Einführung in die Theorien der internationalen Beziehungen/ Realismus

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Realismus
Erkenntniskategorien
  • - Macht
  • - Interesse
Grundannahmen
  • - Die Staatenwelt befindet sich in einem anarchischen Zustand, und kein übergeordneter Hegemon kann für die Sicherheit eines einzelnen Staates sorgen
  • - Das Überleben des Staates stellt sein höchstes Interesse dar
  • - Staaten verfolgen daher eine Strategie der Machtmaximierung, die ihr Überleben sicherstellen soll
Zentrale Akteure
  • - Nationalstaat
Vertreter/innen
  • - Edward H. Carr
  • - George Kennan
  • - Hans J. Morgenthau
  • - Reinhold Niebuhr
  • - Frederick Schuman

4. Realismus in den internationalen Beziehungen[Bearbeiten]

Die realistische Schule der internationalen Beziehungen gewann im Zuge des Zweiten Weltkriegs an Bedeutung und kann heute als die dominierende IB-Theorie gelten, auch wenn sie nach dem von ihr nicht vorhergesehenen Ende des Kalten Krieges deutlich an Strahlkraft verlor. Sie löste in den 1940er Jahren den klassischen, optimistischen Liberalismus ab und setzte an seiner Stelle ein pessimistischeres, in den Augen seiner Verfechter "realistischeres" Bild von der Gemeinschaft der Staaten durch.

Anleihen für dieses Bild wurden unter anderem bei dem Philosophen Thomas Hobbes gemacht. Hobbes hatte auf den ursprünglich anarchischen Zustand zwischen allen Menschen hingewiesen, der einem Kampf aller gegen alle gleichkommt. So kam er zu seinem Kernsatz: "Der Mensch ist des Menschen Wolf" (homo homini lupus est). Die realistische Theorie überträgt diesen Gedanken auf das internationale Staatensystem und spricht von einer Anarchie der Staaten.(Ausführlich dazu und zur Kritik an dieser Übertragung siehe Bühler, Joachim; Thomas Hobbes in den internationalen Beziehungen (2007), S.8-40) In diesem nicht von einer übergeordneten Macht kontrollierten System kommt es allen Beteiligten vor allem darauf an, ihre eigenen nationalen Interessen zu verfolgen und ihre Macht zu erhöhen, denn nur so können sie ihr Überleben, ihr höchstes und universales Interesse sicherstellen. Das Stichwort der "balance of power" bekommt große Bedeutung, denn durch sie können die Staaten sich zusätzliche Garantien verschaffen, nicht militärisch erobert zu werden.

Weitere Anleihen macht der Realismus beim griechischen Denker Thukydides und besonders dessen berühmtem Melierdialog. Darin wird berichtet, wie das klassische Athen während des Peloponnesischen Kriegs eine rigorose Machtpolitik gegen den neutralen Inselstaat Melios verfolgte, an dessen Ende die Zerstörung von Melios (aber wenig später auch die Niederlage Athens!) stand.

In diesem Abschnitt werden die Kerngedanken der realistischen Theorie näher beleuchtet und einige ihrer Hauptvertreter/innen vorgestellt. Den Abschluss bildet eine kritische Betrachtung des Realismus.

Macht und Interesse[Bearbeiten]

Macht und Interesse stellen den Kern der realistischen Theorie der Internationalen Beziehungen dar. Das höchste Interesse aller Staaten ist nach dem Realismus das Überleben. Alle anderen Interessen, seien sie ökonomischer, humanitärer oder sonst welcher Natur, werden letztlich dem Überleben des Staates untergeordnet. Denn mit der Auflösung eines Staates können auch seine anderen Interessen nicht länger verfolgt werden, so dass der Weiterexistenz immer die höchste Priorität zugeordnet wird.

Um das eigene Überleben zu sichern, greifen Staaten auf Macht als Mittel zurück. Während Menschen innerhalb eines Staates bei einer Bedrohung die verfügbaren Notrufnummern wählen können, steht im internationalen Staatensystem eine solche Möglichkeit nicht zur Verfügung. Aus diesem Grund greifen Staaten auf Selbsthilfe zurück. Um sich gegen eine Bedrohung von außen zu wappnen, rüsten sie sich militärisch für den Fall eines Überfalls. Der Wunsch nach Selbstverteidigung erklärt nach dem Realismus also Aufrüstung. Denn ein zur Verteidigung gerüsteter Staat kann seine Militärmacht natürlich auch in aggressiver Weise gegen seine Nachbarn einsetzen, so dass ein gegenseitiges Wettrüsten allein mit dem Wunsch nach Sicherheit erklärt werden kann.

Der Gegensatz zwischen den demokratischen USA...
...und der kommunistischen Sowjetunion prägte den Kalten Krieg, den der Realismus besonders gut zu erklären beanspruchte.

Besonders kleinere Staaten sehen sich in einem solchen Rüstungswettlauf schnell mit der Begrenztheit ihrer Ressourcen konfrontiert. Aus diesem Grund verfolgen sie gezielt eine Politik des Machtausgleichs (balance of power), zum Beispiel durch das Schmieden regionaler Verteidigungsbündnisse. Ziel ist es, die Kosten eines Angriffes auf das eigene Territorium so hoch werden zu lassen, dass ein potenzieller Aggressor keinen Angriffskrieg beginnen wird. Eine weitere Strategie ist das gegenseitige Ausspielen von Konkurrenten, so dass sie ihre Macht gegeneinander richten und nicht anderweitig einsetzen können. Beispielsweise hat Großbritannien im 19. und 20. Jahrhundert eine solche Strategie verfolgt.

Für den Realismus kommt es in seiner Analyse nicht auf die absolute Macht eines Staates an. Viel wichtiger ist den Staaten ihre relative Macht, die sie gegenüber ihren Kontrahenten haben. Im Falle der militärischen Rüstung führt das dazu, dass keiner der Akteure relativ zu seinem Kontrahenten an Macht verlieren will. Ein militärisches Wettrüsten kommt daher in der Regel einem Nullsummenspiel gleich, wenn nicht beide aufrüstenden Staaten bis an die Grenze ihrer wirtschaftlichen Belastbarkeit gehen.

Der Realismus konnte mit seiner Konzeption von Macht und Interesse in der bipolaren Welt des Kalten Krieges eine bestechende Handlungsanleitung für die Außenpolitik des neuen Hegemons der westlichen Welt, den USA liefern. Er legitimierte den Einsatz unmoralischer Mittel, wenn dadurch das Überleben der USA sichergestellt und der Kommunismus zurück gedrängt werden konnte. Im Zuge der Auflösung des Ostblocks und den dann einsetzenden Entwicklungen verlor der Realismus allerdings an Bedeutung und sah sich einer Vielzahl von Kritiken ausgesetzt, auf die er erst langsam reagieren konnte. Schwierigkeiten machen dem Realismus seit den 1990er Jahren besonders Phänomene wie regionale Integrationen oder humanitäre Interventionen, die mit seinen Analyseinstrumenten nur unzureichend erklärbar sind. Erst die Zukunft wird zeigen, wie stichhaltig das Weltbild des Realismus die Entwicklungen des 21. Jahrhunderts zu erklären vermag, und ob er sich weiterhin als dominante IB-Theorie verstehen kann.

Duale Moral[Bearbeiten]

Realistische Denker/innen gehen davon aus, dass Moral und Ethik in der Staatsführung keine Rolle spielen sollten. Hierin lehnen sie sich an die Betrachtungen Niccolò Machiavellis an, der einem Fürsten davon abriet, sich anstelle seines ureigenen Interesses an ein universelles Ideal zu halten, wenn ihm seine Macht lieb ist. Gleichwohl verneinen Realisten keineswegs die Existenz solch universeller Werte. Sie trennen hier allerdings die politische von der individuellen Sphäre und verweisen Moral und Ethik in den Bereich der Staatsbürger/innen. Die Staatslenker/innen hingegen seien besser beraten, wenn sie ihre Entscheidungen nach dem Interesse der Nation als Ganzes verfolgen.

Als Beispiel für eine solche Politik gibt Hans J. Morgenthau den Ersten Weltkrieg an, in dem England gegen Deutschland in den Krieg zog, nachdem dieses Belgien überfallen hatte. Unter realistischer Betrachtung wäre es sehr unratsam gewesen, im umgekehrten Falle einer Verletzung der belgischen Neutralität durch Frankreich diesem gleichsam den Krieg zu erklären, auch wenn der rechtliche Status Belgiens dies wahrscheinlich erforderlich gemacht hätte. Ein solches unkluges Verhalten nennt Morgenthau "legalistisch", denn es hält sich unterschiedslos an die bestehende rechtliche Lage, auch wenn dadurch schwere Nachteile für die eigene Nation einhergehen. Wenn weniger rechtliche, sonder vielmehr ideelle Gründe für ein nach realistischen Maßstäben ungeschicktes Verhalten vorliegen, kann von der Verfolgung eines "moralistischen" Ansatzes gesprochen werden. Dieser liegt dann vor, wenn auf eine vorteilhafte Kooperation mit einem Staat verzichtet wird, der, wie von Morgenthau am Beispiel Chinas dargelegt, fortwährend Menschenrechte verletzt.

Beide Ansätze, der legalistische und der moralistische, können nach realistischer Betrachtung nachteilige Folgen für den Status einer Nation nach sich ziehen, und eine realistische Außenpolitik vermeidet sie folgerichtig wann immer es möglich ist. Realisten betonen, dass der Staat selber eine moralische Macht darstellt, und einer seiner Aufträge ist der Schutz der eigenen Bevölkerung. Um diesen zu gewährleisten, ist es notwendig, als Staat auch unmoralisch zu handeln. Denn ein nach individuellen Maßstäben moralisch handelnder Staat gefährdet die Menschen innerhalb seiner Grenzen, so dass er letztlich moralisch zu versagen droht.

Sechs Prinzipien des klassischen Realismus[Bearbeiten]

Der realistische Theoretiker Hans J. Morgenthau hat in seinem Buch Politics Among Nations sechs Prinzipien des politischen Realismus veröffentlicht. Diese formulieren für ihn die Basis des Realismus in den IB und lauten wie folgt:

  1. Der politische Realismus geht davon aus, dass die Politik, so wie die Gesellschaft allgemein, von objektiven Gesetzen beherrscht wird, deren Ursprung in der menschlichen Natur liegt. Um die Gesellschaft zu verbessern, muss man vor allem jene Gesetze verstehen, denen sie gehorcht... Für den Realismus besteht Theorie darin, Tatsachen festzustellen und ihnen durch Vernunft Sinn zu verleihen.
  2. Das hervorstechendste Wegzeichen, an dem sich der politische Realismus im weiten Gebiet der internationalen Politik orientieren kann, ist der im Sinne von Macht verstandene Begriff des Interesses. Dieser Begriff ist das Bindeglied zwischen der Vernunft, die sich bemüht, internationale Politik zu verstehen, und den zu bewältigenden Tatsachen.
  3. Der Begriff des Interesses definiert als Macht ist nicht zeitlos, sondern immer unter den jeweiligen politischen Umständen zu verstehen; die Ziele, die Nationen in ihrer Außenpolitik verfolgen und für deren Umsetzung sie Macht benötigen, können ein ganzes Spektrum von grausamer Eroberungspolitik bis hin zu aufgeklärter Ordnungspolitik umfassen; auch der Begriff der Macht ist abhängig von den zeitlichen Umständen.
  4. Der politische Realismus ist sich der moralischen Bedeutung politischen Handelns bewusst, geht aber davon aus, dass die direkte Verfolgung moralischer Ziele in der Politik eher zum Gegenteil dessen führt, was man erreichen will; es kommt darauf an, moralische Ziele in der Politik in realistischer Weise zu verfolgen.
  5. Politischer Realismus lehnt es ab, die moralischen Ambitionen in der Außenpolitik einzelner Länder für bare Münze zu nehmen. Vielmehr kommt es darauf an, die dahinter stehenden Interessen eines Staates zu analysieren, erst dann ist zu fragen, ob die Politik dieses Landes tatsächlich eine moralisch positive oder negative Folge haben wird.
  6. Im politischen Realismus zählt die Autonomie des Politischen über dem Ökonomischen; d.h. Politik ist der Ökonomie übergeordnet, nicht umgekehrt; politischer Realismus sucht die Gesetzmäßigkeit der Politik mit der gleichen methodischen Strenge zu beurteilen, wie die Wirtschaftswissenschaften das wirtschaftliche Leben analysieren.
(zitiert nach Krause 2005 (PDF))

Literatur[Bearbeiten]

  • Bühler, Joachim (2007): Thomas Hobbes in den internationalen Beziehungen - Zur Existenz eines zwischenstaatlichen Naturzustandes in der politischen Philosophie von Thomas Hobbes, Saarbrücken, ISBN 3-836-44559-X
  • Buzan, Barry, Charles Jones und Richard Little (1993): The Logic of Anarchy: Neorealism to Structural Realism, ISBN 978-0231080415
  • Carr, Edward H. (2001 / 1939): The Twenty Years' Crisis, ISBN 978-0333963777
  • Keohane, Robert O. (Hrsg.) (1986): Neorealism and Its Critics, ISBN 978-0231063494
  • Mearsheimer, John J. (2003): The Tragedy of Great Power Politics, ISBN 978-0393323962
  • Morgenthau, Hans J. (1967 / 1948): Politics Among Nations, ISBN 978-0070433069
  • Waltz, Kenneth (1979): Theory of International Politics, ISBN 978-0075548522

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