Soziologische Klassiker/ Soziale Ordnung/ Goffman, Erving

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Erving Goffman[Bearbeiten]

Goffman beschäftigt sich mit sozialer Ordnung auf der Ebene der Mikrosoziologie. Die gesamtgesellschaftliche Organisation ist seiner Ansicht nach ein Produkt der Interaktion und deren Ordnung. Er behandelt das kleine Alltagsleben und versucht seine Ergebnisse auf die Makro-Ebene umzuinterpretieren. Ohne Mikrofundierung ist für ihn die Makro-Ordnung fehlerhaft.

Interaktionsordnung[Bearbeiten]

Goffmans zentrales Thema ist die soziale Figur des Fremden und der Umgang mit fremden Interaktionspartnern. Jeder Handelnde befindet sich in einer riskanten und bedrohlichen Situation wenn er mit anderen zusammentrifft. Er befindet sich in dem Moment in einer Situation des Unbekannt-Seins. In der Begegnungssituation zwischen den fremden Personen entsteht ein Zusammenspiel aus Ferne und Nähe, Gelöstheit und Fixiertheit, Wanderung und "Bodenhaftung". Goffman beschäftigt sich in zwei seiner Werke ("Verhalten in sozialen Situationen. Strukturen und Regeln der Interaktion im öffentlichen Raum" (1971) und "Das Individuum im öffentlichen Austausch" (1974)) explizit mit Begegnungen in öffentlichen Räumen. Die Interaktion ist für ihn ein Überraschungsfeld bestehend aus Irrwegen und Irritationen sowie Erwartungen und deren Enttäuschung. Er versucht zu ergründen wie und wodurch im Alltag trotz dieser Unsicherheiten eine gewisse Interaktionsordnung entstehen kann.

Die größte Nähe schlägt in Entfremdung um sobald die Regeln des Umgangs und der Interpretation nicht beherrscht werden. Bereits Alfred Schütz beschäftigte sich mit der fremden Lebenswelt und dem Problem dass wir keinen direkten Zugang zum fremden Gegenüber nur aus dessen Ausdrucksformen erschließen können. Für Goffman bleibt jegliche Schlussfolgerung bezüglich des Interaktionspartners vorläufig irrtumsbehaftet und fraglich. Es gibt aber sogenannte "Brückenköpfe in ein fremdes Territorium" worunter man jedes Wort, jede Bewegung und jede Geste im verlauf einer Interaktion verstehen kann. Vor allem bei den "face-to-face" Kontakten bedarf es einer gewissen Ordnung und man einigt sich meist darauf dass diese "as usual" eingehalten wird.

Goffman unterscheidet zwei Arten von Begegnungen: zentrierte (konkrete Interaktion, z.B. ein Gespräch) und nicht zentrierte (bloße gemeinsame Anwesenheit in einem Raum, z.B. Warteraum beim Arzt). In beiden Fällen sind die Beteiligten sehr wachsam gegenüber den Aktivitäten der anderen. Jeder arbeitet an einer gemeinsamen Definition der Situation. Vor allem in zentrierten Begegnungen ist man durch den unmittelbaren Kontakt körperlich und seelisch höchst verletzbar. Jegliche falsche Bewegung, jedes falsche Wort, jegliche Missachtung der Interaktionsordnung gibt Anlass zu einer erhöhten Alarmbereitschaft. Nicken, Augenkontakt und Körperhaltung sind sogenannte "involvement obligations" und stellen gemeinsame Definitionselemente im Verlauf einer Interaktion dar.

Besonders bei face-to-face Interaktionen ist auf das Gleichgewicht zwischen Engagement, Desengagement, und Übereifer zu achten. Hierfür gibt es weitere Stabilisatoren, Regeln die unser Verhalten, nach Art von Grammatikregeln, als unsichtbare Hintergrundannahmen lenken. Goffman nennt zwei Arten von Regeln: substantielle (tragen ihre Bedeutung in sich) und zeremonielle (an sich leer, haben aber höchste Vertrauensbildende Bedeutung). Zwei zeremonielle Regeln betont er besonders: "deference"- Die Achtung gegenüber den anderen ausgedrückt durch Vermeidungshaltung (Stillschweigen bei peinlichen Situationen) oder Zuvorkommensrituale (Grüßen, Komplimente etc.) und "demeanor"- Benehmen dass ein Handelnder zeigen muss um sich als zuverlässiger Interaktionspartner zu etablieren (Tischsitten). Diese Regeln dienen als Leitlinien für praktische Probleme in Alltagssituationen und als unbemerkte "Zwänge" die den Alltag strukturieren.

Handlungsrahmen[Bearbeiten]

Unter Handlungsrahmen versteht man einen bestimmten Wirklichkeitsbereich dem gewisse Regeln zuzuordnen sind. Dies erleichtert die Verständigungsarbeit die jede Begegnung erfordert. Ohne eine gültige Definitionsgestalt ist eine Handlung unbestimmbar. Rahmen sind sowohl räumliche und zeitliche Vorgaben (Richter-Gerichtssaal), als auch unausgesprochene Informationen, die das Einordnen ermöglichen, was innerhalb und was außerhalb einer Situation stattfindet. Es gibt natürliche Rahmen mit natürlichen Usachen (z.B. Schneesturm, Überschwemmung) und soziale Rahmen (z.B. Wettkampf, Spiele, etc.). Jede Rahmung setzt kulturell geteilte Deutungsmuster voraus.

Laut Goffman sind Individuen "Techniker der Wirklichkeit" die Rahmenbedingungen aktiv erzeugen. Es gibt von den Grundformen primärer Rahmen auch noch sogenannte "Keyings", Modulatoren deren Merkmale man entschlüsseln muss um angemessen agieren zu können. Es kann beispielsweise nur mittels besonderer Schlüssel ermittelt werden ob ein Kampf nun auf einem Drehbuch basiert oder ernstgemeint ist, oder vielleicht als Experiment dient oder nur eine Vorführung darstellt. Diese Unterscheidung zu ermöglichen erfordert von Individuen metakommunikative Fähigkeiten und die meiste Energie.

Identität und Selbstentwurf[Bearbeiten]

Goffman beschäftigt sich damit, wie Menschen im Alltag mit ihrem Selbst in Interaktionen umgehen. Er geht davon aus, dass ein Individuum mehrere Identitäten besitzt und diese gezielt zum Ausdruck bringen kann: eine persönliche, eine soziale, eine virtuelle, eine aktuelle, eine geoffenbarte, eine verheimlichte, eine diskreditierbare und eine diskreditierte. Diese verschiedenen Identitäten benötigt man um seine Unabhängigkeit, trotz großen Konformitätsdrucks, beizubehalten. Sobald man mit einem Gegenüber interagiert, setzt man sein Selbst einer gewissen Beschädigungsgefahr aus. Daher liegt es im Selbstinteresse eines jeden, die Interaktion in der er engagiert ist, nicht zu gefährden. Individuen versuchen durch ihr eigenes Verhalten, das Verhalten des Gegenübers zu beeinflussen. Wenn das Gegenüber das selbe Ziel verfolgt, müssen die Beteiligten darauf achten die Situation unter Kontrolle zu behalten. Dabei ist das Image, wie man sich dem Gegenüber präsentiert ("face"), ein wichtiger Faktor. Die Regeln des Selbstrespekts und der Rücksichtnahme anderer auf die Selbstdarstellung, garantieren die Akzeptanz des aufgezeigten "face" in einer Interaktion.

Alle an der Interaktion beteiligten Personen könnten den dargestellten Selbstentwurf gefährden, daher benötigt man die Kunst des "impression managements" um die sogenannten "back regions" des Selbst zu schützen. Goffman verwendet eine Bühnen-Metapher: Es gibt eine Vorderbühne und eine Hinterbühne, auf der Vorderbühne bietet der Akteur seine Identität mit entsprechender Ausdruckssteuerung und bestimmtem Rollenverhalten an. Die Hinterbühne ist ein, für das "Publikum" nicht einsehbarer, geschützter Bereich.

Weiterführende Links[Bearbeiten]

Hauptartikel zu Erving Goffman in diesem Wikibook

Erving Goffman in der deutschsprachigen Wikipedia

Literatur[Bearbeiten]