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Soziologische Klassiker/ Garfinkel, Harold

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Biographie in Daten

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Harold Garfinkel

  • geboren am 29. Oktober 1917 in New Jersy
  • gestorben am 21.April 2011
  • amerikanischer Soziologe und Begründer der Ethnomethodologie


- Eltern: Vater: Abraham Garfinkel; Mutter: Name nicht bekannt

- Ehe: mit der Chemikerin Arlene Garfinkel

- Kinder: zwei Kinder mit Arlene Garfinkel


  • 1935-1939: Studium der Volkswirtschaft an der University of Newark in New Jersey
  • 1939: Veröffentlichung der Kurzgeschichte "Colour Trouble"
  • 1939-1942: Studium der Soziologie an der University of North Carolina
  • 1942: Sponsion in North Carolina (Master of Arts)
  • 1942-1945: Einberufung als Soldat im Zweiten Weltkrieg; Heirat mit Arlene Garfinkel
  • 1946: Beginn des Doktoratsstudiums am Institut für Sozialwissenschaften an der University of Harvard.

Gleichzeitig war Garfinkel Schüler von Talcott Parsons und Alfred Schütz.

  • 1950-1952: Lehrender in der Princeton University, New Jersey
  • 1952: Promotion zum Ph.D bei Talcott Parsons, dann Assistenz Professor an der Harvard Universität,
  • 1954-1987: Professor an der University of California, Los Angeles (UCLA)
  • 1957-1966: Mitglied der US-amerikanischen Behörde für Gesundheitswesen (U.S Public Health Service)
  • 1967: Veröffentlichung des Hauptwerkes „Studies in Ethnomethodology“
  • 1987: Pensionierung
  • ab 1987: Emeritus an der University of California, Los Angeles (UCLA)
  • 1988: Verleihung der Ehrendoktorwürde der University of Nottingham.
  • 2002: Persönliche Entgegennahme der Ehrendoktorwürde der University of Nottingham


Theoriegeschichtlicher Kontext

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In seinen Studienjahren setzte sich Harold Garfinkel mit Studien von C. Wright Mills, und Kenneth Burke auseinander. Weiters beschäftigte er sich intensiv mit William I. Thomas, und arbeitete sich in Florian Znaniecki´s Theorie sozialer Handlungen ein.

Als Schüler von Talcott Parsons und von Alfred Schütz, wurde er mit einem breiten Gedankenspektrum vertraut. Während sich Garfinkel von Parsons weitgehend distanzierte, hatte ihn Schütz nachhaltiger beeinflusst. Garfinkel greift beispielsweise Schützs Annahmen der Lebenswelt auf und bindet diese in seine Theorie ein. Garfinkels Distanz zu Parsons spiegelt sich insoweit in seinen Studien wieder, als seine Ethnomethodologie einen Gegenpol zu dem makrosoziologischen funktionalistischen Ansatz von Parsons bildet.

Unterschied zur Phänomenologie von Schütz:

Zwar greift Garfinkel den Begriff der Lebenswelt von Schütz auf, er reduziert ihn aber auf die Phänomenologie, indem sein Interesse darauf abzielt, was Menschen in der alltäglichen Lebenswelt "wirklich tun". Ein weiterer Unterschied ist wohl der Begriff der Indexikalität und der derReflexivität, den Garfinkel anders auffasst als Schütz.


Werke

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- „Studies in Ethnomethodology“, 1967

- „Das Alltagswissen über soziale und innerhalb sozialer Strukturen“, 1973

- „Über formale Strukturen praktischer Handlungen“, 1976

- „Ethnomethodological Studies of Work“, 1986


Artikel:

-„On Formal Structures of Practical Action“ mit Harvey Sacks,1970

-„The Work of a Discovering Science Construed with Materials from the Optically Discovered Pulsar“ mit Michael Lynch und Eric Livingston, 1981


-„Evidence for Locally Produced, naturally Accountable Phenomena of Order, Logic, Reason, Meaning, Method, etc., in and as of the Essential Haecceity of Immortal Ordinary Society“, 1988

-„Two Incommensurable Asymmetrically Alternate Technologies of Social Analysis“, mit Larry Wieder, 1992


-„Ethnomethodology´s Program“, 1996


Das Werk in Themen und Thesen

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Harold Garfinkel ist Begründer der Ethnomethodologie


„ethno“: Bezieht sich auf Menschen oder bestimmte Gruppen, die einen gemeinsamen kulturellen Hintergrund haben.

„method“: Ist die routinemäßige Anwendung von bestimmten Methoden des Alltagshandelns in der sozialen Praxis.

Somit bedeutet Ethnomethodolgie, dass jeder Mensch und jede Gruppe bestimmte Methoden entwickelt hat, um sich in der sozialen Welt zurechtzufinden. Daher bezeichnet Ethnomethodologie streng genommen nicht die Forschungsweise der Wissenschaft sondern die Weise wie sie von den Akteuren selbst betrieben wird. Erst in Studien zur Ethnomethodologie tritt die Wissenschaft in den Vordergrund, welche diese zu analysieren versucht. Hauptgegenstand der Studien zur Ethnomethodologie sind die sozialen Strukturen des tatsächlichen, alltäglichen Handelns.


Garfinkels Studien analysieren, wie soziale Wirklichkeit konstruiert und somit soziale Ordnung erreicht wird.

Soziale Strukturen sind Erwartungsstrukturen Die sozialen Strukturen fungieren nicht unabhängig von den Handelnden, sondern sind soweit aufeinander abgestimmt, sodass sie dem Handelnden Erwartungssicherheit und Ordnung geben. Er kann sich also auf die Strukturen verlassen und schreibt ihnen Sinn zu.


Strategien und Methoden des Alltagshandelns: Das Alltagsleben ist konkret, das heißt in unmittelbarer Nähe zu den Mitmenschen. Es ist ohne große Mühe bewältigbar, denn es ist in konstruierte Methoden, die oft von teilbewusster Art sind, eingebettet. Umgesetzt in bestimmte Praktiken hat auch die Sinndeutung, die man dem Handeln gibt, bestimmte Muster und wird durch bestimmte Verfahren angewandt. Insgesamt wird so die soziale Wirklichkeit geschaffen und folglich auch aufrechterhalten.


Problem der Intersubjektivität

Das Handeln ist aufeinander abgestimmt, es ist intersubjektiv. Jeder Handelnde hat seine eigene Subjektivität. Um es sozial tragbar zu machen, versucht man die Sinnzuschreibung mit anderen abzustimmen, jene einander bis zu einem gegenseitig verständlichen Maß anzugleichen. Mithilfe von Kommunikation sowie durch eigene Interpretationsleistung der Akteure, wird die Herstellung eines intersubjektiven Sinns gewährleistet. Nicht zuletzt ist das Problem der Intersubjektivität eine zentrale Voraussetzung, um soziale Ordnung herzustellen.

Intersubjektives Verstehen ist somit nichts Selbstverständliches: Es muss von Situation zu Situation neu geleistet werden. Das impliziert, dass die Strukturen der Alltagswelt beliebig veränderbar sind.

Daher ist die ethnomethodologische Ordnungsstruktur (immortal ordinary society) kognitiv und nicht normativ, was aber in einem engen Zusammenhang steht, denn die sozialen Strukturen haben einen zwingenden Charakter und wirken letztendlich normativ: Verstöße dagegen werden sanktioniert. (siehe Krisenexperimente)


Indexikalität

Der Begriff der Indexikalität stammt aus der Sprachphilosophie (Bar – Hillel, 1954) und bedeutet: Die wenigsten Sätze und Aussagen sind verständlich, wenn man den praktischen Kontext nicht kennt (bei Garfinkel ist der soziale Kontext gemeint)

Es sind zwei begriffliche Ebenen zu unterscheiden:


1. „indexical expression“ (indexikalischer Ausdruck): Die Bedeutung des Inhalts ist abhängig davon, in welchem sozialen Kontext etwas gesagt wurde (und welcher Zweck möglicherweise verfolgt wurde)

2. „objective expression“: Ist eine objektive Aussage, die allgemein gültig und unabhängig vom sozialen Kontext ist.

Jede Aussage beinhaltet allerdings beide Aspekte: Verweisung auf einen sozialen Kontext und auf einen objektiven Tatbestand. Indexikalische Aussagen beziehen sich auf einzelne konkrete Erscheinungen (Personen, Objekte, Ereignisse) Indexikalische Darstellungen sind Details, die in jedem Kontext neu gebildet werden müssen und deshalb keine allgemeine Gültigkeit besitzen.


Reflexivität:

Ist der Prozess, in welchem Akteure in der Interaktion das Denken, Tun und die Aussagen Anderer interpretieren (z.B. auf einen Sprecher bezogen, der mich zu etwas veranlassen will: in einer bestimmten Weise zu reagieren oder etwas zu glauben). Es handelt sich dabei nicht um eine große Denkleistung, sondern um eine willkürliche Bewusstseinsleistung (auch praktische, nicht – intentionale Reflexivität)


Krisenexperimente:

Mit dieser besonderen Art von Experimenten sollen Störungen in der "Ordnung des Handelns" hervorgerufen werden. Beispielsweise durch Durchbrechung der Erwartungen (in der alltäglichen Kommunikation) und der reziproken Perspektiven, durch die Verletzung der Kongruenz der Relevanzsysteme.

Mithilfe seiner Experimente versucht Garfinkel, die Alltagsannahmen und Selbstverständlichkeiten aufzudecken und sichtbar zu machen, die sonst in der alltäglichen Interaktion unhinterfragt bleiben. Garfinkel zeigt, dass Handlungen, die gewisse normative Regeln verletzen, dadurch zugleich unverständlich und uneinordenbar werden. Werden diese, dem Akteur sinngebenden Strukturen, in Frage gestellt und wird dadurch die Erwartungssicherheit bedroht, folgen Konflikte: Die Reaktionen der "Opfer" sind Verunsicherung, Unverständnis, Verärgerung, Aggression, die "Täter" werden mit Isolation und sozialer Desintegration sanktioniert.

Die Ergebnisse der Krisenexperimente demonstrieren, wie wichtig diese Selbstverständlichkeiten für die Interaktion eigentlich sind.


Beispiele für Krisenexperimente:


Fall 6 (V = Versuchsperson, E: Experimentierender)

Das Opfer winkte freundlich

1 (V) Wie geht's dir?

2 (E) Wie geht's mir in Bezug worauf? Meine Gesundheit. meine Finanzen, meine Schularbeiten, meinen Seelenfrieden, meine...

3 (V) (Rot im Gesicht und plötzlich außer Kontrolle.) Schau! Ich versuche nur, höflich zu sein. Ehrlich gesagt, ist es mir verdammt egal, wie es dir geht.

(Garfinkel 1967, 42f; zit. nach Schneider 2005, 18f)


TickTackToe – Experimente: einfache Spielregeln werden dabei bewusst verletzt. Garfinkel leitet daraus ab, dass die soziale Praxis auf Spielregel, auf ähnlichen Erwartungen, beruht.


Rezeption und Wirkung

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Anfangs war es für Garfinkel schwierig, seine Ansatz durchzusetzen und er stieß auf wenig Resonanz. Grund dafür war nicht zuletzt, dass die Geisteshaltung des Strukturfunktionalismus von Talcott Parsons in der US-amerikanischen Soziologie massiv vorherrschend, und bestimmend war. Erst mit der Veröffentlichung seines Hauptwerkes Studies in Ethnomethodology, begann sich diese neue Forschungsperspektive zu etablieren, und es wurde ihm schließlich auch die entsprechende Anerkennung entgegengebracht. Seine Studien stellten eine provokante Neuartigkeit dar, welche in ihrem Inhalt ein neues Paradigma bezüglich sozialer Ordnung in sich trugen, sowie die Objektivität konventioneller wissenschaftlicher Methodik bezweifelten.

Mit seinen Schülern gelang es ihm, die Ethnomethodologie nicht nur zu verbreiten, sondern auch weiterzuentwickeln. Ihr heute wichtigster Zweig ist die Konversationsanalyse. Ihre wichtigsten Vertreter sind Gail Jefferson, und Garfinkels Schüler Harvey Sacks und Emanuel Schegloff. Mithilfe dieser Methode werden Gespräche detailliert analysiert und auf soziale Strukturen überprüft, die für das Alltagshandeln relevant sind.


Weiters hatte Harold Garfinkel Auswirkungen auf die:

- Organisations- und Berufssoziologie

- Wissenschaftssoziologie


Literatur

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  • Münch, Richard (2003):
    "Soziologische Theorie Band 2: Handlungstheorie"
    Frankfurt am Main
  • Schneider, Wolfgang Ludwig (2005):
    "Grundlagen der soziologischen Theorie Band 2: Garfinkel - RC - Habermas - Luhmann"
    Wiesbaden
  • Hillmann, Karl-Heinz (1994):
    "Wörterbuch der Soziologie"
    Stuttgart
  • Watson, Graham/Seiler, Robert M. [Hrsg.] (1992):
    "Text in Context: Contributions to Ethnomethodology"
    London
  • Rawls, Anne (2000):
    "Harold Garfinkel In: Ritzer, George [Hrsg.]: The Blackwell Companion to Major Social Theorists
    Mass./Oxford