Soziologische Klassiker/ Migrationssoziologie/ Goffman

Aus Wikibooks
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Stigma[Bearbeiten]

In seiner Stigmastudie von 1975 betrachtet Goffman zum einen den Hintergrund der Identitätsbildung einer durch die Gesellschaft stigmatisierten Person und zum anderen dessen Strategie mit dieser Stigmatisierung umzugehen.

Definition von Stigma[Bearbeiten]

Ein Stigma bezeichnet diejenige Abweichung von der Norm welche innerhalb einer Gesellschaft gegeben bzw. erwünscht ist. Personenträger eines Stigma werden aufgrund dieser Stigmatisierung niemals vollständig „den Status eines normalen Mitglieds der Gesellschaft erreichen“(Münch 2002 S.301). Insbesondere leiden Menschen von Minderheiten unter diesem Stigma und deren Auswirkungen, die in der Schwierigkeit der eigenen Identitätausbildung und in der Akzeptanz, zum einen von ihnen selbst und insbesondere durch Außenstehende, liegt. (vgl. Münch 2002)


Identität nach Goffman[Bearbeiten]

Die Identität eines Individuums passt sich nach Goffman der jeweiligen Situation entsprechend an. Sie wird immer wieder aufs Neue ausgehandelt. Dabei ist zu beachten, dass es sich hierbei um ein situationsbezogenes und nicht um ein personenbezogenes Konzept handelt. (vgl. Zwengel 2004)

Goffman untergliedert die Identität in drei Aspekte (vgl. Goffman 1967):[Bearbeiten]

  • soziale Identität
  • persönliche Identität
  • Ich-Identität

Soziale Identität[Bearbeiten]

Erfolgt aufgrund einer Mitgliedschaft zu einer bestimmten sozialen Gruppe und wird dem Einzelnen von Außenstehenden zugesprochen. (vgl. Münch 2002)
„Der Begriff soziale Identität erlaubt einem, Stigmatisierung zu betrachten“(Goffman 1967 S. 133). Der Ursprung des Stigmas entsteht durch die Abweichung zwischen „virtueller und aktuale sozialer Identität“(Goffman 1967 S. 10). Die virtuelle soziale Identität zeigt Einem, wie ein Mitglied einer bestimmten sozialen Kategorie zu Sein hat. Hingegen weist die aktuale oder tatsächliche soziale Identität darauf hin, wie eine Person von Außenstehenden gesehen wird, und ob das Individuum seine Rollenerwartung innerhalb der virtuellen sozialen Identität erfüllt oder nicht. (vgl. Münch 2002)
„Man kann von solchen Erwartungen aufgrund der Zugehörigkeit zu Rasse, Nation und Religion abweichen. In diesem Fall gelten die Mitglieder dieser Gruppen für andere als Abweichler von den Normen, die für größere Gruppen, deren Untergruppe sie bilden, als verbindlich erachtet werden“(Münch 2002 S.302).
Goffman unterscheidet nun zwischen Stigmas, die allgemein bekannt sind, und solchen die der Gesellschaft verborgen bleiben. Erstere sind Träger, welche innerhalb der Gesellschaft benachteiligt sind. Im zweiten Fall leben die Träger „auf der Schwelle zur Diskreditierung“(Münch 2002 S. 302) innerhalb der Gesellschaft.
Tatsächlich stigmatisierte Personen werden mit Hindernissen verschiedenster Art konfrontiert. So treten hinsichtlich der persönlichen Akzeptanz, der Eingliederung in ein Leben mit einem von außen akzeptierten sozialen Status oder bei der Behandlung als ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft, Probleme und Hindernisse auf. (vgl. Münch 2002)


Um mit der Stigmatisierung umgehen zu können unterscheidet Goffman vier verschiedene Möglichkeiten (vgl. Münch 2002):


  • Korrekturversuch des Stigmas
  • Kompensation des Mangels/der Mängel durch Beherrschung von besonderen Aktivitäten z.Bsp. Leistung in der Arbeit
  • Profitgewinn durch die Stigmatisierung, aufgrund einer anderen Behandlung. z.Bsp. geringe Anforderungen an die stigmatisierte Person
  • Relativierung der Stigmas durch aufzeigen, dass „normale“ Menschen auch Mängel haben


Mögliche Folgen der Stigmatisierung:


Auf beiden Seiten entsteht eine Verunsicherung innerhalb der sozialen Interaktion. Beide Parteien, sowohl der stigmatisierte, als auch der „normale“ Mensch, weiß nicht, wie er mit dem jeweiligen anderen umzugehen hat, noch was der jeweilige andere von seinem gegenüber denkt und hält. Beide verspüren gegenüber dem anderen ein Unwohlsein. (vgl. Münch 2002)
Durch den Umgang mit der eigenen Familie und mit anderen stigmatisierten Personen, kann die Belastung, welche durch eine Stigmatisierung eintreten kann, abgebaut werden. Nicht vergessen darf hier aber der Aspekt, dass durch die so genannte Abkapselung und durch die Einseitige Hinwendung zu Seinesgleichen, eine „Entfremdung gegenüber denjenigen, die als „normal“ gelten“(Münch 2002 S. 303) eintritt bzw. eintreten kann.
Der Status einer stigmatisierten Person kann durch den Anschluss an eine soziale Bewegung erreicht werden, deren oberstes Ziel es ist eine Verbesserung im Umgang und in der Interaktion zwischen beiden Parteien zu erreichen. (vgl. Münch 2202)


Unterschiedlicher Ablauf des Stigmatisierungsprozesses:


Die Stigmatisierung kann bei jeder Person unterschiedlich verlaufen. Sie ist abhängig vom Zeitpunkt, der Bekanntgabe bzw. der Veröffentlichung eines entsprechenden Mangels.


Diese lassen sich in vier verschiedene Typen unterscheiden(vgl. Münch 2002):

  • Stigma ist angeboren und von Beginn an sichtbar
  • Angeborenes Stigma erfährt von Seitens der Familie Schutz und bleibt aufgrund dessen für die Gesellschaft unbemerkbar
  • Stigmatisierung kann durch einen Unglücksfall zu einem späteren Zeitpunkt eintreten
  • Person ist in einer fremden Kultur sozialisiert und erfährt aufgrund ihrer fremdartigen Erscheinung eine Stigmatisierung, wenn sie in eine neue Gemeinschaft eintritt
Wichtig ist, dass bei allen Fällen die betroffene Person „zwischen Hinnahme und Akzeptanz“(Münch 2002 S.303) der Mangelsituation und dem Kampf dagegen durchläuft.

Persönliche Identität[Bearbeiten]

Entsteht durch die Einzigartigkeit der Person und erfährt des Weiteren eine Zuteilung von außen. (vgl. Münch 2002)
Um mit einer eventuellen Stigmatisierung zurecht zu kommen, muss sich die jeweilige betroffene Person mit seiner eigenen Biographie auseinander setzten. Eine Stigmatisierung hängt hier auch davon ab, welchen Eindruck sie bei den anderen in Bezug auf ihre Biographie bei ihnen hinterlässt, bzw. welchen sie den anderen zu vermittelt versucht. Das Grundlegende technische Werkzeug des „Stigma-Management“(Goffman 1967 S. 133) ist die Informationskontrolle. Um als ein vollwertiges akzeptiertes Mitglied der Gesellschaft akzeptiert zu werden, muss die stigmatisierte Person versuchen erfolgreich am sozialen Leben teilzunehmen. Wichtig ist hierbei die Ausbildung einer von der Gesellschaft akzeptierten Identität. Hindernis für eine volle Akzeptanz von Seitens der Gesellschaft ist die Sichtbarkeit des Stigmas. Je weniger offensichtlich, bzw. bekannt es ist, desto größer ist die Chance des Individuums, als vollwertiges Mitglied am sozialen Leben innerhalb der Gesellschaft teilhaben zu können „und eine positive persönliche Identität aufzubauen“(Münch 2002 S.304).

Ich-Identität[Bearbeiten]

Ist eine subjektive und vor allem reflexive Angelegenheit. Das subjektive Gefühl und das sich Bewusstsein als Person, als Individuum, ist hier essentiell, insbesondere, wenn die Identität des Individuums zur Diskussion steht. (vgl. Goffman 1967) Die Ich-Identität schließt den Umgang mit der ihr zugeteilten sozialen und persönlichen Identität ein (vgl. Münch 2002).
Der Grundgedanke der Ich-Identität ermöglicht einem zu erfahren, was der Einzelne über das Stigma und sein Management empfindet (vgl. Goffman 1967). Des Weiteren ermöglicht es einem die Verhaltensregeln, „die ihm hinsichtlich dieser Dinge gegeben werden, besondere Aufmerksamkeit zu widmen“(Goffman 1967 S. 133).
Die stigmatisierte Person befindet sich in einem stetigen Zwiespalt, wie sich selbst als Person sehen soll. Um mit dieser Situation umgehen zu können, widmet sich die Person welche eine Stigmatisierung erfahren hat, Ebenen der kulturellen Definitionen, in Form von Mediendarstellungen zu. Diese können dem Einzelnen Muster liefern, woraufhin die Akzeptanz des eigenen Status gefördert werden kann. Ein Aufbegehren gegen einen geringeren Status und gegen die Stigmatisierung können ebenso positive Effekte draus sein.

Positiv bildet sich des Weiteren eine Zuwendung zu Vereinigungen, mit Menschen außerhalb der eigenen Gruppe, welche eine Stabilisierung der Selbstakzeptanz bei den betroffenen Personen auslösen kann.

Quellenverzeichnis[Bearbeiten]

  • GOFFMAN, Erving (1967):
    "Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität"
    Frankfurt/Main
  • MÜNCH, Richard (2002):
    "Soziologische Theorie. Bd.2."
    Frankfurt/Main.Campus.
  • ZWENGEL, A. (2004):
    "Je fremdländischer desto besser?"
    Wiesbaden. Dt.-Univ.-Verlag.


Hauptartikel zu Erving Goffman in den Soziologischen Klassikern mit zusätzlichen biographischen Daten