Soziologische Klassiker/ Migrationssoziologie/ Simmel

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Exkurs über den Fremden[Bearbeiten]

Simmel stellt sich in seinem soziologischen Klassiker "Der Fremde" vor allem die Frage, welche Struktur eine wandernde Gruppe im Unterschied zu einer sesshaften ausbildet und welchen Einfluss Wanderungen auf die Formen der Vergesellschaftung ausüben. Der wohl berühmteste Satz von Simmels Aufsatz ist dessen Defintion des Fremden, nämlich "als jener, der heute kommt und morgen geht, sondern als der, der heute kommt und morgen bleibt - so zu sagen der potentielle Wandernde, der, obgleich er nicht weitergezogen ist, die Gelöstheit des Kommens und Gehens nicht ganz überwunden hat." (Zitat S.9) Der Wandernde ist durch die Gelöstheit von einem bestimmten Ort bestimmt und stellt den begrifflichen Gegensatz zum Sesshaften mit der Fixiertheit an einen Raumpunkt dar. Aber der Fremde verkörpert eine Einheit aus beiden, denn er ist der potentiell Wandernde. Er hat sich zwar an einem Punkt niedergelassen, er ist nicht weitergezogen, kann aber auch nicht verleugnen dass er aus einem anderen Umkreis gekommen ist und dass er nicht schon immer hierher gehörte. Dies zeigt sich v.a. an seinen Eigenschaften, so zu sagen „Qualitäten“, die er mitgebracht hat. Diese Merkmale, die an diesem Raumpunkt bisher noch nicht da waren und auch nicht aus dem näheren Umkreis stammen können. Die Beziehung zum Fremden bringt also all das zusammen, was eine soziale Beziehung ausmacht: Nähe und Entfernung. Für Simmel „ist der der Nahe fern, das Fremdsein bedeutet aber, dass der Ferne nah ist.“ (Zitat Simmel,1908, aus Loycke, 1993, S.9)Der Fremde ist insofern nah, weil die räumliche Distanz zu ihm klein ist. Fern ist er deshalb, weil er Merkmale besitzt, die eigentlich zu einem anderen Ort gehören und ihn somit entfernt erscheinen lassen. Da der Fremde Eigenschaften mit sich bringt, die bisher unbekannt waren, markiert in das als nicht Einheimischer. Der Unterschied jedoch zwischen räumlicher und körperlicher Nähe bedeutet aber nicht gleichzeitig emotionale Nähe, also das uns bekannte Vertrautheitsgefühl. Auch drückt eine räumliche Entfernung nicht gleich emotionale Entfernung, also das Fremdheitsgefühl aus. Denn nahestehende und vertraute Personen können räumlich sehr weit entfernt sein, wie z.B. Freunde die woanders studieren, und uns völlig unbekannte Personen können sehr nah sein, z.B. Nachbarn in einem Hochhaus. Auch die eigenen Verwandten können einem sehr fremd sein.


Für Simmel ist der Fremde immer ein Element der Gruppe in der er sich aufhält, hat aber eine Sonderstellung. Er befindet sich zwar in ihr, schließt aber etwas Unbekanntes mit ein. Mit Fremden steht man aber in einer tatsächlichen sozialen Beziehung. Soziologisch gesehen kann etwas uns nicht Bekanntes oder nur Geglaubtes nicht fremd sein, weil wir darüber nicht Konkretes aussagen können. Uns kann niemand fremd sein, zu dem wir überhaupt keinen Kontakt haben. (vgl. Loycke, 1993, S.10)Der Umgang mit Fremden ist sehr komplex – die Kluft zwischen der Einstellung bezüglich des Fremden als Individuum und bezüglich der Gruppe zu der der Fremde gehört, ist sehr groß. Das würde dann heißen, alle Menschen einer Nation in einen Topf zu schmeißen, wie z.B. dass alle Afrikaner faul sind. Auch die Differenzen, die die Ferne des Fremden charakterisieren, werden auf diese Weise generalisiert. Ein anschauliches Beispiel für die spezielle Behandlung von Fremden wäre nach Simmel die im Mittelalter erhobenen Judensteuer. Für die christlichen Bürger wurde die zu zahlende Steuer nach der jeweiligen Einkommenshöhe berechnet, Juden bekamen dagegen einen einheitlichen Steuersatz, den sie ihr Leben lang zahlen mussten. Die Tatsache ein Jude zu sein, bestimmte die soziale Position und den Status als Steuerzahler, bei den anderen Bürgern aber waren soziale Position und die Steuerhöhe variabel. Bei der Behandlung eines Fremden als Vertreter eines bestimmten Typs wird dies noch deutlicher, wenn jeder Fremde eine gleich hohe Steuer zahlen muss, unabhängig von Einkommen und Vermögen. (vgl. Merz-Benz, 2002, S.53)In der Wirtschaftsgeschichte waren Fremde fast immer Händler. Durch sie kam es zur Entwicklung komplexer Wirtschaftsformen. Eine auf Arbeitsteilung basierende Wirtschaft war auf Händler angewiesen, und der Handel schaffte Arbeitsplätze. Anfangs war der Fremde als umherziehender Händler, sprich als Handelsreisender tätig. Er verkaufte Produkte, die in den von ihm bereisten Gebieten nicht existierten, in denen aber Bedarf an diesen Produkten bestand. Während der fortschreitenden wirtschaftlichen Entwicklung war der Händler jedoch nicht mehr auf Reisen angewiesen und konnte sich an einem Ort niederlassen um von dort aus seine Geschäfte zu erledigen. Auf diese Weise kann räumliche Distanz zu sozialer werden. Der Fremde hatte somit die Möglichkeit, sich in einer Gruppe – in der die Stellen im Produktionsbereich schon besetzt waren – eine Existenz als Händler auszubauen. Simmel bezeichnet den Fremden in diesem Zusammenhang als „supernumerarius“, als Überzähligen in einem eigentlich schon geschlossenen Wirtschaftskreis.


Als klassisches Beispiel für diese Entwicklung erwähnt Simmel die Geschichte der europäischen Juden. (vgl. Loycke, 1993, S.10 f) Der Fremde wird im neu angekommenen Land immer benachteiligt: er besitzt im wahrsten Sinne des Wortes keinen Boden (sowohl physisch im Sinne von „keinen Boden unter den Füßen haben“ und materiell), er verfügt weder über Produktionsmittel noch über ideelle Mittel – wie z.B. Beziehungen, Verwandtschaften, bestimmte Umgangsformen und Sitten – so dass er nur als Händler die Möglichkeit hat, seine und die Existenz seiner Familie zu sichern. Fremde wirken zwar durch ihre exotische, geheimnisvolle und unbekannte Art anziehend für Liebesbeziehungen, trotz dessen sind sie keine Bodenbesitzer. (vgl. Loycke, 1993, S.11) Die exotische Erscheinung des Fremden, sein ungewohntes Verhalten, seine unverständliche Sprache und seine unbekannte Herkunft können es unmöglich machen, ihn mit den Kategorien der eigenen Kultur als vertraute Person einzuschätzen. Dass vom Unbekannten, das der Fremde repräsentiert, eine Faszination ausgeht, die ihm gegenüber ein Verhalten bewirken kann, das gleichzeitig Abwehr und Verlangen auslöst, erkannte auch schon Simmel. Er nannte dieses Phänomen die „psychologische Antonomie“ und war für ihn die Grundlage jeglicher soziologischer Gestaltung. „Es meldet sich hier die für alle soziologische Gestaltung unendlich wichtige psychologische Antonomie: dass wir einerseits durch das uns Gleiche, andererseits durch das Entgegengesetzte angezogen werden.“ (Zitat Simmel, 1908, aus Loycke, 1993, S.104) Jene Ambivalenz, die sich zum einem aus der Furcht vor dem Fremden und gleichzeitig von der Faszination vor ihm ergibt, zeichnet die Theorie der Moderne und Simmels moderne Soziologie aus. (vgl. Loycke, 1993, S.106) Durch seine relative Ungebundenheit und der damit verbundenen Objektivität - sowohl praktisch als auch theoretisch - ist der Fremde aber ohne Zweifel freier als der Einheimische. Er ist noch eher in der Lage, Dinge vorurteils- und wertfrei zu sehen und sie an den allgemeineren Idealmaßen zu messen. Er ist auch bei seinen Handlungen weder an äußere Gegebenheiten noch an frühere Lebensumstände gebunden. Diese Objektivität des Fremden kann als Distanz gesehen auch eine soziale Distanz sein. Deshalb zahlt der Fremde einen hohen Preis für seinen nüchternen Blick, denn er ist stets das beste Angriffsziel für seine umgebende Gesellschaft.(vgl. Loycke, 1993, S.11) Für Simmel ist der Fremde zwar ein Mitglied in der sozialen Gruppe, und das ungeachtet seiner „unorganischen Angefügtheit“, er nimmt aber gleichzeitig innerhalb von ihr eine Sonderstellung ein. Diese Stellung lässt sich nur insoweit beschreiben, dass die Einheit von Ferne und Nähe – die für jede soziale Beziehung wesentlich ist – in der Relation zum Fremden durch eine „gegenseitige Spannung“ gekennzeichnet ist. (vgl. Merz-Benz, 2002, S.53)

Quellenverzeichnis[Bearbeiten]

  • LOYCKE, Almut (Hrsg.)(1993):
    "Der Gast, der bleibt; Dimensionen von Georg Simmels Analyse des Fremdseins"
    Frankfurt:Campus Verlag – Edition Pandor; Band 9.
  • MERZ-BENZ, Peter Ulrich / WAGNER, Gerhard (Hrsg.)(2002):
    "Der Fremde als sozialer Typus"
    Stuttgart:UVK Verlagsgesellschaft mbH.


Hauptartikel zu Georg Simmel in den Soziologischen Klassikern mit zusätzlichen biographischen Daten