Soziologische Klassiker/ Das soziologische Dorf/ Konflikttheorie

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Konflikt-Theorie[Bearbeiten]

Die Konfliktsoziologie als Teildisziplin der Soziologie beschäftigt sich mit den Konflikten der Gesellschaft, deren Interesse sich vor allem auf Regelungen zur Bewältigung eines Konflikts richtet. Konflikte werden zumeist als soziale Konflikte begriffen, die aus strukturell vorgegebenen Interessen, Wert- oder Erwartungsdiskrepanzen entstehen, d.h. sie entstehen aus Widersprüchen von Werten, Normen, Zielsetzungen, Erwartungen und Interessen.

Konflikte werden in der Fachliteratur häufig untergliedert in latente und manifeste Konflikte. Bei latenten Konflikten sind die Widersprüche zwar sozial-strukturell angelegt, aber dem Subjekt nicht bewusst und werden auch nicht im Handeln wirksam. Demgegenüber werden manifeste Konflikte im Handeln wirksam ausgelebt und Lösungsversuche unternommen. Einige Fachleute kritisieren diese Untergliederung, da sie den Konflikt als interaktiven Prozess begreifen. Diesem Aspekt zufolge gibt es keine latenten Konflikte, also keine unkommunizierten, unterbewussten und unwirksamen Konflikte. Konflikte sollen hier immer manifest sein. Eine weitere Untergliederung, die häufig zu finden ist, unterscheidet echte (institutionalisierte) und unechte (nicht-institutionalisierte) Konflikte. Bei echten Konflikten ist der Gegenstand der Auseinandersetzung sozialstrukturell vorgegeben, aber es gibt mehrere Möglichkeiten des Konfliktmanagements. Unechte Konflikte sind nicht an einen bestimmten Gegenstand gebunden, kennen aber meist nur eine begrenzte Zahl an Möglichkeiten zur Konfliktbewältigung. In der Gegenüberstellung sind echte Konflikte in ihren Zielen begrenzt und in ihren funktionalen Alternativen variabel, unechte Konflikte sind in ihren funktionalen Mitteln festgelegt, aber in ihrer Zielsetzung variabel.

Konflikte sind auf verschiedenen Ebenen verortet.

  • Auf der Mikroebene sind Konflikte zwischen Individuen zu betrachten.
  • Die Mesoebene umfasst Konflikte zwischen Gruppen.
  • Im Bereich der Makroebene werden Konflikte von Institutionen und Organisationen betrachtet. Damit sind sowohl Konflikte von Verbänden oder Unternehmen bis hin zu Konflikten auf Nationalitätenebene gemeint. Die meisten Konflikte werden sehr schnell nach ihrer Verbalisierung erfolgreich bearbeitet. Dennoch haben Konflikte die Tendenz, sich unkontrolliert zu entwickeln und letztlich zu eskalieren.

Zusammengefasst kann man sagen, dass Konflikte strukturell erzeugte, aus Widersprüchen von Normen, Werten, Interessen, Zielen und Erwartungen entstandene, soziale und kommunikative Prozesse der Gesellschaft im allgemeinen sind, die eine zeitliche und räumliche Gemeinsamkeit der Beteiligten nicht voraussetzen. Konflikte sind stets manifest und lassen sich in echte und unechte Konflikte unterteilen.

Naturhaftigkeit und biologische Determiniertheit[Bearbeiten]

Der Konfliktbegriff taucht in der Gesellschaft genau dort auf, wo es an Ordnung fehlt bzw. wo es bewusst wird, dass die Gesellschaft ihre Ordnung selbst herstellen muss. Soziale Ordnung wird seit Ende des Mittelalters und mit Beginn der Aufklärung zum Projekt der Moderne, da die Gesellschaft nicht mehr auf religiöse oder natürliche Ordnung zurückgreifen kann.

Im 16./17. Jahrhundert nehmen vor allem die auf der Natur des Menschen begründeten Theorien das Ordnungsproblem auf, welche zumeist an einen ‚Gesellschaftsvertrag’ gekoppelt sind. Namentlich verbinden wir diese Theorien mit Jean Jaques Rousseau, John Locke und allen voran Thomas Hobbes. (Siehe auch: Ahnengalerie)
Für Thomas Hobbes liegt die Ursache des sozialen Konflikts in dem von Natur aus destruktiven Miteinander der Menschen selbst. Diese Annahme führt Hobbes konsequenterweise zu der Überlegung eines „Kampf[es] aller gegen alle“, aufgrund dessen eine Herrschaftsordnung hergestellt werden muss, welche die Triebe kanalisiert und somit abmildert.

Auch in der modernen Theorielandschaft gibt es Theorien, die im weitesten Sinne auf den Naturzustand bzw. den biologischen Grundmustern der Evolution aufbauen. Die Grundüberlegung der Soziobiologie beruht auf der Überzeugung, dass animalisches Verhalten auf menschliches Sozialverhalten übertragbar ist. Gestützt durch evolutionstheoretische Befunde seitens Darwin ist der zugrunde liegende Mechanismus im Selektionsprinzip zu finden, welcher an den Genen eines jeden Individuums festgemacht werden kann.
In dieser Perspektive wird dem Menschen soziales Handeln abgesprochen, denn nur die Gene bestimmen das Verhalten.

Gesellschaftstheorie[Bearbeiten]

Im Gegensatz dazu gehen gesellschaftstheoretische Überlegungen auf die Strukturen und die Werte der Gesellschaft als Ganzes ein.

Karl Marx (1818-1883) machte sich Gedanken darüber, welche Kräfte den sozialen Wandel hervorrufen: Ökonomischer Vorteil führt zu Konflikten, die wiederum führen zu sozialem Wandel: Konflikt als Motor des sozialen Wandels. Bestimmt das Sein wirklich das Bewusstsein? Oder bestimmen wir nicht auch durch das Bewusstsein das Sein? Nach Karl Marx beruhen Konflikte auf grundsätzlichen Interessensgegensätzen zwischen sozialen Klassen, welche sich in einem ständigen Klassenkampf äußern. Der Konflikt ist somit ein notwendiger Schritt in eine klassenlose Gesellschaft, in der das Eigentum an Produktionsmitteln aufgehoben ist. [1]

Konflikttheorie Ralf Dahrendorf[Bearbeiten]

Eine bedeutende moderne Theorie, die im Anschluss (und gleichzeitig in Kontrast) zum Marx’schen Ansatz steht, ist die Konflikttheorie von Ralf Dahrendorf (*1929) Nicht das Eigentum an Produktionsmitteln ist der allgemeine Grund der Konflikte, sondern die Herrschaft, die immer die an ihr teilhabende Minderheit mit der ausgeschlossenen Mehrheit konfrontiert. Nach Dahrendorf ist die Gesellschaft nicht durch Konsens zusammengehalten, sondern basiert auf Zwang. Insofern ist seine Konflikttheorie auch eine Theorie der ungleichen Verteilung von Macht und eines Antagonismus zwischen Gesellschaft und Individuum. Ungleichgewichtig sind aber auch die Weltanschauungen und die kulturellen Werte in einer Gesellschaft. Das Prinzip des Sozialen ist deshalb der Konflikt, nicht das zeitlos Gültige. (Dahrendorf empfand die Gesellschaft als „ärgerliche Tatsache“) Dahrendorf hält Konflikt für den Motor einer notwendigen Entwicklung von Gesellschaft. Konflikt ist demnach unvermeidlich und ist nur durch Konfliktregelung beizukommen. Ralf Dahrendorf geht von sozialen Positionen aus, die in einer Gesellschaft existieren und zu jeder sozialen Position gehört eine soziale Rolle; dieses Begriffspaar bezeichnet den Homo Sociologicus, den Menschen der Soziologie als Rollenträger. [2]

Gesellschaftstheoretische Überlegungen zum Konflikt finden sich in der ‚verstehenden Soziologie’ von Max Weber (1864-1920). Für Weber führt die Auflösung allgemein verbindlicher Handlungsorientierungen im Zuge der Rationalisierung von Weltbildern zu einem Wertepluralismus, der keine gesellschaftliche Hierarchie mehr zulässt. Somit kommt es in der Moderne, neben einen für sie typischen Sinnverlust, zwangsläufig zu Konflikten zwischen verschiedenen Werten. Konflikte stellen in dieser Perspektive daher auch Freiheit her.

Besonders hervorheben ist die, zunächst von Talcott Parsons (1902-1979) entwickelte, dann von Niklas Luhmann (1927-1998) völlig neu entfaltete Systemtheorie.

Systemtheorie[Bearbeiten]

Luhmann beschreibt den Konflikt als soziales System. Konflikte treten immer dann auf, wenn in der Kommunikation widersprochen wird. Ein Konflikt ist also ein in der Anschlusskommunikation kommuniziertes ‚nein’ zur vorherigen Kommunikation, d.h. allein die Äußerung der Ablehnung ist ein Konflikt. Damit wird der Konflikt aber eher als ein alltägliches zufälliges Ereignis beschrieben und Situationen mit strukturell hohem wiederkehrendem Konfliktpotenzial negiert bzw. nicht thematisiert. Vorteile der systemtheoretischen Sicht liegen vor allem darin, dass keine ‚negativen’ oder ‚positiven’ Konflikte unterschieden werden müssen, das Verhältnis der Konflikte zum „gastgebenden System“ ersichtlich wird, und dass keine Ausschließung umgangssprachlich als Konflikte bezeichneter Auseinandersetzungen vorgenommen werden muss. Über diese komplexe theoretische Herangehensweise hinaus gibt es außerdem noch weitere Theorien, die sich im Sinne einer von der Struktur bzw. Werte der Gesellschaft orientierten Perspektive zum Thema Konflikt thematisieren lassen. Zum einen können beispielsweise aus der geschlechtsspezifischen Ungleichverteilung, wie es die feministische Theorie als Grundlage nimmt, Konflikte entstehen. Zum anderen können ungleich verteilte Lebenschancen, wie es Bourdieu mittels der Differenzierung nach den Kapitalsorten veranschaulicht, mögliche Ursachen sozialer Konflikte sein.

Interaktionismus und Akteurstheorie[Bearbeiten]

Die interaktionistische bzw. akteurstheoretische Perspektive geht nicht von den gesellschaftlichen Strukturen aus, sondern schließt aus der anderen Richtung, d.h. von den Akteuren bzw. den sozialen Beziehungen, auf die ‚Gesellschaft’ an sich. Als soziologischer Klassiker einer solchen akteurstheoretischen Perspektive gilt Georg Simmel (1858-1917). Er sah den Konflikt als entscheidenden Faktor zur Integration der Menschen in Gruppen. Der Konflikt, so Simmel, gefährdet nicht die Gesellschaft, sondern er ist eine Form der Vergesellschaftung. Georg Simmel versteht Gesellschaft als Vielzahl ineinander verflochtene Wechselwirkungsbereiche. Aufgrund dieser Interdependenzen ist ein ständiges Konfliktpotential gegeben. Konflikten wird dabei eine vergesellschaftende Funktion zugeschrieben. Innerhalb einer Gruppe wirken Konflikte integrierend. Man spricht in diesen Fällen auch von Prozessen der Gruppenkohäsion. Konflikte stabilisieren Gruppen (oder Systeme) auch über die Abgrenzung von anderen Gruppen. Konflikte stellen durch den Widerspruch in grundlegenden Normen, Werten, etc. die bis daher bestehende Ordnung zur Disposition. Die bestehenden Strukturen, zu denen die Werte, Normen und Interessen gehören, werden in Konflikten verhandelt, diskutiert und gegenübergestellt und haben so gesehen eine ordnende Funktion.

In der modernen Soziologie hat Lewis A. Coser (1913-2003) in Anlehnung an Georg Simmel den Konflikt als Bedingung für den sozialen Wandel beschrieben und ihm eine sozialisierende Funktion zugeschrieben: Konflikte führen zu einer Anpassung bzw. Neuschaffung sozialer Normen und Regeln, dadurch entstehen neue soziale Strukturen, und im Konfliktgeschehen werden sich die Beteiligten dieser Regeln bewusst.

1956 veröffentlichte Lewis A. Coser sein Werk über die Konflikttheorie „The Functions of Social Conflict“ (beeinflusst durch Karl Marx, Max Weber, Emile Durkheim, Georg Simmel, Sigmund Freud, M. Scheler) und vollendete damit das in der amerikanischen Soziologie bereits oft diskutierte Thema über den Sinn des Konflikts. Im Gegensatz zu Dahrendorf, der den Konflikt als Ausübung der Macht formulierte, stellte Coser Theorien über einen sozialen Konflikt auf. Coser übernahm Georg Simmels Theorien, die jener 1908 unter dem Titel „Der Streit“ publizierte, und versuchte damit, zu einer positiveren Ansicht des Konflikts zu kommen. Er kritisierte in seinem Buch Talcott Parsons Theorien, die den Konflikt als eine „Krankheit“ darstellen und allein dysfunktionale und desintegrative Wirkungen aufzeigen. Für Coser hatte der Konflikt eine integrative Funktion für Gruppen und die Gesamtgesellschaft. Konflikt trug für ihn zur Gruppenbildung und zum Gruppenerhalt bei.

Spieltheorie[Bearbeiten]

Darüber hinaus gibt es weitere akteurstheoretische Überlegungen bezüglich des Konflikts: Innerhalb der soziologischen Theorien (Mead, Goffman, Esser u.a.) selbst, sowie im Rahmen der (Sozial)psychologie und der Ökonomie lassen sich zahlreiche akteurstheoretische Ansätze finden. Beispielsweise die Spieltheorie, welche eine Verbindung ökonomischer und soziologischer Überlegungen darstellen kann. Obwohl eher in der (Mikro)Ökonomie verankert, stellt die Spieltheorie eine Erweiterung der soziologischen Theorie rationaler Entscheidungen dar. Eine Besonderheit von Konflikten, welche auch unter die akteurstheoretische Perspektive fällt, stellt die Eskalationstendenz von Konflikten dar. Einmal wahrgenommen können sich Konflikte schnell hochschaukeln, bis dahin, dass die Ursache des Konflikts nicht mehr dominant ist, sondern nur der Konflikt selbst.

Die Rolle des Dritten im Konflikt[Bearbeiten]

Schon Georg Simmel (1908) benennt Dritte als Profiteure eines Konflikts: "der lachende Dritte" oder auch derjenige, der zum eigenen Vorteil nach dem Grundsatz "divide et impera" (teile und herrsche) den Konflikt stabilisiert. Ferner erwähnt er den Vermittler mit katalytischer Funktion, der eine konfliktäre Struktur zusammenhält (z.B. ein Kind in einem zerrütteten Verhältnis der Eltern), Daneben gibt es "Unparteiische Dritte": Der Dritte tritt hierbei als Richter, Mediator oder Schlichter auf. Die verschiedenen Rollen sind jeweils mit Handlungserwartungen und Sinnzuschreibungen verbunden, die den Dritten in den Konflikt integrieren. Der Dritte vermittelt durch seine Überparteilichkeit zwischen den Konfliktparteien. Die Konfliktparteien ihrerseits können ihm so Machtressourcen übertragen und damit einen Teil ihrer Verantwortung abgeben, ohne in ihren Handlungskompetenzen eingeschränkt zu werden. Der Konflikt wird über eine indirekte Beziehung über den Dritten ausgetragen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Abels, Heinz (2005):
    "Einführung in die Soziologie. Band 2: Die Individuen in ihrer Gesellschaft (Kapitel 3.3). 2. Auflage"
    Wiesbaden
  • Gabriel, Manfred (2006):
    "Geschichte der Soziologie.Vorlesung WS 2006/07. Paris-Lodron-Universität, Salzburg"
    Salzburg
  • Kreuser, Karl (2012):
    "Konfliktkompetenz. Eine strukturtheoretische Betrachtung"
    Wiesbaden

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. vgl. Gabriel
  2. vgl. Abels. S. 132f