, Datenbanken etc.) vergibt, um eine bessere Reproduzierbarkeit zu ermöglichen. Mit Projekten wie IANUS des Deutschen Archäologischen Institutes wird auch für die Geisteswissenschaften eine Einheitlichkeit der Datenaufnahme, -speicherung und der Darstellung der Methodik hinter einem Forschungsprojekt angestrebt.

Open Notebook Science[Bearbeiten]

In den Lebenswissenschaften ist es Vorschrift, ein Laborbuch zu führen, in welchem der Wissenschaftler den Ablauf der Experimente dokumentiert. Dies ist traditionell ein Buch, in welches handschriftlich geschrieben wird und Bilder eingeklebt werden. Im digitalen Zeitalter sind jedoch die Möglichkeiten vielfältiger. Daraus hat sich eine Disziplin entwickelt, bei der Wissenschaftler im Internet zugängliche Methoden präsentieren oder sogar ihr gesamtes Laborbuch öffentlich führen.

Dr. Rosemary Redfield führt ein offenes Laborbuch, in dem sie unter anderem die umstrittenen wissenschaftlichen Interpretationen der Arsen-Bakterium Publikation[6] wiederlegen konnte.[7]

Eine Programmiersprachen-übergreifende Plattform, die gut für offene Datenanalyse geeignet ist, ist das Projekt Jupyter. Hier wird das Prinzip  literarisches Programmieren ausgenutzt.

Auch Doktorarbeiten können in Ihrer Gänze öffentlich verfasst werden. Ein schönes Beispiel ist die offene Doktorarbeit von Christian Heise.

Open Source[Bearbeiten]

Open Source hat eine lange Tradition in und außerhalb der Wissenschaft in der Softwareentwicklung. Hierbei ist der Quellcode von Software frei verfügbar und darf unter einer geeigneten Lizenz weiterverwendet werden. Der Vorteil liegt darin, dass der Algorithmus eines Programmes genau nachverfolgt werden kann und Fehler ausgebessert werden können. Deshalb spielt in der Wissenschaft Open Source eine große Rolle, besonders bei Software für die Datenanalyse.

Open Source kann auch dazu verwendet werden die Prozessierung von Daten genau zu dokumentieren, indem der Workflow öffentlich beschrieben ist (z.b. in shell Skripten oder make Dateien). Dies ist auch ein wichtiger Teil der open methodology.

Für open source gibt es mehrere bekannte Lagerstätten (Repositories) z.b. GitHub, Bitbucket oder SourceForge.

Zusätzlich gibt es die Möglichkeit einem open source Projekt  einen digital object identifier (DOI) zuzuweisen, um mit diesem das Projekt zitierbar zu machen. Dazu kann beispielsweise Zenodoverwendet werden.

Open Peer Review[Bearbeiten]

Peer-Review ist die klassische Qualitätskontrolle in der Wissenschaft. Dabei wird ein Manuskript bei einem Journal eingereicht und der Editor schickt dieses an zwei bis drei Reviewer weiter. Reviewer sind Fachkollegen (Peers) der Manuskriptautoren und bewerten den Artikel anhand der Fragestellung, zugrunde liegenden Theorien, der korrekten Durchführung der Experimente, Methodik und Analyse. Auch wird die Neuigkeit und die Bedeutung für das wissenschaftliche Feld eingeschätzt. Die Berichte der Reviewer werden an den Editor zurückgleitet, der eine Entscheidung darüber trifft, ob das Manuskript direkt akzeptiert wird, anhand der Berichte verbessert werden muss oder abgelehnt wird. Zum einen kann dieser Prozess über mehrere Runden laufen und eine sehr lange Zeit beanspruchen, zum anderen beginnt er wieder von vorn los, falls das Manuskript abgelehnt, aber bei einem anderen Journal wieder eingereicht wird.

Traditionell verläuft der Peer-Review blind, d.h. die Reviewer erfahren die Namen der Autoren, aber nicht umgekehrt. Dies kann zu Problemen führen, wenn Reviewer sich hinter ihrer Anonymität verstecken und Manuskripte unfair beurteilen. Der Extremfall ist das “scoopen”, bei dem ein Reviewer die Publikation eines Konkurrenten im Reviewprozess hinauszögert, um die Idee des Manuskriptes für eigene Arbeiten zu verwenden. Auch kann es Probleme geben, wenn Reviewer ein Manuskript zu positiv bewerten, um sich einen Vorteil für ein zukünftiges eigenes Paper zu verschaffen, falls die Autoren diese Publikation reviewen sollten.

Eine andere Möglichkeit ist das doppelt blind-Verfahren, wobei weder Reviewer noch Autoren die Namen erfahren. Allerdings ist dies in übersichtlichen wissenschaftlichen Felder nur von kleinen Nutzen, da das Arbeitsfeld einer Arbeitsgruppe gut bekannt ist.

Open science setzt diesem das open Peer-Review entgegen, bei dem der gesamte Prozess öffentlich sein sollte, um eine offene Kommunikation in ethischer und offener Weise zu gewährleisten. Dabei wissen alle Beteiligten die Namen der Akteure. Reviewer-Berichte werden mit der Publikation im Internet veröffentlicht und können optional von den Reviewern unterschrieben sein. Dies hat zur Folge, daß Peer-Review zu einem gemeinschaftlichen Prozess zwischen Autoren und Reviewern wird, um konstruktive Kritik zu gewährleisten.

Mehrere Journals haben bereits ein offenes Peer-Review implementiert, dazu gehören das EMBO Journal (http://emboj.embopress.org/), GigaScience (http://www.gigasciencejournal.com/) und PeerJ (https://peerj.com/). Einen Schritt weiter gehen Journals wie F1000 Research (http://f1000research.com/) oder ScienceOpen (https://www.scienceopen.com/), die ein post-publication review System implementiert haben. Dabei werden Manuskript wie bei pre-prints sofort öffentlich gestellt, bevor ein Peer-Review erfolgt. F1000 Research lädt dann Reviewer ein, die öffentlich die Arbeit reviewen, und die Berichte werden neben dem Artikel hochgeladen. Bei ScienceOpen können aktive Wissenschaftler selbständig und ohne Einladung Manuskripte reviewen.

Der Peer-Review.Prozess, als klassische wissenschaftliche Qualitätskontrolle, kann auch dazu genutzt werden, die Open Science-Prinzipien zu verbreiten und Autoren in diesem Prozess konstruktiv zur Seite zu stehen (Aleksic et al. 2015) Aleksic J, Alexa A, Attwood TK et al. An Open Science Peer Review Oath [v2; ref status: indexed, http://f1000r.es/4wf] F1000Research 2015, 3:271 (doi: 10.12688/f1000research.5686.2).

Das Internet und seine vielseitigen Kommunikationsmöglichkeiten sind ein ideales Mittel für offene Kommunikation. Auch die wissenschaftliche Kommunikation konnte so offenere Formen annehmen und Blogs z.B. Haldane’s Sieve, http://haldanessieve.org/ oder http://de.hypotheses.org, ein Fachportal für geisteswissenschaftliche Blogs oder die Kommentarsysteme vieler Journals spielen in der heutigen Zeit eine wichtige Rolle, auch in der Veröffentlichung und Beurteilung von wissenschaftlichen Artikeln. Zwei Plattformen haben sich auf diesem Gebiet besonders hervorgetan. PubPeer ist eine Plattform auf der (optional anonym) wissenschaftliche Artikel beurteilt und diskutiert werden können. So konnte mithilfe dieser Plattform Ungereimtheiten in einigen Publikationen von Prof. Voinnet der ETH Zürich aufgedeckt werden Vgl. http://www.labtimes.org/editorial/e_624.lasso. RetractionWatch ist eine Webseite, die die immer häufiger auftretenden Wiederrufe (retractions) von wissenschaftlichen Artikeln dokumentiert, aber auch als Diskussionsplattform fungiert.

Peer-Review kann ein zeitaufwendiger Prozess sein, auch für die Reviewer, die kostenlos diesen Dienst für die Wissenschaft erbringen. Auch hier gibt es Fortschritte, wie z.B. die Plattform Publons, die es ermöglicht, die eigene Reviewtätigkeit zu dokumentieren oder gar Reviews zu veröffentlichen.

Open Science in verschiedenen Fächern[Bearbeiten]

Rechtswissenschaft[Bearbeiten]

Hier entsteht der Handbuchartikel "Open Science und Rechtswissenschaft", der Open-Science-Standards als Praktiken innerhalb der Rechtswissenschaft skizziert. Für wissenschaftliche Artikel und Bücher stellen sich Fragen nach "Open Access", für Gesetzestexte und Gerichtsurteile (amtliche Dokumente i.S.v. § 5 UrhG) solche nach "Open Data". Bei letzteren genügt zur "Öffnung" ihre Verfügbarmachung im Netz, bei ersteren eine Veränderung der praktischen und rechtlichen Rahmenbedingungen.

Open Access als Praxis der Rechtswissenschaft[Bearbeiten]

Online-Zeitschriften[Bearbeiten]

Eine Reihe von deutschen Rechtszeitschriften erscheint ausschließlich im Internet. Obwohl es sich dabei um offen zugängliche Texte handelt, ist die Bezeichnung als "Open Access" nicht gebräuchlich und die betreffenden Zeitschriften unterscheiden sich auch im Erscheinungsbild deutlich von vielen Open-Access-Publikationen anderer Disziplinen. Oft verwenden die juristischen Internetzeitschriften Blogsysteme oder selbstprogrammierte Websites anstelle spezialisierter Publikationssoftware (wie OJS) und vergeben keine persistenten Identifikatoren (wie DOI). Dementsprechend sind nur wenige deutsche Rechtszeitschriften in DOAJ indiziert, so dass der Eindruck entstehen könnte, in der deutschen Rechtswissenschaft werde bisher noch gar nicht Open Access publiziert. Die nachfolgende Übersicht stellt Zeitschriften zusammen, die in D/A/CH redigiert oder unter maßgeblicher deutscher Beteiligung herausgegeben werden und deren Inhalte frei online verfügbar sind - gleich, ob das Schlagwort "Open Access" dabei Verwendung findet oder nicht.

Kürzel Name ISBN/ISSN Ausgaben
pro Jahr[8]
Ersterscheinung Sprache Selbstbeschreibung
anci.ch Ancilla Iuris - Lagen des Rechts 1866-1149 1 2006 dt/eng/frz/span/it/port "a professional and state-of-the-art publication platform to advance European contributions on constellations of law and society"
ALJ Austrian Law Journal 2409-6911 1-2 2014 deutsch "Open Access Review of Developments in Austrian, European and International Law"
BLJ Bucerius Law Journal 1864-371X 2-3 2007 deutsch "studentische Rechtszeitschrift, die von Studenten der Bucerius Law School redigiert wird"
BRGÖ Beiträge zur Rechtsgeschichte Österreichs 2224-4905 2 2011 deutsch "Zeitschrift der KRGÖ [= Kommission für Rechtsgeschichte Österreichs ...] Alle Aufsätze unterliegen einer peer review durch einen internationalen wissenschaftlichen Beirat."
FoR Forum Recht ohne 4 1980er
(OA seit 2007)
deutsch "rechtspolitisches Magazin, das vom Bundesarbeitskreis kritischer Juragruppen (BAKJ) und Forum Recht e.V. herausgegeben wird"
FHI forum historiae iuris 1860-5605 1 1996 de/eng/frz/it/span "erste europäische elektronische Zeitschrift für Rechtsgeschichte"
FreiLaw Freiburg Law Students Journal 1865-0015 ca. 4 2006 deutsch "erscheint drei- bis viermal jährlich online mit aktuellen gesellschaftspolitischen und studiumsbezogenen Schwerpunkten"
GJLE German Journal of Legal Education 978-3-7418-1472-3 1 2014 deutsch "von Studenten konzipierte juristische Ausbildungszeitschrift [...], die sich gezielt mit den praktischen Ansätzen der juristischen Ausbildung (u.a. der Clinical Legal Education, Moot Court Competitions, Client Interviewing, Debattieren usw.) auseinandersetzt" [Alternativtitel: ZPR, Zeitschrift für praktische Rechtswissenschaft]
GLJ German Law Journal 2071-8322 11-12[9] 2000 englisch "An Open Access, Peer Reviewed Forum for Transnational and Interdisciplinary Encounters with German, European & International Law"
GoJIL Goettingen Journal of International Law 1868-1581 2-3 2009 englisch "an e-journal that focuses on international law [...] first German student-run law journal published entirely in English language."
HFR Humboldt Forum Recht 1862-7617 1 1996 deutsch "Die juristische Internetzeitschrift an der Humboldt-Universität zu Berlin"
HRRS HRR-Strafrecht.de 1865-6277 12 2000 deutsch "Das Projekt bietet einen kostenlosen Zugang zur aktuellen höchstrichterlichen Rechtsprechung im Strafrecht und Strafverfahrensrecht."
JIPITEC Journal of Intellectual Property, Information Technology and Electronic Commerce Law 2190-3387 3 2010 englisch "a forum for in-depth legal analysis of current issues of intellectual property, information technology and E-commerce law with the main focus on European law [...] an Open Access journal"
JLL International Journal of Language & Law (JLL) 2194-7414 1 2012 englisch "an open-access, double-blind, peer-reviewed e-journal which offers a forum for research on the interdependence of language and law in all of its facets"
JSE Jura Studium & Examen 2195-044X 4 2011 deutsch "Themen mit aktuellem politischen oder rechtspolitischen und auch -ethischen Hintergrund [...] Die Beiträge werden vom jeweils fachlich zuständigen Beirat begutachtet (peer-review)."
JurPC Internet-Zeitschrift für Rechtsinformatik und Informationsrecht 1615-5335 52 1989
(OA seit 1997)
deutsch "erscheint als kostenlose, wöchentliche Internetzeitschrift"
MIR Medien Internet und Recht 1861-9754 12 2005 deutsch "Onlinepublikation zum Medien- und Internetrecht"
OdW Ordnung der Wissenschaft 3-45678-222-7 4 2014 deutsch "ein Forum für das Recht von Wissenschaft, Forschung und Lehre in dessen ganzer Breite [...] steht kostenfrei sowohl online als auch in einer pdf-Version im Zeitschriftenformat zur Verfügung"
Rg Rechtsgeschichte - Legal History 2195-9617 1 2002
(OA seit 2012)
"alle größeren Sprachen der Welt" "wird am Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte [...] herausgegeben [...] Eingereichte Aufsätze werden von der Redaktion begutachtet und einem Peer-Review unterzogen. "
sui generis sui-generis.ch ohne 1 2014 deutsch "Ziel [...] ist die Publikation von juristischen Beiträgen zu Themen, die insbesondere wegen ihrer Aktualität nicht nur für das juristische Publikum interessant sind. sui-generis.ch will via Open Access die Brücke von der Wissenschaft in die Gesellschaft schlagen"
ZERL Zeitschrift für Europäische Rechtslinguistik ohne 1 2010 deutsch/englisch "Transdisziplinär, mehrsprachig, komparativ und anwendungsorientiert versucht das eJournal ZERL daher nicht nur einen fruchtbaren Austausch zwischen Sprachwissenschaft und Rechtswissenschaft anzubieten, sondern auch durch eine enge Verzahnung von Forschung, Lehre und beruflicher Praxis eine Plattform darzustellen"
ZIS Zeitschrift für Internationale Strafrechtsdogmatik 1863-6470 12-14 2006 deutsch "soll [...] insbesondere Raum geben für - auch längere - wissenschaftliche Aufsätze zum Deutschen und Internationalen Strafrecht und Strafprozessrecht [...] als reine online-Zeitschrift"
ZJS Zeitschrift für das Juristische Studium 1865-6331 6 2008 deutsch "aktuelle, kostenlose Online-Zeitschrift für Studenten der Rechtswissenschaft"
Wissenschaftliche Blogs[Bearbeiten]

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Monographien online[Bearbeiten]

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Open Data als Praxis der Rechtswissenschaft[Bearbeiten]

In der Rechtswissenschaft ist in Bezug auf Gesetze und Gerichtsurteile auch das Konzept Open Data relevant. Die Forderung nach Open Access in der Wissenschaft stützt sich u.a. darauf, dass die Öffentlichkeit bereits durch Steuergelder die Forschung finanziert hat und nun nicht durch teure Abonnementgebühren noch ein zweites Mal für die Einsicht in die Ergebnisse bezahlen müssen soll. Für Datensätze der Parlamente, Verwaltungen und Gerichte, die keine Persönlichkeitsrechte berühren, muss diese Forderung doppelt gelten. Erstens sind an ihrer Erstellung – anders als in der Wissenschaft – niemals private Drittmittel beteiligt. Zweitens stärkt die Veröffentlichung solcher Daten das Vertrauen in Demokratie und Rechtsstaat und befähigt die Bürger zu besserer Information und aktiverer Teilnahme am politischen Leben.

Vorbildlich bei der Veröffentlichung juristischer Daten ist hier die Republik Österreich mit ihrem Rechtsinformationssystem. Dieses vereint Gesetze, Verordnungen, einige Rechtsakte der EU sowie die Rechtsprechung österreichischer Gerichte in einer einzigen frei zugänglichen Datenbank

Auch in Deutschland sind Gesetze und Urteile gemäß § 5 UrhG nicht mit Urheberrechten belegt. Ein so umfassendes System wie das RIS gibt es trotzdem nicht.

Statt dessen belieferten die obersten Bundesgerichte bis vor kurzem ausschließlich die Juris mit speziell aufbereiteten Versionen ihrer Urteile. Juris arbeitet gewinnorientiert und hat mit dem Verkauf von Zugängen zu seiner Urteilssammlung im Jahr 2014 einen Umsatz von mehr als 40 Millionen Euro erzielt. Das Unternehmen gehört zu 50,01 % dem Bund und zu 45,33 % der französischen Verlagsgruppe Éditions Lefebvre Sarrut. Nach mehrjährigem Rechtsstreit konnte ein Konkurrenzunternehmen im September 2015 vor Gericht erreichen, dass nun alle juristischen Datenbanken gleichzeitig mit denselben Datensätzen beliefert werden müssen.[10]

Geisteswissenschaften[Bearbeiten]

Die Situation in den Geisteswissenschaften stellt sich als komplex dar, und man nähert sich einer Betrachtung deshalb vielleicht zunächst einmal am produktivsten über Experteninterviews. Im Folgenden ein Interview mit Jürgen Keiper (durchgeführt Dezember 2016), der seit 2006 Mitarbeiter bei der Stiftung Deutschen Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen ist. Er ist dort verantwortlich für IT und IT-Projekte wie LOST FILMS, die Internet-Präsentation zu „Wir waren so frei... Momentaufnahmen 1989/90“ und die Entwicklung kollaborativer Systeme. Zuvor Herausgeber der Zeitschrift "Film und Kritik" (1992-), Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der J.W.Goethe-Universität Frankfurt am Main (1993-97), danach beim Deutschen Filminstitut – DIF (1997–2006). Dort u.a. verantwortlich für das IST-Projekt COLLATE - Collaboratory for Annotation, Indexing and Retrieval of Digitized Historical Archive Material (2000-2003), filmportal.de (2003-2006), MIDAS - Moving Image Database for Access and Re-use of European film collections (2005-2006) und Convenor der "Standardisation working group for filmographic entries on an european level" in Zusammenarbeit mit dem CEN - European Committee for Standardization (2005-2006). Zahlreiche Lehraufträge, Vorträge und Expertisen zu dem Thema Film und Neue Medien.

Adelheid Heftberger (AH): Welche Aspekt interessiert dich vor allem bei Open Science? Jürgen Keiper (JK): Ich muss gestehen, ich hab mich nie wirklich mit Open Science beschäftigt, und wüsste jetzt wirklich nicht, was man unter diesem Begriff versammelt. Aber ich würde es so verstehen, dass man allgemein die Forschungserkenntnisse und Forschungsbedingungen unter diesem Aspekt betrachtet, in dem Sinn, dass man Kollaboration gegenüber Konkurrenz stärkt. AH: Du bist nun seit Jahren sehr aktiv damit beschäftigt Schranken, vor allem im Filmbereich, abzubauen und Menschen zu vernetzen - das Label “Open Science Aktivist” würde ich dir sofort anheften. Wenn nun Open Science nicht einmal dir bisher ein Begriff war, woran könnte das dann liegen? Setzt sich Open Science einfach nicht durch oder fest? JK: Nein, ich denke, das hängt mit meinem eigenen Kontext zusammen, denn Forschung ist stärker in den Universitäten angesiedelt und nicht so sehr in den Archiven. AH: Dann könnte man einmal festhalten, dass Open Access in den Gedächtnisinstitutionen (z.B. die deutschen Filmarchive) noch nicht angekommen ist. Zur Forschungsseite noch eine Nachfrage: Gibt es dabei nicht auch einen Unterschied innerhalb der Disziplinen, zB. Geistes- und Naturwissenschaften? Wäre “transparente Wissenschaftspraktiken” eine mögliche Alternative? JK: Ich finde schon, dass der Begriff Open Science stimmig ist. Offene Systemen beruhen auf der These, dass individuelle Leistungen der Gemeinschaft zugute kommen sollen und im Gegenzug die Leistungen der Gemeinschaft dem Individuum nützlich sein sollten. So könnte man im Groben den Regelmechanismus beschreiben, der dahintersteckt. Mit dem Begriff Transparenz als Konzept allein ist das nicht getan. AH: Ich möchte noch einmal auf die Kulturinstitutionen zurückkommen. Wie ist es denn nun, wenn man „Offenheit“ auch dahingehend versteht, dass man auch Dokumente teilen sollte, nicht nur Wissen. Was bedeutet das dann z.B. für Filmarchive konkret und welche positiven Initiativen möchtest du erwähnen? JK: Wir können ja mal verschiedene Aspekte durch deklinieren. Fangen wir mit Kollaboration an: Wir hatten 2002/2003 das Projekt COLLATE in Frankfurt, da ging es genau um diese kollaborative Zusammenarbeit, also die Wissensproduktion und Annotation von Dokumenten. Gemeinsame Wissensproduktion ist mehr als ein Einzelner leisten kann, bei COLLATE bezog sich das auf filmhistorische Dokumente. Auch das Projekt LOST FILMS wäre ein Beispiel dafür, zumindest so wie es ursprünglich geplant war. Das heißt, Personen stellen bekannte Filme (d.h. Filmtitel) ins Netz und andere schauen, ob sie wissen, ob diese Filme in Archiven vorhanden sind oder ob sie wirklich verschollen sind. Das ist ein sehr schönes Beispiel für ein kollaboratives Projekt, das letztlich auch mit einer freien Software (Collective Access) erstellt wurde, die das unterstützt hat. Das wäre ein zweiter Punkt, dass man die richtigen Werkzeuge braucht, um diese Projekte umsetzen zu können. Das ist oft Software, wir haben damals zunächst eine Wikimedia Software benutzt. Was ich mir auch gut vorstellen kann, ist das gemeinschaftliche Schreiben, z.B. über Etherpad oder Google Docs. AH: Gerade Google Docs wird sehr stark genutzt, weil es anscheinend für alle das einfachste ist. JK: Naja, die Form ist kollaborativ. Google hat das ja eigentlich aufgekauft und natürlich ist es schade, dass es nichts Vergleichbares in nicht proprietärer Form gibt. Etherpad ist schon eine gute Alternative, aber es ist z.B. von den Formatierungsmöglichkeiten her sehr simpel. Was ich vielleicht auch noch dazu zählen würde, wäre der freie Zugang zu Basisinformationen des wissenschaftlichen Diskurses. Man spricht dabei auch von Normdaten. Ich würde auf jeden Fall die formalen Hintergrundinformationen von wissenschaftlichen Dokumenten dazu zählen, d.h. die Basisinformationen zu Personen, Quellen, Filmographien. Letztlich gehören für mich eigentlich auch die inhaltlichen Erschließungen dazu, z.B. Normdaten im Bereich der Geodaten und Schlagworte. Die GND (Gemeinsame Normdatei) war ursprünglich die Schlagwortnormdatei (SND) und wurde dann mit der Personennormdatei (PND) zusammengeführt.

Fraglich ist dann schon, ob ein Abstract von einem Text dazu zählt. Letztlich ist es eine politische Sache, wie und wo man diese Linie verhandelt. Aber ich finde, dass man das, was heute unter Normdaten läuft, frei zur Verfügung stellen und frei bearbeitbar machen sollte. AH: Die Frage ist, wo man diese Normdaten dann verwaltet. Mein Projekt beschäftigt sich mit Enhanced Publications und z.B. der Frage, wie Autoren oder Herausgeber von wissenschaftlichen Journals solche Basisinformationen aus den Artikeln relativ einfach an Wikidata abliefern könnten. JK: Wikidata wäre für mich auch der richtige Ort dafür. Es gibt nichts Vergleichbares, wo dieses Parsen, also dieses Mapping, auf hohem Niveau stattfindet. Ich habe gerade gesehen, dass auch TED-Talks in Wikidata indiziert werden dabei ist. (Auf meinen fragenden Blick erklärt JK TED kurz) Auf der Webseite von TED stehen internationale Konferenzen stehen oft als Videobeiträge bereit, die sind also frei zugänglich und werden wiederum von der Community übersetzt. Man kann die Videos frei runterladen und sie stehen, wie gesagt, auch in Wikidata zur Verfügung. Dort werden sie referenziert und zwar im Gegensatz zu Wikipedia mit persistenten Identifiern. Die speichern natürlich nicht die Ressourcen z.B. in Wiki Commons, das wäre zuviel Aufwand. AH: Nur als Gedankenspiel zur Weiterentwicklung von Wikimedia: Wäre es nicht eine gute Idee, auch Ressourcen aus z.B. Europeana hier als Daten, vielleicht sogar unter Wiki Commons, zu sammeln? JK: Naja, die Verbindung ist letztendlich ja über die Referenzierung da. Bei Wikidata muss man fairerweise sagen, dass es relativ unbekannt ist. Es gibt in Wikipedia deutlich weniger Querverweise als in Wikidata. Das Grundproblem von Wikipedia ist, dass es textbasiert ist und das strukturierte Wissen findet man eben in Wikidata. Ich weiß von den Wikipedianern, dass man viel daran arbeitet, das wechselseitig ineinander zu überführen, aber das ist natürlich viel Arbeit. Die versuchen dann schon, z.B. Geburtsdaten aus den Texten zu extrahieren. Aber generell würde ich Normdaten, Basisdaten zu diesem Kernbereich des freien Wissens dazu zählen. AH: Könnten nun nicht schon die Geburtsdaten problematisch sein. Ich weiß aus Erfahrung, dass nicht wenige Autoren und Autorinnen ihre Geburtsdaten nicht in den Short Bios von geisteswissenschaftlichen Publikationen gar nicht gern veröffentlicht sehen und deshalb nicht angeben? JK: Nun, Wikipedia hat ja gerade eben in München einen Prozess geführt, weil Wikipedia das Geburtsdatum einer Regisseurin veröffentlicht hat. Sie hat argumentiert, dass sie aufgrund dessen keine Aufträge mehr bekommt, aber verloren, da sie als eine Person des öffentlichen Interesses eingestuft wurde. AH: Könnten Wikipedia oder Wikidata auch proaktiv Geburtsregister digitalisieren und automatisch einpflegen? JK: Nun, das ist sicher problematischer. Es sind ja auch Persönlichkeitsrechte zu beachten, wenn es sich nicht um Personen des öffentlichen Interesses handelt. Ich möchte in diesem Zusammenhang gern noch auf einen weiteren wichtigen Punkt zu sprechen kommen.

Wenn das freie Wissen mehr sein soll als ein idealistisches Konzept, dann muss man sich auch Gedanken darüber machen, was die Motivation für Menschen sein könnte, das auch zu praktizieren. Das mag sein, dass die abstrakte Idee des Verfügbarmachens von individueller Leistung zum Wohle der Gemeinschaft für viele hinreichend ist. Ich glaube aber, dass es nicht für alle so ist. Dieses Thema haben wir damals auch bei COLLATE diskutiert und ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass so etwas wie soziale Anerkennung zentral für die Motivation sein könnte, Leistungen zur Verfügung zu stellen. Traditionell ist das ja Geld, das wird aber schwierig umzusetzen. Direkt dahinter kommt Aufmerksamkeit, z.B. über die Autorenschaft. Und ich fände es in der Tat auch bedenkens- und erwägenswert, ob z.B. diese Konzepte von Autorschaft oder auch von Multi-Autorenschaft in diese Konzepte von freiem Wissen deutlicher integriert werden könnten. Konkret heißt das, dass sichtbar wird, wer also wirklich dazu beigetragen hat, dass Wissen verfügbar gemacht wurde. Das muss ja nicht auf der obersten Ebene sein und die Information ist bisher auch vorhanden, aber sehr versteckt. Und das finde ich nicht glücklich gelöst. Hier müsste man vielleicht mal eine Zwischenform finden, man muss ja nicht alles aus dem analogen Bereich wiederholen, aber z.B. in der Fußnote hätte man dann die Beitragenden gelistet. Das fände ich z.B. eine schöne Geste. Man könnte auch noch weiter gehen, und das habe ich bisher vermisst, dass man der Person, die Artikel anlegt, einen Eintrag in der Wikipedia gibt. Die sehen sich ja üblicherweise nicht als historisch wichtige Personen, obwohl sie es eigentlich sind. Wo dann z.B. auch gelistet werden kann, welche Artikel sie ganz oder teilweise mitverfasst haben. AH: Woher kommt diese Zurückhaltung bei der Herausstellung von Autorschaft? Weil es der grundsätzlichen Idee von Wikipedia widerspricht? JK: Das weiß ich nicht, aber ich glaube, man wollte sich auch von der klassischen Autorschaft abgrenzen, da besteht Skepsis in der Community. Man kann sich natürlich fragen, was denn die Schöpfungshöhe eines Wikipedia Artikels ist, das ist z.B. für das Urheberrecht relevant. Und wenn man wirklich nur 10% beiträgt, dann ist das wohl nicht zu argumentieren. Wikipedia sieht es sicher auch so, dass wir alle aufeinander aufbauen und letztlich können wir auch nicht immer genau berechnen, wie viel Einzelne beigetragen haben und wie dieser konkrete Beitrag dann für den gesamten Artikel zu bewerten ist.

Ein zweites Problem der Wikipedia ist natürlich die Historizität, also dass bestimmte Begriffe oder Konzepte der Zeit geschuldet sind. Das versucht Wikipedia ein bisschen abzufangen, indem sie einerseits die Seiten permanent aktualisiert und andererseits in den Artikeln selbst teilweise zumindest versucht, die Historizität der Konzepte darzustellen.

Allerdings fänd ich schöner, wenn man das systematischer macht und da kommt das Autorenkonzept wieder ins Spiel. Es gibt ja von Joachim Ritter dieses Historische Wörterbuch der Philosophie. Darin gibt es zu bestimmten Begriffen die zeitliche Einordnung zu bestimmten Konzepten, das könnte man gut für Wikipedia adaptieren. Zum Beispiel verfasst Burghart Lindner einen Artikel auf Wikipedia zum Mimesis-Begriff bei Adorno und wenn er als Autor aufscheint, dann weiß man auch, aus welcher Tradition der jeweilige Autor kommt. Dann holt man aber noch eine zweite Meinung dazu. Das fände ich eine spannende Geschichte. Dieser Zwang zur Vereinheitlichung, also letztlich nur eine Position darzustellen, wenngleich man schon ein bisschen auf Widersprüche eingeht, das könnte man überdenken. Warum lässt man nicht auch als Teil von einem Artikel mal zwei Positionen stehen und in dieser Weise sichtbar? Das täte, glaube ich, auch der Wissenschaft gut. Das würde die Autoren viel mehr markieren, entweder dass sie die Texte schreiben oder zur Verfügung stellen. AH: Was auffällt, ist dass die Literaturlisten unter den Artikeln meist sehr kurz oder doch sehr eklektisch sind? Nun wir aktuell das Projekt WikiCite entwickelt. Im Grunde könnte man doch einfach die Bibliographien aus zum Thema publizierten Büchern zur Verfügung stellen können, oder? Das wäre dann umfangreich und seriös recherchiert. JK: Ich glaube auch, dass man das noch weiterspinnen kann. Ich hab meinen Studenten mal den Vorschlag gemacht, dass man die Film-Retrospektiven, die weltweit gemacht werden zur freien Verfügung stellt. Ich finde es einen Aberwitz, dass in diesem Bereich immer wieder neue Listen mit dem vorhandenen Wissen der Autoren erstellt werden, zum Beispiel zum Thema Expressionismus werden ständig Retrospektiven auf der ganzen Welt gemacht. Da wäre es doch viel sinnvoller, diese Rechercheergebnisse einmal zentral zu dokumentieren. Dann könnte man auch sehen, wie sich die einzelnen Retrospektiven unterscheiden, z.B. welche Schwerpunkte eine Retrospektive zum neuen deutschen Film im Museum of Moder Art in New York im Gegensatz zu einer in Japan setzt und warum? Das fände ich super spannend, auch zum Thema implizites Wissen. AH: Diese Excel-Listen, die auf den Rechnern der Kuratorinnen und Kuratoren gespeichert sind, wären dann im Grunde auch geisteswissenschaftliche Forschungsdaten. JK: Genau. Wir haben gerade ein Projekt, in dem es genau darum geht. Wir bitten die Kuratoren um solche Informationen. Wir haben ein Archivkonzept erstellt und machen eine Trennung in ein internes (für Wissensmanagement, Dokumentation und Rechercheergebnisse) und externes Archiv (Publikation) und wir bitten ständig darum, die Rechercheergebnisse da auch hinein zu stellen. Für die Recherche wurde öffentliches Geld bezahlt. Und dieses Argument greift dann nicht, weil auf die Vorarbeiten verwiesen wird. Man erwidert dann z.B., dass es sich ja um ist das Ergebnis von 25 Jahren Arbeit handelt.

Man kann ja noch weiterdenken und weiter öffnen und nutzbar machen. Wenn ich als Privatperson Zugriff hätte und möchte mit meinen Freunden einen Videoabend machen, dann kann ich dort reinschauen und sehe z.B. wer zu Melodramen eine Retrospektive gemacht hat. Wenn man dann auch noch die Möglichkeit hätte zu den jeweiligen primären Ressourcen zu kommen, dann wäre das großartig. Das ist ja dann vernetztes Wissen und das ist ja auch der Hintergrund von Wikipedia oder Wikidata. Das macht natürlich nur Sinn im Semantic Web. Im Moment laufen ja die Vorbereitungen dafür und solche Nutzungen kann man dann damit machen.

Weitere Materialien zu Open Science[Bearbeiten]

CoScience - Gemeinsam forschen und publizieren mit dem Netz

AG Open Science der Open Knowledge Foundation

Anhang[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Für Näheres zum Unterschied wischen Urheberrechten und Leistungsschutzrechten siehe hier
  2. Zum Unterschied zwischen Free Software und Open Source Software siehe hier
  3. Quelle (ergänzt): Benedikt Fecher, Das Momentum nutzen – denken wir bei Open Access weit genug? (Auszug) Lizenz: CC-BY-SA
  4. Vgl. die Plattform rchiveit
  5. Panton Principles, Principles for open data in science. Murray-Rust, Peter; Neylon, Cameron; Pollock, Rufus; Wilbanks, John; (19 Feb 2010). Retrieved [24 Nov 2015] from http://pantonprinciples.org/
  6. Wolfe-Simon, F. et al. Science 332, 1163-1166 (2010).
  7. Vgl. http://www.nature.com/news/study-challenges-existence-of-arsenic-based-life-1.9861 und Reaves ML. et al. (2012) “Absence of detectable arsenate in DNA from arsenate-grown GFAJ-1 cells.” Science 337(6093): 470-473.)
  8. Die Angabe "1" bedeutet, dass die Zeitschrift keinen festen unterjährigen Erscheinungsrhythmus hat
  9. Im Jahr 2001 erschienen 18 Ausgaben, in den Jahren 2014/15 jeweils nur 7 bzw. 6.
  10. irights.info: Rechtsdatenbank Juris verliert Exklusivzugang