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Soziologische Klassiker/ Simmel, Georg

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Georg Simmel

Grundstruktur des Kapitels:

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Georg Simmel

  • geboren am 1. März 1858 in Berlin
  • gestorben am 26. September 1918 in Straßburg


Eltern:
Ewald Simmel (1810-1874), Fabrikant und Flora Simmel (geb. Bodenstein), Hausfrau
Kinder:
Hans Eugen Simmel (1891-1943), Dr. med., außerordentlicher Professor der Medizin
Angela Kantorowicz (1904-?), Tochter von Gertrud Kantorowicz (1876-1945), Dichterin und Kunsthistorikerin, ehemals Studentin und Mitarbeiterin Simmels


Werdegang:[Bearbeiten]

1.3.1858: Geboren in Berlin als jüngstes von sieben Kindern.

  • 1874: Nach dem Tod Ewald Simmels wird der Musikverleger Julius Friedländer, ein Freund der Familie, zum Vormund Georg Simmels bestellt. Nach dessen Tod erbt Simmel einen erheblichen Teil seines Vermögens, was ihn finanziell unabhängig macht.
  • 1870-1876: Besuch des Friedrich-Werder-Gymnasiums in Berlin; 1876 Abitur.
  • 1876-1881: Studium der Geschichte, Völkerpsychologie und Philosophie, später der Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität Berlin.
  • 20.1.1881: Simmel promoviert mit seiner Arbeit über Das Wesen der Materie nach Kants Physischer Monadologie an der königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin;
  • 1884: Scheitern des ersten Habilitationsantrags in Berlin.
  • 1885: Nach einer fehlgeschlagenen Probevorlesung habilitiert Simmel für Philosophie an der Universität Berlin. Habilitationsschrift: Kantische Studien.
  • 1885-1900: Privatdozent
  • 1890: Heirat mit Gertrud Kinel, auch bekannt unter dem Pseudonym Marie-Luise Enckendorff als philosophische Schriftstellerin
  • 1900-1914: Nach einigen erfolglosen Anträgen auf Ernennung zum Extraordinarius für Philosophie wird Simmel erst im Jahr 1900 unbesoldeter außerordentlicher Universitätsprofessor (ohne Prüfungsrecht) der Philosophie an der Universität Berlin.
  • 1908 (und 1915): Scheitern zweier Berufungen an die Universität in Heidelberg, für die sich auch Max Weber engagiert hat u.a. aus antisemitischen Gründen bzw. bürokratischen Hürden.
  • 1909: Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
  • 1911: Simmel erhält die Ehrendoktorwürde durch die Staatswissenschaftliche Fakultät in Freiburg iB, die durch Fürsprache Heinrich Rickerts eingeleitet wird. Simmels Leistungen um die Begründung der Soziologie als Wissenschaft sowie seine "Philosophie des Geldes" werden als wichtiger Beitrag zur Nationalökonomie hervorgehoben.
  • 1914-1918: Ordentlicher Professor der Philosophie an der Universität Straßburg.

26.9.1918: Gestorben an Leberkrebs in Straßburg.


Der ambivalenten Haltung weiter akademischer Kreise in Deutschland gegenüber Simmel steht sein breiter Publikumserfolg und die breite Anerkennung des Auslandes entgegen. Simmel veröffentlichte regelmäßig in den USA und in Frankreich. Er war Mitherausgeber und Autor des American Journal of Sociology veröffentlichte in dem von Emile Durkheim gegründeten L'Annee Sociologique und war Mitglied des von René Worms gegründeten "Institut Internationale de Sociologie". Ein Ruf an eine amerikanische Universität zeigt, dass das Ausland Simmels Arbeiten positiv aufnahm. Diesen Ruf lehnt Simmel jedoch ab, da er glaubte, seine Gedanken in einer fremden Sprache nicht adäquat formulieren zu können.

Historischer Kontext[Bearbeiten]

Durch den frühen Tod seines Vaters wurde der Verleger Julius Friedländer zum Vormund Simmels bestimmt. Das Vermögen, welches Friedländer seinem Ziehsohn vermachte, ermöglichte es ihm mehrere Jahrzehnte als Privatdozent zu arbeiten ohne in finanzielle Nöte zu geraten.

Simmels Beförderung an der Berliner Fakultät ließ, entgegen seiner Popularität und hohen Zuschauerzahlen, lange auf sich warten. Die Gründe dafür liegen zum Einen in der ambivalenten Haltung der wissenschaftlichen Fachwelt gegenüber seiner philosophisch/soziologischen Perspektive. Zum Anderen stand ihm der latente Antisemitismus an der Berliner Fakultät entgegen.

Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Georg Simmels Schaffen umfasst 30 Bücher und ca. 250 Aufsätze. Sein Werk wird häufig in 3 Perioden unterteilt:

Pragmatismus, Völkerpsychologie und Evolutionstheorie (1890-1895)
Simmel geht von Kants Studien aus, mit William James konform und widmet sich Studien von Charles Darwins und Helmholtz sowie naturwissenschaftlichen Atomtheorien
Philosophie des Geldes (1900-1908)
Simmel befasst sich mehr und mehr mit soziologischen Problemstellungen (u. a. Neufassung Soziologie); Autoren wie Rickert oder Dilthey, jedoch auch immer noch Kant, üben Einfluss aus. Simmel beschäftigen Fragestellungen über Form-Inhalt-Problem, soziale Wechselwirkung, Relativismus und Verhältnis Philosophie - Soziologie
Leben-Form-Inhalt (1911-1918)
Die dritte und letzte Phase ist gekennzeichnet durch Simmels Bearbeitung seines Form-Inhalt-Dualismuses in die Leben-Form-Inhalt Triade. Hier wird er beeinflusst besonders durch Werke des französischen Philosophen Henri Bergson. Simmel widmet sich im besonderen Fragen der Lebensphilosophie und Metaphysik.


Werke[Bearbeiten]

Bücher und Herausgeberschaften[Bearbeiten]

Erscheinungsjahr 1881-1899
  • Psychologisch-ethnologische Studien über die Anfänge der Musik. Berlin 1881. Erste, abgelehnte philosophische Dissertation.
  • Das Wesen der Materie nach Kant's Physischer Monadologie. Berlin: Norddeutsche Buchdruckerei 1881, 34 S. Zugleich Philosophische Dissertation Berlin 1881 unter dem Titel: Darstellung und Beurteilungen von Kants verschiedenen Ansichten über das Wesen der Materie.
  • Kantische Studien. Berlin 1885, Habilitationsschrift.
Erscheinungsjahr 1890-1900
  • Über sociale Differenzierung. Sociologische und psychologische Untersuchungen. Leipzig: Duncker & Humblot 1890 (= Staats- und socialwissenschaftliche Forschungen. 10. Band. 1 / 42.), VII, 147 S.
  • Einleitung in die Moralwissenschaft. Eine Kritik der ethischen Grundbegriffe in zwei Bänden. Berlin: Hertz 1892-1893, 2 Bände:
Band 1. 1892, VIII, 467 S.
Band 2. 1893, VIII, 426 S.
  • Die Probleme der Geschichtsphilosophie. Eine erkenntnistheoretische Studie. Leipzig-München: Duncker und Humblot 1892, 147 S.
Erscheinungsjahr 1900-1909
  • Philosophie des Geldes. Leipzig-München: Duncker & Humblot 1900, XVI, 554 S.
  • Philosophie der Mode. Berlin: Pan-Verlag 1905 (= Moderne Zeitfragen. 11.), 41 S.
  • Kant und Goethe. Mit einer Heliogravure und zwölf Vollbildern in Tonätzung. Berlin: Marquardt [1906] (= Die Kultur. 10.), 70 S.
  • Die Religion. Frankfurt am Main: Rütten und Loening 1906 (= Die Gesellschaft. Sammlung sozialpsychologischer Monographien. 2.), 78 S.
  • ´´The Stranger´´(1908)


  • Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Leipzig-München: Duncker & Humblot 1908, 782 S.
Erscheinungsjahr 1910-1918
  • Hauptprobleme der Philosophie. Leipzig: Göschen 1910 (= Sammlung Göschen. 500.), 175 S.
  • Philosophische Kultur. Gesammelte Essais. Leipzig: Klinkhardt 1911 (= Philosophisch-soziologische Bücherei. 27.), 319 S.
  • Goethe. Leipzig: Klinkhardt und Biermann 1913, VII, 264 S.
  • Rembrandt. Ein kunstphilosophischer Versuch. Leipzig: Wolff 1916, VIII, 205 S.
  • Der Krieg und die geistigen Entscheidungen. Reden und Aufsätze. München-Leipzig: Duncker & Humblot 1917, 72 S.
  • Grundfragen der Soziologie. (Individuum und Gesellschaft.) Berlin-Leipzig: Göschen 1917 (= Sammlung Göschen. 101.), 103 S.
  • Lebensanschauungen. Vier metaphysische Kapitel. München-Leipzig: Duncker & Humblot 1918, 245 S.
  • Vom Wesen des historischen Verstehens. Berlin: Mittler 1918 (= Geschichtliche Abende am Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht. 5.), 31 S.


Vorlesungen und Vorträge[Bearbeiten]

  • Kant. Sechzehn Vorlesungen gehalten an der Berliner Universität. Leipzig-München: Duncker & Humblot 1904, VI, 181 S.
  • Schopenhauer und Nietzsche. Ein Vortragszyklus. Leipzig-München: Duncker & Humblot 1907, XII, 263 S.
  • Deutschlands innere Wandlung. Rede gehalten im Saal der Aubette zu Straßburg am 7. November 1914. Straßburg [Strasbourg]: Trübner 1914, 14 S.
  • Das Problem der historischen Zeit. (Vortrag, gehalten am 3. März 1916 in der Berliner Abteilung der Kantgesellschaft.) Berlin: Reuther und Reichard 1916 (= Philosophische Vorträge, veröffentlicht von der Kant-Gesellschaft. 12.), 31 S.
  • Der Konflikt der modernen Kultur. Ein Vortrag. München-Leipzig: Duncker & Humblot 1918, 48 S.
  • Schulpädagogik. Vorlesungen, gehalten an der Universität Straßburg. Osterwieck/Harz: Zickfeldt 1922, IV, 134 S.
  • Soziologische Vorlesungen, gehalten an der Universität Berlin im Wintersemester 1899. Chicago, Ill.: Society for Social Research 1931 (= Publications. 1.), 53 S.


posthum erschienene Herausgeberschaften mit Beiträgen Simmels[Bearbeiten]

  • Fragmente und Aufsätze aus dem Nachlass und Veröffentlichungen der letzten Jahre. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Gertrud Kantorowicz. München: Drei Masken Verlag 1923, IX, 303 S.
  • Zur Philosophie der Kunst. Philosophische und kunstphilosophische Aufsätze. (Herausgegeben von Gertrud Simmel.) Potsdam: Kiepenheuer 1922, 173 S. Später unter dem Titel: Philosophische Kultur. Über das Abenteuer, die Geschlechter und die Krise der Moderne. Gesammelte Essais.
  • Gesamtausgabe. Herausgegeben von Otthein Rammstedt. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1989ff. (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft. 801-816.), erscheint noch:
Band 1: Das Wesen der Materie nach Kant's Physischer Monadologie. Abhandlungen 1882-1884, Rezensionen 1883-1901. Herausgegeben von Klaus Christian Köhnke. 2000 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft. 801.), 527 S.
Band 2: Aufsätze 1887 bis 1890. Über sociale Differenzierung. Die Probleme der Geschichtsphilosophie (1892). Herausgegeben von Heinz-Jürgen Dahme. 1989 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft. 802.), 434 S.
Band 3: Einleitung in die Moralwissenschaft. Eine Kritik der ethischen Grundbegriffe. Band 1. Herausgegeben von Klaus Christian Köhnke. 1989 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft. 803.), 461 S.
Band 4: Einleitung in die Moralwissenschaft. Eine Kritik der ethischen Grundbegriffe. Band 2. Herausgegeben von Klaus Christian Köhnke. 1991 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft. 804.), 427 S.
Band 5: Aufsätze und Abhandlungen 1894 bis 1900. Herausgegeben von Heinz-Jürgen Dahme und David P[atrick] Frisby. 1992 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft. 805.), 690 S.
Band 6: Philosophie des Geldes. Herausgegeben von David P[atrick] Frisby und Klaus Christian Köhnke. 1989 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft. 806.), 787 S.
Band 7: Aufsätze und Abhandlungen 1901-1908. Band 1. Herausgegeben von Rüdiger Kramme, Angela Rammstedt und Otthein Rammstedt. 1995 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft. 807.), 382 S.
Band 8: Aufsätze und Abhandlungen 1901-1908. Band 2. Herausgegeben von Alessandro Cavalli und Volkhard Krech. 1993 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft. 808.), 463 S.
Band 9: Kant. Die Probleme der Geschichtsphilosophie (Zweite Fasssung 1905 / 1907). Herausgegeben von Guy Oakes und Kurt Röttgers. 1997 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft. 809.), 485 S.
Band 10: Philosophie der Mode (1905). Die Religion (1906 / 1912). Kant und Goethe (1906 / 1916). Schopenhauer und Nietzsche (1907). Herausgegeben von Michael Behr, Volkhard Krech und Gert Schmidt. 1995 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft. 810.), 497 S.
Band 11: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Herausgegeben von Otthein Rammstedt. 1992 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft. 811.), 1051 S.
Band 12: Aufsätze und Abhandlungen 1909-1918. Teil 1. Herausgegeben von Rüdiger Kramme und Angela Rammstedt. 2001 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft. 812.), 586 S.
Band 13: Aufsätze und Abhandlungen 1909-1918. Teil 2. Herausgegeben von Klaus Latzel. 2000 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft. 813.), 431 S.
Band 14: Hauptprobleme der Philosophie. Philosophische Kultur. Herausgegeben von Rüdiger Kramme und Otthein Rammstedt. 1996 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft. 814.), 530 S.
Band 16: Der Krieg und die geistigen Entscheidungen. Grundfragen der Soziologie. Vom Wesen des historischen Verstehens. Der Konflikt der modernen Kultur. Lebensanschauung. Herausgegeben von Gregor Fitzi und Otthein Rammstedt. 1999 (=
  • Brücke und Tür. Essays des Philosophen zur Geschichte, Kunst, Religion und Gesellschaft. Im Verein mit Margarete Susman herausgegeben von Michael Landmann. Stuttgart: Koehler 1957, XXIII, 281 S. Später unter dem Titel: Das Individuum und die Freiheit. Essais.
  • Buch des Dankes an Georg Simmel. Briefe, Erinnerungen, Bibliographie. Zu seinem 100. Geburtstag am 1. März 1958 herausgegeben von Kurt Gassen und Michael Landmann. Berlin: Duncker & Humblot 1958, 371 S.
  • Gesammelte Werke. Berlin: Duncker & Humblot 1958, 2 Bände:
Band 1: Philosophie des Geldes. 6. Auflage. Unveränderter Nachdruck der 1930 erschienenen 5. Auflage. 1958, XV, 585 S.
Band 2: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. 4. unveränderte Auflage. 1958, 578 S.
  • Das individuelle Gesetz. Philosophische Exkurse. Herausgegeben von Michael Landmann. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1968 (= Theorie. 1.), 261 S.
  • Schriften zur Soziologie. Eine Auswahl. Herausgegeben und eingeleitet von Hans-Jürgen Dahme und Otthein Rammstedt. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1983 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft. 434.), 308 S.
  • Schriften zur Philosophie und Soziologie der Geschlechter. Herausgegeben und eingeleitet von Heinz-Jürgen Dahme und Klaus Christian Köhnke. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1985 (= edition suhrkamp. 1333. / Neue Folge. 333.), 281 S.
  • Gesammelte Schriften zur Religionssoziologie. Herausgegeben und mit einer Einleitung von Horst Jürgen Helle in Zusammenarbeit mit Andreas Hirseland und Hans-Christop Kürn. Berlin: Duncker & Humblot 1989 (= Sozialwissenschaftliche Abhandlungen der Görres-Gesellschaft. 18.), 180 S.
  • Georg Simmel und seine französische Korrespondenz. Briefe von Georg Simmel. Unveröffentlichte Manuskripte von Georg Simmel. (Herausgeber Kolyo Koev, Christian Gülich.) Sofia: C & H Publishers 1992 (= Critique & humanism international. Journal for critical theory and new humanitarian studies.), 150 S.
  • Soziologische Ästhetik. Herausgegeben und eingeleitet von Kurt Lichtblau. Bodenheim: Philo 1998 (= Kulturwissenschaftliche Studien. 1.), 207 S.
  • Das Werk. (Herausgeber: Martin Damken.) Berlin: Heptagon 2001, 1 CD-ROM. suhrkamp taschenbuch wissenschaft. 816.), 516 S.


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Georg Simmels Aufbau der Soziologie beinhaltet die Soziologie als eine Methode, die in allen Geisteswissenschaften Verwendung findet. Soziologie sei eine ‚eklektizistische’ Wissenschaft bzw. eine Wissenschaft ‚zweiter Potenz’, die Ergebnisse bereits bestehender Gesellschaftswissenschaften aufgreift und diese zu einer neuen Einheit führt.


Begriff der Wechselwirkung[Bearbeiten]

Simmels zentraler Ausgangspunkt für seine soziologischen Überlegungen ist der Begriff der Wechselwirkung. Jede Realität, so Simmel, ist eine Wechselwirkung zwischen Teilen dieser Realität. Auch die Gesellschaft ist das Ergebnis von Wechselwirkungen zwischen den Akteuren, wobei sich der Begriff Akteur ebenso auf Gruppierungen und soziale Gebilde bezieht. Zwei Pole, die aufeinander einwirken ergeben ein System interindividueller Wechselwirkungen.
Die Elementarform sozialen Handelns und Grundlage der Gesellschaft ist für Simmel schon eine zufällige Interaktion. Die Grenze des sozialen Wesens zieht er bei der Entstehung eines objektiven Gebildes, das eine gewisse Unabhängigkeit von den daran teilhabenden Persönlichkeiten besitzt. Begründend für Gesellschaft ist letztendlich die Gesamtheit aller Wechselwirkungen.
Simmel sieht die Gesellschaft als dynamischen, immerwährenden Prozess und führt somit einen wichtigen neuen Gesichtspunkt in die Soziologie ein, den er ‚Vergesellschaftung’ nennt.


Form und Inhalt[Bearbeiten]

Simmels Operationalisierung des Gesellschaftsbegriffs erfolgt über die Begriffe Form und Inhalt. Jede Wechselwirkung zwischen mehreren Akteuren wird unterteilt in Form und Inhalt. Durch unterschiedliche Inhalte ergeben sich verschiedene Formen der Vergesellschaftung, was wiederum für Simmel das abstrahierte Objekt der Soziologie ist.


Philosophie des Geldes[Bearbeiten]

Das Verhältnis von Philosophie und Soziologie zeichnet Simmel an zwei Grenzen nach. Für ihn geht die Soziologie wie jede andere Wissenschaft auch, da in Philosophie über, wo anthropologische oder psychologische Grundannahmen (a priori Hypothesen) getätigt werden oder wo sehr umfangreiche, spekulative Deutungsversuche, die über den empirisch gesicherten Bereich hinausgehen, angestellt werden.
Simmel stellt die subjektive Werttheorie in den Raum. Diese besagt, dass jeder Mensch ein subjektives Bewertungssystem auf Subjekt und Objekt (eine Unterscheidung dieser muss der Mensch erlernen, um bewerten zu können) anwendet, das sich im Lauf der Zeit ausdifferenziert und schließlich ein umfassendes Bauwerk von Urteilen ergibt.
Der Begriff der Distanz gibt uns an, wie wertvoll ein Gut (Objekt) für das bewertende Subjekt ist. Distanz ist als die Schwierigkeit zu verstehen, die man auf sich nehmen muss, um ein Gut zu erreichen. D.h. je größer die Distanz, umso größer der Wert für den Bewertenden. Hieraus ergibt sich wiederum das kalkulierende Verhalten, das Abschätzen des Preis – Leistungsverhältnisses.


Der Fremde[Bearbeiten]

Simmel stellt sich in seinem soziologischen Klassiker "Der Fremde" vor allem die Frage, welche Struktur eine wandernde Gruppe im Unterschied zu einer sesshaften ausbildet und welchen Einfluss Wanderungen auf die Formen der Vergesellschaftung ausüben.
Der wohl berühmteste Satz von Simmels Aufsatz ist dessen Defintion des Fremden, nämlich "...als jener, der heute kommt und morgen geht, sondern als der, der heute kommt und morgen bleibt - so zu sagen der potentielle Wandernde, der, obgleich er nicht weitergezogen ist, die Gelöstheit des Kommens und Gehens nicht ganz überwunden hat." (Zitat S.9) Der Wandernde losgelöst von einem bestimmten Ort bestimmt und stellt den begrifflichen Gegensatz zum Sesshaften mit der Fixiertheit an einen Raumpunkt dar. Aber der Fremde verkörpert eine Einheit aus beiden, denn er ist der potentiell Wandernde. Er hat sich zwar an einem Punkt niedergelassen, er ist nicht weitergezogen, kann aber auch nicht verleugnen dass er aus einem anderen Umkreis gekommen ist und dass er nicht schon immer hierher gehörte. Dies zeigt sich v.a. an seinen Eigenschaften, so zu sagen „Qualitäten“, die er mitgebracht hat. Dies sind Merkmale, die an diesem Raumpunkt bisher noch nicht da waren und auch nicht aus dem näheren Umkreis stammen können. Die Beziehung zum Fremden bringt also all das zusammen, was eine soziale Beziehung ausmacht: Nähe und Entfernung. Für Simmel bedeutet das Fremdsein, " dass der Ferne nah ist.“ (Zitat Simmel,1908, aus Loycke, 1993, S.9)Der Fremde ist insofern nah, als die räumliche Distanz zu ihm klein ist. Fern ist er deshalb, weil er Merkmale besitzt, die eigentlich zu einem anderen Ort gehören und ihn somit entfernt erscheinen lassen. Da der Fremde Eigenschaften mit sich bringt, die bisher unbekannt waren, markiert in das als nicht Einheimischer. Der Unterschied jedoch zwischen räumlicher und körperlicher Nähe bedeutet aber nicht gleichzeitig emotionale Nähe, also das uns bekannte Vertrautheitsgefühl. Auch drückt eine räumliche Entfernung nicht gleich emotionale Entfernung, also das Fremdheitsgefühl aus. Denn nahestehende und vertraute Personen können räumlich sehr weit entfernt sein, wie z.B. Freunde die an unterschiedlichen Orten studieren und uns völlig unbekannte Personen können sehr nah sein, z.B. Nachbarn in einem Hochhaus. Auch die eigenen Verwandten können einem sehr fremd sein.
Für Simmel ist der Fremde immer ein Element der Gruppe in der er sich aufhält, hat aber eine Sonderstellung. Er befindet sich zwar in ihr, schließt aber etwas Unbekanntes mit ein. Mit Fremden steht man aber in einer tatsächlichen sozialen Beziehung. Soziologisch gesehen kann etwas uns nicht Bekanntes oder nur Geglaubtes nicht fremd sein, weil wir darüber nichts Konkretes aussagen können. Uns kann niemand fremd sein, zu dem wir überhaupt keinen Kontakt haben. (vgl. Loycke, 1993, S.10) Der Umgang mit Fremden ist sehr komplex – die Kluft zwischen der Einstellung bezüglich des Fremden als Individuum und bezüglich der Gruppe zu der der Fremde gehört, ist sehr groß. Auch die Differenzen, die die Ferne des Fremden charakterisieren, werden auf diese Weise generalisiert. Ein anschauliches Beispiel für die spezielle Behandlung von Fremden wäre nach Simmel die im Mittelalter erhobenen Judensteuer. Für die christlichen Bürger wurde die zu zahlende Steuer nach der jeweiligen Einkommenshöhe berechnet, Juden bekamen dagegen einen einheitlichen Steuersatz, den sie ihr Leben lang zahlen mussten. Die Tatsache ein Jude zu sein, bestimmte die soziale Position und den Status als Steuerzahler, bei den anderen Bürgern aber waren soziale Position und die Steuerhöhe variabel. Bei der Behandlung eines Fremden als Vertreter eines bestimmten Typs wird dies noch deutlicher, wenn jeder Fremde eine gleich hohe Steuer zahlen muss, unabhängig von Einkommen und Vermögen. (vgl. Merz-Benz, 2002, S.53) In der Wirtschaftsgeschichte waren Fremde fast immer Händler. Durch sie kam es zur Entwicklung komplexer Wirtschaftsformen. Eine auf Arbeitsteilung basierende Wirtschaft war auf Händler angewiesen, und der Handel schaffte Arbeitsplätze. Anfangs war der Fremde als umherziehender Händler, sprich als Handelsreisender tätig. Er verkaufte Produkte, die in den von ihm bereisten Gebieten nicht existierten, in denen aber Bedarf an diesen Produkten bestand. Während der fortschreitenden wirtschaftlichen Entwicklung war der Händler jedoch nicht mehr auf Reisen angewiesen und konnte sich an einem Ort niederlassen, um von dort aus seine Geschäfte zu erledigen. Der Fremde hatte somit die Möglichkeit, sich in einer Gruppe – in der die Stellen im Produktionsbereich schon besetzt waren – eine Existenz als Händler auszubauen. Simmel bezeichnet den Fremden in diesem Zusammenhang als „supernumerarius“, als Überzähligen in einem eigentlich schon geschlossenen Wirtschaftskreis.
Als klassisches Beispiel für diese Entwicklung erwähnt Simmel die Geschichte der europäischen Juden. (vgl. Loycke, 1993, S.10 f) Der Fremde wird im neu angekommenen Land immer benachteiligt: er besitzt im wahrsten Sinne des Wortes keinen Boden (sowohl physisch im Sinne von „keinen Boden unter den Füßen haben“ und materiell), er verfügt weder über Produktionsmittel noch über ideelle Mittel – wie z.B. Beziehungen, Verwandtschaften, bestimmte Umgangsformen und Sitten – so dass er nur als Händler die Möglichkeit hat, seine und die Existenz seiner Familie zu sichern. Fremde wirken zwar durch ihre exotische, geheimnisvolle und unbekannte Art anziehend für Liebesbeziehungen, trotzdem sind sie keine Bodenbesitzer. (vgl. Loycke, 1993, S.11) Die exotische Erscheinung des Fremden, sein ungewohntes Verhalten, seine unverständliche Sprache und seine unbekannte Herkunft können es unmöglich machen, ihn mit den Kategorien der eigenen Kultur als vertraute Person einzuschätzen. Dass vom Unbekannten, das der Fremde repräsentiert, eine Faszination ausgeht, die ihm gegenüber ein Verhalten bewirken kann, das gleichzeitig Abwehr und Verlangen auslöst, erkannte auch schon Simmel. Er nannte dieses Phänomen die „psychologische Antonomie“ und war für ihn die Grundlage jeglicher soziologischer Gestaltung. „Es meldet sich hier die für alle soziologische Gestaltung unendlich wichtige psychologische Antonomie: dass wir einerseits durch das uns Gleiche, andererseits durch das Entgegengesetzte angezogen werden.“ (Zitat Simmel, 1908, aus Loycke, 1993, S.104) Jene Ambivalenz, die sich zum einem aus der Furcht vor dem Fremden und gleichzeitig von der Faszination vor ihm ergibt, zeichnet die Theorie der Moderne und Simmels moderne Soziologie aus. (vgl. Loycke, 1993, S.106)
Durch seine relative Ungebundenheit und der damit verbundenen Objektivität - sowohl praktisch als auch theoretisch - ist der Fremde aber ohne Zweifel freier als der Einheimische. Er ist noch eher in der Lage, Dinge vorurteils- und wertfrei zu sehen und sie an den allgemeineren Idealmaßen zu messen. Er ist auch bei seinen Handlungen weder an äußere Gegebenheiten noch an frühere Lebensumstände gebunden. Diese Objektivität des Fremden kann als Distanz gesehen auch eine soziale Distanz sein. Deshalb zahlt der Fremde einen hohen Preis für seinen nüchternen Blick, denn er ist stets das beste Angriffsziel für seine umgebende Gesellschaft.(vgl. Loycke, 1993, S.11) Für Simmel ist der Fremde zwar ein Mitglied in der sozialen Gruppe, und das ungeachtet seiner „unorganischen Angefügtheit“, er nimmt aber gleichzeitig innerhalb von ihr eine Sonderstellung ein. Diese Stellung lässt sich nur insoweit beschreiben, als die Einheit von Ferne und Nähe – die für jede soziale Beziehung wesentlich ist – in der Relation zum Fremden durch eine „gegenseitige Spannung“ gekennzeichnet ist. (vgl. Merz-Benz, 2002, S.53)

Tragödie der Kultur[Bearbeiten]

Durch Geld verlieren Beziehungen des Menschen immer mehr an Geltung. Sie werden rationalisiert und versachlicht. Dies geht bis hin zur Entfremdung. Nahm Simmel in seiner Philosophie des Geldes noch einen deutlich neutraleren Standpunkt zur Entwicklungstendenz der Gesellschaft ein, änderte sich dies in seinen späteren Veröffentlichungen schlagartig.
Der Prozess der Entfremdung limitiere die objektiven Chancen des Menschen zusehends. Bisherige Zustände des Zusammenlebens verlieren an Bedeutung. Klassische Leistungen der Geschichte werden zu Ballast und Bedrückung. Es bleibt dem genialen Künstler (Simmel befasst sich gegen Ende seines Lebens unter anderem mit Goethe und Rembrandt) vorbehalten, tatsächlichen Schöpfergeist und persönliches Dasein zu vermitteln.


Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Simmels Problem war, dass er bis zuletzt ein beständiges soziologisches oder philosophisches System vermissen ließ. Daher verwundert es auch nicht, dass er keine "Schule" und nur wenige direkte Schüler hinterließ. Simmels zukünftiger Einfluss auf die Entwicklung der Philosophie und Soziologie ist gleichsam diffus, jedoch auch tiefgreifend. Zeitgenossen nannten ihn den Mann zahlloser fruchtbarer Ideen und verglichen ihn mit einem philosophischen Eichhörnchen, das von einer Nuss zur anderen springt, kaum an einer davon knabbert, überwiegend damit beschäftigt ist seine berühmten Manöver - von einem Ast zum anderen springend - durchzuführen und sich an der bloßen Grazie seiner akrobatischen Sprünge erfreut.

Simmel zog zahlreiche Hörer in seinen Bann, jedoch würde sich kaum einer als sein "Schüler" bezeichnen.

Unter anderem saß in Simmels Hörerschaft der US-Amerikaner Robert Park, aber auch deutsche Soziologen wie Max Scheler, Karl Mannheim, Alfred Vierkandt und Leopold von Wiese wurden von Simmels Werk beeinflusst. Ohne Übertreibung kann gesagt werden, dass kaum ein deutscher Intellektueller von 1890 bis zum 1. Weltkrieg und darüber hinaus dem gewaltigen Druck von Simmels rhetorischer und dialektischer Fachkunde entkommen konnte.

Literatur[Bearbeiten]

  • Lichtblau, Klaus [Hsrg.]:(1998)
    "Soziologische Ästhetik,(= Kulturwissenschaftliche Studien. 1.)
    Bodenheim
  • Jung, Werner (1990):
    "Georg Simmel zur Einführung"
    Hamburg
  • Korte, Hermann (2004):
    "Einführung in die Geschichte der Soziologie"
    Opladen
  • Moebius, Stefan (2002):
    "Simmel lesen"
    Stuttgart
  • Loycke, Almut [Hrsg.] (1993):
    "Der Gast, der bleibt; Dimensionen von Georg Simmels Analyse des Fremdseins"
    Frankfurt
  • Merz-Benz, Peter Ulrich / Wagner, Gerhard [Hrsg.] (2002):
    "Der Fremde als sozialer Typus"
    Stuttgart


Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Georg Simmel – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
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