Studienführer Hans Albert: Was man lesen sollte

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Inhaltsverzeichnis dieses Abschnitts:

Ein zentraler Aufsatz, den man lesen sollte

Wo fängt man an, wenn man von Hans Albert noch nichts oder nicht viel weiß? Gibt es einen Aufsatz, der am schnellsten über seine Ideen und seine Schreibweise aufklärt?

Ja, den gibt es und er wurde freundlicherweise von der Zeitschrift "Aufklärung und Kritik" ins Internet gestellt, so dass ihn jeder hier online lesen kann: Hans Albert, Die Idee der Kritischen Vernunft, Aufklärung und Kritik 2 (1994) S. 16 ff.: hier der Aufsatz auf www.gkpn.de. (Anmerkung: Wir danken in diesem Zusammenhang ausdrücklich denen, die die Idee der freien Verbreitung von Wissen tatkräftig unterstützen. Die von Hans Albert mitherausgegebene Zeitschrift Aufklärung und Kritik verbreitet viele ihrer veröffentlichten Aufsätze unter [1].)

Die Tradition der kritischen Diskussion

Albert geht als erstes darauf ein, dass Politiker und Sonntagsredner oft die abendländische Tradition beschwören. Er findet es falsch, dass man damit meist nur auf die christliche Tradition anspielt. Denn eine ganz wichtige Tradition wird dabei übersehen und verdrängt, und das ist die, die wir den "alten Griechen" verdanken, eine Tradition, die schon über 2500 Jahre alt ist, also viel älter als das Christentum.

Das ist die Tradition der kritischen Diskussion; die Tradition, über politische oder sonstwelche Dinge zu reden und immer darauf zu achten, ob nicht einer etwas sagt, was falsch ist. Oder ob er - damals war "sie" bei den Debatten noch nicht dabei - irgendeine bessere Alternative übersehen hat. Das Suchen nach Fehlern und besseren Alternativen kann man so verinnerlichen und an nachfolgende Generationen weitergeben, dass es zu einer Tradition wird: die Tradition der kritischen Diskussion.

Tatsächlich wurde diese Tradition immer wieder unterbrochen, aber besonders in der Renaissance und in der Aufklärung zu neuem Leben erweckt.

Wie wichtig diese Tradition heute wieder ist! In der großen kulturellen Auseinandersetzung unserer Tage (culture clash), der Auseinandersetzung mit dem Islam, ist es wichtig, dass wir an eine Tradition anknüpfen, die wir mit den Muslims teilen können. Und das ist nicht das Christentum. Das ist die Tradition des Diskutierens, die die Griechen mit Leidenschaft betrieben. Aber nicht die kämpferische, die besiegen will, sondern die kritische Diskussion, die von anderen lernen will:

  • Gemeinsam versuchen, keine allzu großen Fehler zu machen. Uns gegenseitig auf Fehler aufmerksam machen.
  • Alternativen auszuprobieren, um herauszufinden, was sich in unserem Zusammenleben am besten bewährt.
  • Zum Ausprobieren der Alternativen brauchen wir den Pluralismus! Den Pluralismus der Lebensweisen und den Pluralismus der Denkweisen.
  • Dazu gehört auch, was die sonst so charmanten Griechen nicht wahrhaben wollten: Wir müssen natürlich auch das Potential der Frauen einbeziehen.

Das Kritisieren hat in Deutschland keinen guten Ruf. Kommt das noch von Goebbels her, der es als jüdischen Zersetzungsgeist diffamierte? Reden wir deshalb so gerne von destruktiver Kritik? Warum soll gute, wertvolle Kritik nicht destruktiv sein? Sie zerstört nur, was fehlerhaft ist! Wer will denn auf seinen Fehlern sitzenbleiben? Sie zerstört nur den Glauben daran, dass es nur eine Alternative gäbe, nur eine Religion, nur eine Partei. Wer nur einen Weg kennt, wer nur ein Buch liest, sollten wir dem wohl glauben können, wenn er sagt, dass nur dieser eine Weg der richtige ist und nur dieses eine Buch lesenswert?

Wenn wir den Wert der kritischen Diskussion einmal begriffen haben, wissen wir, warum wir viele Alternativen ausprobieren müssen: Nur wer Auswahl hat, kann das Bessere wählen! Aber wir können nicht zugleich Muslim sein und Christ; Grüne und CDU; Mann und Frau. Deswegen müssen wir akzeptieren und uns freuen, dass andere die anderen Alternativen ausprobieren und wir sie vergleichen können. Wer weiß, wie weit die anderen kommen werden? Aber es ist unser gutes Recht, in dem, was uns betrifft, unsere eigene Lebensvariante und unsere eigenen Denkweisen auszuprobieren. Hauptsache wir diskutieren miteinander und lernen voneinander!

Nach vorne schauen auf die Konsequenzen, nicht rückwärts auf die Begründung

Albert geht deshalb darauf ein, dass es der falsche Weg ist, seine Glaubenssätze zu rechtfertigen, immer wieder nach Begründungen oder Letztbegründungen zu suchen, und diesen einen Weg, den man für den besten hält, für alle Zeiten einzubetonieren. Viel wichtiger ist doch:

  • Welche Konsequenzen hat unser Denken, unser Glauben und Handeln. Für uns selbst und für andere.
  • Folgt etwas Gutes daraus? Dann ist es egal, ob ich mein Denken und Handeln auf Adam und Eva zurückführen kann oder auf sonstwas.
  • Sind wir noch offen, um Verbesserungen anzunehmen? Das ist die (Lebens-)entscheidende Frage!

Weiche nie der Kritik aus!

Ganz falsch ist es, das, was man denkt und glaubt und handelt, gegen Kritik abzuschirmen. Dazu haben die Menschen unzählige Strategien erfunden: Kritikimmunisierungsstrategien. Das ist das unmögliche Wort für die Abschirmung gegen Kritik. Die Philosophie braucht leider ab und zu monströse Wörter, damit wir uns einen wichtigen komplexen Sachverhalt besser merken können. Wie funktioniert die Abschirmung oder Immunisierung gegen Kritik?

  • Sich vage ausdrücken.
  • Komplizierte, gelehrte, aber undurchschaubare Reden halten.
  • Dogmatische Behauptungen aufstellen über angeblich letzte wahre Sätze.
  • Die Behauptung, dass nur Fachleute bestimmte Texte auslegen dürfen. Zum Beispiel die Bibel. (Dem machte Luther einen Strich durch die Rechnung. Und Galilei schrieb seine Wissenschaft in seiner Muttersprache und nicht mehr in Latein. Aber verstecken heute nicht auch wieder Wissenschaftler ihre Ergebnisse hinter einer Fachsprache, die sie vor Kritik schützt?)
  • Die Behauptung, dass die Wahrheit relativ ist und je nach Kultur jeder etwas anderes für wahr halten darf. (Aber ist es wahr, dass man die Folter allgemein als angenehm empfindet und nur in der "westlichen" Kultur nicht?)
  • Die Behauptung, dass die Auffassungen von Leuten verschiedener Kulturen 'inkommensurabel' seien (also unvergleichbar wie Äpfel und Birnen), und man deshalb nicht sagen könne, wer Recht habe. (Es geht auch nicht um das Rechthaben! Aber wenn einer Fehler macht oder die bessere Alternative in den Wind schlägt, wäre es schon sinnvoller, er oder sie würde sich nicht auf diese Weise gegen Kritik verschanzen.)
  • Die Behauptung, dass die Leute des einen Fachbereichs nichts über das sagen können, was in einem anderen Fachbereich geschieht.
  • Die Behauptung, dass, wer etwas ohne Zweifel glauben kann, eine bewundernswerte Fähigkeit besitze. (Das Gegenteil ist der Fall: Nur wer zweifeln kann, hat Chancen, wenigstens ein paar seiner Fehler im Laufe seines Lebens loszuwerden.)

Das ist der Inhalt des Textes. Wir haben ihn absichtlich in ganz anderen Worten wiedergegeben. Denn den Originaltext kann ja jeder selber lesen. Hier wird er gewissermaßen noch einmal in einem anderem Licht dargestellt und etwas vereinfacht. Hans Alberts Text ist viel umfangreicher. Jeder Satz ist sehr gut überlegt. Versuche mal, einen zu streichen! (Nicht einfach.) Alberts Texte sind keine leichten Texte. Sie sind oft sehr abstrakt: das heißt, sie haben eine sehr weit reichende Bedeutung. Andererseits muss man mitdenken und sich die Beispiele dazu oft selber einfallen lassen.

Vergleiche die Philosophen!

Andere Philosophen sind viel schwerer zu lesen (z. B. Heidegger oder Luhmann oder Habermas). Bei dieser Gelegenheit: Wie schwer darf denn ein philosophischer Text sein? - Ganz einfach: Ein Text ist in Ordnung, wenn du am Schluss sagen kannst: Das Lesen ist der Mühe wert! (Judith Macheiner)

Bibliographisches und weiterführende Literatur

Alberts zentraler Aufsatz Die Idee der Kritischen Vernunft erschien erstmals 1963 und ist seitdem etliche Male verbessert wiederabgedruckt worden. 'Die Idee der kritischen Vernunft. Zur Problematik der rationalen Begründung und des Dogmatismus', Jahrbuch für kritische Aufklärung: Club Voltaire (Hg. G. Szczesny), Band I, München 1963; und dann nochmals in der gleichen Reihe im IBDK-Verlag Berlin 1989, Bd. I, S. 17-30. Danach brachte ihn Kurt Salamun als UTB-Taschenbuch heraus in: 'Was ist Philosophie?' Tübingen 1980, S. 188-203. Er wurde auch in zwei späteren Büchern verwendet (siehe in der Bücherliste B3 und B5, dort als Kap. I). 1994 erschien er in Aufklärung und Kritik 2(1994) S. 16 ff. und ist nun endlich auch im Internet verfügbar.

Weitere solcher leicht verständlichen Aufsätze findet man im Hans Albert Lesebuch (UTB, Mohr Siebeck 2001). Sie führen quer durch Alberts Schaffen in den Jahren 1964 bis 1991.

Oder sehr gut ist auch Eric Hilgendorfs 'Hans Albert zur Einführung' im Junius-Verlag (Taschenbuch 1997). Diese Einführung lässt auch den Autor selber sprechen und zitiert viele originale Textstellen. Sie erläutert auf leicht verständliche Weise Alberts zentrale Thesen zum 'Kritischen Rationalismus'.

Wer Interesse an dieser Philosophie gefunden hat, kann sich nun systematisch einlesen. Dafür eignet sich am besten der leicht lesbare UTB-Band: Hans Albert, Kritischer Rationalismus (UTB, Mohr Siebeck, Tübingen 2000). Die einzelnen Kapitel behandeln alles, was in der Philosophie (und im Leben!) wichtig ist:

  • Erkenntnis, Wahrheit und Wirklichkeit
  • Werturteil, Recht und soziale Ordnung
  • Sinn, Verstehen und Geschichte
  • Wissen, Glaube und Heilsgewissheit
  • Wissenschaft und Verantwortung

Für Studenten, die sich tiefer einarbeiten wollen, geht es weiter mit dem Abschnitt Schnelles Kennenlernen.

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