Soziologische Klassiker/ Goffman, Erving

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Grundstruktur des Kapitels:


Biographie in Daten[Bearbeiten]

Erving M. Goffman

geb.: 11. Juni 1922, Mannville, Alberta

† 19. November 1982, Philadelphia, PA

  • Eltern:
Max Goffman
Anne Goffman
  • Kinder:
Thomas Edward Goffman (aus der 1. Ehe mit der Psychologin Angelica Schuyler Choate †1964 Freitod)
Alice Goffman (aus der 2. Ehe mit der Linguistin Gillian Sankoff)


  • Akademischer Werdegang:
ab 1939 Studium der Chemie an der University of Manitoba in Winnipeg, Manitoba.
1944-45 Studium der Soziologie an der Universität von Toronto bei Charles William Norton Hart und Ray Birdswhistel
1945 Goffman erwirbt den Grad eines Bachelor of Arts. Daraufhin wechselte er nach Chicago in die Hochburg der amerikanischen Soziologie
1945-49 Seine wichtigsten Lehrer an der Universität Chicago waren Everett C. Hughes und W. Lloyd Warner
1949 Abschluss seines Studiums mit dem Master of Arts
1949-1951 Instruktor am Department of Social Anthropology an der Uni von Edinburgh (Feldstudie auf den Shetland-Inseln)
1953 Promotion zum Doktor der Philosophie in Chicago. Seine Arbeit „Communication Conduct in an Island Community“ wird von W. Lloyd Warner, Donald Horton und Anslem L. Strauss betreut.
1954-1957 Goffman arbeitet als „visiting scientist“ am Laboratory of Socio-Environmental Studies des National Institute of Mental Health.In diesem Zeitraum führt er seine Klinikstudien am St. Elizabeth Hospital durch.
1958-1968 1958 wechselte er nach Berkeley an die Universität von Kalifornien. Zunächst arbeitet er Assistant Professor ('58-'59); später als Associate Professor und ab 1962 schließlich als Full Professor am "Center for the Integration of Social Science Theory"
1969-82 Annahme der Benjamin Franklin-Professur an der Universität von Pennsylvania. Zu Beginn hatte seine Professur die Bezeichnung „Anthropologie und Psychologie“, welche später in „Anthropologie und Soziologie“ umbenannt wird. Ab 1976 ist er Mitherausgeber von „Theory and Society“, zusammen mit Alvin Gouldner. Weiters wandte er sich in den 70er Jahren dem Thema des Geschlechterverhältnisses zu. Ferner hatte er Gastprofessuren, an den Universitäten Harvard, Brandeis, Manchester und Edinburgh inne.
1981 Wahl zum Präsidenten der American Sociological Association (ASA).Seine Presidential Adress, am Ende des Präsidentschaftsjahres, über „Interaction orders“, konnte er wegen seiner fortgeschrittenen Krebserkrankung nicht mehr halten.
19. November 1982 Erving Goffman stirbt in Philadelphia an Krebs


  • Auszeichnungen:
1977-78 Guggenheim-Fellowship
1978 International Prize for Communicating
1981 Mead-Cooley Award in Social Psychology "Forms of Talk" wird für den National Book Critics Circle Award nominiert


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Dieses Kapitel behandelt einerseits die Frage, welche Einflüsse auf sein Werk sichtbar werden und andererseits die Frage, wie Goffman nach seinem Tode rezipiert wurde. Begonnen wird mit einer Annäherung an die erste Frage -> es wird eine systematische Analyse aller Verweisstellen im Werk von GOFFMAN tabellarisch dargestellt werden. Anschließend werden die inhaltlichen Parallelen, der Autoren die ihn beeinflusst haben, skizziert. Als Basis für die Analyse der Verweisstellen dienten alle Bücher von GOFFMAN.


In der Tab. 1 sind die 12 Namen zusammengestellt, auf die im Werk von GOFFMAN am häufigsten verwiesen wird. Die erste Zahl nennt die Anzahl der Verweise, die zweite die Anzahl der Publikationen, in denen dieser Name vorkommt.

Im weiteren Verlauf werden die Autoren betrachtet, die GOFFMAN für die Gewinnung von Konzepten dienen, und andere, die zumindest auch in einem theoretischen Zusammenhang Eingang finden. Auf die Verweise von Autoren die in Goffmans Publikationen rein zur Illustration (Schaffer, San Francisco Chronicle, Eugen Kogon, Georg Dendrickson/Frederick Thomas) verwendet werden wird nicht näher eingegangen. Abgesehen von den Eigenverweisen ist SACKS derjenige Theoretiker, auf den GOFFMAN am häufigsten Bezug nimmt. Auch wenn SACKS auf die Grundlegung des GOFFMANschen Forschungsprogramms noch keinen Einfluss haben konnte. SACKS war bekanntlich Schüler von GOFFMAN, darum ist die Auseinandersetzung mit ihm ab "Encounter" (1961) für die Fortführung und Ausarbeitung seines Forschungsprogramms von hohem Belang.

Der zweithäufigste zitierte Theoretiker ist BATESON, der sich schon in den frühen 50er Jahren mit der Analyse von Interaktionsvorgängen befasst hatte. BATESON und GOFFMAN verbindet eine enge Wahlverwandtschaft; unverkennbar hat GOFFMAN die Arbeiten von BATESON mit hohem Interesse verfolgt und zweifellos auch, nicht nur durch das Rahmen Konzept, nachhaltig davon profitiert.

Auf keinen anderen Namen mit Ausnahme des eigenen verweist GOFFMAN in so vielen Arbeiten wie auf DURKHEIM. Das meist genannte Werk von DURKHEIM ist dabei "The Elementary Forms of Religious Life". Aus dem Umfeld der University of Chicago ist in der Tab. 1 Hughes, GOFFMANs ehemaliger Lehrer, vertreten. HUGHES stammte aus der alten Chicagoer Schule (Robert E. PARK). Auch wenn HUGHES oftmals zum Symbolischen Interaktionismus gerechnet wird, ist deutlich zu erkennen, dass sein Denken neben PARK stark von Georg SIMMEL und auch von Max WEBER geprägt ist, wenig dagegen von George H. MEAD.

Geht man über diese Liste hinaus, folgt eine Reihe von weiteren Vertretern der University of Chicago: Es lassen sich 20 Verweise, verteilt auf 9 Arbeiten, auf Howard S. BECKER finden, und George H. MEAD wird an 17 Verweisstellen in neun Arbeiten erwähnt. Dabei fällt auf, dass GOFFMAN bei MEAD nie einen Titelhinweis gibt. Dieses Nichtvorhandensein der Titelhinweise dürfte auf eine hohe Vertrautheit mit dem Werk von MEAD zurückzuführen sein. Die Kenntnis des MEADschen Werks scheint für ihn so selbstverständlich zu sein, dass sich biographische Angaben erübrigen. Übrigens auch auf DURKHEIM wird 18mal ohne Titelangabe verwiesen. Neben MEAD sind aus den Anfängen der interpretativen Tradition auch William JAMES (13mal in 5 Arbeiten) oder Charles H. COOLEY (10/7) im Werk von GOFFMAN durchaus präsent. Wenig Spuren in seinem Werk hat dagegen Herbert BLUMER hinterlassen. Es finden sich keine Belege dafür, dass auch Herbert BLUMER wie von manchen Autoren behauptet ein akademischer Lehrer von GOFFMAN gewesen sei.

Nicht nur hat GOFFMAN die Entwicklung der Konversationsanalyse mit hohem Interesse verfolgt, er hat dieses Forschungsprogramm auch stark beeinflusst. Seine Beschäftigung mit der Ethnomethodologie ist nicht nur auf den Zweig der Konversationsanalyse beschränkt, sondern erstreckt sich auch auf die Arbeiten von Harold GARFINKEL, dem Begründer der Ethnomethodologie. Erste Verweise auf GARFINKEL finden sich bereits in den Arbeiten aus den 50er Jahren. Insgesamt wird im Werk von GOFFMAN 16mal auf GARFINKEL verwiesen, verteilt auf neun Arbeiten. Viel später, nämlich erst in der "Rahmen Analyse", finden sich dagegen die ersten Hinweise auf die phänomenologische Soziologie von Alfred SCHÜTZ.

Aus der strukturalen Perspektive finden sich neben DURKHEIM im Vorderfeld Alfred R. RADCLIFFE (12/7), dem GOFFMAN "Relations in Public" (1971, dt. 1974) gewidmet hat, und W. Lloyd WARNER (11/8). Warner ist neben HUGHES der andere wichtige Lehrer von GOFFMAN. Warner war stark von DURKHEIM und RADCLIFFE BROWN beeinflusst. Diese beiden Soziologen werden noch übertroffen von Talcott PARSONS (17/6). Hierzu hat sicherlich die lange andauernde dominante Stellung von PARSONS in der amerikanischen Soziologie beigetragen, aber es fällt auch auf, daß GOFFMAN auf PARSONS keineswegs primär kritisch Bezug nimmt. Die vorherrschende Verwendungsweise ist eine andere: GOFFMAN verwendet die Arbeiten von PARSONS insoweit sie für seine eigene Arbeit brauchbar und ergiebig sind.

Aus Tab. 1 fehlt bislang noch Georg SIMMEL, auf den 24 mal in 8 Publikationen verwiesen wird. SIMMEL ist damit hinter DURKHEIM im Werk von GOFFMAN der zweithäufigst zitierte Klassiker der Soziologie, übrigens mit deutlichem Vorsprung vor Max WEBER (6/5) als dem nächstfolgenden Klassiker. Beschränkt man sich auf die frühen Arbeiten von GOFFMAN, dann übertrifft SIMMEL sogar DURKHEIM.

Wichtig wurde für GOFFMAN auch die Spieltheorie, ein Theorieansatz, der im Unterschied zur interpretativen und strukturalen Perspektive und aus diesen Perspektiven vielfach auch kritisiert in der utilitaristischen Theorietradition steht. Wichtig waren für GOFFMAN aus diesem Theorieansatz vor allem die Arbeiten von Thomas C. SCHELLING, der in 6 Arbeiten 13mal vorkommt.


Werke[Bearbeiten]

  • The Presentation of Self in Everyday Life. New York 1959.
  • Encounters. Two Studies in the Sociology of Interaction. Indianapolis 1961.
  • Stigma. Notes on the Management of Spoiled Identity. Englewood Cliffs 1963.
  • Strategic Interaction. Philadelphia 1969.
  • Frame Analyses. An Essay on the Organization of Experience. New York 1974.
  • Forms of Talk. Philadelphia 1981.
  • The interaction order, in: American Sociological Review 48, 1983, 1-17.


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Interaction order[Bearbeiten]

Hauptthema der Forschungstätigkeit Erving Goffmans war die Erforschung der „interaction order“. Zentrales Anliegen war hierbei die Erforschung von face-to-face-Interaktion – der Interaktion von mindestens zwei Individuen in unmittelbarer Anwesenheit. Im Gegensatz zu früheren Untersuchungen zu dieser Thematik lag der Fokus bei den Arbeiten von Goffman auf der Besonderheit des Interaktionsprozess als solches, und nicht auf den Resultaten der Interaktionen.

Goffman bezeichnet die gesamte räumliche Umgebung derartiger Interaktionen als „soziale Situation“; und die sich konstituierenden sozialen Einheit als „Zusammenkünfte“, welche wiederum in Form einer zentrierten (Aufmerksamkeit der anwesenden Personen ist aufeinander bezogen) bzw. einer nicht-zentrierten Interaktion (ein gemeinsamer Aufmerksamkeitsfokus fehlt) ablaufen können.

Die unterschiedlichen Kontexte, in die derartige zentrierte/nicht-zentrierte Interaktionen eingebettet sind, benennt Goffman als „social occasions“ bzw. als „frames“.

Erstere bezeichnen größere soziale Angelegenheiten mit räumlicher und zeitlicher Begrenzung und bestimmter Ausstattung. Die „frames“ (Rahmen) hingegen sind kulturell vorgegebene soziale Darstellungsformen, die für den Sinn von Ereignissen bestimmend sind und das Engagement und den Ablauf der Interaktion vorgeben. Diese Regelstrukturen schränken den Freiheitsspielraum der Individuen zwar ein, haben aber keine determinierende Wirkung auf den eigentlichen Handlungsablauf.


Impression Management[Bearbeiten]

Erwin Goffman hat als erster darauf hingewiesen, dass Menschen ihre Identität permanent behaupten („Wir alle spielen Theater“). Er ist der Ansicht, dass unser gesamtes menschliches Verhalten ein Schauspiel sei. Wir würden diverse Rollen spielen, in denen wir uns möglichst gut verkaufen müssen. Für Goffman ist Selbstdarstellung eine Art Ritual, in der der Einzelne die anerkannten Werte der Gesellschaft verkörpert, erneuert und nach dem Prinzip des "impression managements" bestätigt. Diese Selbstdarstellung beruhe auf dem Aspekte, die dem erwünschten Eindruck dienlich sind werden überbetont, andere Aspekte werden verborgen oder unterlassen.

Goffman hat festgestellt, dass Individuen, wenn sie in Interaktion treten, ein bestimmtes Bild von sich präsentieren – mit Hilfe verschiedener Techniken der Darstellungen - das von den anderen akzeptiert wird. (= „Dramaturgisches Prinzip“ = Theatermetapher) Auch wenn sie dieses bestimmte Bild von sich präsentieren, müssen sich die Schauspieler bewusst sein, dass ihre Performance von den Zuhörern gestört werden kann. Darum ist es für die Schauspieler nötig die Zuhörer zu kontrollieren, vor allem in den Bereichen, wo sie gestört werden könnten. Ferner hoffen die Schauspieler, dass diese Präsentation ihrer selbst bei den Zuhörern so ankommt, wie sie sich das vorstellen. Weiters hoffen die Schauspieler, dass die Zuhörer dadurch veranlasst werden, so zu handeln wie es die Schauspieler von ihnen verlangen. Goffman charakterisiert dieses zentrale Interesse als „Impression management“. In diesem oben diskutierten Vorgang unterscheidet er zwischen Vorderbühne (=Idealistisches Selbstbild) die eine Hinterbühne impliziert (Verschleierung der Fehler).

Der erste Begriff ist der Teil der Handlung, dessen allgemeinen Funktion fixiert ist, um die Situation, der Individuen die als Schauspieler agieren, zu definieren.

In Bezug auf die Vorderbühne unterscheidet Goffman zwischen sozialer und persönlicher Fassade. Unter der sozialen Fassade versteht man soziale Erwartungsmuster, die mit einer bestimmten Rolle verbunden sind (z. B. feste Vorstellungen, wie man sich als Arzt verhält). Die persönliche Fassade besteht aus dem Equipment, der Gestik und Mimik. Dies bringen die Zuseher mit einer gewissen Rolle in Verbindung. In weiterer Folge unterteilt Goffman die persönliche Fassade in eine Äußere Erscheinung (apperance) und in ein Verhalten (manner). Die Äußere Erscheinung offenbart uns den sozialen Status des Schauspielers und das Verhalten sagt den Zuhörern welche Rolle der Schauspieler in einer bestimmten Situation spielt.

Unter Hinterbühne versteht er den Ort, an dem die unterdrückten Tatsachen oder informelle Handlung auftreten. Die Hinterbühne grenzt an die Vorderbühne an, aber gleichzeitig ist sie von ihr abgeschnitten. Als dritte Kategorie des „Impression Management“ bezeichnet er das Außerhalb.

Rollendistanz[Bearbeiten]

Jemand füllt eine Rolle zwar aus, demonstriert aber gleichzeitig, dass er ihr distanziert gegenübersteht (z.B. „lässiger Lehrer“). Eine von Goffmans wichtigsten Einsichten ist, dass die Distanz zu einer Rolle eine wichtige Funktion in der Definition des persönlichen Status darstellt. Eine Reinigungskraft, die mit sichtbarem Desinteresse die Toiletten reinigt, demonstriert durch ihre Haltung ihrer Umwelt, dass sie eigentlich „zu gut“ für diese Tätigkeit ist.


Stigma[Bearbeiten]

Im Kontext der substantiellen Identitätsbedrohung erwähnt Erwin Goffman das Stigma. Darunter versteht er, dass eine Person aufgrund besonderer Attribute stigmatisiert ist. Das Stigma wird dabei Teil der Identität (Behinderte, Alkoholiker, Kriminelle, Homosexuelle, Angehörige „peinlicher“ Berufe). Der Begriff der Normalität wurde von Goffman für die USA ausgearbeitet – normal ist derjenige, der sich nicht zu schämen braucht, d.h. ein Weißer, aus dem Mittelstand kommender, gut gebauter, sportlicher, aus dem Norden stammender, verheirateter College-Abgänger. Goffman unterscheidet zwischen körperlicher Deformation, Charakterfehler (Geistesverwirrung, Sucht, Arbeitslosigkeit, Homosexualität, usw.) und phylogenetischem Stigmata der Rasse, der Nation und der Religion. Für ihn hängt jegliche Interaktion davon ab, welche Art von Stigma man innehat (er geht davon aus, dass wir alle von Zeit zu Zeit stigmatisiert sind), denn damit sind auch die Taktiken verbunden, wie man mit dem Stigma umgeht. Goffman unterscheidet drei Strategien: Die Strategien des Eingestehens werden wie folgt charakterisiert: Die betroffene Person kann echte Unberührtheit von der Stigmatisierung demonstrieren. Ferner kann das Kennzeichen aber auch zu einer Befremdung über sich selbst führen und damit können in weiterer Folge Korrekturversuche der eigenen Identität verbunden sein. Unter den Strategien des Ausbrechens versteht er einen demonstrativer Bruch mit den gesellschaftlichen Normalitätswartungen (Neudefinition von Normalität). Dies kann einerseits dazu führen, dass die betroffene Person vom sekundären Gewinn, der mit dem Stigma verbunden ist, profitiert und andererseits kann die Person so handeln, als ob die Andersartigkeit irrelevant wäre. Die Strategien des Verbergens können zu einem Rückzug, und Aufbau einer individuellen Sonderwelt führen. Jedoch kommt es bei diesen Strategien oft zur Entwicklung sublimer Techniken der Verhaltenskontrolle, des Informationsmanagements und der Selbstpolitik. (Dauerpräsenz der Frage: Wem, wie was wo verbergen oder offenbaren?). Ebenso kann es zur Entwicklung sublimer Techniken der Vermeidung (Vermeidung von Situationen der Sichtbarkeit) sowie von Techniken der Täuschung führen.

Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

1. Rezeption von GOFFMAN im deutschsprachigen Raum

Die deutschsprachige GOFFMAN Rezeption erweist sich in weiten Teilen als eine "Steinbruch- Rezeption": aus dem Werk von GOFFMAN werden einzelne Konzepte herausgelöst - weitgehend ohne Berücksichtigung der theoretischen Zusammenhänge (z.B.: Jürgen Habermas Weiterentwicklung der "persönlichen Identität“ und der "sozialen Identität“ von Goffman: HABERMAS referiert nicht, daß persönliche und soziale Identität für GOFFMAN, wie bereits gezeigt, Bestandteile der Definitionen anderer Personen über das jeweilige Individuum sind, also vor allem Formen der Identifizierung; nicht erwähnt wird auch die wichtige Unterscheidung von virtueller und aktueller Identität). Zu dieser Art von Rezeption hat das Werk von GOFFMAN durch eine Fülle von Konzepten sicherlich selbst maßgeblich beigetragen. Nicht nur Habermas hat Goffmans soziologische Überlegungen, in Bezug auf „soziale und persönliche Identität“, in seinen Werken verwendet, sondern auch Lothar KRAPPMANN. Neben diesen Identitätskonzepten wurden im deutschsprachigen Raum auch die Konzepte "Rollendistanz" (z.B. HABERMAS 1972; DREITZEL 1968), "totale Institution" (z.B. LISCH 1976; BENARD/SCHLAFFER 1978) oder auch Konzepte in Verbindung mit der Bühnenanalogie (z.B. DREITZEL 1968; ZINNECKER 1975; VESTER 1980) stark rezipiert.

Das Bild von GOFFMAN in der deutschsprachigen Soziologie wurde nachhaltig, abgesehen von Ralf Dahrendorf, von Alvin W. GOULDNER geprägt. GOULDNERs Kritik hatte und hat noch immer eine fatale Konsequenz: In vielen Köpfen der deutschsprachigen Soziologie entstand ein fertiggefügtes und resistentes GOFFMAN-Bild. Dieses scheint für viele ein eigenes Studium des Werkes von GOFFMAN überflüssig gemacht zu haben, und verhinderte in Folge eine theoretische Diskussion des Werkes, die im englischsprachigen Raum viel unbeschwerter verlief.

Für GOULDNER steht GOFFMAN in der Tradition von George H. MEAD und Kenneth BURKE. In seiner Darstellung stützt sich GOULDNER vor allem auf "The Presentation of Self in Everyday Life". Auf dieser Grundlage bezeichnet GOULDNER GOFFMANs Ansatz als dramaturgisches Modell oder kurz als Dramaturgie. GOULDNER formuliert zwei zentrale Kritikpunkte: (1) die Arbeiten von GOFFMAN seien ahistorisch und (2) soziale Ungleichheiten und Machtdifferenzen würden vernachlässigt. Es ist unbestreitbar, dass GOFFMAN die "interaction order" vor allem für die Gegenwart erforscht hat. Nicht übersehen werden darf, dass GOFFMAN nahezu immer auch Versuche unternimmt, auch historische Materialien zur Illustration heranzuziehen. So finden sich unter den wichtigsten Büchern einige historische Darstellungen. Auch Norbert ELIAS (1939) dient GOFFMAN, um nur ein Beispiel anzuführen, immer als Fundgrube für historische Belege. Interaktionsprozesse, stärker als bislang, in unterschiedlichen sozialen Milieus zu erforschen, ist im Sinne von GOFFMAN eine wichtige Aufgabe - eine Aufgabe, der sich die Forschung zuwenden sollte. Nicht nur diese Hinweise auf seinen eigenen Mittelschichts-Standort zeigen, dass GOFFMAN durchaus für die Wahrnehmung sozialer Unterschiede sensibel war.


2. Rezeption von GOFFMAN im englischsprachigen Raum

Auch im englischen Sprachraum ist unbestritten die "Steinbruch-Rezeption" die dominante Form der GOFFMAN-Rezeption. Im Unterschied zum deutschen Sprachraum beschränkt sich diese Rezeption jedoch nicht auf einige wenige zentrale Konzepte - die Anzahl der Konzepte, die aufgenommen wurde, ist erheblich größer.

Für eine große Anzahl von Soziologen im englischen Sprachraum scheint GOFFMAN in erster Linie eine "kuriose Figur", eine "Kultfigur" im ernsten Wissenschaftsbetrieb zu repräsentieren. GOFFMAN gilt ihnen als 'Mode Soziologe', ausgestattet mit einer hohen Sensibilität für das, was gerade in weiten Kreisen populär ist. Untrennbar wird GOFFMAN mit den Modeströmungen seiner akademischen Jugend assoziiert: dem Existentialismus, den "Beatniks", dem absurden Theater und dem Jazz, denen allen eine Idealisierung einer "Ultra-Coolness" gemeinsam war.

Eine zweite Gruppe hat mit diesen Soziologen gemeinsam, dass auch sie GOFFMAN nicht (vorrangig) als Theoretiker sieht, aber den Arbeiten von GOFFMAN dennoch einen hohen Wert zumisst: GOFFMAN wird aufgefasst als Moralist ersten Ranges. Nach Eliot FREIDSON (1983) ein Soziologe, der etwa zur gleichen Zeit wie GOFFMAN in Chicago promovierte, ist es falsch, GOFFMAN als Quelle abstrakter oder systematischer Theorie zu nehmen; dies widerspreche dem Inhalt und Geist seines Werkes. Das Werk von GOFFMAN so FREIDSON sei geprägt durch eine hohe moralische Sensibilität, durch eine leidenschaftliche Verteidigung des Selbst gegen die Gesellschaft. Noch weiter geht Paul CREELAN (1984). CREELAN teilt diese Auffassung, dass GOFFMAN ein beispielhafter Moralist sei; er versucht jedoch zu zeigen, dass GOFFMANs moralischer Standpunkt weit umfassender ist als nur eine Verteidigung des Individuums gegen die Gesellschaft. Die moralische Perspektive von GOFFMAN antwortet auf und artikuliert die moralischen Probleme, die in dem biblischen Moraldrama, dem Buch von Hiob, auftreten.

Eine dritte Gruppe von Soziologen sieht in GOFFMAN vor allem einen wichtigen Theoretiker der Soziologie. Es gibt deutliche Anzeichen, dass das Interesse an GOFFMAN als Theoretiker im englischsprachigen Raum stark im Ansteigen ist. Dafür sprechen nicht nur die beiden Kronzeugen (GIDDENS, COLLINS), die bereits in der Einleitung zitiert wurden. Dieses verstärkte Interesse hat bereits noch zu Lebzeiten von GOFFMAN eingesetzt. 1980 wurde von Jason DITTON ein erster Reader zu GOFFMAN publiziert, und DITTON gab auch mit einer Überschrift im Einleitungsbeitrag "Taking GOFFMAN seriously" das Leitmotiv dieses Bandes vor, das vor allem auf die Gruppe von Soziologen zielte, die GOFFMAN nur als Vertreter der Beat Generation sehen. Nach seinem Tod sind in mehreren Fachzeitschriften nicht nur Nachrufe erschienen, sondern auch eine Reihe von Artikeln, die sich mit seinem Werk befassten.