Mehr wilde Natur durch Gartenrenaturierung/ Übersicht verschaffen

Aus Wikibooks
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Zurück zu „Warum renaturieren?“ Zurück zu „Warum renaturieren?“        Hoch zum „Inhaltsverzeichnis“ Hoch zum „Inhaltsverzeichnis“         Vor zu „Grundwissen“ Vor zu „Grundwissen“


Was finden wir vor?[Bearbeiten]

Versiegelten, verdichteten, schlimmstenfalls vergifteten Flächen und Standardgärten kann man mit sinnvollen Maßnahmen helfen: Fragen Sie den ehemaligen Eigner, was dort wächst und woher er das Saat- und Pflanzgut hatte. Möglicherweise führt er Sie gerne herum. Fragen Sie nach ehemaligen Bergbauhalden, Müllkippen, Militärgelände, vor allem, bis wann eine ehemalige landwirtschaftliche Fläche genutzt wurde und was dort angebaut wurde (Quecksilberverbindungen in Beizmitteln[1]).

Da das Angebot von Bauplätzen immer rarer wird, werden auch belastete Grundstücke zur Bebauung freigegeben. Vergiftete oder kontaminierte Flächen zeichnen sich durch wenig Pflanzenbewuchs und kahle Flecken aus. Entseuchung: bestimmte Pflanzen können z .B. Schwermetallverbindungen in ihren Zellen anreichern und sind ein sicherer Anzeiger für gewisse Stoffe im Boden. Hier ist allergrößte Vorsicht geboten. Großflächig Boden auskoffern incl. Entsorgung z. B. kann enorme Kosten verursachen; vertrauen Sie dabei nicht auf das Verursacherprinzip. Keine Angst – aber Augen und Ohren auf!


Pflanzenbestimmung mit Buch oder Internetseite:
Wie viele Kronblätter zählen Sie an einer Einzelblüte ?

Bei Interesse können Sie anhand einer aufmerksamen Beobachtung eine Pflanze genau identifizieren. Das Frühjahr und der Sommer sind die besten Jahreszeiten, um eine Pflanze nach der Blütenfarbe, Form, Anzahl der Blütenblätter[2] und weiteren Merkmalen wie z. B. der Blattform zu bestimmen. Eine gute Lupe in der Hand, die auch 1-2 mm kleine Blüten darstellen sollte, ist ratsam. Es geschieht allerdings häufig, daß Sie nicht fündig werden. Oft werden kleine, unscheinbare Merkmale übersehen: beispielsweise der Wandel vom obersten zum untersten Blatt einer ausgewachsenen Pflanze oder Wuchsstadien eines ganzen Pflanzenlebens! Häufig treten auch unterschiedliche deutsche Artnamen auf.

Alle Lebewesen haben einen Stammbaum und so geschieht es, daß eine Art getrennt wird – durch eine unterschiedliche, geographische Lage beispielsweise. So hat sie sich über einen sehr, sehr langen Zeitraum etwas anders entwickelt: Vielen längst ausgewanderten Stammesbrüdern und -schwestern einer Familie gleich. Meint: es reicht, um zumindest eine Gruppe verwandter Pflanzen[3] einzukreisen.

Nach meiner persönlichen Erfahrung fehlte mir ab und an die ganz genaue Form eines Blattes in gewisser Höhe am Stengel der Pflanze, die zu einer bestimmten Art, dem Deutschen Namen, führt. Der genaue Treffer. Dazu braucht es in der Regel mehrere exakte Abbildungen bzw. Photos! Die sind nicht immer sofort zu finden und es braucht manchmal viel Geduld. Viele Pflanzen verändern auch durch ihren Wuchs überraschend die Gestalt. Nun, Sie werden immerzu eine neue Spezies vorfinden.

Schönheit im Kleinen

So wie die hier. Selbst im Kleinen verbirgt sich Schönheit. Acht Jahre lang bin ich achtlos mit dem Rasenmäher und 32er–Schnitt alle 2 Wochen darüber gefahren und darauf herumgetreten. Nun wächst alles aus und zeigt filigranste Blütenpracht: Feld-Ehrenpreis (Veronica arvensis). Die Blüte hat einen Durchmesser von nur circa 3 Millimeter!

Beobachtungen am Tag und auch bei der Nacht liefern nützliche Informationen. Ja, Sie lesen richtig. Befinden sich Insekten auf den Blüten? Warum das? Nun, vielen Zier- bzw. Zuchtpflanzen, Busch oder Baum wurden bereits alle möglichen Eigenschaften eingekreuzt oder weggezüchtet, und so manche produzieren z. B. nicht einmal Nektar!

Oder Neophyten und Neozoen: das sind invasive Pflanzen und Tiere von fremden Kontinenten, die nicht die diese Region gehören. Es gibt erschreckend viele. Der Oberbegriff lautet Neobiota. Sie kommen aus aller Welt. Invasive Tiere sind z. B. die berühmten Amerikanischen Kartoffelkäfer, bei Pflanzen z. B. der Japanische Riesenknöterich. Es bedarf also der Ausmerzung solcher.

Was allerdings großräumig verschwunden und ausgerottet ist, kommt möglicherweise niemals auf natürlichem Wege wieder zurück.

„Ich glaube, die Einsicht in die eigene Begrenztheit ist Voraussetzung für das Weiterleben des Menschen.“

Zitat von Konrad Lorenz: Tierverhaltensforscher, Autor und Nobelpreisträger, * 7. November 1903, † 27. Februar 1989


Es gibt diverse weiträumige Renaturierungsversuche, in denen nicht nur Pflanzen sondern gar Insekten in Form von Puppen oder Raupen widerangesiedelt werden. So braucht es überlegter Starthilfen, die Förderung und Ansiedlung von heimischer Flora und Fauna. Dann wird es sich zeigen, was passiert. Viele Tiere sind neugierig. Vögel z. B. suchen stets nach neuen Territorien, und auf einmal entdecken Sie eine Art im Garten, die vormals nie gesichtet wurde. Da springt das Herz. Es wandern allerdings auch welche ab. Die Bachstelze z. B. mag gerne übersichtlichen Rasen.

Entscheiden Sie selbst, was sie wollen. Lassen Sie den Garten entweder gänzlich in Ruhe oder schaffen Sie recht schnell neuen Lebensraum – oder eine Mischung aus beidem. So habe ich es auch gemacht. Es braucht Zeit, Wissen, Geduld und gelegentlich auch Investitionen von Geld und Arbeit. Denn wir möchten mit unserem Projekt ja schon gerne eine Veränderung noch zu unseren Lebzeiten sehen.

Was muss weichen?[Bearbeiten]

Sträucher bzw. Gehölze wie giftiger Kirschlorbeer (Kleinasien), giftige, gezüchtete Rhododendren[4] (nahezu aus aller Welt, giftige Pollen und Nektar – im Deutschen Bienenhonig!), Thuja (Lebensbäume – China, Japan, Nordamerika), Runzelblättriger Schneeball (China Hochland) und Forsythie (kein Nektar – Asien) – sie alle gehören nicht in unsere Gärten. Sie dienen einzig als immergrüner Sichtschutz, sollen gefällig blühen und pflegeleicht sein. All diese Pflanzen kommen aus Übersee und erfüllen hier in der Natur keinerlei ökologischen Zweck und sind wertlos. Zudem sind sie extrem schwierig von der Natur zu kompostieren und beherbergen kaum ein fressbares Insekt.

Im Zusammenhang mit einer großen Fläche Zuchtrasen entpuppt sich diese Melange als ökologische Wüste. Sie ist grün, ja. Sehr viel mehr aber auch nicht. Kaum noch Saatgut, Insekten oder Würmer bleiben für all die hungrigen Tiere übrig, allein die Engerlinge der Maikäfer fühlen sich hier wohl. Nur die Opportunisten unter den Vögeln wie Spatzen, Amseln und Krähen bleiben dann noch. Das ist die Realität. Weitaus schlimmer sind nur noch Stein- oder Kiesgärten. Da kommt die gewaltige Temperaturspeicherung bei Sonnenschein im Steingut noch oben drauf auf die Hitzeenwicklung unserer Städte. Kaum einer macht sich Gedanken darüber, daß sich auf solchen Flächen so gut wie nichts mehr abspielt. Vielen jungen Menschen fällt das gar nicht auf, weil sie es gar nicht anders kennen.

Die Menge gezüchteter Zierpflanzen, wie z. B. Stauden des Türkischen Ziermohns, der sich unterirdisch durch Ausläufer vermehrt, ist gewaltig groß: Viele Pflanzen (Gemüse und Kräuter) sind mit Absicht so überzüchtet und deformiert, daß sie sich weder per Samen fortpflanzen (Hybriden[5]), noch Nektar[6] (Geranien z. B.) oder Pollen spenden können.

Für alles gilt: beobachten, identifizieren und möglichst mit Wurzeln ausgraben!

Rückbau[Bearbeiten]

Eine Renaturierung per Definition ist eigentlich unmöglich. Die Verwüstung einer Fläche kann man zwar nicht reparieren – geboren wird nun der Plan vom Rückbau. In größeren Dimensionen gibt man begradigten, schnell fließenden Flüssen und Bächen zum Beispiel sein altes, mäanderndes Flussbett zurück oder schafft ein neues. Es werden typische Bäume eines Auenwaldes gepflanzt wie Schwarz-Pappel, Ulme, Weide, Schwarz-Erle und Esche. Dazu ein paar heimische, regionale Uferpflanzen. Danach läßt man es in Ruhe. Der moderne Hochwasserschutz nimmt sich diesbezüglich solcher natürlichen Maßnahmen mehr und mehr an. In unserem kleinen Rahmen denken wir an den Einzug insektenenfreundlicher Wildpflanzen in Form einer Wiese. Und warten ab, was sich bereits nach ein, zwei Jahren so tut. Seit 2016 steht mein Mäher ungenutzt im Schuppen. Die Zeit, die ich einst mit Rasenmähen verbracht habe, investiere ich in die Wiederansiedlung von Wildpflanzen.

Achten Sie beim Rückbau von Stein- oder Kiesgärten auf das Abtragen der Steinschicht. Arbeiten Sie sich von der Seite langsam vor. Denn darunter befindet sich noch ein Kunststoffvlies, das jeden Durchwuchs von Pflanzen verhindern soll. Versuchen Sie es möglichst vorsichtig aufzurollen und rückstandslos zu entfernen.

Wenn man unbedingt einen Gärtner konsultieren will, dann sollte man auf ökologisch sinnvolle, ausschließlich heimische Pflanzen bestehen. Erste Wahl sind immer heimische Wildformen (Gehölze, Obst, Wildblumen, Gemüse). Bei Gehölzen z. B. Eberesche (Vogelbeerbaum), Sanddorn, Weißdorn, Holunder, Haselnuß oder Brombeere. Bei Obstgehölz alte Sorten, z. B. Äpfel, möglichst spätblühend und hitzebeständig. Bei Gemüse und Wildblumen auf samenfestes[7] Bio-Saatgut bestehen. Auf keinen Fall aber einen sogenannten Hybriden.

Blüten vom Roten Fingerhut

Feldrittersporn, Anisysop, Fingerhut, Königskerze, Leinkraut, Spitzwegerich, roter Klatschmohn, Klee, Hohlzahn, Flocken- und Kornblumen blühen nun über den Sommer und erfreuen die Lebewesen. Vögel, Insekten, Säuger... alle ernähren sich davon: Blattgrün, Blüten, Samen, Nektar, Pollen usw...!

Am Ende gilt: man muß eben auch etwas abgeben können. Wir können es uns leisten. Jedes Lebewesen will sich fortpflanzen und braucht Nahrung. Die Natur ist weder gut noch böse, sie kann töten oder Leben erschaffen und sucht nach keinem Sinn. Es fehlt dem Menschen schlicht die Einsicht zu verstehen, jedem Lebewesen seine Freiheit und die Erfüllung seines Daseins zu zugestehen.

„Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten. Aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen."

Zitat von Arthur Schopenhauer, Philosoph, * 22. Februar 1788, † 21. September 1860


Ein starkes, inneres Bedürfnis, mit dem Versuch der Renaturierung ein wenig von dem zurückzugeben, was der Mensch zur sogenannten Kulturlandschaft verunstaltet hat, sei die Fläche auch noch so klein, hilft der Natur. Und dem Menschen, denn der ist ein Teil davon. Er kann sich nicht entziehen. Sie werden große Freude daran haben, wie sich das neue Habitat entwickelt und wie sich Jahr für Jahr die neue Wildheit breit macht. Die Artenvielfalt wächst, Tiere wandern ein, erobern einen besseren Lebensraum. Weil sie neugierig sind.

Man mag es mir übel nehmen, wenn Fehler und Ignoranz der Menschen zu einem negativen Bild gezerrt werden. Aber die Dinge müssen angesprochen werden, auch wenn vor Stress und Arbeit viele Leute den Feierabend am liebsten auf der Couch verbringen möchten. Wir müssen einfach lernen, der wilden Natur mehr Raum zu lassen. Machen Sie was.

„Wenden in einem Leben, beginnen immer mit Mutproben.“

Zitat von Horst Stern, Wissenschaftsjournalist, Filmemacher und Schriftsteller, * 24. Oktober 1922, † 17. Januar 2019


Wir befinden uns im südlichen Teil Niedersachsens.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Saatkorn in einer Hülle von Pflanzenschutzmitteln, die äußerlich wie innerlich wirken
  2. botanisch: Kronblätter
  3. taxonomisch: Familie
  4. Es gibt nur drei heimische Rhododendren: Rostblättrige- & Bewimperte Alpenrose und Sumpfporst. Informieren Sie sich beim Pflanzenkauf!
  5. Unter einem Hybriden versteht man das Saatkorn einer Pflanze, die gentechnisch manipuliert, gekreuzt wurde und in der nächsten Generation Samen produziert, die ihre ursprünglichen Eigenschaften verlieren werden oder gar nicht keimfähig, steril sind.
  6. Nur die Knabenkräuter, also wilde Orchideen, entwickeln von Natur aus keinen Nektar, locken jedoch Insekten zur Bestäubung mittels Täuschung von Sexualpartnern an.
  7. Samenfest ist eine Pflanzensorte dann, wenn aus ihrem Saatgut Pflanzen wachsen, die dieselben Eigenschaften und Gestalt haben, wie deren Elternpflanzen.


Zurück zu „Warum renaturieren?“ Zurück zu „Warum renaturieren?“        Hoch zum „Inhaltsverzeichnis“ Hoch zum „Inhaltsverzeichnis“         Vor zu „Grundwissen“ Vor zu „Grundwissen“