Zum Inhalt springen

Soziologische Klassiker/ Migrationssoziologie/ Psychosoziale Folgen

Aus Wikibooks

Psychosoziale Folgen der Migration

[Bearbeiten]

In den folgenden Darstellungen soll der Migrationsprozess aus der Perspektive der Migranten näher betrachtet werden.[1] Ziel ist es, mögliche belastende psychosoziale Folgen der Migration für die Migranten näher zu erläutern. Die Migration ist als eine prozesshafte Entscheidung zu sehen.

Persönliche Migrationsentscheidung als Prozess

[Bearbeiten]

Die Migrationsentscheidung resultiert im Allgemeinen aus einem lange überlegten individuellen Entscheidungsprozess. Diese Annahme wird durch die nie gänzlich abschätzbaren Risiken dieser Entscheidung unterstrichen. Shmuel N. Eisenstadt vergleicht die Migration hierbei mit einem Vorgang, in dem der Migrant aus einem (relativ) stabilen sozialen Umfeld herausgenommen und in ein anderes System „eingefügt“ wird.

Es lassen sich fünf verschiedene Phasen des individuellen Entscheidungsprozesses zur Migration beschreiben:

  • Die erste Phase bezeichnet die subjektive Wahrnehmung sozialer Umstände (z.B. politischer, wirtschaftlicher, religiös- kultureller, sozial- interaktiver Art) Die persönliche Unzufriedenheit mit der eigenen Lebenssituation führt hierbei dazu, sich über Alternativen Gedanken zu machen. Als erster entscheidungsrelevanter Punkt zur Migration ist somit die Verbesserung der Lebensperspektive zu nennen.
  • Die zweite Phase bezeichnet die prozesshafte Bildung der Motive für die Migration. Hierbei lassen sich folgende vier Grundüberlegungen unterscheiden:
    • ob die angestrebte Verbesserung/ Veränderung der Lebenssituation auch für subjektiv umsetzbar erachtet wird (availability)
    • ob die individuelle Zielvorstellung so gefestigt ist, dass sich die einzelnen Entscheidungen zur Migration darauf stützen lassen (personal strength of the goal)
    • ob die individuellen Zielerreichungen auch subjektiv als möglich erachtet werden(expectancy)
    • ob ausreichend verfügbare Handlungsmöglichkeiten vorhanden sind, um diese Ziele auch erreichen zu können (incentives).

Grundsätzlich kann man sagen, dass niemand eine Migrationsentscheidung treffen wird, wenn sie nicht persönliche Vorteile beinhaltet. Aufgrund dessen sollen nun kurz zwei ökonomische Modelle der Migration skizziert werden, da sich jegliche Wanderungsentscheidung nicht ganz von der ökonomischen Perspektive loslösen lässt.

The labor- force adjustment model: Hier wird die individuelle Migrationsentscheidung als Resultat differenter Lohnniveaus und Beschäftigungschancen zwischen den Regionen gesehen. Die Person immigriert in die Region, in welcher die beiden angesprochenen Aspekte als höher eingestuft werden. Problematisch ist hierbei, dass die persönliche Einschätzung oft aufgrund mangelnder Information von der Realität abweicht.

The human capital model: Dieses Modell geht davon aus, dass die Migrationsentscheidung durch ökonomische Nutzenvorstellungen geleitet ist, welche langfristig angesetzt sind. D.h. die Migration wird als langfristige Investition in das eigene Humankapital und somit in die eigene Lebensperspektive gesehen. Bestimmender Faktor der Migrationsentscheidung ist demnach, dass die Summe des erwarteten Realeinkommens im Aufnahmesystem auf lange Sicht höher ausfällt als das Realeinkommen im Herkunftssystem.

  • Die dritte Phase des Entscheidungsprozesses zur Migration bildet die Informationsbeschaffung über das Aufnahmesystem. Nachdem die Motivation für den Migranten klar ist, steht die Suche nach dem Zielort zur Verwirklichung seiner Vorstellungen im Vordergrund.

Hier spielen oft Familienangehörige und Bekannte als Informationsquelle eine entscheidende Rolle. Die Migration erfolgt demnach selten nur aufgrund rationaler Begründungen. Dies wäre eher in Akademikerkreisen vorzufinden.

  • Die vierte Phase besteht aus der überzeugten Bereitschaft, sämtliche mögliche Risiken der Migration zu akzeptieren. Diese innere Entscheidung kann nur prozesshaft erfolgen und deren tatsächliche Intensität wirkt bedeutend auf die Integration in das Aufnahmesystem ein.
  • Die fünfte Phase beschreibt das Treffen der endgültigen Migrationsentscheidung und rundet somit die vorangehenden Überlegungen seitens des Migranten ab.

Dieses dargestellte Phasenmodell ermöglich es, Migrationsprozesse und mögliche Abweichungen erkennbar, analysierbar und erklärbar zu machen. Demnach können hier auch psychosoziale Folgen der Migration sichtbar gemacht werden.

Existentielle Unsicherheit und Orientierungsstörung als Folge der Migration

[Bearbeiten]

Eine grenzüberschreitende Migration ist immer mit dem Verlust des eigenen kulturellen und sozialen Bezugssystems verbunden. Die Konsequenzen der Migration sind für den Migranten demnach lange zu spüren, da er sich im Aufnahmesystem komplett neu verorten muss. Im Folgenden werden einige Aspekte dieser Konsequenzen zusammenfassend dargestellt:[2]

  • Das Verlassen des umfassenden Sinnzusammenhangs sozialer Handlungen durch die Emigration

Die Systemtheorie nach Niklas Luhmann bietet einen guten Ansatz, um die Folgen des Verlustes des vertrauten Bezugssystems für den Migranten zu verdeutlichen. Soziale Systeme sind so konstituiert, dass sie durch den Sinnentwurf die Differenzen von Innen (System) und Außen (Umwelt)stabilisieren. Dies gelingt, indem die Sinnentwürfe der einzelnen Akteure die Komplexität der Welt in einen fassbaren Rahmen reduzieren. Die Abgrenzung der sozialen Welt zum System ergibt sich demnach aufgrund von Sinngrenzen der Akteure. Diese Sinngrenzen stehen der Welt selektiv gegenüber. Eine Sinnkonstruktion ist immer interaktiv. Die Gesellschaft ist somit ein soziales System, das als „ein Sinnzusammenhang von sozialen Handlungen verstanden wird, die aufeinander verweisen und sich von einer Umwelt nicht dazugehöriger Handlungen abgrenzen lassen“.[3] Die Migranten verlassen demnach durch die Emigration den vertrauten umfassenden Sinnzusammenhang ihrer sozialen Handlungen im Herkunftssystem. Dieser half ihnen bei der Interaktion mit anderen Akteuren, gab Orientierung und Sicherheit. Interaktionen können im Aufnahmesystem somit zunächst nicht mehr auf Handlungen der anderen Akteure gestützt werden, da der Verweisungszusammenhang der Sinnentwürfe in der neuen Lebenswelt differiert. Demnach geht für den Migranten jegliche Verhaltenssicherheit- und stabilität verloren, welche er sich erst wieder mühsam im Laufe des Eingliederungsprozesses aneignen muss. Er muss sich die Sinnhaftigkeit der neuen komplexen Lebenswelt neu erarbeiten.

  • Das Verlassen der zugehörigen Sprachgemeinschaft durch die Emigration

Durch die alltägliche Kommunikation in sozialen Gruppen wird im Allgemeinen die Sprache gefördert. Das Individuum ist somit unter anderem anhand der Sprache in eine Nation integriert. Anhand eben dieser tauschen Individuen Erlebnisse und Erfahrungen aus, lernen Neues hinzu. Durch die Sprachgemeinschaft entwickelt man eine gemeinsame Zugehörigkeit, welche dem Individuum soziale Sicherheit gibt. Migranten erleben durch ihre Wanderungsentscheidung einen Bruch in der Teilhabe an gemeinsam gewachsenen Wissens- und Erfahrungswelten. Sie teilen die Sprachkenntnisse und deren Bezüge der Einheimischen nicht in adäquater Form, so dass sie immer eine gewisse kommunikative Isolation erfahren.

  • Das Verlassen des identitätsbildenden Interaktionsrahmens durch die Emigration

Der Mensch ist als soziales Wesen grundsätzlich an eine Gesellschaft gebunden und fortwährend auf sie bezogen. Er erhält seine Persönlichkeit und Identität augrund der interaktionellen Einbindung in eine Bezugsgruppe. Die Identität stellt eine besondere Eigenschaft des Individuums dar. Sie kontruiert sich aus den Anforderungen der Mitmenschen an die eigene Person und den eigenen Bedürfnissen. Identität bezeichnet somit einen Balanceakt, welche sich aus den Interaktionen mit Anderen ergibt. G.H. Mead und Erving Goffman schreiben hierzu genaueres. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass eine Interaktionsbeteiligung nur möglich ist, wenn das Individuum zur Perspektivenübernahme fähig ist und eine Balance zwischen den differenten Rollenerwartungen findet.

  • Der Verlust der Berufsrolle durch die Emigration

Soziale Beziehungen beschreiben wesentlich Rollenbeziehungen. Die Rollen sind hierbei „als Bündel von relativ konsistenten und teilweise interpretationsbedürftigen Verhaltenserwartungen zu verstehen, die an den Rollenspieler als Interaktionsteilnehmer gestellt werden.“[4] Diese Rollenerwartungen dürfen nicht enttäuscht werden, um weiterhin positive und zielführende Interaktionen führen zu können. In einem kontinuierlichen Lernprozess werden die Rollennormen verinnerlicht. Mögliche Stigmatisierungen finden somit genau in diesem Rahmen der Identitätsbildung durch Übernahme verschiedener Rollen statt. Eine zentrale Bedeutung erhält hierbei die Berufsrolle. Der Begriff Beruf beschreibt nach Max Weber „jene Spezifizierung, Spezialisierung und Kombination von Leistungen einer Person, welche für diese die Grundlage für eine kontinuierliche Versorgungs- und Erwerbschance ist."[5] Die Migration führt nun zum Verlust der bisherigen Berufsrolle und der mit ihr einhergehenden sozialen Rollenbeziehungen. Da der Beruf heute zentrales Moment des Selbstwertgefühls eines Individuums darstellt, fehlt dem Migranten nun eine bedeutende Stütze seiner Identität. Dies resultiert zwangsläufig in psychosozialer Instabilität und Unsicherheit.

Diese Darstellungen zeigen deutlich auf, dass die Desozialisation des Migranten durch die Wanderung in dessen gesamte Lebensbereiche eindringt. Das Sozialisationsmuster seines Herkunftslandes verliert im Aufnahmesystem seine Gültigkeit. Dies macht sich vor allem im Bereich sozialer Rollen bemerkbar. Die Migranten müssen sich anhand neuer Rollenzuschreibungen durch sich und andere erst wieder eine eigene Identität schaffen. Ist die Interaktion mit Einheimischen im Aufnahmesystem gehemmt, werden sich die psychosozialen Instabilitäten erhöhen. Dies resultiert unter anderem aus der häufig vorzufindenen Isolation der Migranten und den Sprachbarrieren, welche jegliche Kommunikation einschränken. Häufige Konsequenzen dieser Betrachtungen stellen die zunehmende Entfremdung (alienation) und selbstgewählte Segregation (self- segregation) dar. Resultierend aus dieser Entfremdung ergibt sich unter anderem die häufig zu beobachtende Passivität der Migranten und deren mangelndes Vertrauen in das Aufnahmesystem. Die Notwendigkeit der psychosozialen Unterstützung von Außen wird in diesen Ausführungen deutlich erkennbar.

Akkulturationsstress und psychosomatische Erkrankungen der Migranten

[Bearbeiten]

Im Folgenden soll dargestellt werden, inwiefern Akkulturationsstress Einfluss nimmt auf migrationsbedingte psychosomatische Erkrankungen der Migranten.[6]

Der norwegische Psychiater und Statistiker Ornulv Odegaard führte bereits zu Beginn der 30er Jahre erste Forschungsarbeiten zu migrationsbedingten psychischen Erkrankungen durch. Der Amerikaner Benjamin Malzberg folgte in den 50er Jahren mit einer Untersuchung anhand einer Stichprobe von 56.000 Patienten, welche in den Jahren 1949- 1951 in Psychatrien der New York States eingewiesen wurden. Er unterteilte die Patienten in drei Gruppen:

  • Personen, die in den NY States geboren sind (non- migrants)
  • Personen, die von anderen Staaten der USA in die NY States eingewandert sind (native in- migrants)
  • Einwanderer, die außerhalb der USA geboren sind (migrants)

Im Vergleich der Gruppen kam zum Vorschein, dass der Anteil der psychisch Kranken bei den Migranten überdurchschnittlich ist. Die genaueren Gründe hierfür konnten jedoch nicht eindeutig und repräsentativ geklärt werden. Dieses Ergebnis kann zum einen aus der natürlichen Selektion (Einwanderer als Menschen mit erhöhten Krankheitsveranlagungen) und zum anderen aus ihren Anpassungsproblemen an die neuen Lebensweisen im Aufnahmesystem resultieren. Auch O. Odegaard kam 1932 in einer entsprechenden Untersuchung zum selben Ergebnis, woraufhin er zwei bedeutende Hypothesen formulierte:

  • Die Hypothese der sozialen Belastungen (social stress)

Hier werden die Krankheitsursachen aus physischen und psychischen Belastungen durch den Migrationsprozess abgeleitet. Dies betrifft insbesondere Migranten mittleren und höheren Alters. Psychische Belastungen ergeben sich somit aus den stressproduzierenden Umweltfaktoren.

  • Die Hypothese der sozialen Selektion (social selection)

Hier wird davon ausgegangen, dass vor allem diejenigen Menschen emigrieren, die eher schwache soziale Beziehungen im Herkunftsland pflegen. Diese Annahme resultiert aus dem deutlich (zweimal) höheren Anteil von emigrierten Patienten mit schizoiden Merkmalen. Schizophrenie kann nicht ausschließlich durch Einflüsse der Umwelt erklärt werden, woraufhin schizoides Denken und Fühlen als natürlicher Auslöser der Migration gesehen wird. Selbstverständlich stellt sich dieses Modell jedoch nicht gegen die Annahmen, dass auch wirtschaftliche Gründe eine Migration bedingen können und auch Migranten, welche gute soziale Beziehungen im Herkunftsland pflegen, emigrieren.

O. Odegaard will anhand seiner Thesen verdeutlichen, dass psychische Erkrankungen der Migranten nur anhand der Berücksichtigung ihrer individuellen Belastungssituationen und Selektionsaspekte erklärt werden können. Seine Hypothesen regten weitere Forschungen zu dieser Thematik an. Die Ergebnisse der Untersuchungen variieren und bieten demnach keine ausreichende Repräsentativität.

Akkulturationsstress als Auslöser psychischer Erkrankungen

[Bearbeiten]

Betrachtet man empirisch- soziologische Untersuchungen setzen sich theoretische Ansätze durch, welche die psychischen Erkrankungen der Migranten als Konsequenz ihres Akkulturationsstress im Aufnahmesystem sehen.


Der Begriff "Akkulturation"
[Bearbeiten]

Akkulturation meint den Prozess der allmächlichen Einführung der kulturellen Minderheit in die Mehrheitskultur des Aufnahmesystems. Hierbei unterscheidet man zwischen der internen und der externen Akkulturation:

Interne Akkulturation: die Migranten übernehmen die Werte und Normen der dominanten Kultur; diese werden (fast) selbstverständlich.

Externe Akkulturation: die Migranten übernehmen typische Verhaltensweisen und Umgangsformen der dominanten Kultur. Sie erlernen demnach Alltagsrollen und die Alltagssprache. Auch mit der Nutzung materieller Gegebenheiten des Aufnahmesystems wird sich hier schrittweise vertraut gemacht (Kühlschrank, Telefon, öffentliche Verkehrsmittel..).

Der Akkulturationsprozess kann die Gruppenebene als auch die individuelle Ebene betreffen:

Gruppenebene: in diesem Bereich resultieren durch die Akkulturation strukturelle Veränderungen (z.B. kulturelle, politische, ökonomische).

Individuelle Ebene: in diesem Bereich herrschen Änderungen der psychischen Verfassung und externer Verhaltensweisen vor. Durch innerfamiliale und soziale Konfliktsituationen aufgrund des Akkulturationsprozesses entsteht Akkulturationsstress.


Der Akkulturationsstress
[Bearbeiten]

Dieser Akkulturationsstress resultiert zum einen aus den Problemen, welche sich aus der räumlichen und soziokulturellen Trennung mit dem Herkunftssystem ergeben. Die Migranten erlitten einen Verlust emotionaler und persönlicher Beziehungen durch den Migrationsprozess. Problematisch hierbei ist die „nostalgische Fixierung“, welche sich aus einer Idealisierung der Verhältnisse im Herkunftssystem ergibt. Zum anderen ergibt sich dieser Stress aus der Umstellung alter Lebensgewohnheiten aufgrund differenter klimatischer Verhältnisse. Bekannte Lebensweisen (im Süden spielt sich das Leben eher draussen ab) müssen dem neuen Klima angepasst werden. Dies beeinflusst die psychische Verfassung der Menschen entscheidend. Zu guter Letzt haben die Migranten auch noch vielschichtige Anpassungs- und Lernanforderungsprozesse zu bewältigen. Sie müssen ihre Lebensgewohnheiten an die Anforderungen des Aufnahmesystems anpassen, um zielführend und zufriedenstellend Handeln zu können. Dies betrifft alle Lebensbereiche- sei es in der Ausübung der Berufsrolle, innerhalb sozialer Beziehungen etc. Besonders das Erlernen der Sprache und ihre Anwendung erzeugt enormen Stress. Stress bedeutet laut Richard S. Lazarus „ein spezifisches Verhältnis zwischen Person und Umgebung, das in der Wahrnehmung der Person ihre Ressourcen bis zu deren Grenze oder darüber hinaus fordert und ihr Wohlbefinden bedroht.“[7]


Bewältigung des Akkulturationsstress
[Bearbeiten]

Zur Bewältigung des Akkulturationsstress kommen verschiedene individuelle Strategien zum Einsatz. Diesen Vorgang nennt man "Adaption". Hierbei differenziert man zwischen drei Formen der „Adaption“:*

  • „Adjustment“

Der Migrant verhält sich hierbei möglichst konform den Anforderungen des Aufnahmesystems. Dies stellt die häufigste Strategie dar.

  • „Reaction“

Der Migrant reagiert reaktiv anhand von Gegenmaßnahmen auf seine Umwelt. Dies führt im Laufe der Zeit zur Zunahme der Kongruenz zwischen Umwelt und Migrant.

  • „Withdrawal“

Der Migrant versucht den Umweltdruck zu mindern, indem er sich aus dem Akkulturationsprozess zurückzieht.


Mögliche Ergebnisse des Akkulturationsprozesses

[Bearbeiten]

Die Assimilation des Migranten als Folge des beschriebenen „Adjustment“ ist demnach nicht das einzig mögliche Ergebnis des Akkulturationsprozesses. Hierbei ergeben sich vier mögliche Ergebnisse der Akkulturation:

Assimilation
[Bearbeiten]

Die Migranten geben hierbei ihre kulturelle Identität auf und passen sich restlos der Mehrheitskultur an.

Integration
[Bearbeiten]

Hierbei halten die Migranten ihre kulturelle Identität aufrecht, werden aber dennoch ein integraler Teil der Mehrheitsgesellschaft. Es entsteht eine Pluralisierung der Gesellschaft anhand von ethnischen Gruppierungen.

Vorurteile gegenueber Fremden

Fremden gegenüber hat man oft Vorurteile. Man betitelt sie mit eigenen Bezeichnungen, wie z.B. die Türken mit „Kanaken“ oder „Kümmeltürken“, die Italiener „Spaghettifresser“ oder „Itaker“, die Japaner „Japsen“, die Juden „Judensäue“, die Araber „Muftis“ oder die Afrikaner mit „Kaffer“, „Neger“ oder „Bimbos“.(vgl. Jelloun, 2000, S.58) Es werden ihnen aber nicht nur verächtliche Namen gegeben, auch dem Äußeren wird eine wichtige Rolle zugesprochen. Vor allem bei Dunkelhäutigen fallen die äußere Erscheinung und die inneren Werte oft zusammen. „Schönheit“ im klassisch-europäischen Sinn war schon im damals im 16. Und 17.Jahrhundert zugleich der Beweis für besonders geistige Leistungen, moralische Überlegenheit, Geschmack, kurz – alle erdenkbar positiven Eigenschaften. Die fatalen Folgen für die Beurteilung von AfrikanerInnen im Westen beschrieb Urs Bitterli 1976 in seinem Klassiker „Die Wilden und die Zivilisierten“: „Die Reisebeschreibungen des ausgehenden siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts sind überreich an pejorativen Rückschlüssen, die man vom stereotypisierten Aussehen des Negers auf seinen Charakter zog, erregten Anstoß (…) die vollen Lippen des Schwarzen, die man allgemein als Zeichen einer ausschweifenden Sinneslust deutete. Die plattgedrückte Nase schien einen Hinweis auf die träge Stumpfheit des Geistes zu geben (…) und im Blick der dunklen Augen witterte man Misstrauen und Verschlagenheit.“ 1774 veröffentlichte Edward Long seine „History of Jamaica“, in der er nicht nur sämtliche negative Klischees über afrikanische Sklaven (dumm, faul, diebisch etc.) wiederholte, sondern er behauptete auch beweisen zu können, dass Schwarze und Weiße nicht derselben Art angehörten. (vgl. Wolter, 2005, S.17) Für Rassisten gibt es da kein Überlegen: alle Rassenmerkmale sind für sie Merkmale äußerster Fremdheit, die sofort und instinktiv ein feindseliges Verhalten auslösen. Bei diesen Merkmalen wird auch eine Interpretation von Merkmalen der Andersheit von sich selbst wie z.B. der Haare, Lippen, Augen etc. vollständig verweigert. Für Rassisten sehen bekanntlich auch alle Chinesen – und nicht nur Schwarzhäutige – gleich aus. (vgl. Weinrich, 1985 aus Krusche / Wierlacher, 1995, S.25) Je mehr der Fremde aber als individuelles Wesen betrachtet wird, desto weniger ist es möglich, generalisiert und typisiert zu werden. In Gesellschaften, in denen es keinen Code für das sittliche Verhalten gegenüber Fremden gibt, hat das pathologische Erscheinungen in der Gesellschaft zur Folge, die sich in unmenschlichem Verhalten festlegen, wie wir es aus der Geschichte des Nationalsozialismus kennen.

Segregation und Separation
[Bearbeiten]

Durch die Strategie des „withdrawl“ entstehen keine gefestigten Beziehungen zwischen Einwanderern und der Mehrheitsgesellschaft. Die Migranten bleiben in ihrer Kultur und Tradition von der Mehrheitsgesellschaft getrennt und isoliert. Wird diese Isolation bewusst durch die Mehrheitsgesellschaft herbeigeführt, spricht man von einer Segregation. Grenzt sich die Minderheit bewusst selbst vom gesellschaftlichen Leben aus, spricht man von einer Separation.

Die Rolle des Suendenbocks

Durch seine relative Ungebundenheit und der damit verbundenen Objektivität - sowohl praktisch als auch theoretisch - ist der Fremde aber ohne Zweifel freier als der Einheimische. Er ist noch eher in der Lage, Dinge vorurteils- und wertfrei zu sehen und sie an den allgemeineren Idealmaßen zu messen. Er ist auch bei seinen Handlungen weder an äußere Gegebenheiten noch an frühere Lebensumstände gebunden. Trotzdem zahlt der Fremde einen hohen Preis für seinen nüchternen Blick, denn er ist stets das beste Angriffsziel für seine umgebende Gesellschaft. (vgl. Loycke, 1993, S.11) Auch die zweifelhafte Loyalität nach Schütz, ist die negative Konsequenz dessen, dass der Fremde oft an der Grenze zweier verschiedener Zivilisationsmuster steht. Infolgedessen weiß er selbst nicht, wo er hingehört und bleibt er Außenseiter. Dadurch fällt der Fremde oft in die Rolle des Sündenbockes. Der Begriff Sündenbock stammt aus der Zeit Moses, als die Israeliten einen Bock symbolisch mit all ihren Sünden beluden und ihn in die Wüste schickten. (vgl. Jelloun, 2000, S.59) Sündenböcke stellen so etwas wie Ersatzobjekte dar, das heißt dass die gestaute Frustration über etwas wegen der Übermacht oder der Unkenntnis über den eigentlichen Verursacher auf Fremde, abgeladen wird. Welche Eigenschaften fremde Menschengruppen aufweisen müssen, um überhaupt als Ersatzobjekt in Frage zu kommen, hat Adorno sehr gut beschrieben: „Es muss in starren und wohlbekannten Stereotypien definiert sein, und schließlich muss es Merkmale besitzen oder zumindest im Sinne von Merkmalen wahrgenommen werden oder verstanden werden können, die den destruktiven Tendenzen des Vorurteilsvollen entgegenkommen.“ (Zitat Adorno, 1973 aus Tsiakalos, 1983, S.47)

Früher erlitten die Juden dieses Schicksal des Sündenbocks, heute sind es die Zigeuner, die diese Rolle übernehmen mussten. In Italien zum Beispiel gab es in den letzten Monaten unzählige Angriffe auf Zigeuner, denen man vor allem kriminelle Taten vorwarf. Dies scheint auch sehr leicht zu gehen, denn hinter den Zigeunern steht kein Staat, der sie verteidigen könnte. Anhand dieses aktuellen Beispiels kann man erkennen, dass sich die ungerechtfertigte Anhaftung für negative Vorkommnisse durch die gesamte Menschheitsgeschichte zieht und immer eine Fortsetzung hat – unabhängig dessen, ob sie eine Gesellschaft wandelt oder nicht.

Marginalisierung
[Bearbeiten]

Dies bezeichnet den Verlust des kulturellen und psychologischen Kontaktes zur eigenen Ethnie und zur dominanten Mehrheitsgesellschaft. Der Migrant existiert isoliert am Rande der Gesellschaft. Entfremdung und Identitätsverlust bestimmen hier sein Leben.



Die genannten drei Formen der Adaption können auch kombiniert angewendet werden. Hierbei variiert die eintretende psychische Belastung. Finden die Strategien aufgrund des individuellen Willens und ohne Zwang statt, wird die psychische Belastung geringer sein. Langzeituntersuchungen haben ergeben, dass der Akkulturationsstress im Allgemeinen nach Geschlecht, Alter, Familienstand und Bildungsgrad variiert. Beispielsweise sind junge verheiratete und gebildete Menschen weniger vom Akkulturationsstress betroffen. Weiterhin wurde festgestellt, dass der Akkulturationsstress in den ersten beiden Jahren nach der Einwanderung am größten ist. Dieser nimmt mit zunehmender Dauer des Aufenthaltes ab und stagniert nach etwa 10- 15 Jahren. Empirische Untersuchungen zu migrationsbedingten psychischen Erkrankungen nehmen in Deutschland seit ca. 1970 zu.

Quellenverzeichnis

[Bearbeiten]
  • HAN, Petrus (2006):
    "Theorien zur internationalen Migration"
    Stuttgart: Lucius&Lucius.
  • JELLOUN, Tahar Ben (2000):
    "Papa, was in ein Fremder?; Gespräch mit meiner Tochter"
    Berlin:Rowohlt Verlag GmbH.
  • LOYCKE, Almut (Hrsg.)(1993):
    "Der Gast, der bleibt; Dimensionen von Georg Simmels Analyse des Fremdseins"
    Frankfurt:Campus Verlag –Edition Pandor; Band 9.
  • TSIAKOLOS, Georgios (1983):
    "Ausländerfeindlichkeit; Tatsachen und Erklärungsversuche"
    München.C.H. Beck Verlag:
  • WIERLACHER, Alois (1997):
    "Kulturthema Fremdheit; Leitbegriffe und Problemfelder kulturwissenschaftlicher Fremdheitsforschung"
    München.iudicium Verlag:
  • WOLTER, Stephanie:
    "Die Vermarktung des Fremden; Exotismus und die Anfänge des Massenkonsums"
    Frankfurt.Campus Verlag.

Einzelnachweise

[Bearbeiten]
  1. Han, Petrus (2005): Soziologie der Migration. 2.Auflage. Stuttgart: Lucius & Lucius
  2. Han, Petrus (2004): Soziologie der Migration. 2.Auflage. Stuttgart: Lucius & Lucius
  3. Han, Petrus (2004): Soziologie der Migration. 2.Auflage. Stuttgart: Lucius & Lucius, S.218
  4. Han, Petrus (2004): Soziologie der Migration. 2.Auflage. Stuttgart: Lucius & Lucius, S.225
  5. Han, Petrus (2004): Soziologie der Migration. 2.Auflage. Stuttgart: Lucius & Lucius, S.225
  6. Han, Petrus (2004): Soziologie der Migration. Stuttgart: Lucius & Lucius
  7. Han, Petrus (2004): Soziologie der Migration. Stuttgart: Lucius & Lucius, S.239