Soziologische Klassiker/ Migrationssoziologie/ Eisenstadt

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THE ABSORPTION OF IMMIGRANT[Bearbeiten]

Grundlegend definiert Eisenstadt die Migration als einen physischen Übergang eines Individuums bzw. einer Gruppe von Individuen von einer Gesellschaft in eine andere. In diesem Prozess wird der gewohnte und internalisierte soziale Kontext verlassen und ein neuer, fremder sozialer Kontext betreten. Ausgehend von dieser Definition bzw. der durchgeführten Studie konstruierte Eisenstadt ein dreistufiges Konzept, in welchem er den physischen und psychischen Prozess der Migration bzw. die Absorption des Migranten im Aufnahmeland beschreibt.


Phasen der Migration[Bearbeiten]

  • Phase 1: Motivation zur Migration (initial motivation)

In dieser ersten Phase der Migration hegt der potentielle Migrant aufgrund unbefriedigter materieller Bedürfnisse bzw. dem Wunsch nach Realisierung seiner Aspirationen erste Überlegungen, sein Herkunftsland zu verlassen. Die Tatsache, dass die eigene physische Existenz nicht gesichert bzw. nur in geringem Maß an das Herkunftsland angepasst werden kann bzw. auch Aspirationen zur Solidarisierung mit der Herkunftsgesellschaft nicht befriedigt werden können, führen zur Frustration. Daher entwickelt der potentielle Migrant allmählich Vorstellungen davon, wie er die eigene wirtschaftliche Situation, persönliche Ressourcen und berufliche Interessen in einem anderen Land verbessern bzw. verwirklichen kann. Um die gesetzten Ziele zu erreichen, definiert der Migrant seine Vorstellungen an seine neue Rolle im Aufnahmeland, die im Zuge des Migrationsprozesses allmählich konkretisiert werden. Prinzipiell geht Eisenstadt davon aus, dass der potentielle Migrant zumeist mit einer partiellen Unzufriedenheit konfrontiert ist d.h. Frustration und Unzulänglichkeiten nur in spezifischen Lebensbereichen vorhanden sind. Jene Lebensbereiche, welche der Migrant als zufriedenstellend erachtet, verbinden ihn nach der Emigration mit dem Herkunftsland und sind ausschlaggebend dafür, dass konkrete Erwartungen nur auf bestimmte, subjektiv unbefriedigte Bereiche des sozialen Lebens gerichtet werden. Dies hat zur Folge, dass die Integrationsbereitschaft oftmals nicht auf alle gesellschaftlichen Bereiche der Zielgesellschaft gerichtet ist, was zu einem Konflikt im Prozess der Integration führen kann. Aus diesen Erläuterungen wird deutlich, dass das anfängliche, zu Grunde liegende Migrationsmotiv einen entscheidenden Einfluss auf den weiteren Migrationsverlauf hat.


  • Phase 2: Physischer Prozess der Migration

Eisenstadt beschreibt diesen Prozess als die faktische Transplantation des Migranten, in welchem es nicht nur zu einem physischen Vorgang, sondern auch zu einer Neugestaltung des soziale Umfeldes kommt. Durch die Migration verlässt der Migrant sein gewohntes soziales Umfeld bzw. seine Bezugsgruppen (reference groups) und ist daher mit dem Verlust von bisherigen Kommunikationsbeziehungen und sozialen Rollenerwartungen konfrontiert. Problematisch ist die Tatsache, dass oftmals noch nicht genügend Wissen über das neue Wertgefüge, die Normen und Verhaltensregeln der Aufnahmegesellschaft vorhanden sind und dies zu einem Gefühl der Unsicherheit und Orientierungslosigkeit beim Migranten führt. So ist die Migration laut Eisenstadt zunächst mit einer allgemeinen Desozialisierung im Sinne einer verlorenen Relevanz von bisher erlernten und internalisierten soziokultureller und gesellschaftlicher Verbindlichkeiten konfrontiert. Darauf folgt ein Prozess der Resozialisierung und Reformierung der gesamten Statusvorstellungen und des Wertgefüges um sich den neuen soziokulturellen Gegebenheiten anzupassen.


  • Phase 3: Absorption (The process of absorption)

Die dritte Phase besteht aus dem lang andauernden und umfassenden Prozess der Eingliederung der Immigranten in die Aufnahmegesellschaft, den Shmuel N. Eisenstadt zuerst unter dem Begriff Assimilation, später jedoch durchgehend unter dem Begriff „the process of absorption“ thematisiert hat. In der Phase der Absorption institutionalisiert der Migrant seine Rollenerwartungen. Dies ist einerseits mit dem Erlernen einer neuen Sprache und neuer sozialer Rollen, andererseits mit der Anwendung dieser Rollen im Sinne der Wertvorstellungen der absorbierenden Gesellschaft verbunden. Verhaltensweisen können nur durch die Transformation und Institutionalisierung mit den sozialen Strukturen der Aufnahmegesellschaft die sozialen Partizipationsmöglichkeiten des Migranten erweitern. Folglich müssen die Erwartungen des Migranten kompatibel mit den Rollendefinitionen der Aufnahmegesellschaft sein und gleichzeitig dort auch tatsächlich realisiert werden. Je mehr die Partizipation über die Primärgruppe hinweg ausgedehnt wird, desto eher besteht die Chance, ein Mitglied in der absorbierenden Gesellschaft zu werden. Da dieser dritten Phase für die behandelte Thematik eine besondere Bedeutung zukommt, soll der Absorptionsprozess in den drei Kategorien Akkulturation, persönliche Anpassung und institutionelle Durchdringung nach Eisenstadt zusammengefasst dargestellt werden.


Indizien einer vollständigen Absorption nach Eisenstadt[Bearbeiten]

  • Akkulturation

In diesem Prozess muss sich der Migrant eine Vielzahl von neuen Verhaltensweisen aneignen d.h. die neue Sprache, neue Verhaltensformen, fremde religiöse Orientierungen, wirtschaftliche Gepflogenheiten und den alltägliche Verhaltenskontext verstehen, internalisieren und anwenden können. Indem Immigranten Lernvorgänge institutionalisieren und ihr Alltagsverhalten danach ausrichten, werden sie in der neuen Gesellschaft nach und nach akkulturiert.


  • Anpassung der Immigranten an die Anforderungen der Aufnahmegesellschaft

Der Aspekt der persönlichen Anpassung bezieht sich auf die Zufriedenheit und die Frage inwieweit der Migrant Probleme bewältigt bzw. inwieweit die Aufnahmegesellschaft Einfluss auf diesen besitzt d.h. Immigranten müssen in ihrem Anpassungsprozess mit Schwierigkeiten rechnen, nicht weil ihnen die Bereitschaft zur Anpassung fehlt, sondern weil ihnen die Chancen für diese Anpassungsleistung verweigert werden können.


  • Institutionelle Durchdringung

Als weiteren, vorrangigen und entscheidenden Faktor für eine gelungene Absorption ist die institutionelle Durchdringung zu sehen. Eisenstadt definiert diese als Notwendigkeit, formale soziale Interaktionen auszubauen und sich gleichzeitig Zugang zu primären Gruppen (wie Cliquen oder informelle Gruppen) zu verschaffen, da nur so eine separatistische Identität abgelegt und eine völlige Absorption erreichbar ist. In diesem Zusammenhang spricht der Autor auch von „dispersion“ d.h. der Immigrant dringt so weit in die verschiedenen institutionellen Sphären ein (z.B. Politik, Wirtschaft, Kultur) dass er letztlich seine separate, ethnische Gruppenexistenz und - identität verliert. Separatistische Tendenzen und Gruppenidentitäten werden als Zeichen von mangelnder Absorption gedeutet.

Absorptionsschwierigkeiten[Bearbeiten]

Die Anpassung bzw. Assimilation an eine neue Kultur ist zweifelsohne nicht unproblematisch, da sich der Migrant in Phasen wie der persönlichen Anpassung in einer amibivalenten Situation befindet, in der es gilt, Frustrationen, Unsicherheit und Probleme zu überwinden. Als unmittelbare Folge dieser Faktoren kann es zur persönlichen Desintegration bzw. Ausformungen von abweichenden Verhalten kommen. Damit sind Aggressionen oder Normabweichungen, Kriminalität, Rückzugstendenzen oder psychischen Erkrankungen gemeint. Diese Abweichungen sind nicht nur ein Problem für die Migranten, sondern auch für die Aufnahmegesellschaft.

Grundsätzlich geht Eisenstadt davon aus, dass die vollständige Absorption eher ein Grenzfall ist und in modernen Gesellschaften pluralistische Modi der Absorption zu Tage treten. Gelingen kann eine Integration nur dann, wenn die Solidarität der primären Bezugsgruppen auf die Gesamtgesellschaft übertragen und Devianz vermieden bzw. Balance zwischen partikularistischen und universalistischen Orientierungen geschaffen wird.

Quellenverzeichnis[Bearbeiten]

  • HAN, Petrus (2005):
    "Soziologie der Migration,2. Auflage"
    Stuttgart: Lucius&Lucius.
  • HAN, Petrus (2006):
    "Theorien zur internationalen Migration"
    Stuttgart: Lucius&Lucius.


Hauptartikel zu Shmuel N. Eisenstadt in den Soziologischen Klassikern mit zusätzlichen biographischen Daten