Soziologische Klassiker/ Migrationssoziologie/ Systemtheorie

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Migrationstheorien aus Sicht der Systemtheorie - Eine Übersicht[Bearbeiten]

Im folgenden werden drei systemtheoretisch orientierte Migrationstheorien kurz dargestellt. Es handelt sich dabei um makrosoziologische und makro-ökonomische Theorien, die vor allem versuchen, Arbeitsmigration, die weltweite Nachfrage nach Arbeitskräften und globale soziale Ungleichheit zu erklären. Dabei liegt die Annahme zugrunde, dass angesichts der Bedingungen des modernen, kapitalistischen Weltwirtschaftssystems und der zunehmend restriktiven und selektiven Immigrationspolitiken in den Industrieländern der individuelle Entscheidungsspielraum der MigrantInnen schwindet und eine lediglich untergeordnete Rolle beim Migrationsverhalten spielt. Das heißt grob zusammengefasst, dass die VertreterInnen der genannten Theorien hautpsächlich strukturelle Faktoren zur Erklärung von sozialen Phänomen der Migration heranziehen.


Immanuel Wallersteins Weltsystemtheorie

Immanuel Wallerstein entwarf einen umfassenden systemtheoretischen Rahmen, mit dem er die Entstehung und den Zustand des modernen kapitalistischen Weltsystems beschreibt. Zentral für seine Analyse ist die grundlegende Dualität von Regionen, die dem Zentrum und der Peripherie zuordenbar sind. So unterscheidet er drei wirtschaftlich unterschiedlich entwickelte Zonen: Zentrum, Semipheripherie und Peripherie. Diese Annahmen dienen als Analyserahmen für die gegenwärtigen internationalen Dependenzen.


Portes' und Waltons Theorie des Ungleichen Austauschs

Ausgehend von Wallersteins Theorie legen Alejandro Portes und John Walton in ihrer Analyse des internationalen Systems ihr Hauptaugenmerk auf Prozesse und Strukturen in den kapitalistischen Zentren. Denn diese wirken sich in negativer Weise maßgeblich auf die Sozialstrukturen der Peripherien aus. Wesentlich ist dabei das Konzept des Ungleichen Austauschs ("unequal exchange") zwischen Zentrum und Peripherie: So wird der Produktionsüberschuss (z.B. aufgrund niedriger Lohnkosten) der in den Regionen der Peripherien erzeugt wird, über den internationalen Handel in die Zentren transferiert. Das führt in den Entwicklungsländern (aber nicht nur dort) dazu, dass sich die informelle Wirtschaft ausbreitet. Denn diese trägt in großem Maße dazu bei, für die Menschen in diesen Lebenszusammenhängen eine Existenzgrundlage zu erwirtschaften. Die internationale Arbeitsmigration von der (Semi-)Peripherie in die Zentren folgt in diesem Sinne den Dynamiken der Weltwirtschaft.


Saskia Sassens Theorie zur strategischen Bedeutung der Weltmetropolen

Saskia Sassen befasst sich mit der strategischen Rolle der globalen Metropolen, vornehmlich New York, London und Tokyo. Ihre Bedeutung wuchs mit den von der Globalisierung ausgelösten Prozessen der Deindustrialisierung und Dezentralisierung der Produktion, die zugleich mit einer Zentralisation der Besitzverhältnisse einhergingen. Sassen beschreibt eine räumliche Streuung ("spatial dispersion") der Produktionsstandorte und die damit verbundene Notwendigkeit für globale Kontrolle dieser neuen Form der Produktionsorganisation. Eine Hauptvoraussetzung dafür ist die Freizügigkeit und kurzfristigste Mobilität des Kapitals, wie sie in den heutigen Finanzmärkten möglich sind. So bilden die globalen Städte Konzentrationspunkte einer globalen Steuerung. Hier werden die Dienstleistungen "producer services", wie Sassen es nennt, produziert und vermarktet, die im Stande sind, die notwendige Organisationsleistung oder "global capacity" für transnationale Organisationen oder Konzerne bereitzustellen.


Die Frage sozialer Ungleichheit in systemtheoretischer Perspektive

Die drei TheoretikerInnen Wallerstein, Portes und Sassen stimmen in der These überein, dass die weltweit wachsende soziale Ungleichheit durch die kapitalistische Enteignung des Überschusses erzeugt wird. Laut Saskia Sassen äußern sich die daraus resultierenden sozialen Verwerfungen auch in Form sozialer, räumlicher und wirtschaftlicher Polarisierung bzw. Segmentierung in den Städten. Dies läßt wiederum die informellen Ökonomien in den Städten der Industrieländer wachsen.



Literatur[Bearbeiten]

  • HAN, Petrus (2006):
    "Theorien zur internationalen Migration: Ausgewählte interdisziplinäre Migrationstheorien und deren zentralen Aussagen"
    Stuttgart:Lucius&Lucius.
  • SHANNON, Thomas Richard (1989):
    "An Introduction to the World System Perspective"
    Boulder/San Francisco/London: Westview Press.
  • SASSEN, Saskia (1996):
    "Metropolen des Weltmarkts: Die neue Rolle der Global Cities"
    Frankfurt/New York: Campus Verlag.