Philosophen über Ästhetik/ Friedrich Schiller

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Anmerkungen[Bearbeiten]

Schiller wechselt je nach literarischer Passgenauigkeit in seinen Erörterungen zwischen dem einen Menschen und der Menschheit als solcher. An allen von uns untersuchten Stellen kann jedoch immer auch das jeweils andere gewählt werden, ohne die Ideen hinter einer Aussage zu verletzen.

Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen[Bearbeiten]

Kunst und Freiheit (Brief Drei)[Bearbeiten]

Kunst darf nicht abbildend sondern muss schöpferisch sein ( »Kunst ist die Tochter der Freiheit, und von der Nothwendigkeit der Geister, nicht von der Nothdurft der Materie will sie ihre Vorschrift empfangen« [S. 9 Z. 28-30]). Mit »Nothdurft« der Materie sind die Naturgesetze aber auch die Gesetze, die in der Wissenschaft gelten, gemeint. Diese bestimmen den Menschen aufgrund der Tatsache, das er Realität ist. Mit der Kunst soll aber ein Ideal geschaffen werden, das so, wie es vom Künstler geschaffen wird, nicht in der Realität existiert, und ein Leitbild für den Geist und den Menschen selbst sein soll. Kunst soll darüber hinaus, wenn sie dem Menschen zur Freiheit helfen soll, schön sein ( »...weil es die Schönheit ist, durch welche man zu der Freiheit wandert.« [S. 11 Z. 9-10]).

Ein grober Abriß der menschlichen Entwicklung (Brief Drei)[Bearbeiten]

Der Mensch unterliegt am Anfang seiner Existenz den Gesetzen der Natur. Da der Mensch aber Mensch ist, wird er nicht nur bei dem bleiben, was ihm die Natur gegeben hat, sondern vielmehr versuchen, aus diesen Zwängen auszubrechen. ( »... das Werk der Noth in ein Werk der freien Wahl umzuschaffen...« [S. 11 Z. 21-22]). In der Fortsetzung dieser Aussage, deutet Schiller schon die zwei äußeren Pole an, durch die das menschliche Handeln bestimmt werden, nämlich die physische Notwendigkeit und die Moral bzw. Natur und Vernunft.

Mensch und Staat (Brief Drei)[Bearbeiten]

Der Staat, welcher durch erstere Bestimmung gebildet wird, kann als sogenanter Naturstaat bezeichnet werden, der nur von den Bedürfnissen und Gesetzmäßigkeiten, die die Natur vorgibt, bestimmt wird. Mit dieser Organisation, die dem Sogenannten physischen Menschen völlig ausreichend ist, kann aber der Mensch, weil ihm zugleich das moralische zueigen ist, nicht zufrieden sein. Das Problem, vor dem nun der Mensch steht, ist, dass der physische Mensch wirklich, der moralische aber nur als Problem/Idee existiert. Wird jetzt der Naturstaat durch den sittlich moralischen abgelöst, also die Wirlichkeit durch die Idee ersetzt, so wird dem Menschen etwas genommen, was ihm aber von Natur aus zu eigen ist, und ohne das seine Existenz gar nicht sein kann. Während dem übergang muss der physische Mensch weiterhin bestehen ( »aber das lebendige Uhrwerk des Staats muss gebessert werden, indem es schlägt, und hier gilt es, das rollende Rad während seines Umschwungs auszutauschen.« [S. 13 Z. 23-25]).

Die Lösung, die Schiller für dieses Problem sieht, ist eine Stütze, die dem physischen Menschen gereicht werden soll, und die nicht in den beiden äußeren Polen der menschlichen Existenz zu finden ist. Der Weg, den der Mensch gehen muss, ist klar vorgegeben. Er muss von seinem physischen Dasein mit Hilfe einer Stütze in den moralischen übergehen. Diese Stütze soll ein Ausgleich zwischen den beiden Polen bewirken und sie in einer Mitte auflösen. »Es käme darauf an, den ersteren [hier physischer Mensch] mit den Gesetzen übereinstimmend, den letztern [hier moralischer Mensch] von Eindrücken abhängig zu machen -- es käme darauf an, jenen von der Materie etwas weiter zu entfernen, diesen ihr um etwas näher zu bringen« [S. 14 Z. 1-6]. Die physische Notwendigkeit fällt nur im absoluten Wesen mit der moralischen zusammen. Das deutet an, das zwischen beiden Kräften, die der Mensch ausgesetzt ist, ein Gleichgewicht herrschen muss. Seine Triebe müssen für eine universelle Gesetzgebung mit seiner Vernunft in Übereinstimmung sein. Das dies möglich ist, liegt an der Tatsache, das dem physischen Menschen der idealistische von Natur aus in seiner Person mitgegeben ist. Das ist auch daran festzustellen, das der Drang nach dem Ideal in uns sein muss, also somit von der Natur in uns eingesetzt worden ist. Die große Aufgabe des menschlichen Daseins besteht demnach darin, den individuellen (physichen) Menschen mit dem idealistischen (moralischnen) Menschen in übereinstimmung zu bringen.

Schiller weist im weiteren Verlauf des Briefes auf zwei mögliche Fehlentwicklung hin, die ohne Ausgleich der beiden wirkenden Kräfte bei der Staatsbildung passieren können. Diese kann in diesen beiden Extremfällen nur durch Unterdrückung der anderen Seite geschehen, und ist damit auch zugleich zum Scheitern verurteilt. Denn von Anfang an ist in beiden Fällen die Staatsform nicht im Einklang mit der menschlichen Natur und da beide Pole ihr Recht behaupten wollen, wird zwangsläufig in beiden Fällen der Mensch nach Auflösung des jeweiligen Staates drängen.

Die Griechen als Idealgesellschaft und die Moderne Welt (Brief Sechs bis Acht)[Bearbeiten]

Die griechische Gesellschaft ist in Schillers Augen die Idealgesellschaft, in dem jedes Mitglied als Repräsentant gilt. D.h. jeder Mensch ist in seiner Ganzheit im Staat verwirklicht. Alles befindet sich bei den Griechen im Einklang und alles, was von Gefühl und Verstand zusammen gehört, ist auch zusammen. Ganz anders sieht es im modernen Staat aus. Hier gilt das Prinzip: Trennung der Belange. Der Mensch ist auf seine Hauptfertigkeit beschränkt und nur diese wird vom Staat auch nur unterstützt. Die Kultur selbst hat zu dieser Trennung geführt, da wir die Vernunft und Verstand als einzige Bestimmungskräfte gelten lassen. Der Mensch ist aber darüber hinaus durch die Aufgaben, die er zu erledigen hat, so sehr ausgelastet, das er nur noch Zeit für diese hat. Nur das Genie gelingt der Ausbruch, da noch Zeit findet um für sein Weiterkommen zu sorgen.

Schiller sieht aber in dieser Entwicklung der Gesellschaft aber auch eine logische Konsequenz. Die griechische Gesellschaft, so, wie er sie sieht, kam aufgrund der aufhebenden Kräfte (alles war auf Ausgleich ausgerichtet) nicht mehr weiter. Nur durch Trennung und Konzentration auf eine Sache kann der Mensch die natürlichen Grenzen überwinden und die Gattung weiterbringen. Dieses Weiterführen ist aber auch nur dem Genie vorenthalten, alle anderen Menschen führen ihm lediglich den Stoff zu, den er für seine Arbeit benötigt. Das Weiterkommen der Gattung führt aber nicht zur Befriedigung des Menschen, denn die Zergliederung ist wider seiner natürlichen Beschaffenheit. Es muss also der Kunst, die die Trennung herbeigeführt hat, eine höhere geschaffen werden, die vereinigt, was zusammengehört und den Menschen in seiner Gesamtheit erfasst. Diese Aufgabe kann nicht vom Staat gelöst werde, da dieser ein Resultat einer Entwicklung ist. Vielmehr wird jeder Staat bestrebt sein alle Kräfte, die gegen ihn und für seine Auflösung sind, zu unterdrücken. Die Umerziehung muss allmählich und nicht von einen auf den anderen Moment passieren.

Das diese Zusammenführung beider Kräfte notwendig ist, ist auch durch die Tatsache ersichtlich, dass z.B. ein aufgestelltes Gesetzt nur durch eine überzeugte Kraft ungesetzt werden kann, d.h. das Gefühl muss mit dem Gesetz im Einklang stehen um angewandt zu werden. Der Beweis für diesen Zusammenhang ist direkt von der Gesellschaft abzulesen, denn es schnell zu erkennen, dass bei aller Aufklärung und Vernunft der Mensch nicht aufgeklärt und vernünftig handelt ergo das Gefühl nicht mit der Erkenntnis einher gegangen ist. ( »weil der Weg zu dem Kopf durch das Herz Fuß geöffnet werden.« [S. 33 Z. 13-14])

Schönheit als das Werkzeug der Erziehung (Brief Neun)[Bearbeiten]

Das Werkzeug, welches dem Menschen gegeben werden kann, um sich von einem Babaren in einen gebildeten Menschen zu entwickeln, ist die schöne Kunst. Damit die Kunst den Menschen erzieht und ihn zur Freiheit führt, muss der Künstler frei von den Zwängen seiner Zeit sein, d.h. das künstlerische Schaffen darf nicht ausschließlich den Bestimmung der jeweiligen Zeit folgen. Er soll in seiner Kunst ein Ideal schaffen, das er dem Menschen seiner Zeit vorsetzt und ihn erziehen soll. Dabei soll er sich keinen Konventionen seiner Zeit unterwerfen sondern lediglich seiner Vorstellung in seinem Geiste folgen.

Kunst als Indikator des gesellschaftlichen Niedergangs (Brief Zehn)[Bearbeiten]

Neben dieser großen Aufgabe, die Schiller dem Künstler andenkt, weißt er darauf hin, das die schöne Kunst zweckentfremdet und den Menschen fehlleiten kann. Der Grund liegt darin, dass der Geschmack nur auf die Form nicht aber auf den Inhalt achtet. Oft ist auch zu beobachten, dass eine Gesellschaft, die eine hohe Kultur aufweist meistens auch der Indikator für den menschlichen Verfall ist. Darin liegt auch die Begründung, warum trotz aller positiven und für die Entwicklung des gebildeten Menschen notwendigen Eigenschaften der schönen Kunst diese entbehrt und der Vernunft vorzieht. Aus diesem Schluss ist nun abzuleiten, dass es sich bei der schönen Kunst, die die Erziehung des gebildeten Menschen erreichen soll, um eine andere handelt, als die, die den Verfall einer Gesellschaft anzeigt.

Der Mensch (Brief Elf)[Bearbeiten]

Die Abstaktion eines Menschen, zeigt am Ende zwei Begriffe auf, die den Menschen ausmachen. Das wär zum einen die unveränderliche Person (das Selbst) und sein veränderlicher Zustand (die Bestimmung). Beide sind unabhängig von einander. Würde sich die Person auf den Zustand begründen, dann wäre er veränderlich. Würde sich der Zustand auf die Person gründen, dann wäre der Zustand unveränderlich. Beides wiederspricht der Definition der Begriffe von Zustand und Person. Demnach ist der Ausspruch: »Ich denke, also bin ich.« völlig falsch. Denn wir »sind, weil wir sind; wir empfinden, denken und wollen, weil ausser uns noch etwas anderes ist.« [S. 44 Z. 4-6].

Die Person muss ihr eigener Grund sein. Der Zustand aber muss einen Grund haben, was in dem Fall dann die Zeit sein muss, denn sie ist die Bedingung alles Werdens. Der Mensch ist also eine Person in einem bestimmten Zustand. Mit der Person, als das Absolute ist ihm auch das göttliche in seiner Existenz mitgegeben. Der Weg zu dieser Gottheit, die er nie erreichen wird, ist ihm aufgetan in seinen Sinnen. Sie macht ihn zu Materie. Ohne sie wäre er nur Form. (S. 45 Z. 29-35) Solange er aber nur begehrt, also sinnlich ist, ist er nichts weiter als Welt und somit formloser Inhalt der Zeit. Um aber nicht bloß Welt zu sein muss er der Materie Form geben, er muss also seine Person wirklich werden lassen.

Daraus lassen sich nun die zwei Fundamentalgesetze der sinnlich-vernünftigen Natur herleiten. Erstens: Absolute Realität, d.h. er soll alles zur Welt machen, was bloß Form ist, und Zweitens: er soll alles in sich vertilgen, was bloß Welt ist. Beide Gesetze führen zu dem Begriff Gottheit zurück.

Über Triebe (Brief Zwölf bis Fünfzehn)[Bearbeiten]

Die Erfüllung dieser doppelten Aufgabe wird durch zwei Kräfte bestimmt. Das ist zum einen der Stofftrieb (auch sinnliche Trieb), der den Menschen in die Schranken der Zeit setzt und ihn zur Materie macht. Des Weiteren fordert er, das sich der Zustand ändert, das also »die Zeit einen Inhalt hat und den Menschen konkret werden lässt« [S. 47 Z. 10]. Und zum anderen der Formtrieb, der von dem absoluten Dasein des Menschen, also seiner Person ausgeht und bestrebt ist, den Menschen in Freiheit zu setzten, und seine Person zu offenbaren. Er drängt sozusagen auf die Ewigkeit, auf das ewig Beständige also auf das Gesetzmäßige.

Diese Triebe lassen sich eindeutig den zwei Bestandteilen des Menschen zuordnen. Der Stofftrieb dient dem Zustand dazu, sich in der Zeit zu verändern. Der Formtrieb will die Person Wirklichkeit werden lassen. Damit die beiden Triebe auch wirklich ihr Grenzen einhalten, bedarf es der Kultur. Sie muss die Sinnlichkeit gegen die Eingriffe der Vernunft, und die Person gegen die Macht der Empfindung sichern. Das erreicht sie, indem sie sowohl das Gefühlsvermögen als auch das Vernunftvermögen ausbildet. Das Resultat in seiner höchsten Ausprägung ist die Einhaltung der Fundamentalgesetze der sinnlich-vernünftigen Natur.

Die Wirksamkeit der beiden Triebe werden gegenseitig begründet und begrenzt. Dieses Wechselverhälnis ist die Idee seiner Menschheit. Die optimale Balance zwischen beiden Trieben wird der Mensch sich im Laufe seines Lebens immer mehr annähern (Idealentwicklung) aber niemals die volle Ausprägung erreichen können. Nutzt der Mensch nur einen der beschriebenen Triebe wird er unweigerlich die Idee seiner Menschheit verfehlen. Leider ist es aber dem Menschen nicht von beginn an mitgegeben, dass er zu einem Zeitpunkt die doppelte Erfahrung beider Triebe machen kann. Sollte es aber theoretisch passieren, würde daraus ein neuer Trieb entstehen, in dem beide Triebe zugleich wirken. Dieser Trieb wird der Spieltrieb sein. Durch das Zusammenwirken beider Triebe im Spieltrieb wird der Mensch in diesem sowohl physisch als auch moralisch in Freiheit setzen. Der Spieltrieb bezeichnet nicht den Hang zu Gesellschaftsspielen, Glücksspielen oder ähnlichem Erst das Spiel macht den Menschen vollständig, da er seine doppelte Natur nur dort entfalten kann.

Schönheit (Brief Fünfzehn bis Achzehn)[Bearbeiten]

Der Gegenstand, also das Thema des Stofftriebes ist das Leben. Das heißt er betrifft die Realität, wie etwas ist. Der Gegenstand des Formtiebs ist die Gestalt. Das heißt er betrifft das Gesetz (Formalität), wie etwas zu sein hat. Da der Spieltrieb aus dem Stoff- und Formtrieb hervorgeht, wird sein Gegenstand lebende Gestalt genannt. Das heißt er betrifft die Schönheit, das was sowohl zufällig als auch notwendig ist; die Vereinigung des Natürlichen und des Allgemeinen, der Realität und dem Gesetz. Schönheit ist demnach ein reiner Begriff der sich schon dadurch begründet, dass der Mensch einerseits seinen Stofftrieb, andererseits aber auch sein Formtrieb befriedigen muss.

Wendet man sich von den idealen Vorstellungen ab und betrachtet konkrete Erfahrungen, so leuchtet ein, das wir niemals die Schönheit finden werden. Das perfekte Gleichgewicht kann in der Erfahrungswelt nicht existieren. Mal überwiegt die Form, dann wieder der Stoff. Wir betrachten immer nur Tendenzen.

Im Ideal würde die Schönheit die beiden entgegengesetzen Triebe auf ein gemeinsames Level abschmelzen und zugleichzeitig deren Niveau durch jeweilige Anspannung emporheben. In der Erfahrung finden wir jedoch immer entweder die schmelzende oder die energische Schönheit. Erstere ist für das angespannte Gemüt geeigneter, zweitere für das abgeschlaffte. Schmelzend wirkt das Schöne auf den Naturmenschen, der unter dem Zwang von Empfindungen leident. Aber schmelzend wirkt es auch auf den künstlichen Menschen, der unter dem Zwang von Begriffen tätig ist. Die energische Schönheit hingegen drängt auf jeden ein, der kraftlos in Gefühl und Geist ist.

Durch die Schönheit wird aber weder der sinnliche noch der geistige Mensch in einen mittleren Zustand zwischen Empfinden und Denken geleitet. Einen solchen kann es nicht geben, da sich beides gegenseitig auflöst. Es entsteht vielmehr ein dritter Zustand; einer, der die beiden anderen zu einer ästhetischen Gesamtheit verknüpft und in sich aufnimmt.

Die Ästhetik (Briefe Neunzehn bis Zweiundzwanzig)[Bearbeiten]

Der Wille eines jeden Menschen ist dafür verantwortlich, sich mit aller Macht gegen die Vorherrschaft einer der beiden Grundtriebe zu wehren. Den Willen als solches erlangen wir durch unser Selbstbewusstsein, unsere Persönlichkeit. Diese wird durch die Notwendigkeiten in uns geschaffen um sich den Notwendigkeiten außer uns entgegen zu stemmen. Bevor das geschehen ist, wird der Mensch von außen, dass heißt sinnlich bestimmt. Dadurch befindet er sich in seinem physischen Zustand. Erst nach dem Erlangen des Selbstbewusstseins ist die Möglichkeit zur Freiheit gegeben. Der Mensch kann dann tätig werden um sich selbst zu Bestimmen, aber auch über das Ziel hinaus schießen und in den Zustand moralischer und logischer Bestimmung stürzen. Das bedeutet, er wird allein von seiner Vernunft bestimmt.

Um zur gewünschten realen und aktiven Bestimmbarkeit zu gelangen, ist es daher notwendig, aller Nötigung zu entfliehen – eben in eine freie Stimmung zu gelangen, wo sich alle Zwänge gegenseitig aufheben. Dies ist der ästhetische Zustand.

Ästhetik ist demnach genau die befreiende, ungebundene Beschaffenheit von etwas. Gefällt uns etwas unabhängig von Zweck, Gesetz und Moral, ist es also weder physisch, logisch oder moralisch, so ist es ästhetisch. Für jede dieser vier Arten kennen wir ein Erziehungziel: zur Gesundheit, zur Einsicht, zur Sittlichkeit und zu Geschmack und Schönheit werden wir ausgebildet. Letzteres Ziel möchte alle geistigen und sinnlichen Kräfte in möglichster Harmonie entfalten lassen.

In dem idealen ästhetischen Zustand kann und muss der Mensch keine konkreten Resultate mehr hervorbringen. Das sinnliche Vermögen hebt das vernünftige auf. Dadurch wird ein allumfassendes, gesamtes Vermögen geschaffen. Alle Zwänge sind gefallen. Der Wille hat das Gleichgewicht hergestellt und kann frei agieren. Der Mensch kann machen was er will, nicht was ihm seine Triebe diktieren.

Die Möglichkeit uns in eine ästhetischen Stimmung versetzen zu können ist damit die höchste aller Schenkungen an die Menschheit. Vor unser Schöpfung durch die Natur sind wir frei. Im ästetischen Zustand sind wir frei. Daraus folgt, dass wir die Ästhetik als unsere zweite Schöpfung bezeichnen können. Wir bescheinigen demjenigen ein ästhetisches Leben, der es Versteht, den Übergang zwischen physischer und logisch/moralischer Bestimmung hinaus zu zögern und damit längere Zeit die Freiheit des gesamten Vermögens genießen zu können.

Wer sich im ästhetischen Zustand befindet, fühlt sich wie aus der Zeit gerissen. Alle Schranken sind gefallen und die Menschheit als solche äußert sich in ihm rein und klar. Sein Gemüt kommt zur höchsten Realität und beugt so der Erschöpfung der Grundtriebe vor. Verlassen wir die ästhetische Stimmung wieder, so ist neue Kraft geschöpft. Rege Empfindungen und geklärter Geist können dann zu neuen Höhen aufsteigen. In der Erfahrung finden wir jedoch nur Tendenzen dieses Phänomens. Mal überwiegt das Gefühl, mal das Denken. Je nach Art des ästhetischen Genusses.

Kunst (Brief Zweiundzwanzig)[Bearbeiten]

Kunst hebt in ihrer höchsten Vollendung all ihre Schranken auf. Sie entflieht ihrem Medium um allumfassend und ganzheitlich auf das ästhetische Empfinden wirken zu können und die Form vertilgt den Inhalt, »denn durch die Form allein wird auf das Ganze des Menschen, durch den Inhalt hingegen nur auf einzelne Kräfte gewirkt« [S. 88, Z. 22].

Verwendete Begriffe[Bearbeiten]

  • Wilder Ein Mensch der sich von den Zwängen der Natur leiten lässt, sich also ganz dem Stofftrieb hin gibt.
  • Barbar Ein Mensch der sich von den Zwängen der Vernunft leiten lässt, sich also ganz dem Formtrieb hin gibt.
  • gebildeter Mensch Jemand der sich sowohl den Zwängen der Natur als auch denen der Vernunft entledigt hat. Bei ihm entsprechen die Neigungen den Pflichten. Ehrt die Freiheit und zügelt jediglich ihre Willkür.
  • Vernunft Das Vermögen, welches allgemeine, notwendige Gesetze aufstellen kann (hat Schiller von Kant übernommen).
  • Trieb Zwang, der einem Wesen aufgegeben wird.
  • Stofftrieb Auch sinnlicher Trieb genannt. Drängt zur Befriedigung natürlicher Bedürfnisse. Ist dem Menschen seit seiner Existenz mitgegeben.
  • Formtrieb Drängt zur Einhaltung moralischer und logischer Gesetze. Ist dem Menschen seit seiner Existenz mitgegeben.
  • Spieltrieb Entsteht wenn sich Stoff- und Formtrieb im Gleichgewicht befinden und sich somit auflösen.
  • sinnlicher Trieb siehe Stofftrieb.
  • lebende Gestalt die Schönheit. Der Begriff legt nahe, dass schöne Dinge sowohl den Stoff (Leben) als auch die Form (Gestalt) zum Gegenstand haben müssen.