Mehr wilde Natur durch Gartenrenaturierung/ Warum renaturieren?

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Das Erbe

Wir Menschen stehen auf einer Entwicklungsstufe, die als höchst Besorgnis erregend gilt. Die Weltbevölkerung wächst, der Hunger auf der Welt will gestillt werden und die industrielle Landwirtschaft greift immer weiter um sich, intensiviert sich in vielen Bereichen. Effektivität, Ertragssteigerungen. Und der Platz wird langsam knapp. Das hat eine Geschichte – und Konsequenzen.

Überall dort, wo der Mensch seinen Fuß hinsetzt, und niemand kann sich davon ausschließen, wird alles natürlich Vorhandene aus dem Gleichgewicht gebracht, die Macht des Feuers durch Rodung, Versiegelung von Flächen, Bergbau, Umweltgifte, Ausrottung vieler Arten. Und Stoffe, die die Natur nicht oder nur schwer zersetzen und recyceln kann. Bereits seit 40.000 Jahren hinterläßt der Mensch seinen Fußabdruck auf dieser Erde, großflächig beginnend mit Brandrodung von Wald und Flur, um Wild besser jagbar zu machen. Später kamen Nutzholz, Holzverkohlung für Erzschmelze, neue Anbauflächen für Getreide, Tiermast, Wohnraum, Straßen etc. und die Verdichtung der Böden dazu. Flußbegradigungen und nicht zu vergessen die Entwässerung der effektivsten CO2-Speicher, die es auf Erden gibt: die Moore, Sümpfe und Feuchtwiesen. Aus Sicht der Natur nimmt der Mensch nur, belässt Weniges und gibt – außer Zerstörung – nichts.

Aus welchen Grund die Landbevölkerung stolz auf Flurbereinigungen ist, bleibt ein Rätsel:

„Die Flurbereinigung, die mit ihrer Gesetzesallmacht alles in den Schatten stellt, was der wirtschaftende Mensch je der Landschaft antat, heftete ganze Landstriche auf ihre Reißbretter und vergewaltigte die Natur […] mit dem Lineal."

"Ordnung gegen Natur", aus "Rettet die Vögel", zitiert und gekürzt nach "Das Horst Stern Lesebuch", München 1992, S. 126


Nun, aus welchen Gründen auch immer: Was geschehen ist, ist geschehen.

Mittlerweile hat sich ein Großteil der Menschheit mehr oder minder von der Natur entfernt: die Ausgrenzung aus der sogenannten Umwelt. Jede Menge martialischer Unwörter machen sich in unseren Köpfen breit: Unkraut, Ungeziefer, die Natur sei grausam, katastrophal, erbarmungslos, an extremen Orten gar drohend, lebensfeindlich usw. – in Wahrheit denken wir aber an Begriffe wie Beherrschung, Kontrolle, Wirtschaftlichkeit und lohnende Bodenschätze. Nicht jeder denkt so. Dennoch schreitet die Zerstörung, das Artensterben weiter voran. Die Evolution kann bereits mit der Entwicklung und Zerstörung des Menschen nicht mehr Schritt halten. Setzen Sie etwas dagegen: einen Naturgarten, eine Insel. Viele Inseln! Sprechen Sie mit Ihren Nachbarn.

Schwebfliege auf Habichtskraut

Der moderne Mensch bedenkt großteils schlicht den großen Kreislauf nicht, die komplizierten Verflechtungen, in der alles Leben ver- bzw. eingebunden ist. Obwohl in diesem Buch Begriffe wie Schädlinge, Nützlinge, Unkraut und Umwelt fallen, sollte man sich davon verabschieden. All diese menschengemachten Kategorien gibt es in der Natur nicht. Sie ist nur als Millionen Jahre altes Netzwerk aus Millionen verschiedener Arten von Lebewesen und weitaus längeren Lebenszyklen (Bäume, Schwämme z. B.) als dem unseren zu verstehen.

Der Mensch ist mittlerweile gedanken- und furchtlos – ohne Angst. Ein fataler Irrtum und destruktive Selbstüberschätzung wirkt in der Masse schlecht informierter und profitorientierter Menschen blind machend und zerstörerisch. Leider ist das so. Der Mensch hat eingegriffen in die natürliche Evolution, und bereits über 70 % der gesamten Landmasse dieses Planeten komplett umgewühlt und umgestaltet.


Nur ein Beispiel von Ursache und Wirkung:

Im Yellowstone-Park der USA beschäftigten sich Ranger und Wissenschaftler mit dem dramatischen Rückgang der Hirschpopulation (Wapitis). Alle möglichen Untersuchungen und Beobachtungen führten zu keinem Ergebnis. Bis ein Querdenker 2013 herausfand, das Angler durch die Ansiedlung eine fremden Forellenart, die Tiefwasser bevorzugt, die ansässigen Cutthroat-Forellen, die Flachgewässer bevorzugen, nahezu verdrängt hatten. Da Grizzlybären im Tiefwasser aber nicht jagen können, machten sie sich über die jungen Hirschkälber her. Ein einziger Eingriff mit komplexer Wirkung.

Prächtiger, schillernder Blattkäfer

Umdenken[Bearbeiten]

In der Natur gibt es kein Unkraut. Sie nutzt jede kleinste Ritze, um sie umgehend zu besetzen (sog. Pionier- bzw. Ruderalpflanzen). Jedes Kraut hat seine Berechtigung, jeder Wurm, jedes Insekt etc. entstand aus einer Urzelle, und alle Wesen, ob Pflanze oder Tier, stehen ebenbürtig auf dem aktuellen, angepassten Entwicklungsstand der Evolution. Sich die Erde untertan machen, die Erhebung über die Natur, bedeutet am Ende bewusste Selbstausrottung. Homo sapiens ist derzeit die größte Plage dieses Planeten. Jeder Eingriff in Flora und Fauna schafft folgeträchtig Ungleichgewichte und Konsequenzen.

„Die Fähigkeit eines Tieres, Schaden zu stiften, ist proportional zu seiner Intelligenz. Der Mensch hält auch hier die Spitze."

Zitat von Konrad Lorenz, * 7. November 1903, † 27. Februar 1989


Vielleicht ist es jemandem der älteren Leser aufgefallen: In den 1970er, 1980er Jahren musste man sich öfter um die Reinigung des Helmvisiers kümmern, bzw. die Frontscheibe des Autos säubern. Heutzutage ist das nicht mehr nötig, denn die Atmosphäre ist bereits nahezu insektenfrei. Wir haben es geschafft, die Insekten großflächig zu vernichten. Vor allem auf dem Land. In der Überzeugung, daß es eine Unmenge an Bauern gibt, die der industrialisierten Landwirtschaft gerne den Rücken kehren würde, wird weiter gesprüht: Herbizide, Insektizide, Fungizide, Düngemittel bzw. Gülle.

Selbst durch Lichtverschmutzung mit weißem Licht führt die Desorientierung nachtaktiver Insekten zur Erschöpfung, Störungen der Fortpflanzung bis zum Tod. Ein bestimmter Flugwinkel zum fernen Mond geleitet sie normalerweise durch die Nacht, aber eine Lampe veranlasst sie, ihren Kurs ständig zu korrigieren, und so taumeln sie in Spiralen oder Kreisen milliardenfach in die Todesfalle.

Es muß etwas geschehen.


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