Studienführer Hans Albert: Was man über Hans Albert wissen sollte

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Worum geht es in diesem Abschnitt?

Hans Albert, der deutsche Philosoph, um den es hier geht, hat ungefähr 30 Bücher geschrieben und über 200 Veröffentlichungen. Wir wollen hier für die, die sich nur wenig merken möchten, schlagwortartig das Wichtigste zusammenfassen. Was muss man über Hans Alberts Philosophie wissen, das sozusagen zum normalen Bildungswissen gehört? Oder falls jemand an 'normales Bildungswissen' nicht glaubt: Was kann man mit Hans Alberts Philosophie im Beruf oder im Alltagsleben praktisch anfangen?

Die Unmöglichkeit und Unnötigkeit von absoluten Begründungen

Sichere Begründungen suchen zu wollen können wir uns immer ersparen. Denn Sicher begründen kann man nichts; weil man dafür die Begründung der Begründung begründen müsste; und deren Begründung auch wieder begründen; und so fort bis in alle Ewigkeit. Man kommt damit zu keinem Ende. Man kann auch irgendwo stehen bleiben und beispielsweise sagen "Das ist doch selbstverständlich!"; aber dann hätte man aufgegeben zu begründen. (Genaueres: siehe 'Münchhausen-Trilemma' im Abschnitt 'Hauptideen Hans Alberts').

Es macht praktisch einen großen Unterschied, ob ich überlege, wie ich etwa den Abschuss eines Flugzeuges, das zu terroristischen Zwecken gekapert wurde,

(A) mit irgendwelchen Rechtsgrundsätzen begründe (etwa der Menschenwürde) und diese auch wieder begründe und deren Gründe auch wieder usw. Oder ob ich überlege
(B) wie in jedem speziellen Fall die Alternativen sind und welche Folgen sie haben, um dann daraus die akzeptabelste Alternative zu wählen (das muss nicht die mit den wenigsten Toten sein, denn es spielen ja noch andere Gesichtspunkte eine Rolle, sondern die mit den besten Argumenten).

Wenn (A) möglich wäre, wenn die Lösung beispielsweise aus dem Begriff der Menschenwürde ableitbar wäre, dann wäre die Lösung von der jeweiligen Problemlage ganz unabhängig und für alle Zeiten dieselbe. Kann das überhaupt sein?

Also: Unsere Meinungen und Handlungsweisen und alle ihre Konsequenzen sind nicht deshalb richtig, weil man sie auf irgendetwas Wahres zurückführen kann, sondern umgekehrt: Weil alle Konsequenzen, soweit man sie überblicken kann, akzeptabel sind, sind unsere Meinungen und Handlungsweisen akzeptabel.

Komparativismus

Absolute Begründungen braucht man in der Praxis nicht, weil letztlich immer der Vergleich genügt.

Steht nur eine Alternative zur Wahl, muss man sich mit dieser begnügen. Muss man ein Auto kaufen und hat nur soviel Geld, dass es nur für das billigste reicht, dann muss man das nehmen, ob mit Begründung oder ohne.

Hat man aber so viel Geld, dass man sich unter 50 Alternativen umsehen kann, führt die Absolutbegründung, warum ein bestimmtes Auto das beste ist, zu unendlich viel Arbeit. Man müsste zeigen, dass der Motor der beste ist, dass kein anderer besser sein kann, dass das gleiche für das Getriebe gilt, die Ausstattung, usw. Stell dir vor, du müsstest das jeweils tun, ohne einen Blick auf die entsprechenden, anderen Autos oder deren Teile. Kann das gut gehen?

Viel einfacher ist es immer, jeweils zwei Autos zu vergleichen, und sich für das jeweils bessere zu entscheiden und das so oft, bis man alle vergleichend ('komparativ') beurteilt hat. Und genau das Gleiche gilt, wenn es sich nicht um Autos handelt, sondern um Meinungen, Sätze, Theorien, Handlungsweisen, moralische Prinzipien, Gesetze usw.

Beim Komparativismus geht es also immer darum, Alternativen zu vergleichen und bei jeder Alternative die Fehler und Vorzüge zu entdecken. Also: Komparativismus statt Absolutbegründung!

Alternativen, Konsequenzen

Die Logik sagt, dass jeder Satz unendliche viele Folgerungen nach sich zieht. Nehmen wir das als bewiesen hin.

Dann kann man nie wissen, ob irgendeine Überzeugung nicht eine Konsequenz hat, der wir nicht zustimmen können.

Was folgt daraus?

(1) Wir sollten immer so viele Konsequenzen untersuchen, wie uns einfallen.
(2) Wir sollten uns zu jeder Überzeugung möglichst viele Alternativen einfallen lassen, falls die erste sich als falsch erweist.

Das gleiche gilt für Handlungen.

Für die tägliche Praxis ist das ganz entscheidend:

Immer nach unhaltbaren Konsequenzen (Fehlern) suchen. Immer nach Alternativen suchen. Wenn man damit fertig ist und nichts dergleichen mehr neu auftaucht: Immer mit einer Revision rechnen, weil erneut Fehler oder bessere Alternativen auftauchen können.

Die Rolle der Kritik

Wenn unerwünschte Konsequenzen immer auftreten können, also 'Fehler', und wenn bessere Alternativen immer möglich sind, dann hilft es nichts, sich gegen Fehler und Alternativen abzuschotten. Wir kommen schneller zu vergleichsweise stabilen Ergebnissen, wenn wir alles getan haben, sämtliche Fehler und Alternativen, die uns möglich erscheinen, aufzuspüren.

Fehler und Alternativen suchen, das ist nur eine andere Ausdrucksweise für sich der Kritik aussetzen.

Ohne Kritik gibt es keine Verbesserung, also tun wir gut daran, möglichst viel Kritik möglichst schnell zuzulassen und uns nicht gegen Kritik zu 'immunisieren'.

Übertragungsprogramm

Die Ergebnisse gelten nicht nur für die Wissenschaft, sondern für jede menschliche Praxis, für Wissenschaft, Alltagsdenken, Glauben, Handeln, Recht, Moral, Theologie usw.:

  • Nirgendwo gibt es absolut bewiesene Wahrheit (Fallibilismus).
  • Überall lohnt sich die Fehler- und Alternativensuche (Kritizismus).
  • Nur der Alternativenvergleich führt zu befriedigenden Lösungen (Komparativismus).
  • Allein die Bereitschaft zu stets neuer Prüfung kann uns vor Enttäuschung bewahren (Revisionismus).

Antipositivismus

Früher glaubte man an "Gegebenes" (lateinisch: positivum), um dem oben genannten Begründungsproblem zu entkommen. In der Wissenschaft beispielsweise glaubte man, aus den gegebenen Tatsachen seine Theoriengebäude ableiten zu können. Heute weiß man, dass die Theorien akzeptabel sind, solange die vorhergesagten Tatsachen tatsächlich alle beobachtet werden können.

In Wirklichkeit ist es so in der Wissenschaft:

  • Die Tatsachen sind nicht das Gegebene, aus dem irgendwie (durch 'Induktion'?) die Theorie folgt, sondern sie sind die Prüfinstanz, an der sich die Theorien messen müssen!

So ist es auch in der Wirtschaft:

  • Die Verbraucher sind nicht das Gegebene, aus dem irgendwie die Wirtschaftstheorie folgt, sondern sie sind die Prüfinstanz für genial ausgedachte Wirtschaftstheorien!

So ist es auch in der Demokratie:

  • Die Wähler sind nicht das Gegebene, aus deren Willen irgendwie die Regierungsarbeit folgt, sondern sie sind die Prüfinstanz für die Qualität der gut ausgedachten Regierungsarbeit!

Transfer des Antipositivismus in andere Gebiete

Üben wir gleich mal den praktischen Transfer der Albertschen Ideen in andere Gebiete:

So ist es auch im Fernsehen:

  • Die Zuschauer sind nicht das Gegebene, und aus ihren Wünschen (oder aus den Einschaltquoten) folgen nicht irgendwie die Programme (etwa durch Befragungen), sondern die Zuschauer sind die Prüfinstanz für die Qualität der mit viel Fantasie und Können ausgedachten Programme!
Praktische Anwendung: Programmgestalter, bedient nicht nur vorhandene Interessen, sondern weckt Interessen, die heute noch nicht als das 'Gegebene' (positum, Positivismus) vorliegen!

So ist es auch in der Kunst:

  • Der Geschmack des Publikums ist nicht das Gegebene, auf dem Kunstwerke errichtet werden, sondern er ist die Prüfinstanz für genial und frei erfundene Kunstwerke!

So ist es auch mit unseren Vorstellungen von der Welt:

  • Die gesehene Welt ist nicht das Gegebene, das in unser Auge und von dort in unsere Gehirn fällt und die Vorstellungen erzeugt, sondern unser Gehirn erzeugt mit viel Fantasie und Können Vorstellungen, und die äußere Wirklichkeit ist die Prüfinstanz dafür, dass die Vorstellungen richtig sind!

So ist es auch im Leben:

  • Die Umgebung ist nicht das Gegebene, auf dem neue Baupläne der DNS aufbauen, sondern sie ist die Prüfinstanz, die über die Zweckmäßigkeit der neuen und irgendwie 'erfundenen' Baupläne entscheidet!

Philosophische Haarspalterei? Keineswegs. Der erste Teil der angeführten Sätze bezeichnet jeweils einen passiven Vorgang. Der zweite Teil zeigt, dass wir Aktivisten sein müssen, wenn wir erfolgreich leben wollen.

Wir müssen erkennende, politische, moralische, künstlerische, fernsehprogramm-erfindende usw. Aktivisten sein, die mit viel Fantasie und Erfindungsgeist Vorschläge einbringen, die dann von der 'gegebenen' Wirklichkeit geprüft, gewählt oder abgewählt werden.

Ist Philosophie ein "Orchideenfach", oder kann sie das Leben verändern?

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