Sei doch vernünftig: Leben ein Traum

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Das Leben ein Traum? Solipsismus in moderner Form


Metaphysisch, also wissenschaftlich unwiderlegbar, ist auch die Vorstellung, dass alles, was ich erlebe, vielleicht nur ein Traum ist (Solipsismus).

Vielleicht denkst du: Wer glaubt denn so etwas?

Tatsächlich gab es eine Reihe von hochangesehenen Biologen, Psychologen, Neurobiologen, die gegen Ende des 20. Jahrhunderts eine Variante dieser Theorie vertreten haben. Nur nennen sie es nicht 'Traum', sondern 'Konstruktion'. Das sind die Anhänger des sogenannten "radikalen Konstruktivismus", der unter anderem von Humberto Maturana begründet wurde.

Wissenschaftlich unwiderlegbar sind deren Theorien. Allerdings ist das Streben nach wissenschaftlicher Unwiderlegbarkeit keine besondere wissenschaftliche Leistung, sondern etwas, was man leicht bewerkstelligen kann. Denk nur an die Wetterberichte, wie man sie vor einiger Zeit noch öfter hören konnte: "Winde aus wechselnden Richtungen", "teils heiter, teils wolkig". Fast jede Beobachtung wird diese Theorien als richtig erweisen. Aber Nobelpreise gibt es für solche immerrichtigen Theorien nicht.

Man kann, wenn man will, das Leben als Traum ansehen, und jeder Gegenbeweis wird dann als nur geträumt angesehen.

Die meisten Menschen haben sich gegen diese Möglichkeit entschieden. Deswegen halten wir uns mit diesem Problem im Alltagsleben normalerweise nicht mehr auf.

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Aber wir wollen das Beispiel mal nehmen, um unser neues Können auszuprobieren. Wir haben gesagt, dass wir ab jetzt auch jede nichtwissenschaftliche Theorie prüfen können, auch wenn es keine Experimente und keine Beobachtungen gibt, mit denen sie widerlegt werden kann.


Wie widerlegt man solche wissenschaftlich unwiderlegbaren Theorien? Nach unserer Methode (siehe oben) ist zu fragen: Welches Problem soll gelöst werden? Ist es gut gelöst worden? Besser als durch jede Alternative?

Und damit es etwas amüsanter wird, lassen wir Friedrich Dürrenmatt, den Schweizer Dichter, dieses Problem lösen: Gibt es die Süddeutsche Zeitung oder gibt es sie nicht? Er löst es auf unsere Weise:

1. Theorie: Es gibt die Süddeutsche Zeitung (Realismus).
2. Theorie: Alles ist nur geträumt (Solipsismus).
  • Dürrenmatt: Es ist viel umständlicher, zu träumen, dass man liest, was in der Süddeutschen Zeitung steht, als es nur zu lesen. Denn dann muss man auch noch träumen, dass es eine nachprüfbare Wirklichkeit gibt; denn diese Vorstellung hat man ja, wenn man die Zeitung liest. Warum eine objektiv vorhandene Wirklichkeit erträumen, wenn man an die objektiv vorhandene Wirklichkeit nicht glaubt? Das ist ein Widerspruch, der nur zusätzliche Probleme schafft, ohne dass ein anderes Problem dadurch gelöst wird.
  • Und deshalb, weil der Solipsismus verglichen mit dem Realismus mehr Probleme schafft als er löst, muss man ihn vernünftigerweise ablehnen. (Siehe Friedrich Dürrenmatt, Versuche, Zürich (Diogenes) 1988, S. 107-112.)


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