Soziologische Klassiker/ Strauss, Anselm

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Grundstruktur des Kapitels:

Biographie in Daten[Bearbeiten]

Anselm L. Strauss

  • geboren am 18. Dezember 1916 in New York City
  • gestorben am 5. September 1996 in San Francisco


Ehefrau: Fran Strauss, engagierte Bürgerrechtlerin (Civil rights group)
Vater: High School Lehrer
Mutter: Hausfrau


1916: am 18. Dezember in der Bronx (New York) geboren (bereits als Kind starke Atemprobleme)
1939: Studium der Medizin/Biologie an der Univ. of Virginia (im 5 Sem. abgebrochen)
1942: Studium der Soziologie an der Univ. of Chicago unter Robert E. Park und später Herbert Blumer (Symbolischer Interaktionismus)
1944-47: Dozent an einem kleinen College in Wisconsin
1945: Promotion im Fach Philosophie an der Univ. of Chicago
1946-52: Lehrbeauftragter an der Univ. of Indiana
1952-58: Ass.-Prof. an der Univ. of Chicago
1958-60: Forschungsdirektor am psychosomatischen und psychotherapeutischen Institut am Michael Reese Klinikum in Chicago
1960: Mitgründer des Instituts für Sozial- und Verhaltenswissenschaften an der Univ. of California
1962+1970: Beraterfunktion in der WHO
1964: Mitglied im Herausgebergremium der Fachzeitschrift Society
1967: Entwicklung des bedeutendsten Werkes, der „grounded theory“ in Zusammenarbeit mit Barney Glaser
1977: Direktor am George Herbert Mead Archiv, Universität Konstanz
1980: Ernanntes Mitglied der Amerikanischen Gesellschaft für Wissenschaftsförderung
1981: Auszeichnung mit dem Charles H. Cooley Award
1985: Auszeichnung mit dem George H. Mead Award
1987: Prof. emerit.
1996: am 05. September in San Francisco an einem Herzinfarkt gestorben (litt seit 1970 an Herzbeschwerden)


Internationale Einladungen zu Gastvorträgen:

1955-56: Univ. Frankfurt a. M., Deutschland
1970: Univ. of Cambridge, England
1972: Univ. of Manchester, England
1974: Univ. Paris, Frankreich
1976: Univ. Konstanz, Deutschland
1980: Univ. of Adelaide, Australien

Historischer Kontext[Bearbeiten]

In den Jahren 1940-44 wurden die meisten Studienkollegen in den Krieg eingezogen - Strauss wurde jedoch aufgrund seiner schlechten Gesundheit nie gemustert und konnte somit weitere Forschungen anstellen und seine Doktorarbeit verfassen.


Theoriegeschichtlicher Kontext[Bearbeiten]

Während der Studienzeit wurde Strauss von Robert Ezra Park an der Universität von Chicago unterrichtet. Dadurch kam Strauss zum ersten Mal mit der Chicagoer Feldforschung sowie mit der bedeutenden Monographie von William Thomas und Florian Znaniecki „The Polish Peasant in Europe and America“ in Kontakt und lernte somit, wie Forschung empirisch verankert sein kann.

Aus dieser Zeit stammt auch die Bekanntschaft mit der Philosophie des Pragmatismus und mit John Dewey, der 1896 in einem Artikel die Reiz-Reaktions-Psychologie scharf kritisiert. Auch diese Erfahrung übte enormen Einfluss auf das zukünftige Denken von Strauss aus.

Zum wichtigsten „Weichensteller“ wurde der Interaktionist Herbert Blumer und der damit verbundene Symbolische Interaktionismus. Blumer machte Strauss zudem mit dem Werk „Mind, Self and Society“ (1934) von George Herbert Mead vertraut. Unter Blumer und später unter Ernest Burgess verfasste Strauss seine Doktorarbeit.

In den Jahren 1944-47, an der Indiana University von Wisconsin, war die Begegnung mit Alfred Lindesmith (Opiatabhängigkeit) für seine weitere Biografie von Bedeutung.

Als Assistant Professor 1952 an der University von Chicago übernahm Strauss das Sozialpsychologieseminar von Blumer, welcher nach Berkley wechselte. Der Unikollege Everett Hughes brachte Strauss auf die Bedeutung von Organisation und Struktur und war somit ausschlaggebend für das spätere Interesse Strauss’ an den unterschiedlichen Formen von Arbeit.


Werke[Bearbeiten]

  • Awareness of Dying, 1965
  • Basics of Qualitative Research. Grounded Theory Procedures and Techniques, 1990
  • Boys in White, 1961
  • Careers, Personality and Adult Socialization - American Journal of Sociology, 1956
  • Chronic Illness - Society, 1973
  • Chronic Illnesses and the Quality of Life, 1975
  • Continual Permutations of Action, 1993
  • Identity, Biography, History and Symbolic Representations, 1995
  • Images of the American City, 1961
  • Medical Ghettoes, Trans-action, 1967
  • Medical Organizations, Medical Care and Lower Income Groups. Social Science and Medicine, 1969
  • Mirrors and Masks - The Search for Identity, 1959
  • Negotiations: Varieties, Processes, Contexts and Social Order, 1978
  • Pain. An Organizational-Work-Interactional Perspective, Nursing Outlooks, 1974
  • Professions in Process - American Journal of Sociology, 1961
  • Professions, Work and Careers, 1971
  • Psychiatric Ideologies and Institutions, 1964
  • Qualitative Analysis for Social Scientists, 1987
  • Shaping a New Health Care System, 1988
  • Social Class and Modes of Communication - American Journal of Sociology, 1955
  • Social Psychology, 1949/70
  • Some Neglected Problems of Status Passage, 1968
  • Status Passage, 1971
  • The Discovery of Grounded Theory. Strategies for Qualitative Research, 1967
  • The Politics of Pain Management, 1977
  • The Professional Scientist, 1962
  • The Purpose and Credibility of Qualitative Research, Nursing Research, 1966
  • The Social Organization of Medical Work, 1985
  • Unending Work and Care: Managing Chronic Illness at Home (Jossey Bass Social and Behavioral Science Series), 1988


Das Werk in Themen und Thesen[Bearbeiten]

Vor allem in den 60er Jahren hatte Strauss mit seinen Studien zu Tod und Sterben die Sozialpsychologie und Medizinsoziologie wesentlich beeinflusst. In Zusammenarbeit mit Barney Glaser entwickelte Strauss den sozialwissenschaftlichen Forschungsansatz der Grounded Theory. Die zu Deutsch „gegenstandsverankerte Theoriebildung“ ist eine systemische Auswertungsmethode qualitativer Daten mit dem Ziel der Theoriengenerierung. Im Kern ist die Grounded Theory kein einzelnes Vorgehen, sondern eine Methodologie und ein Stil, analytisch über soziale Phänomene nachzudenken.


Anselm Strauss verweist auf drei wesentliche Grundelemente seiner Theorie:

  • Kodierungsart - Das Kodieren dient einerseits der Klassifikation und Beschreibung von Phänomenen, andererseits werden theoretische Konzepte gebildet, die einen Erklärungswert für das untersuchte Phänomen darstellen -> Kontinuierliche Verifikation
  • Theoretisches Sampling - Wichtigkeit, dass die Datenauswertung und Hypothesenformulierung unmittelbar erfolgen soll
  • Die theoretischen Konzepte „erwachsen“ aus den Vergleichen zwischen Phänomen und Kontext


In Anlehnung an den Symbolischen Interaktionismus (Herbert Blumer) zielt die Grounded Theory auf eine Entwicklung einer „realitätsnahen“ Methodologie, d. h. im Vordergrund steht die Annäherung von theoretischer und empirischer Forschung.


Unterschiedliche Entwicklung nach Glaser - Strauss:

In den 70er Jahren hat sich die Grounded Theory in zwei unterschiedliche Richtungen (weiter-)entwickelt. Barney Glaser vertraut stärker in die Emergenz von Theorien aus Daten, wenn diese ausreichend analysiert werden. Strauss greift verstärkt den Gedanken von wissenschaftlicher Überprüf- und Nachvollziehbarkeit auf.


Rezeption und Wirkung[Bearbeiten]

Die qualitative Forschung im Sinne der Grounded Theory ist aus den klassischen Sozialwissenschaften wie Soziologie, Psychologie, Pädagogik und Politikwissenschaften heute nicht mehr wegzudenken. Ebenso findet man dieses methodische Vorgehen in der Gesundheits-, Technik- und Umweltforschung weit verbreitet.

Mit seinen beiden Schülern Rue Bucher und Leonard Schatzmann hatte Strauss 1961 die bekannte Feldstudie Psychiatries’ Ideologies and Institutions veröffentlicht, welche noch heute für die Medizinsoziologie von großer Bedeutung ist.

Literatur[Bearbeiten]

  • Kaesler, Dirk (1999):
  • "Klassiker der Soziologie 2. Von Talcott Parsons bis Pierre Bourdieu"
    München
  • Kromrey, Helmut (2002):
    "Empirische Sozialforschung"
    Opladen
  • Strübing, Jörg (2007):
    "Anselm Strauss"
    Konstanz
  • Hildenbrand, Astrid [Hrsg.] (1991):
    "Strauss, Anselm. Grundlagen qualitativer Sozialforschung"
    München

Internetquellen[Bearbeiten]